Historische und politische Ereignisse führten dazu, dass bis heute Machtpositionen meist abgelehnt werden. Die neulich bekannt gewordenen sexuellen Übergriffe in der Filmbranche, aber auch die zahlreichen sexuellen Übergriffe in sozialen Institutionen durch einflussreichere Personen, verstärkten diese Ablehnung, führten aber gleichzeitig dazu, dass das Thema Macht zunehmend wieder in das Zentrum der Gesellschaft gerückt wurde. Einhergehend mit diesen öffentlichen Skandalen tauchte auch die Frage nach den Machtpositionen in sozialen Settings auf und die Frage nach dessen Gestaltung zum Schutze der Unterworfenen. Doch in sozialen Settings wird das Thema Macht meist ignoriert und als nicht vorhanden ausgeschildert.
Dies führt zu der Notwendigkeit sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob Machtpositionen in Beratungssettings stets abzulehnen sind. Um einen ausreichenden Überblick über das Themengebiet zu erhalten, soll sich dem Thema auf zwei Dimensionen angenähert werden. Eine wichtige Dimension stellt dabei die theoretische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Macht dar. Die andere Dimension soll dem Ziel einer praktischen Auseinandersetzung dienen. Um diesem Vorgehen gerecht zu werden, wird sich im nachfolgenden Kapitel (Kapitel 2) mit dem Phänomen Macht beschäftigt. Zur Einführung in das Thema erfolgt eine begriffliche Auseinandersetzung mit dem Terminus Macht, wobei der Frage nachgegangen werden soll, ob Macht tatsächlich als etwas durchweg Negatives beschrieben werden kann.
Anschließend folgt eine begriffliche Abgrenzung zu den Termini Gewalt und Herrschaft. Hierbei sollen mögliche Verbindungslinien zum Begriff Macht hergestellt werden, um eine mögliche Übertragung von negativen Bestimmungen aufzuzeigen. Des Weiteren scheint eine Auseinandersetzung, im Hinblick auf das nachfolgende Kapitel, mit der Machtkonzeption von Niklas Luhmann unvermeidlich. Dieser setzte sich insbesondere mit der Macht auf der interaktionistischen und organisatorischen Ebene auseinander. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit einer eher praxisorientierten Ebene. Dazu sollen zunächst die Verbindungslinien zwischen Beratung, Macht und Sozialer Arbeit aufgezeigt werden.
Anschließend wird im Hinblick auf vorhandene Machtpositionen in konkreten Beratungsprozessen eine ausführliche Auseinandersetzung erfolgen. Dabei soll nicht nur die interaktionistische Ebene betrachtet werden, sondern auch das Verhältnis von Macht in der Beziehung des Beraters und seiner Organisation.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Phänomen Macht
2.1 Eine begriffliche Auseinandersetzung mit dem Begriff Macht
2.2 Macht, Gewalt, Herrschaft – Eine Abgrenzung
2.3 Macht nach Niklas Luhmann
3. Macht in Beratungsprozessen – Das braucht man nicht?!
3.1 Beratung, Soziale Arbeit, Macht und ihre Verbindungslinien
3.2 Macht in Beratungskonstellationen
3.3 Empowerment als Chance gegen die Macht?!
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die Rolle und das Phänomen von Macht innerhalb von Beratungsprozessen in der Sozialen Arbeit, mit dem Ziel zu klären, ob Machtpositionen in diesem Kontext grundsätzlich abzulehnen sind oder konstruktiv gestaltet werden können.
- Theoretische Grundlagen und Begriffsbestimmungen von Macht, Gewalt und Herrschaft
- Analyse der Machtkonzeption nach Niklas Luhmann im Hinblick auf soziale Systeme und Organisationen
- Untersuchung von Machtdynamiken und Asymmetrien in professionellen Beratungskonstellationen
- Diskussion von Empowerment als Strategie zur Gestaltung und zum Umgang mit Machtgefällen
- Reflexion des Spannungsfeldes zwischen sozialer Kontrolle und Unterstützung in der Sozialen Arbeit
Auszug aus dem Buch
3.2 Macht in Beratungskonstellationen
Professionelle Beratungskonstellationen beinhalten immer Beziehungen, welche sich durch komplementäre Interaktionen auszeichnen. Komplementäre Interaktionen beschreibt unter anderen der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick „als „unterschiedliches“ bzw. „sich ergänzendes“ Verhalten […]“ (Watzlawick u.a., 1969 zit. n. König 2007, S.40). In einer komplementären Interaktion gibt es immer eine dominante Rolle, die des/der Machthabers/Machthaberin, und eine unterlegene Rolle, die des/der Machtunterworfenen (König, 2007).
Festzuhalten ist, dass solche Machtpositionen ihren Bestand behalten, auch wenn Beratungsangebote freiwillig in Anspruch genommen werden (Huxoll, & Kotthaus, 2012). Darüber hinaus sind Machtpositionen für professionelle Beratungskonstellationen, neben Vertrauen, ein wichtiger Bestandteil für beide Parteien. Wenn Vertrauen oder Macht nicht vorherrschen würden, würde die Beziehung Gefahr laufen in Unterdrückung, Beliebigkeit oder Ausweglosigkeit zu münden (Plog, 2002).
Doch wo genau spiegeln sich solche Machtpositionen auf der interaktionistischen Ebene wieder?
In professionellen Beratungskonstellationen gibt es zum einen eine Person, welche eine rechtlich legitimierte Macht besitzt (hier: der/die Berater/in, durch das Angebot der Dienstleistung). Zum anderen wird die andere Person dieser Konstellation als in ihrer Macht eingeschränkt gesehen (hier: der/die Klient/in) (Swiderek, 2012).
Klienten/innen, die ein Beratungsangebot freiwillig in Anspruch nehmen, beschreiben häufig ein Gefühl der Machtlosigkeit, da sie sich nicht mehr in der Lage fühlen ihre Probleme des alltäglichen Lebens eigenständig zu lösen (Herwig-Lempp, 2007). Das heißt, dass bereits die Rolle als Klient/in in einem Beratungsgespräch dazu führt, dass die komplementäre Rolle des/der Beraters/Beraterin an Macht gewinnt (Nestermann, & Sickendiek, 2002).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische und gesellschaftliche Relevanz des Themas Macht und definiert das zweidimensionale Vorgehen der Arbeit – eine theoretische und eine praktische Auseinandersetzung.
2. Das Phänomen Macht: In diesem Kapitel werden grundlegende Begriffsbestimmungen von Macht, Gewalt und Herrschaft vorgenommen sowie das spezifische Machtkonzept von Niklas Luhmann analysiert.
3. Macht in Beratungsprozessen – Das braucht man nicht?!: Dieses Kapitel betrachtet die praxisorientierte Ebene, insbesondere die Machtdynamiken und asymmetrischen Beziehungen in Beratungsprozessen sowie das Potenzial von Empowerment-Konzepten.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Machtpositionen in Beratungsprozessen unvermeidbar sind, weshalb eine kritische Reflexion und der Einsatz von Empowerment essenziell sind.
Schlüsselwörter
Macht, Beratungsprozess, Soziale Arbeit, Empowerment, Machtmissbrauch, Interaktion, Asymmetrie, Herrschaft, Gewalt, Luhmann, Systemtheorie, Organisationsmacht, Kontrolle, Reflexion, Machtgefälle
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit im Kern?
Die Arbeit setzt sich kritisch mit dem Phänomen Macht in professionellen Beratungsprozessen der Sozialen Arbeit auseinander und hinterfragt, ob diese Positionen stets negativ zu bewerten und abzulehnen sind.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der theoretischen Definition von Macht im Abgleich mit Gewalt und Herrschaft, der systemtheoretischen Betrachtung nach Niklas Luhmann sowie der praktischen Anwendung von Macht in Beratungskonstellationen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, ein Verständnis für Machtstrukturen in der Beratung zu entwickeln, um zu prüfen, ob Macht unvermeidbar ist und wie Fachkräfte konstruktiv mit dieser Verantwortung umgehen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturarbeit, die verschiedene soziologische und psychologische Machtkonzepte sowie aktuelle Ansätze der Beratungspraxis analysiert und reflektiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen (Machtdefinitionen, Luhmanns Systemtheorie) und anschließend die praxisorientierte Ebene (Macht in Beratung, Empowerment-Konzepte, Verhältnis zur Organisation) intensiv diskutiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Macht, Empowerment, Beratungskonstellation, asymmetrische Interaktion und systemtheoretische Machtkonzeption.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen Macht und Gewalt?
Unter Rückgriff auf Hannah Arendt werden Macht und Gewalt als Gegensätze betrachtet; während Macht eine soziale Beziehung voraussetzt, dient Gewalt instrumentell zur Durchsetzung von Zielen, wenn Macht verloren zu gehen droht.
Was bedeutet Empowerment im Kontext dieser Arbeit?
Empowerment wird als Chance verstanden, Machtgefälle zu verringern, indem die Autonomie des Klienten gestärkt und eine Übertragung von Macht des Beraters auf den Klienten angestrebt wird, um die problematische Lebenssituation selbstständig zu lösen.
Warum spielt die Organisation in Beratungsprozessen eine Rolle für die Machtfrage?
Organisationen prägen durch Hierarchien und ökonomische Vorgaben die Handlungsspielräume der Berater, was häufig zu Ohnmachtsgefühlen bei Fachkräften führt und die Beratungssituation durch strukturelle Einflüsse zusätzlich verkompliziert.
- Arbeit zitieren
- Jaqueline Miebach (Autor:in), 2018, Eine kritische Auseinandersetzung mit Machtpositionen in Beratungsprozessen und ihrem möglichen Umgang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/432648