Jeder Mensch wird geboren. Diese trivial anmutende Feststellung begründet eine fundamentale Erkenntnis für die Geschichtswissenschaft – Geburten sind unveränderliche Konstanten der Menschheitsgeschichte. Diese Zeitlosigkeit des natürlichen Ereignisses begründet aber zugleich seine Geschichtsabhängigkeit – Geburten finden in sozialen, medizinischen, persönlichen, politischen, wirtschaftlichen Kontexten statt, die historisch wandelbar sind.
In dieser Arbeit soll gezeigt werden, dass eben dieser sich verändernde Kontext auch das Ereignis der Geburt nicht unberührt lässt. Eine Geburt im 17. Jahrhundert ist etwas anderes als eine Geburt im 18. Jahrhundert, die sich wiederum fundamental von einer Geburt im 20. Jahrhundert unterscheidet. Und dies bezieht sich nicht nur auf die anwesenden Personen, die verwendeten Instrumente oder die Räumlichkeiten, in der die Geburt stattfindet. Auch die Bedeutung einer Geburt, die Idee der Geburt verändert sich mit dem historischen Kontext. Nach eben dieser Bedeutung der Geburt und ihrer historischen Wandelbarkeit fragt die vorliegende Arbeit. Verglichen werden soll die Vorstellung einer Geburt zum Ende des 17. Jahrhunderts mit der Vorstellung zum Ende des 18. Jahrhunderts. In dieser Zeit – so hat die Forschung bereits herausgearbeitet – spielten sich grundlegende Veränderungen vor allem im Bereich der Geburtshilfe ab, die – so soll gezeigt werden – die Bedeutung des Geburtsereignisses nachhaltig veränderten.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Forschungsstand
1.1 Medizinischer Fortschritt
1.2 „Medikalisierung“
1.2.1 Die Institutionalisierung der Geburtshilfe
1.2.2 Die Einrichtung von Accouchierhäusern
1.3 Männliche Geburtshilfe – die Verdrängung der Hebammen?
2. Fragestellung und Quellenauswahl
3. Analyse
3.1 Die Selbstsicht der Geburtshelfer
3.2 Der Diskurs über die Praxis der Geburtshilfe
3.3 Was ist die Geburt?
4. Fazit: Die Vermessung der Geburt
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den historischen Wandel der Bedeutung des Geburtsereignisses vom Ende des 17. zum Ende des 18. Jahrhunderts, indem sie die Perspektiven einer Hebamme jener Zeit mit den Schriften eines ärztlichen Geburtshelfers des 18. Jahrhunderts vergleicht und die zunehmende wissenschaftliche „Vermessung“ und Medikalisierung der Geburt analysiert.
- Historischer Vergleich zwischen traditioneller und akademisch-geprägter Geburtshilfe
- Die Entwicklung der „Medikalisierung“ im 18. Jahrhundert
- Veränderung der Rolle und Selbstsicht der Geburtshelfer
- Institutionelle Einflüsse durch die Entstehung von Accouchierhäusern
- Einfluss der Instrumentalisierung auf das Geburtsereignis
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Selbstsicht der Geburtshelfer
Justina Siegemund macht recht umfangreiche Angaben zu ihren persönlichen Eigenschaften und ihrem Werdegang, aus denen ihre Selbstsicht rekonstruiert werden kann. Insbesondere schildert sie ersten Teil des „Vorberichts“ auf insgesamt 15 Seiten ihren eigenen Lebensweg. Siegemund beginnt mit einer Rechtfertigung: dass sie „selbst zwar kein Kind getragen“ habe, wird bereits auf der zweiten Seite der Vorrede erwähnt; deswegen müsse sie dem „Vorwurff […] begegnen“, ihr „Unterricht habe keinen Grund“. Es folgt eine ausführliche Begründung, wieso eine Frau ohne eigene Gebärerfahrung, durch „fleisiges Nachsinnen und vieler Jahre Ubung“ dennoch Hebamme werden könne.
Der Hinweis auf „alberne Reden der Eigensinnigen“, die diesbezüglich unbelehrbar seien, zeigt, dass es gegen eine Hebamme ohne Gebärerfahrung tatsächlich starke Vorbehalte gegeben haben muss. Man kann daraus schließen, dass die persönliche Erfahrung üblicherweise tatsächlich als Grundvoraussetzung für die Hebammentätigkeit galt. Es ist in der Forschung bereits darauf hingewiesen worden, dass mangelnde Gebärerfahrung bei Hebammen tatsächlich außergewöhnlich war.
Wie konnte die Hebamme Justina Siegemund diesen Mangel kompensieren? In ihrem Anleitungsbuch steht hier in erster Linie der Bezug auf eine göttliche Berufung zur Hebammentätigkeit. Diese Berufung steht sowohl am Beginn der Schilderung ihres Lebensweges („So kann ich nicht anders, als GOtt die Ehre zu geben, der mich wunderbahrlich darzu beruffen“), als auch an dessen Ende („GOtt hat mich darzu beruffen/dem sey auch Lob und Dank gesaget“) - gleichsam als einbettender Rahmen. Der Lebensweg ist damit religiös stilisiert – noch dadurch verdeutlicht, dass die Autorin angibt, sie sei durch „Stuffen“ zu eben dieser Berufung gelangt. Die Hebamme zum Ende des 17. Jahrhunderts bewegte sich also ist einem religiösen Kontext; die göttliche Berufung ist das wichtigste Element, mit der Siegemund ihr Fehlen an Gebärerfahrung ausgleichen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema des historischen Wandels der Geburtshilfe ein und begründet die methodische Wahl des Quellenvergleichs zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert.
1. Forschungsstand: Dieses Kapitel gibt einen prägnanten Überblick über die medizingeschichtliche Forschung zu Themen wie medizinischem Fortschritt, Medikalisierung und der Verdrängung des Hebammenwesens.
2. Fragestellung und Quellenauswahl: Hier wird das Ziel der Untersuchung dargelegt, den Wandel der Geburtsvorstellung durch den Vergleich der Schriften von Justina Siegemund und Friedrich Benjamin Osiander zu erfassen.
3. Analyse: Der Hauptteil analysiert detailliert die Selbstsicht der Geburtshelfer, den Diskurs über geburtshilfliche Praktiken und die Definition des Begriffs „Geburt“ im jeweiligen Kontext.
4. Fazit: Die Vermessung der Geburt: Das Fazit fasst zusammen, dass die Geburt im gelehrten Diskurs des 18. Jahrhunderts zunehmend aus ihrem ursprünglich persönlichen und religiösen Kontext herausgelöst und durch medizinische Kategorien vermessen wurde.
Schlüsselwörter
Geburtshilfe, Hebamme, Medikalisierung, 18. Jahrhundert, Justina Siegemund, Friedrich Benjamin Osiander, Medizingeschichte, Geburtsklinik, Accouchierhaus, Instrumentalisierung, Geburt, Gebärerfahrung, Wissenschaftsgeschichte, Geschlechterhierarchie, Patientin.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Wandel in der Wahrnehmung und Praxis der Geburtshilfe zwischen dem Ende des 17. und dem Ende des 18. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die Medikalisierung der Geburt, der Wandel von der praktischen Hebammenkunst zur wissenschaftlichen Geburtsmedizin und die Veränderung der Geschlechterrollen in diesem Bereich.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich die „Idee von der Geburt“ durch den wachsenden Einfluss medizinischer Wissenschaft und neuer institutioneller Strukturen nachhaltig verändert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Erkenntnisgewinnung genutzt?
Die Autorin nutzt eine komparative Methode, bei der sie das Werk einer Hebamme aus dem 17. Jahrhundert den medizinischen Fachschriften eines Geburtshelfers aus dem 18. Jahrhundert gegenüberstellt.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die unterschiedliche Selbstsicht der Akteure, konträre Ansichten über den Einsatz von Instrumenten sowie die Transformation der Geburt von einem sozialen Ereignis hin zu einem medizinisch vermessbaren Vorgang.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Kern der Arbeit zusammenfassen?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich über Begriffe wie Medikalisierung, Geburtshilfe, Wissenschaftsgeschichte und den Wandel der Geschlechterhierarchie definieren.
Warum spielt die Person Justina Siegemund eine so zentrale Rolle für die Analyse?
Sie gilt als Vertreterin der „alten“ Geburtshilfe und als erste Frau im deutschen Sprachraum, die ein Hebammenlehrbuch veröffentlichte; ihre Arbeit dient als Kontrastpunkt zur zunehmend wissenschaftlich-akademischen Praxis.
Inwiefern beeinflussten Accouchierhäuser die Wahrnehmung der Geburt?
Diese Institutionen fungierten als Orte, an denen die Geburt ausschließlich unter medizinisch-wissenschaftlichen Kriterien betrachtet wurde, was die Umkehrung von Machtverhältnissen zwischen Arzt und Gebärender forcierte.
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- Anonym (Author), 2011, Die Geburt. Vergleich der Schrift einer Hebamme aus dem 17. Jahrhundert mit den Schriften eines Geburtshelfers aus dem 18. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/432737