Die Schuldfrage in Georg Büchners "Woyzeck"


Hausarbeit, 2012
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Georg Büchners Gedanke der sozialen Determiniertheit

2. Rechtliche Definition von Schuld aus heutiger Sicht

3. Tatsachen über Woyzecks Verfassung
3.1. Unterernährung, körperliche Belastungen und Stress
3.2. Psychische Belastungen
3.2.1. Existenzängste aufgrund von Armut
3.2.2. Unterdrückung durch Hauptmann und Doktor
3.2.3. Verlust Maries an Tambourmajor

4. Schuldfähigkeit Woyzecks
4.1. Mord als Ergebnis psychischer Probleme und gesellschaftlicher Missstände
4.2. Geplanter Mord im Widerspruch zur Affekthandlung

5. Clarus-Gutachten und Schuld als sekundärer Aspekt in „Woyzeck“

6. Vergleich mit Schuldfrage in Max Frischs „Homo Faber“

Literaturverzeichnis

1. Georg Büchners Gedanke der sozialen Determiniertheit

„Ich verachte niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden, weil wir durch gleiche Umstände wohl alle gleich würden und weil die Umstände außer uns liegen.“[1] Dieses Zitat Georg Büchners, das aus einem Brief an seine Familie stammt, zeigt in einem Satz den Gedanken Georg Büchners über die soziale Determiniertheit des Menschen. Er ist der Meinung, dass jeder Mensch von seiner Umgebung abhängig ist und dass jeder nur so werden kann, wie es sein sozialer Stand zulässt. Dies ist selbst heute noch ein Problem, wenn man bedenkt, dass viele sozial schwache Familien ihren Kindern nicht die Bildung ermöglichen können, die sozial stärkere Familien an den Tag legen. „Das geht aus der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks für 2006 hervor. Kinder von Akademikern haben danach eine fast doppelt so große Chance, Abitur zu machen, wie Kinder von Nichtakademikern. Während 83 Prozent der Kinder von Akademikern ein Studium aufnehmen, sind es bei den Nichtakademikern nur 23 Prozent.“[2] Was Georg Büchner schon früh erkannte, beschäftigt uns auch heute. In seinem Werk „Woyzeck“ geht es um den Soldaten Franz Woyzeck, der im Wahn seine Freundin Marie ersticht. Ob diese Tat rein aus sozialer Determiniertheit resultiert, bleibt offen.

2. Rechtliche Definition von Schuld aus heutiger Sicht

Aus diesem Grund soll im Folgenden meine Analyse der Schuldfrage in Georg Büchners „Woyzeck“ gelten. Hierzu beziehe ich mich auf die Lese- und Bühnenfassung in der Ausgabe gesammelter Werke Georg Büchners.[3] Obwohl dieses Stück mehr Analysepunkte bietet, werde ich mich nur auf den Mord an Marie, dessen Ursachen und damit auch Woyzecks Schuldfähigkeit oder Schuldunfähigkeit beschäftigen. Den Fokus setze ich hierbei auf die physische und psychische Verfassung Woyzecks. Die Frage der rechtlichen Schuldfähigkeit ist hier wichtig. Doch wie wird „Schuld“ allgemein heute definiert? Im Rechtswörterbuch findet sich unter Schuld die „Vorwerfbarkeit eines strafrechtlich relevanten Verhaltens, […] obwohl [der Täter] nach seinen Fähigkeiten und unter den konkreten Umständen der Tat in der Lage war, sich von der im Tatbestand normierten Pflicht zu rechtmäßigem Verhalten leiten zu lassen.“[4] Das heißt, dass man sich schuldig macht, wenn man in dem Bewusstsein etwas Falsches zu tun, eine Tat begeht, die nicht den Normen unserer Gesellschaft entspricht. Ein Bestandteil der Schuld ist die Fähigkeit sich einer Tat schuldig zu machen. „Schuldfähigkeit bezeichnet das Mindestmaß an Selbstbestimmung, das vom Gesetz für die strafrechtliche Verantwortlichkeit verlangt wird.“[5] Hierbei wichtig ist, dass sich die Schuldunfähigkeit nach §20 StGB aus einer „mangelnden persönlichen Einsichts- bzw. Steuerungsfähigkeit ergeben“[6] kann. Grund für eine mangelnde Einsichts- und Steuerungsunfähigkeit kann eine „krankhafte seelische Störung, eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung oder Schwachsinn sein.“[7] Eine krankhafte seelische Störung beruht auf einer Verletzung oder Erkrankung des Gehirns, wobei eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung keine krankhafte Ursache hat, sondern nur eine Trübung oder Einengung des Bewusstseins darstellt. Schwachsinn ist angeboren und ohne erkennbare Ursache.[8] Die Betrachtungsweisen der Schuldfähigkeit und deren Bestandteile lassen sich auf Georg Büchners „Woyzeck“ beziehen, da der Protagonist Franz Woyzeck anscheinend im Wahn seine Freundin Marie ersticht. Um beweisen zu können, dass Woyzeck im gleichnamigen Stück tatsächlich im Wahn handelt, muss man dessen physische und psychische Verfassung genauer betrachten.

3. Tatsachen über Woyzecks Verfassung

3.1. Unterernährung, körperliche Belastungen und Stress

Woyzeck ist offensichtlich unterernährt, denn er isst „seit einem Vierteljahr […] nichts als Erbsen.“ (W: S. 175) Er arbeitet beim Doktor als Versuchsperson für Ernährungsexperimente. Woyzeck verdient sich damit das Geld für seine Freundin Marie und dessen gemeinsamen Sohn, welche er ohne diese Arbeit nicht ernähren könnte. Die Folgen einer Unter- bzw. Mangelernährung allgemein sind Schwäche, Gebrechlichkeit, Verlust von Lebensfreude, aber auch neurologische Störungen, Apathie, depressive Versimmungen und Ängstlichkeit.[9] Woyzecks körperlicher Zustand wirkt sich also auch auf seine Psyche aus. Er rasiert den Hauptmann unter Zeitdruck (vgl. W: S. 164) und wirkt bei jedem seiner Auftritte im Stück gehetzt und gestresst. (vgl. W: S. 164, 169, 172) Als er mit Andres Stöcke schneidet, gehen sie einer ihrer Arbeiten nach und werden anschließend zur nächsten Arbeit gerufen: „Hörst du? Sie trommeln drin. Wir müssen fort.“ (W: S. 160) Zudem wirkt Woyzeck ängstlich und bedrängt. Schon in der ersten Szene des Stücks wird deutlich, dass Woyzeck unter Wahnvorstellungen leidet: „da rollt Abends der Kopf […] die Freimaurer, ich hab`s, die Freimaurer, still! […] Andres! Wie hell! Ein Feuer fährt um den Himmel und ein Getös herunter wie Posaunen.“ (W: S. 160) Diese Wahnvorstellungen können als Ursache die Ernährungssituation Woyzecks haben.

3.2. Psychische Belastungen

3.2.1. Existenzängste aufgrund von Armut

Woyzecks Verhalten und Ausdrucksweise spiegeln auch seine innere Verfassung wieder. Er hat ständig Angst und „aufgrund der permanenten Reizanflutungen werden die Sinne zu dominanten Wahrnehmungsorganen und reagieren sensibel auf die Außenwelt.“[10] Bei seinen Ängsten kann ihm auch sein Freund Andres nicht helfen. Dieser sagt ihm nur, dass er Schnaps trinken solle (vgl. W: S. 172, S. 174), denn er weiß nicht, was mit Woyzeck geschieht. Nicht einmal Marie kann ihm helfen; diese fördert sogar den Zusammenbruch Woyzecks, indem sie eine Affäre mit dem Tambourmajor beginnt. Doch schon vorher führen sie keine intakte Beziehung. „Zwischen Woyzeck und Marie besteht kein inneres Einvernehmen mehr; sie sind sehr weit voneinander entfernt. Man spürt, dass die Liebe, die vereint, ihren Platz abtritt an die Angst, die entzweit.“[11] Marie muss, wie Woyzeck jeden Tag um ihre und die Existenz ihres Kindes bangen. Ihre Armut zeigt sich auch in der Szene, in der sie ein Stückchen Spiegel benutzt um sich anzusehen. (vgl. W: S. 163f.) Das Problem ist, dass Woyzeck aufgrund seines schlechten körperlichen und seelischen Zustands keine weitere Arbeit aufnehmen kann. Marie kann nicht arbeiten, weil sie ein Kind zu versorgen hat und somit ist es ihnen unmöglich sich ein besseres Leben zu schaffen. Ihre Armut ist mit ihrer Existenz vorherbestimmt. Die Affäre mit dem Tambourmajor stellt einen Versuch dar, aus diesem Teufelskreis der Armut auszubrechen.

3.2.2. Unterdrückung durch Hauptmann und Doktor

Eng mit dem Aspekt der Armut verknüpft, ist die Tatsache, dass Woyzeck vom Doktor und vom Hauptmann nicht nur ausgebeutet, sondern von ihnen unterdrückt wird. Der Doktor benutzt Woyzecks Armut dazu, ihn für Ernährungsexperimente zu gebrauchen. Woyzeck, der jede Arbeit annehmen muss, lässt dies über sich ergehen und isst seit einem viertel Jahr jeden Tag nur drei Erbsen (vgl. W: S. 175) Er fordert von Woyzeck jeden Tag Urinproben und behandelt ihn wie ein Tier. (vgl. W: S. 167) Zudem spricht er Woyzeck in der dritten Person an, was noch einmal verdeutlicht, dass Woyzeck für den Doktor ein Objekt darstellt. (vgl. W: S. 167ff.) Auch der Hauptmann spricht Woyzeck in dieser Art und Weise an, was auch hier die Sichtweise auf Woyzeck verdeutlicht. Der Hauptmann unterdrückt Woyzeck zum Beispiel, indem er ihm zu erklären versucht, was Moral ist: „Moral das ist wenn man moralisch ist.“ (W: S.165) Dieser Phrase zeigt, dass der Hauptmann nicht wirklich weiß, wovon er spricht. Einzig die Tatsache, dass er Woyzeck in sozialer Stellung überlegen ist, erlaubt ihm, Woyzeck auf diese Art und Weise zu belehren. Zu allem, was der Hauptmann sagt, antwortet Woyzeck mit: „Jawohl, Herr Hauptmann.“ (W: S. 164f.) Woyzeck lässt es zu, dass der Hauptmann ihn „ganz abscheulich dumm“ (W: S. 165) nennt. Das einzige, das er nicht zulässt ist, dass der Hauptmann seine Familie beschimpft. Woyzeck erwidert dem Hauptmann, dass es einem armen Menschen nicht möglich sei, nach den Moralvorstellungen der Gesellschaft zu leben, weil man täglich um seine Existenz kämpfen müsse. (vgl. W: S. 165) Diese kluge Aussage Woyzecks überfordert den Hauptmann und er schickt Woyzeck weg, um nicht Gefahr zu laufen, dass Woyzeck seine Autorität in Frage stellt. Büchner zeichnet hier den Protagonisten Woyzeck als klugen Menschen, dem die gesellschaftlichen Missstände durchaus bewusst sind: „Unsereins ist doch einmal unselig in der und der anderen Welt, ich glaub` wenn wir in den Himmel kämen so müssten wir dort donnern helfen.“ (W: S. 165) Zudem zeigt Büchner die Radfahrermentalität der damaligen Gesellschaft auf, die daraus bestand, dass jeder, der sich einem anderen überlegen sah, diesen zu unterdrücken versuchte. Hier wird die Gesellschaftskritik deutlich, die Büchner in nahezu allen seinen Werken auszudrücken versucht: Die soziale Determiniertheit des Menschen. Er lässt Danton diese Tatsache folgendermaßen ausdrücken: „Wer hat das Muss gesprochen, wer? Was ist das, das in uns hurt, lügt, stielt und mordet? Puppen sind wir von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!“[12]

[...]


[1] Büchner, Georg: 15. An die Familie in: Werke und Briefe. Hg. Von Werner R. Lehmann. 4. Auflage München 1983, S. 153.

[2] Kosfeld, Peter und Gregor Klaudius: Wenig Bildungschancen für sozial Schwache in: Tagesspiegel Deutschland Online. URL: http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/studie-wenig-bildungschancen-fuer-sozial-schwache/962868.html (letzter Zugriff: 08.09.2012)

[3] Büchner, Georg: Woyzeck in: Werke und Briefe. Hg. Von Werner R. Lehmann. 4. Auflage München 1983, (im Folgenden: W.)

[4] Ohne Verfasser: Schuld und Schuldfähigkeit in: Rechtswörterbuch Online. URL: www.rechtswoerterbuch.de/recht/s.html (letzter Zugriff: 22.08.2012)

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Vgl. ebd.

[9] Löser, Christian: Unter- und Mangelernährung. Klinik-moderne Therapiestrategien-Budgetrelevanz. Online. URL: www.goggle.books.de.html (letzter Zugriff: 22.08.2012)

[10] Elm, Theo: Der Fall Woyzeck und die „Möglichkeit des Daseins“ in: Das soziale Drama. Stuttgart 2004, S. 144.

[11] Schneider, Friedhilde: Woyzeck in: Selbstentfremdung. Die Formen der Verzweiflung in Georg Büchners Werk. Frankfurt am Main 1994, S. 151.

[12] Büchner, Georg: Dantons Tod in: Werke und Briefe. Hg. Von Werner R. Lehmann. 4. Auflage München 1983, S. 37.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Schuldfrage in Georg Büchners "Woyzeck"
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
12
Katalognummer
V432928
ISBN (eBook)
9783668763968
ISBN (Buch)
9783668763975
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schuldfrage, georg, büchners, woyzeck
Arbeit zitieren
B.A. Jennifer Schulte (Autor), 2012, Die Schuldfrage in Georg Büchners "Woyzeck", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/432928

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