Beeinflussung des Sparverhaltens durch "Nudges"


Bachelorarbeit, 2016
30 Seiten, Note: 1,7
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Systematische Verhaltenstendenzen und Ansatzpunkte zur Erstellung von Nudges
2.1 Trägheit
2.2 Hyperbolische Diskontierung
2.3 Verlustaversion und Geldwertillusion
2.4 Faustregeln
2.5 Bildung
2.6 Salienz
2.7 Emotionen
2.8 Überschätzung der Gewinnwahrscheinlichkeit

3 „Save More Tomorrow“
3.1 Konzept
3.2 Implementierung
3.3 Weiterer Ausblick

4 Kritik

5 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildungen

Abb. 1: Graphische Darstellung einer exponentiellen- und hyperbolischen Diskontierung

Abb. 2: Verteilung der gewählten Zeitabstände zwischen Anmeldung und erster Sparquotenerhöhung

Abb. 3: Verteilung der gewählten Monate zur erstmaligen Erhöhung der Sparquote

Abb. 4: Verteilung der Sparquoten bei einem maximal zulässigen Grenzwert von 16 % und 100 %

Abb. 5: Veränderung der durchschnittlichen Sparquote bei einem 1 %-Anker

Abb. 6: Veränderung der durchschnittlichen Sparquote bei einem 10 %-Anker

Abb. 7: Veränderung der durchschnittlichen Sparquote bei einem $7.000- und $11.000-Zielwert

Abb. 8: Veränderung der durchschnittlichen Sparquote bei einem $3.000- und $16.500-Grenzwert

Abb. 9: Digitale Alterung und virtuelle Umgebung des Experiments

Abb. 10: Durchschnittliche Sparquoten der drei untersuchten Gruppen

Abb. 11: Durchschnittliche Sparquote aller Teilnehmer

Abb. 12: Teilnehmerquote vor und nach Neueinführung der automatischen Einschreibung

Tabellen

Tabelle 1: Auswirkung von finanzieller Bildung auf das Sparverhalten

Tabelle 2: Beispiel für einen Anker-Satz

Tabelle 3: Beispiel für einen Ziel-Satz

Tabelle 4: Beispiel für einen Grenzwert-Satz

Tabelle 5: Entwicklung von "Save to Win“

Tabelle 6: Teilnehmerdaten der ersten Implementierung

1 Einleitung

Das Deutsche Institut für Altersvorsorge berichtet von einem stetig sinkenden Rentenniveau unter der Annahme einer gleichbleibenden Rentenformel. Die Ursache liege in einem demographischen Wandel unserer Bevölkerung, bei dem die Anzahl der Neugeborenen sinkt, während das Erwartungsalter steigt. Zur Lösung dieses Problems hat die CDU aktuell das Programm „Rente 4.0“ vorgestellt, welches auch nach dem Jahr 2030 ein Mindestrentenniveau in Deutschland sichern soll. Die Umsetzung des Programms ist aufgrund der hohen Mehrkosten fraglich, weshalb private Rentensparpläne[1] zum Ausgleich dieser Defizite immer mehr an Bedeutung gewinnen (Morgenstern, 2016). Einem großen Teil der Bevölkerung ist jedoch nicht bewusst, dass alternative Maßnahmen getroffen werden müssen, um auch im Alter ein stabiles Einkommen zu beziehen. Mit dieser Unsicherheit der zukünftigen Rentenversorgung haben sich ebenfalls die amerikanischen Professoren Thaler und Sunstein (2011) beschäftigt. Um der Bevölkerung bessere finanzielle Entscheidungen zu ermöglichen, stellen sie das Konzept der Entscheidungsarchitektur, auch Nudging genannt, vor. Unter einem Nudge verstehen sie einen „sanften Stupser“, der das Verhalten der Menschen auf vorhersehbare Weise beeinflussen soll. Ihre Entscheidungsarchitektur hat die Intention, das Gemeinwohl der Betroffenen zu verbessern, ohne dabei große ökonomische Anreize zu schaffen oder auf Verbote zurückzugreifen.

Ein grundlegendes Problem liegt in der zu geringen Aufmerksamkeit, die der Altersvorsorge gewidmet wird. Ein Großteil der Menschen wählt seine Sparquote ohne Bedacht oder tendiert dazu, finanzielle Entscheidungen in die Zukunft zu verschieben. Eine Umfrage zu einem Pensionsplan hat gezeigt, dass 58 Prozent der Teilnehmer weniger als eine Stunde in die Bestimmung ihrer Sparquote investieren (Benartzi & Thaler, 1999). Thaler und Sunstein (2011) fügen hinzu, dass die Bestimmung der optimalen Sparquote mathematisch ohnehin so komplex sei, dass diese nur mit Hilfe von geeigneter Computersoftware ermittelt werden könne. Eine weitere Studie hat gezeigt, dass viele Arbeiter ihre Sparquote als zu gering einschätzen, eine Erhöhung allerdings aufgrund ihrer Trägheit oder mangelnder Selbstkontrolle nicht umsetzen (ebd).

Die neoklassische Theorie geht von rationalen Entscheidungsträgern im Sinne des Homo oeconomicus aus, die über vollkommene Informationen verfügen, alle Entscheidungsmöglichkeiten kennen und nutzenmaximierend agieren. In der Realität weicht das Verhalten der Menschen von diesem Idealbild ab. Menschen fällen Entscheidungen, die sie nicht treffen würden, wenn sie tatsächlich die Fähigkeiten eines Homo oeconomicus besäßen. Aufgrund dieser irrationalen Neigung zur systematischen Fehlerproduktion sprechen die Autoren sich dafür aus, wichtige Entscheidungen durch verhaltensökonomische Maßnahmen so zu beeinflussen, dass die Gesamtheit davon profitieren könne (Thaler & Sunstein, 2011). Die Verbesserung des Gemeinwohls versuchen sie dabei so objektiv wie möglich zu bewerten (Thaler & Sunstein, 2003).

Nudging steht im Einklang mit dem Konzept des libertären Paternalismus. Paternalismus als einzelner Begriff beschreibt eine Herrschaftsordnung und kann schnell negative Assoziationen wecken. Der libertäre Ausdruck, der das Bild einer freien Gemeinschaft vermitteln soll, ist für viele Kritiker in diesem Zusammenhang ein Widerspruch in sich selbst (Thaler & Sunstein, 2011). Thaler und Sunstein sind jedoch der Meinung, dass, wenn die Kombination der beiden Begriffe richtig verstanden werden würde, sie den „gesunden Menschenverstand“ repräsentieren würde (Thaler & Sunstein, 2011, S. 14). Im Zuge des libertären Aspekts soll die Entscheidungsfreiheit der betroffenen Parteien unter allen Umständen gewahrt bleiben. Eine zwanghafte Lenkung in eine Entscheidung, welche die einzelne Person bei anderen Gegebenheiten nicht fällen würde, lehnen sie strikt ab. Zusammengefasst ist unter Nudging eine Maßnahme zu verstehen, „mit der Entscheidungsarchitekten das Verhalten von Menschen in vorhersagbarer Weise verändern können, ohne irgendwelche Optionen auszuschließen oder wirtschaftliche Anreize stark zu verändern“ (Thaler & Sunstein, 2011, S. 15).

Ein zentraler Ansatzpunkt bei der Erstellung von Nudges ist die Trägheit des Menschen. Madrian und Shea (2001) zeigen, dass durch eine automatische Beitrittsregelung genau diese Verhaltenstendenz genutzt werden kann, um die Teilnehmerquote eines betrieblichen Rentensparplans deutlich zu erhöhen.
Ebenso bedeutsam ist die Tendenz zur hyperbolischen Diskontierung und Verlustaversion. Menschen haben generell die Neigung, Verluste stärker zu gewichten als Gewinne. Wesentlich mehr Menschen können zum Sparen ermutigt werden, wenn eine Sparquotenerhöhung mit einer zukünftigen Gehaltssteigerung verknüpft wird. Infolgedessen bleibt ihr Nominaleinkommen auf einem konstanten Niveau und ihre erhöhten Sparaufwendungen werden aufgrund von zeitinkonsistenten Präferenzen als weniger belastend bewertet. Diese beiden Umstände bilden zugleich das Grundkonzept von „Save More Tomorrow“. Dabei handelt es sich um ein Sparprogramm, dessen Basis eine automatische Beitragssteigerung darstellt und welches in diversen Implementierungen das Sparverhalten erheblich verbessern konnte (Thaler & Benartzi, 2004).

Benartzi und Thaler (2007a) zufolge verwendet ein Großteil der Mitarbeiter bei der Bestimmung ihrer Sparquote eine einfache Faustregel, wie zum Beispiel den maximal erlaubten Betrag zu sparen. Wenn dieser Grenzwert angehoben werden würde, könnten mehr Mitarbeiter genau diesen erhöhten Grenzwert als Sparziel festlegen. Weniger invasiv, aber dennoch sehr effektiv zeigt sich die Wirkung von salienten Hinweisreizen. Choi et al. (2016) stellen in ihrem Artikel dar, dass ein einziger zusätzlicher Satz innerhalb einer Informations-E-Mail die Sparbereitschaft signifikant steigern kann. Darüber hinaus wird anhand diverser Studien vorgestellt, dass Bildung, die systematische Überschätzung von Gewinnwahrscheinlichkeiten oder Emotionen als weitere Ansatzpunkte für Nudges in Betracht gezogen werden können (Clark et al., (2016); Filiz-Ozbay et al., (2015); Hershfield et al., (2011)).

Das Ziel dieser Thesis ist die Bereitstellung geeigneter Nudge -Strategien, die zu einer positiven Beeinflussung des Sparverhaltens führen können. Der Fokus liegt in der Analyse der systematischen Verhaltensanomalien, welche für das irrationale Verhalten des Menschen verantwortlich sind und erklären, weshalb unvorteilhafte Sparentscheidungen getroffen werden. Darüber hinaus wird das genaue Konzept sowie eine erste Implementierung des „Save More Tomorrow“-Programms vorgestellt, das auf eine Reihe der besprochenen Verhaltenstendenzen gezielt eingeht und dadurch die Bereitschaft zur Altersvorsorge vieler Arbeitnehmer immens steigern kann. Obwohl Entscheidungsarchitektur ein riesiges Potential mit sich bringt, trifft es vor allem medial auf große Gegenwehr. Um ein vollständiges Bild zu erhalten, werden im Anschluss einige Kritikpunkte angesprochen und diskutiert. In einer Schlussbetrachtung werden die zentralen Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefast und ein weiterer Ausblick zum Nudging -Konzept geliefert. Die Arbeit konzentriert sich ausschließlich auf die Fragestellung, auf welche Weise die Sparbereitschaft beeinflusst werden kann, nicht aber auf eine etwaige Anlageverteilung der Sparbeträge.

2 Systematische Verhaltenstendenzen und Ansatzpunkte zur Erstellung von Nudges

Der Bereich der Behavioral Economics beschäftigt sich seit einigen Jahrzehnten mit dem Konzept der begrenzten Rationalität. Besonders der Forschungszweig Behavioral Finance konzentriert sich intensiv auf menschliche Verhaltenstendenzen mit Bezug auf Finanzthemen und gewinnt seine Erkenntnisse aus experimentellen Versuchen. Er basiert auf der Erkenntnis, dass Menschen „aufgrund psychischer, mentaler und neuronaler Beschränkungen nur zu einem begrenzt rationalen Verhalten gemessen an der Erwartungsnutzentheorie fähig sind“ (Daxhammer & Facsar, 2012, S. 7).

Kapitel 2 analysiert eine Reihe dieser systematischen Verhaltensmuster und liefert konkrete Nudge -Strategien, die das Sparverhalten beeinflussen können, wovon einige bereits bei der Konzeption von Sparprogrammen in der Praxis angewandt werden.

2.1 Trägheit

Menschen zeigen eine generelle Neigung, an bestehenden Zuständen festzuhalten und Veränderungen abzulehnen. Dieses Phänomen bezeichnen William Samuelson und Richard Zeckhauser (1988) als Status quo bias. Während der Homo oeconomicus stets die vorteilhaftere Option wählt, zeigen Menschen eine Tendenz, am Status quo festzuhalten, obwohl diese Entscheidung über lange Sicht hin Einbußen bringen könnte. Grundsätzlich ist dieses Verhalten auf die menschliche Trägheit zurückzuführen. Neben der Tendenz zur Prokrastination spielt die Komplexität des Sachverhaltes oder ein Mangel an Aufmerksamkeit ebenso eine entscheidende Rolle (Thaler & Sunstein, 2011).

Ein grundlegender Ansatzpunkt zur Beeinflussung des Sparverhaltens ist die Verwendung von Standardvorgaben. Nach Madrian und Shea (2001) kann durch eine automatische Beitrittsregelung die Teilnehmerzahl am Sparplan deutlich erhöht werden. Typischerweise hat der Arbeitnehmer, sofern er dazu berechtigt ist, die Option, einem betrieblichen Pensionssparplan freiwillig beizutreten, nachdem er ein entsprechendes Formular ausfüllt. Viele Angestellte empfinden dieses Prozedere als lästig, weshalb sie sich gegen einen Beitritt entscheiden. Diese Regelung könnte jedoch folgendermaßen geändert werden: Der Arbeitnehmer nimmt zum Zeitpunkt der Berechtigung automatisch am Rentensparplan teil, hat allerdings die Möglichkeit, sich aktiv wieder abzumelden. Auf diese Weise könnte die Trägheit gezielt dazu genutzt werden, um eine höhere Teilnehmerquote am Sparplan zu erzielen. Um ihre These zu stützen, haben Madrian und Shea die Teilnehmerdaten eines Sparplans sowohl vor als auch nach der Einführung einer automatischen Beitrittsregelung ausgewertet. Die Teilnehmerquote von Arbeitnehmern, die aktiv dem Sparplan beitreten mussten, betrug in den ersten drei Monaten lediglich 20 % und erhöhte sich nach 36 Monaten auf 65 %. Im Gegensatz dazu konnte nach Einführung der automatischen Beitrittsregelung ein signifikanter Anstieg der Teilnehmerquote beobachtet werden. Durch diese Neuregelung hat sich die anfängliche Teilnehmerquote unmittelbar auf 90 % erhöht und ist während der nächsten 36 Monate auf über 98 % angestiegen.

Ein Nachteil bei der Verwendung von Standardvorgaben ist der von Caplin und Martin (2012) untersuchte Drop-Out-Effekt. Sie sind der Meinung, dass viele Menschen gedankenlos die vorgegebene Standardeinstellung akzeptieren würden, ohne vorher irgendwelche Informationen darüber gesammelt zu haben. Ihre Aufmerksamkeit und ihr Interesse würden abnehmen, obwohl sie einer Option beigetreten sein könnten, die nicht ihren Präferenzen entspreche. Aus diesem Grund müsse der Drop-Out-Effekt vor allem bei heterogenen oder unbekannten Präferenzen ausreichend beachtet werden.

Ähnlich zur Methode der Standardvorgabe ist laut Carroll et al. (2005) die Herbeirufung einer aktiven Pflichtentscheidung. Dabei muss der Arbeitnehmer selber aktiv entscheiden, ob er dem Rentensparplan beitreten möchte. Nach Einführung einer aktiven Pflichtentscheidung durch das einfache Ankreuzen eines Ja- oder Nein-Kästchens haben die Autoren innerhalb eines Unternehmens einen Anstieg der Teilnehmerquote um 28 Prozentpunkte beobachten können. Der Vorteil gegenüber Standardvorgaben sei, dass der Arbeitnehmer sich tendenziell mehr Gedanken über diese wichtige Lebensentscheidung machen würde und er nicht wie bei einem automatischen Beitritt zu sehr in eine Richtung gedrängt werde. Der Nachteil hingegen liege in der Überlegung, der Arbeitnehmer könnte eventuell nicht qualifiziert oder gewillt sein, die Entscheidung selber zu treffen.

Während Standardvorgaben bei Trägheit und homogenen Bedürfnissen gesellschaftlich optimal sind, ist die Herbeirufung einer aktiven Pflichtentscheidung vor allem bei einer Tendenz zur Prokrastination mit heterogenen Präferenzen der betroffenen Personen vorzuziehen (Carroll et al., 2005).

Beshears et al. (2013) berichten in ihrem Artikel „Simplification and Saving“ von zwei Programmen, welche das Sparen simplifizieren und dadurch einen Einfluss auf die Sparbereitschaft haben sollen. Sie sind der Meinung, dass einzelne Personen einem Sparplan aufgrund seiner Komplexität nicht beitreten würden, obwohl sie es eigentlich wollten. Durch das Programm „Quick Enrollment“ kann der Sparer einem Sparplan ohne weiteres mit einer voreingestellten Sparquote sowie Anlageverteilung beitreten. Infolgedessen konnte in zwei Versuchen die Einschreibungsrate um bis zu 20 Prozentpunkte erhöht werden. Der Effekt von „Quick Enrollment“ sei dabei langanhaltender als bei einer automatischen Einschreibung. Einen ähnlich positiven Effekt schreiben die Autoren dem Programm „Easy Escalation“ zu, welches bereits aktiven Sparern ermöglicht, ihre Sparquote ohne großen Aufwand erhöhen zu lassen.

Einen vergleichbaren Einfluss der Vereinfachung konnten auch Iyengar et al. (2004) in ihrer Nachforschung feststellen. Sie haben beobachtet, dass die Teilnahme und das Interesse an der Altersvorsorge sinken können, wenn die Anzahl der möglichen Investmentstrategien bei der Anmeldung zu umfangreich sei. Demnach schlagen auch sie eine vereinfachte und unkomplizierte Auswahl der Anlageverteilung vor.

Die vorgestellten Untersuchungen spiegeln wider, dass viele Menschen eigentlich dem Pensionsplan beitreten möchten, es aber wegen scheinbarer Hindernisse nicht tun. Wenn diese Hindernisse für sie beseitigt werden würden, könnte das einen positiven Effekt auf die Sparbereitschaft der Betroffenen haben. Dieses Prinzip sei auf die Kanaltheorie von Kurt Lewin zurückzuführen (Thaler & Sunstein, 2011).

2.2 Hyperbolische Diskontierung

Wenn es darum geht, komplexe Fragestellungen zu beantworten, neigen gemäß Thaler und Benartzi (2004) viele Menschen dazu, diese Entscheidung in die Zukunft zu verschieben. Die neoklassische Theorie geht von einem Homo oeconomicus mit zeitkonsistenten Präferenzen aus. Das heißt, dass er zukünftigen Nutzen mit einem konstanten Diskontfaktor abzinst, sodass dieser bei unterschiedlichen Zeitspannen vergleichbar wird. Daraus ergibt sich, dass eine heute gefällte Entscheidung zwischen zwei zeitlich unterschiedlichen Optionen auch zu einem späteren Zeitpunkt wiedergewählt wird.

In der Realität zeigen Menschen jedoch zeitinkonsistentes Verhalten. Aufgrund ihrer kurzfristigen Sichtweise und Ungeduld kann eine heute getroffene Entscheidung zu einem späteren Zeitpunkt ganz anders ausfallen. Laut den Autoren werden Kosten und Nutzen in der kurzen Frist überbewertet, während sie in der langen Frist unterbewertet bleiben. Der Grund für dieses Phänomen ist eine hyperbolische Diskontierung, denn anders als bei der exponentiellen Diskontierung wird hierbei ein variabler Diskontfaktor benutzt. Ein typisches Beispiel sind Pläne für das Neujahr: Viele Menschen setzen sich vor Silvester das Ziel, etwas Gewicht zu verlieren oder mehr Sport zu treiben, wollen damit aber erst im Januar beginnen.

Wird die Wahl zwischen zwei Optionen zu zwei verschiedenen Zeitpunkten betrachtet:

eine kleine Summe Geld zum Zeitpunkt

eine große Summe Geld zum Zeitpunkt ,

dann gilt, dass aufgrund hyperbolischer Diskontierung und zeitinkonsistenter Präferenzen bei sehr kleinen Werten für t die kleine Summe und bei großen Werten für t die große Summe bevorzugt wird (Thaler & Benartzi, 2004, S. 167). Dieser Umstand wird in Abbildung 1 graphisch veranschaulicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Graphische Darstellung einer exponentiellen- und hyperbolischen Diskontierung,
Quelle: eigene Darstellung

Die vertikale Achse zeigt den Nutzen in Abhängigkeit der Zeit zweier Erträge bei sowohl exponentieller als auch hyperbolischer Diskontierung. Dabei handelt es sich um einen größeren und späteren Ertrag (blau) sowie um einen kleineren früheren Betrag (rot). Es ist zu erkennen, dass bei zeitkonsistenten Präferenzen und exponentieller Diskontierung der größere spätere Ertrag zu jedem Zeitpunkt bevorzugt wird. Anders ist es jedoch im Falle zeitinkonsistenter Präferenzen und hyperbolischer Diskontierung, denn hier wird der kleine frühere Betrag in noch bevorzugt, zum Zeitpunkt aber nicht mehr.

Benartzi et al. (2007b) haben die Tendenz zur hyperbolischen Diskontierung in Bezug auf das Sparverhalten anhand der Daten eines Sparplans von 49.433 Teilnehmern untersucht. Die Basis des untersuchten Plans war eine automatische Beitragssteigerung. Jeder Teilnehmer musste bei der Anmeldung zum Programm selber den Zeitpunkt wählen, an dem seine Sparquote erstmals und danach jährlich automatisch erhöht werden sollte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Verteilung der gewählten Zeitabstände zwischen Anmeldung und erster Sparquotenerhöhung,
Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Benartzi et al. ((2007b), S. 42)

Abbildung 2 zeigt die Verteilung der gewählten Zeitabstände zwischen der Anmeldung zum Sparplan und der ersten geplanten Erhöhung der Sparquote. Demnach haben sich lediglich 8,9 Prozent der Teilnehmer dazu entschieden, ihre erste Steigerung noch im selben Monat der Anmeldung durchführen zu wollen. Im Umkehrschluss wollten 91,1 Prozent der Teilnehmer den zu wählenden Zeitpunkt in die Zukunft legen. Die häufigste Entscheidung (15,7 Prozent) war es, genau ein Jahr nach der Anmeldung die Sparquote steigern zu lassen. Etwa 10 Prozent der Teilnehmer entschieden sich, sich 13 Monate oder noch länger Zeit zu nehmen. Bei der Wahl des Zeitpunktes kann es laut Benartzi et al. zudem einen T ime Of The Year Effect geben, womit sie die Tendenz zu einer bestimmten Jahreszeit meinen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Verteilung der gewählten Monate zur erstmaligen Erhöhung der Sparquote,
Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Benartzi et al. ((2007b), S. 43)

Aus dem Diagramm in Abbildung 3 geht die Verteilung der gewählten Monate zur erstmaligen Erhöhung der Sparquote hervor. Sehr auffällig ist, dass 37,3 Prozent der Teilnehmer sich für Januar entschieden haben. In keinem anderen Monat war der Effekt ansatzweise so groß, was die hyperbolische These der guten Neujahresvorsätze ebenfalls stützt.

Menschen haben somit eine Tendenz zu schwächelnder Selbstkontrolle, zur Prokrastination und schätzen Entscheidungen aufgrund ihrer hyperbolischen Diskontierung falsch ein. Angenommen eine Person ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht dazu bereit, einem Sparplan beizutreten, so würde es ihr aber leichter fallen, diesem in Zukunft beizutreten. Umso weiter der Zeitpunkt der ersten Sparzahlung entfernt ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit einer möglichen Teilnahme. Dementsprechend kann es sich anbieten, Arbeitgeber heute verbindlich zu ermutigen, in Zukunft, eventuell speziell ab Januar, mehr zu sparen (Benartzi et al., 2007b).

2.3 Verlustaversion und Geldwertillusion

Laut Thaler und Sunstein (2011) wird das Sparverhalten der Haushalte ebenso durch ihr verlustaversives Verhalten beeinflusst. Verlustaversion beschreibt den Umstand, dass Menschen Verluste sehr viel intensiver wahrnehmen als Gewinne. Dabei verweisen sie auf eine Studie von Kahneman et al. (1991). Diese besagt, dass Menschen potentielle Verluste ungefähr doppelt so hoch wie Gewinne bewerten würden. Infolgedessen würden viele dazu tendieren, an der gegenwärtigen Situation festzuhalten, um mögliche Verluste zu vermeiden. Da sich Haushalte an ihre Kaufkraft gewöhnen, würden sie eine Erhöhung der Sparquote mit einer Kürzung ihres gegenwärtigen Einkommens verbinden und dementsprechend einen Verlust verbuchen. Aus diesem Grund sei es sinnvoll, eine Erhöhung der Sparquote erst nach einer zukünftigen Gehaltserhöhung durchzusetzen, sodass der Betroffene keine Kürzung in seinem Nominaleinkommen spüre (Thaler & Benartzi, 2004).

Während das Nominaleinkommen der Haushalte auf diese Weise konstant gehalten werden kann, wird sich im Falle einer Inflation die reale Kaufkraft dennoch verschlechtern. In diesem Zusammenhang beziehen sich Thaler und Benartzi (2004) ebenfalls auf Kahneman et al. (1991), dessen Studie darüber

[...]


[1] In Deutschland spricht man üblicherweise von einer Rentenversicherung, die aber die Eigenschaften eines Sparplans besitzt. Aus Gründen der Vereinfachung und Vereinheitlichung wird im Folgenden der Begriff Sparplan verwendet.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Beeinflussung des Sparverhaltens durch "Nudges"
Hochschule
Universität Ulm
Note
1,7
Jahr
2016
Seiten
30
Katalognummer
V433199
ISBN (eBook)
9783668755321
ISBN (Buch)
9783668755338
Dateigröße
1781 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beeinflussung, sparverhaltens, nudges
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Beeinflussung des Sparverhaltens durch "Nudges", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/433199

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