Das Frauenbild der höfischen Zeit war geprägt von Fehleinschätzung und Unterdrückung. So wurde die Frau sowohl in sozialer wie auch in sexueller Hinsicht als Objekt betrachtet und hatte sich dem Mann unterzuordnen. Diese Vormundschaft des Mannes begründete sich auf den damaligen Stand der Wissenschaft, der besagte, dass die Frau an sich schwach und zudem noch anfällig für das Böse war. Der Mann dagegen, laut antiker Biologie, war der wahre und vollständige Mensch. Die höfische Dame in der höfischen Dichtung dagegen ist der literarische Gegenentwurf zur Realität. In der Dichtung erhält das Frauenbild einen fast überirdischen Aspekt, der zu einer Verehrung des Weiblichen an sic h veranlasst. Während der sogenannten „Renaissance des 12. Jahrhunderts“, also der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, vollzieht sich ein allgemeines Erwachen in der Gesellschaft, wobei der Mensch als wertvolles Einzelwesen erkannt wird.2 Somit erreicht die Verehrung des Weiblichen in der Literatur ihren Höhepunkt. Neben der göttlichen Gnade erscheint nun die Minne als Quelle und Ursprung alles Guten auf der Welt und erreicht damit den höchsten Wertebereich des menschlichen Denkens.
Die Literatur erhebt die Umworbene zur Lehnsherrin, der sich ein Ritter in größter Dienstbereitschaft unterwirft. Durch die Erhebung in eine dem Manne übergeordneten Sphäre der Vollkommenheit und Reinheit wird sie zu dessen Lehrerin und Inspiration. Sie erhält die Macht, über Zucht, Sitte und sämtliche humanen Werte zu wachen. Das idealisierte Frauenbild der höfischen Literatur spiegelt sich am deutlichsten in der Lyrik, dem Minnesang, wider. Hier soll nun anhand zweier Gattungen des Minnesangs, der Minneklage und des Frauenlieds, eine spezifische Untersuchung der Funktion der Frau im Minnesang durchgeführt werden. Nach einer Formanalyse und anschließender inhaltlicher Interpretation je eines Vertreters der beiden Gattungen folgt eine eingehende Darlegung der Funktion der Frau des jeweiligen Liedes im Kontext der vorliegenden Gattung. Hierbei handelt es sich zum einen um Hartmanns von Aue „ich sprach ich wollte ir iemer leben“ aus der Gattung der Minneklage, und zum anderen um das Frauenlied „swes vröide hin ze den bluomen stat“, das ebenfalls von Hartmann von Aue stammt.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Frauenbild zur höfischen Zeit in Verbindung mit der höfischen Dichtung
2. Interpretationsansatz der Lieder „ich sprach ich wolte ir iemer leben“ und „swes vröide hin ze den bluomen stat“
2.1 Formanalyse
2.1.1 „ich sprach ich wolte ir iemer leben“
2.1.2 „swes vröide hin ze den bluomen stat“
2.2 Inhaltliche Interpretation
2.2.1 „ich sprach ich wolte ir iemer leben“
2.2.2 „swes vröide hin ze den bluomen stat“
3. Gattungstheoretische Überlegungen
3.1 Minneklage
3.2 Frauenlied
4. Die Funktion der Frau im Minnesang
4.1 Gattungsspezifische Darstellung: Minneklage
4.2 Besondere Darstellung: „ich sprach ich wolte ir iemer leben“
4.3 Gattungsspezifische Darstellung: Frauenlied
4.4 Besondere Darstellung: „swes vröide hin ze den bluomen stat“
5. Frauenlied und Minneklage im Gesamtkontext des Minnesangs
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Funktion der Frau im Minnesang von Hartmann von Aue, wobei der Fokus auf dem Kontrast zwischen der Minneklage und dem Frauenlied liegt. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich damit, wie die Gattungszugehörigkeit eines Liedes das Frauenbild sowie die Rollenverteilung zwischen dem lyrischen Ich und der Umworbenen beeinflusst.
- Analyse des Frauenbildes im Kontext der höfischen Dichtung
- Formale und inhaltliche Interpretation von zwei repräsentativen Liedern Hartmanns von Aue
- Gattungstheoretische Untersuchung der Rollenmodelle in Minneklage und Frauenlied
- Vergleichende Darstellung der Funktion der Frau in unterschiedlichen Gattungen
- Einordnung der Lyrik Hartmanns von Aue in den Gesamtkontext des Minnesangs
Auszug aus dem Buch
4.1 Gattungsspezifische Darstellung: Die Minneklage
„Im mittelhochdeutschen Minnesang tritt eine vielfältige Schar mehr oder weniger konturierter Frauenfiguren auf. [...] Bei jedem Dichter, in jedem Lied kann die jeweilige Frauenfigur anders gesehen, beschrieben, beleuchtet sein.“ Es ist allerdings nicht nur so, dass die Frauenfiguren von Lied zu Lied variieren, sondern es gibt übergeordnete Regeln für die Konstruktion des Frauenbilds in einzelnen Gattungen.
In der Minneklage des Mannes wird die Frau aus der Sicht des männlichen lyrischen Ichs betrachtet und beschrieben. Die Beschreibung beschränkt sich auf blasse und formelhafte Darstellung sowohl der äußeren als auch der inneren Erscheinung. Das äußere Bild der Frau ist reduziert auf abstrakte Wendungen, die von Schönheit und Erotik sprechen. Das Innere einer Frau wird im Gegensatz dazu in aller Ausführlichkeit vorgestellt. Dies geschieht zwar formelhaft und durch eine beschränkte Auswahl an Wendungen und Ausdrücken: tugende, guot, güete, kiusche, saelde, zuht, werdekeit und vielen anderen mehr, zeugt aber von einer überaus hohen Wertschätzung der inneren Schönheit als Spiegel des Äußeren.
Günther Schweikle spricht in diesem Zusammenhang von Transzendierung, Hypertrophierung und Allegorisierung der Frau und sogar des Weiblichen an sich. Diese Begriffe meinen die Spiritualisierung der Frau als absolutes Idol der gesamten Menschheit, die sie in eine Sphäre des Übermenschlichen erhebt und sie dadurch zum Inbegriff und Verkörperung aller humanen Werte macht, sozusagen zu einer Personifikation des Guten an sich.
Folge dieser übersteigerten Preisung ist das Verlassen der Ebene der reinen Liebesdichtung und das Erreichen einer Ebene, welche die Frau als Sinnbild einer „supra – realen Macht“ erscheinen lässt. Die ihr verliehene Macht lässt sie gnadenlos über Liebesglück- und Leid entscheiden.
Es lässt also darauf schließen, dass der Sänger nicht eine reale Person umwirbt, sondern ein Produkt seiner Phantasie, eine Projektion seines Ideals richtiggehend beschwört. Daher ist es nur verständlich, dass diese ins Überirdische erhobene vrouwe für den Sänger unerreichbar bleiben wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Frauenbild zur höfischen Zeit in Verbindung mit der höfischen Dichtung: Das Kapitel kontrastiert das reale, von Unterdrückung geprägte Frauenbild der Zeit mit der idealisierten, überirdischen Darstellung der höfischen Dame in der Literatur.
2. Interpretationsansatz der Lieder „ich sprach ich wolte ir iemer leben“ und „swes vröide hin ze den bluomen stat“: Hier werden zwei Lieder von Hartmann von Aue formal analysiert und inhaltlich interpretiert, um erste Einblicke in ihre Struktur und Thematik zu gewinnen.
3. Gattungstheoretische Überlegungen: Dieses Kapitel erläutert die Definitionsmerkmale von Minneklage und Frauenlied und zeigt, wie die Gattung die Rollenverteilung der Geschlechter beeinflusst.
4. Die Funktion der Frau im Minnesang: Dieser Hauptteil untersucht detailliert, welche spezifische Rolle der Frau in den jeweiligen Gattungen zugeschrieben wird und wie Hartmann von Aue diese in seinen Werken gestaltet.
5. Frauenlied und Minneklage im Gesamtkontext des Minnesangs: Das abschließende Kapitel synthetisiert die Ergebnisse und ordnet die Gattungen als ergänzende Einheiten ein, die zusammen ein philosophisches Gesamtbild des Minnesangs ergeben.
Schlüsselwörter
Minnesang, Hartmann von Aue, Minneklage, Frauenlied, Hohe Minne, Frauenbild, Geschlechterrollen, Liebesleid, Minnedienst, Tugend, Fiktionalität, Gattungslehre, Literaturwissenschaft, Mittelalter, Lyrik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die unterschiedlichen Rollen und Funktionen der Frau im Minnesang, insbesondere anhand der Werke von Hartmann von Aue.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themenfelder umfassen die höfische Dichtung, das Konzept der Hohen Minne, gattungstheoretische Unterschiede zwischen Minneklage und Frauenlied sowie die Projektion männlicher Wunschvorstellungen auf das weibliche lyrische Ich.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es herauszuarbeiten, wie das Frauenbild in Abhängigkeit von der jeweiligen literarischen Gattung konstruiert wird und welche Funktion die Frau dabei für das männliche lyrische Ich einnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die formale metrische Analysen mit inhaltlichen Interpretationen und gattungstheoretischen Vergleichen kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Interpretation ausgewählter Lieder Hartmanns von Aue und die anschließende Untersuchung der spezifischen Darstellungsformen der Frau in den Gattungen Minneklage und Frauenlied.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Minneklage, Frauenlied, Hohe Minne, Triuwe, Staete, Fiktionalität und die Projektion von Idealen.
Warum unterscheidet sich das Frauenbild in Hartmanns Liedern?
Die Unterschiede ergeben sich aus der Gattungszugehörigkeit: Während die Minneklage die Frau als unerreichbares, überirdisches Ideal stilisiert, tritt sie im Frauenlied als selbstbewusste, begehrende Person auf.
Welche Bedeutung haben die „natürlichen Verhaltensweisen“ im Frauenlied?
Diese werden im Kontext als poetische Abstraktionen bezeichnet, die zwar eine realere Beziehungsebene andeuten, jedoch innerhalb des fiktionalen Rahmens des Minnesangs bleiben, um männliche Wünsche widerzuspiegeln.
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- Christina Zopp (Author), 2002, Die Rolle der Frau im Minnesang Hartmanns von Aue, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43322