Kazimierz Kelles-Krauz - Die Auseinandersetzung mit der Nationalen Frage und mit Rosa Luxemburg


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Organisatorische Etablierung der Arbeiterbewegung in Polen

3. Rosa Luxemburg und die Theorie der „organischen Eingliederung“

4. Kazimierz Kelles-Krauz – Lebenslauf

5. Kazimierz Kelles-Krauz und die „Die Unabhängigkeit Polens und das
materialistische Geschichtsverständnis“
5.1 Die Nationale Frage
5.2 Die Auseinandersetzung mit Rosa Luxemburg

6. Fazit

7. Abkürzungen

8. Literatur
8.1 Quellen
8.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Der Konflikt innerhalb der polnischen Arbeiterbewegung um die nationale Frage, und im speziellen zwischen der Polnischen Sozialistischen Partei („Polska Partai Socjalistyczna“, PPS) und der sozialdemokratischen Partei („Socjaldemokracja Królestwa Polskiego i Litwy”, SDKPiL), ist bekannt und es ist viel über ihn geschrieben worden. Ich möchte versuchen, ihn in meiner Arbeit aus der Sicht einer Person darzustellen, die gerade in der westlichen Forschung, aber auch lange Zeit selbst in Polen, fast unberücksichtigt geblieben ist: Kazimierz Kelles-Krauz. Seine Schriften und Briefe sind bisher nur in polnischer Sprache publiziert worden und soweit ich den Stand der Forschung überblicken konnte, fehlen Untersuchungen in westlichen Sprachen beinahe vollständig. Erst in den 90er-Jahren erschienen mit der sehr umfassenden und brauchbaren Biographie von Timothy Snyder[1] und einer vergleichenden Arbeit von Andrzej Walicki[2], in welcher er Kelles-Krauz Rosa Luxemburg gegenüberstellt, zwei Darstellungen in englischer Sprache.

Demgegenüber scheint das Interesse der polnischen Forschung nach dem Umbruch der 90er Jahre abgenommen zu haben. Die zahlreichen, bei Snyder aufgeführten, polnischen Aufsätze der 70er-Jahre bearbeiten dagegen die unterschiedlichsten Facetten des Wirkens Kelles-Krauz´.

Es hätte allerdings den Rahmen dieser Seminararbeit gesprengt, sich näher in die, nicht immer leicht verfügbare, polnische Forschung dieser Zeit einzuarbeiten. Die Komplexität der Thematik, besonders die Beschäftigung mit ihren theoretischen Aspekten, erfordert eine detaillierte und intensive Einarbeitung, um Feinheiten herauszustellen und nuanciert zu urteilen. Dies widerspricht natürlich dem Umfang einer Seminararbeit. So entschied ich mich, einen Mittelweg zwischen der Darstellungen des größeren Zusammenhanges und der Fokussierung auf die Person und die Thesen Kelles-Krauz´ zu gehen: Ich werde zu Beginn versuchen, die organisatorische Etablierung der beiden Strömungen der polnischen Arbeiterbewegung darzustellen, deren wichtigstes Unterscheidungsmerkmal die nationale Frage war. Um einen Bezugsrahmen für die Thesen des PPS-Theoretikers Kelles-Krauz zu schaffen, werde ich in einem zweiten Schritt nach den Ansichten des gegnerischen Lagers, speziell Rosa Luxemburgs, fragen. Für unumgänglich, gerade wegen der angesprochenen Mängeln innerhalb der westlichen Forschungsliteratur, hielt ich auch eine kurze Zusammenfassung der Biographie Kelles-Krauz´ für sinnvoll, die den dritten Teil meiner Arbeit darstellt. Am Beispiel eines späten Artikel Kelles-Krauz´ zur Vereinbarkeit von Sozialismus und polnischem Unabhängigkeitsstreben[3] werde ich dann im letzten Abschnitt versuchen, seine Ansichten zur nationalen Frage und die Argumentation gegen die Theorien Rosa Luxemburgs herauszuarbeiten.

2. Organisatorische Etablierung der Arbeiterbewegung in Polen

Auf dem Kongress der 2.Internationale in Brüssel 1891 schien sich die polnische Arbeiterbewegung noch zu einer Einheit zu entwickeln. Geschlossen erklärten die Vertreter der polnischen Delegation die Gründung einer alle drei Teilungsgebiete umfassenden Partei („Trójzaborowość”) und die Wiedererrichtung eines unabhängigen Staates zu ihren Zielen. Dieser Tendenz folgten auch die weiteren Ereignisse: Der Pariser Kongress polnischer Sozialisten im November 1892, auf dem nicht nur ein Programm für die zukünftige sozialistische Partei verabschiedet, sondern auch eine gemeinsame Auslandsorganisation („Związek Zagraniczny Socjalistów Polskich”, ZZSP) mit der „Centralizacja” an ihrer Spitze gegründet wurde. Diesem Akt folgte im Februar des folgenden Jahres in Kongresspolen die Gründung der Polnischen Sozialistischen Partei („Polska Partia Socjalistyczna“, PPS)[4], die den Pariser Programmentwurf annahm und den ZZSP als auswärtige Vertretung anerkannte.

In der Emigration hatte sich zur selben Zeit um Leon Jogiches, Rosa Luxemburg, Julian Marchlewski und Adolf Warszawski eine Gruppe formiert, die die Unabhängigkeit Polens, wie auch die Theorie von der „Trójzaborowość“ grundsätzlich ablehnte. Kurz nach Gründung der PPS beschlossen sie die Herausgabe einer Zeitschrift, deren Redaktionskreis von nun an das Gegengewicht zum ZZSP bilden sollte. Die erste Ausgabe der „Sprawa Robotnicza“, die im Juli 1893 in Paris erschien, kritisierte die Haltung der polnischen Sozialisten in Brüssel 1891 und verkündete, dass sie sich in der Tradition des „Związek Robotników Polskich” (ZRP) sehe, dessen Mitglieder mehrheitlich der PPS beigetreten waren, erklärte die Arbeiterschaft zu ihrer Zielgruppe und lehnte den Führungsanspruch der Intelligenz ab[5]. So täuschte der erste flüchtige Eindruck einer einheitlichen polnischen Arbeiterbewegung. In Wahrheit war die PPS ein Sammelsurium von Sozialisten unterschiedlichster Prägung, wobei sich zwei Lager herauskristallisierten: Auf der einen Seite die Anhänger des ZZSP, vielfach Mitglieder der Intelligenz, und auf der anderen Seite die Arbeiter, für die eine negative Einstellung zur Intelligenz charakteristisch war und die vielfach noch dem ZRP verbunden waren. Sie wurden besonders von der Propaganda der „Sprawa Robotnicza“ angezogen und so kam es wohl noch vor Beginn des Kongresses der 2.Internationale in Zürich (6.August 1893) zur Organisierung der innerparteilichen Opposition.

Auf dem Züricher Kongress[6] erkannten die anwesenden Sozialisten aus ganz Europa, dass sich die polnische Arbeiterbewegung gespalten hatte. Schon das Vorhandensein von zwei Rechenschaftsberichten zur Entwicklung des polnischen Sozialismus deutete dies an. Doch es kam zum eigentlichen Eklat erst, als Rosa Luxemburg von der polnischen Delegation, der sie angehören sollte, ihr Mandat, zu dem sie von der „Sprawa Robotnicza“ ermächtigt worden war, aberkannt wurde und sie abreisen musste. Dies tat sie jedoch nicht, ohne noch einmal ihre Ansichten zur nationalen Frage darzulegen und die PPS des „Sozialpatriotismus“ zu beschuldigen. Begründet wurde der Ausschluss Luxemburgs damit, dass nichts über die „Sprawa Robotnicza“ und ihren Herausgeber bekannt sei. Solche „Geheimmandate“, die auch von „unzuverlässigen“ oder „verdächtigen“ Personen stammen könnten, dürften nicht anerkannt werden, erklärte stellvertretend für die Mehrheit der polnischen Delegierten Ignacy Daszyński[7]. Nur Julian Marchlewski, Gesinnungsgenosse Luxemburgs, protestierte, trat aus der polnischen Delegation aus und verfolgte den Kongress schließlich als „Delegationsloser“. Schon bei dieser Auseinandersetzung zeigte sich der verunglimpfende und persönliche Ton, der zwischen den beiden Lagern herrschte und der in der Folgezeit immer wieder zum Vorschein kam. Die taktische und machtpolitische Dimension des Ausschlusses ist dabei natürlich nicht zu übersehen, sahen doch die Anhänger der nationalen Richtung in Rosa Luxemburgs Ansichten eine ernst zu nehmende Konkurrenz und Gefahr.

Diese Sorgen bewahrheiteten sich nur wenige Woche nach dem Kongress: Am 30.August 1893 gab eine Gruppe Warschauer Sozialisten die Gründung der „Socjaldemokracja Polski“[8] bekannt, deren Öffentlichkeitsarbeit und ideologische Führung die „Sprawa Robotnicza“ übernahm. Der ZZSP verlor durch diesen Schritt weitestgehend die Kontrolle über die Arbeiterbewegung in Warschau und konnte nur den Kontakt nach Wilna aufrechterhalten, von wo aus sich die PPS, von Józef Piłsudski angeführt, zu regenerieren begann.

3. Rosa Luxemburg und die Theorie der „organischen Eingliederung“

Die Vorstellungen Rosa Luxemburgs zur polnischen Frage sind Resultat der Beschäftigung mit der industriellen Entwicklung Polens in ihrer Dissertation, die sie 1897 in Zürich abschloss. Unter Einbeziehung einer Fülle von Daten und Statistiken kommt sie darin u.a. zu dem Ergebnis, dass die drei polnischen Teilungsgebiete wirtschaftlich eng mit den Annexionsmächten verschmolzen seien. Diese „organische Eingliederung“ („organiczne wcielenie“) mache eine Abtrennung unmöglich, denn sie würde den Zusammenbruch der polnischen Industrie nach sich ziehen. Aus diesem Befund heraus entwickelte sie ihren Standpunkt zur staatlichen Unabhängigkeit Polens, die sie kategorisch ablehnte. In ihren theoretischen Arbeiten konzentrierte sie sich v.a. auf Kongresspolen und verlangte, dass alle Bestrebungen der Arbeiterbewegung auf den Sturz des Zarentums und auf eine liberale Verfassung, die dem polnischen Gebiet eine territoriale Autonomie garantieren werde, auszurichten seien[9]. Damit würden sowohl ökonomische Interessen als auch der Drang nach politischer Freiheit des polnischen Proletariats befriedigt. Der einseitige Kampf der polnischen Arbeiter für die nationale Unabhängigkeit würde die internationale revolutionäre Strategie und die Zukunft des Sozialismus gefährden, denn er zerstöre die guten Beziehungen zum russischen Proletariat, welchem Rosa Luxemburg das größte revolutionäre Potential einräumt[10]. Deshalb müßten alle Proletarier des russischen Imperiums Hand in Hand für die Befreiung von der Unterdrückung des Zarentums kämpfen. Der polnische Nationalstaat sei ein Ziel der Bourgeoisie und dass der Nationalismus nun Eingang in die sozialistische Bewegung gefunden habe, sei als bourgeoiser Erfolg zu werten. Denn die Arbeiterklasse erstrebe die sozialistische Revolution und suche die internationalen Vereinigung des Proletariats. Da die sozialistische Revolution die nationale Frage hinfällig mache, sei der nationale Kampf dem Klassenkampf unterzuordnen.[11]

[...]


[1] Timothy Snyder, Nationalism, Marxism, and Modern Central Europe – A Biography of Kazimierz Kelles-Krauz (1872-1905), Cambridge 1997.

[2] Andrzej Walicki, Rosa Luxemburg and the Question of Nationalism in Polish Marxism (1893-1914), in: The Slavonic and East European Review, Vol. 61, No.4, Oct. 1983, S.565-582.

[3] Kazimierz Kelles-Krauz, Niepodległość Polski a materialistyczne pojmowanie dziejów, in: Kazimierz Kelles-Krauz, Naród i historia – Wybór pism, oprac. Stanisław Ciesielski, Warszawa 1989, S.334-360.

[4] Im Zeitraum bis zur ihrer Spaltung und Gründung der SDKP 1893 wurde die Partei rückwirkend als „Stara PPS“ („Alte PPS“) bezeichnet.

[5] Strobel, Georg W., Die Partei Rosa Luxemburgs, Lenin und die SPD – Der polnische „europäische“ Internationalismus in der russischen Sozialdemokratie, Wiesbaden 1974, S.84.

[6] S. dazu u.a. Strobel, Die Partei, S.86ff.

[7] Nach Strobel, Die Partei, S.88.

[8] Diese wurde kurze Zeit später in „Socjaldemokracja Królestwa Polskiego” (Sozialdemokratie des Königreichs Polen – SDKP) umbenannt und nach dem Beitritt litauischer Sozialdemokraten im Juli 1900 wurde der Name um den Bestandteil „i Litwy“ („und Litauens“ – SDKPiL) ergänzt.

[9] Die territoriale Autonomie basiert auf der Unterscheidung von „Nation“ und „Nationalität“ in der Theorie Rosa Luxemburgs. Während sie „Nation“ politisch interpretiert, entspricht für sie die „Nationalität“ der kulturellen Realität, d.h. der Sprache, Literatur und Kunst einer Gemeinschaft. Deshalb sei die Nationalität mit einer kulturellen Autonomie (ähnlich Karl Renner und Otto Bauer) im Falle Kongresspolens zu schützen, dagegen das politisch inspirierte nationale Streben nach einem unabhängigen Staat abzulehnen. Eine ähnlich Autonomie für Litauen oder die Ukraine lehnt sie dagegen ab. In diesem Punkt ist eine Verbindung zu den Lehren von Marx und Engels bezüglich „historischer“ und „unhistorischer“ Nationen unverkennbar (vgl. Walicki, S.573f.).

[10] Vgl. Walicki, S.570.

[11] zu den Thesen Rosa Luxemburgs: Haustein, Ulrich, Sozialismus und nationale Frage in Polen – Die Entwicklung der sozialistischen Bewegung in Kongreßpolen von 1875 bis 1900 unter besonderer Berücksichtigung der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS), Köln 1969, S.150ff.; Iivonen, Jyrki, Independence or Incorporation? – The Idea of Poland’s National Self-Determination and Independence within the Russian and Soviet Socialism from 1870s to the 1920s, Helsinki 1990, S.100ff.; Walicki S.567ff.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kazimierz Kelles-Krauz - Die Auseinandersetzung mit der Nationalen Frage und mit Rosa Luxemburg
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Historisches Seminar - Abt. fuer Osteurop. Geschichte)
Veranstaltung
Sozialismus und Nationalismus in Osteuropa vor 1917
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V43346
ISBN (eBook)
9783638411677
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kazimierz, Kelles-Krauz, Auseinandersetzung, Nationalen, Frage, Rosa, Luxemburg, Sozialismus, Nationalismus, Osteuropa
Arbeit zitieren
Benjamin Schäfer (Autor), 2004, Kazimierz Kelles-Krauz - Die Auseinandersetzung mit der Nationalen Frage und mit Rosa Luxemburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43346

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