Das Kinoprogramm in Marburg im Zeichen der Gleichschaltungspolitik des "Dritten Reichs"


Bachelorarbeit, 2015
38 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Begriffsbestimmung „Programm“
1.2 Fragestellung

2 Hinfuhrung

3 Die Gleichschaltung
3.1 Fundamentale Gleichschaltungsmafinahmen
3.2 Grande flir die Gleichschaltung des Kinos im ’Dritten Reich’

4 Das Kinoprogramm
4.1 Der Kulturfilm
4.2 Die Wochenschau
4.3 Der Hauptfilm

5 Die Gleichschaltung des Kinos im ’Dritten Reich’
5.1 Institutionelle Gleichschaltung
5.1.1 Die Entwicklung im Jahr der Machtergreifung
5.1.2 Die Folgejahre 1934-
5.1.3 Die Zeit nach
5.2 Gleichschaltung der Angehorigen der Filmindustrie
5.3 Weitere Gleichschaltungsmafinahmen

6 Die Entwicklung in Marburg
6.1 Historischer Kontext
6.2 Das Kinoprogramm in Marburg im Vergleich zum ’Dritten Reich’

7 Fazit
7.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
7.2 Die Kinolandschaft in Marburg - Teil der Gleichschal- tungspolitik?

Literaturverzeichnis

Einleitung

,,Die Kunst ist frei und die Kunst soil frei blieben, allerdings wird sie sich an bestimmte Normen gewOhnen mussen.“1 Diese Worte richtete Josef Goebbels am 28.03.1933 an Vertreter der deutschen Filmwirtschaft. Josef Goebbels war zu dieser Zeit der Reichsminister fur Propaganda, das Amt hatte er dabei erst zwei Wochen inne.2 Die Ankundigung, ’bestimmte’ Normen einzufuhren, umschrieb dabei den Startschuss fur eine (bereits langer geplante) Strategie, die als Gleichschaltungspolitik als Teil des na- tionalsozialistischen Deutschlands in die Geschichte eingehen sollte. Die Gleichschaltung beschreibt dabei einen gesellschaftlichen und politischen Prozess, der das Leben der betroffenen Gesellschaft vereinheitlichen soll.3

Zunachst scheint es notwendig, den Begriff des Programms zu klaren, um eine Grundlage fur die folgenden Inhalte zu schaffen.

1.1. Begriffsbestimmung ,,Programm“

Der Begriff ,Programm“ist heutzutage in aller Munde. Dabei wird primar ein Zusammenhang mit Film/ Funk und Fernsehen erstellt. Der Begriff ’Programm’ stammt dabei von dem griechischen Wort „programma“ ab. Es bedeutet soviel wie ,,Vorgeschriebenes“ oder beziehungsweise „Vor- schrift“.4 Der Alltag, der gepragt von Arbeit oder anderen personlichen Verpflichtungen ist, enthalt fair jeden Menschen gewisse Vorschriften. Dies ist auch ein gewisses Programm - bei der Betrachtung des Program­mes im medialen Kontext existieren diese Regeln ebenfalls. Die Massen- medien, die unpersdnlich adressierte Inhalte an ihre Empfanger senden, kategorisieren und veroffentlichen das, was in Zukunft gesendet wird, in einem (meist offentlich) einsehbarem Programm.5 Dabei ist das Pro- gramm von den Empfangern nicht anderbar und wird deswegen auch vorgeschrieben. Im Rahmen dieser Arbeit wird das Wort Programm nur als Uberbegriff fur die Zusammenstellung mehrerer Medienproduktionen zur Vorfuhrung vor Zuschauern benutzt.

Das oben beschriebene Muster nutzt das Kino ebenfalls. Bereits vor der Digitalisierung unserer Gesellschaft wurde, bevor eine Vorstellung be- ginnt, offentlich vor dem Kino ausgehangen - oder in Zeitungen veroffent- licht - was die zahlenden Besucher zu sehen bekommen werden. Auch heu- te ist das Kinoprogramm uber viele Medien abrufbar - und ist nahezu bei jeder Vorstellung identisch strukturiert. Nach Beginn der Vorstellung starten kurze Werbefilme, denen sich Vorschauen in Kurze erscheinender Filmproduktionen anschliefien. Nach diesem, in der Regel 20 bis 30 Mi- nuten dauerndem Part, folgt der beworbene Hauptfilm. Die Struktur des heutigen Kinoprogramms unterscheidet sich jedoch von der Zusammen- setzung des Programmes in der Zeit zwischen 1925 und 1945, die fur die vorliegende Arbeit wichtig ist. Die damalige Struktur wird noch separat explizit erlautert.

1.2. Fragestellung

Der vorliegenden Bachelorarbeit liegt die Fragestellung nach der Glei- schaltungspolitik des Kinoprogramms im Marburg zur Zeit des ’Dritten Reichs’ zugrunde. Das Erkenntnisinteresse in Bezug auf diese Thematik besteht darin, mogliche erscheinende Parallelen oder Abweichungen in Marburg, im Vergleich zum gesamtdeutschen Kontext, zu untersuchen und zu analysieren. Da dem Verfasser bei der Erstellung der Arbeit kei- ne expliziten vorherigen Forschungen oder bereits erschienene Literatur zur genannten Fragestellung vorlagen, behandelt diese Arbeit eine vollig neue Thematik.

Um den Kontext des Themas zu verdeutlichen, beginnt die Arbeit mit einer dreigeteilten, immer tiefer ins Detail gehenden Darstellung der inhaltlichen Grundlagen.

Den Epilog stellt dabei eine historische Einordnung der politischen und gesellschaftlichen Lage im heutigen Deutschland dar. Es wird die Zeit zwischen dem Ende des ersten Weltkrieges und dem Beginn des po­litischen Umschwungs durch die Nationalsozialisten beleuchtet. An diese Hinfuhrung zum Thema schliefit der Beginn des Inhaltes mit dem Kapitel uber die Gleichschaltung an. Die Grundlage bietet die Zusammenfassung fundamentaler politischer Gleichschaltungsmafinahmen. Auf diesem Fun­dament fufit die Darstellung der Grande, warum eine Gleichschaltung des Kinos erstrebenswert fur die Nationalsozialisten war.

Es folgt die Beschreibung der Strukturierung des damaligen Kinopro- grammes. Durch die Aufteilung in das Beiprogramm und den Hauptfilm, beschreibt diese Arbeit jede Komponente des Programmes. Dabei wird der historische Kontext, der heute nicht mehr bekannten Kulturfilme und der Wochenschau, naher erlautert. Bei der Analyse der Hauptfilme liegt der Fokus auf der historischen Entwicklung der Einflusse von Zensurmafi- nahmen in Deutschland.

Nach der Einfuahrung in die Gleichschaltung und die Struktur des Kinoprogramms im ’Dritten Reich’ werden die Erkenntnisse verbunden durch die Skizzierung der Gleichschaltung des Kinos. Es wird historisch die Entwicklung ab 1933 bis zum Jahr 1942 aufgearbeitet. Der letzte Teil des Kapitels dient zur Darstellung weiterer Gleichschaltungsmafinahmen aufierhalb der Chronologie von 1933-1942.

Unter Beriicksichtigung der Grundlagen soll die Entwicklung in Mar­burg analysiert und mit der beschriebenen gesamtdeutschen Situation verglichen werden. Abschliefiend soll eine Antwort auf die eingangs ge- stellte Frage gefunden werden.

Hinfiihrung

Nach dem Ende des ersten Weltkrieges und des Zusammenbruches des Kaiserreichs im November 1918 veranderte sich das Leben in Deutsch­land. Die Weimarer Republik wurde gegrundet - und damit die erste parlamentarische Demokratie auf deutschem Boden.6 Nach den anfang- lichen Krisenjahren von 1919 bis 1923 - einer stabilen Phase zwischen 1924 und 1929, folgte bedingt durch die Weltwirtschaftskrise im Jahre 1929 die nachste Krisenzeit. In dieser Krisenzeit erlebten die sogenann- ten Nationalsozialisten einen stetigen Aufschwung und gewannen mehr und mehr Einfluss in Deutschland.7

Der Nationalsozialismus definiert sich als eine radikale Weltanschau- ungsperspektive. Die Mitglieder denken und handeln antisemitisch, ras- sistisch, antikommunistisch - und antidemokratisch. Es existieren auch gesellschaftliche Feindbilder, die aus einer oder mehreren Gesellschafts- gruppen bestehen konnen. Zu Zeiten des ’Dritten Reichs’ war das Haupt- feindbild der Deutschen der Jude. Die Juden wurden systematisch er- niedrigt, gedemutigt und teilweise bis zum Tode gefoltert oder gequalt, beziehungsweise auch hingerichtet.8

Am 30.01.1933 ernannte der Reichsprasident Paul von Hinden- burg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Dieses Ereignis ging als Tag der ’Machtergreifung’ in die deutsche Geschichte ein. Es entstand, in Anlehnung und in Folge des Heiligen Roamischen Reiches Deutscher Nation und des Deutschen Kaiserreiches, das sogenannte ’Dritte Reich’.9

Das Ziel der nun herrschenden Nationalsozialisten (in Anlehnung an die bereits beschriebenen nationalsozialistischen Ideologien) war die Be- endigung der erst geschaffenen parlamentarischen Demokratie - und die Errichtung eines nationalsozialistischen Fuhrerstaates. Als Fuhrungsfigur galt dabei, der aus Osterreich stammende Reichskanzler, Adolf Hitler. Unter seiner Ftihrung sollte ein gesellschaftlich und politisch vereinheit- lichtes Deutschland, das sogenannte ’tausendjahrige Reich’ entstehen.10

Der Begriff ’tausendjahriges Reich’ ist ein Neologismus aus der Zeit des Nationalsozialismus, der von der Propagandaabteilung eingefuhrt, gepragt und verbreitet wurde. Es scheint notwendig, den Begriff der Pro­paganda kurz zu erlautern: Das Wort Propaganda stammt vom latei- nischen Ausdruck „propagareu ab, was ubersetzt soviel wie verbreiten oder ausbreiten bedeutet. Damit wird ein systematischer Eingriff in eine Gesellschaft beschrieben, der auf Manipulation von Personen ausgelegt ist. So haben alle Eingriffe das Ziel, die Gesellschaft auf eine bestimmte Ideologie oder einen bestimmten Menschen positiv zu sensibilisieren. Die- ser Sensibilisierung soll schliefilich ein Anschluss der Personen an diese Ideologie oder die Fuhrerfigur folgen.11

Die Gleichschaltung

3.1. Fundamentale GleichschaltungsmaBnahmen

Um die gesellschaftliche und politische Struktur Deutschlands in die ge- plante Richtung zu rucken, begann der neugewahlte Reichskanzler Adolf Hitler noch im Jahre 1933 mit der Einfuhrung erster Veranderungen.

Es wurden zwei sogenannte Gleichschaltungsgesetze am 31.03.1933 und 07.04.1933 verabschiedet. Im ersten Gesetzentwurf wurde die Sou- verunitut der einzelnen Lander beschnitten und in die Hunde der Reichs- regierung gelegt. Das zweite Gesetz installierte die sogenannten Reichs- statthalter, die fur die Durchsetzung, der von Hitler vorgegebenen Politik, sorgten.12

Der nachste Schritt wurde am 14.07.1933 durch die Verabschiedung des Gesetzes gegen die Neubildung von Parteien vollzogen. Dabei wurden alle Parteien neben der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbei- terpartei) verboten. Aufierdem wurde der Reichsrat im Februar 1934 von seinen Aufgaben befreit.13 Es trat am 01.12.1933 das Gesetz zur Siche- rung der Einheit von Staat und Partei in Kraft. Dieses Gesetz schuf eine unaufhebbare Verbundenheit zwischen der NSDAP und dem deutschen Staat.14 15

Am 02.08.1934 starb der amtierende Reichsprusident Paul von Hin- denburg. Noch am selben Tag wurde das Gesetz uber das Staatsober- haupt des deutschen Reiches verabschiedet. In diesem Gesetz wurde das Amt des Reichskanzlers mit dem Amt des Reichspraasidenten verschmol- zen.

Damit waren alle muglichen Machteinflusse politischer Widersacher von Adolf Hitler und den Nationalsozialisten ausgeluscht und der neuen Herrschaftsform der Diktatur stand politisch nichts mehr im Wege.

3.2. GrUnde fur die Gleichschaltung des Kinos im ’Dritten Reich’

Die finanzielle Situation der Filmindustrie und Kinobetreiber war An- fang der 1930er Jahre in eine heftige Schieflage geraten. Bereits am En- de der 1920er Jahre befand sich die Filmindustrie in einer schwierigen Lage - das Jahr 1929 verschlimmerte diese Entwicklung noch weiter. Be- dingt durch die Weltwirtschaftskrise und die daraus resultierende ’gre­at depression’ entstanden grofie wirtschaftliche Probleme. So sank das Volkseinkommen der Deutschen rapide ab. Im Jahre 1929 waren es noch 76,1 Milliarden Mark - im Jahre 1932 nur noch lediglich 46,4 Milliarden Mark. Es entstand eine Massenarbeitslosigkeit und daraus resultierend ein Kaufkraftverlust. Diese Entwicklungen schlugen sich auf die Bilanzen der Filmbranche nieder. So gingen die Besucherzahlen der Kinos drastisch zuriick - es waren 1928/1929 353 Millionen Karten verkauft worden, im Jahre 1932 lediglich 238 Millionen. Dies entspricht einem Ruckgang um 26%. Durch das Angebot und den Verkauf billiger Platzkarten sanken die Bruttoeinnahmen sogar um 36% ab.16

Aufierdem fand in dieser Zeit ein grofier technischer Umbruch statt. Der Farbfilm erhielt Einzug in die Kinos. Die Kinokonzerne, wie die Ufa, spekulierten auf hohe Gewinne und leiteten die Umrustung ihrer Licht- spielhauser ein. Die hohen Umbaukosten, gepaart mit den dreifachen Produktionskosten fur einen einzelnen Spielfilm, standen einem allge- mein verbreitetem Kaufkraftverlust gegenuber. Aufierdem bewirkten die gestiegenen Produktionskosten pro Kinofilm ein sinkendes Filmangebot. So entstand durch die Geldknappheit und die ambitionierten Plane der Filmbranche ein Kinosterben im Land. Von den 5.267 Kinos in Deutsch­land im Jahr 1928 waren im Jahre 1933 nur noch ungefahr 4.500 geoff- net.17

Auch wenn durch die Machtergreifung und die Herrschaft der Natio- nalsozialisten ein fundamentaler politischer Umschwung stattfand, ander- te sich an der Struktur der Filmlandschaft wenig. Es existierten, genauso wie in der Weimarer Republik, einige wenige produzierende und verlei- hende Unternehmen. Diese Grofikonzerne vertrieben ihre Produktionen an eine Vielzahl von kleinen, selbststandigen Kinobetreibern. Im Jahre 1934 war die Anzahl der Lichtspielhauser auf 4.636 angestiegen - von denen lediglich 120 im Besitz der grofien Filmkonzerne waren. Konkret befanden sich 93,4% der deutschen Kinositzplatze in selbststandig gefuhr- ten Hausern.18

Bei Betrachtung der Besitzverhaaltnisse in der deutschen Kinoland- schaft wird deutlich, dass die Reichsftihrung den bereits thematisierten Wunsch, unerwunschte Medienproduktionen aus den Kinosaalen zu ver- bannen, nicht alleine durch Kontrolle der Grofikonzerne erreichen wurde. Die 250 Millionen Kinobesuche19 (Deutschland hatte ungefahr 66 Millio- nen Einwohner20 ) zeigen jedoch, dass das Kino eine stark frequentierte Institution im deutschen Reich darstellte.

Die schwierige wirtschaftliche Lage zu Anfang der 30er-Jahre belaste- te das Filmwesen. Reichspropagandaminister Josef Goebbels versicherte jedoch, bereits eine Woche nach seiner Ernennung, Vertretern der Film- wirtschaft:

,,Wir haben nicht die Absicht, die Produktion zu lahmenWir wollen auch nicht die private Initiative hindern, im Gegenteil, sie wird einen grofien Anstofi durch die nationale Bewegung erhalten Die Regierung will mit der schaffenden Filmwelt Hand in Hand gehen und mit dieser den gemeinsamen Weg beschreiten.“21 22

Durch die verwendete Formulierung ’Hand in Hand’ fordert Goeb­bels bereits indirekt eine Seilschaft zwischen dem Filmwesen und der Reichsfuhrung. So setzt der gewunschte ’grofie Anstofi’ eine Neu-

ausrichtung nach nationalen und ideologisch korrekten Produktionen 22 voraus.

Das Kinoprogramm 4.1. Der Kulturfilm

Ein Kulturfilm lasst sich als ein Dokumentarfilm beschreiben. Diese, in der Regel nicht abendfullenden Filmproduktionen, wurden hauptsachlich in der Zeit zwischen 1918 und 1945 in Deutschland produziert und vor- gefuhrt. Dabei gilt Hans Curlis als Pionier dieses Filmgenres. Seine prag- matische Definition lautet: „Kulturfilm ist ein Sammelname fur alle Filme welche die Absicht haben, Wissen zu vermitteln.“23

Das Wort Kulturfilm fand im Verlaufe des ersten Weltkrieges Ein- zug in den deutschen Sprachgebrauch. Es wurde am 19.11.1916 von der Reichsregierung die Deutsche-Lichtbild Gesellschaft e.V. gegriindet - die neben Spielfilmen auch Kulturfilme produzierte.24 Diese Griindung hatte der deutsche Publizist Ludwig Klitsch bereits vor Kriegsausbruch ver- sucht zu erwirken, um die nationalpolitische Werbearbeit zu starken. Er wurde dabei vom damaligen Krupp-AG Manager Alfred Hugenberg un- terstutzt.

Viele dieser Kulturfilme hatten auch einen direkten Bezug zum, ge- rade stattfindenden, ersten Weltkrieg. Es wurden dokumentarische Ten- denzfilme produziert, die die deutsche Propaganda im Ausland voran- treiben sollten.25 Am 01. Juni 1918 wurde in Berlin die Kulturabtei- lung(Lehrfilmabteilung), der im Vorjahr gegriindeten Ufa (Universum Film AG), gegrundet. Diese Abteilung produzierte vorrangig kurze wis- senschaftliche Filme - die wiederum fachspezifische Kenntnisse zu ak- tuellen Gebieten der Wissenschaft vermittelten. Die Filmproduktionen wurden in Lehrstatten (Schulen/Universitaten/Museen) vorgefuhrt. Sie dienten somit dem Wissenstransfer in Erguanzung zum regulauren Unter- richt.26

Da die Kulturfilme einen Lehrauftrag besafien und Lehrfilme gleich- zeitig auch kulturelle Inhalte thematisierten, wurde eine exakte Trennung und Benennung beider Filmgenres rasch schwierig. Im Jahre 1920 legte die Ufa Unterscheidungskriterien fest. Nun waren Lehrfilme Filmproduk- tionen, die innerhalb einer geschlossenen Veranstaltung fur einen nach Alter und Schultypus differenzierten Zuschauerkreis vorgefuhrt wurden. Aufierdem gab es noch die sogenannten Beiprogrammfilme, die in Kinos vor einem grofieren Publikum abgespielt wurden. Fur diese Produktionen wurde der Name Kulturfilm verwendet.27

Nach Ende des ersten Weltkrieges nahm der Einfluss der Kulturfilme zu. Als Grund dafur galt die finanzielle Untersttitzung durch Emil Georg von Staufi, dem Direktor der deutschen Bank und Alexander Grau, der die Konzeption ubernahm.28 So konnte zum Beispiel die Deulig-GmbH (eine weitere Filmgesellschaft) Anfang der 1920er Jahre die jahrliche Pro- duktion stark steigern. Wo 1920 110 Filme produziert wurden, waren es 1924 ungefahr 500 Fertigstellungen.29

Dieser Prozess wird allerdings durch die wirtschaftliche Entwick- lung der jungen Weimarer Republik gestoppt. Die Inflation und der Waohrungsverfall schwaochen auch die Filmindustrie, denn die Nach- frage sinkt. Die im Juni 1926 veroffentlichte ’Bestimmung uber die Vergnugenssteuer’ hingegen half dem Kulturfilm. So wurden die Steu- erabgaben fur Kultur- und Lehrfilme unter 100 Meter Lange gesenkt. Abendfuollende Lehrfilme wurden sogar von der Steuer komplett befreit. Dies half der Produktion und starkte den Kulturfilm in der Weimarer Republik. So existierten im Jahre 1927 870 Ufa-Kulturfilme.30 Auch im Ausland waren die deutschen Kultur-, und Lehrfilme angesehen. So wurden die Filme in Frankreich ’Film de niveau’ und in Amerika ’Oddities’, was soviel wie Leckerbissen heifit, genannt.31

[...]


1 Goebbels, Josef: Rede am 28.03.1933 im Hotel Kaiserhof in Berlin, abgedruckt in G. Albrecht: Nationalsozialistische Filmpolitik, S.14

2 Fraenkel, Heinrich, ,,Goebbels, Paul Joseph“ in: Neue Deutsche Bio- graphie 6 (1964), S. 500-503 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-

biographie.de/ppn118540041.html

3 vgl. Bracher, Karl Dietrich / Sauer, Wolfgang / Schulz, Gerhard: Die national­sozialistische Machtergreifung. Studien zur Errichtung des totalitaren Herrschaftssy- stems in Deutschland 1933/34. Westdeutscher Verlag, Koln [u. a.] 1960, S.12

4 Klippel, Heike: ,,The art of programming11: Film, Programm und Kontext., LIT Verlag, Munster, 2008, S.52

5 vgl. Scannell, Paddy: For-anyone-as-someone-structures, In: Media Culture and Society January 2000 vol.22, S.22

6 Vgl. Biittner, Ursula: Weimar. Die iiberforderte Republik 1918-1933. Leistung und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Klett-Cotta, Stuttgart 2008, S.35

7 Vgl. Wirsching, Andreas: Die Weimarer Republik. Politik und Gesellschaft. Miinchen 2000, S. 55 ff.

8 vgl. Kwiet, Konrad: Enzyklopadie des Nationalsozialismus, Klett Cotta Verlag, Stuttgart 1997, S. 50.

9 vgl. Bracher, Karl Dietrich / Sauer, Wolfgang / Schulz, Gerhard: Die national- sozialistische Machtergreifung. Studien zur Errichtung des totalitaren Herrschaftssy- stems in Deutschland 1933/34. Westdeutscher Verlag, Koln [u. a.] 1960, S.169-170, S.42-43

10. Bracher, Karl Dietrich / Sauer, Wolfgang / Schulz, Gerhard: Die national- sozialistische Machtergreifung. Studien zur Errichtung des totalitaren Herrschaftssy- stems in Deutschland 1933/34. Westdeutscher Verlag, Koln [u. a.] 1960, S.169-170, S.43ff.

11 vgl. Nohrstedt, Stig A./ Kaitatzi-Whitlock, Sophia/ Ottosen, Rune/ Riegert, Kri­stina. From the persian Gulf to Kosovo - War Journalism and Propaganda. In: Eu­ropean Journal of Communication 15 (2000), S. 383?-404.

12 vgl. Bracher, Karl Dietrich / Sauer, Wolfgang / Schulz, Gerhard: Die national- sozialistische Machtergreifung. Studien zur Errichtung des totalitaren Herrschaftssy- stems in Deutschland 1933/34. Westdeutscher Verlag, Koln [u. a.] 1960, S.169-170

13 vgl. ebenda, S.167

14 vgl. ebenda, S.186

15 vgl. ebenda, S.968

16 vgl. Kleinhans, Bernd: Ein Volk, ein Reich, ein Kino. Lichtspiel in der braunen Provinz. Papyrossa, Koln 2003, S.21-22

17 vgl. ebenda, S.22-23

18 vgl. Kleinhans, Bernd: Ein Volk, ein Reich, ein Kino. Lichtspiel in der braunen Provinz. Papyrossa, Koln 2003, S.24-25

19 Langewiesche, Dieter / Tenorth, Heinz-Elmar(Hrsg.): 1918-1945. Die Weimarer Republik und die nationalsozialistische Diktatur. In: Handbuch der deutschen Bil- dungsgeschichte: Band V, Beck, Miinchen 1989, S.52

20 Siebel, Walter(2010): Schoner erleben. Online im Internet:

http://www.sueddeutsche.de/politik/bevoelkerungsrueckgang-in-deutschland- schoener-erben-1.204596 (abgerufen 15.05.2015)

21 Becker, Wolfgang: Film und Herrschaft. Organisationsprinzipien und Organisati- onsstrukturen der nationalsozialistischen Filmpropaganda. Volker Spiess, Berlin 1973, S.29

22 vgl. ebenda, S.29

23 Ciirlis, Hans. Zwei bedeutsame Reden auf dem Werbefilmkongress, Filmkurier, Nr.193, 15.8.1929

24 vgl. Zimmermann, Peter / Hoffmann, Kay (Hrsg.): Geschichte des dokumentari- schen Films in Deutschland. Band 2: Weimarer Republik (1918-1933). Ditzingen 2005. S.73

25 vgl. Hilmar Hoffmann, ,,Und die Fahne fiihrt uns in die Ewigkeit.“ Propaganda im NS-Film. Fischer, Frankfurt 1988, S. 83

26 vgl. Doge, Ulrich, Kulturfilm als Aufgabe. Hans Curlis (1889-1982), Potsdam 2005 [CineGraph Babelsberg, Reihe: Filmblatt-Schriften; Bd. 4], S.13

9

27 vgl. Doge, Ulrich, Kulturfilm als Aufgabe. Hans Ciirlis (1889-1982), Potsdam 2005 [CineGraph Babelsberg, Reihe: Filmblatt-Schriften; Bd. 4], S.14

28 vgl. Hilmar Hoffmann, ,,Und die Fahne fuhrt uns in die Ewigkeit“. Propaganda im NS-Film. Fischer, Frankfurt 1988, S. 85

29 vgl. Zimmermann, Peter / Hoffmann, Kay (Hrsg.): Geschichte des dokumentari- schen Films in Deutschland. Band 2: Weimarer Republik (1918-1933). Ditzingen 2005. S.73

30 vgl. ebenda, S.83-84

31 vgl. Hoffmann, Hilmar: ,,Und die Fahne fuhrt uns in die Ewigkeit“. Propaganda im NS-Film. Fischer, Frankffurt 1988, S.113

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Details

Titel
Das Kinoprogramm in Marburg im Zeichen der Gleichschaltungspolitik des "Dritten Reichs"
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2,1
Autor
Jahr
2015
Seiten
38
Katalognummer
V433496
ISBN (eBook)
9783668756779
ISBN (Buch)
9783668756786
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kinoprogramm, marburg, zeichen, gleichschaltungspolitik, dritten, reichs
Arbeit zitieren
Oliver Wendt (Autor), 2015, Das Kinoprogramm in Marburg im Zeichen der Gleichschaltungspolitik des "Dritten Reichs", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/433496

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