Ästhetische Programme der Post-/Moderne. Clement Greenberg, Jean-François Lyotard und Rosalind Krauss


Hausarbeit, 2015

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Ästhetische Perspektiven des 20. Jahrhunderts
2.1 Clement Greenberg: Selbstkritik zur Selbstdefinition
2.2 Jean-François Lyotard: Experimentieren mit Wirklichkeiten
2.3 Rosalind Krauss: Abwesenheit von Wirklichkeit, Offenlegung institutioneller Verhältnisse

3 Zeitformen der/des Post-/Moderne/n

4 Post-/Moderne Ästhetische Strategien und Objekte

5 Fazit

6 Quellen

1 Einleitung

„Wir stehen an der Grenzscheide zweier Welten; was wir schaffen, ist nur Vorbereitung auf ein künftiges Großes, das wir nicht kennen, kaum ahnen“.[1]

1921 beschrieb Moritz Geiger die »Ästhetik« als Wetterfahne im Wind der verschiedenen Disziplinen, die den Begriff diskutierten, sich aneigneten und durch Interpretationen für sich ertragreich machten – ähnliches kann für die Begriffe der »Post-/Moderne« behauptet werden[2]. Fragestellungen, die den Diskurs über die »Post-/Moderne« bewegen, handeln dabei in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext zumeist von einer Datierung von ihrem Ende oder Beginn, und charakterisieren sie somit als Epochenbegriff, oder sprechen von einem umfassenden Erfahrungsraum mit Erwartungshorizont als Zeitgeist. Eine weitere Betrachtungsweise der »Post-/Moderne« erfolgt aus einer sprachsystemischen, heuristischen Hilfskonstruktion von Gegensatzpaaren, die insbesondere die/das »Moderne« mit Eigenschaften wie dem Gegenwärtigen versus Vorherigen, Neuen versus Alten und Vorübergehenden versus Ewigen besetzen[3].

Aus dem Interesse der wissenschaftlichen Selbstreflexion wird in dieser Ausarbeitung die »Post-/Moderne«, was Kunst und Wissenschaft von der jeweils „Vorherigen“ differenziert und welchen Bedeutungen und Bedingungen das Kunstschaffen obliegt, betrachtet. Der Gegenstand der Analyse wird dabei auf die Positionen zwei bekannter u.s.-amerikanischer Kunstkritiker des 20. Jahrhunderts, Clement Greenberg (1909-1994) und Rosalind Krauss (1941–), sowie den französischen Philosophen Jean-François Lyotard (1924-1998) begrenzt. Zusammengenommen spiegeln sie Generationen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Weltkriege und ihre Folgen erlebten sowie eine zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Kunst und Wissenschaften „internationalisierte und interdisziplinär agierende“ Welt. Die Gegenüberstellung ihrer Textfragmente erfolgt in Bezug auf ihre Verständnisse der »Post-/Moderne« als Zeit sowie dem Kunstschaffen und damit verbundenen Konzepten der Ästhetik. Die Texte werden hierfür größtenteils in zeitlicher Chronologie präsentiert und diskutiert. In einem Fazit werden Ereignisse der Gegenüberstellung resümiert.

2 Ästhetische Perspektiven des 20. Jahrhunderts

2.1 Clement Greenberg: Selbstkritik zur Selbstdefinition

Clement Greenbergs Ausführungen zur Modernistischen Malerei werden 1960 erstmalig als Rundfunkbeitrag gesendet. Als Kunstkritiker fokussiert Greenberg die formal-ästhetischen Bedingungen einer modernistischen Malerei, die in ihrer Flächigkeit als medial-selbstreflexives Moment kulminieren. Das Ziel des greenbergschen Rundfunkbeitrags scheint die Vermittlung neuer formaler Regeln der (Bildenden) Kunst, ihrer Nähe zur Wissenschaft sowie ihres neuen selbstkritischen und damit modernistischen Charakters.

Greenberg geht von einem »Modernismus«-Begriff aus, der sich nicht mehr nur auf einzelne Künste sondern eine vorhandene Kultur bezieht, die neu, wahrhaftig und lebendig ist[4]. In dieser Konnotation als Kultur, Form oder Stil betrachtet Greenberg den »Modernismus« als bewusste Weiterentwicklung, die zum Teil Traditionen auflöst, aber nicht mit der Vergangenheit bricht.[5] Anhand der Kunst der Alten Meister, Impressionisten und Kubisten erläutert er die Auf- und Ablösungen von Darstellungsformen, ohne der modernistischen Kunst bzw. dem »Modernismus« dadurch eine zeitliche oder epochale Bedeutung beizumessen. Stattdessen definiert Greenberg seinen »Modernismus«-Begriff durch eine Methode; die kantsche Selbstkritik. Die Selbstkritik entlehnt sich damit historisch der Aufklärung und ihrer (externen) Kritik und agiert in Abgrenzung zu dieser innerhalb der eigenen disziplinären Regeln und Grenzen zur Selbststärkung[6]. Diese innere Kritik parallelisiert Greenberg auch mit modernen wissenschaftlichen Methoden, an die sich die »modernistische Kunst« annähere.[7] Neben der Herausstellung dass Kunst und Wissenschaft an „derselben spezifischen Tendenz unserer Kultur“[8] teilhaben, legitimiert Greenberg durch die Gleichstellung wechselseitig beide Disziplinen. Die Begriffsverwendung von »modernistischer Kunst« und „moderner Wissenschaft“ verweist darüber hinaus darauf, dass nur die Künste (Literatur, Theater, Bildende Kunst, Musik) dem von ihm verwendeten »Modernismus« unterstehen.

In der Beschreibung modernistischer Künste verwendet Greenberg weder den Begriff der Ästhetik noch der Schönheit. Auf formaler Ebene sollen die einzelnen Künste durch Selbstkritik zum Kerncharakteristikum ihres Mediums finden. Die modernistische Malerei widerstehe daher dem Skulpturalen, dem Darstellenden und Literarischen mit dem Ergebnis der Abstraktion. Diese müsse laut Greenberg aber noch ins non-figurative gesteigert werden. Die Flächigkeit stellt die alleinige Bedingung dar, die die Malerei mit keiner anderen Kunst teile[9]. Ausgehend von der optischen Erfahrung, die die impressionistische Malerei entfaltete, entwickelt Greenberg ein Konzept der Rezeptionsästhetik modernistischer Malerei; die Betonung von Farbe und Flächigkeit ermöglicht das Durchwandern des Bildraumes mit den Augen. Dass diese Form nicht radikal anders ist und keinen Bruch mit vorigen Normen bedeutet und bedeuten kann, stellt Greenberg als ständig enttäuschte Erwartung heraus[10]. Kunstkritiker und Kunsthistoriker seien noch tradierten Normen der Kunstproduktion verhaftet und hinken der modernistischen Malerei nach. Doch ist es auch diese tradierte und historisierte Kunst, die die Existenz, Qualität und Substanz der modernistischen Malerei definiert und ihr ihre Berechtigung gibt. Obwohl Greenberg Kants »Kritik«-Begriff zur Selbstdefinition verwendet, rezipiert er dessen Wahrnehmungslehre nicht.

2.2 Jean-François Lyotard: Experimentieren mit Wirklichkeiten

Mit seinem Beitrag „Die Beantwortung der Frage: Was ist postmodern?“ (1988) reagiert Jean-François Lyotard auf die Dankesrede von Jürgen Habermas zum Erhalt des Adorno-Preises über „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“[11] und charakterisiert die Post-/Moderne als selbstreflexiv in Bezug auf ihre Un- und Vorzeitigkeit in Schaffen und Denken.

Lyotard diskutiert Habermas’ Idee einer gescheiterten Moderne, indem er Erwartungen von Wissenschaftlern und Intellektuellen subsumiert, den möglichen Erfahrungsraum als durch den Kapitalismus destabilisiert identifiziert und dennoch oder deshalb einen Raum zum Experimentieren und Erkunden mit und von Wirklichkeiten als vorhanden bestimmt. Die (Re-)Produktion von Realismen untersteht dabei den Repräsentationsmitteln (Künsten). Diese untersucht Lyotard nach politischen und ökonomistischen Intentionen, um schließlich den Verbleib des Erhabenen in den Künsten zu diskutieren. Diese Argumentationsstruktur dient seiner Beschreibung des Verhältnisses von Moderne und Postmoderne und ihren Programmen.

Lyotards Problem stellt der Ausruf von zeitgenössischen Wissenschaftlern und Intellektuellen vom „Ende des Experimentierens“ dar; sie forderten Einheit, Identität und Sicherheit in den Künsten. In seiner Rezeption von Habermas steht dieser auf ähnlichem Posten und betrachtet die Postmoderne als eine, die sich von der Aufklärung ablöst, zersplittert und Kultur und Leben voneinander trenne, weshalb die ästhetische Erfahrung als rettender Moment entgegenwirken müsse. Jedoch identifiziert Lyotard eine vorhandene Vielfalt von Wirklichkeitseffekten, die unter anderem durch neue Reproduktionsmedien wie Fotografie und Film vervielfacht wurden. So werden Wirklichkeiten wie soziale Rollen und Institutionen durch eine kapitalistische Bildmaschinerie zu Sehnsuchtsorten oder ironischen Abbildern verkommen. Im Zuge dessen charakterisiert Lyotard die Moderne als „eine Erschütterung des Glaubens“ durch die „Erfindung anderer Wirklichkeiten“ sowie durch „die Entdeckung [...], wie wenig wirklich die Wirklichkeit ist“[12].

Diese Definition von Moderne und ihrer Ästhetik baut Lyotard auf Kants Erhabenem auf, das aus einer ästhetischen Erfahrung resultiert und das Gefühl zwiespältiger Affektion, basierend auf einer Vorstellung ohne Darstellung, beschreibt. Denkvermögen und Gefühl des Schönen stimmen darin nicht überein. Das Nichtsichtbare wird in der modernen Kunst sichtbar gemacht, indem es als abwesender Inhalt referiert wird. Die Form jedoch bleibt erkennbar und spendet Trost. Trotzdem entspräche dieses Ambivalenzgefühl im Betrachter beim Anblick moderner Kunst nicht dem des kantschen Erhabenen.

Die Postmoderne und ihre Ästhetik als „permanente Geburt der Moderne“ findet sich hingegen im Nicht-Darstellbaren wieder, was das Gefühl der Existenz eben dessen evozieren soll. Wie eine Avantgarde, die tradierte Normen und Konventionen disqualifiziert, muss die Postmoderne neue Regeln der Kunstschöpfung im Kunstschaffen selbst erstellen. Die Suche nach Darstellungsformen und Konventionen erscheinen ereignishaft, da sie vorzukünftig etwas denken bzw. etablieren. In dieser Vorzukünftigkeit liegt unter anderem das Unvermögen der Postmoderne eine Wirklichkeit darzustellen oder zu liefern, sie kann nur auf sie anspielen. In der Verbindung von Leben als Wirklichkeit(en) und ihrer Repräsentation in Kunst und Medien verschränkt Lyotard Konzepte der Post-/Moderne mit der Erfindung, der Entdeckung und dem Experiment.

2.3 Rosalind Krauss: Abwesenheit von Wirklichkeit, Offenlegung institutioneller Verhältnisse

In einem Aufsatz „Poststructuralism and deconstruction“ im u.s.-amerikanischen Nachschlagewerk der Gegenwartskunst Art Since 1900 (2011)[13]

[...]


[1] Friedrich Michael Fels, ‘Die Moderne (1891)’, in Gotthart Wunberg (Hg.), Die literarische Moderne: Dokumente zum Selbstverständnis der Literatur um die Jahrhundertwende, Freiburg im Breisgau: Rombach, 1998, S.131–137, hier S.133.

[2] Siehe Moritz Geiger, ‘Ästhetik’, in Moritz Geiger, Klaus Berger und Wolfhart Henckmann, Die Bedeutung der Kunst, Zugänge zu einer materialen Wertästhetik, Gesammelte aus dem Nachlass ergänzte Schriften zur Ästhetik, München: Fink, 1976, S.312. Siehe auch Hans Ulrich Gumbrecht, ‘Modern, Modernität, Moderne’, in Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck und Arbeitskreis für Moderne Sozialgeschichte (Hrsg.), Mi - Pre, Geschichtliche Grundbegriffe, historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 4, Stuttgart: Klett-Cotta, 1997, S.93–131.

[3] Siehe hierzu Gumbrecht, ‘Modern, Modernität, Moderne’, S.95f.

[4] Vgl. Clement Greenberg, ‘Modernistische Malerei (1960)’, in Clement Greenberg, Karlheinz Lüdeking und Christoph Hollender, Die Essenz der Moderne: Ausgewählte Essays und Kritiken, Hamburg: Philo Fine Arts, 2009, S.265–278, hier 265.

[5] Vgl. Greenberg, ‘Modernistische Malerei (1960)’, S.276ff.

[6] Siehe Greenberg, ‘Modernistische Malerei (1960)’, S.265f.

[7] Siehe Greenberg, ‘Modernistische Malerei (1960)’, S.275.

[8] Greenberg, ‘Modernistische Malerei (1960)’, S.275.

[9] Vgl. Greenberg, ‘Modernistische Malerei (1960)’, S.268.

[10] Siehe Greenberg, ‘Modernistische Malerei (1960)’, S.278.

[11] Ebenfalls wie Lyotard im Sammelband von Wolfgang Welsch; Jürgen Habermas, ‘Die Moderne – ein unvollendetes Projekt’, in Wolfgang Welsch und Jean Baudrillard (Hrsg.), Wege aus der Moderne: Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion, Weinheim: VCH, 1988, S.177–192.

[12] Beide Zitate Jean-François Lyotard, ‘Beantwortung der Frage: Was ist Postmodern?’, in Wolfgang Welsch und Jean Baudrillard (Hrsg.), Wege aus der Moderne: Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion, Weinheim: VCH, 1988, S.193–203, hier 199. Betonung (kursiv) im Original.

[13] Ersterscheinung der Publikation 2004, in der Untersuchung wird die Auflage von 2011 verwendet.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Ästhetische Programme der Post-/Moderne. Clement Greenberg, Jean-François Lyotard und Rosalind Krauss
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Veranstaltung
Konzepte der Moderne
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V433512
ISBN (eBook)
9783668755604
ISBN (Buch)
9783668755611
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ästhetik, Moderne, Postmoderne, Greenberg, Krauss, Lyotard, Zeittheorie
Arbeit zitieren
Laura Kowalewski (Autor), 2015, Ästhetische Programme der Post-/Moderne. Clement Greenberg, Jean-François Lyotard und Rosalind Krauss, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/433512

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