Medien Macht Moderne. Kittlers Aufschreibesysteme 1800/1900


Hausarbeit, 2014
16 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Diskurs und Dekonstruktion
2.1 Foucaults Ordnung des Diskurses
2.2 Derridas Dekonstruktion

3 Medien bestimmen Lage
3.1 Kittlers Netzwerke und Doppelgänger
3.2 Medien Wissen Macht
3.3 Medien versus Kultur der Moderne

4 Fazit

5 Quellen

1 Einleitung

In seinen Préjugés fragte Jacques Derrida einst »Comment juger – Jean-Franҫois Lyotard?«[1], um im Anschluss vielmehr die Frage an sich zu thematisieren und nach seiner Praxis zu dekonstruieren. In einer ähnlich dekonstruktiven Praxis widmet sich diese Ausarbeitung der Habilitationsschrift Aufschreibesysteme 1800/1900 Friedrich Kittlers. Folgt man der klassischen Dreiteilung eines künstlerischen Œuvres, wie auch Gumbrecht, Partington und Winthrop-Young sie für Kittlers Werk vornehmen, sind dessen Aufschreibesysteme zu seinem Frühwerk zu zählen[2]. Jedoch hinterlässt Kittlers (künstlerisches) Werk die Wissenschaftswelt im Zwiespalt. Sowohl Inhalt, dem er selbst widersprach, als auch seine – manche möchten gar sagen „fehlende“ – Methodik lassen von ihm aufgestellte Thesen umstritten zurück.

Sich Kittlers Theorie anzunähern, wie es hier geschieht, heißt zugleich, in seine Theorie einzutauchen, um aus ihr mit neuen Erkenntnissen durch Reflexion wieder aufzuerstehen. Es scheint für die hier vorgenommene Dekonstruktion kein eindeutiges Alpha und Omega zu geben. Ein Anfang muss mit dieser Einleitung dennoch geschaffen werden:

Friedrich Adolf Kittler, so liest sich sein Geburtsname, ist 1943 im national-sozialistischen Deutschland zur Zeit des zweiten Weltkriegs geboren. Er studierte zunächst Philosophie, wechselte dann in die Germanistik und wird heutzutage – im 21. Jahrhundert – unter allerlei Labels geführt; Philosoph, Medienhistoriker, Literaturwissenschaftler, Medienphilosoph oder Kulturwissenschaftler. Allein die Problematik sein Werk und damit sein Wissen einzuordnen, verweisen auf seinen engen (z.T. auch persönlichen) Bezug zu den französischen, poststrukturalistischen Theoretiker_innen und Programmen, die er selbst auch immer wieder schriftlich explizierte. Zu seinen Freunden (im Geiste) zählt Kittler besonders Derrida, Foucault und Lacan. Deren Überlegungen zu Wissenskonstruktion, Diskurs(re)produktion und Wissen als Form von Macht dienen der hier vorgenommenen Kontextualisierung und Dekonstruktion Kittlers Aufschreibesysteme im doppelten Sinne. So kann Derridas Dekonstruktion des Gattungsunterschieds von Philosophie und Literatur als Analogie zu Kittlers neuer Geschichtsschreibung gelesen werden, die in seinen Abhandlungen von Antike bis Moderne eben jenes Verhältnis unter den neuen Begriff der Medien setzt. Inwiefern diese Mediengeschichte als Kulturgeschichte Europas gelesen werden kann, soll die vorliegende Ausarbeitung abschließend diskutieren.

2 Diskurs und Dekonstruktion

Nicht nur Kittlers eigene Referenz auf folgende Autoren oder seine Inanspruchnahme ihrer Theorien und ihres Vokabulars machen die Diskurstheorie Foucaults und die Dekonstruktion Derridas fruchtbar für die vorliegende Auseinandersetzung, sondern auch ihr Anspruch einer unendlichen Reflexion und Kontextualisierung des Wissens im Sinne einer Bewusstwerdung und Bewusstseinserweiterung. An dieser Stelle wird daher ein kurzer Überblick über die Programme Derridas und Foucaults gegeben, um sie schließlich in Kapitel 3 auf Kittlers Schriften und eigenen Kontext anzuwenden.

2.1 Foucaults Ordnung des Diskurses

In Die Ordnung des Diskurses (1970) manifestiert sich Foucaults Diskursverständnis, welches Generationen poststrukturalistischer Programme nach ihm prägen sollte. Sein Diskursbegriff umfasst Sagbarkeiten und Unsagbarkeiten, die durch die Gesellschaft kontrolliert und re-produziert werden. Sie stellen die Il-/Legitimitäten dar, die die Diskurse bändigen oder entfesseln können, »[ihr] unberechenbar Ereignishaftes […] bannen, [ihre] schwere und bedrohliche Materialität […] umgehen«[3] können. Zur Kontrolle der Diskurse benennt Foucault Einschränkungen von Innen und Außen, sowie die Bedingungen des Diskurses selbst. Es handelt sich bei diesen Kontrollinstanzen um Ausschließungs- und Verknappungssysteme, die die Möglichkeit der Teilhabe am Diskurs beschränken. Doch auch die Zahl sprechender Subjekte unterliegt einer Verknappung durch die Bedingungen des Diskurses. Um derlei komplex strukturierte Sprechakte „wissenschaftlich zu legitimieren“, fordert Foucault daher zur Diskursanalyse zur Infragestellung des Willens zur Wahrheit auf. Ebenso müsse der ereignishafte Charakter des Diskurses anerkannt und die Souveränität des Signifikanten aufgehoben werden. Schließlich dient die Analyse nicht der Sinnenthüllung, sondern der Enthüllung der Wechselbeziehung von Knappheit und Affirmation[4].

2.2 Derridas Dekonstruktion

Derrida geht in seiner dekonstruktiven Praxis genau diesen von Foucault wohl als diskursiv gemachten Fakten und Begriffen nach, um sie wieder ihrer festgeschriebenen Bedeutung zu befreien. Entgegen der üblichen hermeneutischen Werkanalyse verspricht die Dekonstruktion eine Auseinandersetzung und Auseinandernehmen des Begriffs im buchstäblichen Sinne.

»Die Dekonstruktion besteht [also] nicht darin, von einem Begriff zu einem anderen überzugehen, sondern darin, eine begriffliche Ordnung ebenso wie die nicht-begriffliche Ordnung, an der sie sich artikuliert, umzukehren und zu verschieben.«[5]

Diese Umkehrung und Verschiebung von Ordnungssystemen und Hierarchien bearbeitet Derrida vor allem an Hand des Gattungsunterschieds der Philosophie und Literatur sowie ihrer sprachlichen Züge. Die Reflexion kanonisierter Begriffe und kategorialer Differenzen verwandelt Derrida dabei in eine Reflexion der philosophischen Sprache, deren un-/mögliche Existenz und den Entzug ihres identifikatorischen Charakters[6]. In Derridas Dekonstruktion sollen »Grenzen und Differenzen […] nicht getilgt werden, sondern vielmehr selbst als ein konstitutives Moment des Philosophierens hervortreten.«[7] Somit steht Derrida in der Tradition der Kritik moralischer Werte – beispielsweise „Wahrheit“ und „Gerechtigkeit“ – und ihrer Schöpfung qua diskursiver Distinktion, wie auch schon Freud und Nietzsche sie vornahmen[8].

3 Medien bestimmen Lage

Das Sprechen über Kittlers Thesen ist eine Herausforderung, da es eine kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Bezug zu poststrukturalistischen Theorien diskutiert, produziert und reproduziert[9]. Kittler – auch als »the derrida of the digital age«[10] bezeichnet – verstand seine Worte, im Anschluss an Nietzsches Sprachtheorie und Derridas Dekonstruktion als zu Beispielen und Metaphern gleichwertige „Realitäten“[11]. Die von ihm renovierte Literaturwissenschaft sollte keine beliebigen Interpretationen anstellen. Die stete Sinnsuche zwischen den Zeilen verschmähte er. Kittler betrachtete das Medium als Nachricht[12]. Sein Status als Hermeneutikträger Speichern, Verarbeiten und Übertragen zu können formiert Kittlers mittleren Medienbegriff, den er »dem« und »wie den Begriff« der »Aufschreibesysteme« aus Schrebers Denkwürdigkeiten entlehnte. Kittler selbst sieht in diesen Systemen „ein gutes Wort, um Literaturgeschichte auf einer elementaren Ebene zu treiben – als Geschichte der Praktiken, deren Zusammenspiel eine Schriftkultur ausmacht.“[13] Kittlers Idee, die gegen die induktive Methode der Literaturwissenschaft rebelliert, wird daher von Kittler-positiven Wissenschaftler_innen mit einer „vierten Kränkung der Menschheit“ gleichgesetzt. Nicht mehr die Geschichte und sozialen Umstände beeinflussen die Autor_innen, deren Werke in der Literaturwissenschaft interpretiert werden, sondern die technischen Gegebenheiten, das mediale Dispositiv, führen die Autor_innen zu dem, was sie verfassen.

Diese Grundsätze der kittlerianischen Geschichtsschreibung werden in Kapitel 3.1 beispielhaft in Bezug auf das Nachrichtennetzwerk und Doppelgänger_innentum nachskizziert und auf neue Verbindungslinien und mögliche Aktualisierungen überprüft. Im Anschluss an die detaillierte Betrachtung und Re-Produktion des medialen Dispositivs wird Kittlers Mediendeterminismus mit Foucaults Wissens- und Machtbegriff analysiert und verbunden (Kapitel 3.2). Die mehrfache Reflexion und Dekonstruktion dieser (poststrukturalistischen) Theorien führen schließlich in Kapitel 3.3 zu einer chronologisch breiter gespannten Kontextualisierung und betrachten Kittlers Medienbegriff als Pendant zum Kulturbegriff der Moderne.

3.1 Kittlers Netzwerke und Doppelgänger

Kittlers Aufschreibesystem e skizzieren jeweils mediendeterminierte Jahrhundertwenden. Begonnen mit dem System um 1800 verkündet Kittler, dass es zu diesem Zeitpunkt »für serielle Daten kein Medium außer der Sprache«[14] gab. Während zuvor noch das entsprechende Machtmonopol bei Kirche und Klöstern lag, so verschob sich das Wissensmonopol durch die Mechanisierung und den Grad der Verbreitungsoptionen. Zum einen schreibt Kittler diesen Umbruch ins Universitätssystem mit steigendem Rang der Philosophie ein, zum anderen kommen Speichertechniken auf, da das Löschen und Ersetzen von Daten gefragt wird. Zur Zeichnung dieses Systems zieht Kittler den Roman Heinrich von Ofterdingen heran, er dient ihm als Projektionsfläche des Nachrichtennetzwerks um 1800. Der in zwei Teilen – Erwartung und Erfüllung – veröffentlichte Roman wird von Kittler als Abbild der Komplexitätsreduktion bzw. dem Wunsch nach jener gelesen. In sogenannten »Miniaturabbildungen« werden Nebenhandlungen erzählt, die ebenso von Derrida als Metaphern bezeichnet werden könnten. Schließlich verfolgt Kittler aber nicht in erster Linie die Dekonstruktion von Signifikant und Signifikat – wie er es in der Traumdeutung der Hauptperson mit der »Blauen Blume« hätte en detail verfolgen können, sondern die Verbindungslinien von Mensch zu Medien. Jedoch wird die Traumdeutung Freuds Kittler in den Aufschreibesystemen noch beschäftigen, ebenso wie dessen Psychoanalyse um 1900. Im Nachrichtenfluss um 1800 aber liegt der Fokus laut Kittler auf der Dichtung, da sie mit technischer Präzision der Übersetzung, dem von ihm benannten Demultiplexen dient. Kittler erhebt in diesem Zuge gar die Rede von der Einbildungskraft als Diskurselement. Die Schrift (in der Einbildungskraft) bestimmt das Nachrichtensystem ohne als solche sichtbar zu sein. Beispielhaft belegt Kittler diesen Umstand am innerlichen Lesen. Die Dichter_innenwelt als Verbindung von Wirklichkeit und Einbildungskraft koppelt Kittler an die Philosophie. Beiderlei Diskursformationen greifen ineinander, wie Derrida schließlich die Gattungsunterschiede dekonstruieren wird bzw. hat. Allerdings verschreibt Kittler um 1800 der Philosophie die Legitimationsmacht über die Dichtung zu, sie sei die höchste Wissensform und Diskursmacht gewesen, (da sie) die Dichtung interpretierte.

Das Wissensmonopol wurde im Aufschreibesystem 1800 durch verstaatlichte Erziehungssysteme verschoben (Fibel statt Bibel). Besonders beachtlich scheint Kittler dabei die Herausbildung des Fachs Deutsch, welches der Vorbildung zu Philosophie und als diskursive Institution zugleich fungierte[15]. Die Sprache erhielt aber nicht nur auf Signifikat-Ebene eine Aufwertung, sondern ebenso in der Schriftlichkeit. Die Schiefertafel mit der Daten (Text) gelöscht (weggewischt) werden konnten gilt nach Kittler als Befreiungsmoment der Schreibenden. Weiterhin ist „die Frau“ durch ihre pädagogische Aufgabe zum Ursprung des Diskurses erhoben. So erklärt Kittler das Primat der Schrift über der Sprache und nimmt von Nietzsche und Derrida diskutiertes Bild des „in die Sprache/den Diskurs geboren Werdens“ wörtlich.

An Hand der Dichtung der Romantik und dem »Doppelgänger«_in-Motiv spannt Kittler schließlich den Bogen zwischen den zwei Aufschreibesystemen zur Psychoanalyse und später zum Film. Begonnen mit den Erscheinungen von Chamiso notiert Kittler die Doppelgänger_innen ähnlich dem innerlichen Lesen als Form der Einbildungskraft der Erzählfigur sowie der Leser_innen. Dieser Glaube an Doppelgänger_innen basiert aber zunächst auf dem Glauben an die Worte an sich um 1800. Eine Halluzination erhält ihre Wahrhaftigkeit oder Legitimation durch ihr Druckzeichen (Signifikant). Im Umkehrschluss legt Kittler deshalb offen, dass nur die/der die Fähigkeit Doppelgänger_innen zu erkennen besitzt, die/der zuvor die Lesekompetenz erworben hat. Das identifikatorische Moment der Leser_innen mit den Figuren und ihren Doppelgänger_innen im Anschluss an die Alphabetisierung um 1800 nennt Lacan abwertend eine »alphabêtise«. Seine Theorie des Selbstbewusstseins im Spiegelstadium findet später im Aufschreibesystem 1900 Kittlers Aufmerksamkeit. Das Motiv der Doppelgänger_innen dient hier als Verbindungselement, welches beide Systeme Kittlers kennzeichnet.

[...]


[1] Derrida et al. (2010): S.11.

[2] Siehe Partington (2012), Winthrop-Young (2011).

[3] Foucault, Konersmann (2003): S.10f.

[4] Vgl. Dies.: S.44.

[5] Derrida, Engelmann, Ahrens (1988): S.314.

[6] Vgl. Elberfeld (2006): S.240.

[7] Elberfeld (2006): S.240.

[8] Vgl. Lüdemann (2011): S.36f.

[9] So schreibt Kittler (1980 12) selbst „Die poststrukturalistischen Programme sind nicht geschrieben, um referierbar zu werden. Wirksamer ist es, sie ins Spiel zu bringen.“

[10] Partington (2012): S.66.

[11] Diese Metaphern sollen nicht interpretiert werden, obwohl Ähnlichkeiten sichtbar/fühlbar für Leser_innen sind. Siehe hierzu Adorno (1977 255) über Kafkas Werk: „Jeder Satz spricht: deute mich, und keiner will es dulden.“

[12] Siehe hierzu Kittler (2012): S.122 im Anschluss an McLuhan.

[13] Kittler (2012): S.117.

[14] Kittler, Gumbrecht (2013): S.137.

[15] Vgl. Kittler, Gumbrecht (2013): S.151,156.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Medien Macht Moderne. Kittlers Aufschreibesysteme 1800/1900
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (ICAM)
Veranstaltung
Aufschreibesysteme 1800/1900. Die Medientheorie Friedrich Mittlers
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V433548
ISBN (eBook)
9783668760202
ISBN (Buch)
9783668760219
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medientheorie, Medienwissenschaften, Medienwissenschaft, Kittler, Friedrich Kittler, Moderne, Medien, Macht, Foucault, Diskurs, Derrida, Dekonstruktion, Netzwerk, Doppelgänger, Wissen, Kultur, Aufschreibesysteme
Arbeit zitieren
Laura Kowalewski (Autor), 2014, Medien Macht Moderne. Kittlers Aufschreibesysteme 1800/1900, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/433548

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Medien Macht Moderne. Kittlers Aufschreibesysteme 1800/1900


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden