In seinen Préjugés fragte Jacques Derrida einst »Comment juger – Jean-Franҫois Lyotard?«, um im Anschluss vielmehr die Frage an sich zu thematisieren und nach seiner Praxis zu dekonstruieren. In einer ähnlich dekonstruktiven Praxis widmet sich diese Ausarbeitung der Habilitationsschrift Aufschreibesysteme 1800/1900 Friedrich Kittlers. Folgt man der klassischen Dreiteilung eines künstlerischen OEuvres, wie auch Gumbrecht, Partington und Winthrop-Young sie für Kittlers Werk vornehmen, sind dessen Aufschreibesysteme zu seinem Frühwerk zu zählen. Jedoch hinterlässt Kittlers (künstlerisches) Werk die Wissenschaftswelt im Zwiespalt. Sowohl Inhalt, dem er selbst widersprach, als auch seine – manche möchten gar sagen „fehlende“ – Methodik lassen von ihm aufgestellte Thesen umstritten zurück.
Sich Kittlers Theorie anzunähern, wie es hier geschieht, heißt zugleich, in seine Theorie einzutauchen, um aus ihr mit neuen Erkenntnissen durch Reflexion wieder aufzuerstehen. Es scheint für die hier vorgenommene Dekonstruktion kein eindeutiges Alpha und Omega zu geben. Ein Anfang muss mit dieser Einleitung dennoch geschaffen werden:
Derrida, Foucault und Lacan. Deren Überlegungen zu Wissenskonstruktion, Diskurs(re)produktion und Wissen als Form von Macht dienen der hier vorgenommenen Kontextualisierung und Dekonstruktion Kittlers Aufschreibesysteme im doppelten Sinne. So kann Derridas Dekonstruktion des Gattungsunterschieds von Philosophie und Literatur als Analogie zu Kittlers neuer Geschichtsschreibung gelesen werden, die in seinen Abhandlungen von Antike bis Moderne eben jenes Verhältnis unter den neuen Begriff der Medien setzt. Inwiefern diese Mediengeschichte als Kulturgeschichte Europas gelesen werden kann, soll die vorliegende Ausarbeitung abschließend diskutieren.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Diskurs und Dekonstruktion
2.1 Foucaults Ordnung des Diskurses
2.2 Derridas Dekonstruktion
3 Medien bestimmen Lage
3.1 Kittlers Netzwerke und Doppelgänger
3.2 Medien Wissen Macht
3.3 Medien versus Kultur der Moderne
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, Friedrich Kittlers Habilitationsschrift Aufschreibesysteme 1800/1900 einer dekonstruktiven Analyse zu unterziehen und in den Kontext medientheoretischer Diskurse zu stellen. Dabei wird untersucht, inwiefern Kittlers mediendeterministischer Ansatz die traditionelle Literatur- und Kulturwissenschaft herausfordert und welche Rolle Medien als konstitutive Akteure für Wissensordnungen spielen.
- Kittlers medientheoretische Konzepte und deren historische Einordnung
- Die Anwendung poststrukturalistischer Theorien von Foucault und Derrida auf Kittlers Werk
- Die Analyse von Nachrichtennetzwerken und dem Doppelgänger-Motiv
- Das Spannungsfeld zwischen Medien, Macht, Wissen und der kulturellen Moderne
- Die kritische Reflexion des Medienterminus als Ersatz für sozialdeterministische Geschichtsschreibung
Auszug aus dem Buch
3.1 Kittlers Netzwerke und Doppelgänger
Kittlers Aufschreibesysteme skizzieren jeweils mediendeterminierte Jahrhundertwenden. Begonnen mit dem System um 1800 verkündet Kittler, dass es zu diesem Zeitpunkt »für serielle Daten kein Medium außer der Sprache« gab. Während zuvor noch das entsprechende Machtmonopol bei Kirche und Klöstern lag, so verschob sich das Wissensmonopol durch die Mechanisierung und den Grad der Verbreitungsoptionen. Zum einen schreibt Kittler diesen Umbruch ins Universitätssystem mit steigendem Rang der Philosophie ein, zum anderen kommen Speichertechniken auf, da das Löschen und Ersetzen von Daten gefragt wird. Zur Zeichnung dieses Systems zieht Kittler den Roman Heinrich von Ofterdingen heran, er dient ihm als Projektionsfläche des Nachrichtennetzwerks um 1800. Der in zwei Teilen – Erwartung und Erfüllung – veröffentlichte Roman wird von Kittler als Abbild der Komplexitätsreduktion bzw. dem Wunsch nach jener gelesen.
In sogenannten »Miniaturabbildungen« werden Nebenhandlungen erzählt, die ebenso von Derrida als Metaphern bezeichnet werden könnten. Schließlich verfolgt Kittler aber nicht in erster Linie die Dekonstruktion von Signifikant und Signifikat – wie er es in der Traumdeutung der Hauptperson mit der »Blauen Blume« hätte en detail verfolgen können, sondern die Verbindungslinien von Mensch zu Medien. Jedoch wird die Traumdeutung Freuds Kittler in den Aufschreibesystemen noch beschäftigen, ebenso wie dessen Psychoanalyse um 1900. Im Nachrichtenfluss um 1800 aber liegt der Fokus laut Kittler auf der Dichtung, da sie mit technischer Präzision der Übersetzung, dem von ihm benannten Demultiplexen dient.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Habilitationsschrift Kittlers ein und verortet sie im poststrukturalistischen Diskurs unter Rückgriff auf Derrida und Foucault.
2 Diskurs und Dekonstruktion: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Diskurstheorie von Foucault und der Dekonstruktion von Derrida, die als analytisches Instrumentarium für die Untersuchung dienen.
3 Medien bestimmen Lage: Dieses Hauptkapitel analysiert Kittlers Thesen zur Medientechnik als bestimmenden Faktor für menschliches Wissen und kulturelle Entwicklung.
3.1 Kittlers Netzwerke und Doppelgänger: Der Fokus liegt auf der mediengeschichtlichen Verschiebung um 1800 und der Funktion von Literatur sowie dem Doppelgänger-Motiv innerhalb der Aufschreibesysteme.
3.2 Medien Wissen Macht: Die Untersuchung befasst sich mit der Verflechtung von Wissensgenerierung, Machtstrukturen und medialer Speicherung, illustriert am Fallbeispiel Schreber/Flechsig/Freud.
3.3 Medien versus Kultur der Moderne: Dieses Kapitel kontextualisiert Kittlers Medienbegriff innerhalb der Debatten um Kultur, Moderne und Krisendiagnosen der Jahrhundertwende.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet Kittlers medientheoretischen Beitrag als radikale, wenn auch elitäre Umkehrung des Sozialdeterminismus.
Schlüsselwörter
Friedrich Kittler, Aufschreibesysteme, Medientheorie, Poststrukturalismus, Michel Foucault, Jacques Derrida, Mediendeterminismus, Diskursanalyse, Wissensmonopol, Doppelgänger-Motiv, Literaturgeschichte, Kultur der Moderne, Technikgeschichte, Psychoanalyse, Medienmacht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Friedrich Kittlers Habilitationsschrift Aufschreibesysteme 1800/1900 und dekonstruiert dessen medientheoretische Thesen zur Wirkung von Medientechnologien auf die menschliche Kultur.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte der Medien, die poststrukturalistische Theoriebildung, das Verhältnis von Macht und Wissen sowie die mediale Determinierung menschlichen Denkens.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die kritische Kontextualisierung von Kittlers Werk durch eine dekonstruktive Praxis, um dessen Beitrag zum Verständnis von Medien als kulturelle Aktanten herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin wendet eine dekonstruktive Analyse an, die sich an der Arbeitsweise von Jacques Derrida orientiert und diese mit Foucaults diskursanalytischen Konzepten verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden Kittlers theoretische Ansätze in drei Kapiteln detailliert untersucht: die historische Verschiebung der Medien um 1800, der Komplex aus Wissen und Macht sowie die Beziehung von Medien zu Konzepten der Moderne.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Kittler, Aufschreibesysteme, Medientheorie, Poststrukturalismus, Wissensmonopol und Mediendeterminismus sind die prägenden Begriffe.
Welche Rolle spielen die historischen Fallbeispiele für Kittler?
Kittler nutzt Beispiele wie den Fall Schreber oder den Roman Heinrich von Ofterdingen als "Realitäten", um seine Thesen zur Funktionsweise von Nachrichtensystemen und deren medientechnische Fundierung zu belegen.
Wie unterscheidet sich Kittlers Ansatz laut der Autorin von anderen Theorien?
Kittler stellt den Mediendeterminismus in den Vordergrund, wodurch das Medium zum primären Akteur wird, während der Mensch als determiniertes Subjekt innerhalb dieses Systems erscheint.
Wie wird das "digitale Ich" im Kontext der heutigen Medien diskutiert?
Die Arbeit zieht eine Parallele zwischen dem historischen Doppelgänger-Motiv und der heutigen Selbst-Profilierung in sozialen Netzwerken, wobei das Smartphone als externe Speicherinstanz fungiert.
Welche abschließende Bewertung nimmt die Autorin zu Kittlers Werk vor?
Die Autorin sieht in Kittlers Werk eine elitäre, aber bedeutende Umkehrung des vorherrschenden Diskurses, die trotz ihrer Nähe zum Regelkorsetts der Academia einen subversiven Kern bewahrt.
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- Laura Kowalewski (Author), 2014, Medien Macht Moderne. Kittlers Aufschreibesysteme 1800/1900, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/433548