Gregor der Große und das Patrimonium Petri in Sizilien und Sardinien


Bachelorarbeit, 2017

67 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Historischer Kontext
2.1 Einfall der Hunnen und daraus resultierende Völkerwanderung
2.2 Politische Situation Roms

3. Die Person: Gregor der Große
3.1 Kurzbiographie zu Gregor
3.2 Gregors Zeit im Staatsdienst
3.3 Gregor als Mönch und Diakon
3.4 Gregors Einstand in das Pontifikat

4. Großgrundbesitz zur Zeit Gregors
4.1 Allgemeines zum Großgrundbesitz
4.2 Das Patrimonium Petri

5. Das Patrimonium Petri in Sizilien und Sardinien

6. Fazit / Schlussbemerkung

7. Literaturverzeichnis/Quellen

8. Anhang: Gregors Briefe

1. Einleitung

Vor der Zeit Gregors des Großen war Europa, wie wir es heute kennen in den Grundfesten erschüttert. (...) ein ethnischer, kultureller und religiöser Flickenteppich, der sich additiv aneinanderreihte, aber keinen den Gesamtraum übergreifenden Zusammenhalt besaß (...)[1]. Ausgehend vom Einfall der Hunnen in das römische Reich beginnt die Zeit der ,Völkerwanderung‘ und somit eine über mehrere Jahrhunderte andauernde Zeit der Eroberungen des römischen Imperialgebiets. Doch schon vor dem Hunneneinfall, welcher auf 375/376 datiert wird, siedelt sich ein germanisches Volk neben dem Römischen Reich an; Die Goten. Europa war also den Einflüssen „fremder Kulturen und deren Religionen“[2] ausgesetzt. Doch nicht nur fremde Kulturen, fremde Glaubens-richtungen und drohende Eroberungen des eigenen Grundbesitzes ließen Rom wanken. Auch eine große Pestwelle bedrohte den Zusammenhalt im römischen Reich und ließ die christliche Bevölkerung allmählich am eigenen Glauben zweifeln.

Im September 589 begann die Beulenpest in Rom zu herrschen. (...) Während dieser schweren Seuchennot erkannten die christlichen Geistlichen, dass trotz der zahlreichen Verbote die alten heidnischen Gottheiten noch tief im Volksglauben wurzelten[3]

„Eines der ersten Opfer der Pest in Rom war Papst Pelagius II., der am 7.Februar 590 in Rom starb.“[4] Bei dieser prekären Situation in Rom musste schnell ein neuer und vor allem ein überaus geeigneter Pontifex Maximus her. „Bei der darauf folgenden Wahl wandten sich der Klerus und das Volk einstim­mig an Gregor“.[5] Papst Gregor der I. hatte es zu Beginn seines Pontifikats also nicht leicht, seine Herde beisammen zu halten und vor kriegerischen Übernahmen sowie vor wütenden Naturkatastrophen zu schützen. Hinzu kamen Verwaltungsaufgaben hinsichtlich des kirchlichen Grundbesitzes, des sogenannten Patrimoniums Petri, welches primär in Sizilien und Sardinien eine beträchtliche Größe besaß, sowie der politische Austausch mit sämtlichen zum Teil konkurrierenden Königshäusern und dem römischen Kaiser.

Zielsetzung dieser Arbeit soll es sein, die Frage zu beantworten, wie Gregor der Große das Patrimonium Petri in Sizilien und Sardinien verwaltete und einsetzte um damit einen Beitrag zum Wohlergehen seines Volkes zu leisten. Als Grund­lage wird eine Auswahl von Gregors Briefen dienen, in welchen er Weisungen zur Verwaltung des besagten bischöflichen Grundbesitzes und die genaue Verwendung des resultierenden Ertrages bestimmte. Betrachtet man hierzu den schwierigen politisch-historischen Kontext und die Glaubenskrise, in welcher sich ein Großteil der römischen Bevölkerung befand, so beantwortet sich die Frage nach dem Umgang mit dem Patrimonium Petri in Sizilien und Sardinien durch Papst Gregor I. fast von selbst.

Zeitgeschichte, Biographie und ausgewählte Briefe Gregors des Großen bilden somit den Kern meiner Arbeit und versuchen, die Fragen nach dem Umgang mit dem Patrimonium Petri vor allem in Sizilien aber auch in Sardinien unter Papst Gregor I. zu beantworten.

2. Historischer Kontext

2.1 Einfall der Hunnen und daraus resultierende Völkerwanderung

Als Einstieg und Hintergrundinformation soll eine kurze ,Zeitreise‘ in die Spätan­tike sowie ins frühe Mittelalter dienen, anhand derer ich die politische und kultu­relle Situation kurz vor, während und nach Gregor dem Großen aufzeigen möchte.

Vor Gregors Zeit war Europa dem Einfall fremder Völker ausgesetzt. Ein Ein­fluss fremder Kulturen, Riten und der damit verbundenen religiösen Ansichten war dadurch nicht zu vermeiden. Das Zeitalter der Völkerwanderung beginnt mit dem „Einfall der Hunnen um 376“[6]. Der genaue Grund für die Wanderung der Hunnen ist nicht genau geklärt, jedoch wiederholen sich in mehreren antiken Quellen Schilderungen der Grausamkeit dieses Volkes während seiner Raub­züge. Als gutes Beispiel dient hier eine Quelle des römischen Schreibers Ammianus Marcellinus:

- „ Das Hunnenvolk, in alten Berichten nur wenig genannt, wohnt jenseits der Mäotischen Sümpfe zum Eismeer zu und ist über alle Maßen wild. (...) Diese kampftüchtige, unbändige Menschenrasse brennt vor entsetzlicher Gier nach Raub fremden Gutes; plündernd und mordend überfiel sie damals ihre Grenznachbarn und drang bis zu den Alanen, den einstigen Massageten, vor.“

- - Ammanius Marcellinus, Res Gestae, 31,2 1;31, 2, 12

Aufgrund der in Überlieferungen beschriebenen Brutalität und Reuelosigkeit der Hunnen flohen zahlreiche germanische Stämme nach Westen. Vor allem die Terwinger, ein westgotisches Volk, ergriffen „die Flucht vor fremden Angreifern“[7] und flohen über ihre Landesgrenzen, hinein in das römische Reich. Rom war zwar auf gotische Flüchtlinge vorbereitet, rechnete aber nicht mit einer solchen Menge an Menschen. Auf Grund dessen musste es folgerichtig zu Versorgungsengpässen kommen. Dies führte dazu, dass sich die geflohenen Goten im Jahr 376 erhoben und gegen Rom in den Krieg zogen. Diese von 376 bis 382 andauernde Phase wird auch der erste Gotenkrieg genannt.

Die römischen Führungsspitzen zeigten sich nicht sehr beeindruckt, schließlich gab es schon mehrere Jahrhunderte zuvor Zusammenstöße zwischen Römern und Germanen. Doch erst gegen Ende des 4. (...) Jahrhunderts waren germanische Stämme so stark geworden, dass ihr Angriff den Lebensnerv des römischen Reiches traf.[8]

Somit kam es dann 378 zur Schlacht von Adrianopel , aus welcher die Goten gegen ein 30000 Mann starkes kaiserliches römisches Heer als Sieger hervorgingen. „Dies war sicher keine Entscheidungsschlacht. Trotzdem leitete dieser Tag einen Wandel der römischen Politik ein“[9].

2.2 Politische Situation Roms

Infolgedessen kam es 382 zum Gotenvertrag welcher es den terwingischen Goten erlaubte, sich auf Reichsgebiet unterhalb der Donau anzusiedeln. Dies war nicht die letzte Auseinandersetzung zwischen Römern und Goten. „Gregor wurde in der Zeit der Gotenkriege geboren (...)“[10], in welcher der oströmische Kaiser Justinian I. Erfolge in der Rückeroberung des von Goten besetzten Italiens verbuchen konnte.

Gregor, um das Jahr 540 in Rom geboren, entstammte aus einer vornehmen römischen Senatorenfamilie, aus der bereits zwei Päpste, Felix III. (483-492) und Agapet I. (535-536), hervorgegangen waren.[11]

Er wuchs also in einem von Kriegen und Machtkämpfen erschüttertem Rom auf und lernte schnell den Umgang mit Christen sowie mit Heiden.

„568 fielen die ursprünglich in Pannonien sesshaften heidnisch-arianischen Langobarden in Italien ein.“[12] „Diese eroberten in erschreckender Geschwindig­keit weite Teile der heutige Regionen Emilia und Toskana (...)“[13], schafften es jedoch nicht Rom einzunehmen. Doch Rom wurde in Gregors Jugendjahren nicht nur von politischen Unruhen heimgesucht. Im Jahr 590 wurde die Stadt Rom von der Beulenpest befallen. „Während dieser Seuchennot erkannten die christlichen Geistlichen, dass trotz der zahlreichen Verbote die alten Gottheiten noch tief im Volksglauben wurzelten“[14]. Aufgrund der hohen Zahl der Toten waren viele Römer über Gott empört und begannen, an ihrem Glauben zu zweifeln.

3. Die Person: Gregor der Große

3.1 Kurzbiographie zu Gregor

Gregor der Große, geboren um das Jahr 540, stammte aus einem reichen, senatorischen, römischem Adelshaus. Da aus seinem Geschlecht schon zwei Päpste hervorgegangen waren und sein Vater ein Beamter des römischen Staates war, lernte Gregor schnell, wie wichtig es war, die Balance zwischen Staat und Kirche zu halten. Eine gute Ausbildung war ihm also schon in die Wiege gelegt worden. Besonders ausgeprägt waren seine Kenntnisse in Rhetorik und Rechtswissenschaft.

Schon im Jugendalter erlernte Gregor die Verwaltung des familieneigenen Grundbesitzes. Seine Fähigkeiten sowie die familiäre Tradition ermöglichten es Gregor im Staatsdienst tätig zu werden. Doch nicht nur Staatsaufgaben waren ihm vertraut, auch kirchliche Gepflogenheiten wurden ihm von Kindesbeinen an beigebracht. So war Gregor überaus bibelfest und setzte sich schon als junger Mann mit den Grundsätzen des christlichen Glaubens auseinander. Sein Vater – Gordianus – hatte als „regionarius“ der römischen Kirche das höchste Staatsamt bekleidet, welches einem Laien in Rom offenstand. Seine Aufgabe war es, amtliche Bezirke und Stadtregionen unter kirchlicher Obhut zu verwalten.

Nicht viel ist von Gregors Mutter Silvia bekannt. Nach dem Tod ihres Ehemannes ergriff sie, wie es für damalige ältere aristokratische Damen nicht üblich war, das religiöse Leben im Kloster Cella Nova, in der Nähe der St. Paulus Basilika.[15]

Die elterliche Villa stand an der Straße „clivus scauri“ am Fuße des Caelius, eines der bekannten sieben Hügel Roms. Diese wandelte Gregor in seiner späteren Zeit als Mönch in ein Benediktinerkloster um.

3.2 Gregors Zeit im Staatsdienst

Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften ging auch Gregor offiziell in den Staatsdienst. „572/573 war Gregor praefectus urbi, höchster Beamter der Zivilverwaltung Roms“[16], welchem die Staatssicherheit, Gerichtbarkeit, Steuerverwaltung, Verwaltung der Wasserleitungen (Aquädukte) sowie die Befestigung und Verteidigung der Stadt unterstand.

Der Stadtpräfekt präsidiert zudem den Senat, arbeitet mit dem Papst zusammen – beispielsweise bei der öffentlichen Kornverteilung -, und war dem Exarchen, letztlich dem Kaiser Rechenschaft schuldig.[17]

Wie bereits erwähnt gelang Gregor auch beruflich der Spagat zwischen Staat und Kirche. Jedoch verlor das Amt des Präfekten immer mehr an Bedeutung und da dieses Amt stark mit dem Senat verbunden war, musste Gregor in die Zukunft schauen und sich auf eine Berufung besinnen. „Der Senat löste sich (...) allmählich auf. Seine letzten Aktivitäten datieren aus den Jahren 578 und 580.“[18]

Nun stellt sich die Frage warum der junge Gregor einen Beruf ergriff, welcher unweigerlich in eine Sackgasse zu führen drohte?

Da Gregor schon als Jugendlicher die Verwaltung des elterlichen Grund-besitzes gelernt hatte, ist darauf zu schließen, dass er eine leitende Position im Verwaltungsdienst anstrebte. Weiterhin ist anzunehmen, dass er von seinem Pflichtethos heraus motiviert für die Stadt Rom arbeiten wollte.

„Dass Gregors Familie weder nach Konstantinopel noch dauerhaft nach Sizilien emigriert ist, weist auf eine tiefe Verbundenheit mit der Stadt Rom hin“[19]. Diese Fakten legen nahe, dass Gregor schon in jungen Jahren am Wohlergehen seiner Nächsten interessiert war und sich für seine Mitbürger aktiv einsetzen wollte.

3.3 Gregor als Mönch und Diakon

Aufgrund der Senatsauflösung „quittierte Gregor (574) seinen Dienst als Stadtpräfekt und wurde Mönch.“[20] Daraufhin wandelte er das Haus seiner Eltern in ein Kloster um, mit dem Ziel, dort ein monastisches Leben zu führen und sich der „lectio divina“[21], der Exegese und der intensiven Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift zu widmen. Doch er gründete nicht nur das Andreaskloster, welchem er auch beitrat, sondern noch sechs weitere Klöster in Sizilien. Die plötzliche Änderung seines Lebensstils begründet Gregor wie folgt:

(...) sehr lange habe ich die Gnade der Bekehrung herausgeschoben. (...) die eingewachsene Gewohnheit hatte mich an sich gefesselt. Er kritisiert seine Verhaftetheit mit der Gewohnheit – ,die eingewachsene Gewohnheit hatte mich an sich gefesselt’.[22]

Dagens weist beispielsweise überzeugend auf die sprachlichen Parallelen zu Augustins Bekehrungsbericht in der Confessiones hin. Dagens Formulierungen zuspitzend, könnten Augustins und Gregors conversio folgendermaßen verglichen werden: Was für Augustin die Befreiung vom Beherrschtsein durch sexuelle Leidenschaft, in der Abkehr vom sexuellen, aktiven hin zum asket-ischen Leben war, war für Gregor die Abgabe von Amt und gesellschaftlicher Macht hin zum sozialen Tod dem Mönchsleben.[23]

In Lauf seines Mönchseins begründet er seine Entscheidung noch einmal anders, nämlich damit, dass seine Entscheidung auf göttliche Gnade zurück-zuführen sei. Wieder anders begründen Gregors Evangelien-Homilien seinen Weg: Sie schildern seine „conversio“[24] mit den Kriegswirren zu dieser Zeit, verbunden mit Naturkatastrophen, Überschwemmungen, von denen die Pestwelle ausging, und die Pest selbst, welche viele Menschen umkehren und in Klöstern sowie bei kirchlichen Orden Schutz suchen ließ.

Gerade in dieser Zeit spürte man die Veränderung der alten Welt, den Epochenübergang von der Spätantike zum frühen Mittelalter. Für die Kirche war diese Zeit keine gute. Die Bevölkerung ließ vom Glauben an den einen Gott ab und kehrte zu den alten Gottheiten der Germanenstämme zurück. Der eine Gott hatte sie verlassen und ihnen die Pest geschickt, den schwarzen Tod, liest man in Überlieferungen.

„Die Kirche bedurfte der Rückbesinnung auf ihr Fundament, d. h. der An- und Rückbindung jeglichen Handelns an Christus und an das Wort Gottes.“[25] Man brauchte also Missionare, welche das Wort Gottes verkündeten, und den Gläubigen neuen Mut zum Glauben gaben und diese aus ihrem tiefsten Inneren von Gott und der Mutter Kirche überzeugten. Gregors Dasein als Mönch blieb jedoch nicht von langer Dauer und wurde „(...)579 jäh unterbrochen, als Papst Pelagius II. Gregor in den Dienst der römischen Kirche rief und zum Diakon weihte.“[26]

Doch Gregor blieb nicht einfach Diakon; Pelagius II. erhob ihn in den Rang des Nuntius. Somit war Gregor päpstlicher Botschafter und konnte seiner alten Leidenschaft, der Administration und Verwaltung nachgehen, ohne dabei auf ein kirchliches Leben verzichten zu müssen. „Der Diakon Gregor wurde unverzüglich als päpstlicher Botschafter an den Kaiserhof nach Konstantinopel gesandt.“[27] „Zwischen 554 und 607 wurden fünf ehemalige konstantinopolitaner Apokrisiare zum Papst geweiht.“[28]

Diese Beförderung brachte Gregor dem Pontifikat einen großen Schritt näher. Doch diese neue Berufung belastete Gregor auch, hatte er doch sein altes Leben im Verwaltungs- und Staatsdienst hinter sich gelassen, um in klöster-licher Ruhe die Tugenden eines Mönchs zu leben. Nun musste er wieder verwalten und das auf höchster Ebene, sogar als Vermittler zwischen Papst und Kaiser. Doch Gregor brachte die Erfahrung mit, welche er sich in seinem alten Beruf als Präfekt erworben hatte. Dazu kam seine hervorragende juristische und ökonomische Ausbildung, welche ihn besonders für das Amt des Apokrisiars qualifizierte. „Gregor wurde als Apokrisiarius (...) an den Kaiserhof zu Konstantinopel gesandt, um dort die Interessen Roms zu vertreten, insbesondere um militärischen Beistand gegen die Langobarden zu erwirken.“[29]

3.4 Gregors Einstand in das Pontifikat

Als am 7./8. Februar 590 Papst Pelagius II. einer furchtbaren Pestepidemie, der Folge gewaltiger Tiberüberschwemmungen, zum Opfer fiel, wandte sich die aus Klerus, Adel und Volk bestehende Wählerschaft einstimmig an den an Dienstjahren jüngsten römischen Diakon - Gregor, schien dieser doch zu jener Stunde der einzige Mann zu sein, welcher der schwierigen Situation, nicht nur der Stadt Rom, sondern auch des Landes Italien, ja der Kirche insgesamt gewachsen war.[30]

Seine vormalige Tätigkeit als Apokrisiar am Kaiserhof, seine Herkunft aus gehobenen römischen Kreisen, aber auch seine Erfahrung als Stadtpräfekt Roms qualifizierten ihn als denjenigen valablen Kirchenführer, dessen Rom in jener Zeit dringend bedurfte.[31]

Damals war es jedoch vonnöten, dass der regierende Kaiser der Wahl des Papstes zustimmen musste. Gregor aber wollte dieses Amt nicht antreten und sandte ein Bittschreiben an Kaiser Mauritius, welches jedoch abgefangen und somit nicht zugestellt wurde. So wurde Gregor I. von Mauritius in seinem neuen Amt als Kirchenführer bestätigt, worauf er „am 3. September 590 die bischöf-liche Weihe empfing.“[32] Gregors Bedenken gegen die Übernahme der Führung der Kirche hatten gute Gründe. Eroberungskriege, Pestwellen und die Abnahme des Vertrauens in die Kirche machten Gregors neues Amt zu einer schier unmöglichen Aufgabe.

Ein altes und heftig geschütteltes Schiff habe ich, der ich persönlich unwürdig und schwach bin, übernommen, denn von allen Seiten dringt das Wasser herein, und die morschen Planken, vom täglichen Unwetter erschüttert, verkünden schon ächzend den Untergang.[33]

„Deshalb ließ Gregor am Anfang seiner Zeit als „Knecht der Knechte Gottes“[34], eine Bußprozession durchführen, welche die Bürger Roms dazu bringen sollte, den Weg zum rechten Glauben wieder zu finden. Er verglich die Pest mit Gottes Zorn, als Strafe für die Sünden des römischen Volkes, womit er fast alle christlichen Römer erreichte.

Gregors Einstand nach der Wahl war ein innovativer Akt. Vor ihm hatte zwar bereits Pelagius I. (...) eine Prozession durchgeführt (...) doch war sie (Gregors Prozession), mit ihrer situativen Motivation und ihrer Bußintention für Rom etwas Neues. Sie war (...) büßende Antwort auf das Elend (...)[35].

4. Großgrundbesitz zur Zeit Gregors

4.1 Allgemeines zum Großgrundbesitz

Der wohl wichtigste Wirtschaftszweig zur Zeit Gregors war die Landwirtschaft und die daraus resultierenden Erträge und Steuereinnahmen. Hatte man einen großen Grundbesitz, so stiegen zwar die Steuerabgaben, jedoch erhöhten sich auch die eigenen Einnahmen. Im Grunde kann man die Grundbesitzer in der Spätantike in drei Kategorien aufteilen. Dies waren Kaiser, Kirche und private Eigentümer, wobei der Kaiser der bedeutendste Landbesitzer war. Zu seinen riesigen Ländereien gehörten der Familienbesitz des Kaiserhauses und Teile des so genannten „ager publicus“, welcher als das „öffentliche Grundeigentum, das sich mit den Eroberungen des römischen Heeres stets vergrößerte“[36] definiert wird. „Dazu kam das vor allem im Osten verbreitete Tempelland, das teilweise schon seit der späten Republik, in seinen Resten von Constantin eingezogen wurde.“[37] Somit wird deutlich, dass der kaiserliche Grundbesitz über das gesamte Reich verstreut war und sich - bedingt durch Eroberungen, Rückeroberungen, Schenkungen und Erbe - im Gesamtumfang nicht ab-schätzen lässt.

„An zweiter Stelle nach dem Kaiser ist die Kirche als Grundbesitzer zu nennen, wobei hier aber das Land nicht unter einheitlicher Verwaltung steht, sondern jeweils den einzelnen Gemeinden und Klöstern gehört.“[38] Außerdem konnte die Kirche unter Constantin eine beträchtliche Vermehrung des eigenen Grund-besitzes durch Schenkungen verzeichnen. Die Bischöfe größerer Gemeinden und letztendlich auch das Kirchenoberhaupt besaßen in jener Zeit also eine große ökonomische Macht, welche sie zu einem bedeutenden Pfeiler der damaligen Staatsstruktur machte. Diese Macht nutzten „sie nicht nur für kirchliche, sondern auch allgemein für städtische Aufgaben – z.B. Kranken-häuser “[39].

Auf Platz drei der Großgrundbesitzer standen die privaten Eigner. Hier spielen einflussreiche Privatpersonen, Senatoren, Dekurionen (Stadträte römischer Gemeinden), freie Bauern sowie eingefallene Könige und Völker eine Rolle. Während Senatoren, Dekurionen und reiche Privatleute eine ständige Ver-mehrung ihres Grundbesitzes durch Erbschaft oder Kauf verzeichneten, verwalteten und bewirtschafteten die freien Bauern das Land ihrer Familie, welches sich allerdings nicht vermehrte, da sie sich keinen Zukauf leisten konnten. Hier war es eher umgekehrt: Der Grundbesitz der freien Bauern verkleinerte sich, bedingt durch Erbteilung, Verkauf oder Verpfändung.

Dazu kam der Steuerdruck, der potenziert werden konnte, wenn bei den Veranlagungen durch die städtischen Steuereinnehmer die Bauern benachteiligt wurden. Viele Bauern begaben sich deshalb unter den Schutz mächtiger Herren, die die Bauern gegen Steuereinnehmer schützten.[40]

Auch Fremdvölker gewannen mehr und mehr Land durch Eroberungen, wobei sich die Eigentumsstruktur hierbei nicht grundsätzlich veränderte und die Kirche in den meisten Fällen trotzdem Grundbesitzer blieb. Das eroberte Land wurde von den eingefallenen Völkern selbst bestellt und diente ihnen als Lebens-grundlage. Auch die freien Bauern nutzten ihr Land, um zu überleben, denn reich konnten sie mit dem vergleichsweise kleinen Grundbesitz nicht werden. Doch wie bearbeiteten die Großgrundbesitzer ihr Land? Klar ist, dass sie dies nicht selbst machten. Kaiser, Städte und Kirchen nutzten bestehende soziale Unterschiede und hatten angestellte Bauern, aber auch Sklaven, die für ihre Herren das Land bestellten und somit die Hauptarbeit für Erträge leisteten. Teilweise wurde das Land aber auch an reiche Bürger der Oberschicht verpachtet, welche es dann ebenfalls von Bauern und Sklaven bearbeiten ließen.

Die Großpächter haben wie auch die Kirche und private Großgrundbesitzer das Land teils mit Hilfe von Sklaven bearbeitet, teils an Kleinpächter verpachtet. Daneben gab es auch freie Lohnarbeit, vor allem als Wanderarbeit.[41]

Damit waren einfache Angestellte gemeint, die nur saisonbedingt und auf Nachfrage angestellt wurden. Ebenso gab es damals schon klar definierte Pachtgesetze, welche die verschiedenen Pachtverhältnisse regelten: Die Ewigpacht, ein dauerhaftes Pachtprivileg, das durch Geschlechtszugehörigkeit vererbt wurde, die Weiterverpachtung, die Kleinverpachtung sowie die so genannte Kolonatswirtschaft, eine Art Verpflichtung auf dem vorherbestimmten Land zu bleiben und es zu bearbeiten. Betrachtet man diese Strukturen, so erkennt man, dass der Grundbesitz die soziale und politische Macht wider-spiegelte. Besaß man viele Hektar Land, so war man selbst privilegiert und konnte sich über die Mittel- und Unterschicht stellen. Dies galt vor allem für den ohnehin mächtigen Kaiser und auch für die Kirche, welche besonders durch ihre Besitztümer eine bedeutende Machtposition hatte.

4.2 Das Patrimonium Petri

Das Patrimonium Petri stellte ursprünglich den Grundbesitz der Kirche und der Bistümer dar. „In der Tat waren seit der Zeit Gregors des Großen die Kirchen-güter in Mittelitalien von Latium bis in die südliche Toskana der Fiktion nach das Eigentum des heiligen Petrus.“[42] Wie bereits erwähnt, wuchs der Grundbesitz der Kirche durch Schenkungen ständig an und erlangte im Laufe der Zeit eine enorme Größe. Einziges Problem war, dass die einzelnen Ländereien und Kirchengüter nicht zentral sondern von den ansässigen Vertretern der Kirche wie Gemeinden, höheren Bischöfen und Klöstern separat verwaltet wurden. Gregor der Große beseitigte die Missstände der kirchlichen Latifundienwirt-schaft und nahm eine völlige Neuordnung der Verwaltung des Patrimonium Petri in Italien, Dalmatien, Gallien und Nordafrika vor, wodurch er den Grundstein zum späteren Kirchenstaat legte.[43] Die kirchlichen Ländereien und Besitztümer oblagen also durch eine Reform Gregors der zentralen Verwaltung des Papstes, wodurch das Patrimonium Petri zunehmend den Charakter eines Herrschaftsgebiets erlangte. Rom wurde sozusagen die Hauptstadt dieses faktisch souveränen Kirchenstaates und im Zuge dessen wurden sogar Stadt- und Territorialverwaltungen gegründet. Örtliche Personen von Stand besetzten in der Hauptstadt Rom und auf den ländlichen Gütern die hohen zivilen und auch militärischen Posten, wurden jedoch durch den Papst reguliert und regiert. Es lässt sich nur mutmaßen, ob Gregor diese staatsgleiche Zentralverwaltung wegen seiner Liebe zum Verwaltungsdienst angestrebt hat. Fest steht jedoch, dass er nicht nur die Position der Kirche innerhalb des weltlichen Rechts stärken wollte, sondern durch die erwirtschafteten Einnahmen aus dem Patrimonium Petri sozial-karitative Projekte unterstützte. Hierzu zählten nicht nur die Hirtenarbeit in den Gemeinden, sondern auch die Fürsorge von mittellosen Familien, sowie die Befestigung Roms und der Schutz der Bevölkerung gegen die eindringenden Langobarden. Die Kirche stellte also nicht nur Menschen in Lohn und Brot, sie half ihnen auch in schwierigen Zeiten und unterstützte sie beispielsweise durch den Erlass von Zehntsteuern oder durch teils militärischen, aber im Falle Gregors auch demokratischen Schutz. Denn auch auf politischer Ebene hatte Gregor eine große Machtposition inne. Zahlreiche Briefe an die Langobardenkönigin Theodelinde und Verhandlungs-versuche mit ihrem Gemahl – dem Langobardenkönig Agilulf – verweisen auf eine politisch-demokratische Motivation Gregors, den Frieden innerhalb des Patrimoniums zu wahren und zeigen auch Versuche auf, die zum Teil noch heidnischen Langobarden zum christlichen Glauben zu bewegen.

Wir danken Eurer Excellenz, weil Ihr unsre Bitte erhört und, wie wir von Euch nicht anders erwartet haben, einen Frieden abgeschlossen habt, welcher beiden Teilen zum Nutzen gereichen soll. Darum haben wir die Klugheit und Milde Eurer Excellenz viel gelobt, weil Ihr durch Eure Friedensliebe Eure Liebe zu Gott, dem Urheber des Friedens, bewiesen habt. Denn wenn derselbe unglücklicher Weise nicht abgeschlossen worden wäre was anderes wäre die Folge gewesen, als dass zur Sünde und zum Schaden beider Parteien das Blut armer Landleute, deren Arbeit doch beiden Teilen nützt, vergossen worden wäre? Damit uns aber der Nutzen dieses Friedens, so wie Ihr ihn abgeschlossen habt, fühlbar wurde, grüßen wir Euch mit väterlicher Liebe und bitten Euch, bei jeder Gelegenheit Euren Feldherren, die sich in den verschiedenen Landesteilen und besonders in unserer Gegend befinden, in Euren Briefen zu befehlen, dass sie diesen Frieden gemäß des gegebenen Versprechens ohne Rücksicht aufrechterhalten und keine Veranlassung suchen, aus welcher Streit oder Unzufriedenheit entstehen könnte. So werden wir Eurem guten Willen auch ferner unsern Dank abzustatten haben. Die Überbringer des gegenwärtigen Schreibens haben wir als Eure eigenen Diener mit gebührender Hochschätzung aufgenommen; denn es war nicht mehr als billig, weise Männer, die einen mit Gottes Hilfe abgeschlossenen Frieden zu melden haben, mit Liebe aufzunehmen und zu entlassen.[sic][44]

Die Blütezeit der weltlich anerkannten Macht des Patrimoniums Petri und der damit verbundenen Anerkennung des Kirchenstaates brach jedoch erst einige Zeit nach Gregor an. Überaus große Schenkungen, wie zum Beispiel die Schenkung von Sutri im Jahr 728 oder von Pippin im Jahr 754 vergrößerten den Grundbesitz und die weltliche Macht der Kirche enorm und ebneten den Weg zu einem aus dem Erbe Petri (Patrimonium Petri) entstandenen Kirchenstaat, für welchen Gregor der Große mit seinen Verwaltungsfähigkeiten und durch sein politisches Geschick den Grundstein gelegt hatte.

5. Das Patrimonium Petri in Sizilien und Sardinien

Schon bevor Gregor der Große zum Papst gewählt wurde, gehörten große Teile Siziliens und Sardiniens zum Patrimonium Petri und somit zum Grundbesitz des Heiligen Stuhls. Gregor, der wie schon erwähnt für seine Liebe zu Verwaltungs-aufgaben bekannt war, unternahm schon kurz nach Beginn seiner Amtszeit erste Bestrebungen, den Verwaltungsapparat der kirchlichen Besitztümer zu reformieren. Neben zahlreichen schriftstellerischen Werken sind auch viele Briefe von Gregor dem Großen erhalten, durch welche er den Kontakt zu verschiedenen Königen hielt, diplomatische Absprachen traf, missionierte und auch die Verwaltung des päpstlichen Besitzes gestaltete. Auf der Grundlage ausgewählter Briefe, welche in Richtung Sizilien und Sardinien adressiert waren, kann man den Umgang Gregors mit dem Patrimonium Petri erfahren und erforschen. Kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 590 nach Christus schrieb Gregor einen Brief an alle Bischöfe, die ihren Sitz in Sizilien hatten, und teilte darin die Ernennung des damaligen Subdiakons Petrus zu seinem Legaten für Sizilien mit. Petrus Diaconus, den Gregor schon lange aus seiner Zeit als Mönch im Andreaskloster kannte, war zuvor schon als Verwalter der römischen Kirchengüter in Sizilien tätig gewesen und hatte nun durch die Ernennung zum Legaten, also dem ansässigen Botschafter des Papstes, die Aufgabe, alle Geschäfte und Verwaltungsaufgaben als bevollmächtigte rechte Hand Gregors in Sizilien zu kontrollieren. Einzig und allein Papst Gregor war befugt, ihm Anweisungen zu geben. Außerdem wünschte Gregor in diesem Brief, dass in Sizilien eine jährliche Provinzialsynode abzuhalten sei, und erteilte hierfür Anweisungen zum Ablauf und Inhalt derselben.

Wir haben es für sehr nothwendig erkannt, ebenso wie es auch Unsre Vorgänger gehalten, ein und derselben Person alle Geschäfte zu übertragen, damit in Unsrer Abwesenheit Unsre Rechte durch Unsre Bevollmächtigten gewahrt werden. Deßhalb haben Wir dem Petrus, Subdiakon Unsres Stuhles, mit Gottes Beistand Unsre Gewalt übergeben. Denn Wir können in seine Handlungsweise kein Mißtrauen setzen, da es ja bekannt ist, daß Wir ihm unter Gottes Beistand die Verwaltung des ganzen Patrimoniums Unsrer Kirche anvertraut haben.

Auch haben Wir es für nothwendig erkannt, daß ihr einmal im Jahre zu Syrakus oder Catana mit geziemender Würde, wie Wir auch Unserm Stellvertreter befohlen, alle brüderlich zusammenkommet, um mit Petrus, dem Subdiakon Unsres Stuhles, in geeigneter Weise anzuordnen, was zum Wohle der Kirchenprovinz, zur Hilfe der Armen und Unterdrückten, zur heilsamen Belehrung Aller oder zur Zurechtweisung der Fehlenden nützlich scheint. Von dieser Versammlung sei ferne der Haß und Alles, was Unfriede stiftet; es weiche aber auch innerlicher Neid und fluchwürdige Herzens-Zwietracht. Gottgefällige Einheit und Liebe lasse die Priester Gottes erkennen. Dieß alles also thuet mit jener Reife und Ruhe, daß man euch mit vollstem Rechte eine Bischofs-Versammlung nennen könne.[sic][45]

Liest man zwischen den Zeilen und kennt man die enge Freundschaft zwischen Petrus Diaconus und Gregor dem Großen, so könnte man mutmaßen, dass Gregor Größeres mit dem päpstlichen Besitz in Sizilien vor hatte. Es muss also einem größeren Zweck dienen, dass Gregor zuerst die Zentralverwaltung des Patrimoniums Petri reformierte, dabei einen engen Vertrauten als Legaten in Sizilien einsetzte und schließlich eine jährliche Provinzialsynode unter der Leitung von Petrus anordnete. In dieser Synode sollten die Missionierung, der aktuelle Stand der Kirchenprovinz Sizilien und vor allem die Hirtentätigkeit der ansässigen Priester und Bischöfe zur Hilfe der Armen und Bedürftigen besprochen und diskutiert werden, wobei das Wohlergehen des Volkes an oberster Stelle zu stehen schien. In derselben Schaffensperiode, in welcher dieser Brief verfasst wurde, schrieb Papst Gregor I. auch sein wohl bedeutendstes Werk; die Regula Pastoralis. Sie gilt als eine der wichtigsten Lehrschriften für Priester, Bischöfe und Seelsorger und behandelt unter anderem den kirchlichen Missionsauftrag und das Wohlergehen der kirchlichen Gemeinde durch eine bedachte Ausübung des Hirtenamtes. Man erkennt also durchaus Parallelen zwischen der Intention des Briefes und der Regula Pastoralis. „Die Kunst der Künste ist die Leitung der Seelen“[46], so heißt es in Gregors Regelwerk. Ein Satz der zusammenfassend zeigt, dass Gregor der Große sich um seine Mitmenschen und deren Wohlergehen kümmerte und die Menschen der Mittelpunkt seines Denkens und Handelns waren.

Doch nicht nur an kirchliche Adressaten schrieb Gregor zu jener Zeit Briefe. Auch zu weltlichen Amtsträgern hielt Gregor Kontakt. So schrieb er ebenfalls im Jahre 590 dem neu ernannten Prätor Justinus von Sizilien:

Was die Zunge spricht, bezeugt das Gewissen, daß ich Euch nämlich viel geliebt und verehrt habe, auch als Ihr noch lange nicht mit Amtsgeschäften zu thun hattet. Denn die Bescheidenheit Eures Wandels nöthigte dazu, Euch zu lieben, sogar wenn man nicht gewollt hätte. Und so habe ich mich denn sehr gefreut, als ich hörte, daß Ihr gekommen seid, um die Prätorstelle in Sicilien zu verwalten. Da ich aber vernahm, daß sich Eifersucht zwischen Euch und die Vertreter der Kirche einschleiche, wurde ich tief betrübt. Da nun Euch die Civilverwaltung, mich aber die Kirchen-Regierung in Anspruch nimmt, so kann zwischen uns doch insoweit Freundschaft herrschen, als wir dadurch der Gesamtheit nicht schaden. Deßhalb bitte ich beim allmächtigen Gott, vor dessen furchtbarem Gerichte wir Rechenschaft über unsre Handlungen ablegen werden, daß ewige Herrlichkeit die Rücksicht auf dasselbe immer vor Augen habe und nie Etwas zulasse, wodurch zwischen uns auch nur ein kleiner Zwist sich erheben könnte. Kein Gewinn verleite Euch zur Ungerechtigkeit, keine Freundschaft lenke Euch vom geraden Wege ab. Erwäget, wie kurz das Leben sei, bedenket, daß Ihr das Richteramt verwaltet, vor welchen Richter Ihr bald treten werdet. Sorgfältig also muß man darauf achten, daß wir allen Gewinn hier zurücklassen und nur Dasjenige mit uns vor das Gericht tragen, wodurch wir den unseligen Gewinn erlangt haben. Deßhalb müssen wir jene Güter suchen, die der Tod nicht hinwegnimmt, die sich vielmehr beim Lebensende als ewig dauernde bewähren.

Was Ihr aber vom Getreide schreibet, wird ganz anders von dem erlauchten Citonatus dargestellt. Derselbe behauptet, es sei nur so viel geschickt worden, als zur Füllung der Scheunen für das vergangene Jahr erfordert wurde, Traget Sorge für diese Angelegenheit; denn wenn zu wenig hierher geschickt wird, so wird dadurch nicht ein Mensch, wer er auch sei, sondern das ganze Volk zusammen ums Leben gebracht.

Zur Verwaltung der sicilischen Kirchengüter habe ich, wie ich wenigstens meine, mit Gottes Beistand einen Mann geschickt, mit dem Ihr in Allem auskommen sollt, wenn Ihr gegen ihn die rechte Liebe habet, wie ich sie von Euch erfahren habe. Daraus aber, daß Ihr mich mahnet, Euer Eingedenk zu sein, habe ich — die Wahrheit zu gestehen, wenn sich nicht durch List des bösen Feindes ein falsches Urtheil einschleicht — eine so große Demuth ewiger Herrlichkeit ersehen, daß ich mich schämen müßte, nicht der Eurige zu sein.[sic][47]

Auch in diesem Brief drückte Gregor sein Wohlwollen dem neuen Prätor von Sizilien gegenüber aus und bietet Ihm eine Freundschaft und damit eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Zivilverwaltung und Kirche an. Trotzdem gibt Gregor ihm sehr ernste Wahrheiten zu bedenken und schlägt Justinus vor, nach christlichem Vorbild zu handeln, da am Ende alle Menschen gleich gerichtet werden und sich gute Taten, gerade in seiner Position später positiv auswirken werden. Justinus solle sich immer seinem Weg bewusst sein und nicht die Gier auf Gewinn als oberste Priorität seiner Regentschaft machen. Den Beginn des Briefes widmet Gregor also der diplomatischen Beglück-wünschung zum Einstand Justinus in sein neues Amt und versucht zugleich eine vertrauenswürdige, freundschaftliche Basis zwischen Ihm und Justinus zu schaffen. Gleich darauf mahnt Gregor allerdings, dass Justinus zu wenige Abgaben in Form von Getreide nach Rom gesandt hätte. Dazu muss man wissen, dass im Jahr zuvor (589) eine gewaltige Überschwemmung des Tibers die Vorratshäuser der Kirche beschädigt hat und enorme Getreidemengen zerstörte beziehungsweise fortschwemmte. Auf kaiserlichen Befehl sollte dieser Verlust aus den Staatsgütern und somit aus erhöhten Abgaben der Regierungsbezirke kompensiert werden, wodurch in diesem Jahr höhere (Getreide-) Abgaben fällig wurden. Es wird vermutet dass Prätor Justinus aus reiner Gewohnheit die für Sizilien normale, geringere Menge Getreide nach Rom geschickt hatte, anstatt den Anteil zu erhöhen. Da dieses Getreide zum wohl der kirchlichen Gemeinschaft genutzt wurde, war es Gregor ein großes Anliegen die Situation anzusprechen und aufzuklären. Auch diese Mahnung Gregors zeigt wie wichtig ihm seine christliche Gemeinde ist und wie er über diplomatische Wege und Konversationen mit staatlichen Verwaltungs- und Regierungspersonen versucht, das Wohlergehen der christlichen Gemeinschaft durchzusetzen. Natürlich ist es dann einleuchtend, dass Gregor seinen Legaten Petrus Diaconus an Justinus empfiehlt, ihn als guten Freund aber auch als der Interessensvertreter des Heiligen Stuhls vorstellt. Zusammen, so hoffte Gregor, sollten Petrus Diaconus und Prätor Justinus eine starke Gemeinschaft von kirchlichen und weltlichen Interessen bilden. Man erhofft sich also Schutz durch Justinus und bietet im Gegenzug Heil und Freundschaft an. Da das Patrimonium Petri in Sizilien enorme Größe besaß, war dieser Kontakt sowie der Aufbau einer Freundschaft zu Justinus ein gekonnter Schachzug Gregors. Vor allem im Hinblick auf die Sicherung und erfolgreiche Bewirtschaftung des kirchlichen Grundbesitzes in Sizilien. Natürlich schreibt Gregor kein Wort über den kirchlichen Grundbesitz, sondern verweist nur auf sein Hauptinteresse, das Wohlergehen aller Menschen zu priorisieren, doch klar ist, dass er ohne seine Macht in Sizilien, welche vor allen Dingen aus dem Patrimonium Petri rührt, nicht in der Position gewesen wäre einen solchen zum Teil auch recht kritischen Brief an einen kaiserlichen Prätor zu schicken. Gregor schrieb in seinen Evangelienhomilien, dass seine Wahl zum Pontifex Maximus nicht seinem Wille entspreche und dass ihm durch dieses Amt die Bürde auferlegt wurde die Kirche wieder zu alter Stärke zurück zu führen.

[...]


[1] Von Padberg, Lutz E.: Die Christianisierung Europas im Mittelalter. Reclam, Stuttgart 2009, S. 9

[2] Ebd. S.78

[3] Winkle, Stefan: Geißeln der Menschheit. Kulturgeschichte der Seuchen, Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf 2005, S. 439

[4] Kisic, Rade: Patria Caelestis. Die eschatologische Dimension der Theologie Gregors des Großen, Mohr Siebeck, Tübingen 2011, S. 22

[5] Ebd. S. 23

[6] Kampers, Gerd: Geschichte der Westgoten; Schöningh, Paderborn 2008 S.41

[7] Ostrowski, Matti: Die Völkerwanderung – Überblick und Folgen – (Studienarbeit); Grin Verlag 2009 S.6

[8] Rosen, Klaus: Die Völkerwanderung: C.H. Beck Verlag, München 2006 S. 21

[9] Herwig, Wolfram: Die Goten – Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts, C.H. Beck Verlag, München, 2001 S. 137

[10] Müller, Barbara: Führung im Denken und Handeln Gregors des Großen, Mohr Siebeck, Tübingen, 2009 S. 11

[11] „Gregor der Große, Homiliae in evangelia, Evangelienhomilien“ Erster Teilband, Herder 1997

[12] Ebd.

[13] Goez, Elke: Papsttum und Kaisertum im Mittelalter; Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009 S.12

[14] Winkle, Stefan: Geißeln der Menschheit. Kulturgeschichte der Seuchen, Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf 2005, S. 439

[15] Müller, Barbara: Führung im Denken und Handeln Gregors des Großen, Mohr Siebeck, Tübingen, 2009 S. 21

[16] Gregor der Große, Homiliae in evangelia, Evangelienhomilien“ Erster Teilband, Herder 1997

[17] Müller, Barbara: Führung im Denken und Handeln Gregors des Großen, Mohr Siebeck, Tübingen, 2009 S. 23

[18] Ebd. S. 24

[19] Ebd. S. 24

[20] Ebd. S. 25

[21] Gregor der Große, Homiliae in evangelia, Evangelienhomilien“ Erster Teilband, Herder 1997

[22] Müller, Barbara: Führung im Denken und Handeln Gregors des Großen, Mohr Siebeck, Tübingen, 2009 S. 25

[23] vgl. Ebd. S. 25

[24] Gregor der Große, Homiliae in evangelia, Evangelienhomilien“ Erster Teilband, Herder 1997

[25] Müller, Barbara: Führung im Denken und Handeln Gregors des Großen, Mohr Siebeck, Tübingen, 2009 S. 64

[26] Gregor der Große, Homiliae in evangelia, Evangelienhomilien“ Erster Teilband, Herder 1997

[27] Müller, Barbara: Führung im Denken und Handeln Gregors des Großen, Mohr Siebeck, Tübingen, 2009 S. 66

[28] Ebd. S 67

[29] Gregor der Große, Homiliae in evangelia, Evangelienhomilien“ Erster Teilband, Herder 1997

[30] Ebd.

[31] Müller, Barbara: Führung im Denken und Handeln Gregors des Großen, Mohr Siebeck, Tübingen, 2009 S. 112

[32] Gregor der Große, Homiliae in evangelia, Evangelienhomilien“ Erster Teilband, Herder 1997

[33] Gregor der Große, Homiliae in evangelia, Evangelienhomilien“ Erster Teilband, Herder 1997

[34] Goez, Elke: Papsttum und Kaisertum im Mittelalter; Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009 S.14

[35] Müller, Barbara: Führung im Denken und Handeln Gregors des Großen, Mohr Siebeck, Tübingen, 2009 S. 117

[36] Dolce, Rodolfo: Immobilienerwerb in Italien. Rechtshistorische vergleichende Hinweise, in: Stürner, Michael (Hg.): Jahrbuch für Italienisches Recht, Band 22, C.F. Müller Verlag, Heidelberg 2010, S. 109

[37] Martin, Jochen: Spätantike und Völkerwanderung. Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2001, S. 60

[38] Martin, Jochen: Spätantike und Völkerwanderung. Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2001, S. 60

[39] Ebd. S. 61

[40] Ebd. S. 61

[41] Martin, Jochen: Spätantike und Völkerwanderung. Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2001, S. 62

[42] Krautheimer, Richard: Rom – Schicksal einer Stadt, C.H. Beck Verlag, München 2004, S. 123

[43] vgl. Bautz, Friedrich Wilhelm: Gregor I., in: BBKL, Bd. II, Traugott Bautz Verlag, Nordhausen 1990, S. 296-304

[44] Kranzfelder, Theodor: Des heiligen Kirchenlehrers Gregorius des Grossen ausgewählte Briefe, Bibliothek der Kirchenväter, I Serie; Band 27, Kempten 1874, S. 452

[45] Kranzfelder, Theodor: Des heiligen Kirchenlehrers Gregorius des Grossen ausgewählte Briefe, Bibliothek der Kirchenväter, I Serie; Band 27, Kempten 1874, S. 14

[46] Müller, Barbara: Führung im Denken und Handeln Gregors des Großen, Mohr Siebeck, Tübingen, 2009 S. 131

[47] Kranzfelder, Theodor: Des heiligen Kirchenlehrers Gregorius des Grossen ausgewählte Briefe, Bibliothek der Kirchenväter, I Serie; Band 27, Kempten 1874, S. 15 ff.

Ende der Leseprobe aus 67 Seiten

Details

Titel
Gregor der Große und das Patrimonium Petri in Sizilien und Sardinien
Note
2,1
Autor
Jahr
2017
Seiten
67
Katalognummer
V433554
ISBN (eBook)
9783668758209
ISBN (Buch)
9783668758216
Dateigröße
788 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Gregor der Große, Patrimonium Petri, Mönchpapst, Spätantike, Gregors Briefe, Missionierung, Großgrundbesitz, Kirchlicher Grundbesitz, Pontifikat
Arbeit zitieren
Max Jung (Autor:in), 2017, Gregor der Große und das Patrimonium Petri in Sizilien und Sardinien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/433554

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