Somalia - Von Barre's Flucht bis zur Operation Restore Hope


Seminararbeit, 1995
47 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Somalia: Grunddaten und historischer Überblick
2.1 Aideeds und Mahdis Hintergrund

3. Verpaßte Chancen der Internationalen Gemeinschaft und der UNO, die sich abzeichnende 'Katastrophe' zu verhindern
3.1 Die UN: Von Passivität zu einer aktiveren Rolle ab 1992
3.2 Verzögerungen in der Umsetzung bereits gefaßter Beschlüsse tragen zur Verschlechterung der Situation in Somalia bei und führen im Dezember 1992 zur Operation Restore Hope

4. Die Hilfe Deutschlands für Somalia
4.1 Die deutsche Asylpraxis ab 1991 bis Mitte `92 bezüglich somalischer Flüchtlinge

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang:

Die wichtigsten Befreiungsorganisationen

bzw. Bürgerkriegsparteien

1. Einleitung

In dieser Arbeit sollen die internen und externen Ursachen und Hintergründe für den Zerfall des Staatswesens in Somalia und die damit einhergehende humanitäre Tragödie bis zum Eingreifen einer amerikanisch geführten, multilateralen Eingreiftruppe (UNITAF: United Task Force) unter dem Namen Operation Restore Hope herausgearbeitet werden.

Die Operation Restore Hope wurde am 3. Dezember 1992 durch die vom Weltsicherheitsrat verabschiedete Resolution 794 beschlossen. Schon am 9. Dezember 1992 gingen die ersten 1800 amerikanischen Marineinfanteristen in Mogadishu an Land.

Die somalische Katastrophe hatte 1992 Dimensionen von bisher nicht gekanntem Ausmaß erreicht. Der britische Sozialanthropologe I.M. Lewis, dessen Werke über Somalia als Standardlektüre verwendet werden, spricht im Hinblick auf Somalia auch vom 'Selbstmord des Staates': "Despite the fact that Italian policy had always considered the 'state' to be fundamental importance, this was the first victim of the crises, having collapsed or (according to I.M. Lewis) even committed 'suicide'[1] ."

Die Medien spielen in diesem Konflikt eine sehr ambivalente Rolle. Hätte es keine massive (internationale) Berichterstattung (seit August 1992) über Somalia gegeben, wäre Somalia wohl auch weiterhin im Windschatten anderer Ereignisse zurückgeblieben (z.B. Bosnien-Konflikt und zuvor der Golfkrieg).

Denn erst nachdem die Medien im Sommer `92 das 'Thema' Somalia international bekanntgemacht hatten, reisten mehrere hochrangige europäische Politiker und Politiker aus anderen Teilen der Welt nach Somalia und versprachen Hilfe. Aber wichtiger ist, daß zwei Wochen nach Beginn der massiven Berichterstattung die ersten Luftbrücken (so z.B. von den USA, andere folgten nach) errichtet wurden. Auch die UNO, die sich bisher kaum in Somalia engagiert hatte (ab 1991 war die UNO in Somalia überhaupt nicht mehr Präsent!), verstärkte nun ihre Präsenz.

Es gab in der Berichterstattung über Somalia jedoch nur wenige Artikel und Reportagen, die auf die Hintergründe des andauernden Bürgerkriegs eingingen. Überwiegend wurden lediglich Schreckensbilder mit dem Aufruf zur Hilfe kombiniert. Diese Praxis zeigte einerseits zwar Wirkung, andererseits aber ließen die Berichterstattungen eher einen desinformierten Bürger zurück und trugen zu einem undifferenzierten (und meistens auch falschen) Bild über die Ursachen des Konfliktes bei.

Die Versäumnisse und Unterlassungen in der Berichterstattung wurden gänzlich verschwiegen. Denn (dies gilt zumendestens für Deutschland) erst viereinhalb Jahre nach dem Beginn des offenen Bürgerkriegs im Norden Somalias (alleine in Hargeisa hatte der Bürgerkrieg 1988 ca. 30.000 Todesopfer gefordert) fand eine Sonderberichterstattung über Somalia statt, während über die Konflikte im ehemaligen Yugoslawien sofort eine massive Berichterstattung anlief.

Walter Michler schreibt hierzu: "Festzuhalten bleibt lediglich, daß über die Nicht-Wahrnehmung hinaus Angebote zur Berichterstattung ausdrücklich abgelehnt wurden: Verrat somit auch am Informationsauftrag der öffentlich-rechtlichen Anstalten und damit viel Verdummung des Publikums-(...).[2]"

Um die Konfliktursachen und die Prozesse, die zu der gegenwärtigen Situation in Somalia geführt haben besser hervorheben zu können, wird im Folgenden zunächst auf die Staatsgründung und auf die Gesellschafts-strukturen eingegangen. Danach werden die Ereignisse ab dem Beginn des offenen Bürgerkriegs Mitte 1988 bis zur Operation Restore Hope thematisiert.

2. Somalia: Grunddaten und historischer Überblick

Grunddaten[3]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Am 1. Juli 1960 schlossen sich die ehemaligen Kolonien Britisch- und Italienisch-Somaliland zu einem neuen Staat, 'Republik Somalia', zusammen. Von der Gründung an erwuchsen maßgeblich zwei Hauptproblemfelder: ein innenpolitisches und ein außenpolitisches. Das größte innenpolitische Problem stellte das Nord-Süd-Gefälle der jungen Republik dar, das augenscheinlich an den ehemaligen Kolonialgrenzen verlief. Weil der Nordteil (ehemaliges britisches Kolonialgebiet) ökonomisch und politisch anders strukturiert ('entwickelt') war als der Südteil, das ehemalige Italienisch-Somaliland. Denn beide ehemaligen Kolonien wurden politisch und ökonomisch auf die Bedürfnisse und Interessen der jeweiligen 'Mutterländer' ausgerichtet. In diesem Sinne schreibt Jasmin Touati: "Die unterschiedlichen Kolonialstrategien der imperialen Mächte bewirkten auch unterschiedliche Entwicklungen in den jeweiligen Regionen. So betrieben die Italiener im fruchtbaren Zwischenstromgebiet im Süden Somalias Siedlungskolonialismus, und hinterließen eine Wirtschaftsstruktur, die auf Großgrundbesitz und Plantagen (Bananen) basierte, während die Briten die politische Kontrolle über ihr Herrschaftsgebiet im Norden aus rein strategischem Interesse anstrebten.[4] "

Nennenswerte Handelsbeziehungen zwischen den beiden Landesteilen während der Kolonialzeit waren nicht vorhanden.

Das außenpolitische Hauptanliegen der Republik Somalia bestand bzw. besteht in der Forderung nach einem 'Größeren Somalia'. Diese Forderung kommt symbolisch durch die somalische Staatsflagge mit dem fünfzackigen Stern zum Ausdruck. Jeder der fünf Zacken steht für ein überwiegend mit Somalis bevölkertes Gebiet. Drei Gebiete sollen gemäß den Forderungen für ein 'Größeres Somalia' dem aus einer ehemaligen englischen und einer ehemals italienischen Kolonie bestehenden Staat, eingegliedert werden. Die drei geforderten Gebiete sind der frankophone Stadtstaat Djibouti, das äthiopisch besetzte Ogaden-Gebiet und der nördliche Grenzdistrikt (NFD: Northern Frontier District) Kenyas[5].

Im Zuge der Kolonisierung ab dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Siedlungsgebiete der Somali in fünf Gebiete aufgeteilt. "Die Somali gelten als die Hauptopfer der territorialen Aufteilung des Horns durch den Kolonialismus, der sie in fünf Einheiten aufgliederte: in die britischen, italienischen und französischen Somali-"Länder", in den äthiopisch kontrollierten Ogaden und in den britisch verwalteten nördlichen Grenzdistrikt Kenias.[6] " Da der heutige somalische Staat als sozusagen nicht 'vollständig' gilt, werden die Somali auch als "(...)eine "Nation ohne Staat" oder als "eine Nation auf der Suche nach einem Staat"(...)" bezeichnet[7].

Den Kolonialmächten gelang es erst nach der Niederschlagung des ca. 20 Jahre (1900-1920) andauernden antikolonialen Befreiungskrieges von Teilen der somalischen Bevölkerung unter Führung von Said Mohammed Abdille Hassan (die Engländer nannten ihn 'Mad Mullah'; er starb 1920 in Emey), dem späteren Nationalhelden und schon zuvor bedeutenden Dichter, ihre kolonial-administrative Kontrolle auf das somalische Binnenland auszudehnen[8].

Der Freiheitskampf der Somali fand "(...)erst 1920 durch den Einsatz von britischen Bombenflugzeugen, dem ersten Luftangriff in der Geschichte des Krieges in Afrika,(...)[9] " sein Ende.

Seit seiner Gründung befand sich Somalia im Spannungsfeld des Ost-West-Konfliktes und wurde abwechselnd von den beiden Supermächten (ehemalige UdSSR hauptsächlich seit ca. 1963 bis in die Mitte der 70er Jahre; USA seit Mitte der 70er Jahre bis heute) 'unterstützt'. 1977, als Dank für die Erlaubnis Barres die entführte Landshut in Mogadishu durch die GSG 9 stürmen zu lassen, gewährte die BRD Somalia umfangreiche 'Entwicklungshilfe': Mit Hilfe der BRD, zuvor bis 1977 durch die DDR, konnte Barre, der fortan als 'Freund der Deutschen' galt, seinen Polizei- und Geheimdienstapparat zu einem effizienten Repressionsapparat ausbauen[10].

Michler beziffert die 'Wirtschaftshilfe' der Bundesrepublik an Somalia seit 1977 auf 1,2 Milliarden DM[11].

Somalia und das gesamte Horn von Afrika, 'das Armenhaus der sog. III Welt', war seither von großer geo-strategischer Bedeutung (Rotes Meer, Suez-Kanal), besonders für die Supermächte. Bis zum Sturz Haile Selassie I durch die Militärjunta (DERG bzw. PMAC) in Äthiopien im Jahre 1974 wurde Äthiopien von den USA unterstützt und Somalia von der ehemaligen UdSSR, danach wechselten die Koalitionen.

"Seit 1963 erhielt die Republik Militärhilfe von der UdSSR, um ihren Gebietsforderungen an die Nachbarstaaten den nötigen Nachdruck verleihen zu können. Im Jahre 1963 unterstützte der somalische Staat einen Aufstand der Somali im Ogaden, von 1963 bis 1967 einen Kleinkrieg der Somali in Nordost-Kenia (sogenannter "Shifta-Krieg"), und im Jahre 1964 führte er einen Grenzkrieg mit Äthiopien. Doch blieben die somalischen Aktionen ohne Erfolg.[12] "

Im März 1967 zogen Somalia und Äthiopien anlässlich des zweiten Unabhängigkeitsreferendums in Djibouti Truppen an den Grenzen zusammen, da beide Staaten territoriale Ansprüche auf den Kleinstaat erhoben, in dem überwiegend Somalis leben.

Durch starke Repressionen der französischen Behörden, stimmten 60 Prozent der Bevölkerung für die Fortdauer der französischen Herrschaft, was einen wahrscheinlichen Krieg zwischen Äthiopien und Somalia verhinderte[13].

Seit 1974 noch massiver durch die ehemalige UdSSR aufgerüstet, kam es im Juli 1977 zum Ausbruch des Ogaden-Krieges zwischen Somalia und Äthiopien, der im Frühjahr 1978 mit einer schweren Niederlage Somalias endete.

Zu diesem Zeitpunkt war die Zentralgewalt Äthiopiens geschwächt. Einerseits durch den Sturz Haile Selassie I und der Machtübernahme des DERG: 'äthiopischer Sozialismus', interne Machtkämpfe, 'Roter Terror'. Andererseits geriet die Zentralgewalt durch die Befreiungsfronten immer weiter in Bedrängnis: In erster Linie ist für diesen Zeitraum die EPLF zu nennen, aber auch die TPLF, OLF und WSLF[14].

Die Niederlage Somalias ist im wesentlichen auf das militärische Eingreifen der ehemaligen UdSSR (zusammen mit Kuba) zurückzuführen, die inzwischen das Bündnis gewechselt hatte[15].

"Die folgende Wiederaufrüstung der Armee sowie deren Neuformierung verursachten derartige Kosten, daß davon- und durch die ungebrochene Pfründewirtschaft- die ohnehin schwache Wirtschaft des Landes langfristig ruiniert wurde.[16]"

Seit ca. 1980 nahm die maßgeblich von den Isaaq getragene militärische Opposition (SNM: Somali National Movement) im Norden und damit der Druck auf das Barre-Regime beständig zu. Die SNM griff militärische Einrichtungen der regulären Armee an, befreite politische Häftlinge und verübte Bombenanschläge. Die Repressionspolitik Barres gegenüber den Mitgliedern des Isaaq-Clans, somit also im Norden Somalias, war stärker als im übrigen Land und gegenüber den anderen Clans. Dieses kam Mitte der 80er Jahre auch in dem Buch 'Letter of Death', geschrieben von Barres Schwiegersohn und Verteidigungsminister General Morgan, zum Ausdruck, in dem er zur Vernichtung des Isaaq-Clans aufrief. General Morgen wird auch als Hauptverantwortlicher (er hatte den Oberbefehl) für die Bombardierung Hergeisas (1988) und die anschließenden Massaker an der Zivilbevölkerung angesehen, die mindestens 10.000 Todesopfer forderte. Zudem flohen ca. 110.000 Menschen, hauptsächlich Isaaq, nach Äthiopien[17]. "Nach Schätzungen der Menschenrechtsorganisation 'Africa Watch' kamen dabei 50.000 Zivilisten ums Leben. UNHCR-Angaben zufolge flüchteten etwa 500.000 Nordsomalis ins benachbarte Äthiopien, wo ein Großteil von ihnen auch heute (Ende 1992, d.A.) noch in Flüchtlingslagern dahinvegetiert.[18] "

Man kann den Beginn der ' somalischen Katastrophe ' auf Anfang 1981, der Formierung der SNM zum militärischen Widerstand, datieren. Spätestens Mitte 1988 hatte der Bürgerkrieg in Somalia gewaltige Ausmaße mit Zehntausenden von Toten und Hunderttausenden von Flüchtlingen erreicht. Angesichts dieser Ausmaße hätte sich die Internationale Gemeinschaft und die UNO spätestens 1988 Somalia zuwenden müssen, was jedoch ausblieb.

2.1 Aideeds und Mahdis Hintergrund

Beide, Aideed und Mahdi, gehören demselben Clan (Hawiye) an, jedoch unterschiedlichen Subclans[19]: Mahdi den Abgal und Aideed den Habar Gidir.

Die politische Bewegung der Hawiye ist der USC ( United Somali Congress).

Der USC wurde im Januar 1989 in Rom mit dem Ziel den Diktator Barre zu stürzen, gegründet. Schon kurze Zeit nach der Gründung gliedert sich der USC in drei Fraktionen: USC-Rom, USC-Äthiopien und USC-Mogadishu. Die USC-Äthiopien-Fraktion ist der militärische Flügel des USC.

Während Mahdi, ein populärer Hotelbesitzer und Mitunterzeichner des ' Manifest der 100'[20] (manifesto group) aus Mogadishu, die USC-Rom-Fraktion unterstützt und dem USC-Mogadishu vorsteht, ist Aideed der militärische Führer des USC-Äthiopien.

General Mohamed Farah Hassan 'Aideed' wurde an Militärakademien in Rom und Moskau ausgebildet und saß sechs Jahre, von 1969-75, ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis, da er für das Barre-Regime eine potentielle Gefahr darstellte. Im Gefängnis lernte er Colonel Abdillahi Yousuf Ahmed, ebenfalls ein politischer Gefangener, kennen. Hieraus entwickelte sich 15 Jahre später eine Allianz zwischen Aideeds Hawiye-Subclan (Habar Gidir) und Yousufs Majertein-Subclan, den Omar Mahamud. Diese Allianz charakterisiert Drysdale als "... a turning point in the history of southern Somalia[21]".

Beide Subclans sind Nomaden-Subclans, die sich die Mudug Region teilen.

Drei Jahre nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, 1978, mußte Aideed, von Barre unter Druck gesetzt, eine schriftliche Garantie abgeben, daß Abdillahi Yousuf keinen Staatsstreich unternehmen würde, was dieser jedoch trotzdem versuchte. Yousuf flüchtete nach dem fehlgeschlagenen Versuch erst nach Kenia, dann nach Äthiopien.

In den 80er Jahren bis 1989 war Aideed fünf Jahre lang somalischer Botschafter in Indien, wo er dem Regime nicht schaden konnte. Mit Rat und Hilfe von Dozenten an der New Dehli University schrieb er drei Bücher (A Vision of Somalia; The Preferred Future Development in Somalia und Somalia from the Dawn of Human Civilisation to Today).

Aideed wurde von Dr. Ismail Jumale Ossoble, einem Rechtsanwalt und auch ehemals politischem Häftling (prisoner of conscience) unter Barres Herrschaft, unterstützt. Jumale galt als akzeptabler Nachfolger Barres und war Mitbegründer des Manifests, verstarb jedoch im August 1990 in einem Krankenhaus in Rom[22]. Er gehörte dem selben Sub-Clan der Hawiye, den Abgal, wie Ali Mahdi an.

Jumale beauftragte Aideed mit der Ausbildung einer Miliz: USC-Ethiopia.

Ende 1989 erreichte Aideed, der Einladung Mengistus folgend, Äthiopien und erhielt die Erlaubnis, einen militärischen Flügel des USC in Äthiopien zu formieren. Obwohl seit dem 3. April 1988 ein Friedensvertrag zwischen Äthiopien und Somalia existierte, wonach sich beide Parteien verpflichtet hatten die jeweils gegnerischen Befreiungsorganisationen nicht mehr länger zu unterstützen[23]. "Ironischerweise führte gerade dieser Friedensvertrag zu den bis dato blutigsten und grausamsten Auseinandersetzungen zwischen dem Militärregime Syad Barres und der SNM, deren Krieger, rausgeschmissen aus Äthiopien, nichts anderes übrig blieb, als nach Somalia zurückzugehen[24] ." Die Gelder, die benötigt wurden, um es Aideed zu ermöglichen als Botschafter zurückzutreten und Äthiopien zu besuchen, wurden von verschiedenen Seiten gespendet, so unter anderem auch von Ali Mahdi. Guerrilla-Einheiten aus der Mudug Region hatten bereits (1989) meuternde Teile von Barres Armee, zumeist Angehörige der Saleban- einer Untersektion des Hawiye Clans- übernommen.

Somit verfügte Aideed schon Ende 1989 über einen Grundstock für den militärischen Flügel des USC, der USC-Äthiopien Fraktion. Dieses hatte er maßgeblich der auf seine Gefängniszeit zurückgehenden Verbindung mit Colonel Abdillahi Yousuf Mohamed und der späteren Allianz zwischen den Subclans (von den Hawiye) der Habar Gidir und (von den Majertein) Omar Mahamud, zu verdanken.

Das im Mai 1990 veröffentlichte Manifest veranlaßte Barre viele der Unterzeichener, darunter unter anderen den ersten Präsidenten Somalias Adan Abdulla Osman und den früheren Polizeichef Mohamed Abshir Muse, die erst durch eine Intervention des italienischen Botschafters Mario Sica wieder freigelassen wurden. Mahdi floh überraschend nach Diredawa in Äthiopien, weil er fürchtete, selbst verhaftet zu werden, obwohl seine Frau die Beraterin Barres war. Von Äthiopien aus floh er weiter ins USC-Hauptquartier nach Rom, da er seine Position gegenüber Aideed bedroht sah. Die Mitglieder des USC-Rom, allesamt von verschiedenen Sub-Clans der Hawiye, neigten mehr dazu die Abgal als die Habar Gidir zu unterstützen. Weil sie selber fürchteten, durch den Einfluß Aideeds ihren Einfluß und damit auch ihrer Sub-Clans innerhalb des USC zu verlieren.

Der plötzliche Tod Jumales im August 1990 führte zum öffentlichen Machtkampf zwischen Mahdi und Aideed und spaltete kurze Zeit später den USC. John Drysdale bewertet den Tod von Jumale wie folgt: "...historically it was an accident of fate; the end of slenderest hopes that an acceptable successor to Barre could be found. There was trouble ahead[25] ."

Aideed verbündete sich im Juni 1990 in Mustahil mit der SNM (Isaaq-Clan), die in der Nord-West-Region gegen Barres Truppen kämpfte und danach mit der SPM (Ogaden-Clan) in den Regionen Bakol und Bay unter Führung von Colonel Ahmed Omar Jess.

Die USC-Mogadishu Fraktion, mit ihrem Vorsitzenden Husein Omar Bod, verbündete sich mit der Manifesto Group in Mogadishu.

Nur zwei Tage nachdem Barre in der Nacht vom 26. zum 27. Januar 1991 mit Resten seiner Armee fluchtartig vom Präsidentenpalast (Villa Somalia) aus Mogadishu verlassen hatte, ernannte Hussein Omer Bod am 29. Januar `91 Ali Mahdi entgegen allen Vereinbarungen für eine Übergangsperiode von 28 Tagen zum Interimspräsidenten Somalias. Mahdi seinerseits ernannte Omar Arteh Ghalib[26] zum Premierminister.

Das bedeutete die endgültige Spaltung des USC (weder Aideed noch die SNM oder die SPM wurden vor dieser Entscheidung konsultiert) und lieferte den Grund für einen weiteren Bürgerkrieg und der Sezession Nordsomalias durch die SNM am 18.5.91.[27]

3. Verpaßte Chancen der Internationalen Gemeinschaft und der UNO, die sich abzeichnende `Katastrophe´ zu verhindern

Der Algerier Mohamed Sahnoun war der erste UN-Sonderbotschafter für Somalia. Er wurde offiziell am 28.4.1992 vom UN-Generalsekretär Ghali berufen. Nachdem Sahnoun wiederholt die UNO für ihr lasches Engagement in Somalia kritisierte, mußte bzw. trat er am 29.10.1992, also nach einem halben Jahr, als UN-Sonderbotschafter zurück[28]. Der irakische Kurde Ismat Kittani wurde als sein Nachfolger ernannt.

[...]


[1] NOVATI (1994), S. 380.

[2] MICHLER (1993), S. 82/83; vgl. auch S. 46/47 und 81/83.

[3] MICHLER (1993) S. 11.

[4] TOUATI (1994) S.47.

[5] vgl. MATTHIES (1992) S. 100-106; u. MICHLER (1993) S. 61/62.

[6] MATTHIES (1992) S. 100.

[7] ebd. S. 104.

[8] ebd. S. 102-103; u. TOUATI (1994) S. 47.

[9] vgl. MATTHIES (1992) S. 102.

[10] vgl. TOUATI (1994) S. 52/53; u. MICHLER (1993) S. 64/65.

[11] vgl. MICHLER (1993) S. 18.

[12] MATTHIES (1992) S. 104.

[13] vgl. ebd. S. 124 u. 128.

[14] vgl. für nähere Angaben die Kapitel Äthiopien und Eritrea bei MATTHIES.

[15] ebd. S. 105.

[16] MICHLER (1993) S. 64.

[17] vgl. TOUATI (1994) S. 52.

[18] MICHLER (1993) S. 68/69.

[19] Der Name eines Clans leitet sich von dem Namen des Gründers ab, deren Mitglieder die lebenden Nachkommen des Gründers sind. Ein Subclan wird ebenfalls nach einem prominenten Gründer innerhalb des Clans bzw. der Lineage(in Mahdis Fall z.B. Abgal) benannt, dieser ist jedoch gleichzeitig ein direkter Nachkomme des übergeordneten Clans(in diesem Falle der Hawiye); s.DRYSDALE (1994) S. 15-16.

[20] Auf das Manifest, für das bei verschiedenen Autoren unterschiedliche Bezeichnungen verwendet werden, wird im Folgenden noch näher eingegangen.

[21] DRYSDALE (1994) S. 23.

[22] ebd. S. 21-24.

[23] vgl. TOUATI (1994) S. 52.

[24] TOUATI (1994) S. 52.

[25] DRYSDALE (1994) S. 24.

[26] Omar Arteh Ghalib, früherer Außenminister und Mitglied der Isaaq, wurde 1982 zum Tode verurteilt, jedoch nach acht Jahren Haft wieder frei gelassen. Am 25.12.1990 kündigte Barre, zu diesem Zeitpunkt durch die Befreiungsorganisationen in arge Bedrängnis gebracht, freie Wahlen an und ernannte Arteh zum Premierminister. Außerdem ernannte Barre eine neue Regierung, bestehend aus 75 Mitgliedern der Manifesto-Gruppe und 25 von Barre ernannten Ministern (Sulux-Gruppe). Am 23 Janauar 1991- auf einer auf Video aufgezeichneten Sitzung der neuernannten Regierung- versuchte Arteh mit Aideed einen sofortigen Waffenstillstand auszuhandeln, da Barre sich bereit erklärt hatte in naher Zukunft sein Amt niederzulegen. Aideed bestand jedoch darauf Barre gewaltsam zu stürzen und vorher auch keine Interimsregierung zu bilden, wie dieses zuvor auch mit den anderen Befreiungsorganisationen vereinbart war. vgl. Drysdale (1994), S.26-27.

[27] Wenn keine anderweitigen Angaben gemacht wurden, wurde der Inhalt aus DRYSDALE (1994) S. 15-30 entnommen.

[28] vgl. SAHNOUN (1994) S. viii- ix.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Somalia - Von Barre's Flucht bis zur Operation Restore Hope
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Der somalische Bürgerkrieg: eine Folge von Einmischung und Intervention?
Note
gut
Autor
Jahr
1995
Seiten
47
Katalognummer
V43362
ISBN (eBook)
9783638411813
ISBN (Buch)
9783638724326
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Somalia, Barre, Flucht, Operation, Restore, Hope, Bürgerkrieg, Folge, Einmischung, Intervention
Arbeit zitieren
Coskun Tözen (Autor), 1995, Somalia - Von Barre's Flucht bis zur Operation Restore Hope, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43362

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