Klassische und moderne Kritik der Menschenrechte

Jeremy Bentham und Hannah Arendt. Ein Vergleich


Seminararbeit, 2018
24 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jeremy Bentham: Unsinn auf Stelzen
2.1. Der historische Entstehungskontext
2.2. Benthams Menschenbild
2.3. Die zentralen Kritikpunkte an den Menschenrechten

3. Hannah Arendt: Die Aporien der Menschenrechte
3.1. Der historische Entstehungskontext
3.2. Arendts Menschenbild
3.3. Die zentralen Kritikpunkte an den Menschenrechten

4. Schluss: Vergleich der beiden Autoren

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Frage der Menschenrechte ist so wichtig, daß [sic] es bezüglich ihrer Gültigkeit keine Meinungsverschiedenheiten geben kann.“[1] Mit diesem Satz hebt der Dalai Lama zum einen die Bedeutung der Menschenrechte hervor und fügt zum anderen an, dass es keine Diskussion über ihren Geltungsanspruch geben kann. Die Menschenrechte gelten für jeden Menschen, da sie als „›fundamentale‹ und ›subjektive‹ Rechte“[2] jedem menschlichen Lebewesen zugesprochen werden und „ihm in politischen Deklarationen, nationalstaatlichen Verfassungen oder auch völker-rechtlichen Verträgen, d.h. über nationale, kulturelle und religiöse Grenzen hinweg, als ›angeboren‹, ›unverlierbar‹ und ›unveräußerlich‹ zugeschrieben werden […].“[3] Das impliziert zugleich, dass ein Verstoß gegen diese Rechte nicht damit begründet werden kann, dass es sich bei den Opfern der Menschenrechtsverletzungen nicht um Menschen handelt, sondern um „Tiere, die menschlicher Gestalt daherkommen.“[4] Mit seiner Aussage formuliert der buddhistische Mönch eine Idealvor-stellung, welche sowohl von der wissenschaftlichen Debatte als auch von der politischen Realität deutlich abweicht. Nichtstaatliche Organisationen, wie Amnesty International stellen nach wie vor Verletzungen gegen die Menschenwürde und die Menschenrechte auf der ganzen Welt fest. Aus dem aktuellen Report 2016/17 zur weltweiten Lage der Menschenrechte geht hervor, dass in Ländern wie Syrien, dem Jemen, Myanmar oder auch Burundi und im Südsudan „Regierungen und bewaffnete Gruppen Menschenrechte auf vielfältige Art verletzten.“[5] Aber auch in der wesentlichen Welt ist nach Angaben von Amnesty International feststellbar, dass „in weiten Teilen Europas und der USA Hassreden zunahmen[.]“[6] Dabei werden die Reden des US-Präsidenten Donald Trump, „die von Frauen- und Fremdenfeindlichkeit geprägt waren“[7] ebenso angeprangert, wie die Einführung eines neuen Überwachungsgesetzes in Großbritannien, welches ein Beispiel dafür ist „wie etablierte bürgerliche und politische Freiheiten im Namen der Sicherheit schleichend beschränkt wurden.“[8] Betrachtet man die wesentlichen Aspekte in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Menschenrechten, sind dabei Konfliktpunkte zu nennen, wie „die Spannung zwischen internationalen Menschenrechtsschutz und staatlicher Souveränität, die Widersprüche einzelner Menschenrechte untereinander, ihre Vereinbarkeit mit dem Prinzip der Demokratie und das Verhältnis des universalistischen Geltungsanspruchs der Menschenrechte zur Vielfalt der Kulturen.“[9] Diese Debatten entstanden aber nicht nur im Kontext der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahr 1948. Bereits die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1791 gab Autoren, wie Edmund Burke oder auch Jeremy Bentham Anlass zur kritischen Auseinandersetzung mit der Idee der Menschenrechte. Die Kritik an den Menschen-rechten im Kontext der französischen Revolution und, knapp 200 Jahre später, dem Ende des Zweiten Weltkriegs und mit ihm des nationalsozialistischen Regimes wirft die Frage auf, welche Unterschiede und Übereinstimmungen sich in den kritischen Abhandlungen zu diesen Zeitpunkten finden lassen und wie die einzelnen Haltungen begründet werden. Dazu soll Jeremy Benthams Schrift Unsinn auf Stelzen (1795) mit Die Aporien der Menschenrechte (1951) von Hannah Arendt verglichen werden. Unter Berücksichtigung des historischen Entstehungskontexts und des Menschenbilds der beiden Autoren wird herausgearbeitet, ob sie die Menschenrechte als notwenig erachten und wo sich in ihren Texten zentrale Kritikpunkte finden lassen. Den Abschluss der Arbeit bildet eine Zusammenfassung der Unterschiede und Übereinstimmungen der beiden Schriften.

2. Jeremy Bentham: Unsinn auf Stelzen

2.1. Der historische Entstehungskontext

Eine umfassende Auseinandersetzung mit einem Werk impliziert, dass man sowohl den Entstehungskontext als auch die Einstellungen und Werthaltungen des Verfassers berücksichtigt. Während dieses Kapitel die tiefgreifenden Veränderungen in Frankreich um das Jahr 1789 näher beleuchtet, beschäftigt sich das daran anschließende Kapitel mit Benthams Menschenbild.

Jeremy Bentham (1748–1832), ein englischer „Rechtswissenschaftler, Philosoph sowie politischer und sozialer Reformer[,]“[10] erlebte in Großbritannien nach dem Regierungsantritt Georgs III. im Jahr 1760 eine „Epoche der Krisen“[11]. Diese beförderte immer weitere wirtschaftlichen, politischen und verfassungsrechtlichen Herausforderungen ans Licht, welche es zu bewältigen gab. Zudem war England durch die Kriegsteilnahme in den Jahren 1756-1763 in Europa und Amerika hochverschuldet. „Am Ende des Siebenjährigen Krieges waren die Staatsschulden auf 140 Millionen Pfund gestiegen.“[12] Doch Bentham beschäftigten nicht nur die Vorgänge im eigenen Land. Auch im Kontext der Französische Revolution entstanden zahlreiche seiner Schriften. Die Zeitspanne zwischen 1789 und 1799 ist „eine Epoche der französischen Geschichte, in deren Verlauf infolge einer Reihe gewaltsamer Ereignisse eine grundlegende Umstrukturierung der politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse Frankreichs herbei geführt wurden.“[13] Die Ursachen für die Französischen Revolution liegen in der tiefen Unzufriedenheit des französischen Volkes mit seinen Regenten begründet und können zurückgeführt werden auf das „[...] Finanzgebaren der Krone und dem schließlichen Staatsbankerott [sic], […] der Korruption in der Verwaltung, der Frivolität am Versailler Hof, der allgemeinen Bevölkerungsexplosion und dem überall fühlbaren Preisanstieg für Lebensmittel in den Jahren 1787 bis 1789.“[14] Für den Verlauf der Revolution sind die Ereignisse des Jahres 1789 entscheidend. Zum einen fand am 14. Juli 1789 „der rasch zum Mythos hochstilisierten Sturm auf die Bastille“[15] statt, zum anderen begann in diesem Jahr „die Phase der Errichtung der konstitutionellen Monarchie [...] (1789-1792), deren wichtigste Zeugnisse die „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ vom 26. August 1789 und die erste geschriebene Verfassung Frankreichs vom 3. September 1791 sind[.]“[16] Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte wie auch die Verfassung, welche „die Mutter aller folgenden [ist und] an deren Spitze die […] Menschen- und Bürgerrechte stehen[,]“[17] bildeten für das französische Bürgertum die Höhepunkte der Revolution.[18]

Bentham setzte sich in vielfältiger Weise mit den Vorgängen in Frankreich um das Jahr 1788 auseinander. Erste Arbeiten lassen sich bereits in der Frühphase der Französischen Revolution nachweisen. Es war „[...] around 1789 when he began reflecting on the French Revolution.“[19] Neben einem „Entwurf eines Verfassungsgesetzes für Frankreich“[20] verfasste er auch „Anmerkungen zu den Entwürfen der Menschen- und Bürgerrechtserklärungen, die dem Verfassungskomitee der Französischen Nationalversammlung vorgelegt wurden[.]“[21] Anlass zu scharfer Kritik gab in seinen Augen vor allem die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Unter dem Titel Unsinn auf Stelzen, erschienen 1795, befasst er sich eingehend mit den einzelnen Artikeln dieser Erklärung und unterzieht sie einer kritischen Beurteilung. James Steintrager liefert grundsätzliche Informationen zu Benthams Werk in folgender Form: „By 1795 he was composing a work to be called Pestulance Unmasked! (which was later published as Anarchical Fallacies), a ringing condemnation of the French Declaration of the Rights of Man and the actions perpetrated in its name.“[22] Durch seine Abhandlungen entwickelte er sich zu einem der schärfsten und prominentesten Kritiker der französischen Menschen- und Bürgerrechtserklärung.

Bevor näher auf Benthams Werk eingegangen wird, soll zunächst sein Menschenbild dargestellt werden.

2.2. Benthams Menschenbild

Bentham gilt „als [der] Begründer des Utilitarismus.“[23] Zentral für seine „moralphilosophische Theorie erster Ordnung“[24] ist die Annahme, dass menschliches Verhalten stets darauf ausgelegt ist „möglichst viel Lust zu erreichen und Leid wenn immer möglich zu vermeiden.“[25] Ausgehend von dieser Grundannahme ermöglicht der Utilitarismus, dass „Entscheidungen, Handlungen, Normen und Institutionen als moralisch richtig oder falsch“[26] beurteilt werden können. Diese Bewertung erfolgt durch das Nützlichkeitsprinzip, welches Bentham folgendermaßen beschreibt:

„Unter dem Prinzip der Nützlichkeit ist jenes Prinzip zu verstehen, das schlechthin jede Handlung in dem Maß billigt oder mißbilligt, wie ihr die Tendenz innezuwohnen scheint, das Glück der Gruppe, deren Interesse in Frage steht, zu vermehren oder zu vermindern, oder - das gleiche mit anderen Worten gesagt - dieses Glück zu befördern oder zu verhindern. Ich sagte: schlechthin jede Handlung, also nicht nur jene Handlung einer Privatperson, sondern auch jede Maßnahme der Regierung.“[27]

[...]


[1] zitiert nach: Hedderich, Ingeborg: Teilhabe und Vielfalt: Herausforderungen einer Weltgesellschaft. Eine Einführung im Kontext der UN-Behindertenrechtskonvention. In: Hedderich, Ingeborg; Zahnd, Raphael (Hrsg.) (2006): Teilhabe und Vielfalt: Herausforderungen einer Weltgesellschaft. Beiträge zur Internationalen Heil- und Sonderpädagogik. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt, S. 17-29, hier: S. 17

[2] Pollmann, Arnd; Lohmann, Georg: Einleitung. Die Menschenrechte - aus interdisziplinärer Perspektive. In: Pollmann, Arnd; Lohmann, Georg (Hrsg.) (2012): Menschenrechte. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart; Weimar: Verlag J.B. Metzler, S. IX-XIV, hier: S. IX

[3] ebd.

[4] Rorty, Richard: Menschenrechte, Rationalität und Gefühl. In: Shute, Stephen; Hurley, Susan (Hrsg.) (1996): Die Idee der Menschenrechte. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag, S. 144-170, hier: S. 145

[5] Shetty, Sahil: Vorwort. In: Amnesty International (Hrsg.) (2017): Amnesty International Report 2016/17 zur weltweiten Lage der Menschenrechte. Frankfurt/Main: S. Fischer, S. 7-10, hier: S. 7

[6] ebd.

[7] ebd.

[8] Shetty, Sahil (2017), S. 7-10, hier: S. 9

[9] Koenig, Matthias (2005): Menschenrechte. Frankfurt; New York: Campus Verlag, S. 8

[10] Höffe, Otfried (Hrsg.) (2013): Einführung in die utilitaristische Ethik. Klassische und zeitgenössische Texte. 5., überar. und erw. Aufl. Tübingen; Basel: A. Francke Verlag, S. 258-262, hier: S. 258

[11] Maurer, Michael (2007): Kleine Geschichte Englands. Stuttgart: Reclam, S. 309

[12] ebd., S. 299

[13] Schmitt, Eberhard (1980): Einführung in die Geschichte der Französischen Revolution. 2., durchges. Aufl. München: Beck (Beck’sche Elementarbücher), S. 9

[14] ebd., S. 16f.

[15] ebd., S. 19

[16] Schmitt, Eberhard (1980), S. 9f.

[17] Franz, Günther (Hrsg.) (1950): Staatsverfassungen. Eine Sammlung wichtiger Verfassungen der Vergangenheit und Gegenwart in Urtext und Übersetzung. München: R. Oldenbourg, S. 285

[18] vgl. Schmitt, Eberhard (1980), S. 20

[19] Steintrager, James (1977): Bentham (Political Thinkers 5). London: George Allen & Unwin Ltd, S. 15

[20] vgl. Niesen, Peter (Hrsg.) (2013): Unsinn auf Stelzen: Schriften zur Französischen Revolution. Schriften zur europäischen Ideengeschichte, Band 5. Berlin: Akademie Verlag, S. 7

[21] vgl. ebd.

[22] Steintrager, James (1977), S. 58

[23] Llanque, Marcus (2016): Geschichte der politischen Ideen. Von der Antike bis zur Gegenwart. 2. durchges. Aufl. München: C.H. Beck, S. 90

[24] Höffe, Otfried: Einleitung. In: Höffe, Otfried (Hrsg.) (2013): Einführung in die utilitaristische Ethik. Klassische und zeitgenössische Texte. 5., überar. und erw. Aufl. Tübingen; Basel: A. Francke Verlag, S. 7-51, hier: S. 10

[25] Gschwend, Lukas; Kramer, Georg (2004): Die rechtshistorische Textexegese: Jeremy Bentham, Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung (1789). Zürich: Schulthess Juristische Medien, S. 6

[26] Höffe, Otfried: Einleitung. In: Höffe, Otfried (Hrsg.) (2013), S. 7-51, hier: S. 10

[27] Bentham, Jeremy: Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung. In: Höffe, Otfried (Hrsg.) (2013): Einführung in die utilitaristische Ethik. Klassische und zeitgenössische Texte. 5. überar. und erw. Aufl. Tübingen; Basel: A. Francke Verlag, S. 55-82, hier: S. 56

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Klassische und moderne Kritik der Menschenrechte
Untertitel
Jeremy Bentham und Hannah Arendt. Ein Vergleich
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Seminar: Kritik der Menschenrechte
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
24
Katalognummer
V433776
ISBN (eBook)
9783668757769
ISBN (Buch)
9783668757776
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jeremy Bentham, Hannah Arendt, Menschenrechte, Kritik, Utilitarismus
Arbeit zitieren
Dominik Zoller (Autor), 2018, Klassische und moderne Kritik der Menschenrechte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/433776

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Klassische und moderne Kritik der Menschenrechte


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden