Das Motiv der Fremde in Uwe Timms Roman "Kerbels Flucht"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
12 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Fremde
2.1 Die ›Ästhetik der Fremde‹ in der postmodernen Literatur
2.2 Der ›Mythos Fremde‹

3. Das Motiv der Fremde im Roman Kerbels Flucht

4. Schluss und Ausblick: Charakterisierung Christian Kerbels

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit Kerbels Flucht veröffentlichte Uwe Timm im Jahre 1980 seinen dritten Roman. Er selbst nennt sein Werk „[d]as eindringliche Porträt einer Generation der verlorenen politischen Hoffnungen, die Chronik eines entfremdeten Lebens.“[1]

Der Roman in Form eines hinterlassenen Tagebuchs erzählt die Geschichte des 29jährigen Christian Kerbel, der einst politisch engagiert war und Germanistik studierte. Kerbel wird von seiner Freundin Karin wegen eines anderen verlassen und bringt sie selbst zum Flughafen. Kurz nach ihrer Abreise muss er feststellen, dass er mit dem Verlust nicht fertig wird. Er glaubt, dass er durch das Schreiben die kaputte Liebesbeziehung verarbeiten könne. Kerbel befindet sich auf der Suche nach Gründen für Karins Trennung, entwickelt dabei immer größere Selbstzweifel und verfällt immer mehr in einen Zustand von Resignation. Schon bald hält er es in München nicht mehr aus und entschließt sich nach Berlin zu fahren. Eigentlich wollte er sich dort mit Karin aussprechen, besucht aber aus Neugier ihren neuen Freund. Er ist das genaue Gegenteil Kerbels: ein erfolgreicher junger Architekt, der von seiner Arbeit fasziniert ist. Wieder in München angekommen, versucht er seine aktuelle Lebenssituation grundlegend zu verändern, was ihm aber nur kurzfristig gelingt. Die verlorene Liebe wird zum Anlass grundsätzlicher Beziehungsangst, großer Unzufriedenheit mit seinem Leben und führt am Ende sogar zur Lebensmüdigkeit.

In dieser Arbeit soll zunächst auf die ›Ästhetik der Fremde‹ in der postmodernen Literatur eingegangen und Bezug zum Roman Kerbels Flucht hergestellt werden. Anschließend wird unter besonderer Berücksichtung des Begriffs ›Mythos‹ der ›Mythos Fremde‹ dargestellt und das Motiv der Fremde anhand von Beispielen aus dem Roman erläutert. Am Ende wird aus den genannten Aspekten und den intertextuellen Bezügen innerhalb des Werks eine Charakterisierung des Protagonisten, Christian Kerbel, vorgenommen.

2. Die Fremde

2.1 Die ›Ästhetik der Fremde‹ in der postmodernen Literatur

Der Begriff der Postmoderne umfasst weit mehr als nur eine schöpferisch-kreative Phase einiger Künstler, in die literarische Werke und Werke der bildenden Kunst[2] anhand bestimmter Motive eingeordnet werden können. Vielmehr kann man „die Postmoderne als Nachkriegszeit (seit etwa 1950)“[3] begreifen, welche sich mit verschiedenen Fragestellungen und Problematiken auseinandersetzt. „Auf der Ebene der kulturellen Werte“[4] behandelt sie Fragen mit „politischen, psychologischen, philosophischen und ästhetisch-literarischen“[5] Inhalten und versucht darauf Antworten zu geben. Die Literatur der Postmoderne beschäftigt sich u.a. mit „der Frage nach der Wirklichkeit als Umwelt“[6], fragt nach der „politischen oder ästhetischen Identität und Verantwortung“[7] und thematisiert die auftretenden „gesellschaftlichen Verschiebungen [.]“[8] In diesen Zusammenhang fällt zum Beispiel auch die Auseinandersetzung mit der „Pluralisierung oder Fragmentierung der Gesellschaft […].“[9]

Die Generation der 68er-Bewegung war eine Generation, welche sich gegen bestehende Missstände auflehnte, für die sexuelle Befreiung und eine pluralistische und liberale Gesellschaft eintrat. Sie sprachen die unangenehmen Themen der jüngsten deutschen Vergangenheit an, fragten nach den Gründen warum so etwas passieren konnte und der Rolle ihrer Eltern.

Es waren diese jungen Menschen, die durch politisches Engagement gesellschaftliche Veränderung herbeiführen wollten. Die 68er-Bewegung steht damit im direkten Zusammenhang mit der Postmoderne:

Die mit der Studentenbewegung einhergehende Demokratisierung des Kulturbegriffs, aus der eine lebensweltlich geprägte Strategie der Subkultur als Kompensation des Krisenbewusstseins hervorgeht, kann als Basis für die Etablierung der Postmoderne angesehen werden.“[10]

In Form der Tagebuchaufzeichnungen Kerbels wird dem Rezipienten ein Einblick in die Lebenswelt eines Individuums der damaligen Zeit gegeben. Kerbel versucht sich in seiner, sich verändernden, politischen und sozialen Umwelt zurecht zu finden und seinen Platz innerhalb dieses Systems einzunehmen. Das will ihm jedoch nicht gelingen, was zum einen daran liegt, dass ihm durch seine Freundin Karin vor Augen geführt wird, dass er als Mensch austauschbar ist. Zum anderen muss er erkennen, dass sein politisches Engagement mit dem Ziel die Gesellschaft zu verändern, gescheitert ist. Parallel dazu zerfällt auch die Bewegung, wobei es viele Aussteiger und nur noch wenige friedliche Aktivisten gibt. Ein Teil der Bewegung erfährt eine Radikalisierung, welche u.a. zur Gründung der RAF führte. Durch Kerbels Erfahrungen und die Veränderungen seiner Umwelt kann ein Bezug zur Postmoderne hergestellt werden. „Der Verlust von Kerbels eigener Orientierung im Leben, die Auflösung des Kohärenzgefühls korrespondieren mit der Austauschbarkeit des Einzelnen in der Postmoderne […].“[11]

In der Literatur der Moderne und Postmoderne findet zudem eine Erweiterung des Ästhetikbegriffs statt. Neben der ›Ästhetik des Erhabenen‹ und der ›Ästhetik des Schönen‹ kommt nun eine dritte Art hinzu: die ›Ästhetik der Fremde‹. Das Erhabene und das Schöne sind Begriffe, welche Immanuel Kant in seiner Kritik der Urtheilskraft [ sic ] geprägt hat.

„Man kann das Erhabene so beschreiben: es ist ein Gegenstand (der Natur), dessen Vorstellung das Gemüth [ sic ] bestimmt, sich die Unerreichbar[keit] der Natur als Darstellung von Ideen zu denken.“[12]

Weiterhin definiert Kant, dass „[d]as Schöne […] das [ist], was ohne Begriffe, als Object [ sic ] eines allgemeinen Wohlgefallens vorgestellt wird [.]“[13] Dabei haben beide mindestens eine Gemeinsamkeit: „Das Schöne kommt darin mit dem Erhabenen überein, daß [ sic ] beides für sich selbst gefällt“[14] Die Ästhetik der Postmodernen Literatur wendet sich sowohl vom Erhabenen als auch vom Schönen ab. In die Mitte dieser beiden Extreme rückt nun das Fremde, als das befremdend Andere, welches als das Irritierende, das Unverständliche oder das Unheimliche in Erscheinung treten kann.[15] Indem sich ein Autor dieser Elemente bedient, erreicht er „bei Lesern […] eine besondere Kreativität der Verarbeitungsprozesse auszulösen, die zu einer als Wohlgefallen empfundenen Erweiterung der Wahrnehmung, Empfindung und des Bewusstseins führt.“[16]

Die ›Ästhetik der Fremde‹ durchzieht das hinterlassene Tagebuch Kerbels. Der Protagonist hält in seinen Tagebuchaufzeichnungen die plötzliche Trennung von seiner Freundin Karin fest. Was auf den Rezipienten zunächst unverständlich wirkt, weicht der Erkenntnis, wenn man den Lebenswandel Kerbels betrachtet. Innerhalb des Roman gewinnt Kerbel die gleiche Einsicht, was zur Folge hat, dass er einerseits nach-vollziehbare Emotionen zeigt, andererseits aber sein Verhalten immer irritierender und unverständlicher wird. Diese Irritation findet mit Kerbels Selbstmord seinen Höhepunkt. Die dargestellte Verstörung des Protagonisten macht deutlich, „dass es diese Ästhetik ist, mit der wir es bei der Literatur […] von […] Postmoderne zu tun haben [.] “[17]

2.2 Der ›Mythos Fremde‹

Um sich dem ›Mythos Fremde‹ im Roman zu nähern, ist es zunächst erforderlich den Begriff des ›Mythos‹ zu erläutern, um ihn anschließend anhand des Motivs der Fremde zu betrachten und auf das literarische Schaffen Uwe Timms zu beziehen.

Der Begriff ›Mythos‹ ist nach Assmann folgendermaßen definiert:

„Mythos ist eine Geschichte, die man sich erzählt, um sich über sich selbst und die Welt zu orientieren, eine Wahrheit höherer Ordnung, die nicht einfach nur stimmt, sondern darüber hinaus auch noch normative Ansprüche stellt und eine normative Kraft besitzt.“[18]

Ein ›Mythos‹ ist also eine individuell erlebte Geschichte, anhand derer sich Normen und Werte ableiten lassen und die Zeitzeugen eine eigene Sichtweise auf vergangene Erlebnisse entwickelt haben. Im Bezug auf die Aufarbeitung dieser historischer Ereignisse oder die Vergegenwärtigung individueller Erlebnisse ist noch ein anderes Moment für die Bedeutung eines Mythos entscheidend:

„Es geht nun weniger um eine Vergegenwärtigung jener Zeit oder die Auseinandersetzung mit den historischen Fakten, als vielmehr um eine Reflexion der überlieferten Sichtweisen auf die damaligen Ereignisse.“[19]

Der ›Mythos Fremde‹ bezieht sich damit auf die Verfremdung dieser individuellen Erlebnisse. Aus Gründen des Selbstschutzes oder einer anderen Sichtweise und Beurteilung historischer Ereignisse wird die erlebte Geschichte umgedeutet.

Christian Kerbel dokumentierte in seinen Tagebuchaufzeichnungen den Prozess der Entfremdung nach der Trennung von seiner Freundin Karin und deren Auswirkung auf sich und Bereiche seines Privatlebens. Gleichzeitig beschrieb er auch Momente, in denen er im Fremden das suchte und teilweise fand, was er im Vertrauten vermisste oder als nicht existent glaubte. Auf seinen Ausflügen nach Berlin, in die DDR und nach Hamburg, sowie beim Besuch einer Landkommune zeichnete sich das Ziel einer erfolgreichen „[…] individuellen, sinnlichen Glückssuche und Wunscherfüllung.“[20] ab. Andererseits blickte er auch auf seine eigene Vergangenheit und seine Familie zurück. Hierbei ließ er nicht unerwähnt, dass ihm seine aktive politische Teilnahme an der Studentenbewegung von damals nicht mehr nachvollziehbar war und er sich das inzwischen „[…] nur noch wie von einer anderen Person denken kann […].“ (KF, S. 19) Außerdem stellte er bei sich selbst fest, dass er sich fremd und unverständlich geworden war. Im familiären Bereich war es der Vater, der für ihn mehr ein Fremder war als eine geliebte Bezugsperson mit Vorbildfunktion.

Was hier überblicksweise erwähnt wurde, soll im folgenden Kapitel ausführlich dargestellt und erläutert werden.

[...]


[1] Timm, Uwe: Kerbels Flucht. 4. Auflage, dtv. München, 2011, Klappentext.
Das Werk wird im Folgenden unter der Sigle KF zitiert.

[2] Bei der folgenden Betrachtung der Postmoderne soll lediglich auf Aspekte eingegangen werden, welche für das Verständnis der literarischen Werke von Bedeutung sind. Da Werke der bildenden Kunst die Postmoderne mitgeprägt haben, sollte sie an dieser Stelle jedoch nicht unerwähnt bleiben.

[3] Zima, Peter V.: Moderne - Postmoderne. Gesellschaft, Philosophie, Literatur. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag 2014, S. 41

[4] ebd.

[5] ebd.

[6] ebd, S. 39

[7] ebd.

[8] ebd.

[9] ebd, S.11

[10] Germer, Kerstin: (Ent-)Mythologisierung deutscher Geschichte. Uwe Timms narrative Ästhetik. 1., neue Ausg., Göttingen, Niedersachs: V&R unipress 2012 (Deutschsprachige Gegenwartsliteratur und Medien, 12), S. 117

[11] Nicklas, Simone Christina: "Erinnern führt ins Innere". Erinnerung und Identität bei Uwe Timm. Marburg: Tectum-Verl. 2015 (Studien zu Literatur und Film der Gegenwart 10), S. 190

[12] Kant, Immanuel: Kritik der Urtheilskraft. Graz 1797 Band 1, S. 206

[13] ebd., S. 393

[14] Kant, Immanuel, S. 157

[15] vgl. hierzu: Grabes, Herbert: Einführung in die Literatur und Kunst der Moderne und Postmoderne. Die Ästhetik des Fremden. Stuttgart: Francke 2004 (Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft), S. 11 f.

[16] ebd., S.12

[17] ebd., S. IX

[18] Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. 6. Aufl. München: Beck 2007 (Beck'sche Reihe 1307), S. 76

[19] Germer, Kerstin, S. 119

[20] Hielscher, Martin: Uwe Timm. Originalausg., München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2007 (DTV Portrait), S. 95

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Das Motiv der Fremde in Uwe Timms Roman "Kerbels Flucht"
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Hauptseminar „Dem Phantastischen das Fell über die Ohren ziehen - Uwe Timms Alltagsästhetik“
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V433793
ISBN (eBook)
9783668757929
ISBN (Buch)
9783668757936
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Uwe Timm, Postmoderne, Kerbels Flucht, Fremde
Arbeit zitieren
Dominik Zoller (Autor), 2015, Das Motiv der Fremde in Uwe Timms Roman "Kerbels Flucht", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/433793

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