Lesen und Schreiben, ohne die Buchstaben zu sehen. Wie funktioniert die Blindschrift?


Seminararbeit, 2018
86 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zahlen, Daten, Fakten über Sehbehinderung und Blindheit im Allgemeinen

2. Entwicklung
2.1 Die Lebensgeschichte des Louis Braille (Abb. 1)
2.2 Vorgänger der Blindenschrift
2.2.1 Haüyschrift
2.2.2 Stachelschrift
2.2.3 Nachtschrift
2.3 Kurzschrift

3. Schriften
3.1 Moon - Schrift
3.1.1 Entwicklung
3.1.2 Aufbau
3.1.3 Wo wurde und wird sie verwendet?
3.1.4 Alternativen zum Schreiben
3.2 Die Brailleschrift in verschiedenen Sprachen
3.2.1 Nationale Besonderheiten
3.2.2 Die Brailleschrift in China
3.3 Wissenschaftliche Notation
3.4 Notation der Blindenschrift
3.4.1 Das DaCapo Projekt
3.4.2 Alternativen zu Braillenoten

4. Realisierung
4.1 Technik
4.1.1 Optacon
4.1.2 Braillezeile
4.1.3 Blindenschreibmaschine nach Picht
4.1.4 Bildschirmlupe
4.1.5 Sprachausgabe
4.1.6 Screenreader
4.1.7 DAISY - Hörbuch
4.1.8 Audiodeskription
4.1.9 Be my eyes
4.2 Drucke
4.2.1 Drucke in Blindenschrift
4.2.2 Abbildungen in Reliefform
4.3 Brailleschrift an Förderzentren

5. Bedeutende Blinde
5.1 Sabriye Tenberken
5.1.1 „Braille ohne Grenzen“: Projekt zur Integration Blinder in die tibetische Gesellschaft
5.1.2 „Blindsight“ - ein Dokumentarfilm einer außergewöhnlichen Bergbesteigung
5.2 Helen Keller (Abb. 19)
5.3 Erik Weihenmayer (Abb. 20)

6. Akzeptanz von Blinden
6.1 Inklusion/ Integration
6.2 Entwicklung des Behindertengleichstellungsgesetzes

7. Leben mit Blindheit
7.1 Einfluss einer Erblindung auf die kindliche Entwicklung
7.1.1 Geburtsblindheit
7.1.2 Erblindung im Kindes - oder Jugendalter
7.2 Erlernen der Blindenschrift für Späterblindete
7.3. Ausgewählte Ursachen einer Sehbeeinträchtigung und einige Therapiemöglichkeiten
7.3.1 Alström - Syndrom
7.3.2 Retinitis pigmentosa
7.3.3 Altersbedingte Makuladegeneration
7.3.4 Grauer Star
7.4 Die Christoffel Blindenmission

8. Fazit

Anhang

Glossar

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Printmedien

Digitale Medien

Sonstige Medien

Bildquellen

Einleitung

Wir haben uns für das Thema entschieden, weil es uns fasziniert, wie blinde Menschen ihren Alltag gestalten. Unter anderem könnte es uns später alle betreffen, z.B. durch einen Unfall oder einen unentdeckten Gendefekt. Vor allem Lisa setzt sich persönlich jeden Tag mit diesem Thema auseinander, da ihre beste Freundin erblindet ist.

Blindheit ist ein Thema, welches die Menschheit schon seit Jahrtausenden beschäftigt. Professionelle Blindenschriften entwickelten sich dagegen erst vor ca. 200 Jahren. In den letzten Jahrzehnten entstanden viele technische Hilfen für Blinde, zu denen wir uns äußern wollen.

Mit unserem Thema beleuchten wir die Geschichte und Entwicklung der Blindenschrift sowie die verschiedenen Schriften, wie beispielsweise die Moonschrift. Auch wird auf die Brailleschrift in verschiedenen Ländern, in der Wissenschaft und in der Musik eingegangen.

Gerade in der heutigen Zeit spielt die Technik eine wichtige Rolle. So ist es auch für erblindete Mitmenschen wichtig, diese effizient in ihren Alltag einbinden zu können.

Zudem informieren wir über drei blinde Menschen mit besonderen Verdiensten: Sabriye Tenberken, Helen Keller und Erik Weihenmayer.

Ein weiteres Thema, welches uns sehr am Herzen liegt, ist die Akzeptanz von Blinden in der Gesellschaft. In unserem letzten Punkt gehen wir auf das Leben mit der Blindheit ein.

Viele Informationen erhielten wir aus dem Buch „Das Buch der Blindenschrift. - Schriften. Praxis. Wörterbuch.“ von Birgit Adam. Weitere Quellen waren z.B. Ausarbeitungen, Referate und verlässliche Internetquellen wie DBSV und Fakoo. Praxisnahe Informationen erhielten wir aus Gesprächen mit Betroffenen, Hospitationen am Förderzentrum mit dem Schwerpunkt Sehen in Weimar und Treffen mit unserer Fachbetreuerin.

Auch praktisch setzten wir uns mit diesem, doch sehr theoretischen, Thema auseinander, indem wir einen Flyer in Blindenvoll - und Kurzschrift als Eigenbeitrag verfassten. Diesen erstellten wir, um das Wahrzeichen Gothas, unser Schloss Friedenstein, blinden Mitmenschen näher zu bringen. Sehbehinderte haben die Möglichkeit, auf Hilfsmittel wie den Blindenstock oder den Blindenhund zurückzugreifen. Auf diese werden wir in unserer Seminarfacharbeit jedoch nicht eingehen.

1. Zahlen, Daten, Fakten über Sehbehinderung und Blindheit im Allgemeinen

Da blinde und sehbehinderte Menschen in Deutschland nicht gezählt werden, muss man sich auf Hochrechnungen, die auf der Grundlage von älteren Erhebungen bzw. Zählungen aus anderen europäischen Ländern basieren, verlassen. Hierzu gibt es zwei bedeutende Statistiken.

Eine davon ist die Hochrechnung der Statistik der Blindengeldempfänger des Ministeriums für Gesundheit aus der DDR. Danach gab es Anfang der 1990er Jahre etwa 155.000 Blinde und 500.000 Sehbehinderte in Deutschland. Ein Nachteil dieser Zählung ist jedoch, dass eine Dunkelziffer bleibt, denn Blinde, die kein Blindengeld beantragt haben, wurden nicht erfasst. Des Weiteren ist davon auszugehen, dass die Zahlen mittlerweile veraltet sind.

Die zweite Statistik wurde aufgrund von Zählungen aus anderen europäischen Ländern, wie z.B. Dänemark, Finnland, Großbritannien oder Italien, von der WHO erstellt. Demnach leben heute ca. 1,2 Millionen sehbehinderte und blinde Menschen in Deutschland.

Im deutschen Recht gilt als sehbehindert, wer auch mit Brille oder Kontaktlinsen weniger als 30 % Sehkraft auf dem besseren Auge besitzt. Als hochgradig sehbehindert gilt man mit weniger als 5 % auf dem besseren Auge und als blind mit weniger als 2 %.

Wer beidseitig 20 % oder weniger Sehkraft besitzt, bekommt einen GdB von 50 zuerkannt und kann einen Schwerbehindertenausweis beantragen. Ist ein Auge stärker und das andere weniger stark beeinträchtigt, ist es unter Umständen ebenfalls möglich, einen Schwerbehindertenausweis zu bekommen. So wirkt sich z.B. auch eine Beeinträchtigung des Gesichtsfeldes auf den GdB aus. Mit dem GdB wird die Schwere der Behinderung in Zehnerschritten zwischen 0 und 100 angegeben.

Wer einen Schwerbehindertenausweis besitzt, bekommt z.B. vergünstigte Eintrittspreise, kostenlose Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, eine Befreiung von Rundfunk - und Fernsehgebühren oder einen Behindertenparkausweis.

Außerdem gibt es verschiedene Merkzeichen, z.B. RF, G, H, B und Bl.

Als blind eingestufte Personen bekommen Blindengeld gezahlt, dessen Höhe abhängig vom Bundesland ist. In Thüringen wurde es am 01.07.2017 auf 360 Euro angehoben, am 01.07.2018 soll es auf 400 Euro steigen. Das Blindengeld soll für aufgrund der Behinderung benötigte Hilfsmittel, z.B. ein Lesegerät oder einen Blindenhund, verwendet werden.

Wer noch mehr als ca. 10 - 20 % der normalen Sehkraft besitzt, kann sich meist noch ohne Blindenstock zurechtfinden. Dies ist aber abhängig von der Umgebung. So gelingt die Orientierung natürlich im vertrauten Terrain wesentlich leichter als in unbekannten Gebieten. Bis zu einer Sehkraft von 1 - 5 % ist es noch möglich, mit entsprechenden vergrößernden Hilfsmitteln Schwarzschrift zu lesen.

2. Entwicklung

Die heute weltweit verwendete Brailleschrift ist auf ihren Entwickler Louis Braille zurückzuführen. Unter welchen Umständen er erblindete und wie Braille sein Punktesystem entwickelte, wird im anschließenden Text geschildert.

2.1 Die Lebensgeschichte des Louis Braille (Abb. 1)

Eine Person, die sich maßgeblich für die Entwicklung und Förderung der Blindenschrift einsetzte, war Louis Braille. Als Sohn des Sattlers Simon René Braille erblickte er am 04.01.1809 in Coupvray, einer Gemeinde in der Umgebung von Paris, das Licht der Welt.

In seinem dritten Lebensjahr spielte er in der Werkstatt des Vaters, als ihm ein verhängnisvoller Fehler unterlief. Bei dem Versuch, einen Lederlappen zu prägen, verletzte er sich schwer mit einer Ahle, einem Werkzeug, welches sein Vater sonst zum Stanzen und Bearbeiten von Stoffen benutzte, am Auge. Aufgrund der schweren Wunde infizierte sich das Auge mit Keimen und entzündete sich schließlich. Infolge der schlechten Behandlungsmethoden des frühen 19. Jahrhunderts übertrug sich die Infektion auch auf das andere Auge des jungen Franzosen.

Nun war er schon in jungen Jahren vollständig erblindet. Durch das Mitleid seiner Eltern war Braille von Pflichten aller Art befreit. Mit dem Umstand seiner Erblindung sah er zu dieser Zeit einer sehr hoffnungslosen Zukunft entgegen. Doch Braille war sehr ehrgeizig und strebsam.

Er lernte, mit seiner Behinderung zu leben und nutzte verschiedenste Hilfsmittel, wie beispielsweise einen alten Holzstock, „mit dessen Hilfe er sich orientieren konnte.“ [1]

Jenes Hilfsmittel sollte später als Blindenstock bekannt werden.

Durch die Behinderung wurden andere Sinne wie der Tastsinn, das Hörvermögen und nebenbei sein Gedächtnis geschult. Das Potenzial, trotz seiner Einschränkung ein Gelehrter zu werden, erkannte ein Priester und nahm ihn in seine Obhut. Er unterrichtete ihn und bereitete ihn auf das Schulleben seiner Dorfschule vor, die Louis nur wenige Zeit später besuchen sollte.

Dennoch hatte er ein Problem, er war von den Lauten der Vorleser abhängig. Das hieß, dass er zwar die Bücher vom Inhalt bis zum Aufbau nachvollziehen konnte, aber nicht fähig war, selber etwas nachzulesen oder durchzuarbeiten. Dies bemerkte auch sein Lehrer und versuchte das Problem des Hörens zu lösen, indem er nach einer Schule suchte, die speziell für Blinde ausgerichtet war.

Er wurde in Paris beim Königlichen Institut für junge Blinde fündig. Im Februar 1819 machte er sich auf den Weg zu der ersten Blindenschule der Welt. Dort angekommen, fand er ein Gebäude auf, das nach der Französischen Revolution sehr verkommen und brüchig hinterlassen worden war.

Die Lernbedingungen waren demnach sehr schlecht und ausbaufähig. Ungeachtet dessen konnte er auf der einen Seite Kontakt mit anderen Blinden knüpfen.

Auf der anderen Seite war es ihm möglich, eine Ausbildung zu absolvieren, um später finanziell nicht von anderen abhängig zu sein.

An die schlechten Bedingungen waren die bürgerlichen Schüler aber gewöhnt und schreckten deswegen auch kaum zurück. Trotz ihrer Behinderung wurden sie für, aus der Sicht der Schule, schlechtes Benehmen hart bestraft. Das führte vom Nahrungsmittelentzug bis zur Prügelstrafe hin. Diese sollte Louis aber kaum erfahren, da er schnell zu einem leistungsstarken und gehorsamen Schüler heranwuchs.

Neben seinem Klavierunterricht setzte er sich auch mit der von Charles Barbier entwickelten Nachtschrift auseinander. (siehe 2.2.3 Nachtschrift) Dabei tastet man mit den Fingern über ein mit Punkten eingestanztes Stück Papier.

Die Nutzung dieser Schrift war sehr mühevoll und nahm viel Zeit in Anspruch. Das bemerkte auch Braille und musste feststellen, dass man beim Tasten den Finger sowohl waagerecht als auch senkrecht bewegen muss, um die teilweise zu hoch geratenen Wörter zu entziffern.

Diese Technik, die Silben zu lesen und zu schreiben, nahm sehr viel Platz in Anspruch.

Louis erkannte die Probleme und arbeitete verschiedene Verbesserungsansätze aus, die aber zunächst alle von Charles Barbier verworfen wurden.

Dennoch ließ er sich nicht unterkriegen und entwickelte verbesserte Methoden für seine eigene Blindenschrift, die er mit 16 Jahren seiner Klasse und seinem Schulleiter vorstellte.

Die harte Arbeit, die mit sehr viel Schlafmangel verbunden war, spiegelte sich zunächst nur in Respekt und Begeisterung der Schule. Denn die Öffentlichkeit nahm die Nachricht, dass eine neue Blindenschrift entwickelt wurde, eher kritisch entgegen.

Es musste nun mehr Geld für neue Buchdrucke und Drucktechniken bereitgestellt werden und das in der Zeit, als jeder auf sein Geld achten musste.

Die Öffentlichkeit erkannte die bahnbrechenden Erfindungen Braills nicht, die unter anderem auch der Reduzierung der Punktzahlen von zwölf auf sechs bedeutete.

Nach seinem Schulabschluss begann Louis Braille Anfang 20 als Lehrer zu arbeiten. Neben dessen entwickelte Louis seine Blindenschrift weiter. Mit dem neuen Punktsystem konnte er unter anderen Zahlen und Buchstaben ausdrücken. In der Gunst des Schulleiters gestiegen, druckte Braille auch Bücher für die Bibliothek der Schule.

Er prägte die Punkte mit eine ähnlichen Ahle wie die, die ihn Jahre zuvor erblinden ließ. Im 26. Lebensjahr infizierte sich Louis mit Tuberkulose, einer Krankheit, die sehr ansteckend ist und zu der damaligen Zeit nur schwer zu behandeln war. Jedoch veröffentlichte er in dieser Zeit sein erstes Buch. Es trug den Namen „Verfahren, nach dem Texte, Noten und gregorianische Gesänge mit Hilfe von Punkten in Blindenschrift übertragen werden können.“ [2]

Doch auch dieser Innovation wurde von der Öffentlichkeit und Blindenschriftentwicklern wie Charles Barbier keine Beachtung geschenkt. Außerdem wurde der alte Schulleiter des Königlichen Institutes für junge Blinde durch das zuständige Schulamt entlassen und 1841 durch einen neuen ersetzt. Der neue Schulleiter trug den Namen Pierre - Armand Dufau.

Zum Nachteil für Louis verweigerte er aber die von Braille entwickelte Blindenschrift mit der Begründung, dass sich Blinde noch mehr von der Gesellschaft abspalten würden, wenn sie eine Schrift benutzen können, die Sehende nicht erlernt haben. Das war aber nicht die einzige Begründung für sein Verbot, eine weitere war, dass er selber eine Methode entwickelte, mit der man lateinische Buchstaben schreiben konnte. Braille musste mit ansehen, wie Dufau seine Schrift untersagte und all die von Louis geschriebenen Bücher verbrannte. Doch die Schüler erkannten den Nutzen und die Vorteile Brailles Schrift und verwendeten sie inoffiziell weiter. Als der Lehrer Joseph Gaudet den Direktor Dufau überredete, das Punktesystem Brailles wieder einzuführen, wurde die Öffentlichkeit auch mit der Entwicklung vertraut. Durch den gewonnenen Bekanntheitsgrad nutzten ab sofort auch andere Schulen das System.

Seit 1847 konnten die Bücher in noch höheren Stückzahlen hergestellt und verbreitet werden, Grund dafür waren die technologischen Fortschritte zu dieser Zeit. Den großen Durchbruch schaffte Braille´s Punktesystem im Jahr 1850. Das Punktesystem wurde an allen Blindenschulen Frankreichs anerkannt und erprobt. Doch Braille wurde erneut von Tuberkulose eingeholt, zu diesem Zeitpunkt gelang es ihm aber nicht, der Krankheit zu widerstehen.

Er starb im Alter von 43 Jahren an den Folgen der Infektion am 06.01.1852.

Nach seinem Tod wurde das von ihm entwickelte Punktesystem nach und nach in vielen Ländern, wie 1858 in den Vereinigten Staaten oder 1880 in Deutschland, eingeführt.

Die von Louis Braille entwickelte Blindenschrift besteht aus einer Gruppe von bis zu sechs Punkten. Drei Reihen mit je zwei Punkten ergeben einen Buchstaben.

Brailles Punktesystem als Übersicht:

P1 P4

P2 P5

P3 P6

Die ersten zehn Buchstaben bestehen aus den oberen vier Punkten, also Punkt eins, zwei, vier und fünf.

Die darauffolgenden zehn Buchstaben werden mit dem zusätzlich dritten Punkt ergänzt.

Die gesamten sechs Punkte werden bei der Bildung des “ß“ und “ST“ sowie des 21. bis 26. Buchstabe benötigt. Bei besonderen Buchstabenkombinationen wie beispielsweise “AU“, “SCH“, “CH“ oder “EU“ aber auch bei “Ü“,“Ö“ oder “W“ werden alle Punkte, bis auf den dritten, verwendet. Neben den Buchstaben werden auch Sonderzeichen und Zahlenzeichen (siehe Kapitel 3.3 Wissenschaftliche Notation) gebildet.

2.2 Vorgänger der Blindenschrift

Blindenschriften werden hauptsächlich in Reliefschriften und Punktschriften unterteilt.

Zu den Zweitgenannten zählt unter anderem die Nachtschrift als Vorgänger von der von Louis Braille entwickelten Brailleschrift und der „reformierte[n] Version American Braille“, [3] welche Joel W. Smith weiterentwickelte und die sich nur durch eine effektivere Anordnung unterschied.

Zu den Sonderformen der Punktschriften zählt die Blindenschrift „New York Points“, welche eine andere Anordnung und die Unterscheidung zwischen Groß - und Kleinschreibung beinhaltet.

Die bekanntesten Beispiele für die Reliefschriften sind die Moonschrift (siehe 3.1 Moon - Schrift), Haüyschrift und die Stachelschrift.

Die folgenden Blindenschriften werden nun genauer erklärt: Haüyschrift, Stachelschrift und Nachtschrift.

2.2.1 Haüyschrift

Der Name der Haüyschrift setzt sich aus dem Nachnamen des Entwicklers, Valentin Haüy, zusammen. Er wurde im November 1745 geboren und starb im März 1822 in Frankreich.

Die Haüyschrift ist eine Form der Reliefschriften, dabei handelt es sich nicht um ein Punktsystem, sondern um vereinfachte Symbole und lateinische Satzzeichen.

Bei der Haüyschrift werden mit einer dünnen Metallspitze Umrandungen spiegelverkehrt in ein Papierstück geritzt. Dabei kann es später noch von kleinen Drähten stabilisiert und unterstützt werden. Als Valentin Haüy eine Menschenmenge an Blinden sah, die von einer weiteren Gruppe diskriminiert wurde, entschied er sich ihnen zu helfen und „gründete so 1784 in Paris die erste Erziehungs - und Unterrichtsanstalt für junge Blinde.“ [4]

Aufgrund von Napoleons Vormacht wurde er aber 1803 entlassen und zog in das russische St. Petersburg, wo er eine weitere Blindenschule errichten ließ.

Aufgrund der politischen Unruhen konnte er trotz seiner Bemühungen nicht so viel verändern, als er sich es erwünschte. Jedoch schaffte er ein Fundament, auf dessen später in moralischer und gesetzlicher Ebene aufgebaut werden konnte.

2.2.2 Stachelschrift

„Eine weitere Reliefschrift ist die Stachelschrift“, [5] welche von Johann Wilhelm Klein entwickelt wurde. In Bayern geboren, wuchs er während in der Zeit der Feldzüge Napoleons auf.

Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation beschloss er der Bevölkerung zu helfen. Er „arbeitete als Hauslehrer und wirkte ehrenamtlich als Direktor des Armenbezirks“ [6], da er selbst aus mittellosen Verhältnissen stammte.

Als Direktor näherte er sich nun noch mehr blinden Menschen an und nahm zu ihnen Kontakt auf. Durch seinen Drang etwas zu verändern und seiner Erfahrung als Lehrer entschloss er sich dazu, Blinde zu unterrichten. Es wurden anschließend Einrichtungen erbaut, die man zur Förderung Sehbehinderter nutzte. Johann Klein setzte sich zum Ziel, Blinden so zu helfen, dass sie ohne Spenden und von ihrem selbst erarbeiteten Geld überleben können.

Er konstruierte eine Maschine, mit denen man „die lateinischen Großbuchstaben in Form von mit vielen Nadeln besetzten Holzklötzchen seitenverkehrt ins Papier stanzen“ [7] konnte.

Die Besonderheit dieser Maschine ist, dass die Punkte wie lateinische Buchstaben angeordnet sind und somit auch von Sehenden gelesen werden können.

Daraus ergab sich der Vorteil, dass nun ein Briefwechsel zwischen Sehenden und Blinden möglich war.

Gründe für das schwache Durchsetzungsvermögen der Stachelschrift liegen in der zum Lesen notwendigen Zeit, denn die Blinden brauchten zu lange, um jeden einzelnen Buchstaben zu ertasten. Auf der anderen Seite war es schwierig, die Stachelschrift als Sehbehinderter selbst zu schreiben. Trotz dieser Umstände wurde eine große Stückzahl an Werken verkauft, welche Blinde bis zur Entwicklung der Brailleschrift benutzten.

Aufgrund dieses Engagements wurde er in einem „Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.“ [8]

2.2.3 Nachtschrift

Die Nachtschrift ist die Schrift, auf der die bekannte Brailleschrift aufbaute, sie zählen also beide zu den Punktschriften.

Sie wurde 1815 von Charles Barbier veröffentlicht, welcher zu dieser Zeit als Befehlshaber in der französischen Armee arbeitete.

„Sein Interesse galt allgemein der Verschlüsselung“ [9], da er eine Option brauchte, Kommandos und Anordnungen empfangen und verschicken zu können, ohne seine Position durch das Licht verraten zu müssen. Er entwickelte nun ein Punktesystem, welches aus zwölf eingestanzten Punkten in zwei vertikalen Reihen bestand. Dabei setzte sich jede Reihe aus sechs Punkten zusammen. Mit der Bildung dieses Übermittlungsverfahrens allein durch den Tastsinn, konnten bis zu 35 französische Laute wiedergegeben werden.

Aufgrund der fehlenden Genauigkeit bei der Ausarbeitung der Briefe, des hohen zeitlichen Aufwands, der für die Erlernung der Nachtschrift benötigt wurde und der langen Punktreihen konnte sie sich schlussendlich nicht in der Armee behaupten.

Trotz dieser Nachteile erkannte Charles Barbier, dass seine Schrift einen weiteren Nutzen hatte. Er präsentierte sie in einem Blindeninstitut in Paris.

Charles bezog die zahlreichen Verbesserungsvorschläge Brailles nicht ein, da er sich nicht eingestehen wollte, dass ein Kind ihn verbessern könnte.

Später musste er sich eingestehen, dass Braille auf der Grundlage seiner Schrift die Blindenschrift revolutionierte. Durch die Reduzierung der Punktzahl auf die Hälfte und die veränderte Leserichtung, welche nun waagerecht verlief, erschuf er die Brailleschrift.

Letztendlich ergab sich also aus einer vereinfachten Nachrichtenübermittlung im Militär eine der bedeutendsten Leseformen für Blinde.

2.3 Kurzschrift

Ein in Brailleschrift geschriebener Text benötigt wesentlich mehr Platz als ein in Schwarzschrift geschriebener. Die einzelnen Zeichen sind größer als die Schwarzschriftbuchstaben und können im Gegensatz zur Schwarzschrift nicht variiert – z.B. fett, kursiv oder unterstrichen – werden, da sie dann nicht mehr so gut ertastbar sind. Außerdem ist das Papier dicker und auch die Dreidimensionalität der Zeichen erhöht den Umfang eines Buches.

Des Weiteren spielt die Lesegeschwindigkeit eine wichtige Rolle. Man kann mit den Fingern nur etwa 100 Wörter pro Minute ertasten, während man mit den Augen etwa dreimal so schnell lesen kann.

Daher wird schon seit geraumer Zeit versucht, den Umfang der Texte durch Kürzung zu reduzieren und damit gleichzeitig die Lesegeschwindigkeit zu erhöhen.

So entstand in Deutschland um 1900 die „Deutsche reformierte Blindenkurzschrift“. Dabei werden häufig vorkommende Wörter oder Wortteile durch einzelne Buchstaben bzw. Buchstabenkombinationen verkürzt wiedergegeben. Etwa 300 dieser Kürzungen gibt es in der „Deutschen reformierten Blindenkurzschrift“.

Dadurch können gedruckte Texte um ca. ein Drittel reduziert werden. Auch die Lesegeschwindigkeit erhöht sich deutlich, denn Texte in Kurzschrift werden von geübten Lesern mit nahezu derselben Geschwindigkeit wie Schwarzschrift gelesen.

Allerdings ist das Erlernen der Kurzschrift recht schwierig und zeitaufwändig. Blinde Kinder in Förderzentren benötigen je nach Talent ca. 3 - 5 Jahre bei einmal wöchentlich stattfindendem Unterricht. Trotz dieses großen Aufwandes sollten möglichst alle Blinden diese Schrift erlernen, um Zugang zu gedruckten Medien zu erhalten, denn über 80 % aller literarischen Werke für Blinde sind in Kurzschrift gedruckt.

3. Schriften

„Ein Blinder ist der einzige, der ungestraft mit den Händen sehen darf.“ [10]

Dieses Zitat ist von Helga Schäferling und gibt einen guten Einstieg in dieses Kapitel, denn es wird ausführlich beschrieben, wie ausgewählte Schriften aufgebaut sind, sich entwickelt haben und wo sie ihre Verwendung finden.

3.1 Moon - Schrift

Dr. William Moon wurde am 18. Dezember 1818 in Horosmonden geboren und erkrankte als Kind an Scharlach. Dadurch erblindete er auf einem Auge, das zweite war sehr eingeschränkt in der Sehkraft.

Mit einundzwanzig Jahren erblindete Moon vollständig. Er zog mit seiner Mutter und Schwester nach Brighton, wo er sich um ebenfalls erblindete Jungen kümmerte. William Moon lehrte ihnen verschiedene Reliefschriften, doch schon bald fiel ihm auf, dass es den blinden Jungen sehr schwer fiel, diese zu erlernen.

3.1.1 Entwicklung

1832 kürte die „schottische Gesellschaft der Künste“ das „Beste Alphabet zum Gebrauch für Blinde“. Unter neunzehn Einsendungen waren drei akzeptabel. Eines davon wurde von James Hatley Frere entwickelt. Seine Idee war es, die Buchstaben durch Punkte, Halb - und Vollkreise, kurze und lange Striche zu verdeutlichen und daraus eine Lautschrift zu entwickeln.

Moon nahm dieses Alphabet als Vorlage, änderte es ein wenig ab und entwickelte somit das sogenannte Moon - Alphabet. 1843 begann er mit seiner Arbeit und konnte sie schon 1845 veröffentlichen. Die erblindeten Kinder erlernten dadurch viel schneller das Lesen.

Mit seiner Frau Mary Ann Caudle und seinen Kindern Robert und Adelaide lebte William Moon in ärmlichen Verhältnissen. Trotzdem kaufte er sich eine hölzerne Druckerpresse, mit der er seine Schriften vervielfältigen konnte. Moon übersetzte auch Bücher in verschiedene Sprachen, sein Alphabet reiste somit um die Welt. Moons Druckerei wurde noch bis 1960 auf demselben Areal wie zu seinen Lebzeiten weiterbetrieben.

Da William Moon sehr christlich war, war sein größtes Anliegen, die Bibel Blinden zugänglich zu machen. Doch bis er dieses Ziel realisieren konnte, dauerte es fast zehn Jahre, da es ihm vor allem am Geld fehlte. Finanzielle Unterstützung erhielt er aber durch seinen Freund Sir Charles Lowther, der ebenfalls durch eine Scharlacherkrankung erblindet war.

Außerdem bildete Moon Blindenlehrer aus, wodurch blinde Kinder an normalen Schulen in den Schulalltag integriert werden sollten. Dies hatte zur Folge, dass William Moon den Beinamen „Pastor der Blinden“ erhielt. Er reiste viel durch Großbritannien, um sein Alphabet zu verbreiten.

Von der Universität Philadelphia wurde er 1871 mit der Ehrendoktorwürde der Rechtswissenschaften geehrt. Seither nannte er sich Dr. William Moon.

Am neunten Oktober 1894 starb Moon in Brighton. Nach seinem Tod wurde seine Arbeit, die die Welt der Blinden vereinfachen sollte, durch seine Tochter fortgesetzt.

3.1.2 Aufbau

Blindenschriften teilt man in zwei Arten ein – die Punktschrift, z.B. Brailleschrift und die Reliefschrift, z.B. die Haüyschrift. Auf diese beiden Arten wurde in Kapitel eins näher eingegangen.

Das Moon - Alphabet gehört zur zweiten Art. Es besteht nicht aus einzelnen Punkten sondern aus geometrischen Figuren, so stehen Halbkreise für C und D oder halbe Vierecke für L und M. Die Buchstaben J, V und Z ähneln unseren lateinischen stark (Abb. 2). Die Moon - Schrift besteht nur aus 6 Grundmustern, welche sich aber in verschiedenen Richtungen wiederholen.

Wie jede Blindenschrift wird auch diese durch das Fühlen mit dem Finger gelesen. Eine Besonderheit von älteren Texte ist jedoch, dass man diese in der ersten Zeile von links nach rechts liest und in der zweiten dann von rechts nach links. Dies vereinfacht das Lesen, da man nicht immer wieder den Anfang suchen muss.

Doch mit vermehrter Einführung von Computern in den 1990 - er Jahren wurde diese Lesetechnik abgeschafft. Durch diesen Aufbau eignet sich das Moon - Alphabet weniger zum Schreiben. Es wird eher zum Lesen für Späterblindete eingesetzt. Das Schreiben ist nur mit einer speziellen Schablone oder einer mit Gummi überzogenen Schreibtafel möglich. Dadurch sind die Schreibergebnisse meist unbrauchbar.

Das Moon - Alphabet besitzt zudem eigene Zahlen, die im Gegensatz zu den Buchstaben unseren nicht ähneln.

3.1.3 Wo wurde und wird sie verwendet?

Durch den beschriebenen Aufbau eignet sich das Moon - Alphabet vor allem für Späterblindete, also für Menschen, die das Lesen mit den lateinischen Buchstaben gelernt haben. Moon verbreitete seine Buchstaben im ganzen Land. Sie verbreiteten sich auch schneller als das Braillealphabet. In Großbritannien wird daher das Moon - Alphabet noch immer für die Gruppe der Späterblindeten verwendet, wie schon vor rund 170 Jahren.

Doch auch in anderen Ländern benutzt man diese Reliefschrift weiterhin. Stark verbreitet ist sie in lateinamerikanischen Ländern. Dort ist diese Schrift teilweise sogar Standardblindenschrift.

Obwohl die Buchstaben des Moon - Alphabets schwer lesbar und für Sehende besser erkennbar sind, findet es oft Einsatz bei der Rehabilitation. Die modernere Art der Moon - Schrift ist „Dotty Moon“(Abb. 3). Dies ist ein Raster aus fünf mal fünf Punkten, welches dadurch der Brailleschrift ähnelt. Dennoch zählt diese Art zur Reliefschrift, da die Punkte so fein sind, dass man sie nicht einzeln, wie bei der Brailleschrift, lesen kann.

3.1.4 Alternativen zum Schreiben

Eine Alternative zum Moon - Alphabet, die sich vor allem zum Schreiben gut eignet, ist das Quadoo - Alphabet (Abb. 4). Dieses wurde erst 2008 von Alexander Fakoo entwickelt. Hiermit können Blinde auch handschriftlich Notizen festhalten, wie zum Beispiel einen Einkaufszettel. Geschrieben wird hier mit einer Lochschablone. Diese besitzt quadratische Löcher, durch die auf eine Zeichenfolie geschrieben wird. Im Gegensatz zu den Moon - Buchstaben schreibt man hier nicht mit kurvigen Buchstaben sondern nur mit sechs geraden Strichen in verschiedenen Varianten. Grundsätzlich werden die Striche als Vierecke mit den dazugehörenden Diagonalen verwendet.

Das A besteht zum Beispiel aus dem rechten Strich des Vierecks und der Diagonale von rechts oben nach links unten. Dies ähnelt stark dem Moon - Alphabet. Das A ist hier zwar nicht so schräg, trotzdem besteht es aus zwei Strichen, die zusammen einen Winkel bilden. Auch die Ziffern des Quadoo - Alphabets sind aus diesen sechs einfachen Strichen aufgebaut.

3.2 Die Brailleschrift in verschiedenen Sprachen

Louis Braille legte dem Blindenalphabet die französische Sprache zugrunde, somit die lateinische Buchstaben. Dieses bildet damit auch die Vorlage des internationalen Alphabets, sowohl die Laute von A bis Z als auch das Lesen der Brailleschrift von links nach rechts. Da nur 64 Zeichen zur Verfügung stehen, müssen nationale Besonderheiten die Buchstaben ersetzen, die es in der einzelnen Sprache ggf. nicht gibt. Dadurch können jedoch für ein Zeichen doppelte Bedeutungen entstehen, z.B. fällt bei einem Vergleich des deutschen und des russischen Alphabets auf, dass es im Russischen kein Q gibt. Dafür ist aber ein Buchstabe für „tsch“ vorhanden, der im Deutschen zwei Braillezeichen braucht. Andere Buchstaben wie das D sind identisch (Abb. 5).

Nachdem das Braillealphabet ungefähr ein Vierteljahrhundert nach seiner Entstehung auch in den Schulen der Nachbarländer Frankreichs gelehrt wurde, übernahmen diese zunächst das Grundalphabet und glichen die übrigen Buchstaben den nationalen Besonderheiten an. Dies war allerdings negativ für die Schüler, da es das Erlernen verkompliziertere. Man kehrte deshalb zum französischen Ursprung zurück und korrigierte nur nationale Besonderheiten. Statt einem E mit Akzent wie z.B. è oder é brauchten deutsche Schüler ein ß oder Ö. Somit schuf man eine Einheit in Westeuropa.

Sowohl durch die große Vielfalt an Sprachen in Afrika und Asien, aber auch weil es kein einheitlich geleitetes Programm gab, sondern nur Missionare, die ihr Wissen verbreiteten, hatte man auf diesen Kontinenten teilweise für ein und dieselbe Sprache verschiedene Systeme.

Sprachen, die stark von lateinischen Sprachen abwichen, teilte man Zeichen einer europäischen Sprache zu, auch wenn sich die Laute unterschieden und nicht passten. So kommt es, dass Nachbarsprachen sich anfänglich ähnelten, bis zu dem Punkt bis sie sich auch in der Schwarzschrift unterschieden. Ab hier stimmten sie nicht mehr überein. Dies macht das Erlernen dieser Sprachen deutlich komplizierter. Aus diesem Grund fand 1950 eine Konferenz für grundlegende Prinzipien der afrikanischen und indischen Schriften statt.

3.2.1 Nationale Besonderheiten

Auch wenn man in vielen Ländern Lateinamerikas Spanisch spricht, gab es bis zur Vereinheitlichung nach dem zweiten Weltkrieg Unterschiede. So verwendeten die Spanier auch das Zirkumflex - Zeichen ihrer Nachbarn.

Die Franzosen benötigten in ihrer Schrift viele akzentuierte Vokale, die Deutschen dagegen eher Ä, Ö und Ü. Die skandinavischen Länder orientierten sich daran, dass auch sie zusätzliche Zeichen für Buchstaben wie æ oder Ø benötigen. Bei der isländischen Schrift orientierte man sich dagegen bei ihrem Í eher am französischen Ê. Die baltischen Sprachen variierten von der lateinischen Grundlage schon mehr, Litauen führte neue Zeichen für u, v und z ein.

Während sich das russische Blindenalphabet am deutschen orientierte, obwohl es in der Schwarzschrift teilweise starke Unterschiede gibt, unterscheiden sich das britisch - englische und das nordamerikanische lediglich in Kleinigkeiten, da ihnen das gleiche Alphabet zu Grunde liegt.

Viele ehemalige Sowjetstaaten nahmen das russische Blindenalphabet als Vorlage.

Sehr kompliziert ist das hebräische Alphabet. Deshalb gibt es hier zwei Systeme, ein deutsches und ein amerikanisches. In Israel wird jedoch eher Neuhebräisch und damit mehr das letztgenannte System eingesetzt.

Bei Silbenschriften nutzt man statt Silbenzeichen phonetische, also Lautzeichen. Ein Beispiel ist die chinesische Brailleschrift, welche im Folgenden erklärt wird.

3.2.2 Die Brailleschrift in China

In China verwendet man ebenfalls die Brailleschrift. Allerdings gibt es hier keine Schriftzeichen, sondern nur Lautzeichen. Bei der folgenden Erklärung handelt sich um Putonghua, bekannt auch als Mandarin. Diese Sprache lässt sich auf viele chinesische Dialekte übertragen.

Wie in allen Brailleschriftvarianten schreibt und liest man auch die chinesische von links nach rechts. Man unterscheidet bei den Zeichen drei Kategorien: die Anlaute, die Schlusslaute und die Tonzeichen. Anlaute sind Konsonanten, die zu Beginn einer Silbe stehen. Schlusslaute sind Vokale, wobei einige Konsonanten noch ausgeschlossen werden wie n, ng und r, die am Ende eines Wortes keinen Konsonanten bilden. Tonzeichen sind Zeichen, die den Ton eines Wortes bestimmen und somit einen sehr wichtigen Teil zum Verständnis beitragen.

Die Buchstaben kann man nicht mit dem Deutschen vergleichen. Da es zu wenige Möglichkeiten gibt, hat ein Braillezeichen verschiedene Laute. Diese Mehrfachverwendung der Zeichen stellt allerdings kein Problem dar, da nicht alle Lautkombinationen möglich sind. Zum Beispiel g und j. Sie haben identische Zeichen, aber g kann nicht vor i stehen und j niemals vor einem a. Somit kann vor „iong“ nur ein j stehen und vor „ao“ nur ein g.

Durch diese doppelte Bedeutung von einzelnen Zeichen ist diese Variante der Brailleschrift erst einmal unübersichtlich. Für Chinesen oder die, welche die Sprache schon eine lange Zeit sehr gut sprechen, ergibt sich der Sinn meist von selbst. Auch verzichtet man aus diesem Grund manchmal auf Leerzeichen und macht daraus ein zweisilbiges Wort. Zum Beispiel das Wort „chui“ bedeutet kochen oder blasen, „ju“ bedeutet Entfernung, Gerät etc. Bei dem Wort „chuiju“ weiß der geübte Leser sofort, dass ein Küchengerät gemeint ist.

Sehr entscheidend für das Verständnis sind die Tonzeichen. Für das Wort „yi“ gibt es in der Schwarzschrift fünfzig verschiedene Zeichen. Durch das Tonzeichen kann man die Bedeutung eingrenzen.

Auch im Chinesischen gibt es Satzzeichen. Hier hat man sich am französischen Ursprung orientiert. Allerdings wurden diese um ein halbes Zeichen nach rechts verschoben. Als Beispiel folgt das Fragezeichen, welches im Original aus Punkt zwei und sechs besteht, also der Punkt links in der Mitte und der Punkt rechts unten. Im Chinesischen verwendet man nun zwei Systeme. Im ersten System Punkt fünf, rechts in der Mitte, und im zweiten System Punkt drei, links unten. Für bessere Verständlichkeit findet sich im Anhang ein Bild (Abb. 6).

Auch andere asiatische Brailleschriften lassen sich nicht mit der in Westeuropa vergleichen. Koreanisch wird fast nur, Japanisch zum Teil phonetisch wiedergegeben. Sie sind an das jeweilige phonetische System angelehnt.

3.3 Wissenschaftliche Notation

Da man auch für die Zahlen, Rechenvorschriften etc. die Brailleschrift und damit verbunden das Sechs – Punkte - System verwendet, stehen nur 64 Zeichen zur Verfügung. Daraus folgt für die Buchstaben A - J eine doppelte Besetzung, denn sie drücken gleichzeitig die Zahlen 1 - 9 und 0 aus. Das A, also der erste Punkt, steht für die Eins, das H, Punkt eins, zwei und fünf, für die Acht und die Null besteht aus den Punkten zwei, vier und fünf, wie der Buchstabe J (Abb. 7).

Damit beim Lesen von Texten keine Verständnisprobleme entstehen, werden die Zahlen durch ein Zahlzeichen, welches die Punkte drei, vier, fünf und sechs umfasst, angekündigt. Längere Zahlen werden nur durch ein Zahlzeichen angekündigt und durch ein Leerzeichen beendet. Zur Orientierung bei großen Zahlen trennt man diese in Dreierschritten mit einem Punkt, siehe hierfür Abb. 8. Zum Beispiel wird bei der Zahl dreizehntausend nach der Eins und der Drei das Zeichen für einen Punkt, P3 gesetzt. Dann schreibt man ohne erneutes Zahlzeichen oder ein Leerzeichen die drei Nullen. Bei Telefonnummern mit einem Binde - oder Schrägstrich nach oder durch eine Klammer für die Vorwahl, setzt man nach dem entsprechenden Trennungszeichen ein neues Zahlzeichen (Abb. 9).

Auch für römische Zahlen gibt es eine Regelung. Man benutzt ein Großschreibezeichen, das für die nächsten folgenden Buchstaben gilt, dargestellt durch Punkt vier und fünf, und schreibt anschließend die Buchstaben ohne ein Leerzeichen.

Bei Ordnungszahlen gelten zwar auch die Buchstaben A bis J für die Zahlen, doch werden diese jetzt nicht mehr durch die gewohnten Punkte, sondern durch Herabsetzen dieser symbolisiert (Abb. 10). Das heißt, man schreibt den Punkt eine Zeile tiefer. So wird „erstens“ durch den zweiten Punkt und nicht durch den ersten dargestellt oder „achtens“ durch die Punkte zwei, drei und sechs. Die natürliche Zahl Acht ergibt sich aus den Punkten eins, zwei und fünf.

Bei Datumsangaben, bei denen Ordnungszahlen verwendet werden, können die Zahlen sowohl herabgesetzt als auch normal geschrieben werden. Auch kann man zwischen dem Tag, dem Monat und dem Jahr ein Leerzeichen setzen oder nicht. In jedem Fall muss immer wieder ein neues Zahlzeichen vor die Ordnungszahl geschrieben werden (Abb. 11).

Bei der Uhrzeitangabe verhält es sich ähnlich. Jedoch erfordert der Doppelpunkt, z.B. bei der Variante 13:24 Uhr, ein neues Zahlzeichen. Setzt man zwischen Stunde, Minute und Sekunde einen Punkt, muss kein neues Zahlzeichen gesetzt werden (Abb. 12).

Für Bruchzahlen stehen verschiedene Ausdrucksweisen für Zähler und Nenner zur Verfügung. Der Zähler wird immer mit Zahlzeichen und dann normalen Zahlen geschrieben, der Nenner jedoch wird durch folgenden herabgesetzten Zahlen dargestellt. Man kann den Bruch auch mit einem Bruchstrich schreiben. Hierbei erhält die Zahl im Nenner ein eigenes Zahlzeichen und wird nicht herabgesetzt. Steht noch eine ganze Zahl vor dem Bruch erhält diese ihr eigenes Ankündigungszeichen. Bei einem Dezimalbruch kann man sowohl ein Komma - als auch ein Punktzeichen setzen (Abb. 13).

Auch Prozent - und Promillezeichen haben ihre eigenen Darstellungen. Bei dem Prozentzeichen steht im Zähler und im Nenner jeweils eine Null, beim Promillezeichen stehen im Nenner zwei Nullen und im Zähler nur eine.

Die Rechenvorschriften haben ihre eigenen Zeichen. Das Plus besteht aus den Punkten zwei, drei und fünf, das Minus aus der unteren Zeile, das Malzeichen aus den Punkten drei und fünf und das Divisionszeichen aus der mittleren Zeile. Das zuletzt genannte ist allerdings nicht das Bruchstrichzeichen. Dieses besteht aus den Punkten zwei, fünf und sechs. Dieses Zeichen kann ebenfalls für die Division verwendet werden.

Beim Rechnen entfallen Leerzeichen vor den Rechenvorschriften. Diese werden durch den Punkt vier gekennzeichnet. Es erfolgt dennoch ein Zahlzeichen vor jeder Zahl, um sie von Variablen zu unterscheiden (Abb. 14).

In der Chemie folgen noch weitere Zeichen, um den Unterschied in einer Gleichung oder zu einer Formel deutlich zu machen, zum Beispiel das Ankündigungs - und Abkündigungszeichen oder in der Organik das Symbol für die Bindungsart wie Einfach -, Doppel - oder Dreifachbindung. Reaktions - und Gleichgewichtspfeile werden ebenfalls separat dargestellt, sie erinnern einen Sehenden an Schwarzschrift - Pfeile. Oxidationszahlen werden in Klammern hinter das Atom geschrieben. Diese Klammern bestehen aus den Punkten eins bis drei und fünf, sechs für „runde Klammer auf“ sowie den Punkten zwei bis sechs für „runde Klammer zu“. Um eine Strukturformel, als Beispiel die des Kohlenstoffatoms mit vier Außenelektronen, darzustellen, nutzt man die Lewis - Strukturschreibweise der Schwarzschrift. Blinde geben die freien Elektronen rechts und links des Kohlenstoffs jeweils durch den Punkt fünf an, bei den oberen und unteren Elektronen kann man sowohl Punkt drei als auch sechs nutzen (Abb. 15 und 16).

Um den Aufwand des Schreibens zu verringern, gibt es verschiedene Programme, z.B. LaTex und das neuere LiTex. Diese Formelprogramme gründen auf MS - WordTM und sind besonders für den Chemieunterricht, aber auch für andere naturwissenschaftliche Fächer unabdingbar, wie Dr. rer. Nat. Werner Liese in seiner Arbeit „Formeln und Gleichungen am PC“ zeigt.

Diese Schreibprogramme ermöglichen im naturwissenschaftlichen Unterricht ein schnelles Mitschreiben. Durch Formelkataloge, Shortcuts und Menü - Einträge ist das Erstellen von Formeln und Gleichungen, die zum Beispiel in Mathematik und Chemie benötigt werden, leichter. LiTex wird sowohl von Blinden und Sehbehinderten als auch von Sehenden genutzt, da man hiermit am Computer Lewis - und Strukturformeln erstellen kann. Bisher war dies für Blinden unmöglich. Deshalb ist dieses Programm auch die Verbesserung von LaTex. Es hat einen erweiterten Schlagwortkatalog und man kann selbst einen Zeichensatz erstellen. Besonders geeignet ist LiTex für den Mathematik - und Chemieunterricht, aber auch im Biologieunterricht findet es seinen Einsatz, da man hiermit Kreuzungsschemata der Mendelschen Regeln erstellen kann. Dieses Schreibprogramm speichert von selbst. Es vergrößert für Sehbehinderte und ist über Braillezeile mit Sprachausgabe für Blinde oder über Bildschirm für Sehende zu bedienen. Nähere Erläuterungen hierzu erfolgen in den Punkten 4.1.2 Braillezeile und 4.1.5 Sprachausgabe moderner Geräte.

Der Chemieunterricht muss über LiTex gestaltet werden, doch beim Matheunterricht kann man zwischen beiden Programmen wählen. Dabei ist zu beachten, dass sich die Umstellung von La - auf LiTex schwierig gestaltet, da beide Formelprogramme unterschiedliche Codes für das gleiche Zeichen nutzen.

LaTex ist in der Eingabe für Gleichungen und Formeln sehr komplex. Dadurch kann es gerade für einen blinden Benutzer zu Verwirrungen und Fehlern kommen. Da beide Programme Vor - und Nachteile haben, gibt es zum Beispiel Überlegungen von Pädagogen beide Schriftsysteme im LaTex zu vereinheitlichen.

Doch LiTex bietet noch mehr. Eines der wichtigsten Hilfsmittel in der Chemie ist das Periodensystem. Hier sind viele Informationen z.B. zur Atommasse, Elektronenkonfiguration, Symbol sowie Name, Elektronegativitätswert und Ordnungszahl auf wenig Platz auf einen Blick vereinigt. Dies stellt für Blinde und Sehbehinderte ein Problem dar, teilweise ist dies schon für normal Sehende problematisch. Man bräuchte ein sehr vergrößertes Periodensystem, um alle Informationen zu vereinen.

Doch gerade für Schüler ist der Transport dieser Hilfsmittel als Beispiel eine Herausforderung. Auch gedruckte Möglichkeiten gibt es. Zum Beispiel spezialisieren sich manche Systeme nur auf die organische Chemie, denn dadurch reduziert sich die Anzahl der Elemente oder man reduziert die Angaben zu einem Element auf Symbol, Ordnungszahl und gerundete Atommasse.

Eine bessere Lösung bietet die Verwendung von LiTex. Hier hat man eine Suchmaske, um nach der Gruppennummer, sowohl Haupt - als auch Nebengruppe, Name, Symbol oder Periode zu suchen. Auch eine Erweiterung zum Beispiel um die Eigenschaften Siede - und Schmelztemperatur wird in Betracht gezogen.

3.4 Notation der Blindenschrift

Auch die Musik benötigt Zeichen, z. B. ein b oder Kreuzvorzeichen zum Erniedrigen oder Erhöhen des Tons. Aber auch die Note an sich braucht, wie bei der Schwarzschrift, ein Symbol.

1828 entstanden durch das sechs – Punkte - System von Louis Braille ebenfalls durch ihn die Noten für Blinde. 1829 wurde die zugrundeliegende Theorie in einem Werk über die Grundlagen gedruckt. Hier orientierte sich Braille an seinem Punktesystem (Abb. 17).

So besitzen der Buchstabe C und die Note c nicht die gleiche Punktekombination. Zwei Informationen sind in einem Zeichen codiert. Die Punkte eins, zwei, vier und fünf, also die beiden oberen Reihen, geben den Notennamen c, d, e, f, g, a, h an. Die Note a besitzt zum Beispiel nur den zweiten und vierten Punkt, die Note f dagegen alle vier. Die unteren beiden Punkte, drei und sechs, geben Auskunft über den Notenwert. Kein Punkt in der unteren Zeile spiegelt einen Wert von einer Achtelnote wider. Nur ein linker Punkt, also die drei, bedeutet, es handelt sich um eine halbe Note. Sind beide Punkte gegeben, wird eine ganze Note dargestellt. Der rechte Punkt, die Sechs, steht für eine Viertelnote.

Zusätzliche Zeichen, wie die Rhythmusangabe, die Tonhöhe, ob mit der rechten oder linken Hand zu spielen ist, ob es sich um einen Akkord, ein Intervallzeichen, ein Pausenzeichen und ein Versetzungszeichen handelt, müssen ebenso codiert werden. Meist stehen Versetzungszeichen etc. vor der zu spielenden Note. Ausschmückungszeichen, wie Halte - oder Bindebögen, werden dagegen hinter die zu spielende Note gesetzt. Anders als in der Schwarzschrift steht zu Beginn ein „Notenbeginn“ - Zeichen, das dem Musiker zeigt, dass danach die Noten beginnen. Dieses Zeichen besteht aus zwölf Punkten, zwei Sechser - Systemen. Im ersten ist nur der sechste Punkt und im zweiten nur der dritte Punkt gegeben.

Am Anfang eines jeden Stückes steht die zu spielende Oktavenhöhe. Diese ist in der Schwarzschrift ganz einfach durch den Notenschlüssel und der davon abhängig geschriebenen Tonhöhe abzulesen. In der Notation für Blinde muss die Oktave als extra Zeichen angegeben werden. Es gibt sieben Oktaven. Jede hat dabei ihr eigenes Zeichen.

So bedeutet nur die Vier, der Punkt rechts oben, dass in der ersten Oktave gespielt werden soll. Am Ende eines jeden Stückes folgt in der Schwarzschrift ein Doppelstrich. Dieser wird durch zwölf Punkte dargestellt. Beim ersten Sechser - System sind der erste, zweite und sechste Punkt, beim zweiten Sechser - System nur der erste und der dritte Punkt vorhanden. In der Schwarzschrift ist es möglich, dass zwei oder mehr Noten übereinander stehen, zum Beispiel bei einem Akkord.

Bei den Braillenoten müssen diese sequentiell geschrieben werden. Dadurch besteht der C - Dur Dreiklang z.B. aus c, e und g. In der Schwarzschrift stehen alle drei Noten übereinander, in der Brailleschrift nebeneinander.

Die Schwierigkeit wird noch durch die Tatsache erhöht, dass im Gegensatz zu sehenden Musikern ein blinder Musiker, egal ob Sänger oder Instrumentalist, die Notenfolge vorher auswendig lernen muss, da er den Text mit fühlen muss oder beide Hände zum Spielen seines Instruments benötigt (Abb. 18).

„Louis Braille schuf mit seiner [einzigartigen] Erfindung die Grundlage für die Herstellung von Braillenoten, die heute weltweit verwendet werden und international standardisiert sind.“ [11]

3.4.1 Das DaCapo Projekt

Die Braillenoten sind auch der Ausgangspunkt für das DaCapo Projekt. Dieses Projekt ist, auch wegen der Nähe zur Deutschen Zentralbücherei für Blinde, kurz DZB, und dem Erbe der Schaffung von Braillenoten, in Leipzig ansässig. Dadurch ist der Rückgriff auf Werke bis ins Jahr 1892 möglich.

Seit Gründung der DZB bis ins Jahr 1986 wurden die Stücke hier manuell übersetzt. Neun Jahre später bis ins Jahr 2002 wurde dann die Produktion in Deutschland eingestellt. Dies hatte negative Folgen für die ausgebildeten Musiker, da sich ihr Repertoire nicht weiter entwickeln konnte.

Deshalb entstand 2003 das DaCapo Projekt mit Unterstützung der DZB und der Bundessehhilfe. Auch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales beteiligte sich. Die Gruppe entwickelte nun eine Software, durch die eine manuelle Übersetzung nicht länger nötig ist. Durch die Computerunterstützung ist der Prozess wesentlich schneller und Eigenkomposition sowie Musik aller Art werden umgewandelt.

Dafür ist es nun erforderlich, die Übersetzung entsprechend vorzubereiten. Der Rest wird von einem Computerprogramm übernommen. Anschließend werden die übertragenen Noten von einem Blinden und einem sehenden Musiker Korrektur gelesen, um mögliche Fehler so früh wie möglich beheben zu können. Ab 2005 konnte man die Software auch andersherum benutzen und Braillenoten für sehende Musiker zugänglich machen.

Durch das Projekt wurde die Übersetzung erleichtert. Braillenoten wurden sehr vereinfacht und für mehr Menschen zugänglich gemacht.

3.4.2 Alternativen zu Braillenoten

Zur gleichen Zeit wie das DaCapo Projekt entstand gab es eine neue Erfindung durch die 34 Jahre alte Evelyn Schroer.

Seit 2001 entwickelte die blinde Musik - und Sprachheilpädagogikstudentin von der Universität Würzburg zusammen mit der Fachhochschule Augsburg Wachstintennoten. Diese haben das gleiche Aussehen und den gleichen Aufbau wie die normalen Schwarzschriftnoten. Sie bestehen aus vielen Wachsschichten und sind somit fühlbar. Dafür wurde eine Software erarbeitet und ein Drucker entwickelt.

Zur Umwandlung werden die Notenblätter für Sehende zunächst eingescannt. Dann erhitzt sich ein Wachsblock im Drucker und die Wachsnote wird anschließend gegossen. Ausgedruckt werden taktile Zeichen, die zweieinhalbmal so groß sind und aus vielen übereinanderliegenden Schichten Wachs bestehen. Damit sind sie um ein Vielfaches dicker als normale Noten.

Diese Art von Noten sollte nicht nur den Blinden sondern auch Legasthenikern und Menschen mit dem Aufmerksamkeitsdefizit - und Hyperaktivitätssyndrom das Notenlesen erleichtern. Sie lassen sich besser lesen, merken und lernen, da man schneller die Stelle wiederfindet, die man gerade gelernt hat. Der Grund dafür ist, dass sich die Noten nicht alle gleich anfühlen. Die Schwierigkeit, die Orientierung zu behalten, wurde dadurch verringert.

Evelyn Schroer möchte die Braillenoten nicht revolutionieren, „…da die Braillenotenschrift nach wie vor in ihrer Vielfalt und ihren Möglichkeiten unübertroffen sei.“ [12]. Das Wachstintennotensystem beruht auf einem ähnlichen System wie das Moon - Alphabet. Es soll der Notenschrift der Schwarzschrift entsprechen. Späterblindete Musiker haben eine Vorstellung der „alten“ Notenschrift und sind damit vertraut. Die Wachstintennoten ermöglichen es ihnen, leichter ein Instrument zu spielen, da sie das Braillenotensystem nicht zusätzlich erlernen müssen. Für den Großteil ist Brailles sechs – Punkte - System dennoch einfacher.

Dieser Artikel wurde jedoch bereits 2004/2005 veröffentlicht. Neuere Erkenntnisse liegen noch nicht vor. Dies weist darauf hin, dass das Wachstintennotensystem auf ein ähnliches Problem wie das Moon - Alphabet gestoßen ist. Dies wurde im Punkt 3.1 Moon - Schrift ausführlich dargestellt.

4. Realisierung

4.1 Technik

Der folgende Teil der Arbeit wird sich mit der Technik als Hilfsmittel für Blinde befassen. Durch die modernen Errungenschaften ist es möglich das Leben der sehbehinderten Menschen maßgeblich zu erleichtern und ihnen durch den Alltag zu helfen. Der Abschnitt wird sich sowohl mit Hardware als auch Software beschäftigen und Anwendung und Funktionsweise näher erläutern.

4.1.1 Optacon

„Optacon“ ist die Abkürzung für OPtical to TActile CONverter. Zu Deutsch optisch – taktiler Konverter. Das Gerät wurde zwischen 1970 und 1990 produziert und entwickelt. Es besteht aus einer minimalistischen Kamera welche in einer Hand geführt wird und einer taktilen Ausgabeeinheit. Das Ausgabefeld besteht bei den ursprünglichen Versionen aus 144 gleichen Punkten unter einer dünnen Gummiabdeckung. Jeder einzelne kann separat angesteuert und in Schwingung versetzt werden. Die von der Optik erfassten Buchstaben können durch gleichzeitiges Aktivieren der richtigen Punkte abgebildet werden. Dabei entsteht ein auf der Abdeckung präzise spürbares Bild des Buchstabens. So können jedoch nicht nur Buchstaben, sondern auch andere kontrastreiche Abbildungen erfühlt werden. Nun wird eine Fingerkuppe der ersten Hand in eine Mulde auf dem Ausgabegerät gelegt und mithilfe der zweiten Hand führt man die Kamera über den zu lesenden Text. Zeitgleich zur Kamerabewegung werden die erkannten Buchstaben mit der ersten Hand gelesen.

Durch die Vibration der einzelnen Stifte wurden die Nerven in der Fingerkuppe stark gereizt. Blinde, welche das Gerät verwendet haben, bemerkten oft schon nach einer halben Stunde das ihre Fingerkuppe sehr stark beansprucht worden war. Dieses Trauma hielt teilweise bis zu drei Tagen an. Die Vibrationen verursachte zudem auch ein konstantes Surren, welches die Wahrnehmung der Erblindeten stark beeinträchtigte. Die Lesegeschwindigkeit hängt von der Übung des Anwenders mit dem Optacon und seiner taktilen Kompetenz ab. Jedoch ist die Lesegeschwindigkeit in jedem Fall langsamer als das herkömmliche ertasten von Brailleschrift. Die Kamera gerade über eine Schriftzeile zu führen erwies sich für viele Anwender als schwierig. Einige Vorteile des Optacons sind die einfache Anwendung und die Tatsache, dass zum Lesen keine Blindenschrift erlernt werden muss. Darüber hinaus können nun auch Aufdrucke auf Verpackungen und Skizzen, z.B. in Betriebsanleitungen, erfasst werden.

4.1.2 Braillezeile

Die Braillezeile oder auch das Brailledisplay ist ein zusätzliches Gerät für moderne Desktop - PC´s, Labtops und Smatrphones. Sie ermöglicht dem sehbehinderten Nutzer die Arbeit an den genannten Geräten. Die Zeile benötigt jedoch meistens noch einen auf dem PC installierten Screenreader, welcher in 4.1.6 ausführlicher beschrieben wird. Dieser kommuniziert mit der Zeile und leitet Informationen an den Bildschirm weiter. Braillezeilen werden meistens per USB–Kabel an das Hauptgerät angeschlossen und unterhalb der Tastatur oder des Laptops platziert (siehe Abb. 26). Modernere Versionen für PC und Smartphone können auch per Bluetooth verbunden werden. Alle Varianten besitzen jedoch den gleichen Grundaufbau, lediglich Zusatzfunktionen und Design variieren je nach Hersteller und Modell. Die Braillezeile basiert auf dem piezoelektrischen Effekt spezieller Kristalle welche unter verschiebbaren Punkten verbaut sind. Wird an die Kristalle eine Spannung angelegt ändern sie ihre Form gemäß dem piezoelektrischen Effekt. Durch die elastische Verformung der Kristalle werden die Punkte angehoben und können auf der Oberfläche ertastet werden. Die Kristalle können einzeln angesteuert werden und somit ist es möglich vom Screenreader empfangene Wörter oder Zeilen in der Computerbrailleschrift darzustellen.

Die Computerbrailleschrift wurde mit der Einführung des Computers notwendig, um verschiedene Sonderzeichen darzustellen. Diese unterscheidet sich von der Brailleschrift insofern, dass sie aus vier Zeilen á zwei Punkten besteht, im Gegensatz zu den drei Zeilen der normalen Brailleschrift. Die vierte Zeile wurde eingeführt um die Möglichkeiten des Computers komplett wiedergeben zu können. Das Achtpunktesystem ermöglicht die Darstellung von 256 Zeichen. Dabei können Parallelen zu einem 8 - Bit Code eines Computers gezogen werden. Die Computerbrailleschrift welche im europäischen Raum verbreitet ist, wird als Eurobraille bezeichnet. Sie enthält für den europäischen Raum typische Zeichen wie „Ä“ „Ü“ „Ö“ etc.. Es gibt Ausführungen der Braillezeile welche zwölf, 14, 18, 20, 40 oder sogar 80 Zeichen auf einmal darstellen können. Natürlich steigt mit der Anzahl der abgebildeten Zeichen auch die Größe des Gerätes. Über der Lesezeile gibt es noch mehrere Funktionstasten, welche den Bildausschnitt verschieben der in Computerbrailleschrift umgewandelt werden soll. Weitere Informationen zu dieser und anderen Blindenschriften finden sie in Kapitel 3. Ein Vorteil der Braillezeile gegenüber der Sprachausgabe der Screenreader ist die Fähigkeit einzelne Zeichen darstellen zu können und somit Rechtschreibfehler für den Anwender schneller erkennbar zu machen.

Trotz ihrer älteren Technik beträgt der Preis für eine normale Braillezeile mit 40 Zeichen meistens über 4000 Euro. In Deutschland werden diese Kosten von der Krankenversicherung übernommen solange ein ausreichender Nachweis vorliegt. Doch in Ländern ohne Sozialversicherungssystem müssen diese Kosten oft von der Privatperson übernommen werden. Dieses Preismonopol stellt eine große Hürde für Sehbehinderte dar. Deshalb gab es 2011 einen Zusammenschluss mehrerer Blindenhilfsorganisationen weltweit. Sie haben sich zum Ziel gesetzt eine Braillezeile zu einem kleinen Preis herzustellen und anzubieten. Dabei sollten keine essentiellen Funktionen verloren gehen. Das Ergebnis ist der Orbit Reader 20: Eine kleine, portable Braillezeile mit 20 Zeichen, welche sich via Bluetooth mit dem Smartphone oder dem PC verbinden kann.

4.1.3 Blindenschreibmaschine nach Picht

Oskar Picht wurde am 27. Mai 1871 in Pasewalk geboren. Er widmete sein Leben den Blinden und war ab 1899 Blindenlehrer. Er beobachtete wie schwer sich seine Schüler mit den Punktschrifttafeln gaben und entwickelte daraufhin die erste Blindenschreibmaschine.

Die Punktschrifttafel kann als Vorgänger der Blindenschreibmaschine gesehen werden. Sie ist die einfachste Methode die Brailleschrift zu schreiben, mittels Tafel und Stichel, von Hand. Der Stichel ähnelt einem Bleistift, welcher eine runde Metallspitze besitzt. Mit dieser Spitze werden einzelne Punkte in das Blatt gedrückt. Da die Braillezeichen als Erhebungen im Papier wahrnehmbar sind, müssen sie mit dem Stichel auf der Rückseite des Blattes, von rechts nach links und spiegelverkehrt geschrieben werden (s. Bericht zum Eigenbeitrag. Die Tafel liegt hinter dem Bogen Papier und ermöglicht, die Punkte in einer Reihe und mit gleichem Abstand zu stanzen. Zudem verhindert die Tafel, dass das Blatt durchstoßen wird.

Wie der Name schon vermuten lässt ähnelt das Gerät einer normalen Schreibmaschine
(siehe Abb. 27). Dies stimmt auch, da der wesentliche Unterschied in der Bedienung liegt und nicht in der Funktionsweise. Beide Schreibmaschinen werden vor dem schreiben mit einem Bogen Papier bestückt. Der Bogen wird bedruckt, indem Drucktypen auf das Blatt gebracht werden. Anders als bei der herkömmlichen Schreibmaschine laufen die der Blindenschreibmaschine vorher nicht über ein Farbband sondern werden von unten gegen das Blatt gedrückt. So kann die Brailleschrift deutlich einfacher geschrieben werden, da sie nicht spiegelverkehrt gestanzt werden muss, wie beim Schreiben mittels einer Punkttafel. Die verschiedenen Zeichen und Buchstaben werden mittels des Sechs - oder Achtpunktesystems dargestellt. Für jeden Punkt gibt es eine Taste auf der Blindenschreibmaschine und eine Leertaste um den Bogen eine Stelle nach links zu verschieben. So besitzt eine Schreibmaschine für Brailleschrift sieben Tasten. Angeordnet sind diese nebeneinander, wobei die Leertaste die Mitte bildet. Links und rechts befinden sich jeweils drei Tasten, eine für jeden Punkt der Brailleschrift. Belegt sind die Tasten wie folgt:

P3 P2 P1 Leerzeichen P4 P5 P6

Die Tasten werden nun vom Benutzer im Akkord eingegeben um den gewünschten Buchstaben in das Papier zu prägen. Die Bedienung erfolgt mit den Zeige - , Mittel - und Ringfingern der linken und rechten Hand, die Leertaste wird vom Daumen angeschlagen. Ein geübter Schreiber kann damit sehr schnell und unkompliziert Texte in Brailleschrift verfassen.

Die Blindenschreibmaschine benötigt jedoch dickeres Papier. Damit die Drucktypen den Bogen nicht durchstoßen ist eine Stärke von 150 g/m^2 nötig. Zum Vergleich: Ein handelsübliches DIN - A4 - Blatt besitzt eine Stärke von 80g/m^2.

[...]

Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
Lesen und Schreiben, ohne die Buchstaben zu sehen. Wie funktioniert die Blindschrift?
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
86
Katalognummer
V433804
ISBN (eBook)
9783668759084
ISBN (Buch)
9783668759091
Dateigröße
1725 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Blindenschrift
Arbeit zitieren
Lisa Maria Burkhardt (Autor), 2018, Lesen und Schreiben, ohne die Buchstaben zu sehen. Wie funktioniert die Blindschrift?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/433804

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