„Die alte Psychologie hat die Resultate der Gefühle, wie sie sich am Ende im Bewusstsein ausdrücken, aus dem Gedächtnis gezeichnet; die neue zeichnet die Vorbereitungen der Gefühle, bevor sie sich noch ins Bewusstsein hinein entschieden haben.“
Dies schrieb Bahr 1891 und schuf damit die theoretische Basis für das Schaffen von Arthur Schnitzler, der neun Jahre später seinen „Leutnant Gustl“ veröffentlichen sollte. Schnitzler absolvierte ein Medizinstudium, welches er mit der Promotion abschloss und wandte sich der Literatur zu. Auf beiden Gebieten faszinierte ihn die Auseinandersetzung mit dem Inneren der Menschen, den seelischen Befindlichkeiten.
„Die „Ich-Form“ reicht also nicht mehr aus, weil sie das Nervöse gerade weglässt, und die fachmännische „Ich-Form“ kann höchstens eine Not-Unterkunft gewähren, bis dem Bedürfnisse eine verlässlichere Heimstätte gesichert ist. Diese Methode, das Unbewusste auf den Nerven, in den Sinnen, vor dem Verstande, zu objektivieren, verlangt das ganze Geschrei nach der neuen Psychologie.“ Es kam Schnitzler darauf an, von seinem „Leutnant Gustl“ ein Bewusstseinsprotokoll anzufertigen. Er legte durch Erweiterung und Ausbau der Versuche Dujardins und Garsins eine Erzählform vor, die als „literarisches Psychogramm" bezeichnet werden kann: den Inneren Monolog.
Es fasziniert mich, Einblick in ein literarisches Werk zu bekommen, in dem neben der meisterlichen Erzählkunst Aspekte aus der Anfangsphase der Psychoanalyse um 1900 zu finden sind. Das Werk ist weder nur ein literarisches, noch ein vollkommen wissenschaftliches. Beides ergänzt sich zu einer bemerkenswerten literarischen Arbeit mit wissenschaftlichen Elementen.
Ziel dieser Arbeit soll es deshalb sein, das Werk aus beiden Blickwinkeln zu betrachten. Im ersten Teil wird das Verhältnis von Schnitzler und Freud untersucht, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufdecken zu können. Die darauf folgende Charakteristik der Hauptfigur des Werkes stellt im Überblick den heutigen Forschungsstand zum „Leutnant Gustl“ dar und geht auf die sozialen Systeme, die Familie und die Armee ein, mit denen Gustl fest verbunden ist. Daraufhin wird kurz der innere Monolog näher beleuchtet.
Als besonders interessant erscheint die Frage, inwieweit Gustl als Hysteriker gesehen werden kann. Es werden neue Thesen entwickelt und auf ihre Brauchbarkeit untersucht.
Ein Nachwort fasst die wesentlichen Ergebnisse der Arbeit zusammen und gibt einen Ausblick.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Freud und Schnitzler – Doppelgänger oder Kontrahenten?
2. Charakteristik Gustl´s
2.1 Die Rolle der Familie
2.2 Die Rolle des Militärs
2.3 Die Rolle des Duellwesens
2.4 Gustls Begehren
3. Innerer Monolog – Sprache des Unbewussten?
4. Gustl als Hysteriker
Nachwort
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Erzählung „Leutnant Gustl“ von Arthur Schnitzler aus einer psychoanalytischen Perspektive. Ziel ist es, die Charakteristik der Hauptfigur durch die Analyse ihrer sozialen Bindungen, ihrer inneren Konflikte sowie der angewandten Erzählform zu ergründen und die Hypothese zu prüfen, inwieweit Gustl als männlicher Hysteriker klassifiziert werden kann.
- Verhältnis zwischen Schnitzlers literarischem Schaffen und Freuds Psychoanalyse
- Einfluss der sozialen Systeme (Familie und Militär) auf die Identitätsbildung
- Bedeutung des Inneren Monologs als Darstellungsmittel des Unbewussten
- Untersuchung von Gustls Begehren und seiner unbewussten homoerotischen Neigungen
- Klassifizierung der Hauptfigur als männlicher Hysteriker
Auszug aus dem Buch
2.3 Die Rolle des Duellwesens
Schon durch das Augenduell mit einem Konzertbesucher wird die Pattsituation im Foyer vorweggenommen. Es geht hier nicht so sehr um ein simples Imponiergehabe zwischen Männern, vielmehr sieht Gustl in dem Anderen einen stummen Angriff auf seine intellektuell – gesellschaftliche Position. Er fühlt sich als nicht legitimiert für das Konzert durchschaut, was durchaus seine Berechtigung hat, und versucht seinen Zeugen durch das Augen – Duell zu „beseitigen“.
„Was guckt mich denn der Kerl dort immer an? Mir scheint, der merkt, daß ich mich langweil´und nicht herg´hör´...Ich möchte´ Ihnen raten, ein etwas weniger freches Gesicht zu machen, sonst stell´ ich sie mir nachher im Foyer! Schaut schon weg! “
Psychoanalytisch gedeutet hat das Auge eine phallische Bedeutung. Zu verstehen ist dieses Duell dann als verschlüsselter Kampf um sexuelle Überlegenheit, den Gustl an dieser Stelle gewinnt. Das Wort „frech“ hat bei Schnitzler oft eine sexuelle Bedeutung. Lateinisch „fascinus“ heißt so viel wie Bannung, böser Blick, aber auch männliches Glied. Die bei Gustl vorliegende Angst, sexuell zu versagen, im höchsten Maße hieße das Kastrationsangst, wird vom Genital auf das Auge, auf die empfindlichste Partie im Gesicht, verschoben. Gustls zweites Mittel, seinen Status zu verteidigen, ist also neben der fort währenden Aggressionsbereitschaft die Probe auf sexuelle Überlegenheit. Dies ist ihm keines Falls bewusst.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Verbindung zwischen Schnitzlers Literatur und den Anfängen der Psychoanalyse um 1900 sowie die theoretische Fundierung des Inneren Monologs.
1. Freud und Schnitzler – Doppelgänger oder Kontrahenten?: Dieses Kapitel untersucht die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der psychologischen Tiefenforschung beider Männer sowie den Einfluss von Freuds Theorien auf Schnitzlers Werk.
2. Charakteristik Gustl´s: Hier wird Gustls Persönlichkeit im Kontext seiner sozialen Einbettung analysiert, wobei besonders auf seine Identitätskrise und psychische Verfassung eingegangen wird.
2.1 Die Rolle der Familie: Das Kapitel erläutert, wie instabile Familienverhältnisse und finanzielle Not zu Gustls Minderwertigkeitskomplexen und seinem aggressiven Verhalten beitragen.
2.2 Die Rolle des Militärs: Hier wird dargelegt, wie die Armee für Gustl zum „Ersatz-Ich“ wird, das ihm Halt gibt, ihn jedoch zu bedingungsloser Anpassung zwingt.
2.3 Die Rolle des Duellwesens: Die Analyse zeigt auf, dass Duelle für Gustl eine Möglichkeit zur Kompensation seiner Status- und Kastrationsangst darstellen.
2.4 Gustls Begehren: Dieses Kapitel thematisiert Gustls ambivalentes Verhältnis zu Frauen und Männern sowie den Einfluss seiner unbewussten homoerotischen Neigungen.
3. Innerer Monolog – Sprache des Unbewussten?: Die Untersuchung widmet sich der Erzählform des Inneren Monologs und ihrer Eignung zur Offenlegung der psychischen Mechanismen Gustls.
4. Gustl als Hysteriker: Dieses Kapitel prüft die These, dass Gustl als männlicher Hysteriker verstanden werden kann, der seine Ängste durch übersteigertes Verhalten maskiert.
Nachwort: Das Nachwort fasst die wesentlichen Ergebnisse der Arbeit zusammen und identifiziert Ansatzpunkte für weiterführende literaturwissenschaftliche Forschungen.
Schlüsselwörter
Arthur Schnitzler, Leutnant Gustl, Psychoanalyse, Sigmund Freud, Innerer Monolog, Männliche Hysterie, Identitätskrise, Kastrationsangst, Ambivalenz, Literaturgeschichte, 1900, Sozialpsychologie, Wunschphantasien, Statusverlust, Sexualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Erzählung „Leutnant Gustl“ von Arthur Schnitzler unter Berücksichtigung psychoanalytischer Erkenntnisse, um die Psychologie der Hauptfigur zu entschlüsseln.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen das Verhältnis zwischen Schnitzler und Freud, die psychologische Bedeutung von Gustls familiärem und militärischem Umfeld sowie die Funktion der Erzählform des Inneren Monologs.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch eine Tiefenanalyse zu prüfen, ob die Figur des Leutnant Gustl als männlicher Hysteriker betrachtet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt einen psychoanalytischen Interpretationsansatz, um Textstellen auf unbewusste Motive, Verdrängungsprozesse und Identitätsmechanismen hin zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der familiären Herkunft, den Einfluss des Militärs, das Duellwesen als Statussicherung sowie die Analyse von Gustls Begehren und seiner unbewussten Ängste.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Psychoanalyse, Leutnant Gustl, männliche Hysterie, Identitätskrise, Innerer Monolog und gesellschaftliche Normen.
Warum spielt das „Duellwesen“ eine so entscheidende Rolle für Gustl?
Das Duell dient Gustl als notwendiges Mittel zur Kompensation seiner Kastrations- und Statusängste, da es ihm ermöglicht, seine scheinbare Männlichkeit und soziale Überlegenheit zu demonstrieren.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin zur männlichen Hysterie bei Gustl?
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass die Figur Gustl sehr wohl als Hysteriker verstanden werden kann, der seine tiefgreifende Hilflosigkeit hinter einer Fassade von Stärke und Gewalt verbirgt.
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- Juliane Schreck (Author), 2002, Eine Untersuchung zu Schnitzlers 'Leutnant Gustl' aus psychoanalytischer Sicht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43386