Pädagogischer Konstruktivismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Grundlegende Ausgangsposition

2. Einführung in den pädagogischen Konstruktivismus anhand von Leitbegriffen
2.1 Autopoiese
2.1.1 Theoretische Grundlagen zur Autopoiese
2.1.2 Autopoiese im Rahmen der Pädagogik
2.2 Beobachtung
2.2.1 Theoretische Grundlagen zur Beobachtung
2.2.2 Beobachtung in der pädagogischen Anwendung
2.3 Viabilität
2.3.1 Theoretische Grundlagen zur Viabilität
2.3.1 Umsetzung der Viabilität in der Pädagogik

3. Praktische Anwendung des Konstruktivismus in der Schule
3.1 Konstruktivistische Sicht auf das Lernen
3.2 Anwendungsmöglichkeiten im pädagogischen Prozess des Lernens

4. Schlussfolgerungen
4.1 Schlussfolgerungen für den Lehrer
4.2 Thesen zum lösungsorientierten Umgang mit Schülern

Schlusswort

Literaturverzeichnis

Einleitung

Mich interessierte am Konstruktivismus die ungewohnte Einstellung zur Wirklichkeit und ich fragte mich, ob die Realität für alle gleich wahrnehmbar ist. Ebenso anregend war für mich die Frage, wie man diese Sichtweise in der Schule nutzen könne. Ziel dieser Arbeit soll es sein, den pädagogischen Konstruktivismus vorzustellen.

Nach einer Einordnung des Konstruktivismus in sein philosophisches Umfeld und dem Benennen von Kernthesen, Vertretern und Anwendungsgebieten, wende ich mich den Schlüsselbegriffen des Konstruktivismus zu. Da ich Deutsch und Gehörlosenpädagogik studiere, werde ich versuchen, die theoretischen Erklärungen durch Beispiele aus diesen beiden Bereichen zu erläutern, um das Verstehen der manchmal komplizierten Gedankengänge des Konstruktivismus zu erleichtern.

Nach den theoretischen Einführungen beleuchte ich die pädagogische Relevanz der Schlüsselbegriffe näher.

Im Anschluss daran wende ich mich dem Lernen unter konstruktivistischen Gesichtspunkten zu, und werde dann erörtern, wie grundlegende Aussagen des Konstruktivismus die tagtägliche Arbeit des Lehrers mit Schülern erleichtern können. Mein Augenmerk richtet sich da vor allem auf die Macht der Sprache.

Zum Schluss werden die wichtigsten Thesen noch einmal zusammengefasst und durch eine kurze Stellungnahme abgerundet.

1. Grundlegende Ausgangsposition

In der Auseinandersetzung mit der Erkenntnistheorie des Konstruktivismus habe ich versucht, diese philosophische Strömung in die der Philosophie einzuordnen. Es gibt viele verschiedene philosophische Vorläufer des Konstruktivismus, aus denen dieser teilweise Ideen aufgenommen und weiterentwickelt hat. Einige will ich kurz darstellen, um die Einreihung des Konstruktivismus zu erleichtern.

Ein wichtiger Vorgänger ist der Skeptizismus, eine Denkrichtung des 18. Jahrhunderts, die bezweifelte, dass man die Realität der Außenwelt, Kausalität, sowie die Seele aber auch Gott beweisen könne. Wichtige Vertreter sind David Hume und Immanuel Kant, der sogar die Möglichkeit, Dinge an sich zu erkennen, verneinte.

Weiterhin spielt der symbolische Interaktionismus des 19. Jahrhunderts eine Rolle, der den Ursprung des Geistes, des Selbst und der Gesellschaft in den Aktionen und Interaktionen von Menschen sah.

Der Pragmatismus, eine bedeutende Strömung, die im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit den Namen Peirce und James und der Naturwissenschaft in den USA auftrat, vertritt die Ansicht, dass sich die Wahrheit einer Aussage erst durch ihren praktischen Nutzen erweise. Außerdem verhalte sich die Wahrheit in Relation zu Ort, Zeit und Ziel.

Sowohl der Existenzialismus als auch die analytische Philosophie und Sprachphilosophie sind dem 20. Jahrhundert zuzurechnen, obwohl sie schon sehr viel ältere Vorläufer haben. Der Existenzialismus ist eine französische Strömung der Existenzphilosophie nach dem 2. Weltkrieg, die auf Vorreiter wie Blaise Pascal, Descartes, Kierkegaard und Nietzsche Bezug nimmt, und dem neuere Denker wie Sartre und Heidegger, aber auch Dichter wie Dostojewskij, Kafka und Camus angehören.

In der analytischen Philosophie und Sprachphilosophie setzt man sich mit natürlicher und künstlicher Sprache auseinander, und untersucht ihr Verhältnis zur außersprachlichen Wirklichkeit. Vor allem Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein stehen hier in der Nachfolge von Platon, der unter anderem durch seine sokratischen Dialoge berühmt geworden ist.

Der Konstruktivismus ist nun eine moderne Richtung der Philosophie, die viel von ihren Vorläufern aufnimmt, und grundsätzlich von der Einsicht bestimmt ist, „dass jede Wirklichkeit im unmittelbarsten Sinne die Konstruktion derer ist, die diese Wirklichkeit zu entdecken und erforschen glauben.“[1]

Watzlawick übersetzt das Wort Konstruktivismus mit Wirklichkeitsforschung. Die Kernthese lautet: „Menschen sind autopoietische, selbstreferenzielle, operational geschlossene Systeme. Die äußere Realität ist uns sensorisch und kognitiv unzugänglich.“[2] Diese These wird in meiner Arbeit näher erklärt.

Es gibt eine ganze Reihe von Vertretern dieser Richtung, die sich zum Teil erheblich voneinander unterscheiden. Deshalb seien hier nur die wichtigsten genannt: einige der Hauptvertreter sind die Biologen Maturana und Varela, der Soziologe Luhmann, die Gehirnforscher Singer und Roth sowie die Literaturwissenschaftler Schmidt und Rusch, die Kybernetiker von Foerster und von Glaserfeld, der Naturwissenschaftler Bateson, und nicht zuletzt die Sozialwissenschaftler Watzlawick, Stierlin und Bronfenbrenner.

Innerhalb des Konstruktivismus gibt es die gemäßigte Gruppe, wie zum Beispiel die Erlanger Schule, die zwar absolute Erfahrungsansprüche relativiert, aber die Differenz zwischen alltäglichen und experimentellen Erfahrungen betont. Die Anhänger des radikalen Konstruktivismus, wie von Foerster und von Glaserfeld, gehen davon aus, dass uns die Außenwelt verborgen bleibt und wir unsere Wirklichkeiten nur erfinden. Sie empfinden Wahrheitsansprüche als sehr gefährlich, da sie schon zu vielen Greueltaten geführt haben.[3]

Anwendungsgebiete des Konstruktivismus sind die Historiographie, Literatur, Massenmedien, Therapie, Organisationsentwicklung und Pädagogik, wobei zu beachten ist, dass die Ideen noch weiter ausgebaut werden können und auch auf andere Disziplinen übertragbar erscheinen.[4]

2. Einleitung in den pädagogischen Konstruktivismus anhand von Leitbegriffen

2.1 Autopoiese

2.2 Theoretische Grundlagen der Autopoiese

Einer der Schlüsselbegriffe des Konstruktivismus ist die Autopoiese, welcher abgeleitet ist von den griechischen Wörtern „autos“ und „poiein“ Dies ist übersetzbar mit Selbsterhaltung oder Selbsterzeugung. Der Begriff dient in erster Linie dazu, lebende Systeme von physikalisch – chemischen oder technischen, also von Menschen gemachten Systemen, zu unterscheiden.[5] Autopoietische Systeme streben nach der Reproduzierung der Bestandteile, aus denen sie selbst bestehen. So zum Beispiel überlebt die einfache Zelle, indem sie aus sich selbst heraus neue Zellen entstehen lässt. Damit wird sie zum Produkt ihres eigenen Funktionierens.

Zuerst scheint es wichtig festzustellen, dass wir die invariante, also nicht veränderbare autopoietische Organisation eines Systems (also zum Beispiel, ob ein Lebewesen ein Einzeller oder ein Vielzeller ist, und welcher Gattung oder Klasse es angehört), von der autopoietischen Struktur unterscheiden.[6] Diese bezeichnet die spezielle Raum – und Prozessstruktur des Systems zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt. Hier wird deutlich, dass die Veränderung eine große Rolle spielt: ein System entwickelt sich oft unvorhersehbar, für den Beobachter irreversibel und oft nicht lokal planbar von einem zunächst scheinbar stabilen Zustand in eine neue, oft überraschende Form.[7]

Sehen wir uns nun den Menschen als autopoietisches System näher an, so erkennen wir, dass die bisherigen Aussagen auch auf ihn zutreffen.

Weiterhin kann man sagen, dass es keine direkten äußeren Faktoren gibt, die das System von außen ändern, es sei denn, es tritt die Zerstörung von außen ein. Vielmehr scheint es so zu sein, dass der Mensch in seiner gegenwärtigen Struktur nur bestimmte Umwelteinflüsse zulässt. Das System entscheidet quasi selbst, welche Einflüsse gewählt werden, um eine Zustands – bzw. Strukturveränderung herbeizuführen. Wir sprechen von einer strukturellen Determiniertheit. Also zeigt die aktuelle Struktur Grenzen der Veränderung an: eine Strukturveränderung und somit indirekte Veränderung eines Systems ist von außen nur so weit möglich, wie die Organisation des Systems bestehen bleibt.

[...]


[1] Watzlawick: Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus. München. 1981. 9

[2] vgl. Siebert: Pädagogischer Konstruktivismus. Eine Bilanz der Konstruktivismusdiskussion für die Bildungspraxis. Neuwied. 1999. 5

[3] vgl. ebd. 9

[4] vgl. ebd. 154

[5] vgl. Schlippe/Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Göttingen. 1997. 67

[6] Osbahr: Selbstbestimmtes Leben von Menschen mit einer geistigen Behinderung. Beitrag zu einer systemtheoretischen – konstruktivistischen Sonderpädagogik. Luzern. 2000. 53

[7] Schlippe/Schweitzer: Therapie und Beratung. 51

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Pädagogischer Konstruktivismus
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Rehabilitationswissenschaften)
Veranstaltung
Systemische Beratung und Supervision
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
22
Katalognummer
V43387
ISBN (eBook)
9783638030212
ISBN (Buch)
9783640319190
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Konstruktivismus bietet eine ungewohnte Sicht auf die Wirklichkeit. In der Arbeit werden Kernthesen und Schlüsselbegriffe (Autopoiese, Beobachtung, Viabilität) zuerst theoretisch dargestellt, dann auf ihre pädagogische Relevanz untersucht. Es folgt eine konstruktivistische Sicht auf das Phänomen "Lernen" und Anleitungen zu einem lösungsorientierten Umgang in der Schule. Auf Sprache, als einem Medium, welches Wirklichkeit konstruiert, wird zuletzt eingegangen.
Schlagworte
Pädagogischer, Konstruktivismus, Systemische, Beratung, Supervision
Arbeit zitieren
Juliane Schreck (Autor), 2001, Pädagogischer Konstruktivismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43387

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