Mich interessierte am Konstruktivismus die ungewohnte Einstellung zur Wirklichkeit und ich fragte mich, ob die Realität für alle gleich wahrnehmbar ist. Ebenso anregend war für mich die Frage, wie man diese Sichtweise in der Schule nutzen könne. Ziel dieser Arbeit soll es sein, den pädagogischen Konstruktivismus vorzustellen.
Nach einer Einordnung des Konstruktivismus in sein philosophisches Umfeld und dem Benennen von Kernthesen, Vertretern und Anwendungsgebieten, wende ich mich den Schlüsselbegriffen des Konstruktivismus zu. Da ich Deutsch und Gehörlosenpädagogik studiere, werde ich versuchen, die theoretischen Erklärungen durch Beispiele aus diesen beiden Bereichen zu erläutern, um das Verstehen der manchmal komplizierten Gedankengänge des Konstruktivismus zu erleichtern.
Nach den theoretischen Einführungen beleuchte ich die pädagogische Relevanz der Schlüsselbegriffe näher.
Im Anschluss daran wende ich mich dem Lernen unter konstruktivistischen Gesichtspunkten zu, und werde dann erörtern, wie grundlegende Aussagen des Konstruktivismus die tagtägliche Arbeit des Lehrers mit Schülern erleichtern können. Mein Augenmerk richtet sich da vor allem auf die Macht der Sprache.
Gliederung
Einleitung
1. Grundlegende Ausgangsposition
2. Einführung in den pädagogischen Konstruktivismus anhand von Leitbegriffen
2.1 Autopoiese
2.1.1 Theoretische Grundlagen zur Autopoiese
2.1.2 Autopoiese im Rahmen der Pädagogik
2.2 Beobachtung
2.2.1 Theoretische Grundlagen zur Beobachtung
2.2.2 Beobachtung in der pädagogischen Anwendung
2.3 Viabilität
2.3.1 Theoretische Grundlagen zur Viabilität
2.3.1 Umsetzung der Viabilität in der Pädagogik
3. Praktische Anwendung des Konstruktivismus in der Schule
3.1 Konstruktivistische Sicht auf das Lernen
3.2 Anwendungsmöglichkeiten im pädagogischen Prozess des Lernens
4. Schlussfolgerungen
4.1 Schlussfolgerungen für den Lehrer
4.2 Thesen zum lösungsorientierten Umgang mit Schülern
Schlusswort
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, den pädagogischen Konstruktivismus fundiert vorzustellen und aufzuzeigen, wie diese Sichtweise, die Wirklichkeit als individuelle Konstruktion begreift, gewinnbringend in den schulischen Alltag integriert werden kann, insbesondere um die pädagogische Arbeit des Lehrers zu erleichtern.
- Grundlagen des Konstruktivismus und zentrale philosophische Vorläufer.
- Erläuterung der Schlüsselbegriffe Autopoiese, Beobachtung und Viabilität.
- Konstruktivistische Perspektiven auf das Lernen und die Rolle des Lehrers.
- Bedeutung der Sprache und antiautoritärer Kommunikationsformen im Unterricht.
- Transfer der theoretischen Konzepte in die sonderpädagogische Praxis.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Theoretische Grundlagen zur Beobachtung
Das Beobachten ist eine autopoietische Operation, da es nur von lebenden Systemen bewerkstelligt werden kann. Nach Luhmann ist der Vorgang des Bezeichnens von Dingen, Situationen oder Sachverhalten durch das Treffen von Unterscheidungen mit bedeutungstragendem Sinn gekennzeichnet als Beobachtung. Zum Beispiel beobachten in der Geschichte „Des Kaisers neue Kleider“ alle Erwachsenen die Garderobe des Herrschers und kommen zu dem Schluss, dass sie ihm sensationell steht. Sie unterscheiden also zwischen dem binären Code „schön – hässlich“. Ein Kind kommt allerdings zu einer anderen Unterscheidung: es differenziert zwischen „nackt und angezogen“. Die Erwachsenen wie das Kind unterscheiden mit bedeutungstragendem Sinn.
Wir stellen also fest, dass der Beobachter das Subjekt einer gemachten Erfahrung ist, er macht sie selbst. Die Wahrnehmung ist demnach abhängig von dem jeweiligen Beobachter. So haben in unserem Beispiel Erwachsene und Kinder eine unterschiedliche Wahrnehmung. Anders formuliert: unabhängig von dem Beobachter sind die Begriffe „Wahrheit und Objektivität“ nicht denkbar. Ein jeder hält das für wahr, was seiner Wahrnehmung entspricht. Umgekehrt können wir sagen, dass die Wirklichkeit durch den Akt des Beobachtens erst hervorgebracht wird, denn wenn die Erwachsenen und das Kind nicht beobachten würden, würde es die zwei Wirklichkeiten des schönen und des nackten Herrschers nicht geben. Die Beobachtungen sind Bausteine der Wirklichkeit. Auch die Wahrheit ist deshalb abhängig vom erkennenden Beobachter, von seinen Standpunkten und Umweltbezügen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Grundlegende Ausgangsposition: Dieses Kapitel verortet den Konstruktivismus in seinem philosophischen Umfeld, indem es auf Vorläufer wie den Skeptizismus, Pragmatismus und die Sprachphilosophie eingeht.
2. Einführung in den pädagogischen Konstruktivismus anhand von Leitbegriffen: Hier werden die zentralen Begriffe Autopoiese, Beobachtung und Viabilität theoretisch definiert und in ihren sonderpädagogischen Kontext übertragen.
3. Praktische Anwendung des Konstruktivismus in der Schule: Dieser Abschnitt beleuchtet das Lernen als aktiven, selbstgesteuerten Prozess und erörtert, wie konstruktivistische Ansätze den pädagogischen Alltag konkret prägen können.
4. Schlussfolgerungen: Hier werden Konsequenzen für das Lehrerhandeln gezogen, insbesondere im Hinblick auf eine neue, antiautoritäre Haltung und lösungsorientierte Kommunikation mit Schülern.
Schlüsselwörter
Pädagogischer Konstruktivismus, Autopoiese, Beobachtung, Viabilität, Wirklichkeitskonstruktion, Sonderpädagogik, Lernen, Lehrerrolle, Sprachkultur, Systemtheorie, Selbstbestimmung, Bildung, Perturbation, Dekonstruktion, Didaktik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den pädagogischen Konstruktivismus als philosophische und pädagogische Strömung und hinterfragt, wie diese Sichtweise auf die Wirklichkeit in der Schule Anwendung finden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen der Autopoiese, das Konzept der Beobachtung, der Begriff der Viabilität sowie deren praktische Bedeutung für die Sonderpädagogik und das schülerzentrierte Lernen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es, den pädagogischen Konstruktivismus einzuführen und aufzuzeigen, wie Lehrer durch ein verändertes Selbstverständnis und den bewussten Einsatz von Sprache die Lernpotenziale ihrer Schüler besser freisetzen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse, die systemtheoretische und konstruktivistische Konzepte mit pädagogischen Fragestellungen verknüpft und durch Beispiele aus dem Schulalltag illustriert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung der Schlüsselbegriffe sowie deren Anwendung im Bereich des Lernens, gefolgt von konkreten Schlussfolgerungen für die professionelle Haltung und Kommunikation der Lehrkraft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Autopoiese, Viabilität, Wirklichkeitskonstruktion, Systemtheorie und Sonderpädagogik charakterisiert.
Wie definiert die Autorin den Begriff der Behinderung aus konstruktivistischer Sicht?
Behinderung wird nicht als statischer, objektiver Sachverhalt betrachtet, sondern als eine durch einen Beobachter getroffene Unterscheidung, die stets veränderbar ist.
Warum ist das "Warum" weniger wichtig als das "Wozu" in der Kommunikation mit Schülern?
Die Autorin argumentiert, dass die Frage nach dem "Wozu" – also welche Ziele ein Schüler mit seinem Verhalten verfolgt – hilfreicher für das pädagogische Handeln ist als die Suche nach dem "Warum", da dies eher zu lösungsorientierten Wegen führt.
Welche Rolle spielt die Sprache des Lehrers?
Sprache wird als das zentrale Instrument des Lehrers gesehen, um durch Ich-Botschaften, Verzicht auf dogmatische Phrasen und eine antiautoritäre Haltung die Handlungsmacht und Entscheidungsfreiheit der Schüler zu stärken.
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- Juliane Schreck (Author), 2001, Pädagogischer Konstruktivismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43387