Die wohl bekannteste Richtung in der Phonologie ist die so genannte „lineare Phonologie“. Dieses Theoriemodell sieht eine Äußerung als eine lineare Kette von Segmenten an. Vergleichbar ist diese Sichtweise mit der Betrachtung der geschriebenen Sprache, die sich ebenfalls durch eine Abfolge einzelner Elemente auszeichnet.
Die Entwicklung der Phonologie seit Mitte der 70er Jahren lässt sich als eine Abkehr von der Segmentorientierung bei einer gleichzeitigen Hinwendung zur Prosodik charakterisieren. Als prosodisch gilt dabei alles, was mehr als ein Segment betrifft (vgl. RAMERS ET AL, 1992, I). In diesem Rahmen hat sich die non-lineare Phonologie entwickelt. Motiviert ist diese Entwicklung durch den Anspruch, bestimmten sprachlichen Phänomenen besser gerecht werden zu können. Dies betrifft besonders diejenigen Phänomene, die sich auf Bereiche auswirken, die größer als ein Segment sind.
Diese Veränderung der Sichtweise in der Phonologie hat ebenso Auswirkungen auf die Forschung im Bereich des kindliche Spracherwerbs. So existieren mittlerweile Untersuchungen von kindlichen Sprachsystemen, die vor diesem Hintergrund entstanden sind. Diese vermögen es, Phänomene, die im Spracherwerb auftreten, detailliert zu beschreiben.
Anhand der dort entwickelten phonologischen Konstituenten und Erklärungsmodelle ist zudem eine Beschreibung gestörter Kindersprache denkbar. Betrachtet man jedoch gängige Analyseverfahren, so wird deutlich, dass diese sich nicht der Erkenntnisse der non-linearen Phonologie bedienen, sondern vielmehr auf der Grundlage der linearen Phonologie beruhen. Dies zeigt sich darin, dass das Vorgehen dieser Verfahren sich dadurch auszeichnet, dass die kindlichen Äußerungen Segment für Segment mit der Zielsprache verglichen werden. Die Abweichungen werden durch phonologische Prozesse wie beispielweise Plosivierung oder Frikativierung beschrieben. Diese besagen, das ein Segment in der linearen Kette durch einen Plosivlaut bzw. Frikativlaut ersetzt wird. Der Kontext dieses Segmentes (beispielsweise die Eigenschaften der benachbarten Laute) bleibt unberücksichtigt. Eine non-lineare Sichtweise hingegen berücksichtigt eben diesen Kontext.
Motiviert ist die vorliegende Arbeit durch eben diese fehlende Berücksichtigung der Erkenntnisse der non-linearen Phonologie in den gängigen Analyseverfahren. Auf dieser non-linear phonologischen Grundlage wird in dieser Arbeit der Entwurf eines Analyseverfahrens entwickelt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Phonologische Grundlagen
1.1 Distinktive Merkmale
1.1.1 Lineare Merkmalsrepräsentationen
1.1.2 Merkmalsgeometrie
1.2 Die Silbe
1.2.1 Sonorität
1.2.2 Das Konstituentenmodell der Silbe
1.2.2.1 Die extrareimische Position
1.2.2.2 Die extrasilbische Position
1.2.2.3 Ambisilbische Konsonanten
1.2.3 Moren – eine alternative Darstellung des Silbengewichts
1.3 Betonung
1.3.1 Der Fuß
1.3.2 Wortbetonungsregel des Deutschen
1.3.3 Komposita-Betonungsregel
1.3.4 Verschiedene Silbentypen
1.3.4.1 Die prominente Silbe
1.3.4.2 Die unmarkierte Silbe: nicht prominent und nicht reduziert
1.3.4.3 Die Reduktionssilbe
1.4 Prosodische Hierarchie
2 Aspekte der phonologischen Entwicklung
2.1 Distinktive Merkmale
2.1.1 Bestimmung von distinktiven Merkmalen
2.1.2 Entwicklung von distinktiven Merkmalen
2.1.3 Domäne der Merkmalszuweisungen
2.1.4 Zusammenfassung
2.2 Die Silbe
2.2.1 Der Onset
2.2.1.1 Einfache Onsets
2.2.1.2 Komplexe Onsets
2.2.2 Der Reim
2.2.3 Onset und Reim im Vergleich
2.3 Betonung
2.4 Prosodische Hierarchie
3 Entwurf eines Analyseverfahrens
3.1 Analysekriterien
3.1.1 Distinktive Merkmale
3.1.2 Silbenstrukturen
3.1.3 Betonung
3.1.4 Prosodische Hierarchie
3.2 Das Wortmaterial
3.2.1 Gruppe 1: Einsilber
3.2.2 Gruppe 2: Zweisilber
3.2.3 Gruppe 3: Dreisilber
3.2.4 Gruppe 4: Komposita
3.3 Analyse von Einsilbern – Ein Beispiel
3.3.1 Vergleich der Silbenstrukturen
3.3.2 Vergleich der Sonoritätswerte
3.3.3 Vergleich der segmentalen Strukturen
3.3.4 Phoninventar
3.3.5 Phonologische Kontraste
3.3.6 Vergleich der Merkmalszuweisungen
3.3.7 Vergleich der Betonungsstrukturen
3.4. Zusammenfassung
4 Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, ein diagnostisches Analyseverfahren für kindliche Aussprachestörungen auf der Grundlage der non-linearen Phonologie zu entwickeln. Dabei wird erforscht, welche phonologischen Analysekriterien erforderlich sind, um kindliche Sprachsysteme präziser zu erfassen und in den diagnostischen Prozess der Kooperativen Sprachtherapie zu integrieren.
- Grundlagen der non-linearen Phonologie und prosodischen Hierarchie
- Entwicklung phonologischer Kompetenzen im kindlichen Spracherwerb
- Kriterien zur mikroanalytischen Untersuchung von Aussprachestörungen
- Strukturierung von Wortmaterial zur diagnostischen Erhebung
- Anwendung des Analyseverfahrens anhand konkreter Beispiele
Auszug aus dem Buch
1.1 Distinktive Merkmale
Vor allem in der segmentalen Phonologie bildet das Phonem eine zentrale Einheit. Eine Theorie des Phonems wurde in der letzen Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt. In den Mittelpunkt der Forschung gelangte das Phonem allerdings erst im Zuge des Strukturalismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In diesem Zusammenhang werden häufig die Hauptvertreter der so genannten „Prager Schule“ zitiert: ROMAN JAKOBSON und FÜRST TRUBETZKOY. Verschiedene Definitionen des Phonems sind in diesem Zusammenhang zu finden:
Phoneme einer jeweiligen Sprache erfüllen zwei Kriterien: (1) eine distinktive Funktion und (2) Minimalität. So wird das Phonem übereinstimmend als „kleinstes bedeutungsdifferenzierendes Segment einer Sprache bezeichnet“ (BLOOMFIELD, 1933 zitiert nach RAMERS 2002).
Diese distinktive Funktion können Phoneme jedoch nur in Opposition zu anderen Phonemen des gleichen Lautsystems erfüllen. Diese Oppositionen werden über sich minimal unterscheidende Wörter, so genannte Minimalpaare, gebildet. So stehen die Phoneme /β/ und /π/ beispielsweise in Wörtern wie „Pein“ und „Bein“ in Opposition. Betrachtet man Phoneme nun genauer, so wird deutlich, dass sie sich nicht als „unaufspaltbare Atome“ gegenüber stehen, sondern dass sie hinsichtlich bestimmter Lauteigenschaften kontrastieren. In dem bereits erwähnten Beispiel unterscheiden sich die Laute /β/ und /π/ in dem Überwindungsmodus ([+stimmhaft] vs. [-stimmhaft]). Minimalpaare können sich allein in einer bestimmten Eigenschaft (wie hier Stimmhaftigkeit) unterscheiden. Diese Merkmale werden auch als distinktive Merkmale bezeichnet. Ein Phonem ist demnach nicht eine unanalysierbare phonologische Einheit, sondern ein Bündel solcher distinktiven Merkmale. Mit diesen Lauteigenschaften bzw. distinktiven Merkmalen erfüllt ein bestimmtes Phonem seine distinktive Funktion innerhalb eines Sprachsystems.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Phonologische Grundlagen: Dieses Kapitel führt in die non-lineare Phonologie ein und beschreibt zentrale phonologische Einheiten wie distinktive Merkmale, die Silbe, Betonungsstrukturen und die prosodische Hierarchie.
2 Aspekte der phonologischen Entwicklung: Hier wird der kindliche Spracherwerb vor dem Hintergrund der non-linearen Phonologie analysiert, wobei Erwerbsreihenfolgen und die Entwicklung der prosodischen Hierarchie im Fokus stehen.
3 Entwurf eines Analyseverfahrens: Dieses Kapitel entwickelt konkrete Analysekriterien für gestörte kindliche Aussprache, definiert das benötigte Wortmaterial und illustriert den Anwendungsprozess anhand von Beispielen.
4 Schlussfolgerungen: Das abschließende Kapitel reflektiert die Ergebnisse der Arbeit und betont die Relevanz der entwickelten Methode für die klinische Praxis und die Verzahnung von linguistischer Diagnostik und Pädagogik.
Schlüsselwörter
Non-lineare Phonologie, kindlicher Spracherwerb, Aussprachestörungen, Analyseverfahren, Silbenstruktur, distinktive Merkmale, Betonung, prosodische Hierarchie, Merkmalsgeometrie, Kooperative Sprachtherapie, Sonorität, Sprachdiagnostik, Phoninventar, Minimalpaare, Artikulationsort.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der theoretischen Herleitung und dem praktischen Entwurf eines Analyseverfahrens für kindliche Aussprachestörungen auf Basis der non-linearen Phonologie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft linguistische Theorien zur Phonologie mit Modellen des kindlichen Spracherwerbs und deren Anwendung in der sprachheilpädagogischen Diagnostik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, ein systematisches Verfahren zu entwickeln, das Therapeuten erlaubt, kindliche Aussprache abweichungsanalytisch zu beschreiben und Entwicklungsprofile zu erstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die theoretische Fundierung der non-linearen Phonologie (insb. Merkmalsgeometrie und prosodische Hierarchie) sowie einen Literaturvergleich zur kindlichen Entwicklung, um daraus Kriterien für ein diagnostisches Instrument abzuleiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen phonologischer Einheiten, die Darstellung kindlicher Entwicklungsaspekte und den daraus resultierenden Entwurf des Analyseverfahrens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere: Non-lineare Phonologie, Silbenstruktur, Merkmalsgeometrie, prosodische Hierarchie und diagnostisches Analyseverfahren.
Was unterscheidet das hier entworfene Verfahren von herkömmlichen Methoden?
Traditionelle Verfahren basieren meist auf einer linearen, segmentorientierten Sichtweise. Das hier entworfene Verfahren integriert hingegen non-lineare Erkenntnisse wie Kontextabhängigkeiten, Silbenkonstituenten und prosodische Hierarchien.
Wie werden die "Einsilber" im Analyseverfahren kategorisiert?
Die Einsilber werden nach ihrer Reimstruktur in drei Gruppen (offene Silben mit Langvokal sowie geschlossene Silben mit Lang- bzw. Kurzvokal) unterteilt, um die Komplexität der Repräsentation zu erfassen.
- Quote paper
- Christian Grulich (Author), 2003, Mikroanalytische Betrachtung von Aussprachestörungen bei Kindern. Entwurf eines Analyseverfahrens auf non-linear phonologischer Grundlage, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43388