Die Epoche des Vormärz, war eine Übergangsphase, die sich politisch gesehen von 1830 bis 1848 erstreckte und mit der Märzrevolution im Jahre 1848 ihr Ende fand. Dieser politische Umschwung, der viele Neuerungen wie zum Beispiel die beginnende Industrialisierung mit sich brachte, beeinflusste auch die zeitgenössische Literatur.
Georg Büchners Werke „Lenz“ und auch „Woyzeck“ sind in dieser Epoche zu verorten. Beide Werke funktionieren durch gezielte Darstellung bestimmter Sachverhalte als Gesellschaftskritik, was für den damals politisch sehr aktiven Büchner typisch war. Das wiederkehrende Motiv des Wahnsinnes, welches sich in beiden Werken wiederfindet, wurde vermutlich durch sein Medizinstudium und allgemeines Interesse an der menschlichen Psyche mitbegründet. Anhand des Berichtes des Pfarrers Oberlin illustriert Büchner den sich progressiv verschlechternden Zustand von Lenzens geistiger Verfassung. So wird Büchners Schilderung zu einer glaubhaften Pathographie des fiktiven Protagonisten Lenz.
Wie in „Lenz“ nimmt Büchner bei „Woyzeck“ reale Ereignisse als Inspirationsquelle. Wie auch in dem Erzähltext „Lenz“ rückt Büchner die Thematik der Geisteskrankheit in seinem Dramenfragment „Woyzeck“ in den Vordergrund und spielt somit eine tragende Rolle. Inwiefern sich die beiden kurz nacheinander entstandenen Werke ähneln, möchte ich unter den folgenden 3 Gesichtspunkten vergleichen.
Im ersten Abschnitt des Analyseteils, werde ich das von Büchner dargestellte Krankheitsbild und die Symptome des sich äußernden Wahns beider Protagonisten auf Ähnlichkeiten und Unterschiede hin untersuchen. Des Weiteren soll das Fortschreiten der Krankheit erörtert werden. Im zweiten Abschnitt werde ich näher auf die Auslöser für innere Prozesse (und die Problematik der emotionalen Prozesse) und Motive für Handlungen der Hauptfiguren eingehen und sie einem Vergleich unterziehen.
Der letzte Teil des Analyseteils soll die Rolle des Umfelds in Bezug auf beide Protagonisten hinsichtlich der allgemeinen Konzeption des Umfelds, dem Umgang mit dem Protagonisten, bestimmter Bezugs- und Fixpersonen und dem sozialen Gefüge kritisch betrachten und vergleichen. Schlussendlich werde ich daraus ein Fazit ziehen, inwiefern Georg Büchners Werke „Lenz“ und „Woyzeck“ sich in diesen bestimmten Bereichen überschneiden, ähneln oder aber auch unterscheiden.
Inhaltsverzeichnis
1.0 EINLEITUNG:
2.0 ANALYSETEIL
2.1 Das dargestellte Krankheitsbild, der sich äußernde Wahn sowie das Fortschreiten der Krankheit
2.2 Auslöser für innere Prozesse sowie Motive des Wahnsinns
2.3 Die Rolle des Umfelds in Bezug auf die Protagonisten
FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Georg Büchners Werke „Lenz“ und „Woyzeck“ vergleichend im Hinblick auf die Darstellung von Geisteskrankheit und psychischer Instabilität. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, inwiefern sich die beiden Protagonisten in ihrem Krankheitsverlauf, ihren inneren Beweggründen sowie ihrer Interaktion mit dem sozialen Umfeld ähneln oder unterscheiden.
- Vergleich der Krankheitsbilder und Schilderung von Wahnvorstellungen
- Analyse des Fortschreitens psychischer Dekompensation
- Identifikation von Auslösern für innere Prozesse und Wahnmotive
- Untersuchung des Einflusses des sozialen Umfelds und der Personenkonstellation
- Herausarbeitung von Parallelen und Differenzen in der literarischen Umsetzung
Auszug aus dem Buch
2.1 Das dargestellte Krankheitsbild, der sich äußernde Wahn und das Fortschreiten der Krankheit
Zu Beginn gilt es zu sagen, dass die folgenden Äußerungen keinen medizinischen Hintergrund haben, sondern sich lediglich mit den von Büchner dargestellten Krankheitsbildern und Symptomen auseinandersetzen. Des Weiteren kann der chronologische Verlauf der Geisteskrankheit im Fall von Woyzeck nur unter Vorbehalt analysiert werden. Um eine chronologische Reihenfolge zu gewährleisten, lege ich meiner Analyse den Szenenaufbau der vierten, und die letzten Szenen der ersten Handschrift von Büchners „Woyzeck“ zugrunde.
Bereits in den ersten Szenen beider Werke wird dem Leser ein Einblick in die Psyche der Protagonisten und deren abnorme Wahrnehmung gegeben. So schildert Büchner auf der ersten Textseite von „Lenz“ die verzerrte Wahrnehmung des Protagonisten seiner Umwelt: „Anfangs drängte es ihm in der Brust, wenn das Gestein so wegsprang, der graue Wald sich unter ihm schüttelte, und der Nebel die Formen bald verschlang, bald die gewaltigen Glieder halb enthüllte;[…]“7, was Rückschlüsse auf seine geistige Verfassung zu Beginn zulässt. Auch in der letzten Fassung von „Woyzeck“ veranschaulicht Büchner schon in der ersten Szene beängstigende Eindrücke die seine Hauptfigur erfährt: „Woyzeck: Es geht hinter mir, unter mir (stampft auf den Boden) hohl, hörst du? Alles hohl da unten. Die Freimaurer!“8 Neben diesen verschobenen Wahrnehmungen, weicht auch das Verhalten der Protagonisten bereits zu Anfang von der Norm ab (und sie werden für ihr Umfeld auffällig). Dies äußert sich bei „Lenz“ das erste Mal eindeutig, als er von Angst getrieben sich an den Brunnensteinen mutwillig verletzt und anschließend in den Brunnen stürzt.9 Woyzeck’s geistige Verfassung offenbart sich seinem Umfeld in vielen Szenen meist relativ deutlich pathologisch: „Marie: Der Mann! So vergeistert. Er hat sein Kind nicht angesehn. Er schnappt noch über mit den Gedanken. […]“10 Die von Büchner beschriebene Symptomatik ist in beiden Fällen also relativ gleich aufgebaut.
Zusammenfassung der Kapitel
1.0 EINLEITUNG: Diese Einleitung verortet Georg Büchner im Kontext des Vormärz und führt in die Thematik der Geisteskrankheit in „Lenz“ und „Woyzeck“ ein.
2.0 ANALYSETEIL: Der Analyseteil bildet den Kern der Arbeit, in dem die beiden Werke systematisch unter drei spezifischen Gesichtspunkten miteinander verglichen werden.
2.1 Das dargestellte Krankheitsbild, der sich äußernde Wahn sowie das Fortschreiten der Krankheit: Dieses Kapitel vergleicht die Symptomatik der Protagonisten und deren schrittweisen geistigen Verfall.
2.2 Auslöser für innere Prozesse sowie Motive des Wahnsinns: Hier werden die Ambivalenzen und die psychologischen Ursachen für das Handeln von Lenz und Woyzeck untersucht.
2.3 Die Rolle des Umfelds in Bezug auf die Protagonisten: Der Fokus liegt auf der sozialen Einbettung der Figuren und deren Abhängigkeit von Mitmenschen und gesellschaftlichen Strukturen.
FAZIT: Das abschließende Kapitel fasst die Parallelen und Unterschiede zusammen und zieht ein Fazit über die literarische Gestaltung der Geisteskrankheit bei Büchner.
Schlüsselwörter
Georg Büchner, Lenz, Woyzeck, Geisteskrankheit, Schizophrenie, Wahn, Wahrnehmungsstörung, Gesellschaftskritik, Vormärz, Protagonisten, Personenkonstellation, Soziales Umfeld, Wahnsinn, Pathographie, Literaturvergleich
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einem vergleichenden Literaturvergleich der Werke „Lenz“ und „Woyzeck“ von Georg Büchner unter Berücksichtigung der Darstellung psychischer Erkrankungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das dargestellte Krankheitsbild, die Auslöser für innere Prozesse sowie die Rolle des sozialen Umfelds für die jeweilige Hauptfigur.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu untersuchen, inwiefern sich die beiden Werke in ihrer Gestaltung der Geisteskrankheit ähneln oder unterscheiden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Vergleichsanalyse angewandt, die auf der kritischen Auseinandersetzung mit den Primärtexten und einschlägiger Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Abschnitte: Die Untersuchung der Krankheitssymptome, die Analyse der inneren Motive und die Bewertung der sozialen Interaktion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Georg Büchner, Geisteskrankheit, Wahn, Schizophrenie, soziale Abhängigkeit und das Motiv der Getriebenheit.
Wie unterscheidet sich der Krankheitsverlauf bei den beiden Protagonisten?
Während Lenz zwischen wahnhaften Phasen und Momenten der Besinnung schwankt, zeigt Woyzeck eine kontinuierliche Verschlechterung seines psychischen Zustands.
Welche Bedeutung kommt dem sozialen Umfeld bei Lenz im Vergleich zu Woyzeck zu?
Lenz findet in Pfarrer Oberlin eine wichtige, wenn auch instabile Bezugsperson, während Woyzeck in seinem Umfeld eher als „Spielball“ gedemütigt und ausgenutzt wird.
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- Alissa Böhringer (Author), 2017, Ähnlichkeiten in Georg Büchners Werken "Lenz" und "Woyzeck", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/433989