Königsdisziplin der literarischen Arbeit stellt in Deutschland neben der positiven Aufnahme durch die hiesigen Feuilletons die fest etablierte Kultur der Preisverleihungen dar. Zahlreich sind die Preise, noch zahlreicher deren Träger. Doch auch unter den Auszeichnungen finden sich immer wieder bedeutsamere, bekanntere und damit wohl einflussreichere Exemplare. Einen solchen Preis markiert auch der Preis der Leipziger Buchmesse, der seit 2005 jährlich medienwirksam zum Auftakt der gleichnamigen Messe vergeben wird. Neben den Kategorien Sachbuch & Essayistik und Übersetzung wird er auch in der Kategorie Belletristik vergeben, die Thema dieser Arbeit sein soll.
Diese diversen Preisträger, die in den vergangenen elf Jahren für ihre „literarisch anspruchsvolle[n] Werke" ausgezeichnet worden sind, werden im Folgenden untersucht. Dabei gehe ich davon aus, dass diesen Werken der Gegenwartsliteratur Merkmale innewohnen, die sie als herausragend, anspruchsvoll und auszeichnungswürdig kennzeichnen. In der Betrachtung der elf Preisträger besteht somit eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass sie Gemeinsamkeiten in ihrer Konzeption aufweisen, die die Jury dazu bewogen haben, genau diese Werke auszuzeichnen. Aus diesem Grund werde ich in der nachfolgenden Arbeit die Frage beantworten, ob es Tendenzen in der aktuellen preiswürdigen Literatur gibt, speziell also bei den Preisträgern des PLB. Basis der Untersuchung wird zunächst eine Analyse der Ausgangsvoraussetzungen, sodann eine ausführliche Betrachtung der Werke und ein daraus resultierender Abgleich der gewonnenen Erkenntnisse bilden.
Zu den Ausgangsvoraussetzungen gehört dabei die Analyse der literarischen Auszeichnungskultur in Deutschland mit Schwerpunkt auf dem PLB. Weiterhin muss dazu auch der Begriff der „Gegenwartsliteratur“ und den darin bereits enthaltenen Tendenzen erläutert werden. Für die hauptsächliche Untersuchungsarbeit definiere ich ferner noch einmal meine konkrete Auswahl und zeige die Prinzipien meines Vorgehens auf. Erst danach werde ich die elf Preisträger des PLB mittels der zuvor gewählten Methoden auf die ihnen jeweils innewohnenden Spezifika untersuchen. Dabei werde ich chronologisch und zunächst singulär vorgehen. Mit einem ausführlichen Vergleich dieser Spezifika möchte ich schließlich eruieren, ob die Preisträger des PLB als Vertreter der aktuellen preiswürdigen Literatur eigene Tendenzen besitzen, die diese von anderen Veröffentlichungen der Gegenwartsliteratur auszeichnen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Eine Kultur der literarischen Auszeichnungen
Gegenwartsliteratur
Auswahl und Vorgehensweise
Untersuchung der ausgewählten Werke
Terézia Mora Alle Tage
Ilija Trojanow Der Weltensammler
Ingo Schulze Handy
Clemens Meyer Die Nacht, die Lichter
Sibylle Lewitscharoff Apostoloff
Georg Klein Roman unserer Kindheit
Clemens Setz Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes
Wolfgang Herrndorf Sand
David Wagner Leben
Saša Stanišić Vor dem Fest
Jan Wagner regentonnenvariationen
Gemachte Beobachtungen
Gemeinsamkeiten
Unterschiede
Fazit: Erkennbare Tendenzen?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit untersucht die Preisträger des Preises der Leipziger Buchmesse (Kategorie Belletristik) zwischen 2005 und 2015, um herauszuarbeiten, ob diese Werke spezifische Tendenzen oder gemeinsame Konzeptionsmerkmale aufweisen, die sie als Vertreter aktueller, „preiswürdiger“ Literatur kennzeichnen.
- Analyse der literarischen Auszeichnungskultur in Deutschland mit Fokus auf den Preis der Leipziger Buchmesse.
- Eingrenzung und Definition des Begriffs „Gegenwartsliteratur“ im Kontext aktueller gesellschaftlicher Wandlungsprozesse.
- Untersuchung narrativer Strukturen, Erzählperspektiven und Themenkomplexe (Identitätsfindung, Heimatverlust, prekäre Lebensverhältnisse).
- Vergleich der Autorenschaft und ihrer autobiografischen Bezüge in den prämierten Werken.
- Reflexion über die Möglichkeiten einer abschließenden Identitäts- und Problemlösung in der zeitgenössischen Literatur.
Auszug aus dem Buch
Terézia Mora Alle Tage
Terézia Moras Roman Alle Tage erzählt die Geschichte des sprachbegabten Jugoslawienkriegsflüchtlings Abel Nema, der in der großen deutschen Stadt „B.“ (Berlin) vergebens versucht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und ein neues Leben aufzubauen. Im zunächst als Durcheinander erscheinenden Vor und Zurück der Begebenheiten und Erinnerungen kristallisiert sich so Schritt für Schritt Abels Weg, der immer wieder Ähnlichkeiten mit einer Passion aufweist, heraus. Dabei trifft er mehrmals auf ähnlich heimatlose Gestalten wie Konstantin T. oder seine selbsterklärte Patin Kinga und deren Freunde. Zwar würde dasselbe Schicksal, das sie alle teilen, einen guten Anknüpfungspunkt ergeben, doch bleibt Abel stets distanziert und kann so auch keine richtigen Beziehungen zu ihnen aufbauen.
Die Erzählung von Abel Nema ist dabei thematisch vielschichtig aufgebaut: Zwar finden sich zahlreiche Parallelen zum klassischen Bildungsroman, doch gerade die fehlende Entwicklung des Protagonisten und auch die fehlende Anlegung als einen solchen, erscheinen mir den Begriff nicht zu rechtfertigen. Eher noch könnte man den Roman als Exilliteratur bezeichnen, lebt Abel als Deserteur des Jugoslawienkrieges doch gewissermaßen unfreiwillig im Exil. Das Exil stellt für Abel zwar keine bewusste Konstante dar, doch resultieren daraus besonders seine alles überschattende, beständige Heimatlosigkeit und seine Unfähigkeit zur Bindung und zum Ankommen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung des Untersuchungsgegenstands, der Relevanz des Preises der Leipziger Buchmesse und der methodischen Vorgehensweise bei der Analyse der elf Preisträger.
Untersuchung der ausgewählten Werke: Chronologische Analyse der elf prämierten Werke anhand von Kriterien wie Erzählweise, Thema, Problematik und dem Grad der autobiografischen Verflechtung.
Gemachte Beobachtungen: Zusammenführender Vergleich, der Gemeinsamkeiten (z.B. Multiperspektivität, Fokus auf Identitätsproblematik) und Unterschiede in Gattung und formaler Gestaltung herausarbeitet.
Fazit: Erkennbare Tendenzen?: Beantwortung der zentralen Forschungsfrage und Einordnung der Ergebnisse in den Kontext der aktuellen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
Schlüsselwörter
Preis der Leipziger Buchmesse, Gegenwartsliteratur, Belletristik, Identitätsfindung, Heimatlosigkeit, Multiperspektivität, Autorschaft, Exilliteratur, Postmoderne, Erzählperspektive, Kurzgeschichte, Roman, Literaturpreise, Identitätskrise, Erzählweise.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Preisträger der Kategorie Belletristik des Preises der Leipziger Buchmesse zwischen 2005 und 2015, um Merkmale und Tendenzen der aktuellen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zu identifizieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen Identitätskonflikte, das Gefühl von Heimatlosigkeit, die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie und die Darstellung von gesellschaftlichen Randgruppen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, ob es spezifische Tendenzen oder Gemeinsamkeiten in der Konzeption der preiswürdigen Werke gibt, die sie von der breiten Masse der Gegenwartsliteratur abheben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung erfolgt durch eine systematische Analyse der Primärtexte unter Berücksichtigung von Formalia wie Erzählperspektive, Handlungsaufbau und Thema, ergänzt durch Fachliteratur und Rezensionen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich einer detaillierten, chronologischen Einzelanalyse der elf Preisträger von Terézia Moras "Alle Tage" bis zu Jan Wagners "regentonnenvariationen".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind unter anderem Gegenwartsliteratur, Identitätsfindung, Preis der Leipziger Buchmesse, Multiperspektivität und literarische Auszeichnungskultur.
Inwieweit spielt die Biografie der Autoren eine Rolle?
Die Arbeit stellt fest, dass in fast allen Fällen eine enge Verknüpfung zwischen dem Autor-Ich und dem Erzähler-Ich besteht, was eine klare Trennung von Fiktion und Realität erschwert.
Gibt es eine Lösung für die identifizierten Probleme?
Nein, ein zentrales Ergebnis ist, dass die Romane keine abschließenden Lösungen für die Ich-Krise oder den Heimatverlust anbieten, sondern das Scheitern dieser Identitätssuche thematisieren.
- Arbeit zitieren
- Mareike Kotscha (Autor:in), 2015, Tendenzen der aktuellen preiswürdigen Literatur? Untersuchung der Preisträger des Leipziger Buchpreises auf ihre genuin enthaltenen Entwicklungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434207