Seit dem Jahr 2003 findet der flächendeckende Ausbau von Ganztagsschulen statt. Dies war anfangs eine direkt einsetzende Reaktion auf das schlechte Abschneiden der Schülerinnen und Schüler bei der ersten PISA-Studie 2001. Auf der Suche nach den Ursachen zeigten sich zwischen den PISA-Spitzenländern und Deutschland das mehrgliedrige Schulsystem und die Halbtagsschule als die zentralen schulorganisatorischen Unterschiede.
Die folgende Zunahme von Lernzeit und veränderte Lernarrangements, die Verstärkung der individuellen Förderung, die Schaffung neuer Sozialräume, die Bereitstellung qualifizierter Betreuungsformen sind für den Ausbau der Ganztagsschulen eine große Herausforderung. Das betrifft nicht nur organisatorische Fragen, sondern auch ihre baulichen Konsequenzen. Wie müssen Räume beschaffen sein, um sowohl den veränderten Lernformen als auch einem Anspruch von Schule als Lebensort gerecht zu werden?
Da nicht überall neue Schulgebäude errichtet werden können, impliziert dies auch die Frage: Wie kann eine Schule, die als Halbtagsschule geplant wurde, mit dem gleichen Raumkonzept als ganztägige Schule organisiert werden? Da sich die Aufenthaltsdauer von Schülerinnen und Schülern in der Schule verlängert hat, werden in der Ganztagsschule die vorhandenen Räume häufiger und multipler genutzt. Der Klassenraum ist vom Mobiliar, der Farbgebung, dem Licht und der Akustik abhängig und auch veränderbar, um der Umsetzung der Lernarrangements dienen zu können. Wie können solche Veränderungen aussehen?
Gemäß dem Konzept des handlungsorientierten Unterrichts sollten die Schülerinnen und Schüler selbst maßgeblich an der Umgestaltung ihrer Räume mitwirken. Die vorliegende Arbeit stellt exemplarisch ein fachdidaktisches Konzept vor, wie bestehende Räume gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern für die veränderten Anforderungen optimiert werden können. Gewählt wurde hierfür das Unterrichtsfach Wirtschaft – Arbeit – Technik, kurz WAT.
In dem fachdidaktischen Konzept „Umbau des Klassenzimmers zur Lernlandschaft“ geht es darum, dass die Lernenden in der Holzwerkstatt Mobiliar entwerfen und Angesichts der mit der Gesamtschule auftretenden neuen Anforderungen ist Schule als Lern- und Lebensort neu zu beschreiben. Diese Beschreibung orientiert sich im Folgenden an den Fragen: Welches sind die neuen und alten Lernformen, die in einer heutigen Ganztagsschule praktiziert werden?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Aktualität und Forschungsstand
1.3 Zielsetzung und Vorgehen
1.4 Methodik: Handlungsorientiertes Lernen
2 Lernform
2.1 Grundlagen des handlungsorientierten Unterrichts
2.1.1 Begründung für den handlungsorientierten Unterricht
2.1.2 Anforderungen an die Lehrkraft
2.1.3 Anforderungen an den Raum
2.2 Umsetzung im WAT-Unterricht
2.2.1 Rahmenlehrplan des Unterrichtsfachs WAT
2.2.2 Unterrichtsplanung
2.3 Die Projektarbeit
3 Schulräume und Pädagogik – Ein knapper historischer Überblick
3.1 Geschichte der Schulgebäude
3.1.1 Mittelalter
3.1.2 Reformbewegung
3.1.3 Zeit der Aufklärung
3.1.4 Ende des 19. Jahrhunderts „Neue“ Reformer
3.1.5 Die Wilhelminische Epoche
3.1.6 Nach dem Ersten Weltkrieg
3.1.7 Nach dem Zweiten Weltkrieg
3.2 Ausrichtung und Maße des Klassenraums
3.3 Das Mobiliar der Klassenräume
4 Räumliche Anforderungen der Ganztagsschule
4.1 Sozialformen des Lernens und ihre Anforderungen an den Raum
4.2 Die pädagogische Bedeutung der Raumgestaltung
4.3 Lebensorte
4.4 Die Lernlandschaft als Ort des Lernens und der Freizeit
5 Realisierte Vorhaben
5.1 Erika-Mann-Grundschule, Schulumbau
5.1.1 Umgestaltung als gemeinsames Projekt
5.1.2 Flure als Lernorte
5.1.3 Brandschutz und Fluchtwege
5.2 Comenius-Schule, Klassenumbau
5.2.1 Lernformen und Raummöblierung
5.2.2 Gemeinsame Planung und Bau, Sicherheit
5.2.3 Erfahrung von Lehrern und Schülern mit dem Lernort
5.2.4 Finanzierung
6 Konzept für ein Unterrichtsprojekt „Umbau des Klassenzimmers zur Lernlandschaft“
6.1 Problemstellung und Ablauf
6.1.1 Pädagogisch-methodische Ausführung
6.1.2 Umsetzung des multifunktionalen Podests
6.1.3 Finanzierung
6.1.4 Nachhaltigkeit
7 Fazit
8 Anhang praktische Umsetzung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie bestehende Räume in Ganztagsschulen durch ein schülerzentriertes, handlungsorientiertes Unterrichtsprojekt im Fach Wirtschaft – Arbeit – Technik (WAT) in Lernlandschaften transformiert werden können, um den veränderten Bedürfnissen der Lernenden gerecht zu werden.
- Handlungsorientierte Unterrichtsformen und deren methodische Umsetzung.
- Historische und pädagogische Entwicklung von Schulraumkonzepten.
- Bedeutung der Raumgestaltung für Ganztagsschulen als Lebensort.
- Praktische Planung und Umsetzung multifunktionaler Möbelkonzepte durch Schüler.
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Anforderungen an die Lehrkraft
Für die Lernenden ist das selbstgesteuerte Lernen eine bedeutende Bildungsaufgabe (Riedel). Die Lehrenden haben die Aufgabe, die Lernumgebungen so einzurichten, dass sie den Lernenden beim Wissenserwerb dienlich sind.
Selbstgesteuertes Lernen im Unterricht fordert Lehrer und Lehrerinnen sehr. Die Vorbereitungsphase für den Unterricht ist intensiver. Im Unterricht selbst verzichten sie jedoch weitgehend auf direkte Einflussnahme und versuchen den Lernenden Handlungsspielräume und Eigeninitiative zu gewähren. Damit die Schülerinnen und Schüler innerhalb dieser Handlungsspielräume erfolgreich lernen und dabei ihre Selbstwirksamkeit erfahren können, ist eine vorbereitende Analyse der vorhandenen Lernkompetenzen erforderlich, um dann die fachliche und methodische Entwicklung in der Planung aufzubauen. Das Konzipieren von differenzierenden Lernarrangements mit Lernmaterialien ist der nächste Schritt. Im Unterricht übernehmen die Lehrkräfte die Aufgabe des Beobachtens der individuellen Entwicklung der Lernenden, geben bei Schwierigkeiten Anregungen und stehen allgemein zurückhaltend, abwartend und zugleich helfend den Lernenden gegenüber (vgl. Riedel 2010, S. 217).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Ausbau von Ganztagsschulen und die damit verbundenen baulichen Herausforderungen für moderne Lernarrangements.
2 Lernform: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen des handlungsorientierten Unterrichts und die damit verbundenen Anforderungen an Lehrkräfte und Räumlichkeiten.
3 Schulräume und Pädagogik – Ein knapper historischer Überblick: Der historische Abriss zeigt die Wandlung des Schulraums vom abgeschlossenen, autoritären Klassenzimmer hin zum flexiblen Lernraum.
4 Räumliche Anforderungen der Ganztagsschule: Es werden die Auswirkungen der verlängerten Aufenthaltsdauer auf die Raumgestaltung und die Notwendigkeit von Lebensräumen für Schüler diskutiert.
5 Realisierte Vorhaben: Anhand zweier Berliner Grundschulen werden praktische Beispiele erfolgreicher Raumumbauten durch Schülerbeteiligung aufgezeigt.
6 Konzept für ein Unterrichtsprojekt „Umbau des Klassenzimmers zur Lernlandschaft“: Das Kapitel liefert eine detaillierte Planung und methodische Anleitung für die praktische Umsetzung des Umbauprojekts im WAT-Unterricht.
7 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass selbstgestaltete Lernumgebungen die Identifikation der Schüler mit der Schule stärken und die Selbsttätigkeit fördern.
8 Anhang praktische Umsetzung: Der Anhang enthält ergänzende Planungsmaterialien und Handouts für Lehrkräfte.
Schlüsselwörter
Ganztagsschule, Handlungsorientierung, Lernlandschaft, Unterrichtsgestaltung, WAT-Unterricht, Selbstgesteuertes Lernen, Raumgestaltung, Schülerbeteiligung, Schularchitektur, Projektmethode, Mobiliar, Lebensraum Schule, Kompetenzerwerb, Nachhaltigkeit, Schulentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Entwicklung eines Unterrichtskonzepts im Fach Wirtschaft – Arbeit – Technik (WAT), das Schülerinnen und Schüler dazu befähigt, ihre eigenen Unterrichtsräume in moderne, multifunktionale Lernlandschaften umzugestalten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Felder sind die Verbindung von Pädagogik und Architektur, die Bedeutung der Raumgestaltung für das Lernklima, handlungsorientierte Lernarrangements und die praktische Realisierung von Möbelbauprojekten im schulischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, ein fachdidaktisches Konzept vorzustellen, durch das Schülerinnen und Schüler durch praktische Arbeit in der Werkstatt ihre Schulumgebung aktiv mitgestalten und dadurch ihre Selbstwirksamkeit und Identifikation mit der Schule erhöhen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse zu pädagogischen und architektonischen Konzepten sowie der Darstellung von Fallbeispielen und der Entwicklung eines hypothethischen Unterrichtsprojekts auf Basis des handlungsorientierten Strukturmodells nach Meyer.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu Lernformen, eine historische Betrachtung von Schulbauten, die räumlichen Bedürfnisse in Ganztagsschulen, die Analyse realer Umbauprojekte sowie die konkrete didaktische Planung eines Klassenraum-Umbauprojekts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Handlungsorientierung, Ganztagsschule, Lernlandschaft, Schülerbeteiligung, Schularchitektur und Selbststeuerung.
Wie unterscheidet sich das hier vorgeschlagene Projekt von herkömmlichen Unterrichtsformen?
Im Gegensatz zu passiven Unterrichtsformen integriert dieses Projekt die physische Umgebung des Klassenzimmers als aktives Lernobjekt, wobei die Schüler selbst zu Designern und Herstellern ihrer Lernumgebung werden.
Welche Bedeutung hat das "Podest" im praktischen Konzept?
Das Podest dient als multifunktionales Element, das durch unterschiedliche Sitzebenen (Boden, Tischhöhe) verschiedene Lern- und Arbeitspositionen sowie eine Nutzung als Bühne ermöglicht und somit zur Flexibilität des Raums beiträgt.
Wie wird der Brandschutz in die Planung integriert?
Brandschutzauflagen werden als integraler Bestandteil der Planung betrachtet, was eine enge Zusammenarbeit mit Fachleuten und der Unfallkasse erfordert, um Sicherheitsanforderungen bei Umbauten im Bestand (insbesondere in Fluren) einzuhalten.
Welche Rolle spielt die Finanzierung in diesem Umbaukonzept?
Da öffentliche Budgets oft begrenzt sind, werden verschiedene Förderquellen wie Projektfonds (z.B. "Soziale Stadt") oder die Einbindung von Fördervereinen diskutiert, um die Materialkosten für die Umbauprojekte zu decken.
- Arbeit zitieren
- Silke Pötting (Autor:in), 2017, Vom Klassenraum zur Lernlandschaft. Entwicklung eines Unterrichtskonzeptes im Fach Wirtschaft, Arbeit und Technik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434677