Schon 2011 erkannte die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises das Potenzial des Romans Tschick von Wolfgang Herrndorf. Sie prophezeite mit ihrer Formulierung des filmreifen Finales geradezu die Adaption des Romans für die Kinoleinwand. Doch bevor 2016 das Abenteuer von Maik Klingenberg und Tschick mit Hilfe des Regisseurs Fatih Akin ins Kino kam, eroberte die Geschichte in ihrer Bühnenfassung von Robert Koall das Theater.
Die vorliegende Abschlussarbeit beschäftigt sich mit diesen drei Medien, in denen Tschick aktuell rezipiert werden kann. Sie soll die Wirkungen und Möglichkeiten einer Romanadaption in Film und Theater thematisieren und herausstellen. Hierfür sollen der Roman, die Theaterinszenierung und die Kinoverfilmung analysiert werden. Die Analyse konzentriert sich auf die Figurendarstellung von Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow. Bevor es zu einer konkreten Figurenanalyse in Roman, Inszenierung und Film kommt, sollen die Analysewerkzeuge gattungsspezifisch dargestellt werden. Da es aufgrund des Charakters einer Adaption zu Auslassungen, Umdichtungen und Neukompositionen kommen kann, wird nicht mit bestimmten Szenen gearbeitet, die zum Vergleich stehen, sondern jedes als autonomes Werk untersucht und dann ein vergleichendes Fazit gezogen. Es ist nicht Ziel, ein Urteil darüber zu fällen, wie gelungen die jeweilige Adaption ist, gemessen an einer detailgetreuen Übernahme der Geschichte des Romas. Vielmehr soll gezeigt werden, weshalb bestimmte Veränderungen notwendig, sinnverändernd oder auch ergänzend sind.
Grundlage bilden die basalen Betrachtungen der Genrespezifika mitsamt ihrer Stärken und Schwächen sowie Klarheiten über die analyserelevanten Theorien. Demnach bildet dieser Abschnitt nur die Vorarbeit für den daran angeschlossenen Hauptteil, der die komplexe Figuren- und Erzählsituationsanalyse in Roman, Film und Theater umfasst. Schließen soll diese Arbeit mit einer Zusammenfassung aller relevanten Ergebnisse des Vergleichs.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundlagen der Analyse
2.1. Genrespezifika von Roman, Theater und Film
2.1.1. Epik – der Roman
2.1.2. Dramatik – die Theaterinszenierung
2.1.3. Der Film – Literaturverfilmung
2.2. Methodisches Vorgehen und theoretische Grundlage der Analyse
2.2.1. Romananalyse
2.2.2. Dramen-/ Inszenierungsanalyse
2.2.3. Filmanalyse
2.3. Basale Gemeinsamkeiten der Darstellungsmöglichkeiten
3. Analyse der Figurendarstellung Maik Klingenbergs und Andrej Tschichatschow (Tschick)
3.1. Figurendarstellung im Roman
3.1.1. Maik Klingenberg
3.1.2. Andrej Tschichatschow
3.2. Figurendarstellung im Theater
3.2.1. Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow
3.3. Figurendarstellung im Film
3.3.1. Maik Klingenberg
3.3.2. Andrej Tschichatschow
4. Vergleich der Analyseergebnisse und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Romanadaption von Wolfgang Herrndorfs "Tschick" in den Medien Theater und Film mit einem Fokus auf die Figurendarstellung. Ziel ist es, die gattungsspezifischen Wirkungsweisen und Möglichkeiten der Adaption bei der Umsetzung von Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow zu analysieren, wobei die Arbeit primär aufzeigt, wie die Transformation in andere Medien trotz unvermeidbarer Kürzungen und Umdeutungen eigene, eigenständige künstlerische Resultate hervorbringt.
- Vergleichende Analyse der Figurendarstellung von Maik und Tschick in drei verschiedenen Medien.
- Untersuchung der narrativen Mittel und Genrespezifika von Roman, Theater und Film.
- Analyse der Rolle von Klischees und Vorurteilen in der Charakterkonstruktion.
- Beleuchtung der narrativen Transformation und "Werktreue" bei Adaptionen.
- Reflexion über die Entwicklung der Charaktere und ihrer Identität im Kontext der Medienadaption.
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Andrej Tschichatschow
Andrej Tschichatschow – kurz Tschick – ist der Neue in der Klasse von Maik. Er kommt vier Jahre vor Romanbeginn mit seinem älteren Bruder aus Rostow in Russland nach Deutschland. Tschick war zu diesem Zeitpunkt 10 Jahre alt, ist also wie Maik in der Gegenwart des Romans 14 Jahre alt. Zunächst lernte er in der Förderschule Deutsch, arbeitete sich dann aber über Haupt- und Realschule hoch bis zum Gymnasium. Tschick ist also keinesfalls dumm. Nach den Osterferien kommt er an Maiks Schule. Alles, was der Leser zunächst über ihn erfährt ist, recht abwertend und negativ konnotiert und wird über die Wahrnehmung von Maik und ein paar Äußerungen des Lehrers erzählt. Tschick ist mittelgroß, hat hohe Wangenknochen, schmale Augen und einen kantigen Schädel. Seine Gesichtszüge widerspiegeln seine Herkunft – osteuropäisch-asiatisch. „Sah aus wie ein Mongole.“ Seine kräftigen, mit einer Narbe versehenen, Unterarme lassen seine dünnen Beine noch schmaler wirken. An seinem ersten Tag trägt er ein weißes, schmuddeliges Hemd, an dem ein Knopf fehlt, Kik-Jeans und braune Schuhe, die aussehen, als hätte er tote Ratten an den Füßen. Sein Auftritt wird durch eine Plastiktüte, die als Schultasche fungiert, abgerundet. Doch nicht nur sein Aussehen ist assi, sondern auch sein Verhalten. Tschick flucht sehr viel, raucht, trinkt, was man ihm nicht nur anmerkt, sondern auch riecht. Er ist der Inbegriff des Außenseiters.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der Romanadaptionen von "Tschick" ein und erläutert die Zielsetzung sowie das methodische Vorgehen der Analyse in den drei Medien Roman, Film und Theater.
2. Grundlagen der Analyse: Dieser Abschnitt erarbeitet die theoretischen Grundlagen der Genres Epik, Dramatik und Film, wobei insbesondere narrative Strukturen und Mittel der Figurenanalyse sowie spezifische Transformationsprozesse bei Adaptionen beleuchtet werden.
3. Analyse der Figurendarstellung Maik Klingenbergs und Andrej Tschichatschow (Tschick): Hier erfolgt die konkrete Anwendung der zuvor erarbeiteten Methoden auf die Figurendarstellung in Roman, Theaterinszenierung und Kinoverfilmung, wobei die Konstruktion der Figuren und ihr Umgang mit Klischees im Zentrum stehen.
4. Vergleich der Analyseergebnisse und Fazit: Das abschließende Kapitel führt die Erkenntnisse der Einzelanalysen zusammen und diskutiert die vergleichenden Aspekte der adaptierten Medien sowie die Einflüsse von Kürzungen und Inszenierungsentscheidungen auf die Wirkung der Geschichte.
Schlüsselwörter
Tschick, Wolfgang Herrndorf, Romanadaption, Literaturverfilmung, Theaterinszenierung, Figurendarstellung, Maik Klingenberg, Andrej Tschichatschow, Erzählperspektive, Transformation, Medienvergleich, Identität, Klischees, Figurenanalyse, Multimedialität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Adaption des Romans "Tschick" von Wolfgang Herrndorf in die beiden anderen Medien Film und Theater, wobei der Schwerpunkt auf der Darstellung der beiden Hauptfiguren Maik und Tschick liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Arbeit behandelt?
Zentral sind die Aspekte der Romanadaption, die spezifischen Erzählweisen in Epik, Dramatik und Film sowie die literaturwissenschaftliche Analyse von Figuren in fiktionalen Texten unter Berücksichtigung von Klischees und soziokulturellen Mechanismen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, die Wirkungen und Möglichkeiten der Romanadaption in Film und Theater herauszustellen, ohne dabei ein normatives Urteil über die "Gelingen" der Adaption zu fällen, sondern die Adaption als eigenständiges Werk zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt die erzähltheoretischen Konzepte von Franz Karl Stanzel sowie filmtheoretische Modelle nach Kuchenberg und Carroll, um die verschiedenen Medien hinsichtlich ihrer Struktur und Figurenzeichnung zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse der Figuren Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow, wobei diese nacheinander in den drei verschiedenen Medien (Roman, Theater, Film) untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Romanadaption, Literaturverfilmung, Figurenanalyse, mediale Transformation und Identitätskonstruktion charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Darstellung im Theater vom Roman?
Das Theater arbeitet laut der Analyse oft mit einer reduzierten Kulisse und einer starken Fokussierung auf die beiden Hauptfiguren, die gleichzeitig Handlung und Kommentar übernehmen, während der Roman die Ich-Perspektive von Maik als tragendes narratives Element nutzt.
Welche Rolle spielt die ethnische Markierung bei der Figur Tschick?
Die ethnische Markierung Tschicks als "Russe" wird im Roman durch das Subjektivitätsfilter des Ich-Erzählers Maik stark durch ethnische Klischees und Vorurteile überlagert, was die Analyse kritisch als Teil der Figurenkonstruktion hinterfragt.
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- Juliane Richter (Author), 2018, Die Adaption des Jugendbuches "Tschick" in Film und Theater. Eine vergleichende Analyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434722