Siddhartha. Ein intermedialer Vergleich

Romanvorlage (Hermann Hesse) und filmische Adaption (Conrad Rooks)


Hausarbeit, 2017

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung und Einordnung des Buches
2.1 Zeitgeschichtliche und persönliche Einflüsse
2.2 Parallelen zu Hermann Hesse und dessen Leben
2.3 Einordnung in die Literatur- und Gattungsgeschichte

3. Entstehung des Films - Einflüsse bei Rooks

4. Inhaltlicher Vergleich zwischen Roman und filmischer Adaption

5. Allgemeiner Vergleich und Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hermann Hesse reiste 1911 mit 34 Jahren, gesponsert von einem Verleger, nach Indi- en. Dem Verleger ging es darum, dass Hesse sich Eindrücke für den nächsten Roman einholt. Jedoch beeinflusst durch seine Eltern, die beide verschiedene Beziehungen zu dem Land hatten, bereiste er auch1 „den Subkontinent Indien […] und den Wirkraum seiner missionarischen Familie in Malabar“2. Somit war er kein klassischer Tourist, der sich ein Bild von Land und Leute machte. Er konzentrierte sich über drei Monate auf die verschiedenen Religionen, Philosophien und Mentalitäten und verknüpfte es mit dem Wissen darüber, welches er sich vorher durch viele Bücher und die Erzählungen der Eltern angeeignet hatte. Acht Jahre später (1919) begann er mit seinem meistverbreitestem Werk Siddhartha. Eine indische Dichtung, in dem der gleichnamige Held aus seiner gewohnten Gesellschaft ausbricht, um sich auf die Reise nach Erkenntnis und Vollkommenheit und letztendlich sich selbst zu begeben.

Die Schaffenszeit dauerte bis 1922, dem Jahr, in dem der Roman auch veröffentlicht wurde. Zu dem Zeitpunkt und noch Jahre später befand sich Deutschland und die Welt in instabilen und kriegerischen Verhältnissen. Das wirkte sich auch auf die Autoren aus. Hesse ließ sich jedoch von Verboten wenig beeindrucken und schrieb das, was er schreiben wollte und steuerte teilweise bewusst dagegen. Neben einigen anderen Be- weggründen ist Siddhartha auch so ein Beispiel seiner Antihaltung gegen das damalige Regime. Es vermittelt im übertragenen Sinn die Flucht aus einem vorgegebenen Sys- tem, in welches man hineingeboren wird und dessen man sich in der jeweiligen Gesell- schaft fügen muss. Damit eine Flucht gelingt, bedient Hesse sich der indischen „Metho- den zur inneren Erlösungs- und Befreiungserfahrung und verbindet sie mit der […] neuzeitlichen Suche nach Befreiung des Individuums und Selbstverwirklichung, ohne den Zwängen [von] Normierung[en] unterworfen zu sein.“3

Das Buch selbst besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil umfasst die Kapitel, beziehungsweise die Lebensstufen Der Sohn des Brahmanen, Bei den Samanas, Gotama und Erwachen. Der zweite Teil Kamala, Bei den Kindermenschen, Sansara, Am Flus se, Der F ä hrmann, Der Sohn, Om und Govinda. Der inhaltliche Unterschied besteht darin, dass Siddhartha im ersten Teil immer auf der Suche nach der für ihn passenden Lehre ist und er sich ab Kamala auf seine eigene, innere Mitte konzentriert und anfängt, das Diesseits zu genießen. Denn durch die Begegnung mit Gotama, dem Buddha, kam er zu der Erkenntnis, dass keine Lehre, sondern nur er selbst es schaffen kann, zu seinem Innersten durchzudringen und Ruhe zu finden.

Eine Reise zu sich selbst ist kein altmodischer Vorgang, jeder einzelne Mensch durch- läuft im Laufe seines Lebens eine Zeit der Selbstfindung, manche bis zu ihrem Tod. Diese Tatsache führt dazu, dass jede Generation dieses Buch lesen kann als wäre es neu erschienen und man es in der Schule ab der Mittelstufe immer als Lektüre herneh- men kann. Das Geheimnis ist die Identifikation mit Siddhartha, die dabei eine große Rolle spielt. Ganz egal ob es ein Deutscher geschrieben hat oder die Geschichte in Indien stattfindet, weltweit finden sich die Leser darin wieder. Somit ist es allzu logisch, dass der Erfolg bis nach Amerika reichte und dort 1972 von Conrad Rooks verfilmt wurde. 1997 wurde er in Deutschland erstmals veröffentlicht und 2012 kam er sogar anlässlich des 50. Todestages Hermann Hesses in die deutschen Kinos.

Die Fragen, die in dieser Arbeit geklärt werden sollen, sind, warum der Bucherfolg auf sich warten ließ und somit Rooks Siddhartha erst 50 Jahre später verfilmt hat, welche Einflüsse auf Hesse und Rooks gewirkt haben und worin die inhaltlichen Unterschiede der beiden Medien bestehen.

2. Entstehung und Einordnung des Buches

Im Folgenden sollen die Hintergründe zu dem Roman erläutert und verschiedene Einordnungen getroffen werden. Zum einen eine Einordnung der Einflüsse der Figur Siddhartha in die Persönlichkeit Hesses, zum anderen eine Einordnung des Romans in die Literatur- und Gattungsgeschichte.

2.1 Zeitgeschichtliche und persönliche Einflüsse

Die Einflüsse, die auf Hesse wirkten, waren sehr vielfältig. Im Groben sind sie einzuteilen in Familie, Literatur, zeitgeschichtliche Geschehnisse und persönliche Erlebnisse und die Psychoanalyse durch Carl Gustav Jung, einem Schweizer Psychiater, und dessen Schüler J. B. Lang.

„Eltern und Großeltern Hesses waren Missionare in Indien gewesen, wo auch seine Mutter geboren wurde.“4 Da sie die indischen Kulturen mit nach Deutschland brachten, wächst Hesse damit auf. „Ja, meine Beziehungen zu Indien sind alt. Der Vater meiner Mutter sprach neun oder zehn indische Sprachen, lebte Jahrzehnte in Indien […], mei- ne Mutter war auch einen Teil ihres Lebens dort, sprach drei indische Sprachen, und auch mein Vater war kürzere Zeit in Indien als Missionar.“5 Umgeben von der indischen Kultur und den indischen Religionen, wächst Hesse jedoch streng protestantisch auf. Er ist von dem Protestantismus und von Reformationen allgemein nicht abgeneigt, lehnt sich aber relativ schnell gegen die Art und Weise des Auslebens und der Erziehung der Eltern auf. Vor allem wird ihm klar, dass ihm der Protestantismus nicht die Erklärungen liefern kann, die er sucht. „Schon früh hatte sich der Sohn aus der heimatlichen Sphäre pietistischer Religiosität emanzipiert [.]“6

Nachdem er in seiner Kindheit viel Zeit in der Bibliothek seines Großvaters mit dem Lesen indischer Bücher verbringt7, beschäftigt er sich nach und nach auch intensiver mit den indischen Religionen, Brahmanismus, beziehungsweise Hinduismus und Buddhismus. Er liest nicht nur, er rezensiert und übersetzt.8 Hesses Ziel war, die westlichen und östlichen Denkweisen miteinander zu verbinden und nicht mehr als Gegenpole dastehen zu lassen, zumindest in der Literatur.9

Im Dezember 1919 macht der Schriftsteller erste „Vorstudien und […] Notizen zum Siddhartha“10 und Anfang 1921 ist der erste Teil fertig. Nachdem der Schreibfluss An- fang 1921 stockt, nimmt er das Schreiben ein Jahr später, beeinflusst von Das Diony- sische Geheimnis (Oskar A. H Schmitz), dem Kamasutra11 und Die Reden Gotamo

12 Buddhos, wieder auf.

Über Das Dionysische Geheimnis von Schmitz schreibt er in sein Tagebuch Folgendes:

Ich las und war bald gefesselt und erstaunt durch das Problem: ein Geistiger, ge- wohnt frei und allein in edler abseitiger Genügsamkeit zu leben, erlebt den Krieg und wird an die allgemeine Dienstpflicht (die ich oft für die größte Barbarei Europas erklärt habe) erinnert, was auf ihn wirkt wie ein rotes Tuch. Er leidet schwer an der ‚Kasernenphobie‘, bald in Angst vor der Sklaverei, bald in Empörung und Auf- lehnung- Allmählich wird sein Leiden zur Neurose. Die Selbsterkenntnis und die Heilung dieser Kriegs-Neurose (ich habe sie selbst ganz ähnlich erlebt!) bildet den Inhalt des höchst interessanten Buches. Drei Faktoren bringen die Entwicklung des Helden zustande: das Erlebnis des Krieges, die Neurose selbst, die ihn darauf auf- merksam macht, wie schlecht er in die Welt paßt [sic]! - dann das Erwachen des Individuums, die aufdämmernde Selbsterkenntnis: ich bin ja Gott, ich bin ja Atman, mir kann ja nichts geschehen - und zuletzt das bewußte [sic] Studium des Bud- dhismus samt buddhistischen Übungen, wobei Schmitz aber einen europäischen, dionysischen Buddhismus erfindet. Und auch hier wieder etwas höchst Seltsames: was der Held des Schmitz’schen Buches als sein ‚dionysisches Geheimnis‘ erlebt, genau das wollte ich, wenn auch in völlig andrer Art und Form, in meinem ’Siddhartha’ darstellen [.]13

Im Frühjahr 1920 schon bittet er Conrad Haußmann um dessen Kamasutra.14 In Siddhartha ist der Einfluss dieses Lehrbuchs über die Liebeskunst klar zu erkennen. Im Kamasutra geht es rein um das Erlernen des Liebesaktes als Kunstfertigkeit und steht nicht in Verbindung mit Emotionen oder gar einer partnerschaftlichen Liebesbeziehung. Das ist im Roman auch nicht Siddharthas Ziel. Er möchte von der Lehrmeisterin Kamala ausschließlich den erotischen Akt erlernen.

Von Die Reden Gotamo Buddhos, der deutschen Übersetzung von Karl E. Neumann, ist Hesse ebenso sehr beeindruckt, besonders von der Sprache und der Metrik. Er übernimmt von dem Werk die meditative, sich wiederholende, gleichklingende Sprache, will einen „echten indischen Ton in deutscher Sprache“15.16

Persönlich kann Hesse Indien 1911 erleben. Drei Monate reist er quer durch das Land und nicht nur, weil er Eindrücke für einen subventionierenden Verleger gewinnen soll, sondern auch, weil er Antworten auf seine offen gebliebenen Fragen finden will. Er selbst glaubt an die Wiedergeburt, jedoch kann weder der Protestantismus noch die Li- teratur seinen Wissensdurst dahingehend stillen.17 Die „indische Wiedergeburtslehre“18 befriedigt ihn zunächst, aber bald ist er wieder auf der Suche nach sich selbst.

Die „Samanas haben eine erstaunliche Ähnlichkeit mit den Waldmenschen des Monte Verità, bei denen Hesse während einer seiner früheren Krisen leb[t], bis ihn der Fa- natismus dieser Rohköstler, Vegetarier und Veganer aller Couleur wieder in die Flucht trieb“19. In den Kriegsjahren, in denen er außer von viel körperlichem Leid auch von Spionage und vielen anderen psychischen Ungerechtigkeiten umgeben ist, verliert er sich komplett. „Die Erschütterung durch den Ersten Weltkrieg verband sich für Hesse mit einer persönlichen Lebenskrise, hervorgerufen durch den Tod seines Vaters und die beginnende Depressivität seiner Frau.“20 Ohnehin schon haltlos, werden ihm seine Schriften verboten und keine Leserschaft findet sich, die ihn versteht. Ihn nehmen die starken Diskrepanzen innerhalb der Politik stark mit und er beschäftigt sich mit der Lösungsfindung, beziehungsweise damit, das Volk zur Besinnung und zum Umdenken zu bewegen. ‚[U]nd wenn ich nun auch gar nicht zufrieden bin, so fühle ich doch, daß [sic] ich ein gewisses, indisch-meditatives Lebensideal darin neu für unsere Zeit formuliert habe.’21

Die für seine gesamten Lebenskrisen, nicht nur Schaffenskrisen, entscheidenden Pha- sen, sind die, in denen er ab 1916 psychotherapeutische Behandlungen bei dem Psychiaterschüler von Carl Gustav Jung22, J. B. Lang, und später Carl Gustav Jung selbst in Anspruch nimmt.23 „[E]ineinhalb Jahre lang [fährt er] einmal pro Woche von seinem Wohnsitz Bern nach Luzern […]. Auf diese Weise kommt es zu 72 dreistündigen, ana- lytischen Sitzungen, also zu über zweihundert Therapiestunden“24 bei J. B. Lang. Kur- ze Zeit später lernt Hesse Jung persönlich kennen und schätzen und möchte daher 1921, in der Zeit der Scheidung von seiner ersten Frau und der Siddhartha-Schaffens- krise, vom „Meister“ persönlich therapiert werden.25 Ab Demian sind Jesses Werke sehr stark von Jungs Psychoanalyse und seiner Lehre beeinflusst, wenn nicht sogar davon abhängig, wie Hesses Leben im Allgemeinen. Auch in Bezug auf die Abna- belung der elterlichen Religionsauslegung hin zu einer freien, unvoreingenommenen Sicht auf alle Religionen, fungiert Jung als eine Art Motivator.26 Hier kann man die Beziehung zwischen Vasudeva und Siddhartha mit der von Jung und Hesse verglei- chen. Jung und Vasudeva verhelfen Hesse und Siddhartha dazu, ihre innersten, teil- weise unbewussten Ziele zu erreichen. Letztendlich sind Vasudeva und Siddhartha diejenigen, „die das Ziel der vollkommenen Selbstwerdung nach Jung erreichen.“27 Ab 1917 fließen alle Möglichen Erfahrungen und Erkenntnisse der Begegnungen und Mei- nungen Jungs in seine Werke ein, unter anderem die Archetypenlehre und Motive Jungs. „Jungs Archetypenlehre spielt […] eine zentrale Rolle in der Figurengestaltung von Hesses mittlerem und spätem Prosawerk. Hesses Helden sind im allgemeinen Typen - genauer: Archetypen -, weniger Charaktere.28 Eine Motivübernahme stellt beispielsweise die „Flußquerung [sic] [dar][,] als Symbol eines Wandels der Persön- lichkeit im Siddhartha“29.

[...]


1 Vgl. Cornelia Blasberg: Hermann Hesse. 1877-1962-2002. Tübingen: Attempto 2003, S. 48.

2 Blasberg 2003, S.48.

3 Ebd. S. 66.

4 Volker Michels: Materialien zu Hermann Hesses "Siddhartha". Texte / von Hermann Hesse. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1986, S. 43.

5 Michels 1986: Aus einem Brief Hesses vom 10. Februar 1921 an Lisa Wenger, S. 116.

6 Ebd., S. 43.

7 Vgl. ebd., S. 116.

8 Vgl. Blasberg 2003, S. 45.

9 Vgl. Michels 1986, S. 44.

10 Ebd., S. 35.

11 Gaienhofener Exemplar von Conrad Haußmann.

12 Dreibändig übersetzt von Karl Eugen Neumann 1918.

13 Michels 1986, S. 30.

14 Ebd., S. 35.

15 Martin Kämpchen 2002: Zwischen Upanishaden und Kamasutra. Zu Hermann Hesses „Siddhartha“ vor dem Hintergrund der indischen Philosophie, http://www.martin-kaempchen.de/?page_id=298

16 Vgl. ebd.

17 Vgl. Michels 1986, S. 44 f.

18 Ebd., S. 45.

19 Gunnar Decker: Hermann Hesse. Der Wanderer und sein Schatten. Biographie. München: Carl Hanser Verlag 2012, S. 369.

20 Michael Limberg: Hermann Hesse. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005, S. 76.

21 Decker 2012, S. 398.

22 Selbst Schüler von S. Freud und Anhänger seiner Psychologie des Unbewussten und seiner Typenlehre

23 Vgl. Günther Baumann 2002: „Es geht bis aufs Blut und tut weh. Aber es fördert…“. Hermann Hesse und die Psychologie C. G. Jungs. Vortrag auf dem 9. Internationalen Hesse-Kolloquium in Calw 1997), https://www.hermann-hesse.de/files/pdfs/de_lebenskrise.pdf ,S. 1.

24 Ebd., S.1.

25 Vgl. ebd., S.1.

26 Vgl. ebd., S. 3.

27 Ebd., S. 5.

28 Ebd.

29 Ebd. 7

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Siddhartha. Ein intermedialer Vergleich
Untertitel
Romanvorlage (Hermann Hesse) und filmische Adaption (Conrad Rooks)
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V434756
ISBN (eBook)
9783668762633
ISBN (Buch)
9783668762640
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
siddhartha, vergleich, romanvorlage, hermann, hesse, adaption, conrad, rooks
Arbeit zitieren
Sarah Holendung (Autor), 2017, Siddhartha. Ein intermedialer Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434756

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