Im Mittelalter waren die meisten Menschen Analphabeten, auch viele Adlige. Das bedeutete, dass die Menschen ihren Wissensdurst nur durch mündliche Überlieferungen stillen konnten und abhängig von Boten waren. Dabei konnte durch Mundpropaganda jeder ein Bote sein, Gedichte und Lieder wurden meist von Minnesängern oder Spielleuten übermittelt. Die Gedichte, beziehungsweise die Märendichtung, ist neben der höfischen Epik und der Heldenepik die wichtigste literarische Einheit ab dem Hochmittel-alter (ab ca. 1170). Laut dem bedeutenden Tübinger Mediävisten Hanns Fischer zeichnet sich das Maere formal durch seine paarweise gereimten, viertaktischen Verse (500-2000) aus.
In dieser Arbeit geht es zum einen um die Typisierung der Kurzerzählungen und zum anderen um das Verständnis der Minne innerhalb der Texte. Zuerst sollen neben dem Begriff minne noch weitere grundlegende Begriffe geklärt werden. Anhand der Begriffsdefinitionen und der Analyse der Texte „Das Häslein" und „Des Mönches Not“ soll dann herausgestellt werden, ob es sich dabei um schwankhafte Märe handelt und wie der Minnebegiff innerhalb der Texte eingesetzt und vom Personal verstanden wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begrifflichkeiten
3. „Das Häslein“ - Minne-Begriff und Gattung
3.1 Minne-Verständnis des Personals
3.2 Minne-Symbolik im „Häslein“
3.3 Gattung und Ergebnis
4. „Des Mönches Not“ - Minne-Begriff und Gattung
4.1 Minne-Verständnis des Personals
4.2 Minne-Symbolik in „Des Mönches Not“
4.3 Gattung und Ergebnis
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die beiden mittelalterlichen Kurzerzählungen „Das Häslein“ und „Des Mönches Not“ hinsichtlich ihrer literarischen Gattungszugehörigkeit sowie der jeweiligen Darstellung und des Verständnisses des Minne-Begriffs durch das Personal.
- Typisierung der Kurzerzählungen als schwankhafte Märendichtung
- Analyse des Minne-Begriffs und dessen Differenzierung in hohe und niedere Minne
- Untersuchung der Minne-Symbolik, insbesondere des Hasen als Motiv
- Vergleich der Rollenbilder und des Verhaltens von Personal in unterschiedlichen Ständen
- Darstellung von Moralverstößen und deren komische Aufarbeitung im Kontext des Schwanks
Auszug aus dem Buch
3.1 Minne-Verständnis des Personals
Bei dieser Kurzerzählung gehören zum Personal natürlich der ritter und die maget, aber auch ihre muoter und seine vriunde. Der ritter ist typischerweise als wîse und staete (V. 44, 406) dargestellt. Wîse ist der ritter, da er weiß, was minne ist und wie er geschickt durch das heselîn und die Naivität und Unwissenheit der maget an deren minne (im sexuellen Sinne) kommt. Er befindet sich auf seiner âventiure-Reise (V. 263; Erntezeit) und daher nicht auf der Suche nach der beständigen Partnerschaft, sondern nach sexuellen Abenteuern. „[S]în herze staete“ (V. 44) gibt ihm den Rat, ein wunderschönes Mädchen aufzusuchen, „diu ime lange was versaget“ (V. 46). Hier erfährt das Publikum, dass der ritter die maget längst kannte, sie ihn aber bisher immer verschmähte.
Mit dem heselîn scheint er überzeugt zu sein, diesmal ihre minne zu bekommen. Aber nicht nur die âventiure-Reise ist Kennzeichen für seine rein sexuelle Auslegung der minne, sondern auch die Tatsache, dass es sich dabei um einen wehselkouf (V. 397) handelt und Gott indirekt seinen sexuellen Trieb auslöst. Ob man nun das Tauschgeschäft als Ware gegen Ware oder Ware gegen minne (hier: Jungfräulichkeit) bezeichnet, es bleibt ein Geschäft. Der selbstbewusste ritter bezeichnet es sogar selbst als kouf (vgl. V. 76, 102). Weitere vier Mal wird der kouf von der maget (vgl. V. 88, 99, 230, 233) und stolze sieben Mal vom Erzähler erwähnt (vgl. V. 217, 347, 353, 395, 397, 433, 477).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Bedeutung von Wissen im Mittelalter dar und führt in die Gattung der Märendichtung sowie die Zielsetzung der Arbeit ein.
2. Begrifflichkeiten: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Gattung Maere nach Hanns Fischer und der komplexe Begriff der Minne definiert.
3. „Das Häslein“ - Minne-Begriff und Gattung: Dieses Kapitel analysiert das Minne-Verständnis der Figuren und die Symbolik des Hasen in der Erzählung „Das Häslein“.
4. „Des Mönches Not“ - Minne-Begriff und Gattung: Das Kapitel untersucht die Minne-Auffassung und Symbolik in „Des Mönches Not“ unter Berücksichtigung der spezifischen Schwankelemente.
5. Fazit: Das Fazit bestätigt die These, dass beide Werke als schwankhafte Maeren einzuordnen sind und vergleicht ihre strukturellen und inhaltlichen Gemeinsamkeiten.
Schlüsselwörter
Märendichtung, schwankhaftes Maere, Minne, höfische Liebe, niedere Minne, ritterliche Aventiure, Minnekauf, Ehebruch, Naivität, Schwankkomik, Symbolik, Mittelalter, Klaus Grubmüller, Hanns Fischer, Erzählstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert zwei mittelalterliche Kurzerzählungen, „Das Häslein“ und „Des Mönches Not“, um deren literarische Einordnung und das Minne-Verständnis der handelnden Figuren zu ergründen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Gattungstypologie des Maeres, die Abgrenzung zwischen hoher und niederer Minne sowie die Rolle von Symbolik und komischen Elementen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu untersuchen, ob beide Texte als schwankhafte Maeren klassifiziert werden können und wie die Figuren das Konzept der Minne interpretieren und anwenden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, basierend auf der Typeneinteilung nach Hanns Fischer, sowie auf den Vergleich von Inhalten und Strukturen der Primärquellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Begriffsdefinitionen geklärt, die beiden Texte detailliert auf ihr Minne-Verständnis und ihre Symbolik hin untersucht und anschließend eine Gattungsanalyse durchgeführt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören unter anderem Märendichtung, schwankhaftes Maere, Minne, Minnekauf, Symbolik und die spezifische Analyse des Personals.
Warum wird das Symbol des Hasen in beiden Erzählungen thematisiert?
Der Hase dient in beiden Erzählungen als Symbol für sexuelle Triebhaftigkeit, Unkeuschheit und eine rasch verstreichende Zeit, weshalb sein Vorkommen ein zentrales interpretatives Element darstellt.
Welche Rolle spielt die Naivität der Figuren für die Komik des Schwanks?
Die erotische Naivität der Protagonisten ist der Auslöser für den Spott und die komischen Situationen, da sie von erfahreneren Figuren ausgenutzt werden und so die typischen Schwank-Muster bedienen.
Wie unterscheidet sich das Minne-Verständnis zwischen dem Ritter und dem Mönch?
Der Ritter nutzt die Minne gezielt für sexuelle Abenteuer, während der Mönch aufgrund seiner Weltfremdheit und seines Zölibats völlig ahnungslos gegenüber dem körperlichen Aspekt der Minne bleibt.
- Arbeit zitieren
- Sarah Holendung (Autor:in), 2017, Literarische Einordnung der mittelalterlichen Kurzerzählungen "Das Häslein" und "Des Mönches Not". Welches Verständnis der Minne zeigt das Personal?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434759