Drei spätmittelalterliche Fassungen des Nibelungenliedes

Die Handschriften b, k und n im Überblick und Vergleich


Akademische Arbeit, 2018
40 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Die spätmittelalterlichen Handschriften

Handschrift b, Hundeshagenscher Kodex

Handschrift k, Piaristenhandschrift

Handschrift n, Günderrode 3740

Die „Pulververschwörung“ in den Handschriften b und n

Quellenverzeichnis

Vorwort

Die spätmittelalterlichen Handschriften des Nibelungenlieds fanden in der Vergangenheit in Fachkreisen wenig Beachtung bzw. Anerkennung, handelte es sich doch um Bearbeitungen, von denen kein ernsthafter Beitrag zur Text- und Provenienzforschung des Nibelungenlieds zu erwarten war. Diese negative Bewertung hat sich mittlerweile grundlegend geändert, insbesondere aus Sicht der Rezeptionsgeschichte des Nibelungenlieds im Mittelalter. Bezeichnete beispielsweise Adolf Holtzmann 1859 die Piaristen-Handschrift (Hs. k) noch als ein „Werk der Unwissenheit und Geschmacklosigkeit“, so urteilt Joachim Heinzle 2003 über dieselbe Handschrift, dass ihre „sprachlich-stilistische Anpassung an den spezifischen Publikumsgeschmack des Spätmittelalters von eindrucksvoller Konsequenz“ sei. Die spätmittelalterlichen Fassungen können daher der Forschung auch als Quelle für den Zeitgeist des sinkenden Mittelalters dienen.

Die vorliegende Übersicht über die „Leithandschriften“ b, k und n des Spätmittelalters soll nicht nur Informationscharakter haben sondern auch zu weiterer Beschäftigung mit diesen Fassungen anregen.

Einleitung

Von den derzeit bekannten 36 (37) Handschriften des Nibelungenlieds entfallen neun Handschriften auf das 15. und 16. Jahrhundert, also auf das Spätmittelalter. Drei dieser Handschriften können als spezielle, zeitbezogene Bearbeitungen oder Fassungen (es bleibt strittig, welcher Terminus zutreffend ist) des Nibelungenlieds angesehen werden, nämlich die Handschriften b, k und n. Jede dieser drei Handschriften passt sich dem Zeitgeschmack des Spätmittelalters auf eine andere Weise an: Die Handschrift b ist als einzige Nibelungenlied-Handschrift durchgehend bebildert, während die Handschrift k das staufische Mittelhochdeutsch durch eine spätmittelalterliche Volkssprache ersetzt und mit textlichen Bearbeitungen ergänzt. Die Handschrift n stellt dagegen eine weitgehend freie stoffliche Umarbeitung des Nibelungenlieds dar. Das 15. Jahrhundert, in welches das Spätmittelalter fällt, wird nicht zu Unrecht als „das Zeitalter der Übersetzungen, Bearbeitungen, Adaptionen“ bezeichnet, denn es handelt sich ja um den Zeitraum, in dem die Volksprachen neben dem Lateinischen die Schriftkultur mitbestimmen.

Nach einer Übersicht über die drei spätmittelalterlichen Handschriften wird auf deren besondere Abweichungen vom Inhalt der Haupthandschriften A, B und C eingegangen.

Das Nibelungenlied besteht in der Regel aus 39 Kapiteln, den „Aventiuren“, was sich mit „Abenteuer“ übersetzen ließe. Da „Abenteuer“ aber für den Inhalt meist nicht zutreffen ist, wird hier weiterhin der Ausdruck „Aventiure“ in seiner originalen Schreibweise verwendet.

Die spätmittelalterlichen Handschriften

Die Textzeugen des Nibelungenlieds (vollständige Handschriften und Fragmente) verteilen sich auf die Entstehungs-Zeiträume wie folgt (vgl. http://www.handschriftencensus.de):

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Die Anzahl der Textzeugen im 15. Jahrhundert wird manchmal auch mit 7 angegeben, abhängig davon ob die Hs. c mitgezählt wird oder nicht.

Die vorstehende zeitliche Verteilung sowie der Umstand, dass das Nibelungenlied im Mittelalter nie gedruckt wurde, lassen den Schluss zu, dass man im Spätmittelalter mit „der Art der Gestaltung der feudalen Welt, wie sie im Nibelungenlied vorliegt, nicht mehr allzu viel anzufangen vermochte.“ (Göhler 1995: 70) Grundsätzlich lässt sich zwischen zwei Literaturströmungen im Mittelalter unterscheiden: der höfischen Dichtung und dem Heldenepos. Erstere „sollte zugleich ein idealer Spiegel höfischen Daseins sein, das in Botenempfang, Fest, Wappnung, Turnier wichtige zuständliche Momente besaß.“ (Brinkmann 1928: 178f.) Das Nibelungenlied fußt allerdings auf beiden Gattungen. Für eine solche Vermischung von Heldenepos und höfischer Epik prägte Elisabeth Lienert den Begriff einer „hybriden Heldendichtung“. (Lienert 2015: 13) Das Nibelungenlied verkörpert die hybride Heldendichtung in beispielhafter Weise.

Es verbindet den heroischen Stoff, die heldenepische Untergangsstruktur, heldenepische Motive wie Rache und Gewalteskalation, heroische Heldenkonzeptionen mit höfischen Festen, höfischer Etikette und höfischen Prunkgewändern, mit einigen höfisierten Figuren und insbesondere mit der höfischen Konzeptualisierung der Liebe. (ebd.: 14)

Spätmittelalterliche Leser, die größere Vorliebe für die Heldendichtung als für höfisches Leben zeigten, konnten an einem hybriden Epos wahrscheinlich keinen wahren Gefallen finden. Von „Lesern“ kann man im Spätmittelalter durchaus sprechen im Gegensatz zu der weitgehend illiteralen staufischen Zeit, in der das Nibelungenlied entstand.

Am meisten überrascht wohl, dass das Nibelungenlied, das nur bedingt höfischer Dichtung zuzuzählen ist, keinen Drucker gefunden hat. […] Einer der Kodizes, die sogenannte „Piaristen-Handschrift“, bringt den Text in einer Umbearbeitung, die in ihrer sprachlichen Form einem mit dem Hochmittelalterlichen nicht mehr so vertrauten Publikum entgegenkam. […] Vielleicht sind dafür [dass das Nibelungenlied nie gedruckt wurde, d. Verf.] Gründe darin zu finden, dass einerseits eine Reihe von Liedern über Siegfried, Kriemhild, die Burgunderkönige, Etzel und andere Personen aus diesem Umkreis im Volk lebendig war und daher kaum „Bedarf“ nach einem gedruckten Buch von Siegfried und den Nibelungen bestand und dass andererseits die höfische Fassung des Nibelungenlieds als fremder empfunden wurde, weil sie formal und inhaltlich zum Teil anderes als die weithin bekannten Lieder um Siegfried und die Burgunderkönige brachte. (Koppitz 1980: 125)

Aber vielleicht waren einfach nicht schnell genug alle gewünschten Werke als Druckausgabe verfügbar, so dass schon deshalb noch viele Jahre nach Einführung der Drucktechnik weiterhin Bücher abgeschrieben wurden. (vgl. ebd.: 63)

Doch nicht nur das Nibelungenlied, das, wie die Anzahl der Textzeugnisse zeigt, im Mittelalter offenkundig einen hohen Bekanntheitsgrad hatte, wurde nie gedruckt, sondern das Gleiche traf auch auf andere, damals verbreitete, mittelalterlichen Handschriften zu. Ein Beispiel dafür ist „Iwein“ von Hartmann von Aue, von dem mindestens sechs geschriebene Ausgaben aus den 60er-Jahren des 15. Jahrhunderts oder später erhalten sind, jedoch keine gedruckte Ausgabe. (vgl. ebd.: 126f.)

Die spätmittelalterlichen Handschriften des 15. und 16. Jahrhunderts sind in nachfolgender Tabelle in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet (keine chronologische Reihenfolge, da die Handschriftensiglen nach unterschiedlichen Gesichtspunkten vergeben wurden).

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Anm.: Die Buchstaben e und f dienten früher zur Bezeichnung der Blätter der Hs. L.

Die Hss. l und m werden dem 14. Jh. zugerechnet und sind deshalb nicht aufgelistet.

Im Folgenden wird erläutert, nach welchen Kriterien die Auswahl der hier näher behandelten drei zeitgenössischen Fassungen erfolgte.

Bereits 1855 schrieb Friedrich Heinrich von der Hagen (1855: 2) über die Handschrift a: „Die gegenwärtig gebotene Vergleichung ergibt nun aber, dass diese Handschrift […] mit der Hohenems-Laßbergischen Handschrift [Handschrift C, d. Verf.] übereinstimmt, so dass sie fast eine Abschrift davon sein könnte“. Wilhelm Braune (1900: 21) zeigt, dass die Hss. a und C von einer gemeinsamen *C-Redaktion abstimmen würden. Bei Hs. a fehlen die ersten fünf Aventüren, an deren Stelle eine reichlich kuriose Einleitung steht. Eine vollständige Transkription dieser Einleitung siehe unten. Tatsache ist, dass ab Aventüre 6 die Hss. a und C inhaltlich weitestgehend übereinstimmen. Die durch Blattverlust bei Hs. C fehlenden Strophen konnten daher durch Hs. a ergänzt werden.

Die Hs. a kann somit nicht zu einer speziellen spätmittelalterlichen Fassung gezählt werden, wenn man von der hier folgenden Einleitung absieht.

Da mann tzalt vonn ckrist gepurde Sibenn Hunndertt Jar darnach Inn dem Vietzistenn iar Da was Pipanus vonn Frannkchreich romischer Augostus der Hueb Sich ze Ram vnd satztt Sich genn ckostanntinapell vonn ungehorsam der Römär vnd verswuer das er nimer mer dar chäm Auch Satztt er zee vogt ann seiner statt Herdietreich chunig zw gottlanntt denn Mann die tzeit nennt Herdietreich vonn pernn Pey denn tzeit ẽ lebt der Weis römer Boetzius denn Herdietreich vieng vmb das daz er die Romär vast vor Im frist mit seiner weishaitt vnd lag geuange vnntz ann seinenn tod Pein Herdietrichs tzeitten dez Romischenn vogtz vergienng sich die auennteur dez pueches vonn denn Rekchenn vnd vonn Kreymhilldenn. (Bartsch 1870: XII, mit geringfügigen Änderungen durch den Verfasser des vorliegenden Beitrags nach einem Vergleich mit dem Original)

Der mit „auennteur“ beginnende Schluss des letzten Satzes stellt praktisch eine Überschrift des nachfolgenden Nibelungenlieds dar, dessen eigentlicher Text mit der Aventiure 6 (Strophe 329, Hs. C) beginnt. Auf Grund von fehlender Interpunktion, willkürlicher Groß- und Kleinschreibung der Anfangsbuchstaben, beliebigem Vertauschen von „v“ und „u“ und einer „äußerst nachlässigen“ Schrift (Bartsch ebd.) ist es sehr schwierig, den Text zu verstehen. Von der Hagens Beschreibung der Einleitung bietet dessen bestmögliche Interpretation:

Im Jahr 742 war „Pipanus“ [Pipin, d.Verf.] von Frankreich Kaiser, [der] wegen Ungehorsams der Römer von Rom nach Konstantinopel übersiedelte, und den Dietrich von Bern, welcher den weisen Boëthius bis zum Tode gefangen hielt, zum Römischen Vogt setzte: damals erging „die Abenteure des Buches von den Recken und von Chriemhilden“.

Dieser aus alten Zeitbüchern abenteuerlich verworrenen Zeitbestimmung […], welche Pipin mit Dietrich von Bern zusammen bringt, folgt nun gleich der Anfang der sechsten Abenteure […]. (Hagen 1855: 2)

Die Handschrift b (Hundeshagenscher Kodex) stellt die einzige bebilderte, vollständige Fassung des Nibelungenlieds dar. Auch heutzutage ist es eine gängige Maßnahme, das Interesse an einem geschriebenen Text durch Bebilderung anzuregen. Die Hs. b, die in einer zeitgemäßen Sprache abgefasst ist, kann mit Recht als volkstümliche Ausgabe bezeichnet werden.

Die Handschrift c gilt als verschollen und kann deshalb keine Berücksichtigung finden.

Die Handschrift d ist die einzige existierende Handschrift aus dem 16. Jahrhundert. Sie stellt keine Gebrauchsfassung dar, sondern eine Prachtausgabe, die im Auftrag des Kaisers Maximilian I. verfasst wurde, welcher wegen seiner Vorliebe für das Turnierwesen auch „Der letzte Ritter“ genannt wurde. Zu einer Zeit, in der schon längst auf Papier geschrieben und gedruckt wurde und sich der Kaiser selbst für den Buchdruck begeisterte, wurde für die Hs. d das teure Pergament verwendet. Dies ist ein Beleg dafür, dass es sich hier um eine dekorative Ausgabe des Nibelungenlieds handelt. Obwohl im 16. Jahrhundert hergestellt, handelt es sich nicht um eine Fassung jenes Jahrhunderts, und fällt daher nicht unter die Gruppe der hier zu betrachtenden volksnahen Bearbeitungen. Die Hs. d ist Bestandteil des sog. „Ambraser Heldenbuchs“, an dem der Südtiroler Hans Ried mehr als zehn Jahre lang gearbeitet hatte, nämlich von 1504 bis 1515 (oder 1515). (vgl. Heinzle et al. 2003: 205)

Bei den Handschriften g und i handelt es sich um Fragmente mit begrenzter Aussagekraft und sie können hier nicht berücksichtigt werden.

Die Handschrift h ist eine direkte Abschrift der Handschrift I (J). (vgl. Kofler 2011:19) Sie ist inhaltlich und sprachlich daher dem Zeitraum um 1300 zuzuordnen, also der Entstehungszeit der Hs. I (J). Die Hs. h kann daher nicht als spätmittelalterliche Fassung gelten.

Mit der Handschrift k liegt eine Fassung des Nibelungenlieds vor, mit der in Sprache, Metrik und Inhalt dem Zeitgeschmack gefolgt wurde. Sie kann als Versuch dafür gelten, eine „Populärausgabe“ des 15. Jahrhunderts zu realisieren.

Die Handschrift n geht im Vergleich zur Hs. k noch einen Schritt weiter, indem sie zusätzlich verkürzt und damit noch „lesbarer“ gemacht wurde. Sie ist eine echte volkstümliche Ausgabe.

Somit erfüllen drei der neun spätmittelalterlichen Fassungen des Nibelungenlieds die Voraussetzungen für eine Populärausgabe, nämlich:

- Handschrift b (Hundeshagenscher Kodex), Staatsbibliothek Berlin, mgf 681
- Handschrift k (Piaristenhandschrift, Lienhart Scheubels Heldenbuch), Österreichische

Nationalbibliothek Wien, Codex 15478

- Handschrift n (Günderrode 3740), Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, Hs. 3249

Bei Einteilung der Handschriften in Gruppen wird Hs. b der Mischredaktion *D bzw. *Db zugeordnet, während die Hss. k und n als selbständige Sonderredaktionen gelten, aber eigentlich auch Mischredaktionen darstellen. (vgl. Kofler 2011: 9) Unter „Mischredaktion *D/*Db“, zu der die Handschriften D, b, N, P, S, V und AA gerechnet werden (Kofler 2012: 9), versteht man Handschriften, die anfangs aus der Fassung *C (bis Strophe C270) bestehen, danach aus der Fassung *B.

Die Hs. b entstand vor den Hss. k und n, wobei Hs. n vor (oder zur gleichen Zeit mit) Hs. k niedergeschrieben wurde.

Die Eigenschaften der drei Handschriften sind in nachfolgender Tabelle zusammengefasst.

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

[1] Eser (2015) [2] Keller (1879) [3] Vorderstemann (2000)

Abmessungen und Dialekte aus (Klein 2003: 229 bis 234)

Zum Vergleich seien hier die heutigen Papier- und Buchmaße genannt:

Das gängige DIN A4-Blatt hat die Abmessungen 297 x 210 mm und liegt somit nahe bei der Hs. b. Die Hs. k entspricht praktisch dem (Buch-)Format A5 mit 210 x 148 mm. Nur die Hs. n schert aus den heute üblichen Formaten aus. Sie könnte als Quart-Band bezeichnet werden.

Gertraud de Crignis hat ihrer Dissertation 1950 den Titel „Ein bürgerliches Nibelungenlied“ verliehen und die Hs. k als „bürgerliche Fassung des Epos aus dem 15. Jahrhundert“ bezeichnet. (Crignis 1950, o. S.) Die Bezeichnung „bürgerlich“ blieb nicht unumstritten, denn ein Bürgertum im heutigen Sinn existierte im Spätmittelalter noch gar nicht. Beschränkt man die Definition von de Crignis auf das damalige Stadtbürgertum, welches über entsprechende Bildung verfügte, so lässt sich der Begriff „bürgerlich“ durchaus rechtfertigen. So wurden die Hss. b und k sogar mit großer Wahrscheinlichkeit von Stadtbürgern in Auftrag gegeben. Xenja von Ertzdorff lehnt jedoch „bürgerlich“ im Zusammenhang mit dem Nibelungenlied grundsätzlich ab, weil im Spätmittelalter „ein bürgerlicher Geschmack überhaupt nicht bestünde“. (vgl. Ertzdorff 1972: 33) Darauf weist auch Werner Hoffmann wie folgt hin: „Das Stadtbürgertum orientierte sich an den Gewohnheiten des Adels, deshalb gab es keinen Unterschied zwischen literarischem Geschmack und literarischen Vorlieben von Adel und Bürgertum.“ (Hoffmann 1979: 140) Da einige Eigentümlichkeiten [der Hs. k, d. Verf.] „typisch bürgerlich sein würden“ lehnt er den Begriff „bürgerliches Nibelungenlied“ nicht grundsätzlich ab, verwendet aber stattdessen den neutralen Begriff „spätmittelalterliche Bearbeitung“. (ebd.: 130 und 141f)

Im vorliegenden Beitrag wird als Oberbegriff „Populärausgabe“ vorgeschlagen, mit dem der Bezug auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe vermieden wird. Hugo Kuhn (1980: 79) spricht in einem ähnlichen Kontext von einer „volkssprachlichen Popularisierung“ der Schriftüberlieferung. In diesem Zusammenhang empfiehlt sich ein Blick auf das Publikum, das im ausgehenden Mittelalter zu Lesern von Handschriften und frühen Drucken wurde. Es war dies zunächst nach wie vor der (betuchte) Adel, der auch als Gönner und Auftraggeber mittelhochdeutscher Dichter auftrat, weil dies vorrangig eine Frage der Kosten war. Aber auch das aufstrebende Stadtbürgertum verfügte mehr und mehr über Mittel, Handschriften zu bestellen oder zu erwerben. Wir sprechen hier vorzugsweise von Kaufleuten, wie zum Beispiel den Fuggern oder anderen Augsburger Handelsfamilien. Handwerker, wenn auch in geringer Zahl, können ebenfalls dazu gezählt werden, zumal diese wie die Kaufleute keine Analphabeten mehr sein durften, wenn sie ihren Beruf richtig ausüben wollten. (vgl. Koppitz 1980: 65) Folgerichtig lassen sich bei drei spätmittelalterlichen Handschriften anhand von Eintragungen nichtadelige Vorbesitzer feststellen, nämlich bei den Hss. a, b und k. Werner Fechter führt zahlreiche Belege dafür an, dass nichtadelige Bürger Handschriften und Drucke besaßen, wobei es nicht selten - aber nicht ausschließlich - darum ging, es dem Adel in jeder Hinsicht gleich zu tun, also auch eine Bibliothek vorweisen zu können. Dabei scheint es hinsichtlich der literarischen Vorlieben des Publikums keine gesellschaftlichen Grenzen zu geben. Die Kosten der Literatur hatten damals offenbar wenig oder gar keinen Einfluss auf den Erwerb literarischer Werke. In den Bibliotheken von sowohl adeligen als auch nichtadeligen Kreisen befanden sich gleichermaßen Handschriften wie auch die billigeren Frühdrucke. (vgl. Fechter 1935: 53, 58f. und 67) Dies lässt den Schluss zu, dass das literarische Interesse an Druckwerken und Handschriften größer war als nur das Streben nach einer repräsentativen Zur-Schau-Stellung von Literatur.

Ein auffallender Unterschied zwischen den spätmittelalterlichen Handschriften des Nibelungenlieds (erkennbar an den Siglen mit Kleinbuchstaben) und dessen älteren Handschriften aus dem 13. und 14. Jahrhundert (Siglen mit Großbuchstaben) ist das Vorhandensein von Überschriften. Sofern von ersteren der Anfang erhalten ist, weisen sie nämlich eine Überschrift bzw. einen Titel auf, woraus Lothar Voetz schließt, dass dies für alle spätmittelalterlichen Handschriften zutreffe könne. (Voetz 2003: 288f.) In der nachfolgenden Tabelle sind alle Überschriften aufgelistet.

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

(vgl. Voetz 2003: 288f.)

Die Hs. k, welche aus zwei Teilen besteht, hat deshalb sogar zwei Überschriften - für jeden Teil eine. Überschriften oder Titel bzw. Titelblätter waren zu jener Zeit nicht allgemein üblich und deshalb auch nicht zu Beginn des Buchdruckes. „Es dauerte einige Jahre, bis der erste mittelalterliche deutsche Roman mit einem Titelblatt 1481 in Augsburg erschien“. (Koppitz 1980: 192)

Abgesehen von Hs. C nehmen alle Überschriften Bezug auf Kriemhild, der Hauptperson des Nibelungenlieds, wobei die Überschrift von Hs. D „mit ziemlicher Sicherheit nachgetragen wurde.“ (Kofler 2012: 17) Auch Johann Jakob Bodmer gab 1757 der ersten neuzeitlichen Ausgabe des Nibelungenlieds, die nur aus dem zweiten Teil (Burgunderuntergang) und der Klage bestand, den Titel „Chriemhilden Rache und die Klage“. (Schöffl 2014: 31) Der allgemein bekannte Titel „Nibelungenlied“ ist ein späterer, neuzeitlicher Name.

[...]

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Drei spätmittelalterliche Fassungen des Nibelungenliedes
Untertitel
Die Handschriften b, k und n im Überblick und Vergleich
Autor
Jahr
2018
Seiten
40
Katalognummer
V434768
ISBN (eBook)
9783668764880
ISBN (Buch)
9783668764897
Dateigröße
660 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungenlied, Spätmittelalter, Handschrift b, Handschrift k, Handschrift n
Arbeit zitieren
Rainer Schoeffl (Autor), 2018, Drei spätmittelalterliche Fassungen des Nibelungenliedes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434768

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