Ist Wahl gleich Wahl? Eine qualitative Untersuchung zu Wahlverhalten und politischer Information im "Superwahljahr" 2009 in Thüringen


Masterarbeit, 2011
200 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen des Wahlverhaltens
2.1. Ansätze zur Erklärung des Wahlverhaltens
2.1.1. Der soziologische Ansatz
2.1.2. Der sozialpsychologische Ansatz
2.1.3. Der Rational-Choice-Ansatz
2.1.4. Diskussion der Ansätze
2.2. Theoretisches Erklärungsmodell des Wahlverhaltens
2.3. Einflussfaktoren der Wahlentscheidung
2.3.1. Soziales Umfeld und persönliche Lebenswirklichkeit
2.3.2. Ideologien und Werte
2.3.3. Parteiidentifikation
2.3.4. Allgemeine politische Lage und aktuelle Ereignisse
2.3.5. Öffentliche Meinung
2.3.6. Koalitionsorientierung und taktisches Wahlverhalten
2.3.7. Kandidatenorientierung
2.3.8. Themenorientierung
2.4. Der Einfluss kommunikativer Elemente auf das Wahlverhalten
2.4.1. Wirkungen der massenmedialen Kommunikation
2.4.1.1. Massenmedien und Themenorientierung
2.4.1.2. Massenmedien und Kandidatenorientierung
2.4.1.3. Massenmedien und Wirkungen auf langfristige Vorstellungen
2.4.2. Wahlwerbung und Wahlverhalten
2.4.3. Interpersonale Kommunikation und Wahlverhalten

3. Wahlverhalten im Mehrebenensystem
3.1. Vorbemerkungen: Wahlen im Mehrebenensystem – unterschiedliche Rahmenbedingungen und Interdependenzen
3.2. Theoretische Grundlagen der Einflussbeziehungen zwischen politischen Ebenen und Wahlen
3.2.1. Wahlzyklus-Ansätze
3.2.2. Der Second-Order-Election-Ansatz
3.2.3. Diskussion der Ansätze
3.3. Wahlspezifische Betrachtung der Einflussbeziehungen zwischen Haupt- und Nebenwahlen
3.3.1. Kritische Vorbemerkung: Wahlstudien mit Aggregatdaten
3.3.2. Einflüsse auf das Wahlverhalten bei Europawahlen
3.3.3. Einflüsse auf das Wahlverhalten bei Landtagswahlen
3.3.3.1. Studien auf der Basis von Aggregatdaten
3.3.3.2. Studien auf der Basis von Individualdaten
3.3.3.3. Landes- und wahlspezifische Einflussfaktoren auf das Landtagswahlverhalten
3.3.4. Einflüsse auf das Wahlverhalten bei Kommunalwahlen
3.4. Fazit: Modell zur Beschreibung ebenenspezifischer und ebenen- übergreifender Einflüsse auf das Wahlverhalten

4. Kontext der Untersuchung: Das Wahljahr 2009
4.1. Der Ablauf des Wahljahres 2009 in Thüringen
4.2. Die Europawahl
4.3. Die Kommunalwahl
4.4. Die Landtagswahl
4.5. Die Bundestagswahl

5. Das Forschungsinteresse

6. Methodik der Studie
6.1. Panel-Befragungen: Charakteristika und Problemstellungen
6.2. Rekrutierung der Teilnehmer und Beschreibung der Personenstichprobe
6.3. Konzeption der Interview-Leitfäden und Durchführung der Interviews
6.4. Panelmortalität und Paneleffekt in der vorliegenden Studie
6.5. Analyse der Interviews

7. Auswertung Themenbereiche 1 und 2: Einflussfaktoren auf das Wahlverhalten im Mehrebenensystem
7.1. Auswertung Themenbereich 1: Einflussfaktoren auf das Wahlverhalten
7.1.1. Vorbemerkung: Die starken Parteianhänger
7.1.2. Das Wahlverhalten bei der Europawahl 2009
7.1.2.1. Stellenwert der Wahl und Wahlbeteiligung
7.1.2.2. Einfluss der Parteiidentifikation
7.1.2.3. Einfluss von Kandidaten- und Themenorientierung
7.1.3. Das Wahlverhalten bei der Kommunalwahl 2009
7.1.3.1. Stellenwert der Wahl
7.1.3.2. Einfluss der Parteiidentifikation
7.1.3.3. Einfluss von Kandidaten- und Themenorientierung
7.1.4. Das Wahlverhalten bei der Landtagswahl 2009
7.1.4.1. Stellenwert der Wahl
7.1.4.2. Eindrücke aus dem Wahlkampf und Polarisierung im Vorfeld der Landtagswahl
7.1.4.3. Einfluss der Parteiidentifikation
7.1.4.4. Einfluss von Kandidaten- und Themenorientierung
7.1.4.5. Koalitionsorientierung und taktisches Wählen
7.1.5. Das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2009
7.1.5.1. Stellenwert der Wahl und Eindrücke aus dem Wahlkampf
7.1.5.2. Einfluss der Parteiidentifikation
7.1.5.3. Einfluss von Kandidaten- und Themenorientierung
7.1.5.4. Koalitionsorientierung und taktisches Wählen
7.2. Auswertung Themenbereich 2: Wahlverhalten im Mehrebenensystem
7.2.1. Probleme der Differenzierung zwischen verschiedenen Ebenen und Wahlen
7.2.2. Ebenenspezifische und ebenenübergreifende Faktoren der Wahlentscheidung
7.3. Fazit: Wählertypologie und Modelle des Wahlverhaltens
7.3.1. Entwicklung einer Wählertypologie
7.3.2. Entwicklung ebenenspezifischer Modelle des Wahlverhaltens
7.3.2.1. Modell des Wahlverhaltens bei Bundestags- und Landtagswahlen
7.3.2.2. Modell des Wahlverhaltens bei Kommunalwahlen
7.3.2.3. Modell des Wahlverhaltens bei Europawahlen

8. Auswertung Themenbereich 3: Information, Kommunikation und Wahlverhalten
8.1. Tägliche politische Mediennutzung
8.2. Nutzung und Wirkungen der klassischen Massenmedien
8.2.1. Printmedien
8.2.2. Radio
8.2.3. Fernsehen
8.2.3.1. Fernsehnutzung im Vorfeld der Wahlen
8.2.3.2. Rezeption und Wirkung von TV-Duellen
8.3. Nutzung und Wirkung des Internets
8.3.1. Internetnutzung im Vorfeld der Wahlen
8.3.2. Nutzung des Wahl-o-mat
8.3.3. Bewertung von Web 2.0-Angeboten im Wahlkampf
8.4. Die Wahlkampfkommunikation der Parteien – Nutzung und Wirkungen
8.4.1. Klassische Wahlwerbung
8.4.2. Interpersonale Wahlkampfkommunikation
8.4.2.1. Wahlkampfveranstaltungen
8.4.2.2. Informationsstände
8.5. Interpersonale Kommunikation
8.5.1. Gesprächspartner und Umfang der Gespräche
8.5.2. Rolle der interpersonalen Kommunikation für das Informations- und Wahlverhalten
8.5.3. Homogenität des sozialen Umfelds
8.5.4. Thematisierung der Wahlentscheidung

9. Diskussion
9.1. Methodische Umsetzung
9.2. Themengebiete 1 und 2: Einflussfaktoren auf das Wahlverhalten im Mehrebenensystem
9.3. Themengebiet 3: Information, Kommunikation und Wahlverhalten
9.4. Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Kausalitätstrichter nach Campbell et al.

Abb. 2: Einflussbeziehungen zwischen Erklärungsfaktoren des Wahlverhaltens

Abb. 3: Modell des Wahlverhaltens mit ebenenspezifischen und ebenenübergreifenden Einflussfaktoren

Abb. 4: Zeitlicher Ablauf des „Superwahljahrs“ 2009 in Thüringen

Abb. 5: Zeitlicher Ablauf der Untersuchung

Abb. 6: Modell des Bundestags- und Landtagswahlverhaltens

Abb. 7: Modell des Kommunalwahlverhaltens

Abb. 8: Modell des Europawahlverhaltens

Abb. 9: Europawahlplakat der CDU mit Angela Merkel

Abb. 10: Europawahlplakat der CSU mit Horst Seehofer

Abb. 11: Europawahlplakat der FDP mit Silvana Koch-Mehrin

Abb. 12: Kommunalwahlplakat der Erfurter SPD zur Stadtwerke-Affäre

Abb. 13: Titelseite der Zeitschrift Tolles Thüringen

Abb. 14: Modell des Bundestags- und Landtagswahlverhaltens (starke Parteianhänger)

Abb. 15: Modell des Bundestags- und Landtagswahlverhaltens (Parteineiger)

Abb. 16: Modell des Bundestags- und Landtagswahlverhaltens (Wechselwähler)

Abb. 17: Modell des Kommunalwahlverhaltens (starke Parteianhänger)

Abb. 18: Modell des Kommunalwahlverhaltens (Parteineiger)

Abb. 19: Modell des Kommunalwahlverhaltens (Wechselwähler)

Abb. 20: Modell des Europawahlverhaltens (starke Parteianhänger)

Abb. 21: Modell des Europawahlverhaltens (Parteineiger)

Abb. 22: Modell des Europawahlverhaltens (Wechselwähler)

Abb. 23: Europawahlplakat der SPD (Bezug zur FDP)

Abb. 24: Europawahlplakat der SPD (Bezug zur CDU)

Abb. 25: Europawahlplakat der SPD (Bezug zur Partei Die Linke)

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Analyseraster der Kontextfaktoren

Tab. 2: Die Ergebnisse der Europawahl 2009

Tab. 3: Die Ergebnisse der Kommunalwahl 2009

Tab. 4: Die Ergebnisse der Landtagswahl 2009

Tab. 5: Die Ergebnisse der Bundestagswahl 2009

Tab. 6: Beschreibung der Personenstichprobe

Tab. 7: Übersicht über politische Charakteristika der Interviewpartner

Tab. 8: Die Ergebnisse der Wahlen 2009 in Thüringen

Tab. 9: Die Ergebnisse der Wahlen 2009 in Erfurt

Tab. 10: Übersicht über die Charakteristika der Interviewpartner

1. Einleitung

„So klar das Ergebnis auch war, das ist keine Vorentscheidung, was bei den Landtagswahlen im August und dann bei der Bundestagswahl herauskommen kann.“

(Franz Müntefering, damaliger SPD-Bundesvorsitzender, zum Ergebnis der Europawahl 2009; Spiegel online 2009a)

„Der Ausgang der Europawahl hat die Chancen der Union für die Bundestagswahl weiter verbessert. […] Die Wahl zeigt einen Trend auf.“

(Angela Merkel, Bundeskanzlerin und CDU-Bundesvorsitzende,

zum Ergebnis der Europawahl 2009; Spiegel online 2009a)

Wahlen sind als institutionalisierte politische Ereignisse ein bedeutender Forschungsgegenstand sowohl der Politikwissenschaft als auch der politischen Kommunikationsforschung. Wahlergebnisse sprechen jedoch nicht für sich selbst, sondern werden von Wählern, politischen Akteuren, Medien und Forschern bewertet und interpretiert. Dabei werden sie häufig nicht nur als Resultate einer singulären Wahl angesehen. Stattdessen stellt sich – wie in den beiden eingangs angeführten Zitaten deutlich wird – die Frage, ob Wahlen und Wahlergebnisse einen Einfluss auf die öffentliche Meinung und somit auf die politischen Einstellungen und zukünftigen Verhaltensweisen der Wähler haben. Derartige Schlussfolgerungen sind in den Nachwahlanalysen von Parteien, Medien und Meinungsforschungsinstituten gängige Praxis. Doch vergleichende Untersuchungen des Wahlverhaltens bei unterschiedlichen Wahlen und somit auch Betrachtungen von möglichen ebenenübergreifenden Wirkungen sind in der empirischen Forschung bisher selten geblieben. Die Mehrzahl der Studien beschäftigt sich nach wie vor ausschließlich mit nationalen Hauptwahlen. Dies gilt auch für die deutsche Forschung, obwohl sich aufgrund des föderalen Systems hierzulande eine Betrachtung verschiedener Typen von Wahlen anbietet. Wenn Bezug auf Landtags- oder Kommunalwahlen genommen wird, so lautet die Vermutung häufig, dass diese vorwiegend anhand der Wirkungen ebenenübergreifender bundespolitischer Faktoren entschieden werden und somit als Stimmungstests für die Bundespolitik interpretiert werden können (vgl. Dinkel 1977: 357; Decker et al. 2002: 144, 164). Aufgrund der oftmals deutlichen Unterschiede zwischen Kommunal- und Landtagswahlergebnissen und den Stimmenanteilen der Parteien in bundespolitischen Meinungsumfragen[1] bestehen jedoch berechtigte Zweifel an der pauschalen Gültigkeit dieser Annahmen.

Ziel der vorliegenden Magisterarbeit ist es, Entscheidungsprozesse bei mehreren Wahlen auf verschiedenen politischen Ebenen vergleichend zu analysieren und dabei auch die Beziehungen zwischen ebenenspezifischen und ebenenübergreifenden Einflussfaktoren zu berücksichtigen. Dies soll Antworten auf die Frage ermöglichen, unter welchen Voraussetzungen andere Wahlen von bundespolitischen Faktoren beeinflusst werden und ihre Ergebnisse somit als Stimmungstests für die Bundespolitik interpretiert werden können. Für eine umfassende Analyse des Wahlverhaltens ist es von zentraler Bedeutung, die Quellen der politischen Einstellungen der Wähler zu betrachten. Diesem Anspruch wird in der vorliegenden Arbeit durch die Untersuchung des Informations- und Kommunikationsverhaltens der Wähler – differenziert für die verschiedenen Wahlen – Rechnung getragen. Die Untersuchung widmet sich einer Vielzahl von Kommunikationsmodi: Neben den klassischen Massenmedien wird auch die Rolle des Internets, der Wahlkampfkommunikation der Parteien sowie der interpersonalen Kommunikation im sozialen Umfeld der Wähler berücksichtigt. Aus den hier dargestellten Themengebieten ergeben sich drei zentrale Forschungsfragen[2]:

1) Was sind die zentralen Einflussfaktoren auf das Wahlverhalten bei Kommunal-, Landtags-, Bundestags- und Europawahlen und wie unterscheiden sich die Wahlentscheidungsprozesse bei diesen vier Wahlen voneinander?
2) Werden die Wahlentscheidungen bei Kommunal-, Landtags- und Europawahlen vor allem durch bundespolitische Faktoren beeinflusst oder gibt es Anzeichen für ein ebenenspezifisches Wahlverhalten?
3) Wie nutzen die Wähler im Vorfeld der vier untersuchten Wahlen die oben genannten Kommunikationsmodi und welche Rolle spielen diese für Informationssuche und Wahlverhalten?

Auf Basis der Analysen zu diesen drei Themengebieten sollen Modelle des Wahlverhaltens für alle vier Wahlen entwickelt werden, die das Zusammenspiel von ebenenspezifischen und ebenenübergreifenden Einflussfaktoren sowie die Wirkungen der verschiedenen Kommunikationsmodi berücksichtigen.

Als Kontext für die Untersuchung bot sich die Mehrfachwahlsituation in Thüringen 2009 an. Hierbei handelte es sich um den sehr seltenen Fall, dass in einem Bundesland innerhalb von wenigen Monaten vier Wahlen stattfanden[3]. Um eine Vergleichbarkeit des Wahl- und Kommunikationsverhaltens zu gewährleisten, entschied sich die Forscherin für die Durchführung einer dreiwelligen Panelanalyse. Hierfür wurden vor jedem Wahltermin ausführliche qualitative Interviews mit 21 Erfurter Bürgern geführt[4]. Dies ermöglichte eine differenzierte Analyse der Wahlentscheidungsprozesse sowie des Informations- und Kommunikationsverhaltens der Befragten über mehrere Wahlen hinweg. Die Ergebnisse der qualitativen Analyse in einem räumlich eng umgrenzten Gebiet sind weder repräsentativ noch generalisierbar, zeigen jedoch in Bezug auf die oben formulierten Forschungsfragen Trends auf.

In den nächsten Kapiteln werden die theoretischen Grundlagen für das Forschungsinteresse gelegt. Kapitel 2 beschäftigt sich mit Wahlentscheidungsprozessen sowie der Verbindung von Kommunikation und Wahlverhalten. In Kapitel 3 wird der Forschungsstand zum Wahlverhalten im Mehrebenensystem zusammengefasst und diskutiert. Anschließend wird der Kontext der vorliegenden Arbeit, die Mehrfachwahlsituation in Thüringen 2009, beschrieben (Kapitel 4). Die folgenden Kapitel widmen sich der Konkretisierung des Forschungsinteresses (Kapitel 5) sowie der methodischen Umsetzung der Studie (Kapitel 6). Die Ergebnisse werden in den Kapiteln 7 und 8 präsentiert. Den Abschluss der vorliegenden Magisterarbeit bildet die Diskussion der Resultate (Kapitel 9).

Auch wenn diese Arbeit vollständig von mir verfasst wurde, war für das Gelingen der Untersuchung jedoch die Unterstützung einiger Personen unverzichtbar, denen ich an dieser Stelle danken möchte. Besonderer Dank gilt Prof. Dr. Patrick Rössler, der den Anstoß für das Entstehen dieser Studie gab und sie von Beginn an mit wertvollen Hinweisen und Anregungen begleitet hat. Die Universität Erfurt hat die vorliegende Arbeit finanziell unterstützt, wodurch die Zahlung von Incentives an die Interviewpartner ermöglicht wurde. Diesen Interviewpartnern gebührt mein abschließender Dank: Ohne ihre hohe Motivation, ihr Interesse an dieser Untersuchung und ihre Bereitschaft, an drei umfangreichen Interviews teilzunehmen hätte diese Studie nicht in der gebotenen Qualität durchgeführt werden können.

2. Theoretische Grundlagen des Wahlverhaltens

Das folgende Kapitel gibt einen Überblick über den Forschungsstand zu Wahlentscheidungsprozessen. Es gliedert sich in vier Teile: Im ersten Teil werden die zentralen Ansätze zur Erklärung des Wahlverhaltens vorgestellt. Anschließend wird ein Modell entwickelt, dass die Beziehungen zwischen den Einflussfaktoren auf das Wahlverhalten verdeutlicht. Diese Einflussfaktoren werden im dritten Teil des Kapitels ausführlich vorgestellt und diskutiert. Der letzte Abschnitt beschäftigt sich mit den Wirkungen von Medienberichterstattung, Wahlwerbung und interpersonaler Kommunikation auf die Wahlentscheidung.[5]

2.1. Ansätze zur Erklärung des Wahlverhaltens

2.1.1. Der soziologische Ansatz

Der Begriff „soziologischer Ansatz“ umfasst eine mikro- und eine makrosoziologische Perspektive[6]. Die Entwicklung der mikrosoziologischen Perspektive geht auf die Studie „The People’s Choice“ von Lazarsfeld, Berelson und Gaudet aus dem Jahr 1944 zurück. Ziel der Untersuchung in Erie-County[7] in den USA war es, zu beobachten, wie Menschen im Laufe des Wahlkampfes Wahlentscheidungen treffen und ggf. ändern (vgl. Lazarsfeld et al. 1944: 1). Zu diesem Zweck wurde die Panel-Methode angewandt[8] (vgl. ebd.: 3f.). Die Untersuchung stellt die „erste systematische empirische Analyse der Einflüsse eines Wahlkampfes auf die Einstellungen und das Verhalten der Bürger“ (Dahlem 2001: 26) dar und gilt als Pionierstudie, da sie sich sowohl auf Faktoren der Wahlentscheidung als auch auf Effekte der Mediennutzung und der interpersonalen Kommunikation konzentrierte (vgl. Lazarsfeld et al. 1944: 5).

Grundlage für die Entwicklung der mikrosoziologischen Perspektive durch Lazarsfeld et al. war die Beobachtung, dass das weitgehend homogene soziale Umfeld, in dem die meisten Befragten lebten, der zentrale Bestimmungsfaktor ihrer Wahlentscheidung war (vgl. ebd.: 138f.), die Wahlentscheidung folglich „in Gruppen“ (vgl. ebd.: 137) gefällt wurde (siehe hierzu auch Abschnitt 2.3.1.). Die Wahlentscheidung eines Individuums ließ sich den Autoren der Erie-County-Studie zufolge mithilfe eines Indexes politischer Prädispositionen – bestehend aus den drei Indikatoren sozioökonomischer Status, Religionszugehörigkeit und Wohngegend – recht treffsicher voraussagen (vgl. ebd.: 25f.; 138f.). Die Forscher schlossen daraus, „[that] a person thinks politically, as he is, socially. Social characteristics determine political preferences.“ (ebd.: 26).

Für Überraschung sorgte ein weiteres Ergebnis: Die Propaganda, welche die Wähler über die klassischen Massenmedien erreichte, erzielte einen geringeren Einfluss, als Lazarsfeld et al. vermutet hatten. Unentschlossene und politisch weniger stark interessierte Wähler informierten sich nur in geringem Umfang über die Medien und änderten ihre Entscheidung daher nur selten aufgrund von Medieninformationen. (vgl. ebd.: 121) Die Funktion der Medien bestand eher darin, bestehende politische Prädispositionen der bereits entschlossenen Wähler zu aktivieren und zu verstärken (vgl. ebd.: 124f.). Eine im Vergleich zur Medienberichterstattung größere Bedeutung kam nach Meinung der Forscher der interpersonalen Kommunikation zu. Es wurde angenommen, dass die Inhalte der Massenmedien über sog. Meinungsführer an die politisch weniger interessierten Wähler weitergegeben werden[9]. (vgl. ebd.: 151f.) Diese Ergebnisse hatten die Entstehung der Hypothese der minimalen Medieneffekte[10] zur Folge und haben dazu geführt, dass die Erforschung der Wirkungen massenmedialer Kommunikation auf das Wahlverhalten zunächst vernachlässigt wurde (vgl. Dahlem 2001: 27f.).

2.1.2. Der sozialpsychologische Ansatz

Der sozialpsychologische Ansatz der Wahlforschung[11] geht auf die Forschergruppe um Angus Campbell zurück. Ihre bekannteste Studie des Wahlverhaltens, der „American Voter“, stützt sich auf die Ergebnisse von nationalen Bevölkerungsumfragen anlässlich der US-Präsidentschaftswahlen 1948, 1952 und 1956 (vgl. Campbell, Converse, Miller & Stokes 1964: 10) und steht somit im Gegensatz zu „The People’s Choice“, wo ein kleineres, räumlich klar umgrenztes Gebiet untersucht wurde (vgl. ebd.: 15). Unterschiedlich ist auch der Fokus: Im „American Voter“ stehen nicht soziale Gruppen, sondern Individuen mit ihren politischen Wahrnehmungen und Vorstellungen im Mittelpunkt. So postulieren die Autoren, „[that] voting is in the end an act of individuals, and the motives for this act must be sought in psychological forces on individual human beings“ (ebd.: 64).

Die Wahlentscheidung ist für Campbell et al. das Ergebnis aus dem Zusammenspiel verschiedener lang- und kurzfristiger Einflussfaktoren. Dies verdeutlicht der von ihnen entwickelte Kausalitätstrichter (im Original funnel of causality; vgl. ebd.: 24). Das Entscheidungsverhalten des Wählers wird aufgefasst „als Ergebnis einer Vielzahl von Kräften und Einflüssen […], die in die Vergangenheit des Individuums reichen“ (Dahlem 2001: 44; vgl. Abb. 1).

Abb. 1: Kausalitätstrichter nach Campbell et al. (eigene Darstellung)

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Die vertikale Achse des Trichters symbolisiert die zeitliche Dimension. Am Trichtereingang sind langfristige soziostrukturelle Merkmale angesiedelt, die ihrerseits die Parteiidentifikation des Wählers beeinflussen (vgl. Campbell et al. 1964: 24f.). Campbell et al. (ebd.: 146f.) sprechen hier also ähnlich wie Lazarsfeld et al. (1944: 26) dem jeweiligen sozialen Milieu eine wichtige Rolle bei der Herausbildung der Parteiidentifikation zu. Diese ist das Herzstück des sozialpsychologischen Ansatzes und wird als stabile, affektive Orientierung verstanden, die jedoch weder einer realen Parteimitgliedschaft noch der Wahlentscheidung entsprechen muss (vgl. Campbell et al. 1964: 121). Die Parteiidentifikation prägt in einem nächsten Schritt die Vorstellungen von den kurzfristigen Einflussfaktoren, d.h. von Kandidaten und politischen Themen (vgl. ebd.: 137). Dabei sind die Wähler laut Campbell et al. (ebd.: 133) um Konsistenz zwischen ihrer Parteiidentifikation und der Bewertung von Kandidaten und Themen bemüht, um innere Widersprüche in ihren Ansichten zu vermeiden. Der sozialpsychologische Ansatz geht folglich davon aus, dass Wahlentscheidungen überwiegend im Einklang mit der Parteiidentifikation getroffen werden. Er berücksichtigt aber auch die Möglichkeit wechselnden Wahlverhaltens – etwa wenn bei einer Wahl Themen und/oder Kandidaten einer anderen Partei attraktiver erscheinen und eine Wahlentscheidung zugunsten jener Partei hervorrufen, ohne dass sich dabei notwendigerweise die Parteiidentifikation verändern muss (vgl. ebd.: 141).

2.1.3. Der Rational-Choice-Ansatz

Grundgedanke des Rational-Choice-Ansatzes ist die Übertragung einer ökonomischen Perspektive auf die politische Entscheidungsfindung. Ausgangspunkt hierfür war das Buch „An economic Theory of Democracy“ von Anthony Downs. Downs betrachtet darin die Entscheidungsfindung von Wählern und Politikern. Er begreift beide als rational handelnde Individuen, die den subjektiven Nutzen von Entscheidungen für sich selbst maximieren wollen. Für den Wähler bedeutet dies, aus den zur Auswahl stehenden politischen Alternativen diejenige zu wählen, durch die dieses Ziel am besten erreicht werden kann. (vgl. Downs 1957: 36). In die Bewertung der Parteien fließen sowohl Urteile über ihre bisherige Arbeit als auch Vermutungen darüber, was sie in der Zukunft tun und bewirken werden, ein (vgl. ebd.: 38ff.). Auch die Wahrscheinlichkeit, dass die bevorzugte Partei auch wirklich an die Macht kommt, muss berücksichtigt werden (vgl. ebd.: 47).

Zentraler Faktor im Rational-Choice-Ansatz ist die Information. Nur durch ein Mindestmaß an Informationen wird es möglich, die Leistung einer Partei einzuschätzen sowie ihr zukünftiges Verhalten und die Wahrscheinlichkeit eines Wahlerfolgs prognostizieren zu können. Die normative Vorstellung, dass Individuen nach maximaler Information streben sollten, entspricht jedoch nicht den Annahmen des Rational-Choice-Ansatzes. Stattdessen wird Rationalität als die Möglichkeit, mit möglichst geringen Informationskosten die bestmögliche Entscheidung zu treffen, aufgefasst (vgl. ebd.: 213). Dieses Verständnis spiegelt der Ansatz der beschränkten Rationalität (sog. bounded rationality) wider: Er berücksichtigt „die Beschränkungen der Leistungsfähigkeit des Individuums bei der Informationsverarbeitung“ (Dahlem 2001: 67). Angenommen wird, dass der Mensch über einen begrenzten Zugang zu Informationen verfügt und auch die Kapazitäten zur Verarbeitung dieser Informationen nur in bestimmtem Umfang vorhanden sind. Die Wähler orientieren sich daher an ihrem persönlichen Anspruchsniveau und versuchen, die Entscheidung mit dem entsprechend höchsten Nutzwert zu treffen (vgl. Downs 1957: 213). Wann das persönliche Anspruchsniveau erreicht ist, ist individuell verschieden und hängt unter anderem davon ab, welchen Stellenwert die Wahl für den jeweiligen Wähler hat, wie wichtig es ihm ist, politisch gut informiert zu sein und wie leicht oder schwer zusätzliche Informationen zu beschaffen sind (vgl. ebd.: 210).

2.1.4. Diskussion der Ansätze

In den vorherigen Abschnitten wurden drei sehr unterschiedliche Ansätze zur Erklärung des Wahlverhaltens vorgestellt. Nach Ansicht der Autorin dieser Arbeit verweisen alle drei auf Faktoren, die für die Erklärung des Wahlverhaltens wichtig sind. Jedoch dürfte keiner der Ansätze allein dazu geeignet sein, die Wahlentscheidungen der meisten Wähler zu erklären.

Eine dominierende Rolle des sozialen Umfeldes, wie sie der soziologische Ansatz beschreibt, ist nur denkbar, wenn das persönliche Umfeld und somit die interpersonale Kommunikation die wichtigste Informationsquelle der meisten Wähler ist, wie es die Ergebnisse der Erie-County-Studie nahelegen (vgl. Lazarsfeld et al. 1944: 121; 151f.). Die Annahme eines großen Einflusses von Meinungsführern verbunden mit nur sehr geringen Medienwirkungen entspricht jedoch nicht mehr dem Stand der Forschung. Man geht stattdessen davon aus, dass nahezu alle Menschen direkt von den Medien erreicht werden und ihnen neue Informationen entnehmen, während persönliche Gespräche vorrangig der Anschlusskommunikation dienen. (vgl. Weimann 1994: 245; Dahlem 2001: 392) Daher dürfte der persönliche Einfluss auf die Wahlentscheidung heute geringer sein. Die Beschreibung von Wechselwählern als politisch wenig informierte, in ihrer Wahlentscheidung unsichere Individuen (vgl. Lazarsfeld et al. 1944: 53ff.) charakterisiert zudem einen Teil der Wechselwähler sehr unzureichend. Für das Wahlverhalten etwa von politisch interessierten, unabhängigen Wählern, die ihre Entscheidung von Wahl zu Wahl treffen, liefert der soziologische Ansatz keine Erklärungsmöglichkeiten.

Genau umgekehrt verhält es sich beim Rational-Choice-Ansatz. Hier wird angenommen, dass die Wähler rationale Abwägungen anhand ihrer Vorstellungen von den kurzfristigen Einflussfaktoren vornehmen. Die Rolle von langfristig stabilen Faktoren wie der Parteiidentifikation oder einer persönlichen Wahltradition wird hingegen nicht berücksichtigt. Es mag vereinzelt ausschließlich rational agierende Wähler geben. Für die meisten dürfte Politik jedoch zumindest teilweise auch eine emotionale Erfahrung sein, bei der affektive Orientierungen – etwa die Treue zu einer bestimmten Partei oder persönliche Sympathien und Antipathien – eine ebenso wichtige Rolle spielen wie politische Sachfragen oder die Ergebnisbilanz der Regierungsparteien. Für diese affektive Komponente bleibt im Rational-Choice-Ansatz jedoch kein Raum.

Für die Erklärung des Wahlverhaltens erscheinen die Grundannahmen des sozialpsychologischen Ansatzes am besten geeignet, da er als Einziger lang- und kurzfristige Einflussfaktoren integriert. Allerdings sind auch am sozialpsychologischen Ansatz nach Ansicht der Autorin dieser Arbeit einige Modifikationen nötig. Aufmerksamkeit sollte der Tatsache geschenkt werden, dass ein beachtlicher Teil der Bürger nicht mehr über eine stabile Parteiidentifikation, sondern allenfalls über eine bestimmte „politische Grundtendenz“[12] verfügt. (vgl. Knutsen et al. 2006: 153; Pappi et al. 2007: 25) Außerdem sollte berücksichtigt werden, dass auch die kurzfristigen Faktoren einen Einfluss auf die Stabilität bzw. Veränderung der Parteiidentifikation haben können.

Darüber hinaus wird im sozialpsychologischen Ansatz die Komponente der Kommunikation bzw. der Information, die sich im soziologischen und zumindest teilweise auch im Rational-Choice-Ansatz wiederfindet, nicht berücksichtigt. Diese zu integrieren ist jedoch unerlässlich, wenn man Wahrnehmungen und Vorstellungen der Wähler nicht als gegeben voraussetzen, sondern auch betrachten will, woher diese kommen und wie sie entstehen. Die vorliegende Arbeit tritt für eine Integration aller relevanten kommunikativen Elemente ein, wie es bereits die Erie-County-Studie versuchte – betrachtet werden sollten neben der Medienberichterstattung daher auch Wahlwerbung und interpersonale Kommunikation.

2.2. Theoretisches Erklärungsmodell des Wahlverhaltens

Zur besseren Veranschaulichung der Beziehungen zwischen den Einflussfaktoren auf das Wahlverhalten, die in dieser Arbeit besprochen werden, wird ein Modell vorgeschlagen. Es ist kein finales Erklärungsmodell, sondern bildet die Basis für die vorliegende Untersuchung. Im Verlauf dieser Arbeit soll das Modell in Hinblick auf die unterschiedlichen politischen Ebenen sowie auf Einflussbeziehungen zwischen den Entscheidungen bei verschiedenen Wahlen weiterentwickelt werden.

Abb. 2: Einflussbeziehungen zwischen Erklärungsfaktoren des Wahlverhaltens

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Das Modell orientiert sich in seinem Aufbau und der Unterscheidung von lang- und kurzfristigen Faktoren am Trichtermodell des in Abschnitt 2.1.2. vorgestellten sozialpsychologischen Ansatzes (vgl. Campbell et al. 1964: 24). Wesentliche Unterschiede liegen in der Ausdifferenzierung der Einflussvariablen sowie der Berücksichtigung kommunikativer Faktoren wie Massen- und interpersonaler Kommunikation. Außerdem sind im Modell Feedback-Prozesse (als gestrichelte Pfeile) angelegt, die jedoch nicht Gegenstand der dieser Arbeit zugrunde liegenden empirischen Untersuchung sind.

Am Anfang des Modells stehen die langfristigen Faktoren soziales Umfeld und persönliche Lebenswirklichkeit, Ideologien und Werte sowie Parteiidentifikation. Es wird davon ausgegangen, dass das soziale Umfeld und die persönliche Lebenswirklichkeit die wichtigsten Quellen der (politischen) Sozialisation des Individuums sind. Ihnen wird daher ein großer Einfluss auf die Herausbildung von Ideologien und Werten zugesprochen, die ihrerseits einen Einfluss auf die Entstehung einer Parteiidentifikation haben können. Stehen Menschen keiner Partei nahe, können Ideologien und Werte als „politische Grundtendenz“ an die Stelle der Parteiidentifikation treten (vgl. Knutsen et al. 2006: 153).

Der nächste Komplex im Modell umfasst den Bereich der Vermittlung, das heißt die Rolle der Kommunikation im Prozess der Entscheidungsfindung. Dabei ist zwischen zwei Bereichen zu unterscheiden, die in Einflussbeziehungen zueinander stehen: Auf der einen Seite die massenmediale Kommunikation und die Wahlwerbung[13] sowie auf der anderen Seite die Umweltbeobachtung und die interpersonale Kommunikation in den persönlichen Netzwerken der Bürger. Neue Informationen erhalten Menschen in der Regel zuerst über die Medien, während die interpersonale Kommunikation der Diskussion dieser Informationen und somit der Anschlusskommunikation dient (vgl. Schenk 1995: 191). Im Rahmen dieser Kommunikation können sich individuelle Wertigkeiten und persönliches Involvement herauskristallisieren, was wiederum die zukünftige Zuwendung zu Medieninformationen beeinflusst (vgl. ebd.: 231; siehe auch Abschnitt 2.4.3.).

Wie intensiv sich Menschen den Informationen aus allen diesen Quellen zuwenden, hängt z.B. von der Bedeutung der Wahl und dem persönlichen Interesse ab (vgl. Downs 1957: 210). Die Wahrnehmung und Interpretation der Informationen erfolgt im Lichte der Ideologien und Werte sowie ggf. der Parteiidentifikation. Die hinzugewonnenen Informationen können jedoch ihrerseits ebenfalls einen Einfluss auf diese Faktoren ausüben. So stellten Kepplinger (1998: 222f.) und Maurer (2003: 248f.) fest, dass eine anhaltend negative Berichterstattung das Politikbild der Rezipienten prägt und zur Entstehung von Politikverdrossenheit führen kann. Die aus den im Modell genannten Quellen erhaltenen Informationen haben Auswirkungen auf die subjektiven Wahrnehmungen und Vorstellungen der Bürger sowohl von der allgemeinen politischen Lage, aktuellen Ereignissen und der öffentlichen Meinung als auch von den Koalitionsoptionen, den zur Wahl stehenden Kandidaten sowie den Wahlkampfthemen. Das Wissen, das man auf diese Weise über die verschiedenen Einflussgrößen erhält, beeinflusst in einem Kreislaufprozess wiederum die Wahrnehmung und Verarbeitung von weiteren Informationen[14]. Es ist außerdem davon auszugehen, dass die Auffassungen von der öffentlichen Meinung, der allgemeinen politischen Lage und von aktuellen Ereignissen einen Einfluss auf die Vorstellungen von Koalitionsoptionen, Kandidaten und Themen haben.

Anhand dieser Vorstellungen muss sich der Wähler über seine Präferenzen und Wertigkeiten klar werden, d.h. sich überlegen, welche Kandidaten und welche möglichen Koalitionen er vorzieht, welche Themen für ihn die größte Bedeutung haben und welche Lösungsmöglichkeiten für politische Probleme er gut heißt. Diese Abwägungsprozesse finden in Einklang mit den Einflüssen des sozialen Umfelds, der Ideologien und Werte, der Parteiidentifikation sowie der Vorstellungen von der allgemeinen politischen Lage und dem gesellschaftlichen Meinungsklima statt. Sind die Präferenzen untereinander widerspruchsfrei und decken sich auch mit einer ggf. vorhandenen Parteiidentifikation, dürfte die Wahlentscheidung gefallen sein. Stellt der Wähler jedoch Widersprüche fest[15], so muss er gewichten, welche Faktoren für ihn von besonderer Bedeutung sind und daher einen stärkeren Einfluss auf seine Entscheidungsfindung haben sollten. Nicht zuletzt können auch wahltaktische Überlegungen eine Rolle spielen, etwa wenn man einer Partei helfen möchte, die Fünf-Prozent-Hürde zu überwinden oder wenn die Partei bzw. der Kandidat, die/den man eigentlich bevorzugt, als chancenlos eingestuft werden (vgl. Abschnitt 2.3.6. zu Koalitionsorientierung und taktischem Wählen). Anhand dieser Überlegungen wird die Wahlentscheidung getroffen.

Im Modell ist außerdem ein Feedback-Prozess verzeichnet, der auf Einflussbeziehungen zwischen den kurzfristigen Faktoren und den Ideologien und Werten sowie der Parteiidentifikation verweist. Damit soll verdeutlicht werden, dass letztere zwar auf längere Sicht stabil bleiben, eine Veränderung im Zeitverlauf jedoch nicht ausgeschlossen ist.

2.3. Einflussfaktoren der Wahlentscheidung

2.3.1. Soziales Umfeld und persönliche Lebenswirklichkeit

Das Ziel von Erklärungen des Wählerverhaltens, die sich auf den Faktor soziales Umfeld gründen, ist es, Wahlentscheidungen aus den Interessen eines Kollektivs heraus zu erklären. Es wird zwischen Ansätzen, die auf der Mikro-Ebene, also mit Individualdaten, sowie auf der Makro-Ebene mit Aggregatdaten arbeiten, unterschieden (vgl. Dahlem 2001: 198f.). Basis für die mikrosoziologische Perspektive[16] sind Interaktions- und Gruppentheorien. Als besonders einflussreich hat sich die Theorie von den Bezugsgruppen, d.h. „Kollektiven […], zu denen eine emotionale und/oder kognitive Beziehung besteht“ (ebd.: 200) erwiesen. Die Orientierung an diesen Bezugsgruppen ist relevant für das Verhalten von Individuen, da „der einzelne bestrebt [ist], sich sozial nicht zu isolieren“ (Roessing 2007: 26).

Zu diesem Zweck beobachten Menschen bewusst oder unbewusst die Meinungsverteilung in ihrem Umfeld. Ihr subjektiver Eindruck davon dient als Gradmesser, welche Ansichten sie äußern können, ohne sich zu isolieren. Sie nehmen einen sogenannten Konformitäts- bzw. Anpassungsdruck wahr und richten ihr Verhalten daran aus. (vgl. ebd.; Noelle-Neumann 2001: 164f.) Der Grund hierfür ist, dass das Befolgen gruppenspezifischer Normen mit Integration belohnt, Abweichung hingegen durch Isolation sanktioniert wird (vgl. Noelle-Neumann 2001: 195). Dieser Prozess hat jedoch zur Folge, dass das soziale Umfeld mit der Zeit homogener wird (bzw. zumindest so erscheint) und es zusehends schwieriger wird, konträre Meinungen zu äußern. Dies provoziert eine Wahlentscheidung, die „in Gruppen“ gefällt wird[17], wie dies bereits Lazarsfeld et al. (1944: 137) beschrieben. Die Ergebnisse von Schenk (1995: 182) hingegen bestätigen zwar, dass die Kerndiskussionsnetzwerke der meisten Menschen weitgehend homogen sind. Er widerspricht jedoch der These, dass in diesen engen Netzwerken bei konträren Einstellungen die Redebereitschaft aus Furcht vor Isolation sinkt (vgl. ebd.: 229). Dennoch ist die direkte Umweltbeobachtung im eigenen Umfeld seiner Meinung nach eine wichtige Quelle für die subjektiven Vorstellungen der Wähler von der allgemeinen politischen Lage (vgl. Abschnitt 2.3.4.) und dem Meinungsklima in der Gesellschaft und trägt damit wesentlich zur eigenen Meinungsbildung bei (vgl. ebd.: 232; siehe auch Abschnitt 2.3.5. zu öffentlicher Meinung und 2.4.3. zu interpersonaler Kommunikation)

Im Gegensatz zur mikrosoziologischen betrachtet die makrosoziologische Perspektive die Wirkungen des sozialen Umfelds auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene und stellt sie in Zusammenhang zur Herausbildung von Ideologien und Parteiidentifikationen. Besondere Beachtung hat hierbei die Cleavage-Theorie von Lipset und Rokkan gefunden. Sie ist ursprünglich nicht zur Erklärung des Wahlverhaltens entwickelt worden, sondern nimmt eine historische Perspektive ein und sucht auf dieser Basis nach Ursachen für die Herausbildung von Parteiensystemen (vgl. Roth 1998: 33). Unter Cleavages werden Konflikt- oder Spannungslinien verstanden, welche die Gesellschaft in mehr oder weniger deutlich abgrenzbare Gruppen unterteilen (vgl. Elff 2006: 46). Lipset und Rokkan (1967: 10f.) unterscheiden vier Hauptspannungslinien[18] und vermuten, dass sie die Basis für die Entstehung von Ideologien bilden (vgl. auch Knutsen et al. 2006: 125) und dass entlang dieser Spannungslinien „Koalitionen zwischen verschiedenen sozialen Gruppierungen und den jeweiligen Parteieliten“ (Dahlem 2001: 220) entstehen.

Dass Partei-Wähler-Koalitionen regionalspezifisch sein können, zeigt Görl (2001: 104) am Beispiel Ostdeutschlands. Dort unterscheiden sich seiner Meinung nach die Koalitionen zwischen gesellschaftlichen Gruppen und den Parteien deutlich von den westdeutschen Mustern. So tendieren Arbeiter in den neuen Ländern wesentlich stärker dazu, die CDU zu wählen, als dies in den alten Bundesländern der Fall ist. Ausschlaggebend hierfür ist die Tatsache, dass das traditionelle westdeutsche Klassen-Cleavage von einem DDR-spezifischen Klassenkonflikt[19] überlagert wird. Dieser schlägt sich auch in den Ideologien und Werten ostdeutscher Wähler nieder, wie Görl (2007: 139f.) mit seiner Argumentation zur Existenz einer Postsozialismus-Wertedimension in den neuen Ländern zeigt (vgl. ausführlicher Abschnitt 2.3.2.).

Eine Herausforderung für mikro- und makrosoziologische Perspektive stellt die abnehmende Bindungskraft sozialer Gruppen und Milieus (sog. Dealignment) dar. Weßels (2000: 133f.) unterscheidet drei wesentliche Ursachen, die das Verhältnis von Individuum und Gruppe verändern können: So führen erstens einige soziodemografische Veränderungen zu einem Schrumpfen der nach der Cleavage-Theorie in traditionellen „Koalitionen“ mit den Parteien verbundenen Wählergruppen. Die Herausbildung einer „neuen Mittelklasse“ (Dahlem 2001: 218) lässt zweitens die ideologischen Unterschiede zwischen den Parteien schwinden, die Entwicklung zu sog. „catch-all-Parteien“[20] schreitet weiter voran. Die Parteien sind dadurch drittens weniger in der Lage, ihre verbleibende traditionelle Klientel politisch zu integrieren. Wenn Wähler sich von den Parteien nicht mehr repräsentiert fühlen, kann dies eine Zunahme von Politikverdrossenheit in der Gesellschaft bewirken.

2.3.2. Ideologien und Werte

Ideologien und Werte werden als aus den gesellschaftlichen Cleavages heraus entstanden aufgefasst (vgl. Knutsen et al. 2006: 125) und gelten als vermittelnder Faktor zwischen sozialem Umfeld und Parteiidentifikation sowie als Unterscheidungsfaktor zwischen verschiedenen Parteien. Werte beziehen sich auf den gesellschaftlichen Bereich und die Vorstellungen des Individuums vom Guten und Wünschenswerten. Da sie den weiteren Einstellungen eines Menschen übergeordnet sind und diese strukturieren, werden sie auch als zentrale Einstellungen bezeichnet. Unter Ideologien versteht man hingegen generalisierte politische Überzeugungen, die die politischen Ansichten eines Menschen strukturieren (vgl. Arzheimer & Rudi 2007: 168). Nach dem anspruchsvollen Ideologieverständnis, das auf den „American Voter“ von Campbell et al. zurückgeht[21], denkt nur ein geringer Teil der Bevölkerung ideologisch (vgl. Dahlem 2001: 99). Dahlem (ebd.: 117) argumentiert hingegen, dass „die Mehrheit der Wähler […] fest verankerte ideologische Grundorientierungen [besitzt], die jedoch nicht sehr differenziert sind, sondern ein eher plakatives Verständnis politischer Richtungen repräsentieren“.

Als bekannteste Ideologie-Dimension gilt die Selbsteinstufung auf einem Links-Rechts-Spektrum, welche den meisten Befragten kaum Schwierigkeiten bereitet. Van der Eijk, Schmitt & Binder (2006: 167) sprechen von der Links-Rechts-Orientierung als einem „super issue“, welches andere politische Orientierungen strukturiert und daher auch die Funktion einer Entscheidungsheuristik erfüllt. Es zeigt sich jedoch, dass keine völlige Klarheit über die Bedeutung der Begriffe „links“ und „rechts“ herrscht. Den Ergebnissen von Pappi (1983: 423) zufolge war seinerzeit nur etwa die Hälfte der befragten Bundesbürger in der Lage, die Parteien anhand ihrer Positionen zu politischen Sachfragen so auf einer Links-Rechts-Skala zu platzieren, wie es der Meinung von Experten entsprach. Da die ideologische Selbsteinstufung eng mit den Parteipräferenzen und der Einordnung der bevorzugten Parteien auf dem Links-Rechts-Spektrum zusammenhängt (vgl. Dahlem 2001: 106f.), dürften sich Unsicherheiten bei der Anordnung der Parteien auch darauf auswirken, wie man die eigene Position auf der Links-Rechts-Skala einschätzt.

In Bezug auf gesellschaftliche Wertorientierungen ist die Materialismus-Postmaterialismus-Wertedimension, die in Zusammenhang mit dem Konzept des Wertewandels nach Inglehart (1977) steht, von Bedeutung. Sie geht von einer Unterscheidung in „old politics“ (aus den traditionellen Cleavages entstandene ökonomische und moralische Wertvorstellungen, d.h. materialistische Werte) und „new politics“ (postmaterialistische Werte, z.B. Glück, Freiheit, Selbstverwirklichung) aus. Während Dahlem (2001: 61) verallgemeinernd annimmt, dass die Bedeutung materialistischer zugunsten postmaterialistischer Werte abnimmt, zeigt die Untersuchung von Arzheimer et al. (2007: 174), dass der Anteil materialistischer Wähler zuletzt wieder zugenommen hat. Die Autoren weisen außerdem nach, dass postmaterialistische Werte für die Erklärung der Wahlentscheidung ostdeutscher Wähler nach wie vor weniger bedeutsam sind, als dies bei westdeutschen Wählern der Fall ist (vgl. ebd.: 184).

Für Ostdeutschland weist Görl (2007: 139f.) darüber hinaus auf die Bedeutung einer sog. Postsozialismus-Wertedimension hin (vgl. auch Arzheimer et al. 2007: 171). Maßgeblich für die Einordnung der Wähler auf der Postsozialismus-Skala sind drei Indikatoren: die Nähe bzw. Distanz zur sozialistischen Ideologie, die individuellen und gruppenspezifischen Erfahrungen mit der Herrschaftsausübung in der DDR sowie die Einstellung zur deutschen Wiedervereinigung. Anhand der Selbsteinstufung von Menschen auf der Postsozialismus-Skala ließen sich den Ergebnissen von Görl (ebd.: 147) zufolge ihre Position auf der ideologischen Links-Rechts-Dimension und ihre Parteineigung recht zutreffend prognostizieren[22]. Der Autor weist jedoch darauf hin, dass die Erklärungskraft der Postsozialismus-Wertedimension für ideologische Selbsteinstufung und Parteiidentifikation im Zeitverlauf abgenommen hat (vgl. ebd.). Nach Ansicht der Autorin dieser Arbeit dürfte zwar die Erklärungskraft der Postsozialismus-Wertedimension für diese beiden Faktoren abgenommen haben, d.h. es lassen sich weniger belastbare Aussagen darüber treffen, ob sich jemand als eher konservativ oder eher links, als CDU- oder SPD-Anhänger bezeichnet. Denkbar ist aber nach wie vor eine Aussagekraft für die Einstellungen von ostdeutschen Wählern gegenüber der Partei Die Linke, der Nachfolgerin der DDR-Staatspartei SED (vgl. auch Arzheimer et al. 2007: 181).

Dahlem (2001: 115f.) betont, dass gesellschaftliche Wertorientierungen wichtige politische Konsequenzen haben können, so zum Beispiel Auswirkungen auf die Einstellungen zum politischen System oder die politische Partizipation. Außerdem können sie Einfluss auf die Wahlentscheidung haben, indem sie als intervenierende Variable zwischen Sozialstruktur und den Vorstellungen von politischen Themen wirken. Einige Wissenschaftler (vgl. z.B. Knutsen et al. 2006: 153) gehen davon aus, dass Ideologien und Wertorientierungen im Vergleich zur Parteiidentifikation immer bedeutsamer werden und bei Wählern mit schwacher oder ohne Parteiidentifikation deren Platz als Entscheidungsheuristik einnehmen.

2.3.3. Parteiidentifikation

Die Parteiidentifikation, zentrales Konzept des sozialpsychologischen Ansatzes (vgl. Abschnitt 2.1.2.), hat sich zu einem viel beachteten Faktor der Wahlforschung entwickelt (vgl. Roth 1998: 43). Die Autoren des „American Voter“ sprechen von der Parteiidentifikation als einer „standing decision“ (Campbell et al. 1964: 120), einer „psychological identification, which can persist without legal recognition or evidence of formal membership and even without a consistent record of party support“ (ebd.: 121). Die Parteiidentifikation wird also angesehen als eine „dauerhafte affektive Bindung von Wählern an Parteien“ (Dahlem 2001: 78), die durch lebenslange politische Sozialisation entsteht und weitestgehend unabhängig von aktuellen Tagesfragen ist (vgl. ebd.: 82). Sie steht vermittelnd zwischen soziostrukturellen Merkmalen des Wählers und der Wahlentscheidung (vgl. ebd.: 78), ist jedoch von dieser unabhängig, d.h. nicht zwingend bei jeder Wahl mit ihr identisch (vgl. ebd.: 91).

Die Gründe für das große Interesse am Konzept der Parteiidentifikation liegen in der Möglichkeit zur Verknüpfung von lang- und kurzfristigen Faktoren der Wahlentscheidung. Die Parteiidentifikation wird als ein Hilfsmittel zur Reduktion von Komplexität[23] und als Wahrnehmungsfilter, der das Bild von Kandidaten und aktuellen politischen Themen beeinflusst, angesehen (vgl. Falter, Schoen & Caballero 2000: 237). So wird es möglich, sowohl die langfristige Stabilität individuellen Wahlverhaltens als auch Abweichungen durch kurzfristige Faktoren zu erklären. (vgl. Dahlem 2001: 92f.)

Das Konzept wirft jedoch eine Reihe von Fragen auf. Diese beziehen sich vor allem auf dessen Validität. Es werden zwei Fragestellungen diskutiert: die langfristige Stabilität der Parteiidentifikation sowie deren Unabhängigkeit von der Wahlentscheidung. (vgl. ebd.: 83) Während die Parteiidentifikation im ursprünglichen Modell als langfristig stabiler Faktor aufgefasst wurde, der die Wahrnehmung von kurzfristigen Faktoren wie Kandidaten und Themen determiniert, weisen einige Autoren darauf hin, dass auch kurzfristige Faktoren eine Wirkung auf die Parteiidentifikation ausüben und diese verändern können (vgl. Roth 1998: 47f.; Falter et al. 2000: 240)[24]. Dahlem (2001: 93f.) plädiert daher für ein Verständnis der Parteiidentifikation als sog. „running balance sheet“[25] und verweist auf die im Zusammenhang mit dem Konzept oft vernachlässigte Bedeutung der Massenmedien[26]. Zumindest für Deutschland als problematisch hat sich die Forderung nach der Unabhängigkeit der Parteiidentifikation von der Wahlentscheidung erwiesen. Ändern Wähler ihre Wahlentscheidung, so geht dies häufig mit einer Veränderung der Parteiidentifikation einher. Das Konstrukt der Parteiidentifikation kann daher nur schwer analytisch von der Wahlentscheidung getrennt werden. (vgl. ebd.: 91; Berglund, Holmberg, Schmitt & Thomassen 2006: 106; Falter et al. 2000: 240)

Hervorgerufen durch soziostrukturelle Veränderungen der Gesellschaft (vgl. Abschnitt 2.3.1.) ist eine Abschwächung traditioneller Parteibindungen zu beobachten. Unklar ist bisher, ob es sich um einen Dealignment-Prozess (d.h. die Abnahme der Parteiidentifikation und die Selbsteinstufung von Wählern als Unabhängige) oder um einen Realignment-Prozess (d.h. das Entstehen neuer, nicht-traditioneller Parteibindungen) handelt. (vgl. Dahlem 2001: 87f.) In diesem Zusammenhang wird von der Entstehung eines neuen Wählertypus, des sog. „Neuen Unabhängigen“, gesprochen (vgl. ebd.: 91f.), für den zunehmend Ideologien und Werte an die Stelle der Parteiidentifikation treten (vgl. Knutsen et al. 2006: 153; siehe auch Abschnitt 2.3.2.) und die Bedeutung kurzfristiger Faktoren zunimmt (vgl. Kellermann 2007: 298). Eine Abnahme bzw. ein Verschwinden der Parteiidentifikation ist jedoch nicht nur ein Charakteristikum von aufgeklärten, unabhängigen Wählern, die sich verstärkt an Sachthemen orientieren. Es kann auch ein Indiz für eine zunehmende Politikverdrossenheit sein.

Da die Parteiidentifikation wie bereits beschrieben ein Produkt der lebenslangen politischen Sozialisation ist, liegt es auf der Hand, dass sich aufgrund der unterschiedlichen politischen Erfahrungen in Ost- und Westdeutschland auch Unterschiede in der Ausprägung und der Stabilität der Parteiidentifikation zeigen. Görl (2001: 99) weist darauf hin, dass sich „unter den politischen Bedingungen der DDR […] Bindungen an konkurrierende Parteien weder ausbilden, noch in freien Wahlen festigen konnten“. Dies führt dazu, dass der Parteiidentifikation in den neuen Ländern insgesamt ein geringerer Einfluss auf das Wahlverhalten zugeschrieben wird als in den alten Bundesländern. Im Gegenzug wird situativen Einstellungsorientierungen wie z.B. der Kandidaten- und der Themenorientierung eine höhere Bedeutung für die Wahlentscheidung ostdeutscher Wähler beigemessen.

2.3.4. Allgemeine politische Lage und aktuelle Ereignisse

Das in der Literatur ursprünglich vorherrschende Verständnis von der allgemeinen politischen Lage bezieht sich auf die tatsächlichen politischen Gegebenheiten und Entwicklungen. Die subjektiven Wahrnehmungen und Vorstellungen der Bürger von der politischen Situation und von aktuellen Ereignissen werden in dieser Perspektive weitestgehend ausgeklammert. Die Annahme, dass der so verstandene Faktor der allgemeinen politischen Lage einen zentralen Einfluss auf das Wahlverhalten ausübt (vgl. Dahlem 2001: 225), erscheint jedoch fragwürdig. Denn selbst wenn die Existenz einer objektiven Realität angenommen wird, verfügt doch jeder Mensch über seine eigenen subjektiven Vorstellungen von ihr. Ein Grund hierfür ist die begrenzte Informationsverarbeitungskapazität des Menschen, welche es ihm allenfalls ermöglicht, Ausschnitte dieser Realität wahrzunehmen. Zum anderen ist insbesondere das politische Geschehen für die meisten Menschen nicht direkt erfahrbar. Sie sind auf die Vermittlungsleistung der Medien angewiesen, was eine weitere Selektion und Verzerrung der Realitätswahrnehmung mit sich bringt (vgl. Kepplinger, Brosius & Dahlem 1994: 7f.; Brosius 1995: 312). Es ist daher nicht vorstellbar, dass alle Bürger über identische Vorstellungen von der allgemeinen politischen Lage verfügen und diese die gleichen Auswirkungen auf ihre Wahlentscheidung haben (vgl. Dahlem 2001: 244ff.).

Trotz dieser Kritik erscheint es der Autorin dieser Arbeit wichtig, die allgemeine politische Lage als Einflussfaktor des Wahlverhaltens zu berücksichtigen. Es sollte dabei jedoch nicht von Effekten tatsächlicher politischer Gegebenheiten, sondern von der Wirkung der subjektiven Vorstellungen, die sich die Wähler von diesen Gegebenheiten machen, auf die Wahlentscheidung ausgegangen werden. Auf die Entstehung dieser Vorstellungen können verschiedene Variablen Einfluss haben. Insbesondere in der Tradition des Rational-Choice-Ansatzes (vgl. Abschnitt 2.1.3.) ist der Zusammenhang zwischen den Vorstellungen von der wirtschaftlichen Lage und der allgemeinen politischen Lage sowie der daraus resultierende Einfluss auf die Wahlentscheidung untersucht worden. Die Grundannahme lautet: Je optimistischer die Bürger die wirtschaftliche Lage einschätzen[27], desto positiver nehmen sie die allgemeine politische Lage wahr und desto zufriedener sind sie mit den Leistungen der Regierung (vgl. Krumpal et al. 2008: 93). Daran wird deutlich, dass die Einschätzung von allgemeiner wirtschaftlicher und politischer Lage ein wichtiger Indikator sein kann, um die Kompetenz von Politikern, insbesondere des Regierungschefs, zu beurteilen. Die Vorstellungen von wirtschaftlicher und politischer Lage sind daher wichtige Grundlagen für das performanzbasierte Wählen, d.h. die Entscheidung für eine Partei bzw. einen Kandidaten aufgrund der retrospektiven Beurteilung ihrer bzw. seiner Leistungen. (vgl. ebd.: 97) Hierbei ist jedoch auch von einer Wirkung der Parteiidentifikation als intervenierende Variable auszugehen. Das bedeutet, dass Menschen, die sich mit der Regierungspartei identifizieren, die allgemeine politische Lage positiver einschätzen und somit auch eine höhere Zufriedenheit mit der Regierungspartei aufweisen dürften als Wähler, die einer anderen oder aber keiner Partei nahe stehen.

2.3.5. Öffentliche Meinung

Die Berücksichtigung der öffentlichen Meinung als Einflussfaktor des Wahlverhaltens geht wesentlich auf die Arbeiten von Elisabeth Noelle-Neumann zurück. Theorien der öffentlichen Meinung beschäftigen sich mit dem „Zusammenhang zwischen persönlicher Meinung und dem, was Individuen glauben, daß [sic!] die meisten denken oder meinen – dem sogenannten Meinungsklima“ (vgl. Schenk 1995: 211). Noelle-Neumann (2001: 91) versteht unter öffentlicher Meinung eine „Meinung im kontroversen Bereich, die man öffentlich äußern kann, ohne sich zu isolieren“ und verweist dabei bereits auf ein Charakteristikum der von ihr entwickelten Theorie der Schweigespirale: Die Rolle, die Isolationsfurcht für die Meinungsklimawahrnehmung und die Redebereitschaft von Individuen spielt.

Grundlage der Theorie ist die Annahme, dass die Gesellschaft gegenüber Individuen, deren Ansichten von der Mehrheitsmeinung abweichen, Isolationsdrohungen gebraucht. Die Menschen empfinden daher Isolationsfurcht, d.h. sie befürchten, in ihrem eigenen sozialen Milieu ausgegrenzt zu werden. Daher ist es für sie wichtig, die Meinung zu vertreten, die innerhalb dieses Milieus als Mehrheitsmeinung gilt. Um dies beurteilen zu können, versuchen sie, das Meinungsklima so gut wie möglich einzuschätzen. Noelle-Neumann kommt zu dem Ergebnis, dass Menschen dabei über eine „quasi-statistische Wahrnehmung“ verfügen. (vgl. Noelle-Neumann 1996: 27ff.; Jäckel 2008: 252; Schulz 2008: 121) Sie verhalten sich anschließend dem Ergebnis ihrer Einschätzung entsprechend, d.h. sie sind bereit, ihre Meinung zu artikulieren, wenn sie sich als Teil der Mehrheit empfinden. Umgekehrt schweigen sie und ändern ggf. ihre Meinung, falls sie erkennen, dass sie eine Minderheitenmeinung vertreten (vgl. Noelle-Neumann 1996: 40f.). Dies kann dazu führen, dass es für eine Meinung immer weniger Unterstützer gibt und dass sogar eine einstige Mehrheits- zur Minderheitenmeinung wird, weil ihre Anhänger sich als Minderheit wahrnehmen und daher nicht redebereit sind. (vgl. Dahlem 2001: 401f.)

Die Wahrnehmung des Meinungsklimas kann auf zwei Wegen erfolgen: als direkte Umweltbeobachtung innerhalb des eigenen sozialen Netzwerks (vgl. Schenk 1995; siehe auch Abschnitte 2.3.1. und 2.4.3.) sowie als indirekte Umweltbeobachtung über die Massenmedien[28] (vgl. Noelle-Neumann 1996: 224ff.; Roessing 2007: 209). Angenommen wird, dass die direkte Umweltbeobachtung „Eindrücke davon vermittelt, mit welchen Meinungen man sich in der Öffentlichkeit isolieren kann, wogegen die Massenmedien Eindrücke davon vermitteln, wie die Mehrheit denkt“[29] (Dahlem 2001: 411; vgl. auch Roessing 2007: 209). Daraus folgt nach Ansicht der Autorin dieser Arbeit, dass es zwei Ebenen von Meinungsklimaten gibt, die nicht identisch sein müssen: Die wahrgenommene Meinungsverteilung im eigenen sozialen Umfeld (vgl. Abschnitt 2.3.1.) und in der gesamten Gesellschaft. An dieser Stelle soll die Anwendung der Theorie der Schweigespirale auf beide Bereiche eine kritische Betrachtung erfahren[30].

Wie bereits beschrieben, geht Noelle-Neumann (1996: 40f.) davon aus, dass Menschen, die in ihrem sozialen Umfeld die Dominanz einer Meinung feststellen, die sie nicht teilen, aus Isolationsfurcht ihre Ansichten nicht äußern und ggf. auch ihre Meinung ändern. Diese Ansicht bietet an mehreren Stellen Anlass zu Kritik. Schenk (1995: 212; 216) weist darauf hin, dass die von Noelle-Neumann vertretene Konformitätshypothese nur eine mögliche Sichtweise ist. Seine Ergebnisse stützen hingegen die Annahme von der weitgehenden Unabhängigkeit der persönlichen Meinung von der Mehrheitsmeinung in sozialen Netzwerken entsprechend der looking-glass-perception[31]. Er widerspricht zudem der These, dass in diesen engen Netzwerken bei konträren Einstellungen die Redebereitschaft aus Isolationsfurcht abnimmt (vgl. ebd.: 229). Erfolgt aufgrund von Gesprächen im sozialen Umfeld eine Meinungsänderung, so muss dies nach Ansicht der Autorin dieser Arbeit nicht zwangsläufig mit Isolationsfurcht zusammenhängen. Es ist auch möglich, dass Menschen bei anderen innerhalb ihres Netzwerks Rat suchen (vgl. ebd.: 211) und ihre Meinung dann aufgrund neuer Informationen und Argumente ändern, ohne dass dabei Konformitätsdruck erzeugt wurde. Doch selbst wenn man mit Noelle-Neumann davon ausgeht, dass Isolationsfurcht die Menschen dazu bringt, zu schweigen oder aber sich öffentlich der Mehrheitsmeinung anzuschließen, lässt dies noch keine Schlüsse auf die wirkliche persönliche Meinung und somit letztendlich auf das Wahlverhalten zu.

Ähnlich verhält es sich, wenn das Individuum Diskrepanzen zwischen der eigenen Meinung und dem gesamtgesellschaftlichen Meinungsklima wahrnimmt. Zum einen erscheint hier nach Ansicht der Autorin dieser Arbeit der Faktor Isolationsfurcht als weniger bedeutsam, da es keine Notwendigkeit gibt, über Gespräche im eigenen Umfeld hinaus seine Meinung (z.B. durch die von Noelle-Neumann gewählten Beispiele Abzeichen an der Kleidung (vgl. Noelle-Neumann 2001: 17) oder Aufkleber am Auto (vgl. ebd.: 79)) öffentlich zu machen. Selbst wenn jemand, der dies unter anderen Umständen getan hätte, aufgrund eines als gegensätzlich wahrgenommenen Meinungsklimas davon absieht, so sagt das zwar etwas über die Abnahme der Redebereitschaft, nicht jedoch über eine Meinungsänderung oder das Wahlverhalten aus. Denn eine Meinung nicht (mehr) zu äußern bedeutet nicht automatisch, sie nicht mehr zu haben. Trotz dieser Kritik kann ein Einfluss der wahrgenommenen öffentlichen Meinung auf das Wahlverhalten nicht ausgeschlossen werden. So ließe sich etwa vermuten, dass Wähler, die über ein geringes politisches Wissen und Interesse verfügen, empfänglicher für Einflüsse der öffentlichen Meinung auf ihre Einstellungen und ihr Wahlverhalten sein könnten. Hier bieten sich Anknüpfungspunkte zwischen Theorien der öffentlichen Meinung und dem Meinungsführerkonzept (vgl. Abschnitt 2.4.3.), die auch Noelle-Neumann (1996: 45f.) bereits beschrieben hat.

2.3.6. Koalitionsorientierung und taktisches Wahlverhalten

In der weitgehend US-amerikanisch geprägten Wahlforschung, die von einem Zweiparteiensystem und Mehrheitswahlrecht ausgeht, hat die Koalitionsorientierung als Einflussfaktor auf das Wahlverhalten naturgemäß kaum Beachtung erfahren (vgl. Schoen 2000: 361). Nach Ansicht der Autorin dieser Arbeit ist es jedoch in einem Mehrparteiensystem mit Verhältniswahlrecht wie in Deutschland für die Analyse des Wahlverhaltens bei Landtags- und Bundestagswahlen von Bedeutung, die Koalitionspräferenz der Wähler einzubeziehen. Auch Pappi & Gschwend (2005: 297) argumentieren, dass neben der Partei- die Koalitionspräferenz ausschlaggebend für das Wahlverhalten sein kann, und ermittelten, dass sich mit deren Hilfe die Wahlentscheidung eines Individuums genauer prognostizieren lässt (vgl. ebd.: 288).

Pappi et al. (vgl. ebd.: 285) differenzieren zwischen zwei Konzepten, die an verschiedenen Stellen im Wirkungsprozess angesiedelt sind: der strategischen Parteienwahl und der Koalitionswahl. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass die Wähler Präferenzen für verschiedene Parteien haben, die sich in einer Präferenzreihenfolge anordnen lassen. Eine strategische Parteienwahl liegt nach Ansicht von Pappi et al. vor, wenn der Wähler seine Stimme einer Partei gibt, die nicht auf dem ersten Rang seiner Präferenzreihenfolge liegt, da er sich hiervon einen größeren Nutzen verspricht. Bei dieser Deutung ist eine kognitive Komponente in Anlehnung an den Rational-Choice-Ansatz (vgl. Abschnitt 2.1.3.) zu erkennen. Die Überlegungen des Wählers richten sich hier jedoch nicht nur darauf, welche Partei, sondern welche Koalition ihm den größten subjektiven Nutzen verspricht und daher bevorzugt wird. Um dieser Koalition an die Macht zu verhelfen, kann es jedoch je nach Situation nützlicher sein, nicht die bevorzugte Partei, sondern den möglicherweise zukünftigen Koalitionspartner zu wählen, zum Beispiel damit dieser genügend Stimmen erhält, um die Fünf-Prozent-Hürde zu überwinden.

Von einer Koalitionswahl sprechen Pappi et al. hingegen, wenn ein Wähler „seine ansonsten meistpräferierte Partei nicht wählt, weil diese für eine Koalition eintritt, die der Wähler ablehnt […]“ und „dies unabhängig von den Erwartungen über mögliche Wahlergebnisse geschieht“ (ebd. 2005: 285)[32]. Der Begriff Koalitionswahl erscheint jedoch missverständlich, da es in dem von den Autoren beschriebenen Fall nicht um die Wahl einer bestimmten Koalition, sondern um die Nicht-Wahl aufgrund einer Koalitionsaussage geht. Im Unterschied zur strategischen Parteienwahl geht die Autorin dieser Arbeit bei der Koalitionswahl von der Wirkung einer affektiven Komponente aus. Bedeutsam für beide Arten von Wahlverhalten ist die Klarheit der Koalitionslage, d.h. „welche realistischen Koalitionsoptionen vor der Wahl von den Parteien signalisiert und in der Öffentlichkeit diskutiert werden“ (ebd.: 287).

Bereits in den Ausführungen zur strategischen Parteienwahl ist deutlich geworden, dass taktische Überlegungen hierfür eine wichtige Rolle spielen. Es gibt jedoch nach Ansicht der Autorin dieser Arbeit verschiedene Motive für ein taktisches Wahlverhalten, die nicht immer mit Koalitionsüberlegungen in Zusammenhang stehen müssen. Denkbar ist zum Beispiel, dass Wähler ihre bevorzugte Partei nicht wählen, weil diese voraussichtlich zu wenige Stimmen erhalten wird, um die Fünf-Prozent-Hürde zu überwinden, und die Wähler ihre Stimme in diesem Fall als „verschenkt“ ansehen würden. Sicherlich seltener, aber möglich ist auch das gegenteilige Beispiel: Ein Wähler gibt seiner bevorzugten Partei die Stimme nicht, da ein deutlicher Wahlsieg dieser Partei absehbar ist und er die Opposition stärken möchte, um die künftige Regierung einer gewissen parlamentarischen Kontrolle auszusetzen.

In Zusammenhang mit taktischem Wahlverhalten ist auch häufiger von Stimmensplitting die Rede, d.h. der Entscheidung eines Wählers, bei einer Wahl mit der Erststimme einen Kandidaten zu wählen, der nicht der Partei angehört, welche die Zweitstimme des Wählers erhält. Dies dürfte in den meisten Fällen ebenfalls taktischen Überlegungen geschuldet sein[33]. So zeigt Johann (2009: 418), dass insbesondere Wähler, die ihre Zweitstimme einer kleineren Partei geben, ihre Stimmen splitten und mit der Erststimme einen Kandidaten einer größeren Partei (in der Regel des möglichen Koalitionspartners) wählen, da Kandidaten kleinerer Parteien nur selten eine Chance haben, einen Wahlkreis zu gewinnen.

Alle in diesem Abschnitt diskutierten Varianten des Wählens aufgrund von Koalitionspräferenzen und des taktischen Wahlverhaltens erfordern jedoch ein spezifisches Wissen des Wählers. Er muss sich zum einen im Klaren darüber sein, welche Koalitionen aus politischen Gründen (Übereinstimmung in zentralen Fragen, etc.) für die von ihm bevorzugte Partei in Frage kommen. Zum anderen muss er Vermutungen darüber haben, welche Wahlausgänge aufgrund der angenommenen Meinungsverteilung in der Gesellschaft (vgl. Abschnitt 2.3.5.) möglich sind. Nur so ist es z.B. möglich einzuschätzen, welche Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern könnten. Johann (2009: 419) weist darauf hin, dass alle Formen strategischen Wählens immer mit Unsicherheit verbunden sind, da der einzelne Wähler nur unvollständige Informationen über das Wahlverhalten anderer hat. Die zunehmende Bereitschaft der Wähler zur strategischen Stimmabgabe[34] erschwert die Vorhersage von Wahlergebnissen jedoch zusätzlich. Es ist daher in den nächsten Jahren bei weiter zunehmender Bereitschaft zum strategischen Wählen mit einer wachsenden Unsicherheit für die Wähler zu rechnen.

Schoen (2000: 369) und Johann (2009: 419) stellen einen Zusammenhang zwischen taktischem Wahlverhalten und der Entwicklung der Parteibindung her. Sie vermuten, dass die Zunahme von taktischem Wahlverhalten von einer Abnahme von Parteibindungen, d.h. einem Dealignment-Prozess, begünstigt wird. Dadurch treffen Wähler ihre Wahlentscheidungen zunehmend kurzfristiger, unabhängiger und flexibler. Die Ergebnisse von Schoen (2005) zeigen, dass vor allem jüngere (vgl. ebd.: 371) und gut gebildete Wähler (vgl. ebd.: 380) strategisch wählen und auch eher geneigt sind, ihre Stimmen auf mehrere Parteien bzw. deren Kandidaten zu verteilen. Johann (2009: 418) widerspricht für den Bereich des Stimmensplittings jedoch der Annahme, dass dies lediglich eine Handlungsweise politisch aufgeklärter Wähler sei. Er weist darauf hin, dass den Ergebnissen seiner Studie zufolge 36 Prozent der Befragten den Zusammenhang zwischen Erst- und Zweitstimme nicht korrekt erklären konnten, was teilweise zu irrationalen Splittingkombinationen führte.

2.3.7. Kandidatenorientierung

Die Kandidatenorientierung ist einer der zentralen Einflussfaktoren im sozialpsychologischen Ansatz. Sie gilt zum einen als von der Parteiidentifikation beeinflusst, besitzt jedoch andererseits auch das Potential zur Erklärung wechselnden Wahlverhaltens (vgl. Brettschneider 2002: 23f.). Der Einfluss der Kandidatenorientierung ist zum Teil abhängig vom politischen System, d.h. es sind Unterschiede zwischen einem präsidentiellen Regierungssystem mit direkt gewählten Spitzenkandidaten und einem parlamentarischen Regierungssystem mit indirekt über die Parteien gewählten Spitzenkandidaten zu erwarten (vgl. Dahlem 2001: 165). Verschiedene Autoren weisen jedoch darauf hin, dass Personalisierungstendenzen auch in parlamentarischen Regierungssystemen zu beobachten sind und vor allem die Bundestagswahl einem „Personalplebiszit“ (ebd.) für das Amt des Bundeskanzlers gleicht (vgl. Brettschneider 2002: 23ff.; Gabriel & Neller 2005: 215; Ohr 2000: 275).

Entscheidend für die Wirkung der Kandidatenorientierung auf das Wahlverhalten ist das Image der Kandidaten, d.h. sämtliche „Wahrnehmungen oder Kognitionen, die ein Wähler von einem Kandidaten hat“ (Brettschneider 2006: 105). Die Anzahl der Merkmale, anhand derer Wähler einen Kandidaten beurteilen, ist individuell verschieden. Sie lassen sich jedoch zu vier Dimensionen zusammenfassen: Dies sind Problemlösungsfähigkeit, Integrität, Leadership-Qualitäten (Führungsstärke, Tatkraft, etc.) sowie unpolitische Merkmale (Aussehen, Auftreten, etc.). (vgl. ebd.)

Welche Bedeutung die Kandidatenorientierung für das Zustandekommen der Wahlentscheidung hat, ist noch nicht endgültig geklärt. Viel diskutiert ist die These von der wachsenden Personalisierung des Wählerverhaltens. Brettschneider (2002: 23) unterscheidet dabei zwei Tendenzen: Die zunehmende Prägung der Wahlentscheidung durch den Einfluss der Spitzenkandidaten anstatt durch politische Themen und den stärkeren Fokus auf die unpolitischen Persönlichkeitsmerkmale der Kandidaten. Während Ohr (2000: 290) zu dem Ergebnis kommt, dass Kandidatenorientierungen im Zeitverlauf an Erklärungskraft für das Wahlverhalten gewonnen haben, stimmt Brettschneider dieser These nicht pauschal zu. Seiner Ansicht nach sind die Kandidateneffekte umso stärker, je größer die wahrgenommenen Unterschiede zwischen den Kandidaten sind und je geringer die wahrgenommenen Unterschiede zwischen den Themenprioritäten und Kompetenzen der Parteien ausfallen. Da angenommen wird, dass insbesondere Wähler ohne Parteiidentifikation geringere Unterschiede zwischen den Parteien bemerken dürften, zielen Personalisierungsstrategien überwiegend auf diese Gruppe. (vgl. Brettschneider 2006: 103; Curtice & Holmberg 2006: 235) Doch auch diese Wähler beurteilen die Kandidaten nach Ansicht Brettschneiders (2006: 110) nicht losgelöst von ihren politischen Standpunkten und Kompetenzen[35]. Der Einfluss der Kandidatenorientierung auf das Wahlverhalten ist daher im Zeitverlauf kaum gestiegen. Maurer & Reinemann (2003: 222) bestätigen diese Befunde für TV-Duelle, die ihren Ergebnissen nach nicht nur durch das Auftreten der Kandidaten, sondern auch durch deren Sachaussagen entschieden werden[36].

2.3.8. Themenorientierung

Neben der Kandidatenorientierung ist die Themenorientierung[37] ein weiterer kurzfristiger Erklärungsfaktor, der aus dem sozialpsychologischen Ansatz hervor gegangen ist. Eine einheitliche Themen- bzw. Issuedefinition liegt jedoch bisher nicht vor. Issues werden zumeist als politische Sach- oder Streitfragen verstanden (vgl. Dahlem 2001: 122). In der Literatur werden verschiedene Issuetypen unterschieden. Die bekannteste Unterscheidung ist jene zwischen Positions- und Valenz-Issues[38]. Positions-Issues sind „Streitfragen, in denen man gegensätzliche Standpunkte einnehmen kann“ (ebd.: 123), unter Valenz-Issues versteht man „politische Ziele, die allgemein akzeptiert sind“ (ebd.), d.h. es geht hierbei nicht um eine Diskussion der Ziele, sondern lediglich der Mittel, wie diese erreicht werden können. Dahlem (2001: 164) weist darauf hin, dass Issues, die eine geringere Informiertheit der Wähler voraussetzen (z.B. Valenz-Issues und Leistungsbewertungen) einen höheren Einfluss auf die Wahlentscheidung haben als Positions-Issues, die eine umfangreichere politische Bildung voraussetzen.

In der frühen Forschung wurden sehr hohe Maßstäbe angelegt, um von Issue-Voting sprechen zu können[39]. Inzwischen hat sich jedoch die Einsicht durchgesetzt, dass angesichts des Umfangs der politischen Informationen in den Medien sowie der wahrgenommenen Komplexität des politischen Geschehens die Annahme eines nahezu vollständigen und detaillierten Wissens der Wähler utopisch ist. Kognitionstheoretische Ansätze untersuchen heutzutage, wie die Menschen mit der Informationsfülle umgehen und versuchen, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Um Informationen effizient aufnehmen und verarbeiten zu können, sind information shortcuts als Orientierungshilfe notwendig. (vgl. Kellermann 2007: 306) Den Ergebnissen von Brosius (1995: 303) zufolge verlassen sich die Rezipienten dabei auf Heuristiken, d.h. auf „kondensierte Alltagserfahrungen, mit denen die Bildung von Urteilen und das Treffen von Entscheidungen routinehaft verkürzt werden“. Brosius verwendet für dieses Vorgehen bei der Nachrichtenrezeption den Begriff der Alltagsrationalität, den er als komplementär zur wissenschaftlichen Rationalität versteht. Demnach sind Menschen zwar theoretisch in der Lage, Nachrichten aus wissenschaftlicher Sicht rational zu verarbeiten, sie tun es in den meisten Fällen jedoch nicht, sondern greifen aufgrund geringeren Involvements bei der Rezeption auf die Alltagsrationalität zurück. (vgl. ebd.: 305) Dies führt dazu, dass Nachrichtenmerkmale – etwa eine besonders lebhafte Darstellung, die Verwendung von Fallbeispielen und emotionalen Bildern – einen Einfluss darauf haben, welche Themen für wichtig gehalten und welche Informationen besonders gut erinnert werden (vgl. ebd.: 300; 303f.; 306).

Es wird davon ausgegangen, dass Themenorientierungen vor allem durch langfristige politische und kulturelle Prädispositionen der Wähler, z.B. ihre Ideologien und Werte, geprägt sind. Kellermann (2007: 305) schließt daraus, dass die Einstellungen zu politischen Themen weniger von direkten Medienwirkungen betroffen sind als etwa die Kandidatenorientierung. Dennoch sind die Medien ein wichtiger Einflussfaktor auf die Themenorientierungen der Rezipienten. Brettschneider (2005: 498) verweist darauf, dass Effekte der Medienberichterstattung vor allem in Hinblick auf die Gewichtung bereits vorhandener Einstellungen wirksam werden. Durch ihre Thematisierungsfunktion haben die Medien demzufolge einen wichtigen Einfluss darauf, welche politischen Sachfragen bei den Wählern besonders präsent sind (Agenda-Setting; siehe auch Abschnitt 2.4.1.1.). Außerdem sind die Medien ein wichtiger Quell der individuellen Vorstellungen von der allgemeinen politischen Lage. Die Beurteilung der allgemeinen politischen Lage und die Wahrnehmung aktueller politischer Probleme haben wiederum einen Einfluss darauf, welche Themen von den Bürgern als wichtig empfunden werden.[40]

2.4. Der Einfluss kommunikativer Elemente auf das Wahlverhalten

2.4.1. Wirkungen der massenmedialen Kommunikation

2.4.1.1. Massenmedien und Themenorientierung

Große Beachtung bei der Erforschung des Zusammenhangs zwischen massenmedialer Berichterstattung und Themenorientierung der Wähler hat der Agenda-Setting-Ansatz erfahren. Grundgedanke des Ansatzes ist es, dass die Gewichtung von Themen in den Medien wesentlichen Einfluss darauf hat, wie wichtig die Rezipienten diese Themen nehmen. Je prominenter ein Thema in den Medien dargestellt wird (Kriterien hierfür können z.B. Häufigkeit, Umfang oder Aufmachung der Berichterstattung sein), desto wahrscheinlicher ist es, dass es von den Rezipienten als bedeutsam eingestuft wird. (vgl. Rössler 1997: 16ff.; Schulz 2008: 146 f.; Jäckel 2008: 171f.; Dahlem 2001: 348ff.) Der ursprüngliche Agenda-Setting-Ansatz (auch als first level agenda-setting bezeichnet) postuliert also keine Wirkung der Medienberichterstattung auf die Bewertung der Themen und somit auf die Einstellungen der Rezipienten. Im Fokus steht mit der Themenwahrnehmung eine kognitive Medienwirkung. (vgl. Rössler 1997: 15f.; Maurer 2010: 10) Prägnant fasste Cohen (1963: 13) zusammen, „[that the press] may not be successful much of the time in telling people what to think, but it is stunningly successful in telling its readers what to think about“. Die Agenda-Setting-Funktion der Medien dient der Strukturierung der „Themenwelt der öffentlichen Kommunikation“ (Rössler 1997: 19) und ist somit eine Orientierungshilfe für die Rezipienten (vgl. ebd.)[41].

Die Wirkung der Gewichtung von Themen in den Medien auf deren wahrgenommene Bedeutung bei den Rezipienten bezeichnen Hüning & Otto (2002: 166) jedoch nur als ersten Schritt. Themen werden in den Medien immer in einen Kontext gesetzt, d.h. mit Attributen versehen[42]. Hiermit befasst sich das Framing-Konzept. Es basiert auf der Grundannahme, dass in den Medien bestimmte Themenaspekte und -attribute besonders akzentuiert werden. Dies beeinflusst sowohl die wahrgenommene Wichtigkeit der Themen als auch den Kontext, in dem sie von den Rezipienten gesehen werden. Der spezifische Kontext hat wiederum Auswirkungen darauf, welche Einstellungen die Rezipienten einem Thema gegenüber haben, d.h. wie sie das Thema beurteilen[43]. (vgl. Schulz 2008: 149; Maurer 2010: 78f.; Ghanem 1997: 3ff.) Dies impliziert jedoch eine Abkehr von der ursprünglichen Beschränkung des Agenda-Setting-Ansatzes auf die Untersuchung kognitiver Medienwirkungen, da die Wahrnehmung von Themen-Attributen auch Auswirkungen darauf haben dürfte, was die Rezipienten über ein Thema denken. Ein Einfluss auf ihre Einstellungen ist somit wahrscheinlich. (vgl. Hüning & Otto 2002: 167; Dahlem 2001: 355; Maurer 2010: 81f.)

Für die Parteien ist es daher nicht nur wichtig, ihre Kompetenzfelder in der Medienberichterstattung wiederzufinden. Entscheidend ist auch die Themenrahmung. Denn diese bestimmt den Kriterienkatalog, auf den die Rezipienten zurückgreifen, um politische Werturteile zu fällen (vgl. Rössler 1997: 44). Die Nutzung von Themenattributen als Bewertungskriterien untersucht die Priming-Theorie. Da diese vor allem im Hinblick auf die Bewertung von Politikern und Kandidaten für politische Ämter untersucht wurde (vgl. Dahlem 2001: 355ff.), wird sie im nächsten Abschnitt zu Massenmedien und Kandidatenorientierung näher betrachtet.

2.4.1.2. Massenmedien und Kandidatenorientierung

Nur ein sehr geringer Teil der Wähler kennt Kandidaten für politische Ämter persönlich oder hat diese zumindest schon einmal aus der Nähe erlebt, z.B. bei einer Wahlkampfveranstaltung. Daher sind die meisten Menschen auf die Vermittlung der Medien angewiesen, um eine Vorstellung von den zur Wahl stehenden Personen zu bekommen und sich ein Urteil über diese bilden zu können. Von besonderer Relevanz ist die Berichterstattung des Fernsehens, da sie durch die visuelle Darstellung der Kandidaten den Wahrnehmungs- und Bewertungskriterien der Wähler im Alltagsleben am nächsten kommt (vgl. Dahlem 2001: 364). Daher sprechen Kepplinger et al. (1994: 148) der TV-Berichterstattung einen Einfluss auf die „dauerhaften Vorstellungen von der Sachkompetenz der Kandidaten und ihre[r] Parteien sowie vor allem vom Charakter der Kandidaten“ zu[44] (vgl. auch Maurer et al. 2003: 219f.). Letzteres liegt darin begründet, dass sich die Berichterstattung über die Kandidaten laut Dahlem (2001: 364) vor allem auf deren Persönlichkeitseigenschaften und weitaus weniger auf ihre sachpolitischen Kompetenzen und Vorhaben konzentriert (vgl. auch Lengauer 2007: 315ff.). Besonders stark dürfte dies auf TV-Duelle sowie deren Kommentierung in den Medien zutreffen, da hier die Kandidaten die gesamte Zeit über im Mittelpunkt stehen und beurteilt werden können, während bestimmte Sachthemen nur zeitlich begrenzt besprochen werden (vgl. Maurer et al. 2003: 194).

Maurer et al. (ebd.: 178) kommen in ihrer Untersuchung zur Nutzung, Wahrnehmung und Wirkung von TV-Duellen zu dem Ergebnis, dass die Duelle im Vorfeld der Bundestagswahl 2002 die Beurteilung der beiden Spitzenkandidaten durch die Rezipienten wesentlich beeinflussten. Die Gesamturteile über die Kandidaten ließen sich nicht so leicht durch kurzfristige Einflüsse verändern, da sie oftmals bereits durch die Parteipräferenz der Rezipienten geprägt waren. Dagegen zeigten sich jedoch deutliche Wirkungen des TV-Duells auf die Vorstellungen von der Sachkompetenz und den Persönlichkeitseigenschaften der Kandidaten. Es veränderten sich insbesondere die Vorstellungen von Sachkompetenzen, die im Duell relativ oft angesprochen wurden, sowie von Persönlichkeitseigenschaften, von denen das Duell häufig Eindrücke vermittelte. Zum anderen hatte die Rezeption des Duells einen besonders starken Einfluss auf die Vorstellungen von Sachkompetenzen und Persönlichkeitseigenschaften, von denen sich die Zuschauer zuvor anhand der Medienberichterstattung noch keine feste Meinung gebildet hatten. (vgl. ebd.) Die Ergebnisse zeigen, dass die Rezipienten die Kandidaten zwar im Lichte ihrer Parteipräferenzen wahrnehmen. Die Annahme, das TV-Duell habe auf die Beurteilung der Kandidaten keinen Einfluss, da diese sich sowieso der Parteipräferenz entsprechend entwickeln würde, trifft jedoch nicht zu. Doch nicht nur das TV-Duell selbst, sondern auch die Anschlusskommunikation beeinflusste die Urteile der Rezipienten. Einen Einfluss auf die Meinungsänderungen der Zuschauer hatten sowohl die Einschätzungen in den unmittelbar nach dem TV-Duell ausgestrahlten Diskussionssendungen als auch die Meinungen, die Personen aus dem sozialen Umfeld der Zuschauer in Gesprächen vertraten. (vgl. ebd.: 185f.; Maier 2007: 400)

Die TV-Duelle veränderten den Ergebnissen von Maurer et al. (ebd.: 197) zufolge jedoch nicht nur die Urteile über die Kandidaten, sondern auch die Kriterien, anhand denen sie beurteilt wurden. Diesen Effekt bezeichnet man als Priming bzw. in Abgrenzung zur entsprechenden psychologischen Theorie auch als Medien-Priming. Die Priming-Theorie basiert auf der Erkenntnis, dass Menschen nicht in der Lage sind, alle über die Kandidaten erhältlichen Informationen zur Kenntnis zu nehmen und zu bewerten. Sie stützen ihre Urteile stattdessen auf nur einige wenige Aspekte. Dabei nutzen sie sogenannte information shortcuts, z.B. indem sie ihre Urteile insbesondere aufgrund von Informationen treffen, die leicht zugänglich sind bzw. mit denen sie kurz zuvor konfrontiert wurden. (vgl. Iyengar & Kinder 1987: 64; Maurer 2010: 72ff.; Brosius 1995: 303ff.). Das bedeutet, dass Themen, denen die Medien besonders viel Aufmerksamkeit widmen, von den Rezipienten herangezogen werden, um Politiker zu bewerten: „The more coverage television news devotes to a particular problem, the more frequently a problem domaine is primed, the more viewers should incorporate what they know about that problem into their over-all judgement of the president.“ (Iyengar et al. 1987: 139). Bereits erbrachte Leistungen sowie Kompetenzen der Politiker in diesen Themenfeldern spielen also für die Beurteilung durch die Bürger eine besonders wichtige Rolle. Priming kann somit als direkte Fortsetzung des Agenda-Setting-Ansatzes (siehe Abschnitt 2.4.1.1.) gesehen werden. Iyengar et al. (ebd.: 73) konnten außerdem zeigen, dass sich Priming-Effekte nicht nur bei der Bewertung der Leistungen und Kompetenzen von Politikern, sondern auch bei der Beurteilung ihrer charakterlichen Eigenschaften finden lassen (sog. Image Priming; vgl. auch Maurer 2010: 75f.).

Welchen Einfluss kann das Kandidaten-Priming auf das Wahlverhalten von Rezipienten haben? Dies untersuchten Maurer et al. (2003: 191) anhand des Beispiels der TV-Duelle. Die Autoren unterscheiden drei verschiedene Ebenen des Priming-Effekts. Als erste Ebene bezeichnen sie die Annahme, dass Politiker vor allem anhand jener Themen und Persönlichkeitseigenschaften, die in den Medien besonders intensiv thematisiert werden, beurteilt werden. Die zweite Ebene betrifft die relative Gewichtung der Vorstellungen von Sachkompetenz und Persönlichkeit. Das bedeutet, dass die Sachkompetenz das wichtigste Beurteilungskriterium ist, wenn sie in den Medien stärker thematisiert wird als die Persönlichkeitseigenschaften (und umgekehrt). Die dritte Ebene befasst sich mit der Wahlentscheidung. Maurer et al. (vgl. ebd.) gehen davon aus, dass die Medienberichterstattung auch in der Lage ist, die ausschlaggebenden Kriterien für die Wahlentscheidung zu verändern – werden in den Medien z.B. überwiegend die Persönlichkeitseigenschaften der Kandidaten thematisiert, gewinnen diese als Kriterium für die Wahlentscheidung an Bedeutung. Während sich für die ersten beiden Ebenen in Bezug auf die TV-Duelle klare empirische Evidenzen finden ließen (vgl. ebd.: 192ff.), war dies für die dritte Ebene, den Einfluss auf die Wahlentscheidung, zunächst nicht erkennbar. Betrachtete man jedoch nicht nur die unmittelbaren Auswirkungen des TV-Duells, sondern auch der Nachberichterstattung und Anschlusskommunikation, so zeigten sich auch hier Priming-Effekte auf die Wahlabsicht (vgl. ebd.: 196).

Gestützt wird dieser Befund auch von den Ergebnissen von Zeh (2005: 180f.), die zeigen, dass eine umfangreiche Berichterstattung über die Kanzlerkandidaten in den TV-Nachrichten einen Einfluss auf die Bedeutung der Kandidatenpräferenz für die Wahlentscheidung haben kann. Der Autor weist außerdem darauf hin, dass dieser Effekt bei Befragten mit geringerer formaler Bildung und schwächerem politischem Interesse stärker ist. Dies steht jedoch im Gegensatz zu den Ergebnissen von Gabriel & Keil (2007: 376f.), die hinsichtlich des Einflusses von Kandidatendarstellung und –bewertung auf das Wahlverhalten keinen Unterschied zwischen unterschiedlich gebildeten Wählern feststellen konnten, sondern auf unterschiedliche Einflussstärken in Abhängigkeit von den Umständen der jeweiligen Wahl hinweisen.

2.4.1.3. Massenmedien und Wirkungen auf langfristige Vorstellungen

Im Mittelpunkt der Analyse der Wirkungen massenmedialer Kommunikation auf das Wahlverhalten stehen meist Einflussbeziehungen zwischen Medieninhalten und den kurzfristigen Vorstellungen der Wähler (vgl. Abschnitte 2.4.1.1. und 2.4.1.2.). Die Berichterstattung der Medien kann jedoch auch Veränderungen bei langfristigen Einflussfaktoren, z.B. der Parteiidentifikation, bewirken (vgl. die Feedback-Prozesse im Modell in Abschnitt 2.2.).

Die Forschung hierzu basiert auf der Annahme, dass die Massenmedien durch ihre Berichterstattung das Bild prägen, welches sich die Rezipienten vom politischen System, seinen Parteien und Repräsentanten machen. Die Medien können somit – bei überwiegend positiven Aussagen über die politischen Gegebenheiten – das Entstehen bzw. die Festigung einer Parteiidentifikation begünstigen. Umgekehrt – bei einem vorrangig negativen Medientenor – können sie jedoch auch die Herausbildung der Parteiidentifikation hemmen bzw. eine bestehende Parteiidentifikation abschwächen. (vgl. Dahlem 2001: 341) Theoretische Grundlage hierfür ist die Kultivierungshypothese, d.h. die These, dass das Weltbild in den Medien wesentlichen Einfluss auf die Realitätsvorstellungen der Rezipienten hat. Es wird von besonders starken Einflüssen der Fernsehnutzung ausgegangen[45]. (vgl. Schulz 2008: 196f.)

Einige Studien (exemplarisch: Kepplinger 1998; Maurer 2003) untersuchen den Zusammenhang zwischen der Berichterstattung der Medien und der Entwicklung von Politikverdrossenheit in Deutschland. Kepplinger (1998: 136f.) kommt zu dem Ergebnis, dass der Tenor der Politikberichterstattung in Deutschland innerhalb der von ihm untersuchten Zeitspanne (1951 bis 1995) negativer geworden ist. Dies ist auf den Tenor der Problemdarstellung, auf zahlreiche Beiträge über die Mängel des politischen Systems und in besonderem Maße auf die negative Darstellung von Politikern zurückzuführen. Sowohl Kepplinger (ebd.: 222f.) als auch Maurer (2003: 244; 248f.) können zeigen, dass sich die Berichterstattung der Medien auf die Vorstellungen der Rezipienten auswirkt und deren Bild von Politik im Zeitverlauf negativer geworden ist. Ein Grund hierfür dürfte sein, dass negative Meldungen die Selektionsbarrieren der Rezipienten leichter überwinden und somit eine stärkere Wirkung entfalten können (vgl. Maurer 2003: 246).

2.4.2. Wahlwerbung und Wahlverhalten

Während Einflüsse der Medienberichterstattung auf das Wahlverhalten oft im Fokus des wissenschaftlichen Interesses stehen, hat der Einfluss der Wahlwerbung bisher vergleichweise wenig Beachtung erfahren. Gleichzeitig investieren die Parteien jedoch große Summen in ihre Werbung. (vgl. Schulz 2008: 289ff.; Müller 2004: 102f.) Daher soll hier deren Wirkung und Effektivität diskutiert werden.

In Bezug auf Wahlwerbung wird häufig zwischen free und paid media unterschieden. Unter free media versteht man die Präsenz von Kandidaten und Themen in der Berichterstattung der Medien, hervorgerufen zum Teil durch die Arbeit politischer PR[46]. Der Begriff paid media bezeichnet die „klassische“ Werbung, d.h. die mediale Präsenz gegen Bezahlung, z.B. in Anzeigenkampagnen oder TV- bzw. Radiospots. (vgl. Podschuweit 2007: 17f.; Bosch 2006: 34) Beide Arten der Wahlwerbung haben Vor- und Nachteile. Zwar kann im Bereich der free media die Darstellung der Partei bzw. des Politikers nicht vollständig beeinflusst werden, gleichzeitig sind hier jedoch geringere finanzielle Mittel vonnöten als bei paid media. Darüber hinaus bietet free media den großen Vorteil, dass diese Kommunikationsform von den Rezipienten oftmals nicht als Wahlwerbung eingestuft wird und daher eine höhere Glaubwürdigkeit genießt. (vgl. Lieske 2006: 128) Sowohl Lieske (ebd.: 159f.) als auch Müller (2004: 123) kommen in ihren Untersuchungen zur Bedeutung von free und paid media im Wahlkampf zu dem Schluss, dass die Werbestrategien der Parteien zugunsten ihrer Medienstrategien an Bedeutung verloren haben.

Dass dies für die Parteien effektiver sein kann, untermauern die Ergebnisse von Podschuweit (2007). Sie untersuchte die Wirkungen von Wahlwerbung[47] auf vier Ebenen – Aufmerksamkeit, Verarbeitung, Erinnerung sowie Verhalten – und fand heraus, dass Wahlwerbung vor allem für Parteianhänger hilfreich ist (vgl. ebd.: 135), auf unentschlossene Wähler hingegen negative Auswirkungen haben kann (vgl. ebd.: 146). Zentrales Erfolgskriterium ist nach Meinung von Podschuweit die Qualität der Wahlwerbung und vor allem deren Glaubwürdigkeit, denn Wahlwerbung muss nicht nur Aufmerksamkeit erregen, sondern auch das Vertrauen der Wähler gewinnen können (vgl. ebd.: 156).

Nach Ansicht der Autorin dieser Arbeit deckt die Unterscheidung in free und paid media jedoch keineswegs alle Werbeaktivitäten der Parteien ab. Free und paid media bezeichnen Strategien, die sich zunächst an die Medien richten, über die politische Botschaften an die Bürger vermittelt werden sollen. Daneben versuchen die Parteien jedoch auch, die potentiellen Wähler direkt zu erreichen, ohne dass die Medien als vermittelnde Instanz dazwischen geschaltet sind. Zum Teil geschieht dies über sogenannte Push-Medien, d.h. Medien, bei denen die Informationen unidirektional vom Sender zum Empfänger übermittelt werden, ohne dass der Empfänger diese Informationen angefordert haben muss (z.B. Postwurfsendungen). Diese werden ergänzt durch sogenannte Pull-Medien, d.h. Angebote für Bürger, die gezielt Informationen zu einer Partei suchen bzw. anfordern. Darunter fallen zum Beispiel Internetangebote, aber auch die persönliche Kommunikation an Informationsständen der Parteien oder im Rahmen von Wahlkampfveranstaltungen. Letztlich können diese Strategien der direkten Kommunikation mit dem Wähler jedoch nicht losgelöst von den Medienstrategien sowie den medialen Werbestrategien der Parteien gesehen werden. Zum einen müssen auf allen Kanälen kohärente Botschaften verbreitet werden, um die Glaubwürdigkeit der Wahlkampfkommunikation nicht zu gefährden. Zum anderen können z.B. Wahlkampfveranstaltungen mit prominenten Politikern oder besonders auffällige Plakatkampagnen Teil der Medienstrategien der Parteien sein, indem eine Berichterstattung und somit ein erweiterter Wirkungskreis der Wahlwerbung angestrebt wird. Das Beispiel zeigt, dass Werbe- und Medienstrategien sich keineswegs so klar voneinander abgrenzen lassen, wie es die Unterscheidung in free und paid media suggeriert.

Zur Wirkung der oben beschriebenen, nicht medial vermittelten Kommunikationsstrategien der Parteien auf das Wahlverhalten gibt es bisher jedoch kaum wissenschaftliche Untersuchungen. Es kann hier nur in Adaptation der Ergebnisse von Podschuweit (2007: 135; 146) sowie anhand erster Eindrücke aus den dieser Arbeit zugrunde liegenden Interviews (siehe Abschnitt 8.4.) vermutet werden, dass die direkte Kommunikation der Parteien vor allem ihre Mitglieder und Anhänger anspricht und ggf. in ihrer Wahlentscheidung bestärkt (vgl. hierzu auch Schulz 2008: 289). Unentschlossene Wähler dürften sich hingegen vermutlich nur dann an Infoständen, bei Wahlkampfveranstaltungen oder auf der Website einer Partei informieren, wenn sie sehr stark politisch interessiert sind und der Wahl eine hohe Bedeutung beimessen. Die bereits angesprochenen Interviews lassen auch vermuten, dass insbesondere Plakatwerbung und Wahlwerbespots von vielen Wählern als eher plumpe, aussagenlose Formen der Wahlwerbung angesehen und tendenziell negativ bewertet werden. Dieser Themenkomplex wird bei der Auswertung der Interview-Daten ausführlicher betrachtet.

2.4.3. Interpersonale Kommunikation und Wahlverhalten

Das Interesse an der Erforschung des Einflusses interpersonaler Kommunikation auf das Wahlverhalten wurde erstmals durch die Ergebnisse der Erie-County-Studie (vgl. Abschnitt 2.1.1.) hervorgerufen (vgl. Weimann 1994: 181). Die Autoren der Studie beobachteten, dass die Informationen über die Wahlkampagne die meisten Wähler nicht über die Massenmedien erreichten, sondern in einem sog. Zwei-Stufen-Fluss „über bestimmte Mitglieder der Gesellschaft – die Meinungsführer[48] – via interpersonale[r] Kommunikation zu den Unentschlossenen und Schwankenden“ gelangten (Dahlem 2001: 212; vgl. auch Jäckel 2008: 113f.; Weimann 1994: 160). Da das soziale Umfeld der Wähler laut Lazarsfeld et al. (1944: 26) der wichtigste Einflussfaktor auf das Wahlverhalten war, wurde davon ausgegangen, dass die Meinungsführer nicht nur als Informationsvermittler dienten, sondern die Menschen in ihrem Umfeld sich auch bei ihrer Wahlentscheidung an deren Ansichten orientierten. Durch ihre höhere Glaubwürdigkeit (im Vergleich zu Medien und Wahlwerbung), die spezifischere Ansprache der Zielpersonen und durch die Möglichkeit eines direkten Feedbacks wurde den Meinungsführern eine hohe Wirkungschance zugesprochen (vgl. Lazarsfeld et al. 1944: 152ff.; Dahlem 2001: 390).

Nach einer Phase der Rückbesinnung auf das Einflusspotential der Massenmedien und der Vernachlässigung der interpersonalen Kommunikation in der Wahlforschung ist das Interesse an ihr und auch am Meinungsführerkonzept seit den 1990er Jahren wieder gestiegen. Das ursprüngliche Konzept von Lazarsfeld et al. war jedoch seitdem vielfältiger Kritik ausgesetzt und wurde mehrfach modifiziert (vgl. Weimann 1994: 243; Jäckel 2008: 125)[49]. So änderten sich beispielsweise die Methoden zur Identifikation der Meinungsführer. Besonders populär wurde dabei die vom Institut für Demoskopie Allensbach entwickelte Skala Persönlichkeitsstärke (vgl. Noelle-Neumann 1999: 187; Jäckel 2008: 134). Auch die Annahme von der Existenz eines Zwei-Stufen-Flusses gilt mittlerweile als überholt. Es wird heute davon ausgegangen, dass Menschen durch die Massenmedien überwiegend direkt erreicht werden (sog. One-Step-Flow oder Direct Flow; vgl. Weimann 1994: 245; Schenk 1995: 9). Die interpersonale Kommunikation entfaltet laut Schenk (ebd.) ihren Einfluss nicht bei der Erstinformation, sondern bei der Diskussion, Bewertung und Interpretation von Medieninhalten. Diese sog. Anschlusskommunikation trägt wesentlich zur Herausbildung von Meinungen und Einstellungen bei. Ein Einfluss von Meinungsführern gilt insbesondere dann als wahrscheinlich, wenn die Rezipienten unsicher sind, wie sie ein bestimmtes Thema bewerten sollen, oder wenn die Informationen aus den Medien ihren eigenen Ansichten widersprechen. Doch auch die grobe Zweiteilung der Rezipienten in Meinungsführer und Meinungsempfänger wird heutzutage nicht mehr akzeptiert. In Modellen des sog. Multi-Step-Flows werden nicht nur vertikale Einflussbeziehungen zwischen Massenmedien, Meinungsführern und ihren Gefolgsleuten, sondern eine Vielzahl weiterer möglicher Einflüsse – z.B. zwischen verschiedenen Meinungsführern, zwischen den Gefolgsleuten oder aber zwischen Gefolgsleuten und ihren Meinungsführern – angenommen. (vgl. Weimann 1994: 163ff.; Schenk 1995: 9f.).

Aktuellere Studien beschäftigen sich überwiegend mit dem Einfluss von Netzwerken interpersonaler Kommunikation auf die Einstellungen von Individuen. Unter einem Netzwerk versteht man „eine durch Beziehungen eines bestimmten Typs verbundene Menge von sozialen Einheiten wie Personen, Positionen, Organisationen“ (Schenk 1995: 14). Netzwerke persönlicher Beziehungen sind jedoch nicht automatisch mit Klein- bzw. Primärgruppen identisch, sondern umfassen auch Kontakte indirekter Art und flüchtigen Charakters (vgl. ebd.: 12), sog. weak ties (vgl. Granovetter 1973). Die Ergebnisse von Schenk (1995: 182) zeigen, dass Kommunikation über politische Fragen ein wichtiger Bestandteil von Alltagsgesprächen der meisten Menschen ist. Diese Kommunikation findet vor allem in kleinen, homogenen Netzwerken (den sog. Kerndiskussionsnetzwerken) statt, d.h. vorrangig im engsten persönlichen Umfeld. Die Bedeutung der weak ties, also von Gesprächen mit entfernten Bekannten, ist demgegenüber eher gering (vgl. ebd.: 147). Aufgrund der Homogenität der meisten sozialen Netzwerke wird ihnen vor allem ein stabilisierender Einfluss auf politische Einstellungen (vgl. Abschnitt 2.3.1.) sowie eine Rolle bei der Wahrnehmung des Meinungsklimas in der Gesellschaft zugesprochen (vgl. Dahlem 2001: 398; vgl. Abschnitt 2.3.5.).

3. Wahlverhalten im Mehrebenensystem

3.1. Vorbemerkungen: Wahlen im Mehrebenensystem –

unterschiedliche Rahmenbedingungen und Interdependenzen

Das vorherige Kapitel hat sich allgemein mit Erklärungsansätzen sowie Einflussfaktoren auf das Wahlverhalten beschäftigt. Es wurde dabei nicht nach Typen von Wahlen bzw. nach den politischen Ebenen, auf denen diese Wahlen stattfinden, differenziert. Die bisher vorgestellte Literatur und die darin diskutierten Forschungsergebnisse beziehen sich auf nationale Hauptwahlen, d.h. Bundestagswahlen in der deutschen bzw. Präsidentschaftswahlen in der US-amerikanischen Literatur. Die Aussagen und Ergebnisse sind nicht ohne Weiteres auf Wahlen auf anderen politischen Ebenen übertragbar.

Da sich diese Arbeit jedoch mit dem politischen Informations- sowie dem Wahlverhalten bei je einer Kommunal-, Landtags-, Bundestags- und Europawahl befasst, ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Wahlverhalten auf allen Ebenen notwendig. Aufgrund der unterschiedlichen institutionellen Rahmenbedingungen und Wahlsysteme sowie der verschiedenen Rollen, die Parteien, politische Themen und Kandidaten für das Wahlverhalten auf den einzelnen Ebenen spielen, kann nicht angenommen werden, dass die Entscheidungsprozesse der Wähler identisch verlaufen.

Außerdem muss berücksichtigt werden, dass nicht nur jede Wahl mit ihren spezifischen Kontextfaktoren für sich steht. Das politische System Deutschlands besteht aus mehreren Ebenen, die durch das Prinzip des Föderalismus vielfältige Wechselwirkungen und Einflussbeziehungen zwischen der kommunalen, der Landes- und der Bundesebene aufweisen (vgl. Völkl, Schnapp, Holtmann & Gabriel 2008: 10f.). Mit der Europäischen Union ist darüber hinaus eine supranationale Ebene vorhanden, die nicht losgelöst vom nationalstaatlichen Kontext betrachtet werden kann. In einem solchen Mehrebenensystem bestehen vielschichtige Interdependenzen: Die großen politischen Parteien agieren in allen politischen Arenen und die Zuständigkeiten für politische Sachthemen liegen oftmals nicht nur auf einer Ebene. Es kann folglich weder von einer ebenenspezifischen Parteiidentifikation noch von eindeutig einer Ebene zuzuordnenden Issueorientierungen der Wähler ausgegangen werden. (vgl. Völkl 2009: 55; 64) Die Kandidatenorientierung scheint auf den ersten Blick der einzige ebenenspezifische Einflussfaktor zu sein. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass auch Politiker häufig auf verschiedenen Ebenen agieren. Sie üben z.B. mehrere Mandate aus (etwa als Landtagsabgeordneter und Mitglied des Stadtrates) oder werden als prominente (Bundes-)Politiker in Wahlkämpfe eingebunden, bei denen es nicht um ihr eigenes Mandat geht. Sogenannte Nebenwahlen[50] (vgl. Schmitt 2005: 651) werden außerdem sowohl von den Medien als auch von der Politik selbst häufig als Test- bzw. Stimmungswahlen die Bundespolitik betreffend angesehen (vgl. Völkl et al. 2008: 9). Zwei eindrucksvolle Beispiele hierfür gab Altbundeskanzler Gerhard Schröder: Er stilisierte die niedersächsische Landtagswahl 1998 zur Entscheidung über seine Kanzlerkandidatur bei der Bundestagswahl im selben Jahr. Das schlechte Ergebnis der SPD bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2005 führte er auf die Unzufriedenheit der Wähler mit der rot-grünen Bundesregierung zurück. Schröder stellte daraufhin die Vertrauensfrage, was die Auflösung des Bundestages und vorzeitige Neuwahlen nach sich zog. (vgl. Klein & Ohr 2008: 219)

Vor dem Hintergrund der hier geschilderten Eindrücke wird deutlich, dass Wahlentscheidungen nicht nur ein Produkt ebenenspezifischer Faktoren sind – auch die Einflüsse anderer politischer Ebenen müssen in die Analyse einbezogen werden. Dieses Ziel verfolgt das vorliegende Kapitel.[51]

3.2. Theoretische Grundlagen der Einflussbeziehungen zwischen politischen Ebenen und Wahlen

3.2.1. Wahlzyklus-Ansätze

Ausgangspunkt für die[52] Entwicklung der Wahlzyklus-Ansätze war die Beobachtung, dass die Partei des amtierenden US-Präsidenten bei Kongresswahlen, die in der Mitte der Wahlperiode stattfanden (sog. midterm elections) regelmäßig deutliche Stimmenverluste verzeichnen musste. Die Einbußen fielen stärker aus, als dies anhand der Ergebnisse der vorherigen und der darauffolgenden Präsidentschaftswahl zu erwarten gewesen wäre. Durch Studien auf der Basis von Zeitreihenanalysen konnte gezeigt werden, dass es sich um systematische Verluste handelte, die zyklisch in Abhängigkeit von der zeitlichen Positionierung einer Kongresswahl innerhalb der Wahlperiode auftraten. (vgl. Völkl 2009: 25) Der sog. electoral cycle (dt. Wahlzyklus) war entdeckt: Demnach erfreute sich die Partei des Präsidenten kurz nach ihrer Wahl einer großen Beliebtheit und erzielte bei zu diesem Zeitpunkt durchgeführten Kongresswahlen zum Teil sogar ein besseres Ergebnis als bei der Präsidentschaftswahl. Nach diesem kurzen Hoch verschlechterten sich ihre Popularitätswerte jedoch zusehends und erreichten ihren Tiefpunkt in der Mitte der Legislaturperiode. Zu diesem Zeitpunkt musste die Partei bei Kongresswahlen hohe Verluste hinnehmen. Danach erholten sich ihre Popularitätswerte wieder und stiegen im Vorfeld der nächsten Präsidentschaftswahl deutlich an. (vgl. Jeffery & Hough 2001: 76; 2003: 82; Völkl 2009: 26) Das schlechte Abschneiden der Präsidenten-Partei bei midterm elections war also keine Folge eines kontinuierlichen Ansehensverlustes, sondern folgte einem zyklischen Muster.

Völkl (ebd.) weist jedoch darauf hin, dass die Zeit als Messindikator nur eine beschreibende, aber keine erklärende Funktion hat. Der bloße Nachweis der Existenz eines Wahlzyklus’ sagt daher noch nichts über die Gründe für die Stimmenverluste aus. Einige Ansätze befassen sich mit der Erklärung dieser Popularitätseinbußen. Der Coattail-Ansatz geht davon aus, dass die Verluste darauf zurückzuführen sind, dass bei den Kongresswahlen der Präsident selbst nicht zur Wahl steht. Aufgrund der Wirkung eines populären und charismatischen Präsidenten sind möglicherweise auch Wähler, die normalerweise eine andere Partei bevorzugen, bereit, die Partei des Präsidenten zu wählen. Dieser Effekt greift bei midterm elections jedoch nicht bzw. weniger stark. (vgl. ebd.: 26f.)

Der Surge and Decline-Ansatz basiert auf der Annahme, dass es high und low-stimulus-Wahlen gibt. Präsidentschaftswahlen (und zeitgleich mit ihnen stattfindende Kongresswahlen) zählen zu den high-stimulus-Wahlen, midterm elections dagegen zu den low-stimulus-Wahlen. High-stimulus- sind gegenüber low-stimulus-Wahlen dadurch gekennzeichnet, dass die Wähler mehr Informationen über die Wahl erhalten und stärker dazu motiviert sind, ihre Stimme abzugeben. Die Wahlbeteiligung liegt daher in der Regel deutlich höher als bei low-stimulus-Wahlen. Außerdem neigen laut einer zweiten Grundannahme des Ansatzes die Wähler bei high-stimulus-Wahlen stärker dazu, für die Partei des erwarteten Wahlgewinners zu stimmen. Der Drang zu einem solchen opportunen Wahlverhalten ist bei low-stimulus-Wahlen durch ihre geringere Bedeutung schwächer ausgeprägt. Dadurch nähern sich die Ergebnisse der Präsidenten-Partei wieder einem Normal-Level an – die Partei verliert Stimmen. (vgl. ebd.: 28f.)

[...]


[1] Ein aktuelles Beispiel hierfür ist die Bürgerschaftswahl in Hamburg am 20.02.2011: Dort erzielte die SPD 48,3 Prozent, die CDU kam auf 21,9 Prozent der Stimmen (vgl. Spiegel online 2011). Zum Vergleich: Laut dem Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen vom Februar 2011 würde die SPD bundesweit lediglich die Stimmen von 29 Prozent der Wähler erhalten, die Union käme hingegen auf 36 Prozent.

[2] Zum Forschungsinteresse dieser Arbeit siehe ausführlicher Kapitel 5.

[3] Zum zeitlichen Ablauf des Wahljahres 2009 in Thüringen siehe Abschnitt 4.1. Die Untersuchungsanlage der vorliegenden Studie wird in Abschnitt 6.3. verdeutlicht.

[4] Da Kommunal- und Europawahl am selben Termin stattfanden, wurden zwar vier Wahlen untersucht, jedoch pro Teilnehmer nur drei Interviews geführt. Die Beschränkung auf Befragte mit Wohnsitz in Erfurt war u.a. notwendig, um eine Vergleichbarkeit des Kommunalwahlverhaltens zu gewährleisten.

[5] Eine Gegenüberstellung und Diskussion der drei Ansätze findet sich in Abschnitt 2.1.4.

[6] An dieser Stelle liegt der Fokus auf der mikrosoziologischen Perspektive. Zur makrosoziologischen Perspektive siehe Abschnitt 2.3.1. (soziales Umfeld und persönliche Lebenswirklichkeit).

[7] Daher wird die Untersuchung auch als Erie-County-Studie bezeichnet.

[8] D.h. die Probanden wurden im Laufe des Wahlkampfes mehrfach befragt, um individuelle Veränderungen beobachten zu können. Für das vorliegende Forschungsvorhaben hat sich die Autorin ebenfalls zur Durchführung einer Panel-Studie entschieden. Die methodische Vorgehensweise wird in Kapitel 6 beschrieben.

[9] Sog. Zwei-Stufen-Fluss (Two-Step-Flow), vgl. Abschnitt 2.4.3.

[10] D.h. der Annahme, „dass keine starken unmittelbaren Wirkungen der Massenmedien existieren, sondern mediatisierende Faktoren […] die Effekte modifizieren oder abschwächen“ (Dahlem 2001: 27).

[11] Nach dem Ort seiner Entstehung auch Michigan- oder Ann-Arbor-Ansatz genannt.

[12] Damit ist zum Beispiel gemeint, dass ein Wähler von sich sagt, dass er immer eher links wählt. Dabei ist er jedoch nicht auf eine Partei festgelegt, sondern entscheidet sich je nach Wahl sowie nach Themen- und Kandidatenangebot für unterschiedliche Parteien aus dem linken Spektrum.

[13] Wahlwerbung kann sowohl in den Bereich der massenmedialen Kommunikation (z.B. Anzeigen in der Zeitung, TV- und Radio-Spots) als auch in den Bereich der interpersonalen Kommunikation (z.B. Info-Stände, Wahlkampfveranstaltungen) fallen. Mit Wahlwerbung und Wahlverhalten befasst sich Abschnitt 2.4.2. ausführlicher.

[14] Hier bietet sich ein Anknüpfungspunkt zur Theorie der selektiven Zuwendung zu Medieninhalten: Um Widersprüche im eigenen Denken zu vermeiden, würden Wähler sich demzufolge vor allem Informationen zuwenden, die im Einklang mit ihren Vorstellungen stehen bzw. neue Informationen so interpretieren, dass sie sich in bereits vorhandene Vorstellungen einfügen lassen (vgl. Donsbach 1992: 64f.).

[15] Zum Beispiel weil er die Ansichten der einen, jedoch den Spitzenkandidaten der anderen Partei besonders schätzt, oder weil seine eigentlich favorisierte Partei für eine Koalition eintritt, die er nicht gut heißt.

[16] Vgl. Abschnitt 2.1.1.

[17] Es muss jedoch beachtet werden, dass selbst ein sehr starker Druck des sozialen Umfelds nicht automatisch mit der Wahlentscheidung des Individuums gleichzusetzen ist. Denn zumindest theoretisch bietet der Wahlvorgang durch seine Anonymität die Möglichkeit, sich unbemerkt gegen die durch das soziale Umfeld vorgeprägte Entscheidung auszusprechen.

[18] Dies sind die Konflikte zwischen Arbeit und Kapital, Stadt und Land, Zentrum und Peripherie sowie Staat und Kirche.

[19] D.h. dem Konflikt zwischen den DDR-Parteieliten, die de facto über die Produktionsmittel verfügten, und den Arbeitern, die keinen Zugriff darauf hatten. Somit wandten sich viele Arbeiter, die unter diesem Konflikt zu leiden hatten, nach der Wiedervereinigung der CDU zu, da diese als vehementeste Gegnerin der sozioökonomischen Ordnung in der DDR galt.

[20] Der Begriff geht auf Kirchheimer (1965) zurück und bezeichnet ursprünglich die großen Volksparteien, d.h. Parteien, deren politische Angebote sich an eine möglichst große, heterogene Gruppe von Wählern richten, die der gesellschaftlichen Mittelklasse angehören.

[21] Hierfür müssen Befragte „abstrakte Konzepte nennen und sie mit spezifischen politischen Problemen verbinden“ (Dahlem 2001: 99).

[22] D.h. je negativer Befragte den DDR-Sozialismus erlebt hatten, desto positiver sahen sie die Wiedervereinigung. Dies brachte oftmals eine positive Bewertung der CDU, die als Partei der Wiedervereinigung empfunden wurde, mit sich. Damit verbunden war dann meist eine Selbsteinstufung der Befragten als eher konservativ.

[23] Die Ergebnisse der dieser Arbeit zugrunde liegenden Untersuchung lassen vermuten, dass dies besonders dann bedeutsam ist, wenn einer Wahl kein hoher Stellenwert zugeschrieben wird und die Informationskosten verhältnismäßig hoch sind, wie dies z.B. bei der Europawahl der Fall war. Die Befragten waren dann eher geneigt, „einfach die Partei zu wählen, die man meistens wählt“ (vgl. Abschnitte 2.1.3. zum Rational-Choice-Ansatz und 7.1.2. zum Wahlverhalten bei der Europawahl).

[24] Dies symbolisiert auch der Feedbackprozess im in Kapitel 2.2. vorgestellten Erklärungsmodell.

[25] D.h. als „summarisches Urteil über die Parteien, das sich aus der aktuellen Politik und deren Vermittlung an die Wähler ergibt“ (Dahlem 2000: 93). Hier bieten sich Anknüpfungspunkte zum Konzept des „running tally“ (vgl. Fiorina 1981), d.h. zum Einfluss retrospektiver Leistungsbewertungen der Parteien, und somit zum Rational-Choice-Ansatz (vgl. Pappi et al. 2007: 73).

[26] Vgl. hierzu den Feedbackprozess im Erklärungsmodell in Kapitel 2.2 sowie Abschnitt 2.4.1.2. zu Medienwirkungen auf langfristige Einflussfaktoren.

[27] Den Ergebnissen von Krumpal & Vatter (2008: 97) zufolge spielt die Einschätzung der allgemeinen, d.h. gesamtgesellschaftlichen wirtschaftlichen Lage dabei eine größere Rolle als die Wahrnehmung der persönlichen wirtschaftlichen Situation.

[28] Noelle-Neumann versteht die Theorie der Schweigespirale daher auch als Verbindungsstück zwischen Massen- und interpersonaler Kommunikation. Sie schreibt, „die Schweigespirale ist gestützt auf persönliche Kommunikation, in der Regel allerdings hochgetragen von Massenmedien“ (Noelle-Neumann 1999: 203).

[29] Dadurch liefern die Massenmedien auch Informationen für ein taktisches Wahlverhalten. Das massenmedial wahrgenommene Meinungsklima lässt Schlüsse darüber zu, wie stark die Meinungslager sind (vgl. Roessing 2007: 212) und wie realistisch damit Wahlerfolge von Parteien sowie das Zustandekommen bestimmter Koalitionen sind. Dies ermöglicht es den Wählern, sich entsprechend zu verhalten, um bestimmten Konstellationen an die Macht zu verhelfen, andere zu verhindern oder aber die eigene Stimme „nicht zu verschenken“ (vgl. auch Abschnitt 2.1.3. zum Rational-Choice-Ansatz und 2.3.6. zu Koalitionsorientierung und taktischem Wählen).

[30] Aufgrund des begrenzten Umfangs der vorliegenden Arbeit kann hier ausschließlich auf inhaltliche Kritikpunkte eingegangen werden. Einen Überblick über methodische Einwände gegen gibt Roessing (2007).

[31] D.h. der Projektion der eigenen Meinung auf das Meinungsklima (vgl. Schenk 1995: 212). Schenk geht folglich davon aus, dass Menschen in der Regel zu der Annahme tendieren, dass in ihrem sozialen Umfeld die von ihnen vertretene Meinung vorherrscht.

[32] Ein solches Wahlverhalten konnte in den dieser Arbeit zugrunde liegenden Interviews mehrfach beobachtet werden, so z.B. wenn bei der Landtagswahl SPD-Anhänger ihre bevorzugte Partei nicht wählen wollten, um nicht möglicherweise einer Koalition mit der Partei Die Linke an die Macht zu verhelfen (siehe ausführlicher Abschnitt 7.1.4.5.)

[33] Diese sind jedoch nur ein mögliches Motiv. Denkbar ist auch, dass Wähler mit der Erststimme ihre Sympathie für einen Direktkandidaten ausdrücken, auch wenn dieser nicht ihrer eigentlich bevorzugten Partei angehört.

[34] So zeigt z.B. Johann (2009: 399), dass der Anteil der Wähler, die bei Bundestagswahlen ihre Stimmen splitten, von 15,6 Prozent im Jahr 1990 kontinuierlich bis auf 23,9 Prozent im Jahr 2005 gestiegen ist.

[35] vgl. Abschnitt 2.4.1.1.1. zur Priming-Theorie.

[36] Mit den Wirkungen der Medienberichterstattung und insbesondere von TV-Duellen auf die Vorstellungen von den Kandidaten beschäftigt sich Abschnitt 2.4.1.1.2. eingehender.

[37] Auch als Issueorientierung bezeichnet; beide Begriffe werden in dieser Arbeit synonym verwendet.

[38] Daneben gibt es noch verschiedene andere Unterscheidungen von Issuetypen, unter anderem: spezifische versus allgemeine Themen und langfristige versus kurzfristige Themen (vgl. Dahlem 2001: 123f.).

[39] In der „American-Voter“-Studie wurde z.B. davon ausgegangen, dass der Wähler Issues wahrnehmen, eine Meinung dazu haben, diese mit Maßnahmen der Regierung assoziieren, die Issue-Positionen von Parteien und Kandidaten kennen und seine Wahlentscheidung darauf stützen muss (vgl. Dahlem 2001: 149).

[40] Unter diesem Begriff werden in der vorliegenden Arbeit massenmediale und interpersonale Kommunikation sowie Wahlwerbung zusammengefasst.

[41] In seiner ursprünglichen Form untersucht der Agenda-Setting-Ansatz die hier dargestellte Wirkung der Medien- auf die Publikumsagenda (vgl. Schulz 2008: 146). Heutzutage werden jedoch auch Wechselwirkungen zwischen Medien-, Publikums- und Politikagenda betrachtet, etwa unter dem Schlagwort „Agenda-Building“ die Untersuchung des Zustandekommens der Medienagenda. Einen ausführlichen Überblick über die verschiedenen Forschungsperspektiven gibt Rössler (1997).

[42] Dies wird im ursprünglichen Agenda-Setting-Ansatz, der sich auf Publikationshäufigkeiten und andere formale Kriterien (z.B. Platzierung) konzentriert, ausgeblendet.

[43] Dies wird in der Literatur (vgl. z.B. Ghanem 1997: 4) auch als second level agenda-setting bezeichnet.

[44] Diese Vorstellungen beruhen laut Kepplinger et al. (1994: 149) wesentlich auf bildlichen Informationen. Die Autoren stellten oftmals Diskrepanzen zwischen visuellen und verbalen Informationen fest und schlussfolgerten, dass Bildinformationen Mittel einer „fernsehspezifischen Rhetorik [sein können], Meta-Informationen, die Aussagen relativieren, kommentieren oder gar dementieren“ (ebd.: 66).

[45] Mit dem Begriff „Videomalaise“ wird daher auch ein negatives Bild des politischen Systems und schwindendes politisches Interesse aufgrund der Nutzung des Fernsehens als (einziger) Informationsquelle bezeichnet (vgl. Schulz 2008: 197).

[46] Die Bezeichnung free media ist daher irreführend: Free media bedeutet nicht, dass den Parteien keine Kosten entstehen. Zwar zahlen sie nicht direkt für die Präsenz in den Medien, die professionelle politische PR verfügt jedoch oftmals über ein beträchtliches Budget, mit dem medienwirksame Veranstaltungen organisiert und Kampagnen geplant werden.

[47] Untersucht wurden Plakate, Zeitungsanzeigen und TV-Spots, d.h. durchweg paid media.

[48] Die Meinungsführer wurden charakterisiert als besonders stark am Wahlkampf und an Politik im Allgemeinen interessierte Bürger, die gleichzeitig eine intensive Mediennutzung aufwiesen. Sie diskutierten oft über Politik und wurden von den Menschen in ihrem sozialen Umfeld häufig um Rat gebeten. (vgl. Jäckel 2008: 113)

[49] Einen Überblick über Kritikpunkte und Modifikationen gibt Weimann (1994: 239ff.).

[50] Zur Unterscheidung in Haupt- und Nebenwahlen siehe ausführlicher Abschnitt 3.2.2.

[51] Der Fokus liegt hier auf den theoretischen Grundannahmen der Ansätze. Der aktuelle Forschungsstand in Bezug auf die verschiedenen Wahlen wird in Abschnitt 3.3. dargestellt.

[52] Da die Entwicklung der Wahlzyklus-Ansätze auf Beobachtungen bei US-Wahlen basiert, werden hier die Begriffe „Präsident“ bzw. „Präsidentschaftswahlen“ verwendet. Die theoretischen Annahmen sind jedoch auch auf politische Systeme außerhalb der USA übertragbar. Der Begriff „Präsident“ kann dann durch „Regierungschef“, die „Präsidentschaftswahl“ durch die jeweilige nationale Hauptwahl ersetzt werden.

Ende der Leseprobe aus 200 Seiten

Details

Titel
Ist Wahl gleich Wahl? Eine qualitative Untersuchung zu Wahlverhalten und politischer Information im "Superwahljahr" 2009 in Thüringen
Hochschule
Universität Erfurt  (Seminar für Medien und Kommunikation)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
200
Katalognummer
V434771
ISBN (eBook)
9783668772403
ISBN (Buch)
9783668772410
Dateigröße
1666 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahlentscheidung, Wahlentscheidungsmodelle, Wahlentscheidung im Mehrebenensystem, Einfluss von Wahlergebnissen auf Wahlentscheidungen, Europawahl, Kommunalwahl, Landtagswahl, Bundestagswahl, Mehrfachwahlsituation, Superwahljahr, Deutschland, Thüringen, Befragung, qualitative Befragung, Interviews
Arbeit zitieren
Kirsten Petzold (Autor), 2011, Ist Wahl gleich Wahl? Eine qualitative Untersuchung zu Wahlverhalten und politischer Information im "Superwahljahr" 2009 in Thüringen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434771

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