Beim Islamismus handelt es sich um ein vielschichtiges Gebilde. Es gibt eine kaum zu überblickende Anzahl islamistischer Gruppierungen. Ihre Mitglieder sind oft transnational vernetzt, was es den westlichen Staaten, gegen welche die islamistische Ideologie ausgerichtet ist, erschwert gegen sie vorzugehen. Durch islamistisch-terroristische Anschläge, wie die vom elften September 2001, das Attentat auf Charlie Hebdo oder die Anschläge am Brüsseler Flughafen setzt sich in den Köpfen vieler Menschen eine allgemeine Skepsis gegenüber dem Islam fest, basierend auf einem Mangel an Wissen über die Unterscheidung zwischen Islam und seinen extremistischen Ausprägungen sowie deren Entstehungshintergründen, weshalb Aufklärungsarbeit in diesem Bereich von großer Wichtigkeit ist, um Angst und Intoleranz innerhalb der Gesellschaft vorzubeugen.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit Ursprüngen des Islamismus und damit, welche Faktoren in besonderem Maße zur Entstehung des Feindbilds „Antiwestlertum“ beigetragen haben. Aufgrund der Pluralität an islamistischen Strömungen kann dies nur exemplarisch dargelegt werden. Der Betrachtungszeitraum ist das 20. Jahrhundert, in dem Vereinigungen gegründet wurden, aus denen sich die modernen Erscheinungsformen des Islamismus entwickelten, wie wir sie heute vorfinden. Da eine Schwierigkeit bei der Beschäftigung mit dem Thema darin besteht, dass es sich um ein komplexes Phänomen handelt, dass selbst in der Fachliteratur unter verschiedenen Begriffen geführt wird, wird mit einer Definition der Begriffe begonnen, die in der Arbeit verwendet werden. Im Anschluss daran, soll durch den Blick auf Schlüsselereignisse gezeigt werden, was zur Entstehung und Entwicklung des Islamismus zu einem weltpolitischen Faktor geführt hat und inwiefern dies mit der Abneigung von Islamisten gegenüber der „westlichen Welt“ zusammenhängt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffserklärung und Ideologie
2.1 Die islamistische Ideologie und ihre Feindbilder
2.2 Diskussion des Begriffs Fundamentalismus zur Beschreibung islamistischer Ideen
2.3 Terrorismus als extremste Erscheinungsform des Islamismus
3. Ursprünge des Islamismus
3.1 Gründung der Muslimbruderschaft
3.2 Splittergruppen der Muslimbruderschaft
3.2.1 Palästinensischer Islamischer Djihad
3.2.2 Die HAMAS
3.3 Die Entstehung der PLO
3.4 Auswirkungen des Sechs-Tage-Kriegs auf das Selbstverständnis der arabischen Bevölkerung
3.5 Veränderungen des Selbstbilds der Islamisten
4. Faktoren, die zur Ausbildung des Feindbilds „Antiwestlertum“ beitrugen
4.1 Koloniale Expansion des Westens in der islamischen Welt
4.2 Westlicher Einfluss auf die Entwicklung des Nahost-Konflikts
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die historischen Wurzeln und ideologischen Grundlagen des Islamismus im 20. Jahrhundert, mit einem speziellen Fokus auf die Entstehung des Feindbilds „Antiwestlertum“ als zentrales Motiv radikaler Bewegungen.
- Grundlegende Begriffsbestimmungen von Islamismus, Fundamentalismus und Terrorismus.
- Analyse der Entstehung bedeutender islamistischer Organisationen, insbesondere der Muslimbruderschaft.
- Untersuchung der Auswirkungen von Nahost-Konflikten und kolonialen Erfahrungen auf das Selbstverständnis der Islamisten.
- Hintergründe der ideologischen Abgrenzung vom Westen und der Ausbildung spezifischer Feindbilder.
Auszug aus dem Buch
3.1 Gründung der Muslimbruderschaft
Durch die Entstehung von Spannungen und wirtschaftlichen Problemen geriet die islamische Welt Ende der 1920er Jahre in eine „Sinnkrise“. Zu dieser Zeit gewann die Salafiyya, eine Reformbewegung gegen säkular orientierte Muslime, die im 19. Jahrhundert entstand und den Islam durch eine Rückführung auf seine Ursprünge modernisieren wollte, wieder an Bedeutung. Allerdings nicht in ihrer ursprünglichen Form, sondern in Form einer Neuauslegung, die für eine Politisierung des Islams sorgte, mit dem Ziel, die Moderne zu islamisieren, um dadurch den angeprangerten Zustand des Unglaubens zu beseitigen.
Auch wenn die Entwicklung erster islamistischer Ideen bereits auf das 19./20. Jahrhundert zurückgeht, wird die Gründung der Muslimbruderschaft 1928 und die Entstehung ihrer zahlreichen Ableger als eine der wichtigsten Stationen auf dem Weg zum modernen Islamismus betrachtet. Die Muslimbruderschaft, die von dem Lehrer Hassan al-Banna gegründet wurde, ist eine sunnitisch-islamistische Vereinigung, die durch den Ausbau eines Netzwerks an sozialen und ökonomischen Aktivitäten und der Ausbildung einer Art Militärapparat, zu einem der größten Einflussfaktoren in Ägypten wurde. Sie orientierte sich zunächst an den Vordenkern des islamistischen Modernismus Jamal ad-Din al-Afghani und Muhammad Abduh. In Abgrenzung zu ihnen richtete sich die Muslimbruderschaft unter al-Banna aber nicht nur an Eliten, sondern an Menschen mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Status, wodurch sie Anziehung auf die breite Masse hatte, für die der Islam erstmals nicht nur ein Ideal, sondern eine Ideologie darstellte. Einer der wichtigsten Akteure der Muslimbruderschaft und bedeutender Ideologe für die meisten Islamisten ist Sayyid Qutb, der maßgeblich zur Entstehung eines radikalen bzw. militanten Zweigs der Muslimbruderschaft beigetragen hat. Qubt war unter der Nasser-Regierung von 1954 bis 1964 inhaftiert, bevor er 1966 gehängt und damit zum Märtyrer wurde. Im Gefängnis verfasste er die Schrift „Zeichen auf dem Weg“, die zur Grundlage der islamistischen Bewegung wurde. In der Schrift, die eine Art Aufruf zum Kampf gegen die Unterdrückung von Muslimen und die Herrschaft Ungläubiger darstellt, kritisiert Qutb auf radikale Weise den Westen, den Kapitalismus, den Sozialismus und das traditionelle arabische Regime und propagiert den Weg zu einem Gottesstaat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die Komplexität des Islamismus als weltweites Phänomen und definiert das Ziel, die Ursachen für das Feindbild „Antiwestlertum“ im 20. Jahrhundert zu untersuchen.
2. Begriffserklärung und Ideologie: Dieses Kapitel differenziert die Begriffe Islamismus, Fundamentalismus und Terrorismus und erläutert die ideologische Zentrierung auf Feindbilder.
3. Ursprünge des Islamismus: Hier werden die Gründung der Muslimbruderschaft und deren Einfluss auf die Entstehung weiterer radikaler Gruppierungen sowie der Einfluss des Nahost-Konflikts analysiert.
4. Faktoren, die zur Ausbildung des Feindbilds „Antiwestlertum“ beitrugen: Das Kapitel beleuchtet koloniale Erfahrungen und den westlichen Einfluss auf den Nahost-Konflikt als Ursprung für das Feindbild „Westen“.
5. Schluss: Der Schlussteil fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit, das komplexe Phänomen Islamismus zur Vermeidung von Missverständnissen gesellschaftlich intensiver zu betrachten.
Schlüsselwörter
Islamismus, Muslimbruderschaft, Antiwestlertum, Nahost-Konflikt, Fundamentalismus, Terrorismus, Sayyid Qutb, Sechs-Tage-Krieg, Kolonialismus, Ideologie, Feindbild, Radikalisierung, Scharia, Islamische Welt, Politische Geschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historischen Ursprünge und die ideologische Ausrichtung des Islamismus im 20. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Schwerpunkten zählen die Entstehung islamistischer Gruppierungen, die Rolle von Konflikten im Nahen Osten und die Ausbildung spezifischer Feindbilder gegenüber westlichen Werten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuvollziehen, welche Faktoren in besonderem Maße zur Entstehung des Feindbildes „Antiwestlertum“ innerhalb der islamistischen Ideologie beigetragen haben.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Autorin nutzt eine theoretische Literaturanalyse sowie eine historische Untersuchung von Schlüsselereignissen des 20. Jahrhunderts, um die Entwicklung islamistischer Strömungen darzulegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Entstehung der Muslimbruderschaft, der Analyse von Splittergruppen wie Hamas und dem Islamischen Djihad sowie der Wirkung des Nahost-Konflikts auf das Selbstbild der Islamisten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Islamismus, Muslimbruderschaft, Antiwestlertum, Nahost-Konflikt und Radikalisierung treffend beschrieben.
Warum ist Sayyid Qutb für die in der Arbeit untersuchte Ideologie so bedeutend?
Er gilt als einer der wichtigsten Ideologen für Islamisten; seine im Gefängnis verfasste Schrift „Zeichen auf dem Weg“ wurde zum grundlegenden Werk für radikale islamistische Bewegungen.
Welche Rolle spielten die Kriege des 20. Jahrhunderts für das Selbstbild der Islamisten?
Ereignisse wie der Sechs-Tage-Krieg von 1967 oder der Oktoberkrieg 1973 führten zu einschneidenden Veränderungen in der Selbstwahrnehmung und verstärkten das Gefühl der Benachteiligung durch den Westen.
Welche Bedeutung kommt der iranischen Revolution von 1979 in diesem Kontext zu?
Die Revolution im Iran wird als ein entscheidender Emanzipationsprozess gesehen, der das Selbstvertrauen der Islamisten stärkte und maßgeblich zur Entwicklung des Islamismus zum weltpolitischen Faktor beitrug.
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- Laura Federmann (Author), 2018, Ursprünge und Ideologie des Islamismus im 20. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434776