Die Rolle der Frau im Grimm'schen Märchen "Die zwölf Brüder" (KHM 9)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Frauenrollen des 19. Jahrhunderts

3. Frauenrollen in KHM 9

4. Einflussnahme durch die Brüder Grimm auf die Märchen und ihre ZeitgenossInnen

5. Reflexion

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Betrachtet man die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen (KHM) der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm genauer fällt auf, dass in einem Großteil der Märchen die Protagonisten weiblich sind. Sie treten als Heldinnen der Erzählung auf, obwohl dies in völligem Widerspruch zu dem weiblichen Rollenideal der damaligen Zeit stand.

In der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts hatten Frauen eine passive, zurückhaltende Rolle einzunehmen, die sich vor allem auf einen inneren Wirkungsbereich, d.h. die Familie und den Haushalt, beschränkte.

Aus diesem Grund stellt sich die Frage, welche weiblichen Rollenbilder in den Grimm’schen Märchenerzählungen überhaupt auftraten? Wie wurden sie charakterisiert? Und erfüllten die Märchenheldinnen der KHM noch das biedermeierlich geprägte Frauenbild ihrer Zeit?

Welchen Einfluss hatten die dargestellten Frauentypen auf ihre Zeitgenossinnen?

Dies soll anhand des Märchens Die zwölf Brüder (KHM 9) genauer beleuchtet werden.

Die Erzählung selbst handelt von einer Königstochter, deren zwölf Brüder aufgrund ihrer Geburt vom eigenen Vater zum Tode verurteilt werden und daher fliehen müssen. Einige Jahre später macht sich das Mädchen selbst auf, um ihre Brüder zu finden. Aufgrund unglücklicher Umstände macht sie sich jedoch selbst schuldig an ihrer Verwandlung in Raben und muss von nun an sieben Jahre lang schweigen, um sie wieder zu erlösen. Im weiteren Verlauf der Handlung heiratet sie einen König, dessen Mutter sie aufgrund ihrer Schweigsamkeit verleumdet und dadurch letztendlich ihren Tod heraufbeschwört. Glücklicherweise sind die sieben Jahre des Schweigens in letzter Minute um und sie wird von ihren Brüdern gerettet. Das Missverständnis kann sich aufklären und sie leben alle glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Darüber hinaus weist der Text inhaltliche Bezüge zu den Geschwistermärchen Die sechs Schwäne (KHM 25) und Die sieben Raben (KHM 49) auf, die ebenfalls von der Erlösung in Tiergestalt verwandelter Brüder durch die eigene jüngere Schwester handeln. Jedoch werden die Ursachen für die Verwandlung und die Bedingungen zur Erlösung unterschiedlich dargestellt.

Da der Stoff und die ähnlichen Frauenfiguren von den Brüdern Grimm so oft behandelt wurden, stellt sich die Frage, ob dahinter ein bestimmtes Rollenbild transportiert werden soll?

Dass die Brüder Grimm in ihrer Denkweise zu Frauen bei der Arbeit an ihren Werken auch durch die Gesellschaft, ihr persönliches Umfeld und die damals geltenden Normen beeinflusst wurden, ist unvermeidlich.

Jedoch bleibt offen, inwieweit Jakob und Wilhelm Grimm sich den Vorstellungen bzw. Normen ihrer Zeit angepasst haben oder ob sie viel mehr eine fortschrittliche Denkweise gezeigt haben?

Im Rahmen dieser Arbeit soll diese Fragen genauer beleuchtet werden.

2. Frauenrollen des 19. Jahrhunderts

Die Sammlung, Bearbeitung und Edition der Kinder- und Hausmärchen umschloss eine Zeit großer gesellschaftlicher und struktureller Umbrüche.

Die sogenannte Zeit des Biedermeiers, d.h. die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, brachte vor allem für die bürgerliche Gesellschaft eine Neudefinition der Geschlechterrollen mit sich, da eine strikte Trennung der Geschlechter als Lösung für die Probleme und Verunsicherungen durch die veränderte wirtschaftliche Situation der Industrialisierung angesehen wurde.[1] Gerade für die Frauen des Bürgertums stellte dieser Wandel nach der frühromantischen Phase der Hinwendung zum weiblichen Auftreten in der Öffentlichkeit einen Rückschritt in Bezug auf ihre Einflussmöglichkeiten dar.

Denn mit Beginn des Biedermeiers wurden die Geschlechterverhältnisse auf der Basis einer konstruierten biologischen Differenz festgemacht, welche auch Auswirkungen auf das gesamte gesellschaftliche Leben hatte.[2] Dies bedeutete, dass das Ordnungsprinzip der Geschlechter allein anhand ihrer biologischen Gegebenheiten, d.h. ihre Zeugungsveranlagungen, bestimmt wurde. Folglich „baut auch die gesellschaftliche Arbeitsteilung auf der Geschlechterdifferenz auf, indem sie Männer auf Produktion und Öffentlichkeit, Frauen auf Reproduktion und Häuslichkeit verweist. Damit vollzieht die Gesellschaft den Plan der Natur [bzw. den Plan Gottes...].“[3]

Vor allem die gesellschaftliche Stellung der Frau ist nun klar definiert. Die von der Natur determinierten Unterschiede zwischen Mann und „Weib“ machen „eine völlige Gleichstellung der Geschlechter für alle Zeiten unmöglich.“[4] Der Mann als aktiver, selbstständiger und vernunftbegabter Mensch ist als Ernährer und Rechtsvertreter der Familie für deren Repräsentation nach Außen verantwortlich. Ihm steht die alleinige politische Einflussnahme zu.[5]

Die Lebens- und Wirkungssphäre der Frau hingegen wurde voll und ganz auf ihr Familienleben als Gattin, Hausfrau und Mutter reduziert. „Hinzu kommt, daß die besonderen Geschlechtsfunktionen, die den Frauen zufallen, ihre Stellung von vorneherein zu einer mehr gebundenen machen, ihnen das unbegrenzte Maß freier Beweglichkeit, dessen der Mann sich erfreut, für immer im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben versagen.“[6] Somit werden Frauen aufgrund ihrer Gebärfähigkeit mehr oder weniger vollständig mit ihrem „Geschlecht“ identifiziert.

Gleichzeitig führte der Ausschluss der Frau aus dem öffentlichen Leben zu einer Idealisierung ihrer Rolle als Mutter und brachte ihr zumindest in diesem Bereich mehr Anerkennung - selbstverständlich nur solange, wie sie der gesellschaftlichen Vorstellung von Mütterlichkeit sowie den damit verbundenen Pflichten auch nachkam.

Denn „[d]ie gute Frau war eine gute Mutter, ehrbar, verheiratet, fruchtbar und vor allen Dingen fromm, gehorsam, keusch und schweigsam. Die Bürgerfrau mit ihren häuslichen Tugenden wurde schließlich zum Vorbild aller Frauen. Sie wurde zur „naturgegebenen Hüterin der Moral“ erklärt, und von ihrer Erziehungsart „hänge das Schicksal der Familie und der Gesellschaft ab.“[7]

Trotz allem galten die neu geltenden Geschlechter- und Familienideale zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausschließlich für das Bürgertum, denn die ökonomische Situation in den niedrigeren Schichten des Proletariats erforderte das Erwerbseinkommen aller Familienmitglieder – männlich und weiblich.[8]

Des Weiteren war „[d]ie ausgeprägte Differenz zwischen Frauen und Männern, zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit [...] eines der wichtigsten Erkennungs- und Distriktionszeichen, mit denen sich das Bürgertum des späten 18. und 19. Jahrhunderts von anderen sozialen Klassen und Schichten zu unterscheiden suchte.“[9]

[...]


[1] Vgl. Lehnert, Nicole: Brave Prinzessin oder freie Hexe? Zum bürgerlichen Frauenbild in den Grimmschen Märchen. Münster 1996, S. 6.

[2] Vgl. Nestvogel, Renate: Aufwachsen in verschiedenen Kulturen. Weibliche Sozialisation und Geschlechterverhältnisse in Kindheit und Jugend. Weinheim 2002, S. 44.

[3] Frevert, Ute: Mann und Weib, und Weib und Mann. Geschlechter-Differenzen in der Moderne. München 1995, S. 21.

[4] Ebd., S. 38.

[5] Vgl. Feustel, Elke: Rätselprinzessin und schlafende Schönheiten. Typologie und Funktion der weiblichen Figuren in dem Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Hildesheim 2004, S. 88.

[6] Meyer, Joseph (Hrsg.): Das große Conversations-Lexicon für die gebildeten Stände. Bd. 12. Hildburghausen 1848, S. 749f.

[7] Vgl. Blaha-Peillex, Nathalie: Mütter und Anti-Mütter in den Märchen der Brüder Grimm. Tübingen 2008, S.17.

[8] Vgl. Feustel, Elke: Rätselprinzessin und schlafende Schönheiten, S. 83.

[9] Frevert, Ute: Mann und Weib, und Weib und Mann, S. 140.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Frau im Grimm'schen Märchen "Die zwölf Brüder" (KHM 9)
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm zwischen Poesie und Erziehung
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V434855
ISBN (eBook)
9783668762657
ISBN (Buch)
9783668762664
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brüder Grimm, KHM, Kinder- und Hausmärchen, Germanistik, Märchen, Die zwölf Brüder, Die sieben Raben, Die sechs Schwäne, KHM 9, KHM 25, KHM 49, Frauenrollen 19. Jahrhundert, Geschlechterrollen, Frauen im Märchen, Deutschunterricht, Erzählungen
Arbeit zitieren
Sophia Wagner (Autor), 2017, Die Rolle der Frau im Grimm'schen Märchen "Die zwölf Brüder" (KHM 9), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434855

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