Betrachtet man die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm genauer, fällt auf, dass in einem Großteil der Märchen die Protagonisten weiblich sind. Sie treten als Heldinnen der Erzählung auf. Dies stand dabei in völligem Widerspruch zu dem weiblichen Rollenideal der damaligen Zeit.
In der bürgerlichen Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts hatten Frauen eine passive, zurückhaltende Rolle einzunehmen, die sich vor allem auf einen inneren Wirkungsbereich, das heißt die Familie und den Haushalt, beschränkte.
Aus diesem Grund stellt sich die Frage, welche weiblichen Rollenbilder in den Grimm’schen Märchenerzählungen überhaupt auftraten? Wie wurden sie charakterisiert? Und erfüllten die Märchenheldinnen der KHM noch das biedermeierlich geprägte Frauenbild ihrer Zeit? Welchen Einfluss hatten die dargestellten Frauentypen auf ihre Zeitgenossinnen?
Dies soll anhand des Märchens "Die zwölf Brüder" (KHM 9) genauer beleuchtet werden.
Dabei weist der Text inhaltliche Bezüge zu den Geschwistermärchen "Die sechs Schwäne" (KHM 25) und "Die sieben Raben" (KHM 49) auf, die ebenfalls von der Erlösung in Tiergestalt verwandelter Brüder durch die eigene jüngere Schwester handeln. Jedoch werden die Ursachen für die Verwandlung und die Bedingungen zur Erlösung unterschiedlich dargestellt. Da der Stoff und die ähnlichen Frauenfiguren von den Brüdern Grimm so oft behandelt wurden, stellt sich die Frage, ob dahinter ein bestimmtes Rollenbild transportiert werden soll. Jedoch bleibt offen, inwieweit Jakob und Wilhelm Grimm sich den Vorstellungen bzw. Normen ihrer Zeit angepasst haben oder ob sie vielmehr eine fortschrittliche Denkweise gezeigt haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Frauenrollen des 19. Jahrhunderts
3. Frauenrollen in KHM 9
4. Einflussnahme durch die Brüder Grimm auf die Märchen und ihre ZeitgenossInnen
5. Reflexion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, welche weiblichen Rollenbilder in den Märchen der Brüder Grimm – speziell anhand des Märchens "Die zwölf Brüder" (KHM 9) – vermittelt werden und inwieweit diese den gesellschaftlichen Normen des 19. Jahrhunderts entsprechen. Es wird analysiert, ob die Märchenfiguren als Abbild des biedermeierlichen Frauenideals fungieren oder fortschrittliche Tendenzen aufweisen und wie die Brüder Grimm durch ihre Textbearbeitungen aktiv auf die Konstruktion dieser Geschlechterbilder Einfluss nahmen.
- Weibliche Rollenbilder im 19. Jahrhundert
- Analyse der Protagonistin in "Die zwölf Brüder" (KHM 9)
- Die Rolle der Mutterfiguren in Grimms Märchen
- Einfluss der Brüder Grimm auf die Ausgestaltung von Frauenrollen
- Wechselwirkung zwischen literarischen Darstellungen und gesellschaftlichen Idealen
Auszug aus dem Buch
3. Frauenrollen in KHM 9
Auch die Textsammlung der Kinder- und Hausmärchen von Jakob und Wilhelm Grimm ist geprägt durch diese gesellschaftlichen Umbrüche. Das Werk der Brüder besitzt in Bezug auf das Frauenbild sowohl romantische als auch biedermeierliche Züge, die sich zum Teil überschneiden bzw. gleichzeitig nebeneinander verlaufen. Auf den ersten Blick erscheinen viele der Märchentexte sehr stark nach den biedermeierlichen Idealvorstellungen ausgerichtet. Dieser Umstand, auf den in dieser Arbeit noch an anderer Stelle genauer eingegangen wird, ist der stetigen Bearbeitung vor allem durch Wilhelm Grimm geschuldet. Im Rahmen der generellen Textüberarbeitung der KHM wurden die Märchen auch dem romantisch und biedermeierlich geprägten Zeitgeschmack der LeserInnen angepasst - ebenso wie in dem Märchen Die zwölf Brüder (KHM 9). In dieser Märchenerzählung begegnet der/die LeserIn einer Protagonistin, die alle Attribute des biedermeierlichen Weiblichkeitsideals in sich zu vereinen scheint.
Ihr junges Erscheinungsbild wird als „gar schön“ beschrieben und sie „hatte einen goldenen Stern auf der Stirne.“ Selbst der König „war so entzückt über ihre Schönheit daß er hinauf rief, ob sie seine Gemahlin werden wollte.“ Hinzu kommt, „[d]ie Schönheit der Jungfrauen verbildlicht gleichzeitig auch ihre hervorragenden inneren Werte, denn die Textgestaltung des Märchens tendiert generell dazu, das innere Wesen möglichst in das Äußere zu übersetzen.“ Schon zu Beginn der Erzählung besticht das Mädchen durch ihre moralische Tugendhaftigkeit. Obwohl sie ihre zwölf Brüder noch nie in ihrem Leben getroffen hat und auch erst seit kurzem von deren Existenz weiß, fühlt sie sich verpflichtet ihre Brüder zu suchen, um einerseits den Schmerz der Mutter zu beenden und anderseits das durch den Vater angetane Unrecht zu bereinigen. Daran lassen sich nicht nur ihr Mitgefühl und ihre Hilfsbereitschaft erkennen, sondern auch ihre Selbstlosigkeit, die auch im weiteren Verlauf der Erzählung ihr Handeln bestimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problemstellung ein und erläutert die Fragestellung nach den weiblichen Rollenbildern in den "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm anhand des Beispiels von KHM 9.
2. Frauenrollen des 19. Jahrhunderts: Dieses Kapitel skizziert die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Biedermeiers und die damit verbundene strikte Geschlechtertrennung, die Frauen auf den häuslichen Bereich festlegte.
3. Frauenrollen in KHM 9: Hier wird die Protagonistin von "Die zwölf Brüder" analysiert und mit dem zeitgenössischen Weiblichkeitsideal sowie den verschiedenen Muttertypen im Märchen verglichen.
4. Einflussnahme durch die Brüder Grimm auf die Märchen und ihre ZeitgenossInnen: Das Kapitel untersucht, wie Wilhelm Grimm durch redaktionelle Eingriffe und die bewusste Wortwahl gezielt Einfluss auf die Darstellung von Frauenrollen nahm, um sie den Erziehungsvorstellungen des Bürgertums anzupassen.
5. Reflexion: Die Reflexion fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert die ambivalente Rolle der Heldin sowie die langfristige Wirkung der schriftlichen Fixierung dieser Rollenbilder auf nachfolgende Generationen.
Schlüsselwörter
Brüder Grimm, KHM 9, Die zwölf Brüder, Frauenrollen, 19. Jahrhundert, Biedermeier, Geschlechterideal, Mütterlichkeit, Stiefmutter, Textbearbeitung, Weiblichkeit, Literaturanalyse, Märchenfiguren, Rollenbilder, Sozialisation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Darstellung und Konstruktion weiblicher Rollenbilder in den "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm, insbesondere am Fallbeispiel des Märchens "Die zwölf Brüder".
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Zu den Schwerpunkten gehören das bürgerliche Frauenbild im 19. Jahrhundert, die literarische Ausgestaltung von Märchenheldinnen und der redaktionelle Einfluss der Brüder Grimm auf die Textinhalte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu analysieren, ob die Märchenfiguren als bloße Reproduktion biedermeierlicher Normen dienen oder ob sie abweichende, selbstbewusste Züge tragen und wie Wilhelm Grimm diese Figuren aktiv formte.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext (KHM 9) vor dem Hintergrund zeithistorischer Quellen und fachliterarischer Erkenntnisse interpretiert.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte bilden den Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil analysiert die soziale Stellung der Frau im 19. Jahrhundert, die Charakterisierung der Protagonistin und der Mutterfiguren in KHM 9 sowie die bewusste Anpassung der Märchentexte durch Wilhelm Grimm an das bürgerliche Erziehungsideal.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Biedermeier, Geschlechterideal, Stiefmutter, Textfixierung, Mütterlichkeit und Rollenkonformität charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Rolle der Schwiegermutter von der der leiblichen Mutter in KHM 9?
Die leibliche Mutter wird als Idealbild der aufopfernden, leidenden Mutter gezeichnet, während die Schwiegermutter als "böse Frau" und Antagonistin fungiert, die als Sündenbock für Fehlverhalten dient und am Ende exemplarisch bestraft wird.
Welche Rolle spielt die "Stummheit" der Protagonistin in der Interpretation der Arbeit?
Die selbst gewählte Stummheit wird einerseits als Ausdruck der biedermeierlichen Tugend der Schweigsamkeit interpretiert, andererseits aber auch als bewusstes Opfer der Heldin für die Erlösungsabsicht ihrer Brüder, was ihre aktive Rolle unterstreicht.
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- Sophia Wagner (Author), 2017, Die Rolle der Frau im Grimm'schen Märchen "Die zwölf Brüder" (KHM 9), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434855