Umgang mit kultureller Differenz in der pädagogischen Praxis

Schieflage im Bildungssystem. Inwiefern sind Lehrer das Problem?


Hausarbeit, 2014
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
1.1. Erziehung als nationale Vergemeinschaftung
1.2. Die Relevanz von Schulbüchern
1.3. Kurze Übersicht über Lehrbücher, wie sie Migranten darstellen
2.1. Warum diskriminieren wir und mit welche Auswirkungen auf unseren Alltag
2.2. Institutioneller Rassismus
2.3. Schule als Ort von Diskriminierung?!
3.1. Ungleiche Bildungsbeteiligung von Migranten
3.2. Schulmisserfolg als Resultat organisatorischen Aktivitäten
3.3. Delinquente Karrieren
4.1. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Schieflage im Bildungssystem - inwiefern sind Lehrer das Problem?

Während des Seminars wurde das Beispiel gebracht, dass eine Lehrerin ihre Schülerin mit Kopftuch als Paradebeispiel für „nicht-deutsche“ Schüler in deutschen Schulen aufzeigen wollte. Auch benannte sie die Schüler mit Migrationshintergrund als nicht „richtig Deutsch“.

Diese Anekdote zeigt auf, dass die LehrerInnen an deutschen Schulen ein Hindernis für Integration darstellen. Spätestens seit der ersten PISA-Studie wird deutlich, dass eine Schieflage im Bildungssystem besteht und soziale Ungleichheit reproduziert werden. Dabei werden insbesondere SchülerInnen mit Migrationshintergrund benachteiligt und man spricht von einer institutionellen Diskriminierung. Doch was sind die Gründe hierfür? Sollten LehrerInnen nicht als Vorbilder agieren und alle SchülerInnen unabhängig von ihrer Herkunft gleich behandeln. Dies setzt jedoch, dass ein Bewusstsein vorherrscht, dass kulturelle Differenzen akzeptieren und als gleichwertig einstufen.

Zunächst möchte ich das deutsche Schulsystem vorstellen und seine Aufgabe für die Gesellschaft herausarbeiten. Innerhalb der Schule werden Kinder zu leistungsfähigen Menschen erzogen, die später einmal für die Gesellschaft eine Bereicherung darstellen sollen. Wenn man von einer Gesellschaft spricht, denkt man auch immer an eine bestimmte Nation, die am stärksten vertreten ist. Wobei eine Gesellschaft nicht homogen ist und sich aus verschiedenen Nationen zusammensetzt. In dem Fall spricht man von einer multikulturellen Gesellschaft, was zunächst eine positive Einstellung gegenüber dieser Vielfalt vermittelt. Demgegenüber steht das Nationalgefühl, was am stärksten bei sportlichen Wettkämpfen wie zum Beispiel der Fußball WM zum Ausdruck kommt. Auch im deutschen Schulsystem spiegelt das Nationalgefühl wider. Diesen Aspekt möchte ich im ersten Teil der vorliegenden Arbeit näher beleuchten. Anschließend werde ich erklären, welchen Beitrag Schulbücher hinsichtlich der Ungleichbehandlung von Migrantenkindern leisten und inwiefern man diesen Sachverhalt sowie die Institution als rassistisch bezeichnen kann. Abschließend zeige ich auf, was für Auswirkungen dies auf den schulischen Erfolg bzw. Misserfolg von Schülern mit Migrationshintergrund haben kann und beende die Arbeit mit einem Fazit, wo Zusammenhänge und Ausblick vorgestellt werden

1.1. Erziehung als nationale Vergemeinschaftung

Die Schule und der Nationalstaat sind sowie in der Vergangenheit als auch in Gegenwart oder Zukunft stark miteinander verknüpft. Das Recht auf Bildung für alle Kinder wird vom Nationalstaat garantiert, gleichzeitig bringt die Schule gesellschaftsfähige Bürger hervor.

Insbesondere Johann Gottlieb Fichte unterstreicht in seiner Rede von 1808 die Relevanz einer öffentlichen Erziehung. Erstmals formulierte er die Vorstellung „einer neuen, nationalen Erziehung, die funktional für politische Zwecke“ (Fichte 1916: 19) anwend-bar sein sollte. Somit rückte die schulische Erziehung sehr stark an die politischen Bedürfnissen eines Nationalstaates heran und wurden miteinander verknüpft. Verstärkt wurde dieser Gedanken nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon mit der Zerschlagung des Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen und der fremd bestimmten Festlegung einer neuen Ordnung für die deutschen Kleinstaaten. Aufgrund dieser Schmach wurde der Nationalstolz der deutschen Bevölkerung massiv angekratzt und die deutsche Identität kam ins Wanken. Fichte sah eine Erziehung des ganzen Volkes als einzige Möglichkeit, die Nationen nach dieser Niederlage wieder aufzu-richten. Voraussetzung war jedoch, dass sich das bisherige Erziehungswesen von Grund auf erneuerte. Diese sollte sich nicht nur an den Bildungsstand richten, sondern an „das Volk“, ohne jedoch eine reine Volkserziehung zu sein. Vielmehr sollte eine „eigentüm-liche deutsche Nationalerziehung“ geschaffen werden, wofür der Staat die alleinige Verantwortung übernehmen sollte (vgl. ebd.: 23-24).

An dieser Stelle wird deutlich wie stark „Erziehung“ und eine nationalistische Denkweise miteinander verknüpft sind und meiner Ansicht nach zumindest bis zum Ende des zweiten Weltkrieges bestehen blieb. Danach kam es zu einer weiteren Krise der deutschen Identität und jegliches Nationalempfinden wurde als unangebracht angesehen.

Auch der deutschen Sprache wurde im Bereich der Erziehung eine bedeutende Rolle zugeschrieben und wichtiges Merkmal von Vergemeinschaftung. Die Sprache wurde dazu verwendet sich von anderen abzugrenzen und gleichzeitig sich selbst zu bestimmen. Schließt sich eine Gruppe zu einer Gemeinschaft zusammen, erfolgt dies um sich gegen einen Feind oder gegen das Fremde zu schützen (vgl. Höhne/Kunz/ Radtke 2005: 15). Noch bis heute wir das beherrschen deutschen Sprache als Voraussetzung für einen schulischen Erfolg festgelegt wie es in verschiedenen Studien belegt wurde und im Verlauf dieser Arbeit noch mal vertiefend aufgegriffen wird.

Die Vorstellung von Fichte zur Nationalerziehung ist bis heute relevant für die Diskussion über öffentliche Erziehung. Die Institutionen, wo Erziehung stattfinden soll, werden als Instrument angesehen, die politische, ökonomische oder auch soziale Probleme lösen soll. Somit wird der Schule nicht erzieherische Rolle zugeschrieben, sondern auch eine gesellschaftliche (vgl. ebd.: 15). Michael Foucault bezeichnet das Schulsystem neben dem Militär, der Justiz und der Polizei als ein weiteres „Dispositiv der Macht“ des modernen Nationalstaates. Die Besonderheit von Schule ist, dass sie mit dem Sozialisationsprozess einer jeder Person zusammenhängt und somit einen entschei-dende Einfluss auf die Denkmuster des Einzelnen haben. Die Schule hat dafür Sorge zu tragen, dass aus ihren Schülern Gesellschafts- und Staatsbürger werden, die über ein nationales Selbstverständnis verfügen und somit das Fortbestehen des Nationalstaats sichern (vgl. ebd.: 16).

Durch die Ausführungen von Fichte und Foucault wird deutlich, dass das Schulsystem nicht nur Bildung und Wissen vermitteln soll. Vielmehr trägt es die Verantwortung gesellschaftliche Probleme zu lösen und Sicherheit für die deutsche Nation zu schaffen. Dies könnte den ersten Erklärungsansatz für die Benachteiligung von Schülern mit Migrationshintergrund bieten, da sie als eine Gefahr angesehen werden, wo vor man sich schützen muss.

1.2. Die Relevanz von Schulbüchern

Die Untersuchung von Schulbüchern könnte insofern aufschlussreiche Aspekte hervor-bringen, da sie als Grundlage für den Schulunterricht dienen und mit ihnen der Schulstoff bildlich erarbeitet wird. In der Schule verfolgen pädagogische Programme die Absicht auf soziale Probleme zu reagieren, dessen Ziele aber auch ungewollte Effekte hervorbringen. Die „interkulturelle Erziehung“ richtet sich an die Herausfor-derung, welche durch die Zuwanderung von Migranten, entstanden ist und soll Vorurteile gegenüber dem „Fremden“ eliminieren, sowie zu mehr Toleranz erziehen (vgl. Höhne, Kunz, Radtke 2005: 20). Bei der Untersuchung von Schulbüchern soll der Frage nachgegangen werden, was Kinder über Migration, Migranten und Minderheiten vermittelt bekommen sollen und welche Bilder sie sich über die Zugewanderten und ihre Probleme kreieren sollen (vgl. ebd.: 21).

Es gibt unterschiedliche Formen, wie Menschen auf das „Fremde“ umgehen können. Das Spektrum reicht von Fremdenfeindlichkeit bis zur Fremdenfreundlichkeit, welche als negative oder positive Diskriminierung definiert wird. Es gibt jedoch noch Zwischenformen wie Ignorieren oder Nicht-Wahrnehmung von Differenz (vgl. ebd.: 22). Dadurch, dass Menschen so unterschiedlich auf das „Fremde“ reagieren können, kann man nicht genau sagen, welche Verhaltensform am häufigsten auftritt. Selbst in den Medien kommt es sowohl zu einer positiven als auch die negativen Diskriminierung und beeinflusst damit die Gesellschaft.

In Pädagogik steht die Erziehung zu sozial erwünschten Formen des Umgangs mit Differenz im Vordergrund sowie eigenständig den richtigen Umgangsweisen mit „Kindern mit Migrationshintergrund“ zu schaffen. Aber auch dabei verteilt es sich auf der kompletten Bandbreite von „ignorierender Toleranz“, welche als „Gleichbehand-lung“ deklariert wird bis hin zur „positiven Diskriminierung“ (vgl. ebd.: 22). Bei der „positiven Diskriminierung“ wird versucht durch gezielte Vorteilsgewährung einer negativen Diskriminierung entgegenzuwirken.

Wie soeben beschrieben, gibt es verschiedene Haltungen gegenüber dem „Fremden“, welche von den Einzelnen übernommen werden. Dies geschieht zum Teil bewusst als auch unbewusst und resultiert in erster Linie aus ihrem eigenen Sozialisationsprozess und der sozialen Umgebung. Da sich der Sozialisationsprozess in der Schule vollzieht, hat diese folglich einen enormen Einfluss auf die Wahrnehmung und Haltung von jedem Menschen gegenüber dem „Fremden“. Man müsste annehmen können, dass die Schule fähig dazu ist, bei ihren Schüler gewisse Hemmungen und Vorurteile gegenüber dem „Fremden“ abzubauen und sie positiv zu beeinflussen. Jedoch scheint es so, als ob selbst die Lehrer ihre Ängste gegenüber dem „Fremden“ nicht abgebaut haben und ihnen mit Vorurteilen entgegentreten. Auch die Lehrbücher unterstützen die Aufrecht-erhaltung von „Fremdheit“. Wie sollen also die Schüler den richtigen Umgang erlernen?

Die Schulbücher haben den Auftrag bei den Schüler eine sozial unangemessene Form gegenüber dem „Fremden“ zu verhindern und angebrachte Umgangsformen zu fördern. Selbst wenn sie objektiv einen richtigen Umgang darstellen, gibt es dennoch ein Bündel von Möglichkeiten, wie das Lehrmaterial ausgelegt werden kann. Schließlich dient es nur als Vorlage und muss von den Lehrern und Schülern aufgearbeitet werden. Dies lässt dann einen großen Spielraum für Interpretationsmöglichkeiten, dabei ist es die Aufgabe des Lehrers diese in die richtige Richtung zu lenken. Die größte Schwierigkeit besteht hierbei das dargestellte „Fremde“ zunächst aufgrund von unterschiedlichen Kulturen und Merkmale als „Andere“ zu definieren und vor dieser Sichtweise zu warnen. Somit macht man im ersten Schritt die Schüler darauf aufmerksam, dass es Menschen mit anderer Hautfarbe oder auch Glaubensrichtungen gibt, die sich von „uns“ unterscheiden. Anschließend versucht man ihnen zu vermitteln, dass sie doch nicht anders seien. Hier wird schon auf dem ersten Blick klar, dass dieser Prozess nicht reibungslos verlaufen kann. Dadurch, dass die Unterschiedlichkeit von Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen ständig aufgearbeitet wird, bleibt sie auch immer aktuell in den Köpfen der Gesellschaft.

1.3. Kurze Übersicht über Lehrbücher, wie sie Migranten darstellen

In dem vorherigen Abschnitt wurde erläutert, inwiefern der Schulunterricht Einfluss auf die Wahrnehmung des „Fremden“ hat und Verhaltensdispositionen festlegt. Im Folgen-den möchte ich eine kurze Übersicht über die Ergebnisse einer Studie zu dem Thema „Was unsere Kinder aus Schulbüchern über Migranten lernen sollen“ geben, da dies für meine Fragestellung, warum Lehrer Kinder mit Migrationshintergrund im Unterricht und bei der Notenvergabe benachteiligen, mir relevant scheint.

Die Lehrpläne und -bücher der 70er Jahre liefern in erster Linie einen Erklärungsansatz für die Denkmuster von Lehrern, da sie zu dieser Zeit selbst als Schüler zur Schule gegangen sind und ihren Sozialisationsprozess durchliefen. In dem Lehrplan von 1972 für die Grundschule lautet das oberste Lernziel, das Kind zu „bewussten Handeln auf der Basis der Selbst- und Mitbestimmung“ zu erziehen (Der Hessische Kultusminister 1972a.: 6 in ebd.: 70). Eins der drei Arbeitsbereiche ist „Einführung in die Gesell-schaft“, wo die Schüler lernen über andere Menschen hinsichtlich ihrer Vorurteile und Chancen zu urteilen unter Bezugnahme einer konkreten Migrantendarstellung.

Die Migranten sollen als u. a. erfahren, dass es in den Heimatländern der Gastarbeitern hohe Arbeitslosigkeit herrscht und dass sich generell die Lebensweisen massiv unterscheiden, wie z. B. eine schlechte Schulbildung und Kinderarbeit. Dabei führe die schlechte Schulbildung dazu, dass Gastarbeiterkinder schlechtere Chancen in der Schule, da ihre Eltern ihnen nicht helfen können (ebd.: 27f. in ebd.: 70).

An dieser Stelle wird deutlich, was für ein Bild den Schülern von Migrantenkindern vermittelt werden soll. Sie werden als hilfsbedürftig mit geringeren Chancen auf eine erfolgreiche Schullaufbahn. Da Kinder in der Grundschule einen ihrer Sozialisations-prozesse durchlaufen, prägt dieses ihnen vermittelte Bild von Migrationskindern sie dauerhaft. Sie lernen nicht nur das „Fremde“ als anders, sondern auch als „schlechter“ anzusehen im Vergleich zu ihnen. Durch den Lehrplan wird eine Wertung gegenüber dem „Fremden“ vermittelt, die zweifellos negativ behaftet ist.

Des Weiteren sollen die Schüler lernen „das andersartige Verhalten der Gastarbeiter-kinder zu tolerieren und sie nicht zu zwingen, ihre eigene Lebensweise aufzugeben“ (ebd.: 63 in ebd.: 71). Somit wird den Migrantenkindern ein andere Lebensweise als bei deutschen Kindern unterstellt, die es zu tolerieren gilt. Inwiefern sich diese überhaupt unterscheiden, wird dabei nicht näher erläutert. Dennoch wird ihre Andersartigkeit betont, die in erster Linie mit ökonomischen Aspekten verknüpft werden. Die deutschen Schüler sollen lernen, dass Gastarbeiter finanziell schlechter gestellt sind, aufgrund ihres Herkunftslands, wo andere Bedingungen herrschen. Migranten werden als Problem dargestellt, die es zu tolerieren gilt (vgl. Höhne, Kunz, Radtke 2005: 71). Die deutschen Schüler verinnerlichen diese Denkmuster und sehen Migranten auch in ihrem Alltag durch diese Brille.

Den deutschen Schülern wird vermittelt, dass sie sich gegenüber Migranten tolerant zeigen sollen. Gleichzeitig wird von den Migranten erwartet, dass sie sich an die Einwanderungsgesellschaft anpassen. Dies sei Voraussetzung, um in Deutschland ein funktionierendes Leben führen zu können. (vgl. ebd.: 143).

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Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Umgang mit kultureller Differenz in der pädagogischen Praxis
Untertitel
Schieflage im Bildungssystem. Inwiefern sind Lehrer das Problem?
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V434894
ISBN (eBook)
9783668760325
ISBN (Buch)
9783668760332
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
umgang, differenz, praxis, schieflage, bildungssystem, inwiefern, lehrer, problem
Arbeit zitieren
Melanie Strittmatter (Autor), 2014, Umgang mit kultureller Differenz in der pädagogischen Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434894

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