Der UN Global Compact als reines Marketinginstrument für Unternehmen?


Bachelorarbeit, 2017

42 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Thematische und theoretische Einordnung
2.1 Global & Economic Governance
2.2 Sozialkonstruktivismus
2.3 Einordnung des UN Global Compacts

3. Vorüberlegungen
3.1 Kritik am UN Global Compact
3.2 Kontrollmechanismen

4. Praktische Handhabung von teilnehmenden Unternehmen
4.1 Negativbeispiele
4.1.1. Shell
4.1.2. DP DHL
4.1.3. Bayer AG
4.2. Positivbeispiel
4.2.1. Volkswagen AG
4.3. Zwischenfazit

5. Theoretische Anreizstrukturen zur Erfüllung der Prinzipien
5.1. Die Rolle von Werten und Normen
5.2. Unternehmerische Ausgangslage
5.3. Nutzenaspekte
5.3.1. Interner Nutzen
5.3.2. Externer Nutzen
5.4. Kostenpunkte
5.5. Kosten-Nutzen-Funktion
5.6. Zwischenfazit

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

Vorwort

Vor Ihnen befindet sich meine Bachelorarbeit zum Thema “Der UN Global Compact als reines Marketinginstrument für Unternehmen?”. Die Arbeit bildet den Abschluss meines VWL-Studiums an der Universität zu Köln und wurde am Lehrstuhl ‘Internationale Beziehungen’ von Prof. Dr. Thomas Jäger geschrieben.

Während meines Studiums ist mir immer wieder aufgefallen, dass Wirtschaftswachstum zwar stets als Voraussetzung für gesellschaftlichen Wohlstand genannt wird, die praktische Kommunikationsebene zwischen Wirtschaft und Gesellschaft jedoch kaum mit in die Thematik einfließt. Die Einbindung von gesellschaftlichen Interessen in unternehmerische Entscheidungen ist meines Erachtens jedoch ebenso Voraussetzung für die Schaffung von gesellschaftlichem Wohlstand. Daher soll die anschließende Arbeit sich mit der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Gesellschaft befassen.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen und mich bei all jenen bedanken, die mir beim Verfassen der Arbeit mit Rat und Tat zur Seite standen. Mein ganz besonderer Dank gilt dabei Rainer Lenzen, der mich von der Themenfindung an bis zur Abgabe begleitet hat und jederzeit für thematische sowie formelle Fragen zur Verfügung stand. Mein Dank gilt ebenso Prof. Dr. Thomas Jäger, der durch die Grundlagenvorlesung und sein Seminar mein Interesse für die Internationalen Beziehungen geweckt hat.

Ebenfalls danke ich meinen Kommilitonen und Freunden, die mir durch ihr reges Interesse an der Thematik immer wieder neue Ideen und Sichtweisen vermittelten und auch emotional Rückhalt boten. Insbesondere möchte ich dabei Thorben Meyer-Odewald und Sebastian Klingberg für die umfassende Korrektur danken.

Nicht zuletzt möchte ich mich bei meiner Familie bedanken, die mir das Studium durch ihre Unterstützung erst ermöglichte und mir auch bei dieser Arbeit thematisch weiterhelfen konnte.

Merlin Hartwig Köln, 30.03.2017

1. Einleitung

“We have to choose between a global market driven only by calculations of short-term profit, and one which has a human face. Between a world which condemns a quarter of the human race to starvation and squalor, and one which offers everyone at least a chance of prosperity, in a healthy environment. Between a selfish free-for-all in which we ignore the fate of the losers, and a future in which the strong and successful accept their responsibilities, showing global vision and leadership. I am sure you will make the right choice” {Annan 1999}.

Das Zitat ist der Schlussteil einer Rede des damaligen Generalsekretärs der United Nations, Kofi Annan, in welcher er erstmals die Grundidee des UN Global Compacts gegenüber Vertretern der Wirtschaft beim Weltwirtschaftsforum in Davos 1999 vorstellte. Auslöser der Initiative war die voranschreitende Globalisierung, durch die sich die Wirtschaftsmacht einzelner international agierender Unternehmen immer weiter akkumulierte, die Regulierung dieser im staatlichen Rahmen jedoch kaum mehr möglich war. Um einen Handlungsrahmen zu bieten, und das Thema der Unternehmensverantwortung auf die internationale Agenda zu bringen, entwarf Kofi Annan das Konzept eines privat-öffentlichen Paktes.

Hierfür wurde eine Plattform geschaffen, welche die privaten Akteure und Vertreter der Öffentlichkeit zusammenbringen sollte, um gemeinschaftlich einen internationalen Verhaltensrahmen zu erarbeiten, der auf gemeinsamen Werten basiert. Um diese Werte greifbar zu machen, wurden 10 Prinzipien formuliert, die soziale und ökologische Themenfelder thematisieren. Dabei war vorgesehen, dass der Pakt die sich auf das Gemeinwohl beziehenden gesellschaftlichen Interessen mit den unternehmerischen Interessen, die auf die eigene Nutzenmaximierung abzielen, zusammenbringt. Die Kooperation sowie die Einhaltung der erarbeiteten Richtlinien sollte jedoch auf Freiwilligkeit basieren, um die Hemmschwelle der Partizipation insbesondere privatwirtschaftlicher Akteure zu senken. In einem freien Interaktionsprozess sollte vielmehr an Werte und Normen appelliert werden, als mit Sanktionen zu drohen. Für das Konzept der Freiwilligkeit wurde die UN bereits im Vorfeld massiv kritisiert. Viele zivilgesellschaftliche Akteure glaubten nicht an ein wert- und normgeleitetes Handeln privatwirtschaftlicher Akteure und sahen daher in den Regelungen zwar richtige Ansätze, deklarierten jedoch unter gegebenen Umständen die Umsetzung dieser als gescheitert. Auch heute wird die Umsetzung weiterhin kritisiert. Einige Organisationen gehen noch einen Schritt weiter und werfen den privatwirtschaftlichen Akteuren vor, die Verhandlungsplattform nur zu betreten, um international durch eine verbesserte Reputation von einer vorgetäuschten sozialen Absicht zu profitieren.

Diese Sichtweisen schädigen das öffentliche Ansehen des UN Global Compacts. Doch inwieweit sind die Bedenken der Organisationen berechtigt? Ist der UN Global Compact ein reines Marketinginstrument für Unternehmen? Die vorliegende Arbeit wird sich mit dieser Forschungsfrage auseinandersetzen, indem die Wirkungsweise des UN Global Compacts auf Unternehmen untersucht wird.

Um detailliert den UN Global Compact in seiner Wirkungsweise zu untersuchen, muss zunächst der systemische Rahmen verstanden werden, aus welchem der UN Global Compact erschaffen wurde. Hierzu wird in Kapitel 2 der Begriff der Global Governance definiert und der Teilbereich Economic Governance vorgestellt. Anschließend wird die Theorie des Sozialkonstruktivismus mit der Economic Governance in Verbindung gesetzt. Auf dieser Grundlage wird ein Verständnis für Handlungen zivilgesellschaftlicher Akteure gegenüber Unternehmen in Zeiten der Globalisierung geschaffen. Als Orientierung dient die Monographie “Die UNO und Global Governance” (2014) von Tanja Brühl und Elvira Rosert.

Vor diesem Hintergrund lässt sich der Global Compact in Verbindung zur Forschungsfrage einbringen. Die Befürchtungen bzw. der Vorwurf, dass der UN Global Compact als reines Marketinginstrument genutzt wird, ist durch die Stellungnahmen verschiedener humanitärer Organisationen präzisierbar. Dazu werden die Kernkritikpunkte am UN Global Compact aus dem von Peter Niggli veröffentlichten Bericht “Die Multis als soziale und ökologische Avantgarde?” (2002) wiedergegeben, welcher im Namen von Swissaid, Caritas, Fastenopfer und weiteren Nichtregierungsorganisationen Stellung bezieht.

Um die Kernaussage der Kritik von einem objektiven Standpunkt aus zu evaluieren, wird in Kapitel 3.2 der Global Compact als Instrument näher beschrieben und dabei insbesondere auf die in ihm verankerten Kontrollmechanismen eingegangen. Die Beschreibung der Kontrollmechanismen orientiert sich an dem Buch “Global Governance und Corporate Responsibility” (2009) von Lothar Rieth.

Zur vertieften Überprüfung der Kritik am Global Compact wird in Kapitel 4 eine praktische Untersuchung angestellt. Hierfür werden vier im Global Compact partizipierende Unternehmen vorgestellt, die in die öffentliche Kritik geraten sind. Es wird geprüft, inwiefern diese durch ihr Handeln gegen die Richtlinien des UN Global Compacts verstoßen haben und wie das Büro des Global Compact darauf reagierte. Hierfür werden viele Primärquellen und Presseberichte verwendet. Durch die Beschreibung der Verhaltensweise der Vertreter des UN Global Compacts wird die Strategie deutlich, die diese verfolgen. Die erkennbare Strategie bietet zwar Erklärungsansätze für zuvor genannte Kritikpunkte, fraglich ist jedoch, ob die Strategie in dieser Form so funktionieren kann.

In Kapitel 5 werden die Voraussetzungen für die Funktionalität der Strategie auf gesellschaftlicher Ebene beschrieben. Hierbei orientiert sich die Arbeit weiter an dem zuvor genannten Werk von Lothar Rieth sowie dem Buch von Tanja Brühl und Elvira Rosert. Im Anschluss wird auf der Akteursebene argumentiert. Dazu wird der Unternehmernutzen in Hinblick auf die Erfüllung der Richtlinien des UN Global Compacts anhand einer Kosten-Nutzen Analyse erörtert. Einen Leitfaden hierzu liefert die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GiZ) in ihrem Bericht “Cost and Benefits of Corporate Social Responsibility (CSR)” (2012). Durch die Analyse auf Akteursebene wird gezeigt inwieweit Unternehmer ein Eigeninteresse an der Einhaltung des UN Global Compacts bzw. an einem vertieften sozialen und ökologischen Engagement haben. Also ein Interesse, welches über die bloße Vermeidung von Sanktionen hinausgeht.

Im Fazit werden die Punkte aus dem Hauptteil letztendlich noch einmal zusammengefasst und auf die Themenfrage bezogen.

Der folgende Text sieht keine Differenzierung zwischen einem sozialen und ökologischen Engagement, einem CSR-Engagement oder einer Initiative für mehr Unternehmensverantwortung vor. Die Verwendung der unterschiedlichen Begriffe ist einzig der Alternation im Sprachgebrauch zuzuschreiben. Der Einfachheit halber sind darüber hinaus im Folgendem mit dem Begriff ‘Unternehmen’, all jene Unternehmen gemeint, die in einem globalen Kontext handeln.

2. Thematische und theoretische Einordnung

2.1 Global & Economic Governance

Im Zuge der Globalisierung veränderten sich die oft als statisch angenommenen Machtgefüge. Zuvor wurde der Staat stets als zentraler Akteur angenommen, der den Handlungsrahmen für privatwirtschaftliche Akteure setzt. Nun erweiterten die privatwirtschaftlichen Akteure jedoch ihr Spielfeld auf suprastaatliche Ebene und waren für Staaten dadurch immer schwieriger zu regulieren. Zudem wurden gesellschaftliche Akteure immer relevanter, da sie nicht wie Staaten auf einen territorialen Rahmen begrenzt waren und dadurch verstärkt die rahmengebende Rolle der Staaten einnehmen konnten. Bisherige Theorien stießen durch die implizite Staatszentriertheit an ihre Grenzen {Brühl/Rosert 2014: 44}. Die politische Bühne hat sich soweit verändert, dass der politische Schauplatz nicht nur vom Staat ausgeht, sondern ebenso von privatwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Akteuren. Diese Annahmen werden von der Theorie der Global Governance übernommen. {Rieth 2009: 26-27}

Der Governance Begriff beschreibt das Steuerungssystem einer Gesellschaft, in welchem die Interessen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen zusammengebracht werden. Laut dem Governance Begriff, welcher die Basis für das Konzept der Global Governance bildet, existieren häufig flach hierarchische Strukturen zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren. Zur Entwicklung von Regelungsstrukturen kann zusammengearbeitet werden.

Dabei werden Institutionen geschaffen, welche für die Ausformulierung der Regelungen zuständig sind. Inwieweit diese Institutionen autoritär sind, kann an der Einhaltung der von ihnen geschaffenen Regelungen erkannt werden. Die Regelungsstruktur und ihr Einfluss sind also primär von Bedeutung. Zweitrangig sind die Akteure, welche diese entworfen haben. Damit wird durch den Governance Begriff die Rolle des Staates auf eine Ebene mit anderen Akteuren gebracht. Die Basis für die Befolgung von Regelungen sind Anreizstrukturen, wie es positive Sanktionen und Normen sein können, aber ebenso individuelle Präferenzen bzw. Positionen {Rieth 2009: 55-57}. Der Begriff ist als Konzept zu verstehen, welches grobe Erklärungsansätze liefert, jedoch vermeidet weiter ins Detail zu gehen {Brühl/Rosert 2014: 47}.

Das Konzept der Global Governance verwendet die Annahmen des Governance Begriffs und beschäftigt sich mit den neuartigen Regierungsformen, die über staatliche Grenzen hinaus gehen.

Bei dem Global Governance Konzept wird mit der Annahme gearbeitet, dass Staaten nicht über ihre Grenzen hinweg relevanten Einfluss auf Akteure zur Bereitstellung öffentlicher Güter haben. Dieser grenzübergreifende Einfluss ist im Zuge der Globalisierung jedoch erforderlich, um auch für multi- und transnationale Akteure allgemeingültige Regelungen zu schaffen. Man geht also davon aus, dass globale Probleme auch nur auf dieser Ebene gelöst werden können. Die nötigen internationalen Regelungsstrukturen zur Bereitstellung öffentlicher Güter sollen in der Global Governance durch global agierende politische Institutionen geschaffen werden. {Rieth 2009: 58}

Die Global Governance ist ein viel diskutiertes, wenig greifbares Konzept, welches erste Schritte einer Verlagerung von der nationalen auf die globale Systemebene als Antwort auf eine immer stärker globalisierte Welt wagt. Die nationalstaatlichen Regierungen nehmen hierbei meist nur eine untergeordnete Rolle ein. Durch die Einbindung nicht-staatlicher, globaler politischer Institutionen, kann es womöglich zu einem Ausbau der Regelungsstrukturen auf die globale Ebene kommen. Regelungen könnten dort getroffen werden, wo es den nationalen Regierungen bisher nicht möglich war oder diese ein zu geringes Eigeninteresse an suprastaatlichen Regelungen in bestimmten Bereichen hatten.

{Rieth 2009: 58-59}

Durch flache Hierarchien entstehen im Konzept der Global Governance Netzwerke, in welchen Regelungen ausgehandelt werden. Auf diese Weise können private und öffentliche Akteure ihre Interessen aneinander anpassen und beidseitig von der horizontalen Politikkoordination profitieren. {Brühl/Rosert 2014: 48}

Die Economic Governance vertieft die Annahmen der Global Governance und interpretiert sie dahingehend, dass Multinationale Unternehmen, Staaten und nichtstaatliche Organisationen bedeutende Akteure sind. Der Fokus liegt jedoch verstärkt auf den intergouvernementalen Organisationen. Dieser zentrale Charakter wird durch die staatliche Legitimierung und die Möglichkeiten von intergouvernementalen Organisationen, auf staatliche Ressourcen zurückzugreifen, erlangt. Dadurch wird internationale Autorität geprägt. Beispiel für eine solche intergouvernementale Organisation sind die United Nations (UN), welche durch 193 Mitgliedsstaaten ratifiziert ist. Das Konzept der Economic Governance arbeitet verstärkt mit liberalen Normen, welche die überstaatliche Ordnung prägen. {Karns/Mingst 2004: 358-361}

2.2 Sozialkonstruktivismus

Um das Konzept der Economic Governance in einen theoretischen Bezug zu setzen wird im Anschluss der Sozialkonstruktivismus näher betrachtet.

Der Sozialkonstruktivismus beschäftigt sich mit der Schaffung von Werten und Normen in Gesellschaften. Dabei werden keine Werte und Normen als von Grund auf im Menschen verankert angesehen, vielmehr nimmt der Sozialkonstruktivismus an, dass diese aus dem kollektiven Handeln von Akteuren heraus entstehen, wobei wechselseitige Einflüsse zwischen der internationalen systemischen Struktur und dem Akteursverhalten zur deren Entstehung beitragen. Zentrale Annahme ist hierbei, dass das Akteursverhalten durch die soziale Wahrnehmung der Außenwelt beeinflusst wird. Dies lässt darauf schließen, dass gesellschaftliche Werte und Normen transformativ sind und sich nach aktuellen gesellschaftlichen Thematiken richten. {Tiling 2004: 6-7; Brühl/Rosert 2014: 39-40}

Durch die Schaffung von Normen durch Akteure sind diese in der Lage, die internationale Struktur maßgeblich mit zu beeinflussen. Entscheidende Akteure sind neben Staaten und intergouvernementalen Organisationen auch nichtstaatliche Organisationen. Hierzu können unter anderem Unternehmen, NGOs und internationale Organisationen zählen. Man geht davon aus, dass bereits eine Akteursminderheit eine “Normkaskade” in Gang setzen kann, die schließlich zur Etablierung einer Norm führt. {Brühl/Rosert 2014: 40}

Neben der Norm-initiierenden Funktion der Akteure wird einigen Akteuren eine Kontrollfunktion durch das sogenannte “blaming and shaming” zugesprochen. Die Grundeigenschaft von Normen ist, dass sie universell für jeden Part der Gesellschaft gelten und es daher, um den Ausschluß aus der Gesellschaft zu vermeiden, unabdingbar ist, diese auch zu erfüllen. Ein Normbruch muss jedoch öffentlich gemacht werden, bevor gesellschaftlicher Druck auf den Normbrecher ausgeübt werden kann. Hier kommen jene Akteure zum Zug, die andere Akteure überwachen und bei Verstößen gegen gesellschaftliche Werte und Normen darauf aufmerksam machen (“blaming”). Dies können beispielsweise internationale Organisationen sein. Woraufhin der Akteur, da er Teil der Gesellschaft bleiben will, sich unter Druck gesetzt sieht, sich wieder normkonform zu verhalten (“shaming”) {Brühl/Rosert 2014: 40}. Eine solche Rolle übernehmen auch die Vereinten Nationen:

“Die Vereinten Nationen tragen aus sozialkonstruktivistischer Perspektive zur Bildungund Durchsetzung internationaler Normen bei, setzen also fest, was angemessenesVerhalten in einer bestimmten Situation ist und haben einen Einfluss auf die Identität derAkteure” {Brühl/Rosert 2014: 40}.

Aufgrund der zentralen Rolle, die internationalen Organisationen zugeschrieben wird, ergänzen sich die Theorie des Sozialkonstruktivismus und das Konzept der Global Governance. Global Governance betont, dass internationale Probleme auf überstaatlicher Ebene gelöst werden. Der Sozialkonstruktivismus definiert eine mögliche Art der Problemlösung durch Schaffung gesellschaftlicher Werte und Normen. Verbindet man die beiden Ansätze wird eine überstaatliche Problemlösung durch Schaffung von gesellschaftlichen Werten und Normen suggeriert. {Brühl/Rosert 2014: 40}

2.3 Einordnung des UN Global Compacts

Der UN Global Compact ist ein Instrument der UN, um soziale Normen für Unternehmen zu schaffen und zu vertiefen. Das übergeordnete Ziel des Paktes ist es, eine soziale und ökologische Weltwirtschaft anzustreben. Dafür bietet der Global Compact eine Plattform für Unternehmen, die es erleichtern soll, seine Prinzipien unter Hilfestellung in das jeweilige Kerngeschäft einzubinden. Die Prinzipien sind durch 10 Punkte ausformuliert und beziehen sich auf die Einhaltung der Menschenrechte, der allgemeinen Verbesserung der Arbeitsbedingungen, der aktiven Teilnahme am Umweltschutz und der Bekämpfung von Korruption. Im Global Compact wird der Staat als Zwischenglied ausgeklammert und die Ziele richten sich direkt an Unternehmen. {Rieth 2009: 173-174}

Der UN Global Compact lässt sich als ein netzwerkartiges Steuerungsinstrument einordnen. Dies bedeutet, dass eine öffentlich-private Partnerschaft eingegangen wird, welche auf gegenseitiger Abhängigkeit basiert. Hierbei werden Richtlinien für ein verstärktes soziales Engagement gemeinsam erarbeitet und durch die Erfahrungswerte einzelner Mitglieder bekräftigt. Die Umsetzung der erarbeiteten Leitsätze erfolgt dabei freiwillig. {Rieth 2009: 37}

Der Netzwerk-Charakter wird dadurch geprägt, dass in einem optimalen Netzwerk, basierend auf Argumentation und Überzeugung, alle Teilnehmer gleichberechtigt sind. Es herrschen wechselseitige Beziehungen, die auf Unterstützung und Kooperation beruhen. Der Koordinationsmechanismus im Netzwerk ist Vertrauen. Konflikte werden anhand von Diskursen gelöst, welche im Idealfall zur Verbesserung des Netzwerks führen {Rieth 2009: 90}. Zur Konfliktbewältigung können im Steuerungsinstrument außerdem Sanktionsmechanismen verankert sein, die bei Nichteinhaltung der durch das Steuerungsinstrument getroffenen Vorgaben in Kraft treten {Rieth 2009: 88}. Die Konfliktbewältigung des UN Global Compacts wird vorerst im Vordergrund stehen.

3. Vorüberlegungen

3.1 Kritik am UN Global Compact

Der folgende Textabschnitt bezieht sich auf eine von verschiedenen bekannten humanitären Organisationen gebildete Arbeitsgemeinschaft erarbeitete Stellungnahme zum UN Global Compact. Peter Niggli, der Verfasser, spricht in dem Text mit dem Titel “Die Multis als soziale und ökologische Avantgarde?” im Namen der Arbeitsgemeinschaft. Der UN Global Compact wird kritisch beleuchtet und mit seinen ursprünglichen Absichten verglichen. Es werden internationale Problematiken aufgegriffen, gegen die der Pakt eigentlich wirken sollte, und auf die praktische Umsetzung bezogen. Dabei argumentiert die Arbeitsgemeinschaft mit Defiziten bezüglich des grundsätzlichen Aufbaus des UN Global Compacts und setzt ans Ende ihrer Stellungnahme mehrere Erfordernisse, die dem Steuerungsinstrument Glaubwürdigkeit und Schlagkraft verleihen würden. Im Folgenden werden die Kernaussagen und die daraus folgenden Kritikpunkte kurz wiedergegeben.

Im Vorhinein stellt der Artikel fest, dass der Gründer des UN Global Compacts, Kofi Annan, genau die Problematik anspricht, die sich heute in Bezug auf defizitäres soziales Engagement von Unternehmen stellt, und als Lösungsansatz für einen universellen Wohlfahrtsstaat plädiert. Diese Problematik äußert sich durch das pure kapitalistische Gewinnstreben der Unternehmen, die über Menschenrechtsverletzungen und ökologische Ausbeutung hinwegsehen. Dabei scheuen sie sich nicht davor, soziale Gefälle zwischen verschiedenen Ländern auszunutzen, um so ihren Gewinn zu maximieren. Ihr Handeln wird dadurch gerechtfertigt, dass sie die soziale Verantwortung nicht auf unternehmerischer Seite sehen, sondern auf staatlicher. Kofi Annans argumentativer Lösungsansatz sieht vor, die Unternehmen mit einer Pionierrolle in Bezug auf soziales Engagement auszustatten, wodurch Staaten animiert werden, ebenso soziale Maßstäbe zu schaffen. Diese schmeichelhafte Rolle desjenigen, der nicht in der Verantwortung ist, sich aber freiwillig engagiert, soll die Unternehmen dazu animieren, öffentlich Imagepunkte durch soziales Engagement zu gewinnen. Bereits dieser argumentative Ansatz bescherte dem Global Compact noch vor der Entstehung reichlich Kritik und die potentiellen privatwirtschaftlichen Mitglieder nutzten diese Vorlage, um noch einmal zu betonen, dass sie eigentlich nicht für soziales Engagement verantwortlich seien. {Niggli 2002: 2-3}

Unter diesen vorangegangenen Dialogen wurde der UN Global Compact im Jahr 2000 gegründet. Den guten Absichten, die Kofi Annan im Vorhinein für den Global Compact formulierte, wurde jedoch nicht Rechnung getragen. Die Organisationen vermissen bei den zehn Punkten auf denen der UN Global Compact basiert, eine klare revolutionäre Linie, die die Unternehmen von der Nutzenorientierung hin zu einer sozialen Weltwirtschaft lenkt. {Niggli 2002: 5}

Der UN Global Compact zeigt, laut des Artikels, in Sachen Konfliktbewältigung erhebliche Mängel. Die Umsetzung der Punkte basiert auf Freiwilligkeit, da die UN feststellte, “sie habe ‘weder das Mandat, noch die Kapazität, die Einhaltung des Compacts zu verifizieren’” {Niggli 2002: 6}. Einzig die NGOs, die ebenso Teil des Paktes sind, seien in der Lage, die Einhaltung zu kontrollieren, jedoch sei dies aufgrund der begrenzten Kapazitäten der NGOs per Einzelprüfung kaum möglich {Niggli 2002: 6}.

Damit stößt der Artikel an das Dilemma des Regulierungsinstrumentes. Unternehmen sind nach der kapitalistischen Grundannahme, die auf Gewinnmaximierung basiert, grundsätzlich nicht bereit, sich freiwillig regulieren zu lassen. Schließlich bedeutet Regulierung auch Mehrkosten. Auf Basis dieser Argumentation ist es kaum möglich, den UN Global Compact weiter zu vertiefen und als Basis für ein verpflichtendes Regulierungsinstrument zu nutzen {Niggli 2002: 3-4}. Die Organisationen sehen es als unabdingbar an, neben dem UN Global Compact ein verbindliches internationales Regulierungsinstrument zu schaffen {Niggli 2002: 7}.

Der UN Global Compact ist selbst für viele partizipierenden NGOs nur ein Schritt in die richtige Richtung, aber noch lange nicht das gewünschte Regulierungsinstrument. Vielmehr sind sie nur Mitglied, um diesen Weg als den richtigen zu kennzeichnen, sehen ihn jedoch noch lange nicht als den perfekten an. Da der UN Global Compact kein Kontrollorgan vorsieht, laufen die partizipierenden NGOs Gefahr, als “Feigenblatt” zu dienen, da ihnen die Rolle der Kontrollinstanz zufällt. Falls sie diese nicht ausfüllen können, was bei der Anzahl an Unternehmen wahrscheinlich ist, ist es möglich, dass sie so indirekt, ungewollt bestimmte Unternehmen in ihrer Handlungsweise unterstützen. {Niggli 2002: 7}

Die Kritik schließt damit, dass die privatwirtschaftliche Teilnahme im UN Global Compact auf einer einseitigen Nutzenziehung basiert. Während unklar bleibt, inwieweit die Prinzipien des UN Global Compacts tatsächlich durchgesetzt werden und wie stark bzw. ob die Missstände überhaupt verbessert werden und somit die Gesellschaft davon profitieren kann, wird deutlich, dass “die Global Compact-Firmen einen klaren Imagegewinn für sich verbuchen und erst noch das Uno-Logo gebrauchen dürfen.” {Niggli 2002: 8}

Auf diese Kritik wird sich die Arbeit stützen und prüfen, inwiefern Unternehmen tatsächlich von einer einseitigen Nutzenziehung profitieren und den UN Global Compact als Marketinginstrument missbrauchen. Dazu werden im Folgenden die Kontrollmechanismen beschrieben, die bisher im UN Global Compact verankert sind.

3.2 Kontrollmechanismen

Die mit der Gründung geschaffene Anforderung an die teilnehmenden Unternehmen des UN Global Compacts bezog sich auf die Berichterstattung zur Umsetzung der Prinzipien. Dafür sollten alle Unternehmen einmal jährlich einen Kurzbericht (COP) vorlegen, der sich zur bisherigen Umsetzung und der weiteren Strategie zur Realisierung der 10 Prinzipien äußern sollte. Die Verfahrensweise für den Fall, dass ein Unternehmen dieser Anforderung nicht nachkommt, blieb vorerst ungeklärt. {Rieth 2009: 181}

[...]

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Der UN Global Compact als reines Marketinginstrument für Unternehmen?
Hochschule
Universität zu Köln  (Lehrstuhl Internationale Politik und Außenpolitik Prof. Dr. Thomas Jäger)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
42
Katalognummer
V434914
ISBN (eBook)
9783668760578
ISBN (Buch)
9783668760585
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit wurde am 31.03.2017 als Bachelorarbeit am Lehrstuhl Internationale Politik und Außenpolitik an der Universität zu Köln vorgelegt. Sie umfasst 42 Seiten und wurde mit der Abschlußnote 1,3 als sehr gut bewertet.
Schlagworte
UN Global Compact, Außenpolitik, unternehmerischer Eigennutz, Politik und Wirtschaft, Schnittstelle Gesellschaft und Wirtschaft, Politische Regulierung der Privatwirtschaft
Arbeit zitieren
Merlin Hartwig (Autor:in), 2017, Der UN Global Compact als reines Marketinginstrument für Unternehmen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434914

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