Das Neue Ökonomische System. Vertane Chance für die Wirtschaft der DDR?


Seminararbeit, 2013

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Ausgangssituation: Die DDR in der Wirtschaftskrise

III. Implementierung der Reform
1) Erste Phase: Das NÖS (1963 - 1967)
2) Zweite Phase: Das ÖSS (1967 - 1970/71)

IV. Das Ende der Reform

V. Ergebnisse und Fazit

I. Einleitung

Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre offenbarte das Wirtschaftssys- tem der DDR eklatante Schwächen, die sich vor allem in der Verschlechterung der Versorgungslage der Industrie und einem Rückgang des Warenangebots zeigten.1 Und obwohl sich hierbei die konzeptionellen Unzulänglichkeiten der zentralen Planung offenbarten, waren längst nicht alle Probleme hausgemacht, sondern standen auch in Zusammenhang mit der Fluchtbewegung nach Wes- ten aufgrund der offenen Grenzen sowie der insgesamt schwierigen Bedingun- gen in Folge der Reparationsleistungen. Dennoch nahm dies die damalige SED-Führung um Walter Ulbricht zum Anlass, mit der Konzipierung eines „Neu- en Ökonomischen Systems“ zu beginnen, welches der Wirtschaft der DDR auf Basis von technischer Innovation und optimaler Planung und Lenkung zu höhe- rer Arbeitsproduktivität und mehr Eigendymanik verhelfen sollte.2

In der vorliegenden Arbeit soll zunächst die Ausgangssituation und das plan- wirtschaftliche System vor den Reformen erläutert werden. Danach werden die beiden Phasen der Reform dargestellt und anhand ihrer Umsetzung wesentli- che Grundgedanken und Konzeptionen des Systems erläutert. Der Abbruch der Reform wird im Folgenden in einem gesonderten Kapitel kurz beleuchtet. Abschließend soll es um die Bewertung der Ergebnisse sowie die Beantwortung der Frage gehen, inwiefern das NÖS eine vertane Chance für die Wirtschaft der DDR war, langfristig zu höherer Innovationskraft und Effizienz zu gelangen.

Hierbei ist zu untersuchen, welche Ursachen für den vorzeitigen Abbruch der Wirtschaftsreform verantwortlich waren und warum sich der Plan nicht erfüllte, „[...] daß die notwendige Entwicklung der Akkumulation voll wirksam wird und die ständig bessere Befriedigung der Bedürfnisse die Aktivität und die Schöpferkraft der Menschen als der wichtigsten Produktivkraft erhöht.“3

II. Ausgangssituation: Die DDR in der Wirtschaftskrise

Nachdem sich das planwirtschaftliche System in der DDR in Folge der Ereig- nisse des 17. Juni 1953 zunächst konsolidiert hat, zeichneten sich zum Ende der Fünfziger Jahre hin bedeutende wirtschaftliche Probleme ab: Das Wirt- schaftswachstum ließ nach und die massenhafte Abwanderung ausgebildeter Fachkräfte in den Westen bedeutete eine zusätzliche Belastung für die Wirt- schaft der DDR. Von 1949 bis zum Jahr 1961 verließen knapp 2,7 Millionen Menschen die DDR, was ökonomisch eine drastische Reduktion der Arbeits- kräftereserven bedeutete.4

Zwar konnte durch die Wanderungsverluste auch die Vollbeschäftigung realisiert werden, doch mit dem nun einsetzenden Fokus auf ehrgeizige Investitionen wurde die reale Kapazität der Volkswirtschaft überfordert, in Folge verschlechterte sich die Versorgungslage der Industrie drastisch. Dies wiederum zog Lücken im Warenangebot für die Konsumenten nach sich, auch weil sich, bedingt durch die Fluchtbewegung, die Geldeinnahmen der Bevölkerung schneller als geplant entwickelten.5

Des weiteren erwiesen sich die bisherigen Methoden der Planung und Lenkung der DDR-Wirtschaft als ineffizient: Verluste waren nicht persönlich zuordenbar und die betriebsinterne Kontrolle funktionierte nicht wie gewünscht, so dass oftmals direkte Eingriffe des Parteiapparats notwendig wurden.6 Der chronische Ressourcenmangel führte zu unzureichender Allokation der Zu- teilungen an die Betriebe, so dass ein naturalwirtschaftliches Austauschsystem entstand, welches zumindest teilweise die einzelwirtschaftliche Rationalität der Betriebe sicherstellen konnte und damit indirekt zum Funktionieren des Ge- samtsystems beitrug. Durch die unzureichende Kontrolle der vorhandenen Geldmenge (die sich beispielsweise in mangelnden finanziellen Restriktionen für Betriebe zeigte), waren die Anreize für effizientes Ressourcenmanagement gering. Zusätzlich wurde die Planung durch die Tatsache erschwert, dass die

Industriepreise relativ starr festgelegt waren und nicht die tatsächlichen Werte widerspiegelten, sondern mit einigen Modifizierungen auf den Preisen von 1944 beruhten, ähnlich verhielt es sich bei den Produktionsfonds.7

Insgesamt führten diese volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen, zusammen mit der Prämisse, dass kein Betrieb Konkurs gehen durfte8, zu einer massiven Hortung von Ressourcen durch die Durchsetzung „weicher“ Pläne was wieder- um die Effizienz der Betriebe deutlich minderte.9 Der mangelhafte Einsatz neu- ester Technik (wie z.B. Automatisierung), welche sich damals in den entwickel- ten kapitalistischen Volkswirtschaften durchzusetzen begann, stellte ein zusätz- liches Problem dar.10 Auch Widersprüche zwischen den zentralen Wirtschafts- einheiten und den jeweiligen Betrieben begannen sich abzuzeichnen, der star- ke Einfluss der staatlichen Plankomission (SPK) auf die Lenkung der Wirtschaft führte notwendigerweise zu „Reibungsverlusten“ bei nachgeordneten Ebenen, die wiederum mangels materieller Stimulation ein geringes Interesse an der Wahrnehmung ihrer Kontrollfunktion hatten.11

Mit Beginn der 1960er Jahre wurden die Grenzen des bisherigen Systems der zentralen Planung offenbar: Die industrielle Zuwachsrate sank zwischen 1959 und 1961 von 12 auf 6%, was auf die oben genannten Gründe zurückzuführen ist.12 Hinzu kam die weitere Verschärfung der Flüchtlingsbewegung: Im Jahr 1961 verließen über 30.000 Menschen die DDR13. Allein die durch Wande- rungsverluste bedingten Produktionsausfälle betrugen 1960/61 etwa 3,9 Mrd. Mark, was die rationalere Nutzung der vorhandenen Ressourcen unabdingbar werden ließ.14

Diese Gründe, zusammen mit der weiteren Verschärfung der Versorgungslage, zwang die SED-Führung dazu systematische Lösungen für die ökonomischen Probleme des Landes zu entwickeln.

III. Implementierung der Reform

Erste Ansätze zu einer Veränderung der Wirtschaftspolitik gehen bereits auf das Jahr 1961 zurück, als die Aufgaben der SPK neu definiert und durch die Grün- dung eines Volkswirtschaftsrates (VWR) unter personeller Besetzung jüngerer und fachlich qualifizierter Kader eine strukturelle Straffung des Planungssys- tems in Angriff genommen wurde, um die Aufgaben besser zu koordinieren.15

Letzten Endes war auch die Schließung der Grenze zur BRD am 13. August ei- ne ökonomische Maßnahme, mit der eine weitere Abwanderung von Fachkräf- ten und damit das ökonomische Ausbluten der DDR erfolgreich verhindert wer- den konnte. Mit diesem Schritt, der durchaus als Voraussetzung für das NÖS betrachtet werden kann, konnte sich die Regierung zumindest kurzfristig die nö- tigen Spielräume verschaffen, die für eine Umgestaltung der Gesellschaft erfor- derlich waren.16

Im darauffolgenden Jahr begann die Erarbeitung eines umfassenden Konzepts. Bei einer wirtschaftswissenschaftlichen Konferenz im Dezember 1962, bei der vor allem junge Wirtschaftswissenschaftler ihre Ideen in den Parteiapparat ein- bringen sollten, wurde auf die vorherige Überprüfung der Redebeiträge verzich- tet um Raum für unkonventionelle Ideen zu schaffen.17 Schon vor der eigentli- chen Erarbeitung startete die Regierung ein Experimentierprogramm: Bereits vor der Reform waren die Betriebe einer Branche in der DDR zu sogenannten „VVBs“ (Vereinigte Volkseigene Betriebe, die Vorläufer der späteren Kombinate) zusammengefasst. Durch das Experiment sollten nun ausgewählten VVBs die notwendigen ökonomischen Ressourcen zur operativen Leitung „ihrer“ Branche übergeben werden, auch die wirtschaftliche Rechnungsführung hielt Einzug.18

Gefordert war die Entwicklung eines „in sich geschlossenen Systems der mate- riellen Interessiertheit“ (Entwurf der ZK-Abteilung Planung und Finanzen), wel- ches kapitalistische Marktmechanismen simulieren sollte. Doch schon während der Erarbeitung des Konzept kam es zu Schwierigkeiten, da viele Kader in verantwortungsvollen Positionen nur schwer von ihrer etablierten Denkweise abzubringen waren. Insbesondere das Ministerium der Finanzen erwies sich als Hemmnis, da es es sich zunächst weigerte, angestammte Kompetenzen bei der Preisgestaltung an die VVBs abzugeben.19

1.) Erste Phase: Das NÖS (1963 - 1967)

Die erste geschlossene Konzeption des NÖS wurde am 11. Juli 1963 beschlos- sen. Herausragende Rolle bei einer Erarbeitung hatten insbesondere der Wirt- schaftssekretär Günter Mittag und Erich Apel, der 1958 zum Vorsitzenden der neugebildeten Wirtschaftskommission beim Politbüro der SED wurde. Dabei wurden beide von Ulbricht bewusst als Verantwortungsträger und Vertrauens- leute zur Realisierung des NÖS eingesetzt, wohl auch um den internen Wider- stand in teilen des Parteiapparats zu hemmen.20 Die wesentlichen Elemente des Systems wurden in dem Entwurf folgendermaßen zusammengefasst:

Es ist die organische Verbindung

- der wissenschaftlich-fundierten F ü hrungst ä tigkeit in der Wirtschaft und

– der wissenschaftlich begr ü ndeten, auf die Perspektive orientierten zentralen staatlichen Planung.
- mit der umfassenden Anwendung der materiellen Interessiertheit in

Gestalt des in sich geschlossenen Systems ö konomischer Hebel.21

Konkret bedeutet dies, dass die VVBs die Mittel zur Lenkung der ihnen un-

terstellten Betriebe im wesentlichen selbst erwirtschaften sollten, was mit einer Reduzierung der staatlich vorgegebenen Kennziffern einhergeht. Investitionen sollten stärker aus Gewinn und Kredit finanziert werden, anstelle staatlicher Inputs.22

[...]


1 Vgl. Kapitel 2.

2 Koziolek, Helmut: Hatte das Neue Ökonomische System eine Chance?, in: Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät 10 (1996), S. 129.

3 Richtlinie für das neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft. Beschluß des Präsidiums des Ministerrates der Deutschen Demokratischen Republik vom 11. Juli 1963, Berlin 1963, S. 15.

4 Weber, Herrmann: Geschichte der DDR, München 1999, S. 220.

5 Steiner, André: Die DDR-Wirtschaftsreform der sechziger Jahre. Konflikt zwischen Effizienzund Machtkalkül, Berlin 1999, S. 40f.

6 Ebd., S. 36.

7 Ebd., S. 34f., 187.

8 Ebd., S. 33.

9 Ebd., S. 35.

10 Koziolek, S. 130.

11 Steiner, S. 36.

12 Weber, S. 238.

13 Ebd. S. 218.

14 Steiner, S. 43.

15 Steiner, S. 45.

16 Ebd., S. 59.

17 Ebd., S. 53.

18 Ebd., S. 56.

19 Ebd., S. 61.

20 Ebd., S. 50f.

21 Richtlinie, S. 10.

22 Ebd., S. 80f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Neue Ökonomische System. Vertane Chance für die Wirtschaft der DDR?
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Geschichte der DDR
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V434992
ISBN (eBook)
9783668764293
ISBN (Buch)
9783668764309
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DDR, deutsche Geschichte, NÖS, Neues Ökonomisches System, Walter Ulbricht, 1960er, Wirtschaftsgeschichte, Sozialismus, Kommunismus, Wertgesetz, Planwirtschaft, Wirtschaft der DDR, Osteuropa, Reform, Wirtschaftsreform
Arbeit zitieren
Marcel Kunzmann (Autor), 2013, Das Neue Ökonomische System. Vertane Chance für die Wirtschaft der DDR?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434992

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