Das Land Israel im Koran. Eine exemplarische Betrachtung der Suren 7 und 5


Ausarbeitung, 2015

13 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Mekkanische Periode

Medinensische Periode

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Intemetquellen

Einleitung

Denkt man an das Land Israel und den Islam, tun sich zunächst mentale Frontlinien auf, die von der modernen Kontroverse um Palästina und muslimischem Antisemitismus herrühren. Ein genauerer Blick auf die normativen Quellen des Islam, insbesondere auf den Koran, in Bezug auf das Thema Israel scheint also lohnenswert. Dabei ergibt sich, wie Stefan Schreiner1 gezeigt hat, dass der Koran die (biblische) Landverheißung Palästinas an die Kinder Israel durch Gott bestätigt und sie eben nicht - wie man vielleicht annehmen könnte - auf die Araber oder die Muslime ummünzt. Nun müsste man sicherlich noch, um ein vollständiges Bild von der islamischen Konzeption des Landes Israel zu zeichnen, die islamische Prophetentradition und Geschichtsschreibung betrachten, doch das würde den Rahmen an dieser Stelle sprengen. Diese Ausarbeitung will die einschlägigen Koranverse betrachten und auf ihre Aussage in Bezug auf das Land Israel untersuchen. Dabei sollen exemplarisch für die mekkanische Wirksamkeitsperiode des Propheten Muhammad Sure 7 und für die medinensische Sure 5 beleuchtet werden.

Natürlich lässt sich nicht leugnen, dass Palästina und insbesondere Jerusalem - arab. al-Quds, ״die Heilige“ - im Islam eine besondere Rolle spielen. Ursprünglich beteten die Muslime in die Richtung Jerusalems, was mit der Selbstwahmehmung Muhammads als Prophet der jüdisch-christlichen Tradition zusammenhing. Diese Praxis wurde allerdings im Zuge der feindseligen Auseinandersetzungen mit den medinensischen Juden geändert, und die muslimische Gebetsrichtung (arab. qibla) konnte fortan nur Mekka mit seinem Heiligtum der Ka ba sein. In der (medinensischen) Sure 2, Verse 142-150 wird dieser Wandel mit einer Offenbarung Gottes erklärt.2 In die Geschichte des Islam integriert wurde Palästina durch die Eroberung Jerusalems unter dem zweiten muslimischen Kalifen ‘Umar b. al-Hattäb im Jahre 638 nach unserer Zeitrechnung. Kombiniert mit Muhammads Nacht- und Himmelsreise, die ebenfalls Jerusalem zum Schauplatz hatten, führte dies in der muslimischen Tradition freilich zu einer besonderen Wertschätzung Jerusalems und Palästinas. Allerdings sahen manche islamische Theologen die Verehrung Jerusalems kritisch, wie beispielsweise der konservative Gelehrte Taqī al-Dīn Ahmad ihn Taimiyya (st. 1328), der diese als unzulässige Neuerung (arab. bid a) und als Ablenkung von den zentralen Glaubensinhalten wertete.3

Dies zeigt, dass in der muslimischen Bewertung der Bedeutung Palästinas unterschiedliche Vorstellungen kursier(t)en. Umso wichtiger erscheint nun deswegen der Blick auf den Koran, der in der islamischen Theologie Gottes ewiges Wort und die ״höchste Instanz“4 für Fragen der rechten Lehre und Lebensführung darstellt. Im Zusammenhang mit der koranischen bzw. allgemein islamischen Rezeption jüdischer Traditionen muss der Begriff Isrā 'īlīvāt fallen. Dieser bezeichnet den Korpus biblischer und rabbinischer Erzählungen, die ihren Eingang in den Koran oder die islamische Prophetentradition gefunden haben. Dazu gehören unter anderem die biblischen Erzählungen von den Banū Isrā TI, den Kindern Israel, die vorwiegend in längeren Perikopen der Abrahams- und Mosesgeschichte im Koran zu finden sind.5 Allerdings muss betont werden, dass die sogenannte Landgabe (bzw. Landnahme), wie unter anderem in dem alttestamentlichen Buch Josua dargestellt, im Koran nur im Zuge groß angelegter Rückblicke auf das Exodusgeschehen erwähnt wird. Insgesamt wird also an zehn Stellen im Koran davon geredet, dass das Land Israel eine spezielle Gabe an die Banū Isrā TI ist.6

Die im Eingang erwähnte Absicht, eine mekkanische sowie eine medinensische Sure zu betrachten, trägt der Tatsache Rechnung, dass sich die unterschiedlichen politischen Gegebenheiten in Mekka und Medina, insbesondere die Auseinandersetzungen Muhammads mit seinen politischen und religiösen Gegnern, auf die Aussagen im Koran niederschlagen. Da Muhammad sich in einer Linie mit den Propheten jüdischer und christlicher Tradition sah - und überdies (anfänglich) davon ausging, dass Juden und Christen ihn als Bringer der endgültigen Offenbarung anerkennen würden - kann man im Koran viele Bezüge zu den beiden ״Buchreligionen“ finden. Allerdings wandelte sich die Beziehung insbesondere zu den Juden nach der hiğra, der Auswanderung des Propheten nach Medina.7 Die Anerkennung des Prophetentums Muhammads und die damit verbundene politische Loyalität zur neu entstandenen muslimischen Konföderation wurden von den jüdischen Stämmen in Medina größtenteils abgelehnt. Die daraus folgenden Auseinandersetzungen führten zur Auswanderung der Banū Qaynuqä‘ und der Banū Nadir, während die Banū Qurayza ausgelöscht wurden.8 Vor diesem Hintergrund des Konflikts lassen sich auch antijüdische Polemiken, vor allem in medinensischen Suren, besser verstehen. Nun könnte man vermuten, dass durch diesen frühen jüdisch-muslimischen Streit das mekkanische Narrativ von der Landgabe Palästinas an die Israeliten in den jüngeren Suren verändert wurde. Daher die exemplarische Betrachtung beider Perioden.

Mekkanische Periode

In der spätmekkanischen Sure 7 tauchen für die Fragestellung relevante Verse auf, allerdings wie bereits erwähnt im Kontext einer längeren Mosesgeschichte, die sich von Vers 103 an entfaltet. Die aus der Bibel bekannte Geschichte von Moses‘ Gang zum Pharao und dem darauf folgenden Wettbewerb mit den ägyptischen Magiem (vgl. Exodus 7,1-13) wird hier in großem Detail und in teils dialogischer Form ausgedeutet. Wichtig allerdings festzuhalten ist, dass Moses seine Mission in den Versen 104 und 105 klar darlegt:

״Mose sagte: ,Pharao! Ich bin ein Gesandter (der) vom Herm der Menschen in aller Welt (kommt). Ich bin verpflichtet (?), gegen Gott nichts auszusagen, außer der Wahrheit. Ich bin mit einem klaren Beweis von eurem Herm zu euch gekommen. Damm schick (fa- ,arsii) die Kinder Israels mit mir weg!‘“

Dieser letzte Satz ist insofern wichtig, als an anderen Stellen dieser Sure wie auch beispielsweise in Sure 26 der Eindruck entsteht, als sei das den Israeliten verheißene Land Ägypten und nicht Palästina. In Sure 26, die nach der von Theodor Nöldeke begründeten Chronologie der koranischen Suren in die zweite mekkanische Wirksamkeitsperiode Muhammads fällt, wird in den Versen 57-59 geäußert, dass die Banū Isrā’īl den Besitz sowie den Wohnort der Ägypter geerbt hätten.9 Hier allerdings, im Vers 105 der siebten Sure, zeigt der Imperativ des vierten arabischen Verbalstammes fa-'arsii, dass das Ziel des göttlichen Auftrages war, die Kinder Israel aus Ägypten wegzuführen, wie es aus dem Alten Testament bekannt ist. Auch weiter folgt der Bericht im Kem dem biblischen Narrativ, wenngleich - wie in den anderen koranischen Versionen der Mosesgeschichte10 - mit manchen Zusätzen und Abwandlungen.

Für die Frage nach dem Land relevant werden dann zunächst die Verse 128 und 129. Im unmittelbaren Kontext dieser Verse zeichnet Muhammad das Schicksal der Israeliten in Ägypten nach, insbesondere den Plan des heimtückischen Mordes an allen hebräischen Knaben. In diesem Zusammenhang heißt es dann: ״Mose sagte zu seinen Leuten: ,Bittet Gott um Hilfe und seid geduldig! Die Erde gehört Gott (allein). Er gibt sie, wem von seinen Dienern er will, zum Erbe. Das Ende fällt dereinst zugunsten derer aus, die gottesfürchtig sind.‘ Sie sagten: ,Wir haben Ungemach erlitten, bevor du zu uns kamst, und (erleiden weiter Ungemach) nachdem du zu uns gekommen bist.‘ Er sagte: ,Vielleicht wird Gott eure Feinde zugrunde gehen lassen und euch zu (deren) Nachfolgern auf der Erde (yastahlifakam fi ใ-ardı) machen, um zu sehen, wie ihr (dann) handelt.“‘ (Sure 7,128-129)

Deutlich wird hier zunächst, dass die Verteilung der Eigentumsrechte des Landes Gott (Allah) obliegt. Wem er ein Land geben will, dem gibt er es; aber es sind die Gottesfürchtigen {al- muttaqma), die auf ein gutes Los hoffen dürfen. Dann allerdings scheint es so, als wollten die Kinder Israel das Land {al-ard), das den Ägyptern gehört hatte, in Besitz nehmen. Das wäre eine etwas überraschende Wendung, die es zu untersuchen gilt. Das arabische Verb yastahlifakum steht im zehnten Verbalstamm und wird bei Hans Wehr mit ״zu seinem Nachfolger od. Stellvertreter bestimmen“ übersetzt.11 FT l-ardi kann sowohl in Bezug auf das Land als auch auf die Erde bzw. die Welt stehen.12 Nun gilt es allerdings zu bedenken, dass an dieser Stelle eine wörtliche Rede Moses vorliegt, die somit keine theologisch bindende Aussage darstellt wie die im Pluralis Majestatis formulierten Aussprüche Allahs. Es äußert Moses in Vers 129 lediglich den Wunsch, dass Gott die Feinde der Kinder Israel vertilgen und dafür diese zu deren Nachfolgern im Land oder auf der Erde bestimmen möge.13

Allerdings mag es sein, dass Muhammad ursprünglich tatsächlich der Meinung war, das Land Ägypten sei den Israeliten vererbt worden. Denn in einigen früheren Suren der mekkanischen Periode wird diese Sicht mehr oder weniger deutlich vertreten, wie in der bereits angesprochenen Sure 26:

״Und wir vertrieben sie (d. h. das Volk Pharaos) aus Gärten, von Quellen, von Schätzen und einem vortrefflichen Standort. So (war das). Und wir gaben es den Kindern Israels zum Erbe.“ (V. 57-59)

Diese Aussage ist klar, und dennoch bleibt die Frage, wozu diese Landgabe dient, wenn unmittelbar im Anschluss vom Auszug aus Ägypten geredet wird (V. 60-66). Ebenso verhält es sich in auch in Sure 7. Auch hier wird wenig später, nachdem Moses den Wunsch nach Vernichtung der Ägypter ausgesprochen hat, vom Auszug der Israeliten und der Durchquerung des Meeres berichtet (Sure 7,138). Einen konkreten Hinweis auf eine Landgabe schließlich findet sich in Vers 137: ״Und wir gaben dem Volk, das (vorher) unterdrückt war, die östlichen und westlichen Gegenden des Landes (d.h. das ganze Land) zum Erbe, (- jenes Landes), das wir gesegnet haben. Und das schöne Wort (der Verheißung) deines Herrn ging an den Kindern Israels in Erfüllung (zum Lohn) dafür, daß sie geduldig waren. Und wir zerstörten, was Pharao und sein Volk (vorher) gemacht, und was sie an Bauten errichtet hatten.“

Dass es sich bei dem unterdrückten Volk um Moses‘ Volk, also die Israeliten handelt, ist sowohl aus dem Kontext ersichtlich als auch Konsens unter Kommentatoren des Korans. So schreibt Paret in seinen Notizen zu 7,137:

״Mit dem ,Volk, das unterdrückt war‘, sind die (von Pharao und den Ägyptern unterdrückten) Kinder Israel gemeint.“14

Auch in dem Tafsīr al-Galālayn, einem der bekanntesten sunnitischen Korankommentare, heißt es zu Vers 137:

“And We bequeathed upon the people who were oppressed, through bondage, namely, the Children of Israel (eigene Hervorhebung), the eastern parts of the land.. .”15

Hier gibt es keinen Zweifel daran, dass mit dem unterdrückten Volk die Kinder Israel gemeint sind, die vor den Streitwagen des ägyptischen Pharaos geflohen sind. Interessant ist nun natürlich, was die muslimischen Kommentatoren zu dem speziellen Land meinen, das Allah den Kindern Israel zum Erbe gab. Vertreten sie hier etwa die These, das verheißene Land sei das ״Land der Ägypter“, wie es Muhammad wohl zunächst verstanden hat? Die Fortsetzung des Tafsīr al-Galālayn zu v. 137 lautet so:

“...and the western parts thereof which We had blessed, with water and trees (aliati bāraknā ñha, ‘which We had blessed’, is an adjectival qualification of al-ard, ‘the land’), and this was Syria...”

Das Land, um das es hier geht, wird ohne größere Erklärung mit Syrien gleichgesetzt. Im arabischen Kommentar steht hier der Begriff aš-Šām, was in der muslimischen Tradition nicht nur Syrien, sondern auch Libanon und Palästina umfasst (Bilād aš-Šām, manchmal als ״Großsyrien“ bezeichnet). Zumindest in dieser Auslegung wird also das ״Land, das wir gesegnet haben“ mit Palästina identifiziert, freilich in einem viel größeren Rahmen, der vielleicht eine gewisse Analogie in großzügigen biblischen Landverheißungen findet.16 Die Bezeichnung ״Gesegnetes Land“ jedenfalls taucht auch in 17,1; 21,71 und 81 sowie in 34,18 auf und darf wohl als das uns bekannte ״Heilige Land“ verstanden werden.17

Ein anderer Koran-Kommentar, der Tcmwïr al-Miqbäs min Tafsīr Ibn Abbas, stellt zu 7,137 eine weitere Sicht der Dinge vor:

“(And We caused the folk who were despised) who were humiliated (to inherit the eastern parts of the land) the land of Jerusalem, Palestine, Jordan and Egypt (and the western parts thereof which We had blessed) part of it with water and trees.”18

Hier beginnt die Aufzählung des den Kindern Israel vererbten Landes gar mit Jerusalem, um dann Palästina, Jordanien und Ägypten zu nennen. Könnte es sein, dass dieses Verständnis eine Kombination von Muhammads (sich wandelnden) Ansichten darstellt? Gehört zu dem koranischen ״Heiligen Land“ möglicherweise sowohl Palästina als auch Ägypten? Dies kann nun an dieser Stelle nicht geklärt werden, da es diesbezüglich weitergehender Recherche bedürfte. Festzuhalten ist allerdings, dass sowohl aus islamwissenschaftlicher als auch aus muslimisch-konfessioneller Perspektive das in der mekkanischen Sure 7 den Kindern Israel verheißene Gebiet in jedem Fall Palästina umfasst. Das biblische Motiv von der Erfüllung der göttlichen Verheißung des Landes wird hier aufgegriffen, übernommen und bestätigt.

Medinensische Periode

Nun war bereits erwähnt worden, dass durch die feindseligen Auseinandersetzungen der Muslime mit den medinensischen Juden polemische und verwünschende Aussagen Eingang in den Koran gefunden haben. Eine der Hauptanklagen gegen die Juden ist dabei der Vorwurf, die heiligen Schriften, die Gott bereits geoffenbart hatte, verfälscht oder gar völlig ignoriert zu haben. So heißt es beispielsweise in der ersten medinensischen19 und gesamtkoranisch gesehen längsten Sure 2:

״Hat denn nicht jedesmal, wenn sie (d.h. die Juden) eine Verpflichtung eingingen, ein Teil von ihnen sie verleugnet? Nein! Die meisten von ihnen glauben (eben) nicht. Und als (schließlich) von Gott ein Gesandter zu ihnen kam, der bestätigte, was ihnen (an Offenbarungen) bereits vorlag, warf ein Teil

von denen, die die Schrift erhalten hatten, die Schrift Gottes (achtlos) hinter sich, wie wenn sie von nichts wüßten.“ (V. 100-101)

Trotz dieser Polemik gegen Juden wurde allerdings nun nicht die gesamte bisherige Lehre von der Geschichte der Kinder Israel über den Haufen geworfen. Dies wäre auch der Sache nicht dienlich gewesen, denn die Anklage bestehtja überhaupt darin, dass trotz der Segnungen und Offenbarungen Allahs - und dazu gehört auch die Landgabe - die Juden ihren eigenen Weg gingen. Diese Auseinandersetzungen sollen nun aber nicht das Thema sein, vielmehr muss exemplarisch für die medinensische Periode die Sure 5 zum Zuge kommen.

Die Sure 5, die die jüngste aller koranischen Suren und damit die letzte medinensische Sure darstellt20 (und somit für die Betrachtung als Gegenstück zur spätmekkanischen Sure 7 gut geeignet ist), wird bezüglich des Themas der Landgabe nochmals sehr deutlich. In den Versen 20-26 erfolgt wiederum eine kleine Perikope der Mosesgeschichte, deren biblischer Hintergrund in Numeri 13f. zu finden ist.21 In dem Kontext geht es um die israelitischen Kundschafter, die das verheißene Land Kanaan durchstreifen und erforschen sollen. Hier nun also in Sure 5, Verse 20 und 21 heißt es:

״Und (damals) als Mose zu seinen Leuten sagte: ,Leute! Gedenket der Gnade, die Gott euch erwiesen hat! (Damals) als er Propheten unter euch auftreten ließ (w. machte) und euch zu Königen machte und euch gab, was er (sonst) keinem von den Menschen in aller Welt gegeben hat. Leute! Tretet ein (Iidhiiiü) in das heilige Land {ใ-arda 1-muqaddasata), das Gott euch bestimmt hat (kataba aiiähn lakani), und kehrt nicht (gleich wieder) um, so daß ihr (letzten Endes) den Schaden habt!

Zunächst lässt Muhammad Moses die Israeliten an die bisherigen Segnungen erinnern, die Gott ihnen erwiesen hatte. Interessant und nicht ganz klar ist dabei der Bezug des Teilsatzes ״was er (sonst) keinem von den Menschen in aller Welt gegeben hat“. Freilich lässt sich schnell ein Zusammenhang herstellen zu dem heiligen Land, von dem dann in Vers 21 die Rede ist. Solch eine Auslegung würde die Landgabe an die Israeliten tatsächlich zu einem einzigartigen Vorgang machen und die Eigentumsrechte auf dieses Land abschließend klären. Stefan Schreiner weist indes auf Sure 45,16 hin, wo in einer ähnlichen Konstruktion (״sie vor den Menschen in aller Welt ausgezeichnet“) die Schrift, die Urteilsfähigkeit und die Prophetie als Beispiele von Gottes Gaben an die Israeliten aufgezählt werden.22 Dies findet alttestamentliche Parallelen, unter anderem in Deuteronomium 4,5-8, und erinnert außerdem in gewisser Weise an eine Aufzählung der göttlichen Gaben an die Israeliten in dem neutestamentlichen Römerbrief (vgl. Römer 9,4-5). Wie auch immer dieser Teilsatz zu verstehen ist, wichtiger ist nun sicher die Diskussion des Landes, von dem im Anschluss die Rede ist.

Der Imperativ ״tretet ein“ (■udhulü) in Vers 21 sowie die Aufforderung, nicht wieder umzukehren, lässt an eine Situation denken, in der sich die Landnahme durchaus problematisch gestaltet. Tatsächlich findet sich in Numeri 13 ein möglicher Anhaltspunkt dafür, denn die israelitischen Kundschafter, die aus dem Land Kanaan (!) zurückgekommen waren, entmutigten das Volk Israel bezüglich der Landnahme. Zu stark sei das Volk, das darin wohne, zu groß die Städte und außerdem gebe es dort auch Riesen.23 Möglicherweise hatte Muhammad eine derartige Situation vor Augen, als er Moses die obigen Worte an die Kinder Israel richten ließ. Damit ergibt sich auch, was im Hinblick auf das erwähnte Land offensichtlich ist: Es handelt sich um das ״Heilige Land“, Kanaan, oder eben Palästina.24 Vor diesem (biblischen) Hintergrund und der Tatsache, dass hier der Begriff al-ardu l- miiqaddasatu verwendet wird, kann daran kein Zweifel sein. Wieder lohnt es sich, den Tafsīr al-Ğalâlayn zu diesem Vers 21 zu betrachten:

״О my people, enter the Holy, the purified, Land which God has ordained for you, [which] He commanded you to enter, and this is Syria (al-shām), and do not turn back in flight, [do not] retreat in fear of the enemy, or you will end up as losers’, in your efforts.”25

Hier wird das Land mit den Attributen ״heilig“ (so im Korantext) und ״gereinigt“ beschrieben, was an eine alttestamentliche Konzeption von der rituellen Reinheit des Landes erinnert.26 Wiederum wird dieses Land mit Syrien - aš-Šām - identifiziert, was natürlich das bekannte ״Großsyrien“ mit Palästina als Teilgebiet meint. Allah hat Palästina also den Kindern Israel bestimmt, oder zugeschrieben, wie man kataba lakúm wohl am besten übersetzt. In dem Korankommentar ist dabei zusätzlich noch die Rede davon, dass Gott den Israeliten die Einnahme des Landes befohlen habe, ein göttlicher Imperativ also, keine Möglichkeit nur. Der Tanwïr al-Miqbäs min Tafsīr Ibn Abbas kommentiert Sure 5,21 folgendermaßen:

״(О my people! Go into the holy land) the purified Damascus, Palestine and parts of Jordan (which Allah hath ordained for you) which Allah has gifted to you and made it a bequest of your father Abraham. (Turn not in flight) retreating, (for surely ye turn back as losers) who are punished: Allah will take away from you the quails and honey:”27

Hier beginnt die Aufzählung der Gebiete des ״Heiligen Landes“ gar mit Damaskus. Der Kommentator versteht dieses Land ebenso als Bilād aš-Šām, wenn er außerdem noch Palästina und ״Teile Jordaniens“ nennt. Der Charakter der Landgabe wird hier mit ״Geschenk“ und ״Erbe eures Vaters Abraham“ präzisiert. Dies ist natürlich im Licht der biblischen Landverheißungen an Abraham zu sehen, woraus sich auch hier ganz klar ergibt, dass Palästina den Kindern Israel verheißen wurde. Somit lässt sich also konstatieren, dass auch hier in der jüngsten koranischen und medinensischen Sure dieser Sachverhalt nicht verändert wurde.

Was in der Analyse der mekkanischen Sure 7 und der medinensischen Sure 5 außerdem zu beobachten ist, ist der jeweils angegebene Grund för die Landgabe. In 7,137 wird das Verdienst der Kinder Israel betont:

״Und das schöne Wort (der Verheißung) deines Herm ging an den Kindern Israels in Erfüllung (zum Lohn) dafür, daß sie geduldig waren (bi-mä sabani).“

Hier scheint es tatsächlich so zu sein, als sei die Verheißung Gottes in Bezug auf das Land durch die Geduld der Israeliten in Erfüllung gegangen.28 Allerdings könnte bi-mä şabarîı auch so verstanden werden: durch das hindurch, was sie erduldeten. Dann wäre es vielmehr so, dass die Israeliten trotz allen Leides und aller Pein, die sie ertrugen in Ägypten und auf der Flucht, die Erfüllung der göttlichen Verheißung sehen durften. Die gängigen Koranübersetzungen und -kommentáré verstehen die obige Wendung aber durchaus so, als habe die Geduld der Israeliten eine wesentliche Rolle bei dieser Erfüllung gespielt.29

Im Gegensatz dazu betont 5,20 die ״Gnade“, die Allah den Kindern Israel erwiesen hatte darin, dass er ihnen das Heilige Land gab. Das arabische Wort ni 'ma kann nach Wehr mit ״Wohltat“, ״Huld“, ״Gnade“ oder auch ״Güte“ übersetzt werden.30 Es kann also davon ausgegangen werden, dass Muhammad hier die aus dem Alten Testament bekannte Vorstellung von der Gnadenwahl Gottes übernimmt.31 Nicht eigene Anstrengung oder standhaftes Ausharren, wie in Sure 7 genannt, wären dann ursächlich für die Verheißung, sondern nur die freie Gnade Gottes. Vielleicht liegt hier wieder ein Wandel in den Ansichten Muhammads vor, der zunächst von einem Verdienst der Kinder Israels ausgegangen war. Wahrscheinlicher erscheint es indes, dass an diesen beiden Stellen schlicht und ergreifend zwei unterschiedliche Seiten einer Medaille betont werden: Sowohl die Gnade Allahs, die den Kindern Israel das Land verhieß, als auch die Geduld der Israeliten in der Drangsal ermöglichten die letztendliche Besitzergreifung Palästinas.

Zusammenfassung

In der Analyse zweier exemplarisch für die mekkanische und medinensische Periode stehenden Suren zeigt sich also, dass der von der Bibel her bekannte Sachverhalt nicht verändert wurde: Das Land Israel, Palästina, wurde den Kindern Israel von Allah (Gott) verheißen. Dies wird sowohl in der mekkanischen Sure 7 als auch in der medinensischen Sure 5 unter Berücksichtigung sprachlicher Einzelheiten und muslimischer Koran-Kommentare deutlich. Dabei mag es möglich sein, dass eine anfängliche oder alternative Sichtweise existierte, wonach die Israeliten im Kontext des Exodus das Land Ägypten geerbt hätten (vgl. 26,57-59). Ob diese Auffassung wieder aufgeben wurde, wie Schreiner es versteht, oder ob das Heilige Land nach dem Koran sowohl Palästina als auch Ägypten umfasst, wie ein zitierter Kommentar nahelegt, wäre eine interessante Fragestellung für weitere Recherchen. Festhalten lässt sich auf jeden Fall, dass das ״gesegnete Land“, das ״heilige Land“, wie es hier genannt wird, auf jeden Fall das Land Palästina umfasst. Bemerkenswert ist, dass an keiner Stelle die Landverheißung von den Kindern Israel als Empfänger umgelenkt und auf die Araber bzw. die Muslime gerichtet wird. Dies war offensichtlich niemals die Intention Muhammads, der ansonsten die Juden immer wieder offen kritisierte. Wie im Eingang bereits erwähnt, könnte nun auch die islamische Prophetentradition, die sich in den sogenannten Hadîţen niederschlägt, in Bezug auf das Land Israel untersucht werden, ebenso wie spätere muslimische Exegeten. Doch was alleine den Koran angeht, so lässt sich eine Ummünzung der Eigentumsrechte Palästinas auf die Muslime nicht herleiten.

Literaturverzeichnis

Berger, Lutz (2010): Islamische Theologie. Wien: facultas.wuv.

Haarmann, Ulrich (Hg.) (2004): Geschichte der arabischen Welt. 5. Aufl. München: C,H.Beck, S. 41-46.

Krämer, Gudrun (2015): Geschichte Palästinas. Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel. 6. Aufl. München: C.H.Beck.

Paret, Rudi (1983): Der Koran. Übersetzung. 3. Aufl. Stuttgart: w. Kohlhammer.

Paret, Rudi (1989): Der Koran. Kommentar und Konkordanz. 4. Aufl. Stuttgart: w. Kohlhammer.

Schreiner, Stefan u.a. (2012): Die jüdische Bibel in islamischer Auslegung. Tübingen: Mohr Siebeck (27), s. 282-292.

Internetquellen

Tafsīr ül-Ğülülayn, engl. Übersetzung von Feras Hamza: http ://www. altafsir. com/Tafasir. asp? tMadhNo=0&tTafsirNo=74&tSoraNo=l&tAyahNo=l&tDisplay=yes&UserProfile=0&Langu ageld=2

Tanwîr al-Miqbās min Tafsīr Ibn Abbās, engl. Übersetzung von Mokrané Guezzou: http ://www. altafsir. com/Tafasir. asp? tMadhNo=0&tTafsirNo=73&tSoraNo=l&tAyahNo=l&tDisplay=yes&UserProfile=0&Langu ageld=2

1 Schreiner, Stefan: Palästina - das Land Israels nach dem Koran, in: Ders. U.a. (Hg.) (2012): Die jüdische Bibel in islamischer Auslegung. Tübingen: Mohr Siebeck (27), s. 282-292.

2 Vgl. Haarmann, Ulrich (Hg.) (2004): Geschichte der arabischen Welt. 5. Aufl. München: C.H.Beck, s. 43 sowie Krämer, Gudnm (2015): Geschichte Palästinas. Von der osmanischen Erobenmg bis zur Gründung des Staates Israel. 6. Aufl. München: C.H.Beck, s. 46.

3 Ibn Taimiyya dient zeitgenössischen Islamisten immer wieder als Inspirationsquelle; umso bemerkenswerter, dass er die Integration Jerusalems als heilige Stadt in den Islam ablehnt, vgl. Krämer 2015, s. 45.

4 Berger, Lutz (2010): Islamische Theologie. Wien: facultas.wuv, s. 41.

5 Vgl. exemplarisch Sure 7,103-167 (mekkanisch) und Sure 2,49-61 (medinensisch). Alle Zitate sowie Verszählung nach Rudi Parets Übersetzung, 1983.

6 Vgl. Schreiner 2012, s. 283.

7 Vgl. Berger 2010, s. 216f.

8 Vgl. Haarmann 2004, s. 42.

9 Siehe Sure 26,57-59 und Schreiner 2012, s. 284.

10 Vgl. dazu Paret, Rudi (1989): Der Koran. Kommentar und Konkordanz. 4. Aufl. Stuttgart: w. Kohlhammer, s. 169 zu 7,103-137.

11 Wehr, Hans (1985): Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart. 5. Auflage Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, s. 359.

12 Vgl. analog dazu das hebräische Wort 'eretz, das ebenfalls sowohl ״Land“ als auch ״Erde, Welt“ bedeuten kann.

13 Vgl. Schreiner 2012, s. 288.

14 Paret 1989, s. 172 zu 7,137.

15 Eine Sammlung verschiedener bedeutender Koran-Kommentare findet sich auf einer Intemetseite des jordanischen Royal Aal al-Bayt Institute for Islamic Thought: http://www.altafsir.com/Tafasir.asp? tMadhNo=0&tTafsirNo=74&tSoraNo=7&tAyahNo=137&tDisplay=yes&UserProfile=0&LanguageId=2, Zugriff: 23.09.2015. Die englische Übersetzung des Tafsirs stammt von Feras Hamza.

16 Vgl. Genesis 15,18: ״von dem Strom Ägyptens an bis an den großen Strom Euphrat“, daher die berühmte Formel ״Vom Nil bis zum Euphrat“ (wobei der ״Strom Ägyptens“ meist mit dem Wadi al-Arisch und nicht mit dem Nil identifiziert wird).

17 Vgl. nochmals Paret 1989, s. 172 zu 7,137 sowie Schreiner 2012, s. 285.

18 Tcmwïr al-Miqbäs min Tafsīr Ibn 'Abbas, englische Übersetzung von Mokrané Guezzou. http://www.altafsir.com/Tafasir.asp? tMadhNo=0&tTafsirNo=73&tSoraNo=7&tAyahNo=137&tDisplay=yes&UserProfile=0&LanguageId=2, Zugriff: 24.09.2015.

19 Vgl. Schreiner 2012, s. 287.

20 Nach der Chronologie von Theodor Nöldeke, vgl. Schreiner 2012, s. 289.

21 Vgl. Paret 1989, s. 119 zu 5,21-26.

22 Vgl. Schreiner 2012, s. 290.

23 Vgl.Num 13,28.

24 Vgl. Schreiner 2012, s. 289.

25 Tafsīr al-Galälayn zu Sure 5,21.

26 Vgl. Krämer 2015, s. 31.

27 Vgl. Tanwïr al-Miqbäs min Tafsīr Ibn 'Abbas zu Sure 5,21.

28 So auch der Tafsīr al-Galčdayn zu 7,137: http://www.altafsir.com/Tafasir.asp? tMadhNo=0&tTafsirNo=74&tSoraNo=7&tAyahNo=137&tDisplay=yes&UserProfile=0&LanguageId=2

29 Vgl. auch den Tanwtr al-Miqbäs min Tafsīr Ihn 'Abbas zu 7,137.

30 Wehr 1985, s. 1292.

31 Vgl. z. B. Ex 33,19 oder Dtn 7,7-8.

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Das Land Israel im Koran. Eine exemplarische Betrachtung der Suren 7 und 5
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V434993
ISBN (Buch)
9783668761179
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Israel, Islam, Juden, Koran
Arbeit zitieren
B.A. Matthias Messerle (Autor), 2015, Das Land Israel im Koran. Eine exemplarische Betrachtung der Suren 7 und 5, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434993

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