Die Bedeutung der Genussfähigkeit für Körper, Geist und Seele


Essay, 2018

6 Seiten


Leseprobe

Wer nicht genießt,

wird ungenießbar.“

Friedrich von Schiller

Wenn wir an die Stärkung unseres Körpers, des Geistes und der Seele denken, so fällt uns als erstes jeweils irgend eine Art von Anstrengung ein. Bekanntlich gehört Anstrengung auch meist dazu, um dieses Ziel zu erreichen. Aber es geht auch anders – völlig mühelos, ja sogar entspannt und freudig, nämlich durch bewusstes Genießen.

Den meisten Menschen fällt es schwer, bewusst zu genießen, da unsere Kultur meist von einer gewissen Eile und dem Gedanken an Effizienz beherrscht wird. Wir werden bereits ab der Kindheit dazu erzogen, alles möglichst schnell zu können und zu erledigen und dabei auch darauf zu achten, dass ein möglichst großer Nutzen aus unseren Handlungen entsteht. Gleichzeitig herrscht dabei auch das Streben nach einem ständigen „Mehr“. Sogar unsere Freizeit wird mit möglichst vielen Aktivitäten und Eindrücken ausgefüllt. Dadurch hat ein entspanntes Genießen vordergründig gesehen zunächst keinen großen Stellenwert, ja es erscheint sogar als schwierig durchführbar. Letztendlich scheint aber ein weniger und intensiveres Erleben der Schlüssel für eine höhere Lebensqualiltät zu sein. Und dies wiederum bedeutet eine entspanntere Grundhaltung, die wiederum auch zu einer höheren geistigen Leistungsfähigkeit führt.

Bei der Untersuchung der Frage der Wirkung des bewussten Genießens haben zahlreiche Autoren und Wissenschaftler die erfreuliche „Nebenwirkung“ entdeckt, dass dies eine der Hauptquellen von Energie sein kann – wenn es in der richtigen Art und Weise geschieht.

Eva Neumann beschreibt in ihrem Artikel „Schmecken und Genießen kann man lernen“ in GEISTIG FIT 2017-1 die Bedeutung von bewussten Sinneswahrnehmungen sowohl für die Psyche als auch für die geistige Leistungsfähigkeit. Sie weist darauf hin, dass Genussschulungen auch in der Therapie von Depressionen, Abhängigkeitserkrankungen, Essstörungen und sogar von Schizophrenie Anwendung finden. Das Ziel dabei ist eine gesunde Selbstfürsorge, die in der Psychotherapie eine bedeutende Rolle spielt.

Neumann weist auch darauf hin, dass Sinnesschulungen im Kindesalter eine besondere Bedeutung haben und zitiert Angela Dietz, Oceotrophologin im Kompetenzzentrum für Ernährung „KEm“ in Freising wie folgt: "Zwar sind alle Sinnesorgane von Geburt an funktionsbereit, man kann jedoch nicht von vornherein feine Geschmacksnuancen unterscheiden. Das muss man üben." Angela Dietz ist Oecotrophologin im Kompetenzzentrum für Ernährung in Freising (www.KEm.bayern.de), in dem ein Geschmacks-Parcours entwickelt wurde, der bei Ernährungsbildungsmaßnahmen in Bayern in Kindergärten und Grundschulen eingesetzt wird. Durch dieses frühzeitige Lernen wird für die geschulten Kinder bewusstes Genießen alltäglich, und zusätzlich wird ihr Lernvermögen gesteigert.

Neumann bezieht sich auch auf Studien von Dr. Rainer Lutz, klinischer Psychologe und Therapeut, und auf dessen Beitrag „Genuss und Genießen“ in einer Ausgabe der aid-Fachzeitschrift Ernährung von 2017. Hierin weist Lutz darauf hin, dass auch gesunde Menschen einen Nutzen hiervon haben. Er verweist auf Untersuchungen, wonach eine entspannte und an Genuss orientierte Lebensführung „Lernprozesse begünstigt, Energien freisetzt und das Immunsystem stärkt“.

Beim Studium dieses Artikels wird klar, dass es nicht die Eigenschaften eines Nahrungsmittels allein sind, die uns Genuss vermitteln, sondern dass es in erster Linie unser eigenes Verhalten ist. Lutz stellt sieben zentrale Genussregeln auf, nach denen wir vom oberflächlichen Erleben wieder zum bewussten Genießen gelangen können:

1. Genuss braucht Zeit.
2. Genuss muss erlaubt sein.
3. Genuss geht nicht nebenbei.
4. Weniger ist mehr.
5. Aussuchen, was gut tut.
6. Ohne Erfahrung kein Genuss.
7. Genuss ist alltäglich.

Über die Frage zu der zweiten Regel der Erlaubnis, lohnt es sich, gründlich nachzudenken. Wieso braucht man dazu eine Erlaubnis? Vielen von uns geht es so, dass wir fast ein schlechtes Gewissen haben, wenn wir uns etwas richtig Gutes gönnen und uns dafür die entsprechende Zeit nehmen. Dass dies nicht selbstverständlich ist, liegt meiner Meinung nach zum Teil an unserer Kultur und Erziehung.

Auch Nr. 4, „Weniger ist mehr“ ist in unserer heutigen Zeit zunächst ungewohnt und bedarf des Trainings. In den letzten Jahren erscheint beispielsweise in der Werbung auffallend häufig das Wort "mehr" - dies würde also bedeuten, nur "mehr" kann uns zufrieden stellen - und vielleicht sogar immer mehr? Dass auch ein Verzicht oder eine Reduzierung ein großer Gewinn sein können, lohnt es sich zu erkunden, auch wenn es zunächst ungewohnt erscheint.

Zu 6: Wenn etwas für uns neu ist, können wir es nicht von Anfang an genießen – wir müssen es erst kennen lernen.

Der bekannte Meditationslehrer und emeritierte Professor für Medizin an der Universität von Massachusets, Jon Kabat-Zinn, regt darüber hinaus in seinen verschiedenen Schriften und Büchern an, auch Bekanntes mit dem sogenannten "Anfängergeist" wahrzunehmen, wie ein Kind, das etwas zum ersten Mal erlebt. Hierdurch kann jeder Augenblick des Lebens bewusst zu etwas Neuem werden, was uns dazu befähigt, im Alltag auch die einfachsten Dinge zu genießen, mit wachen Sinnen.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch einige Hinweise und Tipps mit freundlicher Genehmigung von Frau Dr. Doris Wolf von deren Internetsseite auf www.psychotipps.com zitieren:

"Materieller Besitz und Geld können uns jedoch, wenn überhaupt, nur kurze Zeit Befriedigung verschaffen.

Zudem beraubt uns unser Druck, schnellstmöglich unsere Ziele verwirklichen zu müssen, der guten Gefühle, die wir auf dem Weg zum Ziel verspüren können.

Je weniger bewusst wir nämlich bestimmte Tätigkeiten ausüben, umso weniger befriedigen sie uns."

Sie führt weiterhin zu den Genussregeln aus:

"Geben Sie sich die Erlaubnis zu genießen. Genießen können Sie sich nicht verordnen. Sie können sich nur für die Genüsse öffnen.

Unterbrechen Sie jeden Gedanken, der mit 'Ich muss jetzt erst noch...tun' beginnt.

Bleiben Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit bei Ihren Sinnen. Fragen Sie sich während des Genießens: Was fühle, rieche, spüre, schmecke und rieche ich?" © 2012-2018 Dr. Doris Wolf

Auch der Diplom-PsychologeThomas Rückerl führt in seinem Buch "Sinnliche Intelligenz", Junfermann 1999, S. 30 und 31, einige wertvolle Ergänzungen hierzu auf:

"Das Privileg einer lebendigen und zugleich wohlorganisierten Sinnlichkeit dient einerseits der Optimierung der geistigen Fähigkeiten, und andererseits übt es einen direkten Einfluß auf Ihre Lebensqualiltät aus. ...

Die Sensibilisierung Ihrer Sinnessysteme ist eine echte Alternative zum allgegenwärtigen Konsumstreben - wer guten Kontakt zu seiner Sinnlichkeit pflegt, braucht nicht ständig neue und noch teurere Produkte zu kaufen. Offene Sinnessysteme erzeugen persönliche Autonomie. Der sinnliche Mensch kann hochwertige Konsumgüter bewußt genießen, doch er ist nicht darauf angewiesen - wer seinen inneren Reichtum entdeckt, kann auch mit einfachen Dingen glücklich sein. Viele Menschen kennen diesen Effekt vom Fasten - wer acht Tage nicht gegessen hat, der hat seinen Geschmackssinn gereinigt und ihn so stark sensibilisiert, daß der anschließende Genuss von Knäckebrot und Quark wie eine Offenbarung wirkt.

Ein weiterer großer Vorteil der Sensilbilisierung Ihrer Sinnessysteme besteht übrigens auch darin, daß Sie sich nachhaltig von dem Gefühl der Langeweile befreien. Die Vielfalt Ihrer Impulse auf dem Weg der intelligenten Sinnlichkeit kann dazu führen, daß Ihnen niemals langweilig wird! Sie können Ihre Sinnessysteme trainieren, indem Sie damit spielen, wie ein abenteuerlustiges Kind, jederzeit, an jedem Ort, auch gern heimlich, ohne dass andere Menschen etwas davon bemerken. Sie können in jeder Situation Kontakt zum Reichtum Ihrer Wahrnehmung aufnehmen!"

Ein weiterer Aspekt liegt darin, dass bewusstes Genießen zu Achtsamkeit führt und Achtsamkeit gleichzeitig Achtung und Wertschätzung der Dinge beinhalten kann, die uns gerade beschäftigen. Hieraus ergibt sich unweigerlich die Komponente, dass wir zum einen die Menge der Dinge, die wir genießen, reduzieren (allein schon aus Zeitgründen) und wir gleichzeitig ein Mehrfaches von Genuss verspüren. Außerdem führt dieser Zustand der entspannten Aufmerksamkeit auch zur besseren Verarbeitung geistiger "Nahrung" und ist somit auch für unsere geistige Leistungsfähigkeit von Bedeutung.

Es ist also deutlich erkennbar, dass das bewusste Erleben von Genuss zahlreiche körperliche, geistige und seelische Vorteile mit sich bringt.

Außerdem lohnt sich, das bewusste Geschmackserlebnis von Nahrung oder Getränken auf jegliches andere Genießen zu erweitern, um ein sinnenreiches und erfülltes Leben ohne großen Aufwand führen zu können, nämlich zusätzlich durch bewusstes Hören/Lauschen, Sehen/Schauen, Riechen und Fühlen/ Tasten.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein sinnenreiches Erleben mit allen hierdurch förderlichen "Folgen".

[...]

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Genussfähigkeit für Körper, Geist und Seele
Autor
Jahr
2018
Seiten
6
Katalognummer
V434994
ISBN (eBook)
9783668762770
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
genussfähigkeit, körper, geist, seele, Geistige Leistungsfähigkeit, Sinnesschulungen im Kindesalter, Genuss als Therapie, Achtsamkeit, Sinnessysteme trainieren, bewusstes Genießen, Stressbewältigung, Gehirntraining, Entspannung
Arbeit zitieren
Gudrun Müller (Autor), 2018, Die Bedeutung der Genussfähigkeit für Körper, Geist und Seele, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434994

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Bedeutung der Genussfähigkeit für Körper, Geist und Seele



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden