"Ich glaub ich steh im Wald". Warum sind Naturerfahrungen so wichtig für die Kinder von heute?


Essay, 2013
7 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

„Ich glaub ich steh im Wald“ - Warum sind Naturerfahrungen so wichtig für die Kinder von heute?

In Zeiten von Google und Wikipedia ist es möglich geworden, die Welt digital von Zuhause aus zu erschließen. Auch Freunde trifft man heute in Online - Communities oder in virtuellen Rollenspielen. So werden Erfahrungen nicht mehr gelebt, sondern durch Informationen über Erfahrungen abgelöst (vgl. Schulz, 2000, S. 4). Selbst die Erfahrungsräume in der realen Welt werden immer weiter manipuliert und durch selbst geschaffene Spezialräume, wie Spielplätze, Bolzplätze oder Stadtparks abgelöst (vgl. Rauschenbach / Wehland, 1989, S.17).

Welche Folgen hat dieser Prozess für die Kinder von heute und können Naturerfah- rungen die physische und psychische Entwicklung von Kindern positiv beeinflussen? Zunächst möchte ich den Begriff Naturerfahrung definieren. Dafür kläre ich als ers- tes die Bedeutung des Begriffs Natur und anschließend die des Begriffs Erfahrung. Der Begriff Natur kommt vom lateinischen Wort „natura“ und bedeutet „[…]Geburt, natürliche Beschaffenheit, Schöpfung [und bezeichnet] alles, was so ist wie es ist und wie es sich gibt, was nach eigenen innewohnenden Trieben, Kräften, Gesetzen sich gestaltet und entwickelt, im Unterschied zu alledem, was der Gedanke, die Ab- sicht, die Kultur und die Erziehung bewirken […]“(Brockhaus Enzyklopädie 1996, S. 417). Jedoch muss man bedenken, dass der Großteil der Natur in Deutschland eine von Menschenhand geschaffene und genutzte Kulturlandschaft ist. Unter dem Begriff Erfahrung verstehe ich das Erleben und die Auseinandersetzung mit der Realität. Dabei ist es wichtig, dass der Mensch durch Erfahrungen erkennt, dass seine Handlungen immer Folgen haben.

Somit bauen Erfahrungen immer weiter aufeinander auf und führen zu neuen Erfahrungen. Sie beeinflussen das Handeln der Menschen. Erfahrungen haben damit einen nachhaltigen Wert für unser Tun.

Also ist Naturerfahrung „[…] ein ganzheitlicher Aneignungsprozess relativ naturna- her Lebensumwelt, der auf dem subjektiven Empfinden, Wahrnehmen und Erleben natürlicher Erscheinungen und Prozessen basiert […]“ und das Handeln der Kinder beeinflusst (vgl. Brilling O. / Kleber, 1999, S. 158).

Doch wie viel Raum bleibt in der heutigen Kindheit, um Naturerfahrungen zu ma- chen?

Um dieser Frage nachzugehen, muss man als erstes die moderne Kindheit charakterisieren. Diese Kindheit lässt sich kurz mit dem Stichwort „veränderte Kindheit“ beschreiben, welche durch die moderne Gesellschaft bestimmt wird (vgl. Fölling-Albers, 1989, S. 10).

Der Kinderalltag ist geprägt von einer „Verinselung“(vgl. Fölling-Albers, 1992, S. 89). So bestehen die Erfahrungsräume der Kinder aus vielen Einzelräumen, die weit voneinander entfernt liegen. Die Kinder werden zum Beispiel von Zuhause aus zur Schule gefahren und nach der Schule zum Freizeitort (z.B. Fußballplatz) gebracht. Durch diese Verinselung können sich Kinder die Umgebung schlecht erschließen und haben Orientierungsprobleme.

Ein weiteres Merkmal der veränderten Kindheit ist die „Verhäuslichung“(vgl. Fölling-Albers, 1992, S.86): Immer mehr Kinder verlegen einen Teil ihrer Aktivitäten von draußen nach drinnen.

Sie ziehen sich von öffentlichen Spiel- und Aufenthaltsräumen, wie Straßen oder Wäldern zurück und verbringen ihre Freizeit in Innenräumen oder in direkter Nähe zu ihrem Wohnhaus. Diese Verhäuslichung hat Auswirkungen auf die Motorik der Kinder, da sich Fähigkeiten wie Klettern, Springen oder Rennen nicht mehr im All- tag entwickeln und von der Bedienung von Handys oder Joysticks abgelöst werden. Auch die Gesundheit soll dadurch gefährdet werden, da mangelnde Bewegung im Kindesalter Gesundheitsprobleme wie Fettleibigkeit, Haltungs- oder Konzentrati- onsschwächen fördert (vgl. http://www.welt.de/gesundheit/article12394371).

Außerhalb des Nahbereiches des Hauses verbringen viele Kinder ihre Freizeit in „kinderspezialisierten Zentren“ (vgl. Rauschenbach / Wehland, 1989, S.17), wie Spielplätzen, Turnvereinen oder Kindergruppen. Dadurch werden die Erfahrungs- räume und die Erfahrungsinhalte der Kinder stark eingeschränkt. Des Weiteren halten sich Kinder immer häufiger in „institutionalisierten Räu- men“ (vgl. Rauschenbach / Wehland, 1989, S.17), wie beispielsweise Offene Ganz- tagsschulen auf, wo Pädagogen und Erwachsene anwesend sind und die Betreuung der Kinder übernehmen. Somit ist es für diese Kinder schwer, Erfahrungen alleine und ohne die Kontrolle von Erwachsenen zu machen.

Außerdem werden die Erfahrungsmöglichkeiten der Kinder durch die so genannte „verplante Kindheit“ (vgl. http://www.sozialkompendium.org/xpage/files/Texte/ Fokus/sk_refk5_HZ_Kindheit.pdf) eingeschränkt. Ihre Freizeit wird oft von Erwachsenen organisiert und zeitlich und räumlich festgelegt. Deshalb kommt es immer seltener zu spontanen Treffen zwischen Kindern in frei gewählten Spiel- und Erfahrungsräumen. Der Wald1 verliert seine Rolle als Erfahrungsraum, da mehr Zeit bei Sportvereinen oder im Musikunterricht verbracht wird.

Auch die Zunahme an interaktiven und audiovisuellen Medien, wie Fernsehgeräte, Computer oder Spielkonsolen, hat zur Folge, dass viele Kinder lieber einen Großteil ihrer Freizeit an diesen Geräten verbringen. Dadurch wird der Spielkamerad entwe- der im Internet getroffen oder ganz durch Medien ersetzt. Die Konsequenz ist, dass den Kindern soziale Kontakte fehlen, was sich auch auf ihr Sozialverhalten auswirkt. Zusätzlich können sie keine direkten Erfahrungen mit der Realität machen.

Es wird versucht dieses Defizit durch Informationen über Erfahrungen, zum Beispiel durch Dokumentationen über die Natur, auszugleichen.

Jedoch wird dieser Zugang zu Erfahrungen nicht das Handeln der Kinder beeinflus- sen, da sie diese als Informationen nicht real erleben und sicht nicht damit auseinan- dersetzen, sondern nur dargeboten bekommen und konsumieren. Durch die passive Haltung haben diese Kinder einen Mangel an Eigenaktivität und Eigeninitiative. Da sie sich nicht in der Realität mit der Natur auseinandersetzen können, haben sie auch wenige Berührungspunkte mit ihr und so entfernen sie sich von ihr.

„ Der Mangel, Natur mit den Sinnen wahrzunehmen, hat zur Folge, da ß Sinneseindr ü cke wenig in uns zum Klingen bringen. Natur stirbt eben nicht nur drau ß en, sondern vielfach in uns. “ (vgl. Knirsch, 1993, S. 252)

Die fehlende Beziehung zur Natur erschwert es, ökologisches Handeln bei den Kin- dern anzuregen. Damit wird es auch schwierig, die Position der Kinder gegenüber Nachhaltigkeit und dem verantwortungsvollem Umgang mit der Natur positiv zu beeinflussen.

Viele Kinder scheuen sogar die Natur oder den Wald, da ihnen der Kontakt dazu fehlt. So berichteten mir Grundschulkinder im Praktikum, dass sie Angst vor dem Wald hätten und noch nie im Wald gewesen waren. Der seltene Kontakt mit der Na- tur führt dazu, dass diese zu einem Ausflugsziel verkommt, welches wie ein Muse- um besucht und pädagogisch erschlossen wird. Natur wird den Kindern wie ausgestorbene Dinosaurier präsentiert.

Auch immer mehr Erlebnispädagogen bieten Möglichkeiten für Kinder an, einen Tag im Wald zu verbringen. Jedoch wird in meinen Augen auch hier der Wald durch diese Zugangsart zu einem institutionalisierten Raum. Der Wald soll den Kindern durch vorbereitete Spiele näher gebracht werden. Dadurch bekommen Kinder zwar Kontakt mit der Natur, jedoch wird deren Erfahrungsraum durch Erwachsene be- stimmt und es bleibt wenig Platz für eigene und alternative Erfahrungen.

Grund für den fehlenden Bezug zur Natur ist sicher auch die zunehmende Verstädte- rung. Immer mehr Natur wird vom Menschen zum Bau von Wohnanlagen oder In- dustriezentren zerstört. Auch aus den Städten wurde die Natur verbannt. Es wurden Flüsse begradigt oder ganz kanalisiert und unter die Stadt verlegt. Die wenige Natur, die in den Städten übrig geblieben ist, wird homogenisiert und damit für Naturerfah- rungen uninteressant. Sie wird zwar ein Ort für Freizeitaktivitäten, aber kein Raum für Naturerfahrungen, da die jeweilige Freizeitaktivität (z. B. Radfahren, Laufen) im Vordergrund steht.

Zwar haben Kinder wenig Kontakt mit der Natur, jedoch bringen sie theoretisches Wissen über die Umwelt mit, zum Beispiel wie man die Natur schützen kann. Ande- rerseits ekeln sie sich vor Käfern oder scheuen sich davor, auf Bäume zu klettern. Daran erkennt man, dass viel Theorie vermittelt wird, die Erfahrung im Umgang mit der Natur fehlt allerdings. Durch diese Problematik verliert die Natur ihren Wert als freien Erfahrungsraum und wird zu einem Ort des Belehrens und Gegenstand der Theorie.

Aber welche Rolle spielt der Kontakt mit der Natur in der Kindheit und was können Naturerfahrungen zur Entwicklung der Kinder beitragen?

Menschen werden in ihrer Kindheit stark von ihrer Umwelt geprägt. Zu dieser Um- welt gehören Menschen und auch nichtmenschliche Objekte. Ein Kleinkind fühlt sich seinen Bezugspersonen gleichermaßen zugehörig, wie der Umwelt, in der es aufwächst. (vgl. www.wildnisschule-waldkauz.de/Texte/ArtikelGebhard.pdf) Die Natur bietet viele Reize für Kinder, ist aber trotzdem durch eine Kontinuität be- stimmt und bietet den Kindern Sicherheit. Diese unterschiedlichen Reize sind in der frühen Kindheit wichtig, da die Aufnahme von vielfältigen Eindrücken, bei gleich- zeitiger Vertrautheit, die psychische und physische Entwicklung der Kinder fördert (vgl. http://www.emediarelease.de/uploads/downloads/1578_Interview_Gebhard_zu r_Studie.pdf).

Die Natur lädt durch ihr Gemisch aus Wechselhaftigkeit und Beständigkeit die Kinder ein, Naturerfahrungen zu machen.

Naturerfahrungen tragen zu einem besseren Orientierungssinn bei. Im Wald gibt es keine Straßen mit Namen, an denen man sich orientieren kann. Die Kinder müssen auf andere Dinge achten, wie markante Bäume, Steine oder Bäche. Dadurch werden der Wahrnehmungssinn und das Gedächtnis gefördert. Damit wirken Naturerfahrungen gegen die Verinselung in der Kindheit.

Der Wald bietet den Kindern einen Erfahrungsraum, der frei von der Kontrolle durch Erwachsenen ist. Hier können sie selber Neues und Unbekanntes entdecken. Er bietet so viele unbekannte Reize: Die Kinder können beispielsweise die Tiere, die sich unter Steinen verbergen, entdecken und anfassen. Diese Erfahrung nimmt den Kindern die Angst vor Neuem und fördert ihre Neugier und Aufmerksamkeit. Hier können sie aber auch psychische Grenzerfahrungen machen, denn wenn ihnen nie- mand Grenzen auferlegt, müssen sie selber erfahren, wie weit sie Erfahrungen ma- chen können, bis sie ihre eigene Angst zurückhält. (vgl. Pohl, 2003, S. 37)

Auch die Eigenaktivität der Kinder wird gefördert und gefordert. Lässt man den Kindern ihren Freiraum in der Natur, dann wechseln sie von ihrer konsumierenden Rolle im Alltag zu einer selbsttätigen und selbsterfahrenden. Auf diese Weise kön- nen sie selber die Initiative ergreifen und tragen selber die Verantwortung dafür wie sie mit der Natur umgehen. Außerdem unterstützt dies die autonome Handlungsfä- higkeit der Kinder.

Wenn Kinder mit ihren Spiel- oder Schulkameraden in der Natur sind, können Naturerfahrungen ihr Sozialverhalten positiv beeinflussen. So müssen sie sich zum Beispiel beim gemeinsamen Bau von Buden oder Staudämmen innerhalb der Gruppe abstimmen. Dabei können Konflikte entstehen, die eigenständig gelöst werden müssen. Aber man arbeitet auch zusammen auf etwas hin und das hat meiner Meinung nach einen positiven Einfluss auf die soziale Kompetenz der Kinder und löst sie aus dem institutionalisierten Gefüge.

Auch die Kreativität ist gefordert. Kinder müssen sich Lösungen einfallen lassen, um bestimmte Probleme zu lösen, die beispielsweise beim Budenbau auftreten. Da der Wald kein kinderspezialisierter Ort ist, gibt es auch keine vorgefertigten Spielge- räte. Die Kinder müssen selbst kreativ werden und ihre Erfahrungen machen, was zum Spielen geeignet ist.

Der Wald bietet den Kindern die Möglichkeit, sich zu bewegen und körperlich zu betätigen. Damit können Bewegungsdefizite der Kinder ausgeglichen werden, was wiederum den Folgen der Verhäuslichung entgegen wirkt. Außerdem kann der Wald den Kindern eine Rückzugsmöglichkeit und einen Ort der Geborgenheit bieten. Im Spiel- und Erfahrungsraum Wald können die Kinder selber bestimmen, ob sie Aben- teuer erleben möchten oder ob sie einfach die Natur auf sich wirken lassen möchten, um abzuschalten.

Des Weiteren können sich die Kinder mit Prozessen in der Natur vertraut machen und Zusammenhänge und elementare Grunderfahrungen wie Geburt, Wachstum, Tod und Vergehen machen (vgl. Pohl, 2003, S. 37). Das kann den Kindern helfen sich zu orientieren, um ihre eigene Rolle in der Welt zu finden.

Daneben können die Kinder Erfahrungen mit allen Sinnen machen: Der Wechsel von Licht und Schatten, das Rauschen des Waldes, der Geruch blühender Blumen oder die Haptik feuchter Erde.

Da die Natur so viele Sinne anspricht und viele Erfahrungsmöglichkeiten bietet, kann sie auch schnell Platz im Bewusstsein der Kinder finden. Wenn dies geschehen ist, würden die Kinder automatisch ein Umweltbewusstsein entwickeln und so zum ökologischen Handeln kommen, da ihnen die Natur wichtig geworden ist. Genau dann werden Naturerfahrungen zu einem Aneignungsprozess, der das ver- antwortungsbewusste Handeln der Kinder beeinflusst und alle theoretischen Beleh- rungen in den Schatten stellt.

Zusammengefasst kann ich also feststellen, dass Naturerfahrungen sehr wichtig für die Kinder von heute geworden sind. Die Erfahrungen in und mit der Natur können die Folgen der veränderten Kindheit bremsen und tragen positiv zur psychischen, sozialen und physischen Entwicklung der Kinder bei.

Außerdem können Kinder durch Naturerfahrungen eine Beziehung zur Natur auf- bauen und sie in ihr Bewusstsein holen. Sie werden für ihre Umwelt sensibilisiert und können verstehen, dass die Natur von uns Menschen und der Mensch von ihr abhängig sind. Daher tragen Naturerfahrungen zur Erziehung für eine nachhaltige Entwicklung bei. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn den Kindern mehr Zeit gelassen würde, ihre Freizeit selbst in der Natur zu gestalten. Dafür bräuchten sie vor allem mehr naturnahe Flächen (abgesehen von Stadtparks, Spielplätzen, usw.) in ihrer Umgebung, in denen sie Naturerfahrungen sammeln können.

Wenn Naturerfahrungen wieder ihren Platz im alltäglichen Leben der Kinder finden, dann findet die Natur auch ihren Platz im Bewusstsein der Menschen. Der Mensch und die Natur leben in Abhängigkeit von einander: Nur wenn die Natur ihren Platz im Bewusstsein des Menschen gefunden hat, wird er sie schützen - wenn der Mensch sie schützt, können er und die nächsten Generationen von und in der Natur leben.

[...]


1 Der Wald steht stellvertretend für Natur.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
"Ich glaub ich steh im Wald". Warum sind Naturerfahrungen so wichtig für die Kinder von heute?
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
7
Katalognummer
V435008
ISBN (eBook)
9783668764637
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Natur, Pädagogik, Außerschulischer Lernort Sachunterricht Naturerfahrungen Wald Kinder Schule Grundschule
Arbeit zitieren
Marius Blum (Autor), 2013, "Ich glaub ich steh im Wald". Warum sind Naturerfahrungen so wichtig für die Kinder von heute?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435008

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Ich glaub ich steh im Wald". Warum sind Naturerfahrungen so wichtig für die Kinder von heute?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden