Lizenz und Reinigungskrise. Das Verlagswesen in München in der Nachkriegszeit


Seminararbeit, 2011
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Verlagswesen in München in der Nachkriegszeit

2. Ausgangssituation nach dem Zweiten Weltkrieg
2.1. Trümmerstadt München
2.2. Nachrichtenkontrolle und deren Funktion
2.3. Zeitschriftenboom
2.4. Die Lage des Verlagswesens in Bayern
2.5. Lizenzzwang und Neugründungen der Verlage
2.5.1. Wiederbelebung der Vorkriegsverlage
2.5.2. Neugründungen durch Zugezogene

3. „Reinigungskrise nach der Währungsreform 1948
3.1. Die Deutsche Mark
3.2. Kaufzurückhaltung und Ansprüche auf dem Buchmarkt

4. Der Weg ins Wirtschaftswunder der 1950-er Jahre

5. Aufstieg zur größten Verlagsstadt Deutschlands

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Das Verlagswesen in München in der Nachkriegszeit

„Mit der Besetzung des Rathauses am Abend des 30. April 1945 durch Truppen […] der 7. US-Armee hatte in München die Nachkriegszeit begonnen. Am frühen Morgen des 1. Mai waren die 24 Offiziere und 28 Soldaten […] eingetroffen, die als lokale Militärregierung die Geschicke Münchens in der nächsten Zeit lenken sollten.“[1]

Nach zwölf Jahren Diktatur unter den Nationalsozialisten vollzog sich in ganz Deutschland die völlige Runderneuerung in politischer, sozialer und kultureller Hinsicht. Sämtliche Medien waren unter der Herrschaft von Hitler gleichgeschaltet und zu Propagandazwecken missbraucht worden. Zeitungen, Zeitschriften und Bücher sowie ihre Macher unterlagen strikten Reglements, die bei Missachtung zu Berufsverbot, schlimmstenfalls zu Verfolgung führen konnten. Nach dem Einmarsch der Amerikaner in München veränderte sich über Nacht alles, griffen sie doch im Kampf gegen nationalsozialistisches Gedankengut in alle Bereiche des Lebens ein. Im Verlagswesen herrschten vorerst Rationierungen und Lizenzierung, aber der ungestillte Lesehunger der Käufer brachte bald den Zeitschriftenboom sowie unzählige Verlagsgründungen hervor. Auch in der „Reinigungskrise“ nach der Währungsreform bewährten sich viele Verleger und nahmen den Weg ins Wirtschaftswunder mit Bravour. Im Folgenden möchte ich mich mit dem Neubeginn und dem Aufbrechen der Verlagsbranche in München in der Nachkriegszeit befassen und einen Überblick über den direkten Neustart nach dem Krieg 1945 und die Entwicklung von der Währungsreform über das Wirtschaftswunder bis hin zum Aufstieg zur größten Verlagsstadt Deutschlands geben.

2. Ausgangssituation nach dem Zweiten Weltkrieg

2.1. Trümmerstadt München

Beim Einmarsch in die Stadt München bot sich den amerikanischen Besatzern ein schreckliches Bild: Die einstige kulturelle und politische Hochburg Bayerns lag durch Bombenhagel völlig darnieder. Die Straßen der Innenstadt waren gesäumt von Ruinen und Trümmern, aus ihnen schwelte der letzte Rauch der Angriffe aus der Luft. Der Autor Walter Kolbenhoff beschreibt die Situation folgendermaßen:

„Man konnte kilometerweit sehen, dann wieder ging man durch Schluchten, zu beiden Seiten ragten die Trümmerhaufen hoch. Wären die leere Fensterhöhlen nicht gewesen, hätte man glauben können, durch ein verkarstetes Gebiet irgendwo auf dem Balkan zu marschieren. […] Ich hatte nur die Stadt sehen wollen. Aber es gab keine Stadt. Es gab nur diese den Geist betäubende Wüste.“[2]

Doch obwohl viele Häuser zerstört, Familienmitglieder gestorben und der Hunger unbändig groß war, vibrierte die Stadt vor Aufbruchstimmung und mit großem Enthusiasmus entstanden Projekte für die Zukunft. „Wir arbeiten Tag und Nacht. Es geht zu wie bei der Erschaffung der Welt.“[3]

2.2. Nachrichtenkontrolle und deren Funktion

Da die amerikanischen Besatzer ihre Eroberung Deutschlands von langer Hand geplant war, gab es schon zwei Tage nach der Besetzung von München technische und administrative Maßnahmen zur Wiederbelebung des städtischen Lebens. Mit Hilfe des „Re-Education“-Programms wollten die Amerikaner aus der Bevölkerung mündige Bürger machen und ihnen Werte und Normen der Demokratie näher bringen, um damit zur Bildung eines stabilen und sicheren Staates beizutragen.[4] Einen besonderen Stellenwert ließen sie dabei dem Presse- und Verlagswesen zukommen, da ihnen die Bedeutung der Presse- und Redefreiheit als Pfeiler der Demokratie vollkommen bewusst war. Trotzdem besetzten und verboten sie sofort nach Einmarsch sämtliche Rundfunk- sowie die großen Zeitungshäuser und Verlage, um der weiteren Verbreitung des nazistischen Gedankenguts Einhalt zu gebieten. Die Nachrichtenkontrolle beinhaltete die Herstellung einer enge Kommunikation zwischen den Besatzern und der Bevölkerung durch alle Arten von Medien, also Zeitungen, Zeitschriften, Büchern etc. Außerdem sollte Stück für Stück die Presse wiederaufgebaut werden, jedoch nicht ohne Überwachung, um als Instrument für die Demokratie ohne nationalsozialistische oder militärische Einflüsse zu bestehen. Als ungeheuer zeitaufwendig erwies sich die Beobachtung, aber vor allem die politische Überprüfung jeder einzelnen im Informationswesen tätigen Person.[5] Aber auch als Mittel zur Information, Unterhaltung, zur Bewältigung, Ablenkung und Verdrängung der Kriegsgräuel für die Münchner Bevölkerung spielten die Medien eine besondere Rolle.

2.3. Zeitschriftenboom

Durch den nicht enden wollenden Zustrom kulturell Schaffender in die bayerische Hauptstadt entwickelte sie sich bald zur Hochburg des literarischen Lebens. Nach sorgfältigster Überprüfung der Verleger durften im Herbst 1945 die ersten Herausgeber von Zeitungen und Zeitschriften ihre Arbeit wieder aufnehmen. Trotz schwierigster Produktionsverhältnissen, Papierknappheit und ständiger Kontrolle durch die Besatzer wurden ihnen ihre teils wenig ansehnlichen, dünnen Drucke von der wiss- und lesebegierigen Bevölkerung zu beinah jedem Preis förmlich aus den Händen gerissen. Lesen ohne Bevormundung war wieder möglich, außerdem hatten die Menschen viel Geld übrig, da die wichtigsten Bedarfsgüter nur durch Lebensmittelkarten oder Beschränkungen beziehbar waren. Von dem Erfolg der Ersten (Süddeutsche Zeitung, Neue Zeitung) angezogen, entstanden in der nächsten Zeit hunderte von Zeitungen und Zeitschriften, die in kleinsten Holzkiosken zwischen den Ruinen verkauft wurden. Die Vielfalt reichte von religiösen über politischen bis hin zu rein literarischen Blättern und wurde von den Amerikanern durch bevorzugte Zuteilung von Papier geschickt befeuert.[6] Dieser Boom hielt bis 1948/49 an, doch die Währungsreform brachte vielen Herausgeber ins Wanken und für viele bedeutete sie der Untergang.

2.4. Die Lage des Verlagswesens in Bayern

Um ihre Ziele, hauptsächlich die Entnazifizierung und die Erziehung zur Demokratie der deutschen Bevölkerung, durchsetzen zu könne, maßen die Amerikaner vor allem dem Buch eine herausragende Stellung bei. Durch das völlige Verbot des produzierenden und vertreibenden Buchhandels in München direkt nach dem Einmarsch war der Neubeginn für Verlage ungemein erschwert. Schon Mitte Mai 1945 wandten sich unabhängig voneinander drei Münchner Verleger mit Vorschlägen zur Neuorganisation des Buchhandels an die Militärregierung. Daraufhin wurden sie mit weiteren Verlegern, nach gründlichster Vergangenheitsüberprüfung, zum „Arbeitsausschuss für den Bayerischen Buchhandel“ berufen und sollten sich mit der „Überprüfung, Säuberung und Reorganisation des gesamten Verlagsgeschäfts und aller Sparten des Buchhandels“[7] befassen. In ihrer Denkschrift vom 21.Juni 1945[8] an die Amerikaner fassten sie die gegenwärtige Lage des Verlagswesens zusammen und gaben Denkansätze für die Zukunft, teils aus ideologischen Gründen, aber auch aus Geschäftssinn. Die starke Kaufkraft der Leser ließe sich nur auf das ungenügende Angebot der wichtige Dinge wie Kleidung und Lebensmittel erklären. Die wirtschaftliche Lage sowohl bei Verlagen als auch bei Buchhandlungen sei nach den befohlenen Säuberungsaktionen der Bücher, die sämtliche nationalsozialistische Literatur entfernen sollte, völlig unzureichend. „Die Aufnahme der Vorräte bei den Verlagen [hat] ergeben, daß mindesten 50-60% der Vorräte dauernd oder wenigstens zunächst […] unbrauchbar sind. […] So ist zu fürchten, daß die Vorräte bei den Sortimentern zu einem noch größeren Prozentsatz unbrauchbar sind als beim Verlag.“[9] Auch die Druckereien hätten unter den Fliegerangriffen in ganz Bayern stark gelitten. Für München schätzen sie einen Ausfall von fast 90% der Kapazitäten. Als Lösungsvorschlag appellieren sie, die Verlagstätigkeit unverzüglich zu erlauben, selbst wenn einzelne Person noch nicht vollständig überprüft seien. Auch für den verbreitenden Buchhandel werde „Durchprüfung und gleichzeitige Eröffnung aller zugelassenen Sortimente“ gefordert. Doch sehen sie Schwierigkeiten im Handel, vor allem in Bayern.

„Der Süddeutsche ist im allgemeinen an sich ein schlechterer Bücherkäufer als der West- und Norddeutsche. Der Süddeutsche ist noch natürlicher, hat nicht das Bedürfnis, sich in jedem freien Augenblick mit dem Gedanken anderer zu beschäftigen, sondern kann sich noch mit sich selbst beschäftigen.[10]

Der Ausschuss überschätzte jedoch seine Wirkung bei den Befehlshabern, die ihm nur die Rolle des bescheidenen Gehilfen bei der Erfüllung der Besatzungsziele zuerkannte und so blieb die Denkschrift ohne Handlung nur auf dem Papier bestehen. Als Quelle zur Lage des Verlagswesens Bayern und damit auch für München, wo das Verlagsgeschäft in Bayern seinen Hauptsitz hatte, gibt sie aber reichlich Auskunft, auch wenn man die wirtschaftlichen Beweggründe der Mitglieder immer im Auge behalten muss.[11]

2.5. Lizenzzwang und Neugründungen der Verlage

Mit der Nachrichtenkontrolle richtete die amerikanische Militärregierung speziell für das Verlagswesen einen Lizenzzwang ein. Nach dem Verbot der Berufsausübung direkt nach dem Krieg musste jeder Verleger, der seine Geschäfte wiederaufnehmen wollte, diese beantragen und oft monatelang darauf warten. Durch Fragebögen und Überprüfung der Personen erhofften sich die Besatzer Einblicke in die einzelne Verwicklung in das nazistische Regime und wollten durch die Verbote die Entnazifizierung der Gesellschaft vorantreiben. Auch Zeitungen und Zeitschriften unterlagen dem Lizenzzwang, doch zur Kommunikation mit den Bürgern erhielten sie ihre Zusage schneller als die Buchverlage. Da sie zur Neuorganisation des Staates als wichtiger eingestuft wurden, gewährte man ihnen das knappe Gut Papier bevorzugt, was viele Verleger in ihrer Anfangszeit dazu veranlasste, auch Zeitschriften anzubieten, um so ihr Buchprogramm finanzieren zu können.[12] Das Papier galt nur als gesichert, wenn die Amerikaner von der demokratischen Wichtigkeit des Buches überzeugt werden konnten.

Schon im September 1945 lagen 726 Anträge auf Ausstellung der begehrten Lizenz vor, die meisten wurden jedoch umgehend abgelehnt. Erst am 17. November 1945 konnte Kurt Desch als erster Bayerischer Verleger seine Lizenz für den Zinnen-Verlag in Empfang nehmen. Durch uneingeschränkte Unterstützung der Besatzer, die Papier zuteilten und Auflagenschwindel durchgehen ließen, und überdurchschnittlich hohe Ladenpreise florierte sein Verlag bis zur Währungsreform. Zum Weihnachtsgeschäft 1945 lieferte er acht Novitäten aus, was die Süddeutsche Zeitung am 21. Dezember freudig notieren ließ: „Fast möchte man sagen, es sei wie ein erstes Morgenrot nach schwerer Nacht: Es gibt wieder Bücher!“[13] Ihm folgten im Januar 1946 weitere Münchner Verleger wie Franz Ehrenwirth und Carl Hanser.[14] Doch die Militärregierung war bezüglich des Verlagswesens misstrauisch: der Lizenzzwang blieb trotz entstehender Verlagsvielfalt ohne braunes Gedankengut bis Mai 1949 bestehen, erst mit der Einführung des Grundgesetzes verfiel seine Gültigkeit.

2.5.1. Wiederbelebung der Vorkriegsverlage

Nach Olaf Blaschke[15] hatten vor allem die Münchner Vorkriegsverlage großen Anteil am späteren Aufstieg zur größten Verlagsstadt Deutschlands. Nach Erhalt der Lizenz gelangten sie bald wieder zu ihrer früherer Bedeutung zurück.

„Das wichtigste Kapital von Verlegern ist ihr kulturelles und soziales Kapital, der Stamm der Autoren, die Verbindungen zu mehreren Netzwerken und, ganz handfest, das Verwertungsrecht. Verlage, die aus dem Nichts entstehen, mußten sich diese jahrzehntelang ausgebaute Ressource erst mühsam erarbeiten, während die Altverlage nach 1945 rasch an sie anknüpfen konnten.“[16]

Diese Kontinuität über den Krieg hinaus belegen Beispiele in unterschiedlichsten Münchner Verlagsgeschichten. C.H. Beck, erst 1949 wieder unter ursprünglichen Namen lizenziert, zieht folgendes Fazit:

„Nach den ersten krisenhaften Nachkriegsjahren ist der Verlag unerwartet rasch wieder aufgestiegen. Er nahm im vollen Umfang teil am „Wirtschaftswunder“ der 50-er Jahre. Nie vorher und auch nie nachher sind Produktion, Umsatz und Mitarbeiterzahl so schnell gewachsen.“[17]

[...]


[1] Benz, Wolfgang: Amerikanische Literaturpolitik und deutsche Interessen, S. 705

[2] Kolbenhoff, Walter: Schellingstr. 48, S. 16f.

[3] Kästner, Erich: Wir sind so frei, S. 13

[4] Vgl. auch Wittmann, Auf geflickten Straßen, S. 9

[5] Vgl. Benz, Amerikanische Literaturpolitik, S. 706f. sowie Kuenheim, Haug von: Lizenz zur Wahrheit, S. 2

[6] Vgl. Wittmann, Auf geflickten Straßen, S. 27– 38 sowie Wittmann, 100 Jahre Buchkultur, S. 190–194

[7] Benz, Amerikanische Literaturpolitik, S. 714

[8] Vollständiger Abdruck der Denkschrift in Ders., S. 716–727

[9] Ders., S. 717f.

[10] Ders., S. 721

[11] Vgl. Ders., S.727–731 sowie Wittmann, 100 Jahre Buchkultur, S. 194–197

[12] Allen bayerischen Verlagen wurde zusammen 350 Tonnen Papier im Vierteljahr zugeteilt – das entspricht dem heutigen Bedarf dreier mittlerer Verlage bei einer Jahresproduktion von 55 Titeln. Vgl. Wittmann, 100 Jahre Buchkultur, S. 199

[13] Wittmann, Auf geflickten Straßen, S. 51

[14] Vgl. Wittmann, Auf geflickten Straßen, S. 50–53 sowie Ders., 100 Jahre Buchkultur, S. 197-203

[15] Blaschke, Olaf: Der 8. Mai 1945 – Stunde Null des Buchhandels?

[16] Ders., S. 7

[17] Wittmann, 100 Jahre Buchkultur, S. 218

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Lizenz und Reinigungskrise. Das Verlagswesen in München in der Nachkriegszeit
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Buchwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V435110
ISBN (eBook)
9783668768215
ISBN (Buch)
9783668768222
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Buchhandel, Verlagswesen, 1945, München, Lizenz, Lizenzierung, Reinigungskrise, Stunde Null, Verlage, Carl Hanser Verlag, Nachkriegszeit, Nachrichtenkontrolle, Besetzung, Zeitschriftenboom, Bayern, Verlagsneugründung, 1948, Währungsreform, Buchmarkt, Wirtschaftswunder
Arbeit zitieren
Laura Köhninger (Autor), 2011, Lizenz und Reinigungskrise. Das Verlagswesen in München in der Nachkriegszeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435110

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Lizenz und Reinigungskrise. Das Verlagswesen in München in der Nachkriegszeit


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden