Zeit der Empörung. Medien als Motor der Skandalisierug von Kinofilmen


Seminararbeit, 2011
17 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Medien als Motor der Skandalierung von Kinofilmen

2. Mechanismen der Skandalierung
2.1 Rolle der Medien
2.2 Etablierung einer kollektiven Sichtweise
2.3 Dramatisierung des Geschehens
2.4 Koordinierung und Konsens innerhalb der Medien
2.5 Zeit der Empörung und Entwicklung von Eigendynamik
2.6 Wirkungen und Folgen des Skandals

3. Rezeption und Wirkung im Skandalfilm „Tal der Wölfe – Irak“
3.1 Inhalt des Films
3.2 Skandalierung in den Medien
3.2.1 Dramatisierung
3.2.2 Koordinierung und Konsens
3.2.3 Zeit der Empörung und Eigendynamik des Skandals
3.3 Auswirkungen des Skandals

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Medien als Motor der Skandalierung von Kinofilmen

„Den Anfang machte ein Kuss. Achtzehn Sekunden genügten, um im Frühjahr 1896 den vermutlich ersten Filmskandal der Kinogeschichte auszulösen. […] Das heißt, eigentlich küssen sie sich nicht wirklich. Ihre Wangen berühren sich […]. Doch das, was einem aufgeklärten Kinogänger heute geradezu keusch und ein bisschen albern vorkommt, war in den frühen Tagen des Films eine Sensation.“[1]

Diesem ersten Skandalon in der Filmgeschichte folgten in den darauffolgenden Jahren viele weitere. Skandale, werfen ein Schlaglicht auf den Zustand der Gesellschaft und sind ein Teil der Zeitgeschichte. Grundvoraussetzung ist ein Tabubruch gegen den gesellschaftlichen Konsens, der eine öffentliche Empörung auslöst und die Gemüter erhitzt. Meist sind es die Medien, die diese Aufregung schüren, in dem sie durch die Macht der Verbreitung viele Menschen erreichen und den skandalösen Sachverhalt so erst ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken. Aber welche Rolle spielen die Medien im Prozess einer Skandalierung? Welche charakteristischen Merkmale müssen die Berichte haben, damit überhaupt ein Skandal entstehen kann? Welchen Einfluss und welche Folgen haben die Berichterstattung auf den Verlauf des Skandals und die Rezeption des Publikums? Auf der Grundlage von Hans Mathias Kepplingers Skandaltheorie, die ich jedoch mit mir relevanten Aspekten aus der interdisziplinären Skandalforschung ergänze, werden die wichtigsten Eckpunkte der „Mechanismen der Skandalierung“[2] dargelegt und durch ein Filmbeispiel belegt, das sich in Deutschland erst vor kurzer Zeit zu einem medienwirksamen Filmskandal entwickelte: „Tal der Wölfe – Irak“ aus dem Jahr 2006.

2. Mechanismen der Skandalierung

Nicht alles, was als skandalös empfunden wird, ist in der Skandaltheorie ein Skandal. Erst die breite öffentliche Auseinandersetzung mit dem „skandalösen“ Sachverhalt lässt ihn zu einem ausgereiften Skandal werden. Er ist definiert durch die Triade „Missstand – Enthüllung – öffentliche Empörung“ sowie das Dreigespann der beteiligten Akteure „Skandalierer – Skandalierter – Öffentlichkeit bzw. Publikum“[3]. Es bedarf immer sowohl eines Missstandes, bei Filmen meist ein Verstoß gegen die herrschende Moral, als auch einen Täter, der den Missstand „aus angeblich niederen Motiven verursacht oder zumindest nicht verhindert hat und folglich schuldig ist.“[4] Außerdem muss er von einem Skandalierer als Verursacher seines Tabubruchs bezichtigt werden. Der Skandal entsteht aber erst dann, wenn der Skandalierer die breite Öffentlichkeit von dieser Sichtweise überzeugen kann und so allgemeine Empörung erzeugt.[5]

2.1 Rolle der Medien

Einen entscheidenden Einfluss auf die Wahrnehmung eines Missstandes in der Öffentlichkeit wird der Art und Weise der Berichterstattung der Medien zugeschrieben. Diese nehmen im Prozess der Skandalierung eine Schlüsselposition ein. Indem sie über den „skandalösen“ Sachverhalt berichten, teilweise sogar selbst als Skandalierer auftreten, machen sie diesen in der Bevölkerung bekannt und lenken die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Geschehen. Durch die Art der Darstellung, die die Journalisten subjektiv sowohl in ihre Zeilen einfließen lassen als auch bei ihrer Themenauswahl beeinflussen, wird den Rezipienten ein Interpretations- und Bezugsrahmen vorgegeben. Dabei verstärkt sich der Effekt der Skandalierung, wenn die Medien intensiv, anprangernd und konsonant berichten, wenn also alle oder die wichtigsten Medien umfangreich und in den Skandalierten anprangernder Weise ihre Seiten füllen.[6]

2.2 Etablierung einer kollektiven Sichtweise

Zu Beginn eines Skandalprozesses beurteilen verschiedene Personen den als skandalös erachteten Missstand meist unterschiedlich – einige sind dafür, einige dagegen. Je mehr aber eine Seite überzeugendere Argumente vorzutragen hat, die von den Medien aufgegriffen und verbreitet werden, „desto stärker gleichen sich ihnen die Sichtweisen anderer Menschen an. Ihre Sichtweise wird zu einer allgemein verbindlichen Norm“[7] und etabliert sich in einer kollektiven Sichtweise, die die Öffentlichkeit übernimmt. Dabei wird all jenes, das die bekannten Thesen bestätigt, bereitwillig akzeptiert. Das, was in den Augen der Bevölkerung nicht in eine Reihe mit den Vorwürfen passt oder dem gar widerspricht, wird als falsch interpretiert und von den Medien verworfen.[8] Häufig übernehmen die Journalisten auch skandalträchtige Perspektiven von Skandalierern aus dem vormedialen Raum.[9] Dabei können auch mehr als ein Sachverhalt angeprangert werden. Häufig liegen mehrere Missstände vor, einige können sich sogar widersprechen. Doch die Etablierung einer kollektiven Meinung lässt sich so nicht aufhalten. Spielen dabei die Medien jedoch nicht mit, verpufft der vormediale Skandalierungsversuch erfolglos. Steffen Burkhardt sieht es ähnlich: „Medienskandale sind, funktional betrachtet, Märchen für Erwachsene[10]. […] Moralische Geschichten […], die einfach zu verstehen sind und […] mit Helden und Antihelden [arbeiten], denen jeweils durch die Inszenierung eines spezifischen Habitus spezifische Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeschrieben werden. […] [Sie] stehen pars pro toto für gesellschaftliche Gruppen, die unterschiedliche Moralvorstellungen haben.“[11]

2.3 Dramatisierung des Geschehens

„Jeder Skandal beruht auf Dramatisierungen.“[12] Bei der Anprangerung eines skandalträchtigen Sachverhaltes setzen die Medien nicht nur auf schreiende und aufmerksamkeitsfördernde Schlagzeilen, die nicht selten den skandalierten Sachverhalt offen als „Skandal“ etikettieren, sondern bedienen sich Übertreibungen und Stilisierungen der geschilderten Fakten. Dabei unterscheidet Kepplinger verschiedenste Dramatisierungsformen: Missständen werden extreme sprachliche Etiketten verliehen, der Skandalierte muss sich Verbrecher-Assoziationen stellen, bei absehbaren Folgen des Skandals werden maximale Schäden und Langzeitwirkung prognostiziert. Bibelzitate finden Eingang, außerdem sind die Textdarstellungen häufig sprachlich einfach gehalten und enthalten viele rhetorische Stilmittel wie Metaphern, Hyperbeln und rhetorische Fragen. Auch bildnerische Übertreibungen, die die Dramatik des Textes durch Nahaufnahmen verstärken sollen, zählen dazu.[13] „Je größer der Missstand erscheint, desto eher sind Übertreibungen im Interesse seiner Beseitigung akzeptabel. […] Der Schlüssel zur erfolgreichen Skandalierung eines Missstandes ist deshalb seine glaubhafte Übertreibung“.[14] Oft jedoch stammt die Dramatisierung nicht von den Medien selbst, sondern ist von Wortführern im vormedialen Raum übernommen, z.B. von Skandalierern wie Kirchen oder Politiker oder von Experten.[15]

2.4 Koordinierung und Konsens innerhalb der Medien

Im Geschäft der Neuigkeiten und im Werben um Aufmerksamkeit könnte der Gedanke aufkommen, dass Journalisten in harter Konkurrenz zueinander stehen. Rein ökonomisch tun sie das auch, trotzdem bilden die einzelnen Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunkprogramme, Fernsehsendungen und Onlinemedien ein dicht verwebtes Netzsystem, in dem sich mehr oder weniger alle an allen orientieren. Die Prestige-Medien, zu denen die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, die Tagesthemen und der Spiegel zählen, stehen als Leitfiguren im Fokus der Öffentlichkeit, aber auch im Fokus der Journalistenkollegen, z.B. für Anregungen für die eigene Recherche. Sie bestimmen die Themen und Gesichtspunkte der Berichterstattung bundesweit und erreichen über ihre Sonderstellung so ein Publikum, das über ihre eigene Leserschaft weit hinausgeht.[16] Seit der letzten Jahre zählt auch die Bild-Zeitung zu diesen Leitmedien, da sie zwar nicht für Prestige bekannt ist, jedoch einen großen Leserkreis besitzt und schon häufig Skandale entscheidend vorangetrieben hat.

2.5 Zeit der Empörung und Entwicklung von Eigendynamik

Streng genommen macht die mediale Enthüllung einer Normüberschreitung oder eines Missstandes noch keinen Skandal. Vielmehr ist das Publikum gefragt, das durch seine Reaktion bzw. Empörung den Skandal erst zum Skandal macht. Dabei lassen sich drei aufeinander aufbauende Verhaltensweisen feststellen: der Bevölkerung ist der Sachverhalt bekannt und zeigt Interesse daran. Mit der Zeit übernehmen sie die in den Medien publizierte anprangernde Sichtweise als ihre eigene, die sie für wahr und allgemeingültig halten. Darauf reagiert die Öffentlichkeit mit Empörung und dem Verlangen, den Verursacher des Missstandes zu bestrafen.[17] Hierbei treffen häufig vollkommen irrationale emotionale Ausbrüche seitens der Skandalierer oder der Medien auf große Zustimmung, die in weniger stürmischen Zeiten nur ein Kopfschütteln hervorgerufen hätten. In der Presse finden sich dann Bilder und Textdarstellungen, die als direkte Ursache von Emotionen wie Ekel, Angst oder Empörung gesehen werden können. Dazu kommen die subjektiven und situationsbedingten Vorstellungen der Menschen, die zum Pressegeschehen eigene Bilder im Kopf entstehen lassen. Teilweise steigert sich die Empörung auch so stark, dass es gelegentlich zu Boykott und gewaltsamen Übergriffen kommt, welche jedoch immer in der Überzeugung geschehen, vollkommen richtig zu handeln.[18] Dabei sind die meisten Missstände, die zu Skandalen werden, oft nicht neu, sondern erreichen erst durch eine skandalträchtige Perspektive Wirkungsmacht. Häufig fehlt nur ein Aufhänger für die Medien, die den Sachverhalt moralisch aufladen, um Empörung in der Gesellschaft hervorzurufen und einen Skandal entstehen zu lassen, bei dem der Skandalierte zur Rechenschaft gezogen wird.[19] Vielfach erhält der Skandal eine Doppelmoral bei der Bevölkerung: Trotz Empörung ist die Neugier geschürt, die befriedigt werden möchte.

Häufig entwickelt er so eine Eigendynamik, die durch die Medien vorangetrieben wird, aber sich im Vorfeld nur schwer kalkulieren lässt. Intensive Berichterstattung ist hierbei wichtig. Dabei lohnt es sich für die Journalisten und Skandalierer, ihre Verdächtigungen nicht direkt am Anfang zu verbrauchen, sondern kontinuierlich über Wochen Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Teilweise heizen auch Skandalierte selbst neue Diskussionen an, wenn sie mit Schuldbekenntnissen, Rechtfertigungen oder Dementis an die Öffentlichkeit treten und so die Empörung entfachen. Entscheidend ist nicht die sachliche Richtigkeit, sondern die Glaubwürdigkeit.[20] Menschen, die mit der etablierten Sichtweise nicht übereinstimmen, werden mundtot gemacht oder angeprangert, häufig auch moralisch diskreditiert.[21]

[...]


[1] Volk, Stefan: Skandalfilme. Cineastische Aufreger gestern und heute. S.9

[2] Kepplinger, Hans Mathias: Mechanismen der Skandalierung, 2005

[3] Kepplinger 2005, S.7. Vgl. dazu auch Burkhardt, Steffen: Medienskandale, S.138f. sowie Siebert, Sandra: Angeprangert!, S.17. Beide nutzen die Begriffe mit kleinen sprachlichen Unterschieden: Aus Skandalierern werden Skandalisierer, aus Skandalierten werden Skandalisierte. Auch Kepplinger wechselt in seinem Buch zwischen den Begrifflichkeiten. Für diese Arbeit werden die oben genannten verwendet.

[4] Kepplinger 2005, S.7

[5] Vgl. Siebert, S.21

[6] Vgl. Ebd. S 23f.

[7] Kepplinger 2005, S.21

[8] Vgl. Ebd., S. 21f.

[9] Ebd., S.27. Dabei sind jene, die den Skandal vorantreiben, meist selbst zutiefst von ihrer Mei-nung, ihrem Tun und der moralischen Notwendigkeit überzeugt, im Falle von Kulturskandalen beispielsweise Politiker, kirchliche Würdenträger oder die FSK. Oft bilden sich Allianzen zwischen ähnlichen Interesssensgruppen.

[10] Im Originaltext auch kursiv

[11] Burkhardt, Steffen: Medienskandale. S.326

[12] Kepplinger 2005, S.36

[13] Vgl. Ebd. S.44

[14] Ebd. S.44

[15] Vgl. Ebd. S.38 ff.

[16] Vgl. Kepplinger, Hans Mathias: Publizistische Konflikte und Skandale. 2009. S.18f.

[17] Vgl. Siebert, S.32 f.

[18] Vgl. Kepplinger 2005. S.58 ff.

[19] Vgl. Ebd. S. 63 ff.

[20] Vgl. Ebd. S.73 ff.

[21] Vgl. Ebd. S.79 ff.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zeit der Empörung. Medien als Motor der Skandalisierug von Kinofilmen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Theaterwissenschaft)
Note
1,2
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V435112
ISBN (eBook)
9783668764682
ISBN (Buch)
9783668764699
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Skandal, Skandalisierung, Kinofilm, Film, Filmwissenschaft, Mechanismen der Skandalisierung, kollektiven Sichtweise, Rolle der Medien, Medien, Eigendynamik, Tal der Wölfe – Irak, 2006, Türkei, Koordinierung, Konsens, Zeit der Empörung, Auswirkungen, Dramatisierung
Arbeit zitieren
Laura Köhninger (Autor), 2011, Zeit der Empörung. Medien als Motor der Skandalisierug von Kinofilmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435112

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