Theorie und Geschichte der Sozialen Arbeit. Hauptschwerpunkt Mittelalter


Hausarbeit, 2015
22 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Zeitreise ins Mittelalter und in die frühe Neuzeit
2.1 Frühmittelalter
2.2 Hochmittelalter
2.3 Spätmittelalter
2.4 Frühe Neuzeit (Renaissance, Reformation):

3. Wegbereiter der Sozialen Arbeit
3.1 Thomas von Aquin
3.2 Martin Luther
3.3 Juan Luis Vives

4. Vergleich mit anderen Epochen
4.1 Absolutismus, Aufklärung, Französische Revolution
4.2 Industrialisierung und Arbeiterbewegung
4.3 Professionalisierung der Sozialen Arbeit und die bürgerliche Frauenbewegung
4.4 Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und unmittelbare Nachkriegszeit
4.5 Geschichte der Sozialen Arbeit nach 1945 bis heute

5. Erkenntnisse aus der Zeitreise und abschließende Schlussfolgerungen

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema Armut wird in Deutschland bereits seit Jahrzehnten stark diskutiert. Vor allem in Zeiten der Zuwanderungen von Wirtschaftsflüchtlingen und politisch oder religiös Verfolgter wird dieses Thema fortwährend präsenter.

Ich möchte Sie nun auf eine Reise in die Vergangenheit mitnehmen, eine Reise ins Mittelalter, um u.a. zu ergründen, wie arme Menschen damals lebten, welche Schwierigkeiten sie im Alltag zu bewältigen hatten und wie ihnen Menschen anderer Gesellschaftsschichten begegneten. Zudem möchte ich Ihnen einige Wegbereiter der Sozialen Arbeit und die Entwicklung der damals entstandenen Hilfe für die Bedürftigen vorstellen. Anschließend vergleiche ich meine Erkenntnisse mit den Gegebenheiten aus den nachfolgenden Epochen bis in die heutige Zeit.

2. Zeitreise ins Mittelalter und in die frühe Neuzeit

2.1 Frühmittelalter:

Wir befinden uns im Frühmittelalter, das von etwa 500 bis 1180 andauert, und wagen einen kurzen Blick zurück in die Antike.[1] Zu dieser Zeit bedingen sich Armut und Arbeit gegenseitig, das heißt, dass die Menschen der Auffassung sind, dass nur Arme auf körperliche Arbeit angewiesen seien. Höher Gestellte, die von ihrem Vermögen leben können, verurteilen körperliche Arbeit und die unteren Gesellschaftsschichten. Arbeit ist also stets mit negativen Gedanken behaftet. So ist auch die allgemeine Auffassung vertreten, dass sie gänzlich ungeeignet seien, ein politisches Amt inne zu haben, da die Arbeit Leib und Seele entstellt und „unedel“ macht.[2] Diese Aufgaben fallen folglich den höheren Gesellschaftsschichten zu. Zudem gilt der Reichtum und das Frei-sein von körperlicher Arbeit als Voraussetzung für die ethische Vollkommenheit und intellektuelle Entfaltung.

Im Frühmittelalter und auch in den darauffolgenden Jahrhunderten ist die Wirtschaft größtenteils agrarisch bestimmt. Da die Ertragsrate jedoch ziemlich niedrig ausfällt sind Hungersnöte alltäglich. Somit wird Armut zuallererst durch Hunger definiert.[3] Zudem entsteht eine einfache gesellschaftliche Aufteilung von arm und reich: Es wird zwischen „starken“ und „schwachen“ Mitgliedern der Gesellschaft unterschieden. Als stark gilt, wer stets genug Nahrung hat und in der Lage ist, auch andere in Krisenzeiten zu unterstützen; arm hingegen ist, wem es sowohl an Lebensnotwendigem oder körperlicher Gesundheit als auch an sozialer Stärke, Ansehen, Einfluss und Wissen fehlt. So gilt nunmehr nicht allein der Arbeitende als arm, sondern all diejenigen, die laut dieser Definition nicht als stark gelten. Armut wird auch als Mangel an Standesnotwendigem definiert. Somit zählen zu den klassischen Armutsgruppen, den Witwen, Waisen, Gefangenen, Pilgern und Fremden, auch arme Adelige oder arme Ritter erstmals dazu. Wer sich nicht selbst versorgen kann, muss sich durch Betteln auf den Straßen sein Lebensnotwendiges besorgen.

Zu dieser Zeit entstehen die ersten institutionalisierten Hilfen für Arme. Die Armenfürsorge fällt zwar auch unter die Pflichten des Herrschers, jedoch reicht diese Hilfe kaum aus, weshalb die Kirche den größten Teil hiervon übernimmt. Ein Viertel der kirchlichen Einnahmen geht, laut kirchenrechtlicher Norm, an die Armen. Die bedeutsamste Hilfe stellen im frühen Mittelalter die Klöster dar. Sie nehmen jeden Bedürftigen, der um Hilfe bittet, bei sich auf und versorgen ihn mit Nahrung, Unterkunft und, wenn nötig, Arzneimitteln. Um dies zu finanzieren gehen die Mönche betteln und appellieren dabei an die christliche Nächstenliebe.[4]

2.2 Hochmittelalter:

Die Epoche des Hochmittelalters, in der wir uns nun befinden, dauert von etwa 1170 bis 1250 an[5]. Im 11. Jahrhundert steigen die Bevölkerungszahlen um mehr als 100 Prozent. Der Handel lebt wieder auf und städtische Märkte entstehen. Durch die Zuwanderung von Bauern und anderen Hilfesuchenden entwickeln und vergrößern sich die Städte, die Anziehungspunkte für Arme sind. Kehrseite dieser Entwicklung war die Vermehrung der Armut, da es mindestens der Hälfte der städtischen Bevölkerung am Lebensnotwendigsten fehlte.[6]

Es entstehen neue Gruppen von Armen, die „Unselbstständigen“, zu denen z.B. Lohnarbeiter, Tagelöhner, Handwerksgesellen und Gesinde“ gehören. Aufgrund des Gebotes der Nächstenliebe und Barmherzigkeit spendet die reiche Bevölkerungsschicht Geld an die Klöster und Kirchen. Dies geschieht allerdings nicht nur aus reiner Uneigennützigkeit um den Armen zu helfen. Vorrangiges Ziel ist die Vergebung ihrer Sünden und das Reinwaschen ihrer Seelen.

Spätestens im 12. Jahrhundert haben die Klöster durch die hohe Anzahl von Bedürftigen ihre wirtschaftlichen Grenzen erreicht, viele verarmen und können die Armenfürsorge nicht länger allein tragen. So bildet sich die genossenschaftliche Selbsthilfe zur Unterstützung in jeder Lebenssituation. Es entstehen Gilden unter den Kaufleuten und Zünfte, denen sich die Handwerker anschließen. Die Mitglieder wollen sich gegenseitig bei Arbeitsplatzverlust, Unfällen oder Krankheiten helfen und vor Verarmung schützen.[7]

Zunächst entstehen innerhalb des Mönchtums in sog. „Bettelorden“ die freiwillige Armut aus religiösen Gründen und später die religiöse Frauenbewegung. Diese Menschen wollen sich mit den Armen identifizieren und ihnen dabei helfen, die unfreiwillige und aufgezwungene Armut zu überwinden. Dies führt schließlich zum Wandel der Armenfürsorge, zur „Revolution der caritas “, durch die sämtliche Ständegrenzen überwinden werden sollen.[8] Die freiwillige Armutsbewegung führt schließlich zu neuen Formen der Institutionenbildung der Kirche, es werden sog. „Spitäler, Armen- und Leprosenhäuser“ unter ritterlichen und bürgerlichen Spitalorden errichtet.

Seit dem 13. Jahrhundert, im Übergang zum Spätmittelalter entstehen, als weitere Form der Armenfürsorge, Spitäler, die vom städtischen Bürgertum gestiftet werden. Es kommt zu einem Wandel der Auffassung von Arbeit und Armut. Nun wird körperliche Arbeit als Möglichkeit angesehen, die gegenwärtige Armut zu überwinden. Die selbstverschuldete Armut wird immer noch angelehnt, da man der Meinung ist, dass diese Menschen dies durch Faulheit hervorgerufen haben. Man ist weiterhin der Auffassung, dass diejenigen, die arbeiten gehen können, auch arbeiten sollen. So steht im Neuen Testament geschrieben:

Wenn einer nicht arbeiten will, dann soll er auch nicht essen; denn wer nicht arbeitet, lebt ‚unordentlich‘ und ist ‚unnütz‘; der Christ soll also, durch ruhiges Arbeiten‘ seinen Unterhalt erwerben. In ‚Gelassenheit‘ soll er seiner Arbeit und seinem Erwerb nachgehen, damit er auch den Armen zum ‚Lebensnotwendigen‘ verhelfen kann.[9]

Mit den „Armen“ im letzten Satz sind diejenigen gemeint, die aufgrund von Krankheit, hohem Alter etc. nicht mehr fähig sind, irgendeiner Arbeit nachzugehen. Nun werden Armut, die laut dem Neuen Testament als Voraussetzung für den Weg gen Himmel gilt, und Arbeit in einem positiveren Licht betrachtet.

2.3 Spätmittelalter:

Wir reisen weiter, etwa zur Mitte des späten Mittelalters, das von ca.1250 bis 1500 andauert, als Europa 1347/48 von einer Pestwelle überzogen wird, was einen erheblichen Bevölkerungsrückgang herbeiführt. Ein Drittel der Bevölkerung wird ausgerottet. Die Pestwellen, die bereits zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert im frühen Mittelalter über Europa zogen, verbreiten Schrecken und verursachen Fluchtbewegungen. Die hohe Sterberate und Mobilität bringen neue soziale und wirtschaftliche Probleme mit sich. So führt der Bevölkerungsrückgang dazu, dass die Getreidepreise drastisch sinken und somit auch die Einkommen aus der Agrarwirtschaft, was Armut allgegenwärtig macht.[10] Aus diesen Gründen bilden sich im 14. und 15. Jahrhundert weitere genossenschaftliche Gruppierungen, die versuchen, sich untereinander zu unterstützen, die sog. „Elendengilden“.

Zugleich greift die Obrigkeit ein, um die Folgen der Pest zu beseitigen. Es kommt zur Reorganisation. So soll durch weitere Institutionenbildung und eine zentrale Verwaltung die Armenfürsorge geregelt werden. Hierfür wird im 14. Jahrhundert eine gesundheitspolizeiliche Maßnahme gegründet, die u.a. den gesundheitlichen Zustand der Bevölkerung regelmäßig kontrolliert, die Pesttoten beseitigt, die Straßen gereinigt und Vorkehrungen zur Lebensmittelversorgung sowie zum Schutz vor Plündereien trifft.[11] Auch im späten Mittelalter gibt es viele Bettler, Landstreicher, etc. Die Gesellschaft begegnet den Armen mit Abscheu, Furcht und Hass, der Arme wird zum asozialen Element, zum Anti-Typ. Daraufhin verabschiedet die Stadt Nürnberg 1370 die erste Nürnberger Bettelordnung. Hier werden die Rechte und Pflichten der unteren Gesellschaftsschicht festgehalten. So heißt es, dass ab diesem Zeitpunkt nur noch betteln darf, wer ein sog. „Bettelzeichen“ besitzt. Jenes Zeichen erhalten nur Einwohner der Stadt Nürnberg und auch nur diejenigen, die durch mindestens zwei Zeugen beweisen können, dass sie arbeitsunfähig und somit bedürftig sind. Zudem sollen halbjährlich Kontrollen zur Überprüfung der Bedürftigkeit stattfinden.[12] Ein Jahrhundert später hat sich die Lage kaum verändert, weshalb 1478 die zweite Nürnberger Bettelordnung mit einigen Veränderungen verabschiedet wird. Die Überprüfung der Bedürftigkeit findet nun durch eigene wahrheitsgemäße Aussagen zu Stand, körperlicher Verfassung, Kinderzahl, etc. statt. Beim Betteln mussten alle schweren Verletzungen bedeckt werden. Zudem ist es verboten, zu singen oder sonstige Dinge zur Schau zu stellen. Bei Verstoß wird man mit einem Jahr Stadtverweis bestraft. Studenten, die nicht regelmäßig zur Schule gehen, bekommen kein Bettelzeichen. Gleiches gilt für Familien mit einem Kind, das älter als acht Jahre ist, da dieses für den Familienunterhalt sorgen kann. Ausgenommen sind Familien, die noch weitere jüngere Kinder haben. Als zusätzliche Kontrolle wird eine Belohnung auf das Anzeigen eines Vergehens ausgesetzt.[13]

Schließlich wird 1522 die dritte Nürnberger Armenordnung gründlich ausgearbeitet und verabschiedet, da immer noch keine deutliche Besserung des Bettlerproblems eingetreten ist. Als Grundlage hierfür gelten der Glaube und die Nächstenliebe. Mit anzusehen, wie Menschen auf den Straßen betteln oder gar öffentlich verhungern gilt für den christlichen Glauben als schändlich und verletzend, weshalb in dieser Ordnung erstmals ein generelles Bettelverbot ausgesprochen wird.[14] Das Bettelzeichen, das nur an Einheimische vergeben wird, gilt nun nicht mehr als Bettellizens, sondern als Zeichen für Almosenbedürftige. Jeder von ihnen wird mitsamt Namen, Alter, Stand, Ausbildung, Kinderzahl etc. in ein Verzeichnis eingetragen. Hierbei gilt Tragepflicht, um zu verhindern, dass die Bedürftigen ihr Geld in Wirtshäusern etc. ausgeben. Bürger, die einen sündigen Lebenswandel führen, wie z. B. Säufer, Spieler oder getrennt lebende Eheleute, bekommen kein Zeichen. Ebenso Priester, da ihnen das Betteln durch das geistliche Recht verwehrt bleibt. Bei Verstoß werden alle mit einem Jahr Stadtverweis und – wer eines besitzt – Entzug des Zeichens bestraft. Es soll ein Rat eingesetzt werden, der sich um die Unterstützung der Bedürftigen kümmert.[15] Dazu wird ein Almosentopf gegründet, der sowohl Getreide als auch Geld aufnimmt. Die Priester ermahnen hierzu das Volk in ihren Gottesdiensten zu spenden.[16] Es werden je zwei Ratsherren und Verwalter eingesetzt, die für die Verwaltung der Almosen verantwortlich sind. Zudem kommen vier Knechte, die das Almosen an die Bedürftigen verteilen. Die Bezirke werden zur gegenseitigen Kontrolle regelmäßig gewechselt. Damit kein Geld veruntreut wird, werden sie dazu aufgefordert, einen Eid abzulegen.[17] Auch hier wird festgehalten, dass eine regelmäßige Überprüfung sowohl der Bedürftigkeit der Menschen als auch der Höhe der Almosen stattfinden soll. Kurze Zeit später zeichnen sich bereits erste Erfolge ab: Einige können wieder in ihre früheren Handwerke einsteigen und der frühere Mangel an Arbeitskräften ist gesunken.[18]

Hier trat die Sozialdisziplinierung, auf die in der frühen Neuzeit noch genauer eingegangen wird, zum ersten Mal in Erscheinung. Betteln, das zuvor noch erlaubt war, gilt nun nur noch für wirklich Bedürftige. Betteln aus Begierde und Faulheit ist verboten. So wird allmählich der allgemeine Arbeitszwang als Mittel zur Beseitigung der Armut eingeführt.

2.4 Frühe Neuzeit (Renaissance, Reformation):

Unsere Reise endet in der frühen Neuzeit, die ab etwa 1500 beginnt und das gesamte 16. Jahrhundert überdauert.[19] Nach der letzten Pestwelle wachsen die Bevölkerungszahlen in den Städten u. a. wegen der aufgelösten Ständegesellschaft wieder an, was einen erneuten Armutszuwachs zur Folge hat. Die sozialen Probleme der letzten Jahrhunderte sind auch in dieser Epoche aufgrund fehlender Nahrung und der strukturellen Veränderungen sowohl in Handwerk, Handel und Gewerbe als auch in der Landwirtschaft vorhanden. Dies soll durch die Sozialdisziplinierung, oder auch Sozialregulierung genannt, geregelt werden. Die städtische Obrigkeit muss die Gesellschaft wieder stabilisieren und v. a. die Menschen der unteren Schichten integrieren.

Es werden Kriterien ausgearbeitet, die helfen sollen, die diversen Erscheinungsformen von Armut zu differenzieren und die geeignetste Fürsorgemaßnahme zu treffen. So entstehen Klassifizierungen wie z. B. einheimische und auswärtige Bettler oder arbeitsunfähige und arbeitsfähige Almosenempfänger. Diese Einteilung findet sich auch in der 3. Nürnberger Armenordnung wieder[20]. Die Armenfürsorge in den Städten endet an den Stadttoren. Der Obrigkeit gelingt es trotz der Stadtmauern nicht, die Zuwanderung von meist armen Bevölkerungsgruppen zu stoppen. Da die hohe Zahl von Bettlern, Landstreichern etc. eine Gefahr für den inneren Frieden der Städte bedeutet, wird versucht, den Zustrom durch Kontrollen an den Stadttoren zu steuern. Dies stellt sich allerdings als unzureichend heraus. So wird entschieden, dass von nun an nur noch die Einheimischen Anspruch auf das Almosen haben, wie schon in der 3. Nürnberger Armenordnung erwähnt. Wie in Nürnberg werden auch in Köln gewisse Zeichen angefertigt, die der Erkennung der Armen dienen. So können einheimische und auswärtige Bedürftige sofort erkannt und letztere schneller ausgewiesen werden. Diejenigen, die ein solches Zeichen tragen müssen, sehen es als Schandmahl, da nun jeder, der sie sieht, weiß, dass sie bedürftig sind. Reicht das öffentliche Almosen nicht aus, werden die Bedürftigen in verschiedene Einrichtungen eingewiesen: Spitäler, Pilger- und Elendenherbergen und Gefängnisse, die später durch Zucht- oder Arbeitshäuser ergänzt werden. Diese gelten als wichtige Institutionen zur Disziplin- und Arbeitserziehung. Somit sind die Armen vorerst aus der Öffentlichkeit verschwunden.[21]

Seit dem 16. Jahrhundert hat der Magistrat die Aufsicht über das Armenwesen und die Gewalt über die Disziplinierungsvorgänge. Aufgrund des Bevölkerungs- und Armutswachstums hat die Almosenverwaltung nur begrenzte Mittel, was eine zunehmende Überwachung notwendig macht. Um Missbrauch des Almosens vorzubeugen werden diverse Prüfungstechniken, wie z. B. Hausbesuche oder Anwesenheitskontrollen in Spitälern oder Gottesdiensten, entworfen.[22] Dies darf allerdings nicht überschätzt werden, da die Bewohner nach einer gewissen Zeit wissen, wann die Prüfer vorbeikommen und an diesen Tagen den Häusern fernbleiben. Die ständige Beobachtung ist ein fester Bestandteil der Sozialdisziplinierung.[23] Zudem entstehen in den verschiedenen Städten Armenregister, in denen die Bedürftigen verzeichnet werden. Dies bildet den Beginn der Sozialbürokratie. Es werden immer neue Registrierungstechniken ausgearbeitet, in die die Bedürftigen mit sämtlichen Angaben, wie Name, Alter, Kinderanzahl, Krankheiten etc. eingetragen werden. Somit entsteht der Begriff „Sozialfall“.

Die Macht der Polizeiapparate wächst enorm, was eine starke Zunahme sozialer Kontrolle, die v. a. die arme Bevölkerungsschicht spürt, mit sich führt. Zu dieser Zeit gilt der Grundsatz „Wer arbeiten gehen kann, soll auch arbeiten.“ Dementsprechend gelten für Arbeitsscheue oder solche, die ausschweifendes, sündhaftes Leben führen, harte Disziplinarstrafen.[24] Die Sozialdisziplinierung bedeutet also nicht nur reine Kontrolle und Überwachung, sondern soll in erster Linie der Erziehung zur Disziplin und Arbeit dienen, um letztendlich die Armut zu beseitigen.

3. Wegbereiter der Sozialen Arbeit

Im Mittelalter entstanden erste Ideen, wie mit Armut und Armen umgegangen werden soll und wie diese letztendlich in die Gesellschaft integriert werden können. Wichtige Theoretiker der Sozialen Arbeit dieser Zeit, die diese Missstände erkannt haben, werde ich Ihnen im Folgenden vorstellen.

3.1 Thomas von Aquin:

Thomas von Aquin war Philosoph und Theologe und lebte von 1224 bis 1274, also in der Zeit des Hochmittelalters. Sein Interesse galt der Philosophie von Aristoteles, die von der Kirche als heidnisch bezeichnet und somit abgelehnt wurde. Er verfasste im Laufe seines Lebens mehrere philosophische und theologische Schriften. In der „Summa theologica“ befasste er sich mit Themen der Sozialen Arbeit, wie Armut, Almosen, Arbeitspflicht, Barmherzigkeit, Lebensunterhalt, sowie Gerechtigkeit, Gesellschaftsordnung und Wohltätigkeit. Seine Sozialarbeitstheorie ist als christliche Sozialethik einer Art Leitfaden dafür, was der Mensch machen soll, um sein Lebensziel, also die Gemeinschaft mit Gott bis in alle Ewigkeit, zu erlangen.[25] Er sah die Welt als Abbild Gottes, somit war für ihn auch die Welt etwas Gutes. Er akzeptierte ebenso die mittelalterliche Ständeordnung als naturgegeben und Spiegel der göttlichen Ordnung. Die hierarchische Ständeordnung gliederte sich in die geistlichen Stände, die an oberste Stelle stehen, ihnen folgten die weltlichen Stände, die bürgerlichen Stände und schließlich die Armen und Bedürftigen.[26] Die Armen wurden dadurch definiert, dass sie mit eigener Hände Arbeit für ihren Lebensunterhalt sorgen mussten. Die Bedürftigen waren Besitzlose, wie Witwen, Waisen, Kranke und Alte, die sich ihr Notwendigstes nicht selbst verdienen konnten und auf Almosen angewiesen waren. Außerhalb dieser Ordnung standen die geächteten Ehrlosen, die gegen die Gesetze der Gemeinschaft verstoßen haben, also Ehebrecher, Mörder, Diebe und andere Sünder.

Laut Aquin ist der Mensch ein soziales Wesen, das sich naturgemäß in die Gesellschaft eingliedert. Zudem war er der Meinung, dass die Menschen nur gemeinsam überleben können, weshalb er auch das Gemeinwohl über das Wohl des Einzelnen stellte. Jeder müsse sein Bestes geben, um dieses Gemeinwohl zu bewahren, auch wenn dies für das Individuum negative Auswirkungen mit sich brachte.[27] Das höchste Gut nach dem die Menschen streben sollten war die Verehrung Gottes und die Bemühung um das Seelenheil. Somit war Arbeit für ihn nicht per se wertvoll, sondern diente allein der Beschaffung des Lebensunterhaltes und hierzu war jeder, soweit er in der Lage dazu war, verpflichtet. Für ihn galt Arbeit als göttliches Gebot. Die Arbeitspflicht bezog sich vor allem auf die Armen, da reiche Menschen von ihrem Vermögen leben konnten. Da Armut in seinen Augen gottgewollt war, gab es für Aquin keinen Grund zur Abschaffung von Armut und Arbeit. Wer bedürftig war genoß Schutz und hatte die Erlaubnis, sich seinen Unterhalt durch betteln zu verdienen. Betteln aus Begierde verabscheute er allerdings. Er führt noch weitere Ausnahmen an: Solche, die wirklich bedürftig und arbeitsunfähig waren oder deren Einkommen nicht ausreichte, sollten die Erlaubnis zum Betteln bekommen. Zudem sollte es aus religiösen Gründen, z. B. für Menschen, die Demut üben wollten, da Bettler in der Gesellschaft verabscheut wurden, oder für Mitglieder der Bettelorden, die Geld für die Armen sammelten. Betteln war seiner Meinung nach auch wegen nützlicher Zwecke, wie z. B. für Einrichtungen des Gemeinwohls, legitim.

Armut schien Voraussetzung dafür zu sein, in den Himmel zu gelangen. Deshalb galten die Armen als Objekte der Wohltätigkeit, sie besaßen die Funktion, dass die Reichen sich durch die Almosenspenden mit Gott verbinden und ihr eigenes Seelenheil erlangen konnten. Das höchste Ideal war daher für Aquin die freiwillig gewählte Armut, die bspw. in Bettelorden bereits ab dem 12. Jahrhundert praktiziert wurde, um Buße zu tun und in den Himmel zu gelangen.[28]

Die meisten seiner Thesen waren damals stark umstritten. Allerdings veröffentlichte der Dominikanerorden, ein Bettelorden, dem Thomas von Aquin angehörte, nach seinem Tod eine gemilderte Fassung seiner Lehre. Seitdem haben seine Ansätze über viele Jahrhunderte hinweg die christliche Soziallehre beeinflusst und sind bis heute für das abendländische theologische Denken von Bedeutung. Beispielsweise wird auch der Gedanke der Subsidiarität oder der Aufruf zur sozialen Gerechtigkeit auf ihn und seine Werke zurückgeführt.[29]

3.2 Martin Luther:

Der Theologe und Priester lebte im Übergang vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit von 1483 bis 1546.[30] In seinen 95 Thesen verkündete er öffentlich seine Ablehnung gegen den Ablasshandel und forderte dessen Abschaffung.[31] Er erkannte, dass die Priester und Mönche ihr Amt missbrauchten, um ihre eigenen Kassen zu füllen. Der Ablasshandel entwickelte sich gegen Ende des 12. Jahrhunderts. Zuvor wurden Sünden aber allein durch Gebete, gute Taten, Pilgerfahrten und letztendlich durch einen kirchlichen Würdenträger bei der Beichte erlassen. Nun bekamen Sündiger die Möglichkeit, ihre Seele gegen eine gewisse Summe von allen Vergehen frei zu kaufen, was eine lukrative Quelle für den Klerus darstellte.[32] Da die wenigsten Menschen lesen konnten, musste das Volk den Lehren der Priester glauben. Doch viele legten die Heilige Schrift zu ihrem eigenen Nutzen aus, um Reichtum für sich selbst bzw. für die Kirche zu erlangen. So haben einige Priester und Mönche auch in anderen Belangen in den letzten 400 Jahren ihr Unwesen getrieben, was jedoch nicht dem christlichen Glauben und der heiligen Schrift entsprach.

[...]


[1] Vgl. http://www.literaturwelt.com/epochen/fruehmittelalter.html.

[2] Vgl. Oexle, O.G. (1986). Armut, Armutsbegriff und Armenfürsorge im Mittelalter. In Sachße, C. und Tennstedt, F. (Hrsg.), Soziale Sicherheit und soziale Disziplinierung. Beiträge zu einer historischen Theorie der Sozialpolitik (S. 73-74). Berlin: Suhrkamp.

[3] Vgl. Oexle, O.G. a. a. O. (S. 77).

[4] Vgl. Oexle, O.G. a. a. O. (S. 79).

[5] Vgl. http://www.literaturwelt.com/epochen/hochmittelalter.html.

[6] Vgl. Oexle, O.G. a. a. O. (S. 82).

[7] Vgl. Oexle, O.G. a. a. O. (S. 80-82).

[8] Vgl. Oexle, O.G. a. a. O. (S. 83-84).

[9] Oexle, O.G. a. a. O. (S. 74-75).

[10] Vgl. http://www.literaturwelt.com/epochen/spaetmittelalter.html und Oexle, O.G. a. a. O. (S. 85-86).

[11] Vgl. Oexle, O.G. a. a. O. (S. 87-88).

[12] Vgl. Sachße, C. und Tennstedt, F. (1998). Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland (S. 63-64). Berlin: Suhrkamp.

[13] Vgl. Sachße, C. und Tennstedt, F. a. a. O. (S. 64-66).

[14] Vgl. Sachße, C. und Tennstedt, F. a. a. O. (S. 67;73).

[15] Vgl. Sachße, C. und Tennstedt, F. a. a. O. (S. 68-71).

[16] Vgl. Sachße, C. und Tennstedt, F. a. a. O. (S. 72).

[17] Vgl. Sachße, C. und Tennstedt, F. a. a. O. (S. 68-69).

[18] Vgl. Sachße, C. und Tennstedt, F. a. a. O. (S. 74-75).

[19] Vgl. http://www.literaturwelt.com/epochen/renaissance.html

[20] Vgl. Jütte, R. (1986). Disziplinierungsmechanismen in der städtischen Armenfürsorge der frühen Neuzeit. In Sachße, C. und Tennstedt, F. (Hrsg.), Soziale Sicherheit und soziale Disziplinierung. Beiträge zu einer historischen Theorie der Sozialpolitik (S. 106). Berlin: Suhrkamp.

[21] Vgl. Jütte, R. a. a. O. (S. 104-105).

[22] Vgl. Jütte, R. a. a. O. (S. 110).

[23] Vgl. Jütte, R. a. a. O. (S. 107-108).

[24] Vgl. Jütte, R. a. a. O. (S. 109-111).

[25] Vgl. Engelke, E., Borrmann, S. und Spatscheck, C. (2008). Theorie der sozialen Arbeit. Eine Einführung (S. 40-41). Freiburg: Lambertus.

[26] Vgl. Engelke, E., Borrmann, S. und Spatscheck, C. a. a. O. (S. 42-43).

[27] Vgl. Engelke, E., Borrmann, S. und Spatscheck, C. a. a. O. (S. 43-44).

[28] Vgl. Engelke, E., Borrmann, S. und Spatscheck, C. a. a. O. (S. 44-45).

[29] Vgl. Engelke, E., Borrmann, S. und Spatscheck, C. a. a. O. (S. 48-49).

[30] Vgl. http://www.luther.de/leben/.

[31] Vgl.http://www.planet-wissen.de/kultur/religion/martin_luther/pwielutherderreformator100. Html.

[32] Vgl. https://www.leben-im-mittelalter.net/wissenswertes/178-klingelnde-kassen-durch-den-ablasshandel.html.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Theorie und Geschichte der Sozialen Arbeit. Hauptschwerpunkt Mittelalter
Hochschule
SRH Fachhochschule Heidelberg
Note
1,8
Autor
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V435188
ISBN (eBook)
9783668764491
ISBN (Buch)
9783668764507
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorie Geschichte Soziale Arbeit Armut Mittelalter, Zeitreise
Arbeit zitieren
Tamara Yvonne Kurz (Autor), 2015, Theorie und Geschichte der Sozialen Arbeit. Hauptschwerpunkt Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435188

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