Arbeitslosigkeit in Europa: Eine neue Strategie für die europäische Geldpolitik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

A. Einleitung

B. Der theoretische Hintergrund
I. Neoklassik-Monetarismus
II. Keynesianismus

C. Die europäische Geldpolitik
I. Aufbau der EZB
II. Geldpolitische Strategie
III. Einordnung in die wirtschaftwissenschaftlichen Konzeptionen
IV. Probleme der europäischen Geldpolitik
V. Handlungsalternativen

D. Resümee

E. Literaturverzeichnis

A. Einleitung

Die europäische Wirtschaft kämpft seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts gegen eine stetig steigende Arbeitslosigkeit an.[1] Einige Ökonomen sehen darin scheinbar sogar ein nicht mehr zu bewältigendes Problem.[2] Gleichzeitig verlangsamte sich auch das wirtschaftliche Wachstum. Im Jahr 2002 betrug der Anstieg des BIP in den Mitgliedsländern der Europäischen Währungsunion (EWU) nur 0,8 % (gegenüber 1,4 % im Jahr 2001). Im selben Zeitraum erhöhte sich die Arbeitslosenquote von 8 % auf 8,3 %. Allein das Preisniveau bewegt sich gegenwärtig auf konstant niedrigem Niveau.[3] Die Inflationsrate betrug 2002 im EWU-Schnitt 2,2 %. Sie konnte gegenüber dem Vorjahr um 0,2 % gesenkt werden.[4] Für die europäische Wirtschaftspolitik besteht die Herausforderung der Zukunft darin, das Wirtschaftswachstum wieder anzukurbeln und damit die Arbeitslosigkeit zu senken. Der geringe Preisauftrieb sollte aber beibehalten werden. Um dieses Ziel zu verwirklichen, muss über eine Neuausrichtung der Makropolitik, d. h. der Geld-, Fiskal- und Lohnpolitik, nachgedacht werden.[5] Vergegenwärtigt man sich die institutionellen Strukturen innerhalb Europas, fällt auf, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den größten wirtschaftspolitischen Spielraum besitzt. In der öffentlichen Diskussion wird von ihr allerdings kaum ein Beitrag zur Senkung der Arbeitslosigkeit gefordert.[6] Nur wenige Ökonomen thematisieren die Geldpolitik bislang im Zusammenhang mit Wachstum und Beschäftigung.[7]

Die vorliegende Seminararbeit greift diese Überlegung auf und stellt eine entsprechend erweiterte Konzeption für die EZB dar. Weil wirtschafts- und damit auch geldpolitisches Handeln einer theoretischen Fundierung bedarf, werden in Kapitel B notwendige wirtschaftswissenschaftliche Grundlagen skizziert. Augenfällig ist dabei der Widerstreit zweier Lehrmeinungen. So lassen sich neoklassisch-monetaristische Politikvorschläge deutlich von keynesianischen unterscheiden.

Kapitel C beschäftigt sich dann mit der Geldpolitik der Europäischen Währungsunion (EWU). Zunächst wird die Institution der Europäischen Zentralbank (EZB) vorgestellt. Daraufhin erfolgt die Erläuterung ihrer geldpolitischen Strategie. Anschließend wird die institutionelle und strategische Konzeption der EZB den wirtschaftstheoretischen Lehrmeinungen zugeordnet. Danach werden Kritikpunkte an der gegenwärtigen Ausrichtung der europäischen Geldpolitik dargestellt, bevor ein letzter Teil des Kapitels sich mit einem alternativen Zentralbankkurs beschäftigt. Kapitel D fasst die Ergebnisse der Seminararbeit kurz zusammen.

B. Der theoretische Hintergrund

Die wirtschaftspolitische Diskussion ist auch von den in den Wirtschaftswissenschaften geführten Debatten abhängig. Im wesentlichen stehen sich zwei große Lehrmeinungen gegenüber: die Ansichten der Neoklassik bzw. Monetaristen und die Ansichten des Keynesianismus. Beide Schulen analysieren die Bedingungen für Wirtschaftswachstum und damit einer befriedigenden Beschäftigungssituation. Dabei bewerten sie auch die Auswirkungen einer moderaten Inflation und die Rolle der Geldwertstabilität.

Der Zusammenhang zwischen Inflation und Wirtschaftwachstum ist eines der umstrittensten Probleme der Wirtschaftswissenschaften.[8] Bis gegen Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts dominierte die Überzeugung, dass moderate Inflation das Wirtschaftwachstum in der Tendenz fördert. Durch die Erfahrungen der Ölkrise in den darauf folgenden siebziger Jahren hat sich die Meinung durchgesetzt, dass Inflation zumindest auf längere Sicht der realwirtschaftlichen Aktivität schadet.[9] In der traditionellen Begründung für Preisstabilität sind sich beide Lehrmeinungen einig. Hohe Inflationsraten führen zur Benachteiligung von Gläubigern gegenüber Schuldnern, da der reale Wert ihrer Forderungen sinkt. Nach und nach werden die Funktionen des Geldes (Wertaufbewahrung, Zahlungsmittel, Recheneinheit) zerstört. Damit ist die Sicherheit der längerfristigen volkswirtschaftlichen Entwicklung in Gefahr: Wenn Geld nicht mehr als Tauschmittel und Recheneinheit fungiert, sinkt die wirtschaftliche Effizienz. Der Aufwand der Wirtschaftsakteure, sich über Preise zu informieren, steigt deutlich. Sie werden neue Sicherheit in Form von Sachwerten suchen.[10]

Neueren Untersuchungen zufolge sinken auch die Reallöhne durch Inflation. Es kommt also nicht nur zu einer Umverteilung von Gläubigern zu Schuldnern und von Geldvermögens- zu Sachvermögensbesitzern, sondern auch zu einer Umverteilung des Einkommens zu Lasten der abhängig Beschäftigten.[11] Preisstabilität bedeutet also eine sichere Kalkulationsbasis für die Wirtschaft und ist somit eine notwendige Voraussetzung für Wirtschaftswachstum und damit auch Vollbeschäftigung. Sie kann als öffentliches Gut betrachtet werden, das allen ökonomischen Gruppen Vorteile bringt.[12]

Um eine Einordnung der gegenwärtigen europäischen Geldpolitik in den theoretischen Kontext zu ermöglichen, werden im folgenden Kapitel die Ansichten der beiden wirtschaftswissenschaftlichen Schulen in Grundzügen vorgestellt. Eine historische Herleitung der Ansichten erfolgt an dieser Stelle nicht.

I. Neoklassik-Monetarismus

Die Aussagen der Neoklassik bzw. des Monetarismus über gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge basieren auf der Annahme, dass wirtschaftliche Entscheidungen und Entwicklungen durch den Marktmechanismus so koordiniert werden, dass alle Produktionsfaktoren immer richtig eingesetzt sind. Die Wirtschaftssubjekte sind stets vollständig informiert und besitzen absolute Voraussicht. Ungleichgewichte und Fehlentwicklungen entstehen höchstens kurzfristig. Sie resultieren dann aus Behinderungen des Marktmechanismus.[13] Güter- und Geldmarkt besitzen keine Berührungspunkte; sie sind voneinander getrennt zu analysieren (sog. „klassische Dichotomie“).

Das herausragende Merkmal einer neoklassisch-monetaristischen Wirtschaftspolitik ist die Empfehlung, den Selbstheilungskräften der Wirtschaft und automatischen Stabilisatoren bei der Bekämpfung von Rezession und Inflation zu vertrauen. Geld-, Lohn- und Fiskalpolitik sollen in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen einen funktionierenden Preismechanismus garantieren. Ihre Aufgaben sind klar umrissen.

Da Geld- und Güterebene unabhängig voneinander sind, können die Makropolitiken nicht zusammenarbeiten.

Die Entscheidungen an den Märkten können nur optimal getroffen werden, wenn das Preisniveau sich konstant entwickelt. Geldwertstabilität bildet demnach die Voraussetzung für hohe Produktivität und ein befriedigendes Wachstum.[14] Selbst moderate Steigerungen des Preisniveaus werden als schädlich angesehen, am besten sollte die Inflationsrate bei Null liegen. Die Ursachen von Inflation sind immer monetär, d. h. auf dem Geldmarkt zu suchen. Eine konstante Preisentwicklung kann also nur mit Hilfe der Geldpolitik erreicht werden. Diese obliegt der Zentralbank und sollte, unabhängig von aktuellen Ereignissen, festgelegten Leitlinien folgen. Dabei spielt das Wachstum des Geldangebotes in einem festen Prozentsatz eine große Rolle. Neoklassik bzw. Monetarismus fordern außerdem größtmögliche Unabhängigkeit der Zentralbank. Auf diese Weise soll die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik steigen, ohne mit Wachstums- und Beschäftigungseinbußen erkauft zu werden.[15] Die Unabhängigkeit lässt sich in funktioneller, personeller, institutioneller und finanzieller Hinsicht definieren.[16]

Entscheidend für einen hohen Beschäftigungsgrad der Wirtschaft sind die Wettbewerbsintensität auf dem Arbeitsmarkt sowie die Flexibilität der Löhne.[17] Dauerhaft verbleibende Arbeitslosigkeit ist entweder eine freiwillige Entscheidung des Einzelnen oder hat strukturelle Ursachen.[18] Die Lohnpolitik kann sie nur durch Verbesserung der Strukturen und durch den Abbau von Rigiditäten bekämpfen.[19]

Aufgabe der Fiskalpolitik ist es, öffentliche Güter bereitzustellen und die Rahmenbedingungen für befriedigendes Wachstum zu stellen. Dazu dienen Leistungs- und Beschäftigungsanreize setzende Steuer- und Sozialpolitik sowie der Abbau staatlicher Marktregulierungen.[20]

[...]


[1] Dullien, Sebastian: Gewerkschaften, Geldpolitik und Beschäftigung. Warum die EZB Aktiv in einen Beschäftigungspakt eingebunden werden muss, in: Heise, Arne (Hrsg.): Neues Geld – alte Geldpolitik? Die EZB im makroökonomischen Interaktionraum, Marburg 2002, S. 179

[2] Flassbeck, Heiner: Wege und Irrwege aus der Arbeitslosigkeit. Zur Rolle von Geld- und Lohnpolitik, in: Belitz, Wolfgang (Hrsg.): Wege aus der Arbeitslosigkeit, Reinbek 1995, S. 66

[3] Priewe, Jan: Kooperative makroökonomische Politik für stabile Preise und mehr Beschäftigung in Europa, in: Heise (Hrsg.): (Geld, 2002), S. 259

[4] Europäische Zentralbank (EZB): Jahresbericht 2002, Frankfurt/Main 2003, S. 3, S. 8 u. S. 52 – S. 53

[5] Priewe (Kooperative makroökonomische Politik, in: Heise (Geld, 2002)), S. 260

[6] Priewe (Kooperative makroökonomische Politik, in: Heise (Geld, 2002)), S. 292

[7] Heise, Arne: Geldpolitik, der makroökonomische Interaktionsraum und die Schaffung einer wachstums- und beschäftigungsförderlichen Marktkonstellation, in: ders. (Hrsg.): (Geld, 2002), S. 13

[8] Sandte, Holger: Moderate Inflation, Wirtschaftswachstum und Geldpolitik. Eine theoretische und empirische Analyse, Berlin 1999, S. 15

[9] Sandte (Inflation, 1999), S. 14

[10] Kromphardt, Jürgen: Arbeitslosigkeit und Inflation. Eine Einführung in die makroökonomischen Kontroversen, Göttingen 1987, S. 21 – S. 24

[11] Schröder, Wolfgang: „Moderate Inflation “ – Sand oder „Grease“ im Getriebe der Realökonomie, in: Heise (Hrsg.): (Geld, 2002), S. 142

[12] Hesse, Helmut: Moral der Stabilitätspolitik, in: Hesse, Helmut/Issing, Otmar: Geld und Moral, München 1994, S. 46

[13] Kromphardt, Jürgen: Neoklassische Theorie, in: Woll, Artur (Hrsg.): Wirtschaftslexikon, München/Wien 81996, S. 504 u. S. 505

[14] Sandte (Inflation, 1999), S. 27

[15] Filc, Wolfgang: Zentralbankautonomie und geldpolitische Effizienz, in: WSI-Mitteilungen, 11/ 1994, S. 699

[16] Clausen, Volker/ Wilms, Manfred: Unabhängigkeit der Zentralbank, in: WiSt, 12/ 1993, S. 605 – S. 610

[17] Kromphardt (Arbeitslosigkeit, 1987), S. 190

[18] Priewe (Kooperative makroökonomische Politik, in: Heise (Geld, 2002)), S. 273 – S. 275

[19] Priewe (Kooperative makroökonomische Politik, in: Heise (Geld, 2002)), S. 261

[20] Sandte (Inflation, 1999), S. 67 – S. 70

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Arbeitslosigkeit in Europa: Eine neue Strategie für die europäische Geldpolitik
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Fakultät für Sozialwissenschaften, Sektion Sozialpolitik und Sozialökonomik)
Veranstaltung
Arbeitslosigkeit und Beschäftigung
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V43528
ISBN (eBook)
9783638412971
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeitslosigkeit, Europa, Eine, Strategie, Geldpolitik, Arbeitslosigkeit, Beschäftigung
Arbeit zitieren
Monika Goerke (Autor), 2003, Arbeitslosigkeit in Europa: Eine neue Strategie für die europäische Geldpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43528

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Arbeitslosigkeit in Europa: Eine neue Strategie für die europäische Geldpolitik



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden