Klassenraum als vorbereitete Lernumgebung

Fallanalyse eines Merkmals guten Unterrichts nach Hilbert Meyer in einer siebten Klasse


Praktikumsbericht / -arbeit, 2017

14 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen - Vorbereitete Umgebung als Merkmal guten Unterrichts

3. Analyse der Praktikumssituation
3.1 Funktionsecken und Lernwerkzeug
3.2 Gute Ordnung

4. Reflexion

5. Unterrichtsprotokolle

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gestaltung von Unterrichtsräumen wird wohl häufig mit dem Primarstufenbereich assoziiert, wo bunte Wissensposter und Bastelarbeiten der Schülerinnen und Schüler die Wände zieren.

Richtungsweisende Pädagogen wie Hilbert Meyer verweisen in aktuellen Darlegungen jedoch auf die Komplexität der Thematik. Jene wurde auch mir erst im Zuge meines zweiwöchigen Praktikums in einer siebten Klasse (Förderschwerpunkt Sprache, Haupt- und Realschulniveau) bewusst.

Immer wieder prägten überraschende Details den Schulalltag. So fanden sich die Schüler etwa jeden Morgen am Frühstückstisch des Raumes zusammen und hörten jeweils einem Mitschüler beim Vorlesen eines wissenswerten Textes zu; entstanden während der Arbeit Papierreste, so holte stets einer der Schüler unaufgefordert den Papierkorb und sammelte diese still ein; jene unglaubliche Ruhe und Routine zeigte sich auch in Freiarbeitsphasen.

Schließlich erkannte ich bestimmte Anordnungen im Raum sowie dessen Gesamtgestaltung als Ursache jener Abläufe. Sie ermöglichte nicht nur effektives Lernen, sondern wirkte auch unterstützend bezüglich sozialer Belange. Diese Aspekte zu erforschen, wurde zu meinem Hauptanliegen.

In den folgenden Ausführungen soll die vorbereitete Lernumgebung als Merkmal guten Unterrichts nach Meyer zunächst theoretisch erläutert, sowie im Anschluss zu ausgewählten Indikatoren der Praxiserfahrung in Bezug gesetzt werden.

Folgende Thesen werden dabei bestärkend erörtert bzw. widerlegt:

1. Für eine angenehme Lernatmosphäre und das Sozialgefüge einer Lerngruppe ist es empfehlenswert, dass diese einen eigenen Klassenraum besitzt und in jenem möglichst viele Stunden pro Woche unterrichtet wird.
2. Funktionsecken ermöglichen selbstbestimmtes Lernen sowie soziale Interaktion und sollten in jedem Klassenraum vorzufinden sein.
3. Die Bereitstellung von Arbeitsmaterialien ist maßgebend für einen reibungslosen Unterrichtsablauf.

2. Theoretische Grundlagen - Vorbereitete Umgebung als Merkmal guten Unterrichts

Hilbert Meyer bietet in seinen Ausführungen „Was ist guter Unterricht?“ einen pädagogischen Leitfaden in Form von Ausarbeitung einiger Merkmale sowie deren Indikatoren. Als zehntes und letztes Merkmal wird die vorbereitete Umgebung beschrieben[1]. Zu jenem Bereich existieren nur wenige Forschungsergebnisse. Einige Studien setzen die Thematik in keinen relevanten Zusammenhang mit „gutem Unterricht“[2].

Meyer widmet sich dennoch der Problematik. Er definiert wie folgt:

„Klassen- und Fachräume sind „vorbereitete Umgebungen“, wenn sie eine gute Ordnung, eine funktionale Einrichtung und brauchbares Lernwerkzeug bereithalten, sodass Lehrer und Schüler den Raum zu ihrem Eigentum machen, eine effektive Raumregie praktizieren und erfolgreich arbeiten können.“[3]

Der Begriff „vorbereitete Umgebung“ wird dabei von Maria Montessori übernommen.[4]

„Er umfasst die architektonische Gestaltung eines […] Schulgebäudes ebenso wie die Ausstattung des […] Klassenzimmers. Die Gegenstände, die das Kind benötigt, um seinen Geist zu üben, gehören ebenso dazu wie die Ordnung und der gepflegte Zustand, in dem sich alles im Raum befinden soll. Und nicht zuletzt gehört die Lehr-person […] selbst dazu.“[5]

Dem zugrunde liegt vor allem Regelakzeptanz und die Identifikation der Schülerinnen und Schüler mit dem Lernort. „Eine Schule ist dann gut, wenn die […] Menschen nicht nur das Gefühl, sondern die tatsächliche Macht haben, über den Raum zu verfügen.“[6] Vorbereitete Umgebung ist also zunächst Produkt sozialer Interaktion, dem Erstellen und der Umsetzung bestimmter Werte und Normen. Weiterhin bietet sie in ihrer Existenz die Grundlage zur Verbesserung sozialer Fähigkeiten sowie effektivem Lernen.

Montessori beschreibt den Pädagogen als zentrale Figur der vorbereiteten Umgebung. Neben seiner Lehrfunktion muss er außerdem über ausreichend Kenntnisse verfügen, die Gestaltung den Bedürfnissen der Kinder anzupassen. Folglich stellt die Umgebung nichts Starres, Gleichbleibendes dar, sondern ist vielmehr hoch flexibel.[7] Dies soll an einem Beispiel verdeutlicht werden: Ist eine Unterrichtssequenz geplant, bei welcher der Lehrer oder einzelne Schüler Sachverhalte präsentieren und die Tafel bzw. ähnliche Medien verwenden, so erweist sich eine herkömmliche Anordnung der Tische in Reihen nach vorne gerichtet mitunter als sinnvoll. Starr darf dieses System jedoch keinesfalls sein, denn „bekommen die Schüler eine Aufgabe, die in Gruppenarbeit zu bewältigen ist – sie erzählen sich etwas, überlegen gemeinsam Argumente, formulieren Ratschläge oder arbeiten an einem Projekt – sollten sie so sitzen, dass sie die anderen sehen, miteinander leise reden und sich dabei gut verstehen können. Die optimale Sitzordnung sind in diesem Fall die so genannten Inseln.“[8] Gerade offene Unterrichtsformen fordern immer mehr Raum für Möglichkeiten in der Raumgestaltung.

Damit einher gehen die von Meyer beschriebenen „Funktionsecken“. Jene beinhalten einen eigenen Arbeitsplatz für jeden Schüler, weiterhin etwa eine Bühne bzw. Arena für Rundgespräche, szenische Interpretationen, eine Leseecke usw.[9] Die Bereiche sollten brauchbares Lernwerkzeug bereitstellen, täglich benötigte Materialien sind dabei schnell greifbar und werden von den Schülern pfleglich behandelt. Sie haben ihre festen Plätze, welche die Schüler kennen. Pinnwände präsentieren Arbeitsergebnisse der Klasse[10], was ebenfalls zur Identifikation mit dem Lernort führt.

Zusammenfassend dienen nach Meyer die drei Aspekte gute Ordnung, funktionale Einrichtung sowie brauchbares Lernwerkzeug als Grundlage der vorbereiteten Umgebung. Als Indikatoren nennt er zahlreiche Beispiele, wie etwa Regelakzeptanz, eine effektive Raumregie, gute Medien oder Ruhe- und Rückzugsräume. Als Resultat wird ein positiver Einfluss auf die Identifikation der Schüler mit dem Lernort, Anreize zum selbstorganisierten Lernen, die ästhetische Gestaltung des Unterrichtsprozesses sowie der Effektivierung des Lehr- und Lernprozesses angenommen.[11]

3. Analyse der Praktikumssituation

3.1 Funktionsecken und Lernwerkzeug

Die Anordnung der Schülerarbeitsplätze im Klassenraum ist traditionelle, in Reihen stehend zur Tafel gerichtet. Jeder Schüler verfügt dabei über einen eigenen Tisch. Da die Sitzordnung in jedem der im Klassenraum unterrichteten Fächer bestehen bleibt, können die Schüler ihren Platz tatsächlich als ihr „Revier“ wahrnehmen. Jenem Platz wird durch Materialkisten Individualität verliehen. Die Kiste trägt den Namen des Schülers, in seine Richtung zeigend ein Schild mit der Aufschrift „Schön, dass du da bist!“.

Der Inhalt der Materialkisten ist von der Klassenleiterin bereitgestellt und umfasst Materialien des täglichen Gebrauchs. So etwa Schere und Kleber, Locher, Taschenrechner, Haftnotizzettel, eine Erinnerungskarte mit dem persönlichen Sozialziel der Woche sowie eine kleine Brotdose für die im Deutsch- und Englischunterricht häufig verwendete Methode des Dosendiktats.

Die Schüler gehen pfleglich mit den Materialien um und nutzen sie ausschließlich zu Unterrichtszwecken und lassen sie stets in der Schule. Unter den Kisten liegen zwei Mappen. Die „Postmappe“ dient zur Aufrechterhaltung des Kontakts mit dem Elternhaus und beinhaltet Informationsschreiben an die Eltern bzw. Dokumente, welche einer Unterschrift bedürfen. Die andere Mappe beinhaltet im Unterricht begonnene, jedoch nicht fertiggestellte Arbeiten der Kinder. So können diese zu Hause beendet werden. Die Struktur scheint zwar sehr streng, gibt den Schülern jedoch eine hilfreiche Vorlage zur Organisation ihrer Arbeit; die tatsächliche Umsetzung liegt in ihrer Verantwortung.

Die zunächst veraltet anmutende Anordnung der Tische bietet vor allem in einer Klasse, welche viele Schüler mit dem Förderschwerpunkt emotionale soziale Entwicklung besuchen den großen Vorteil, die fokussierte Konzentration auf das Geschehen an der Tafel bzw. die eigenen Aufgaben zu lenken. Fordern offene Unterrichtsformen jedoch gemeinsames Arbeiten, so lassen sich die kleinen Tische problemlos umstellen. Weiterhin bietet der Klassenraum mit zusätzlichen Tischen gute Möglichkeiten für Lerninseln. Haben sich Schüler in Gruppen zusammengefunden, so können sie selbstständig einen Platz im Raum wählen; entweder an den großen Tischen unter der Pinnwand oder dem Frühstückstisch. (Jene großzügige Nutzung des Raums wird vor allem dadurch ermöglicht, dass lediglich zehn Schülerinnen und Schüler die Klasse besuchen.)

Der Frühstückstisch bildet weiterhin den sozialen Mittelpunkt im Schulalltag. Jeden Morgen begeht die Klasse dort zusammen das Frühstück. Im täglichen Wechsel liest ein anderer Schüler einen kurzen wissenswerten Text aus dem, von der Klassenleiterin bereitgestellten Tageskalender, vor. Gleichzeitig wird sich an dieser Stelle über das Wochenende ausgetauscht, gemeinsame Aktivitäten geplant usw. Dass diese Runde mittlerweile weder der Teilhabe noch der Aufforderung einer Lehrperson bedarf, vermittelt die Selbstständigkeit der Schüler sowie deren Nachfrage an einer solchen Art des sozialen Zusammenkommens.

[...]


[1] Meyer, Hilbert: Was ist guter Unterricht?, 9. Auflage 2013, Cornelsen Schulverlage GmbH, Berlin, S. 120 ff.

[2] Vgl. Meyer: Was ist guter Unterricht?, S. 120

[3] Meyer: Was ist guter Unterricht?, S. 121

[4] Vgl. ebenda

[5] Die vorbereitete Lernumgebung: http://www.montessoribayern.de/landesverband/paedagogik/die-paedagogik-ihre-bereiche/die-vorbereitete-umgebung.html, letzter Zugriff: 22.04.2017

[6] ebenda

[7] Die vorbereitete Umgebung: http://www.montessoribayern.de/landesverband/paedagogik/die-paedagogik-ihre-bereiche/die-vorbereitete-umgebung.html, letzter Zugriff: 22.04.17

[8] Ewa Dorota Ostaszewska: Ratgeber zur Gestaltung von Klassenräumen. Hrsg.: Goethe-Institut Warschau, https://www.goethe.de/resources/files/pdf81/Ratgeber_Raumgestaltung_DE.pdf, letzter Zugriff: 22.04.17

[9] Vgl. Meyer: Was ist guter Unterricht?, S. 121

[10] Vgl. ebenda, S. 124

[11] Vgl. ebenda, S. 122

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Klassenraum als vorbereitete Lernumgebung
Untertitel
Fallanalyse eines Merkmals guten Unterrichts nach Hilbert Meyer in einer siebten Klasse
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,0
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V435291
ISBN (eBook)
9783668764132
ISBN (Buch)
9783668764149
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
klassenraum, lernumgebung, fallanalyse, merkmals, unterrichts, hilbert, meyer, klasse
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Klassenraum als vorbereitete Lernumgebung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435291

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