Kommerz vs. Tradition? Wie sich die gesellschaftlichen Funktionen des Fußballs verändern

Am Fallbeispiel RasenBallsport Leipzig e.V.


Bachelorarbeit, 2018

69 Seiten, Note: 1,3


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Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen
2.1 Strukturfunktionalismus Talcott Parsons
2.2 Gesellschaftliche Funktionen des Fußballs
2.3 Kommerzialisierung
2.4 Auswirkungen der Kommerzialisierung

3. Fallbeispiel RasenBallsport Leipzig e.V
3.1 Die Entstehung eines neuen Vereins
3.2 RasenBallsport Leipzig und die Kommerzialisierung
3.3 Gesellschaftliche Bedeutung des RasenBallsport Leipzig.

4. Schluss

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Das Geschäft Fußball boomt. Spätestens seit dem Transfer von Neymar für 222 Mio. € vom FC Barcelona zu Paris-Saint-Germain ist klar geworden, dass im Fußball mit gewaltigen Summen gehandelt wird. Immer mehr Oligarchen, Scheichs und Konzerne werden mit ihren Investitionen im Fußball aktiv und machen bis dato erfolglose Vereine zu Titelanwärtern für Meisterschaft und Champions League. Manchester City, Paris-Saint-Germain oder Chelsea zeigten in den vergangenen Jahren, dass Geld doch Tore schießt und man somit Titel kaufen kann. Dafür sparen die finanzstarken Investoren hinter den Vereinen keine Kosten und Mühen, um einen Verein zu einem der besten Europas zu machen. Mittlerweile sind dadurch Transfersummen im dreistelligen Millionenbereich und Spielergehälter von mehreren hunderttausend Euro pro Woche zu keiner Seltenheit mehr geworden. Es scheint so, dass Fußball zunehmend vom Geld regiert wird. Das Phänomen der Kommerzialisierung ist im Fußball aufgetaucht.

Dabei ist Fußball die beliebteste Sportart in Europa, die Woche für Woche Millionen von Menschen begeistert. Dementsprechend ist Fußball für die Gesellschaft ein wichtiger Bestandteil geworden, wodurch Fußballvereine in der Verantwortung stehen, im Sinne des Gemeinwohls zu handeln. Schließlich ist Fußball nicht nur Sport und Geschäft, sondern vielmehr eine soziale Institution, die gesellschaftliche Funktionen erfüllt. Dazumal sich Menschen mit Vereinen identifizieren und diese teilweise sogar zu ihrem Lebensmittelpunkt machen. Hierbei kann die Sportart Brücken zu Gemeinschaften aus anderen Regionen oder Ländern schlagen, da die gemeinsame Leidenschaft zum Spiel die Menschen miteinander verbindet.

Fußball ist demnach sowohl gemeinnützig als auch kommerziell. Ein Widerspruch bahnt sich an, denn kann ein Verein, der versucht seine Gewinne zu maximieren gleichzeitig auch im selben Maße seiner gesellschaftlichen Verantwortung nachgehen? Letztendlich ist soziales Engagement aus ökonomischer Sicht nicht wirklich profitabel, wozu also diesem nachgehen, wenn anderswo im Fußball das große Geld verdient werden kann. Veränderungen im Fußball können sich somit auf die Gesellschaft auswirken, weshalb diese Bachelorarbeit der Frage nachgehen wird: wie wirkt sich die Kommerzialisierung im Fußball auf dessen gesellschaftliche Funktionen aus?

Für die Beantwortung der Leitfrage soll als Fallbeispiel RasenBallsport Leipzig empirisch untersucht werden, da mit seiner Gründung 2009 die Kommerzialisierung des Fußballs zu einem zentralen Diskussionsthema bei Fans, Medien und Vereinsvorständen geworden ist. Bei jedem seiner Spiele ist der Verein mit Beschimpfungen und teilweise Gewalt konfrontiert, da RB Leipzig als Sinnbild für Kommerz wahrgenommen wird. Dabei ist spätestens seit der erfolgreichen Saison 2016/17 und dem hieraus resultierenden Erreichen der Champions League klar geworden, dass sich RB Leipzig langfristig in der Bundesliga und im internationalen Wettbewerb etablieren wird. Dementsprechend ist es relevant, zu untersuchen, inwiefern ein solcher Kommerzieller Verein seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht wird. Die Untersuchung der Strukturen des Vereins könnte demnach aufschlussreiche Antworten für die Beantwortung der Leitfrage liefern.

Generell ist der Verein bisher wenig wissenschaftlich untersucht wurden. So ermittelte Eduard Frantz (2016) in seiner Studie den Public Value des RB Leipzig. Dieser gibt an, ob eine Organisation dem Gemeinwohl dienlich ist. Dabei konnte herausgefunden werden, dass RB Leipzig für die Region sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich bedeutend ist. Der Verein spricht besonders die Ost-Identität an. Gerade im Fußball haben ostdeutsche Menschen oft das Gefühl hinterher zu hängen, weshalb der Erfolg RB Leipzig das Selbstbewusstsein der Menschen im Osten stärkt. Auch konnte festgestellt werden, dass der Verein sich stets offen zeigt und damit vor allem eine familienfreundliche und gewaltfreie Atmosphäre im Stadion fördert (vgl. Frantz, 2016). Ebenfalls konnte eine Studie der SLC Management GmbH (2017) aufzeigen, dass RB Leipzig von den Deutschen zunehmend sympathischer wahrgenommen wird. So empfinden 64,4 % der Befragten den Verein als normalen und leistungsstarken Bundesligisten während sogar 75,3 % RB Leipzig als Bereicherung für die Bundesliga sehen (vgl. rp-online, 2017). Interessante Ergebnisse im Bezug zur Kommerzialisierung brachte die Studie des FC Play Fair (2017). Diese fand heraus, dass die Kommerzialisierung die Anhänger der Bundesligisten größtenteils kritisch bewerten. Dabei zeigte sich jedoch, dass besonders Fans von sogenannten Plastikvereinen, wie Bayer Leverkusen oder RB Leipzig, die Kommerzialisierung nicht so negativ bewerten, wie Anhänger von Traditionsvereinen. 83,2 % der befragten RB Fans sind sogar der Meinung, dass eine Vermarktung im Verein notwendig ist (Vogt, 2017). Diese Bachelorarbeit grenzt sich dahingehend von der bisherigen Forschung ab, dass die tatsächlichen Auswirkungen der Kommerzialisierung untersucht werden. Dafür werden sicherlich einige Forschungsergebnisse genutzt, jedoch werden diese in einen für die Beantwortung der Leitfrage passenden Kontext gesetzt. Zusätzlich werden auch die Einnahmen des Vereins analysiert, um den kommerziellen Umfang des Vereins zu ermitteln.

Die Bachelorarbeit ist folgendermaßen aufgebaut: zunächst sollen die gesellschaftlichen Funktionen unter Hinzunehmen des Strukturfunktionalismus von Talcott Parsons für den Fußball definiert werden, damit im darauf folgendem Kapitel anhand dieser die gesellschaftlichen Dimensionen des Fußballs konstruiert werden können. Das anschließende Kapitel definiert das Phänomen der Kommerzialisierung genauer. Dabei werden Dimensionen der Kommerzialisierung erstellt, die aufzeigen, wo im Bereich Fußball kommerziell gehandelt wird. Die konstruierten Dimensionen sollen dann miteinander verbunden werden. Dafür werden theoretische Überlegungen über mögliche Wirkungen der kommerziellen Dimension auf die gesellschaftlichen Dimensionen angestellt. Im Anschluss wird das Fallbeispiel RasenBallsport Leipzig anhand der theoretischen Dimensionen analysiert, um die Auswirkungen der Kommerzialisierung in der Realität zu untersuchen. Hierbei wird auch auf die Entstehungsgeschichte RB‘s eingegangen, damit der besondere Stellenwert des Vereins im deutschen Fußball ersichtlich wird. Abgeschlossen wird die Arbeit mit einem Schlusskapitel, welches die Kernergebnisse diskutiert und somit die Leitfrage schlussendlich beantwortet.

2. Theoretischer Rahmen

2.1 Strukturfunktionalismus Talcott Parsons

Zur Ermittlung der gesellschaftlichen Funktionen des Fußballs soll der Strukturfunktionalismus von Talcott Parsons als Grundlage dienen, denn Parsons geht mit seiner Theorie der Frage nach, was eine Gesellschaft zusammenhält. Seine Grundannahme ist, dass die Welt aus mehreren Systemen besteht, die in stetiger Wechselbeziehung zueinander existieren. Demnach kategorisiert Parsons die Lebenswelt in vier Systeme mit jeweiligen Subsystemen. Unter den Begriff System werden Phänomene verstanden, die sich von der Umwelt durch eigene Strukturen abgrenzen, aber dennoch im wechselseitigen Austausch zur Umwelt und anderen Systemen stehen. Hierbei beschreibt die Struktur wesentliche konstante Merkmale, welche das langfristige Funktionieren des Systems gewährleisten (vgl. Parsons, 1976). So beschreibt das physikalisch-chemische System alle anorganischen Systeme, derweil beinhaltet das biologische System die Gesamtheit der lebenden Organismen. Nicht-empirisch belegbare übernatürliche Realitäten - Beispielsweise die Existenz von Himmel und Hölle - werden von dem telischen System erfasst. Das für die Thematik relevante System von den Vier ist das Handlungssystem, da dieses durch soziales Handeln von Menschen erzeugt und aufrechterhalten wird. Es befasst sich also mit den gesellschaftlichen Prozessen der Welt. Jenes ist untergliedert in weitere Subsysteme: sozial, kulturell, Persönlichkeit und Verhaltensorganismus. Die Gesellschaft betrachtet Parsons dabei als ein Typ von Sozialsystem mit dem höchsten Grad an Selbständigkeit (vgl. Parsons, 2003). Betrachtet man den Fußball als ein System ist er, wie die Gesellschaft, ein Sozialsystem. In einem Fußballstadion lassen sich unter anderem alle gesellschaftlichen Schichten, Religionen und Altersgruppen wiederfinden, weshalb der Fußball oft als Spiegelbild der Gesellschaft bezeichnet wird (vgl. Winands, 2016). Dementsprechend wird im weiteren Verlauf nur das Sozialsystem behandelt.

Damit ein Handlungssystem respektive ein Sozialsystem bestehen bleibt, muss es vier Grundfunktionen erfüllen: Adaption, Zielverwirklichung, Integration und Normerhaltung (vgl Parsons, 2003). Diese Funktionen geben wiederum die Struktur des Systems vor und grenzen die Systeme somit funktional voneinander ab (vgl. Morel, 2007; Parsons, 2003). Unter Funktion allgemein ist „die Wirkung eines sozialen Elements, das einen Beitrag zur Verwirklichung eines bestimmten Systemzustands und zur Erhaltung und Integration eines sozialen Systems leistet“ zu verstehen (Hurrelmann S. 41). Wenn also von gesellschaftlichen Funktionen des Fußballs geschrieben wird, sind damit diejenigen Funktionen gemeint, die das Gesamtsystem Fußball stabilisieren und die Integration in das System fördern.

Die Funktion Normerhaltung hat die Aufgabe die Struktur des Systems durch Erziehung und Sozialisation zu kontrollieren und zu erhalten. Die dazugehörige Komponente wird unter dem Begriff Werte erfasst. Damit sind die Vorstellungen gemeint, die von der gesellschaftlichen Mehrheit als erstrebenswert und richtig angesehen werden und somit das Leben in der Gruppe angenehm machen. Ein Beispiel dafür ist Respekt gegenüber Mitmenschen (vgl. Parsons, 2003). Schließlich besteht eine Gesellschaft aus einer Vielzahl von Menschen mit ihren jeweiligen subjektive Überzeugungen und Persönlichkeitsmerkmalen, die unter anderem religiös, ideologisch oder kulturell geprägt sein können. Werte vermittelnde Prozesse, wie beispielsweise Erziehung, sollen diese Diversität zu einem funktionierenden System verknüpfen, indem den Individuen eine gemeinsame Idee für das gesellschaftliche Zusammenleben beigebracht wird (vgl. Parsons, 1976). Die Individuen sollen die Werte verinnerlichen und verpflichten sich somit zur Einhaltung dieser. Dabei ist diese Wertverpflichtung mit einer großen finanziellen Unabhängigkeit und der Erfüllung von sozialen und umweltlichen Herausforderungen gekennzeichnet. Die Erfüllung der Werte ist dabei nicht verbindlich, sondern eine Frage der Ehre und des Gewissens, jedoch wird die Verletzung der Pflicht als inakzeptabel angesehen (vgl. Parsons, 2003).

Die gesellschaftlichen Normen sind sozusagen die konkrete Umsetzung der Werte, indem sie Verhaltensregeln des Zusammenlebens auf Basis der Werte festlegen und somit die Funktion der Integration erfüllen. Integration soll die Menschen in das System einbeziehen, also die Fähigkeiten des Einzelnen erkennen und diese wiederum im Sinne des Systems nutzen (vgl. Parsons, 1976). Normen definieren, welche Verhaltensweisen in bestimmten Situationen angemessen sind und erwartet werden. Diese Normen entstehen aus einem Konsens darüber, was erlaubt und was verboten ist, und sind z. B. in Form von Gesetzen festgehalten. Sie sollen, so Parsons, zur Loyalität gegenüber der gesellschaftlichen Gesamtheit als auch der eigenen Mitgliedschaft zur Gesellschaft inklusive der innehabenden Rollen und Stellungen verpflichten und somit zum Erhalt von Werten beitragen (vgl. Parsons, 2003). Hierbei meint der Begriff Loyalität „die Bereitschaft auf angemessene gerechtfertigte Appelle im Namen des Kollektives oder des öffentlichen Interesses oder Bedarfs zu reagieren“ (Parson, 2003 S. 22). Während also Werte die einzelnen Individuen durch eine gemeinsame Vorstellung grundsätzlich miteinander verbinden, geben Normen die Regeln zum Interagieren vor.

Die Funktion der Zielverwirklichung formuliert im Einverständnis aller Gruppenmitglieder und unter realisierbaren Bedingungen ein zu erreichendes Ziel. Die Kollektivität ist dabei die entscheidende Strukturkomponente. Die Mitgliedschaft im Kollektiv ist durch das Erfüllen von gesellschaftlich wichtigen Aufgaben gekennzeichnet. Dafür muss das Sozialsystem die Persönlichkeiten der jeweiligen Individuen so motivieren, dass sie bereit sind einen Beitrag zum Erreichen der Ziele zu leisten. Eine Möglichkeit ist das Androhen und Durchsetzen von Sanktionen, die die Mitglieder des Kollektivs an das Einhalten ihrer Pflichten erinnern sollen und Nichterfüllung bestrafen (vgl. Parsons, 1976).

Die letzte Funktion eines Sozialsystems Adaption meint die Anpassung des Systems an die Umwelt. Es berücksichtigt die zur Verfügung stehenden Ressourcen im Handlungsverlauf und erzeugt die erfordernden Mittel zur Zielverwirklichung. Dafür ist ein kommunikativer Austausch mit der Umwelt und anderen Systemen nötig. Damit die Kommunikation effizient und reibungslos läuft, handeln die Individuen in Rollen, eine weitere Strukturkomponente von Sozialsystemen. An diese Rollen sind spezifische Verhaltenserwartungen vom Inhaber der Rolle als auch von außenstehenden Personen geknüpft, die die Interaktionen zwischen den Rolleninhabern bestimmen. Das Handeln in Rollen wirkt dann stabilisierend, wenn die jeweiligen Erwartungen an diese Rollen weitestgehend übereinstimmen (vgl. ebenda).

Jedes Sozialsystem muss also für dessen Erhalt vier grundlegende Funktionen erfüllen. Die Funktion der Strukturerhaltung verbindet die Menschen miteinander, indem durch Werte eine grundlegende Idee des Zusammenlebens beigebracht wird. Auf Basis der Werte werden Normen erstellt, welche die Interaktionen der Individuen reguliert und diese dadurch in das Gesamtsystem integriert. Die Funktionen Strukturerhaltung und Integration bilden sozusagen die Basis für das gesellschaftliche Zusammenleben. Die Zielverwirklichung soll nun den Menschen ein gemeinsames Ziel vorgeben, welches es zu erreichen gilt. Dadurch wird das Handeln bestimmt, da für das Erreichen eines Zieles Ressourcen benötigt werden, die zunächst einmal erstellt werden müssen. Die Adaptionsfunktion geht dem nach. Der Mensch nimmt spezifische Rollen an, die die Kommunikation zwischen den Systemen ermöglichen und vereinfachen. Dabei werden die Rollen so gestaltet, dass sie die erforderlichen Ressourcen zur Zielverwirklichung erstellen können, wodurch die einzelnen Systeme dahingehend angepasst werden. Auf Grundlage des Strukturfunktionalismus sollen nun die gesellschaftlichen Funktionen des Fußballs ermittelt werden.

2.2 Gesellschaftliche Funktionen des Fußballs

Aus den Grundfunktionen von Sozialsystemen sollen Dimensionen konstruiert werden, die die gesellschaftlichen Funktionen des Fußballs wiederspiegeln. Dabei wird der Begriff Dimension als Sammelbegriff für verschiedene Faktoren verwendet, der die gemeinsamen Eigenschaften zusammenfasst. Die Dimensionen sollen demnach das gesellschaftliche Ausmaß des Fußballs aufzeigen, weshalb die Auswirkungen der Kommerzialisierung auf die gesellschaftliche Funktion des Fußballs anhand von Veränderungen der Dimensionen ersichtlich werden.

Zunächst einmal besitzt der Fußball auf Grund seiner großen gesellschaftlichen Reichweite die Möglichkeit, Gemeinschaft zu bilden und zu fördern. Zumal sich in einem Fußballstadion Vertreter aller Klassen einer Gesellschaft wiederfinden. Schäfer und Roose haben in ihrer Studie Gemeinschaft anhand von drei Eigenschaften charakterisiert. Zunächst zeichnet sich eine Gemeinschaft durch ein subjektiv empfundenes Zugehörigkeitsgefühl und einer gemeinsamen Identität aus. Die einzelnen Personen identifizieren sich mit der Gruppe und fühlen sich als Teil eines Ganzen. Weiterhin ist eine Gemeinschaft durch Interaktionen verbunden. Die Individuen interagieren gruppenspezifisch und meist emotional und affektiv miteinander. Eine Gemeinschaft kann das Handeln der Mitglieder dahingehend beeinflussen, dass das Wohl der eigenen Gruppe an erster Stelle steht (vgl. Schäfer). Die Funktion der Strukturerhaltung spiegelt sich also in der Bildung von Gemeinschaft wieder, da die geteilte Leidenschaft zum Fußball und die dazugehörigen Werte die einzelnen Menschen miteinander verbinden. Die relevanten Werte ergeben sich aus den Charakteristiken des Fußballs.

Durch die große mediale Präsenz des Fußballs, wird diesem eine aufklärerische Möglichkeit dargeboten. Speziell Fremdenfeindlichkeit, Homosexualität, Extremismus und Rassismus sind gegenwertig zentrale Themen mit denen sich der Fußball auseinandersetzt. (vgl. Winands, 2016). Ein Beispiel dafür ist die „Nein zu Rassismus“- Kampagne der UEFA. Hierbei unterstützt die UEFA vor allem finanziell die Football Against Racism in Europe (FARE) Organisation, die durch diverse Veranstaltungen, wie Workshops, Fußballturniere und Diskussionsgruppen, die Öffentlichkeit für das Thema Rassismus und Diskriminierung sensibilisiert (vgl. UEFA). Daher hat Fußball die Möglichkeit Werte, wie Toleranz und Akzeptanz gegenüber Menschen, die eine andere Sexualität oder Herkunft haben, zu vermitteln. Ebenfalls werden Werte, wie Teamgeist, Disziplin, Fairness und Kooperation, im menschlichen Zusammenleben gefestigt, da Fußball ein Mannschaftssport ist und der Erfolg abhängig vom Zusammenwirken der Einzelnen ist. Auch das Leistungsprinzip, also die Auffassung in einer Gesellschaft, dass Qualität und Umfang von Leistung sich in sozialen und materiellen Chancen wiederspiegelt, wird gestärkt (vgl. Rahmann, 1998). Schließlich ist Fußball auch ein Leistungssport, wo die Leistung des Einzelnen mit enormen finanziellen Mitteln vergütet wird und eine erfolgreiche Saison mit sozialem Ansehen verknüpft ist. So verdienen beispielsweise Spieler, wie Lionel Messi, Neymar oder Cristiano Ronaldo jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag und werden von zahlreichen Zuschauern für ihre Leistungen auf den Platz bewundert.

Unter dem Hinzunehmen der Theorie der sozialen Identität wird deutlich, dass diese Vergemeinschaftung gleichzeitig zu einer Abgrenzung von anderen Gemeinschaften führt. Aufgrund der Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe bildet das Individuum eine soziale Identität aus. Im Intergruppen-Vergleich wird die andere Gruppe verbal und non-verbal abgewertet und die eigene Gruppe als wertvoller angesehen, welches eine Selbstwertsteigerung zur Folge hat (vgl. Mummendey 1984). Dieses birgt ein enormes Konfliktpotenzial zwischen Fußballfans verschiedener Vereine. Schließlich hat sich der Fußball dahingehend entwickelt, dass Sieg oder Niederlage über die Zukunft eines Vereines entscheiden können, was die emotionale Bindung zum Verein, aber auch die Abgrenzung von anderen Fanlagern, stärkt.

Die Arbeit von Fanprojekten soll dieser Entwicklung entgegen wirken. Durch Präventivmaßnahmen zur Eindämmung von Gewalt und Abbau von Diskriminierung oder zur Steigerung des Selbstwertgefühls und Verhaltenssicherheit, aber auch durch Integrationsarbeit mit Migranten soll das Konfliktpotenzial verringert werden (vgl. Winands, 2016). Dabei sind Fanprojekte stets finanziell und materiell unabhängig von den Vereinen, da die Fanprojekte ebenfalls einen öffentlichen Gegenpol zum Verein darstellen sollen, um kritische Diskussionen über diesen zu ermöglichen. Sie sollen ein Sprachrohr für die Fans sein, um etwaige Anliegen dem Verein mitteilen zu können (vgl. Fanprojekt-Leipzig, Outlaw-ggmbH).

Weiterhin kann ein Verein selber durch soziales Engagement in Form von Camps, Workshops oder Arbeit mit Migranten dem Konfliktpotenzial entgegenwirken. Denn Fußball trägt auch zur internationalen Verständigung bei. Schließlich besteht jede Fußballmannschaft aus einer Vielzahl von Menschen unterschiedlichster Nationalität. Die Verpflichtung eines Spielers oder Trainers beruht ausschließlich auf dessen Leistung, weshalb Nationalität, Religion oder Sexualität keinen Einfluss auf die Verpflichtung bzw. auf das Handeln innerhalb des Fußballs haben, weshalb der Fußball dahingehend als Vorbild betrachtet werden kann (vgl. Rahmann, 1998).

Ein Fußballverein kann also als Basis für die Bildung von Gemeinschaft dienen. Aus den Merkmalen des Fußballs ergeben sich Werte, die die Gemeinschaft zusammenhält und durch soziales Engagement von Verein und Fans auch umgesetzt werden. Es werden demnach die Funktionen Strukturerhaltung und Integration erfüllt, woraus sich die Dimension „Gemeinschaft“ erschließt.

Eine weitere gesellschaftliche Dimension des Fußballs erschließt sich, wenn man Veränderungen in der Gesellschaft betrachtet. Die verstärkte Kommerzialisierung im Sport ist eine Konsequenz und Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels. Nach Gerhard Schulze (2013) hat sich unsere Gesellschaft zu einer sogenannten Erlebnisgesellschaft entwickelt. Dieser Wandel wird durch eine Vielzahl an Ursachen begründet. Zu einem ist die durchschnittliche Jahresarbeitszeit seit den 1950er Jahren bis 2017 von 2100 Stunden auf ca. 1700 Stunden gesunken, was im Umkehrschluss bedeutet, dass mehr Freizeit freigesetzt wurde. Zugleich sind die Vermögen der privaten Haushalte durch gestiegene Einkommen und dem Eintreten der Frau in den Arbeitsmarkt gewachsen, was zu einem flächendeckenden materiellen Wohlstand führte (vgl. Schildt, 2002). Der Wohlstand zeichnet sich besonders dadurch aus, dass die Sicherung des Lebensunterhaltes durch die zusätzlichen finanziellen Mittel garantiert ist und nun Geld für andere Zwecke zur Verfügung steht. Dieses Geld wird aus folgendem Grund hauptsächlich für die Freizeitgestaltung verwendet. Während in der Vergangenheit der Lebenssinn in der Arbeit gesucht wurde und demnach die Freizeit zur Regeneration der Arbeitskraft genutzt wurde, ist momentan die Freizeitgestaltung ein zentraler Lebensinhalt (vgl. Schulze, 2013). Das liegt daran, dass sich die Wertvorstellungen gewandelt haben. Wohlbefinden, Lebensgenuss und Spaß haben einen stärkeren Einfluss auf die Lebensführung als Karriere und Leistung. d. h. in unserer Freizeit ist das Erleben zu einem zentralen Motiv geworden (vgl. Digel, 1986). Dabei werden Erlebnisse nicht von außen gemacht, die das Individuum dann empfängt, sondern das Individuum erschafft selbst das Erlebnis, indem die äußeren Eindrücke verarbeitet werden. Die Verarbeitung eines Erlebnisses ist bestimmt von drei Faktoren: Subjektbestimmtheit, Reflexion, Unwillkürlichkeit (vgl. Schulze, 2013).

Subjektbestimmtheit verdeutlicht, wie jedes Individuum ein Ereignis in einem subjektiven Kontext wahrnimmt und daraus für sich ein Erlebnis konstruiert. Hierbei ist das Ereignis von einer Unwillkürlichkeit geprägt. Die Situation in der ein erlebbares Ereignis auftreten kann, kann nie vollständig kontrollierbar sein. Ebenso wenig der innere Zustand in dem der Mensch auf das Ereignis trifft. Erst in einem Reflexionsprozess eignet sich das Individuum das Ereignis zu einem Erlebnis an, indem es sich selbst und die Situation betrachtet und sich über die ausgelösten Gefühle bewusst wird (vgl. Schulze, 2013).

Das Beispiel Fußball soll die Verarbeitung eines Erlebnisses verständlicher machen. Ein Fußballspiel ist wegen seines Aufbaus optimal für das Schaffen von Erlebnissen. In einem geregelten Wettkampf treten zwei Mannschaften gegeneinander an. Verlauf und Ergebnis des Spiels sind zu Beginn immer offen und schwer vorhersagbar, weshalb ein großes Spannungs- und Unterhaltungspotenzial besteht. Hinzu kommt die räumliche, zeitliche und personelle Begrenzung, welches das Geschehen auf dem Platz für jeden leicht beobachtbar und nachvollziehbar macht. Das enorme Identifikationspotenzial mit dem Verein führt zu einer emotionalen Bindung zum Spielgeschehen, welches für das Erleben von Spannung unabdingbar ist (vgl. Riedel, 2016). Nun tritt das Ereignis Tor ein, welches man zwar anhand des Spielverlaufs vorhersehen hätte können, jedoch ist das tatsächliche Eintreten und die Art und Weise des Tores unwillkürlich. Jeder Einzelne im Stadion nimmt dieses Tor subjektiv wahr. Einige werden unmittelbar jubeln und andere werden sich ärgern, je nachdem in welchen Kontext das Spiel betrachtet wird. In der Reflexion bewertet der Zuschauer die ausgelösten Emotionen und stellt fest, dass das Tor, wenn es beispielsweise das Siegtor war, ein positives Erlebnis darstellt, während ein anderer Zuschauer die aus dem Tor resultierende Niederlage als ein negatives Erlebnis wahrnimmt. Fußball eignet sich also gut, um Erlebnisse zu schaffen. Die Zuschauer verfolgen daher Fußball, um ihr Bedürfnis nach Erlebnissen zu stillen und geben somit dem Fußball bzw. dem Verein das Ziel vor, für die verlangte Unterhaltung zu sorgen, die Erlebnisse ermöglicht. Die Funktion der Zielverwirklichung wird angesprochen.

Erfüllt werden soll dieses Ziel durch das Handeln in Rollen, also der Adaptionsfunktion des Systems Fußball. Zuschauer, Verein, Medien und Wirtschaftsunternehmen sind für die Stabilität des Fußballs die vier wichtigsten Rollengruppen, da diese vier Gruppen den erzeugten sportlichen Output verwerten. Die Zuschauer konsumieren die erbrachte Leistung der Veranstaltung. Die Medien nutzen den Output als Inputfaktor für ihre eigene Leistungserstellung. Für Sponsoren und Lizenznehmer hat der Output eine kommunikationspolitische Verwendung. Am Zusammenspiel zwischen den Nachfragegruppen wird das grundlegende Vermarktungssytem des sportlichen Outputs ersichtlich. Die Medien nehmen dabei eine doppelte Rolle an. Zum einen agieren sie als Sponsor des Sports, indem sie die Übertragungsrechte der Sportveranstaltung kaufen und somit die Veranstaltung in die breite Öffentlichkeit bringen. Zugleich bieten sie damit für Unternehmen auch die Möglichkeit einem breiten Publikum Werbeinhalte zu vermitteln, wodurch die Sportveranstaltung für Unternehmen überhaupt erst interessant wird. Denn für die Unternehmen ist nicht der Sport, sondern der Zuschauer als potenzieller Kunde von Bedeutung. Die Zuschauer hingegen sind nicht an den Werbeinhalten interessiert, sondern richten ihre Aufmerksamkeit auf Spannung und Unterhaltung. Sie sind somit auch ein Parameter für Medien und Unternehmen. Die Einschaltquoten bestimmen schließlich, wie viel Geld die Medien in die Übertragungsrechte investieren bzw. wie viel dann wiederum die Unternehmen in ihre Werbeinhalte investieren. Die Medien vermitteln die gesuchte Unterhaltung, aber gleichzeitig auch Werbeinhalte von Sponsoren, um sich selber finanzieren zu können. Der Verein als Träger der Sportart ist primär daran interessiert dem Zuschauer positive Erlebnisse zu bieten, indem eine erfolgreiche Mannschaft geschaffen wird. Schließlich bringt Erfolg im Fußball eine Vielzahl von positiven Erlebnissen hervor. Dafür braucht der Verein finanzielle Mittel, da die Wettkampfkosten in den letzten Jahrzehnten gestiegen sind (vgl. Babin 1995).

Die Kosten für Transfers sind im Bereich Fußball enorm gestiegen, wodurch die Vereine für den Erhalt ihrer Wettbewerbsfähigkeit zunehmend sämtliches ökonomisches Potenzial ausschöpfen müssen (vgl. Andresen 1993). Speziell das Bosman-Urteil von 1995 hat diese Entwicklung verstärkt. Seit diesem Urteil dürfen Profispieler nach Ablauf ihres Vertrages ablösefrei und nicht wie zuvor erst nach einer gezahlten Ablösesumme zu einem anderen Verein wechseln. Um die besten Spieler im Verein zu halten, wird auf die hohen Gehaltsforderungen der Spieler eingegangen, weil sonst der Spieler nach Ablauf des Vertrages ablösefrei zur Konkurrenz wechseln kann. Ebenso werden hohe Ablösesummen vertraglich festgelegt, damit der Verein bei vorzeitiger Trennung von dem Spieler zumindest finanziell profitiert (vgl. Kicker, 2015). Weiterhin variieren die Fernsehgelder zwischen den Ligen. So ist der TV-Deal mit der englischen Premier League für die Übertragungsrechte von 2019-2022 mit über 5 Mrd. Pfund der teuerste im Fußball, welcher sich auf den Transfermarkt auswirkt. Englische Vereine sind dadurch finanziell besser gestellt als die Konkurrenz in den anderen europäischen Ligen und können somit für Transfers und Spielergehälter mehr zahlen. Vereine aus anderen Ligen nutzen diese Finanzkraft der englischen Clubs und fordern dementsprechend hohe Ablösesummen, welche in den meisten Fällen auch gezahlt werden. Zwar bekommen dann die Vereine eine hohe Ablösesumme, aber sie verlieren dadurch gleichzeitig ihre Leistungsträger an die englische Konkurrenz (vgl. Kicker, 2017a). Die Bundesliga ist der Gefahr ausgesetzt, die guten Spieler zu verlieren, was sich auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Vereine niederschlägt und somit auch auf die Attraktivität der Bundesliga für ausländische Spieler und Investoren. Um mithalten zu können, müssen Bundesligisten die im Vergleich niedrigeren TV-Einnahmen durch zusätzliche Maßnahmen kompensieren, wodurch die Kommerzialisierung des Fußballs in Deutschland vorangetrieben wird.

Aus einem gesellschaftlichen Wandel heraus entsteht das Verlangen nach Erlebnissen bei den Zuschauern. In ihrem wechselseitigen Austausch erzeugen Verein, Medien und Unternehmen die Mittel, um eine erfolgreiche Mannschaft auf dem Platz stellen zu können, welche die Zuschauer möglichst gut unterhalten soll. Dabei passt sich der finanzielle Input seitens der Medien und Unternehmen an die Zuschauerzahlen an. Der Verein passt sich den Wettbewerbsbedingungen an und muss deshalb zusätzliche Mittel erwirtschaften. Durch das Handeln in Rollen interagieren Verein, Medien, Unternehmen und Zuschauer miteinander, um die benötigten Ressourcen zu beschaffen. Medien und Wirtschaftsunternehmen investieren in die Vereine, damit diese ihren sportlichen Output erstellen können. Medien bringen den Sport in die breite Öffentlichkeit, wodurch auch außerhalb des Stadions der Fußball erlebt werden kann. Schlussendlich konsumieren die Zuschauer den sportlichen Output und finanzieren dadurch Verein, Medien und Unternehmen, weshalb diese drei Rollengruppen ein großes Interesse daran haben, den Zuschauer zufrieden zu stellen. Die zwei Funktionen des Systems Fußballs Adaption und Zielverwirklichung konstruieren folglich die Dimension „Erlebnisfußball“.

Eine weitere gesellschaftliche Dimension des Fußballs ergibt sich daraus, dass Fußballvereine gegenwertig die Größe eines mittelständigen Unternehmens haben. In der Saison 2016/17 brach die Bundesliga mit 3,37 Mrd. € Umsatz in einer Saison zum 13ten Mal in Folge den Umsatzrekord (vgl. Kicker, 2018a). Dementsprechend sind Vereine für ihre umliegende Region als Wirtschaftsfaktor bedeutsam. Zunächst einmal profitiert die regionale Wirtschaft von den Ausgaben des Vereins. Die angebotenen Dienstleistungen des Vereins werden durch den Einsatz von Mitarbeitern, die für ihre Leistungen Einkommen erhalten, erstellt. Wird das Einkommen in der Region wiederum ausgegeben, profitieren auch weitere regionale Unternehmen davon. Des Weiteren wird Sachkapital, beispielsweise Stadion, Trainingsanlagen/ -ausrüstung oder Jugendzentren, von den Vereinen genutzt. Für die Benutzung investiert der Verein in die entsprechenden Bereiche, wodurch weiteres Geld in die Region fließt. Ebenso benötigen Fußballvereine Vorleistungen von anderen Unternehmen, um ihrer Dienstleistungen erstellen zu können (vgl. Hamm, 2016). Es wird deutlich, dass zahlreiche Arbeitsplätze direkt im Verein und indirekt in der Region von einem Fußballverein stark profitieren können.

Weiterhin ist die Bundesliga weltweit die Liga mit den am meisten besuchten Stadien der Welt. Die Heimspiele werden von tausenden - zu meist aus der Region stammenden - Menschen besucht, wodurch das regionale Einkommen in der Region gehalten wird. Bei externen Besuchern wird dann sogar neues Einkommen in die Stadt getragen. Besonders die mediale Präsenz der Vereine erhöht die nationale und internationale Bekanntheit der Stadt. Touristen können in die Stadt angezogen werden, wovon wiederum die regionale Gastronomie und der Handel profitieren. Auch als Wirtschaftsstandort kann die Stadt interessant werden und neue Unternehmen siedeln sich in der Region an. Dabei ist ein wesentlicher Standortfaktor für Unternehmen das Image der Stadt (vgl. Hamm, 2016). Mit dem Begriff Image sind alle Gefühle, Erfahrungen, Einstellungen und Meinungen, die eine Person bewusst oder unterbewusst über einen Gegenstand hat, gemeint (vgl. Essig, 2003). Schließlich repräsentieren Fußballvereine auch ihre jeweilige Stadt nach außen, weshalb das Image des Vereins auf die Stadt transferiert werden kann oder Stadt und Verein erstellen ein gemeinsames Image, was im Stadtmarketing verwendet wird (vgl. Hamm, 2016).

Aus der Zusammenarbeit zwischen Verein und regionalen Betrieben wird der Adaptionsfunktion des Fußballs nachgegangen, da aus diesem Austausch die notwendigen Mittel zur Verwirklichung der Ziele des Vereins entstehen. Der Verein orientiert sich dabei an die zur Verfügung stehenden Ressourcen und Betriebe aus der Region und nutzt diese, wovon wiederum die Region wirtschaftlich profitiert. Aus systemtheoretischer Perspektive passen sich die zwei Systeme Verein und Region aneinander an, da so der Ausstauch zwischen den Systemen effizienter wird. Der erwähnte Imagetransfer oder das Ansiedeln von Unternehmen sind Beispiele für die Anpassung zwischen Verein und Region. Diese Dimension des Fußballs soll als „regionaler Wirtschaftsfaktor“ bezeichnet werden.

Ein weiteres Ziel, was der Fußball verfolgt, ist die Gesundheit der Menschen zu erhalten. So fördert Sport die Rehabilitation nach Unfällen und Krankheiten, beugt gegen letztere vor und bietet einen Ausgleich zur Arbeit. Hinzu kann der Verein positiv auf das Risikoverhalten von Jugendlichen einwirken, beispielsweise in Bezug auf Drogenkonsum (vgl. Rahmann, 1998). Hingegen wirkt die hohe sportliche Intensität und körperliche Belastung für Profispieler langfristig schädlich. Die Hauptursache für das Ende einer Karriere sind dabei Verletzungen. Speziell die Gelenke sind stets belastet, weshalb viele Spieler auch nach der Karriere noch über Schmerzen und Bewegungsprobleme im Kniegelenk klagen (vgl. Buchmann-Alisch, 2014). Hinzu kommt der gesellschaftliche und ökonomische Druck, der auf die Profisportler lastet. Mit dem Verpflichten eines Spielers zu einer hohen Ablösesumme wird seitens der Medien, Zuschauer und des Vereins eine dementsprechende Leistung erwartet. Zu hoher Leistungsdruck kann wiederum die psychische Gesundheit des Sportlers beeinflussen (vgl. Rahmann, 1998).

Jeder Fußballverein ist daher gefordert, die Gesundheit seiner Spieler zu schützen, aber auch den Sport zur Gesundheitsförderung einzusetzen. Dieser Aspekt des Fußballs lässt sich der Funktion der Zielverwirklichung zuordnen, da es im Interesse jedes Einzelnen ist, die Gesundheit möglichst lange zu erhalten. Es ergibt sich die Dimension „Gesundheit“ für den Fußball.

Die gesellschaftlichen Funktionen des Fußballs ergeben sich also aus den vier Grundfunktionen von Handlungssystemen: Strukturerhaltung, Integration, Zielverwirklichung und Adaption. Aus diesen Funktionen erschließen sich diverse Dimensionen des Fußballs, die zeigen welchen Stellenwert der Fußball in der Gesellschaft inne hat. Strukturerhaltung und Integration konstruieren die Gemeinschaftsdimension, welche zeigt, wie Fußball Werte und Normen vermittelt, aber zeigen auch auf, welches große Konfliktpotenzial der Fußball bewirken kann. Weiterhin ergibt sich aus einem gesellschaftlichen Wandel das Ziel für den Fußball, für Erlebnisse zu sorgen. Dieses Ziel wird verwirklicht, indem Zuschauer, Medien, Konzerne und Verein in ihrem wechselseitigen Austausch Ressourcen erstellen, die einen Verein erfolgreich und somit unterhaltsam machen können. Demnach erschließt sich aus den Funktionen Zielverwirklichung und Adaption die Dimension Erlebnisfußball. Die Adaptionsfunktion erstellt auch die Dimension regionaler Wirtschaftsfaktor. Hierbei wird deutlich, welche ökonomische Relevanz ein Verein für die Region haben kann und wie der Verein das regionale Umfeld nutzt, um seine Leistungen zu erstellen. Die letzte erstellte Dimension des Fußballs ist Gesundheit. Diese ergibt sich aus dem Ziel heraus, die Gesundheit der Spieler zu schützen, aber auch die Gesundheit von Menschen außerhalb des Fußballs zu erhalten. Bevor mögliche Auswirkungen der Kommerzialisierung auf diese Dimensionen erörtert werden, muss zunächst die Eigenart der Kommerzialisierung ermittelt werden und wie sie sich äußert.

2.3 Kommerzialisierung

In diesem Kapitel soll nun der Begriff Kommerzialisierung genauer betrachtet werden. Hierbei werden ebenfalls Dimensionen konstruiert, die das Ausmaß der Kommerzialisierung im Sport aufzeigen sollen, um im Anschluss die Auswirkungen dieser auf die gesellschaftlichen Dimensionen zu diskutieren.

Die Kommerzialisierung des Fußballs ist ein Phänomen, welches beinahe so alt wie der Fußball selbst ist. Mit der Gründung der Football Association (FA) 1863 in London wurde der Fußball erstmals in einem Sportverband organisiert. Vertreter verschiedener englischer Vereine erstellten ein einheitliches Regelwerk für den Fußball, um nationale und auch internationale Vergleiche zwischen den Mannschaften in Form von Wettkämpfen zu ermöglichen und zu fördern. Der daraus resultierende Wettbewerb um Pokale und Prestige professionalisierte den Fußball zunehmend (vgl. Riedl, 2016). Mit Professionalisierung im Sport ist damit ein „Prozess der Verberuflichung des Hochleistungssports und der Verwissenschaftlichung des gesamten Sports“ (Hortleder, 1978 S.33) gemeint. Aus einer Freizeitaktivität wird ein Vollzeitberuf mit entsprechenden finanziellen Vergütungen. Der Sport wird dabei nach wissenschaftlichen Standards analysiert, um so durch effizientere Trainingsmethoden das Maximum an Leistung aus den Spielern heraus zu holen, weshalb beispielsweise neben den Fußballvollprofis auch Trainer, Analysten, Manager und Mediziner engagiert werden. Daraus ergibt sich, dass die Leistung auf dem Platz ein Endprodukt aus den Leistungen, die im Vorfeld erbracht wurden, - speziell das Training ist dabei die wichtigste Komponente - ist. Mit dem Beginn der Professionalisierung bekam der Fußball zugleich einen kommerziellen Charakter, da für die zusätzlich investierten Mittel monetäre Ressourcen gebraucht werden (vgl. Riedl, 2016).

Allgemein bezeichnet der Begriff Kommerzialisierung einen Prozess der Umwandlung, wo ein Bereich menschlichen Lebens, welcher primär keine wirtschaftliche Ausrichtung hat, als ökonomisch relevanter Bereich entdeckt und nach wirtschaftlichen Interessen umgewandelt wird, damit von diesem Bereich profitiert werden kann (vgl. Kutsch, 1972). Im Verlauf dieses Prozesses werden materielle Ressourcen zunehmend über den Eintausch gegen monetäre Ressourcen, die durch den Verkauf eines Gutes entstehen, erworben (vgl. Heinemann, 1987). Dabei lässt sich die Kommerzialisierung des Sports nach Heinemann (1992) zusätzlich spezifizieren. Die im Sport produzierten Güter werden nach dem marktwirtschaftlichen Prinzip von Leistung und Gegenleistung über den Markt verkauft. Das wird bei Sportvereinen daran ersichtlich, dass „der im Verein organisierte Sport nicht mehr nur Vereinsmitgliedern zur Verfügung steht, sondern auch an Nichtmitglieder verkauft wird“ (Heinemann, 1992, S.239). Da die Beiträge der Mitglieder zur Finanzierung nicht mehr ausreichen, ist der Verein auf die Förderung Dritter angewiesen.

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Details

Titel
Kommerz vs. Tradition? Wie sich die gesellschaftlichen Funktionen des Fußballs verändern
Untertitel
Am Fallbeispiel RasenBallsport Leipzig e.V.
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
69
Katalognummer
V435348
ISBN (eBook)
9783668775350
ISBN (Buch)
9783668775367
Dateigröße
784 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kommerz, tradition, funktionen, fußballs, fallbeispiel, leipzig, RB Leipzig, Kommerzialisierung, Talcott Parsons, Strukturfunktionalismus, Systemtheorie, Soziologie, Red Bull, Marketing, Kommerzuialisierung, Dynamo Dresden, Forza Dynamo
Arbeit zitieren
Willy Gräfe (Autor), 2018, Kommerz vs. Tradition? Wie sich die gesellschaftlichen Funktionen des Fußballs verändern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435348

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