Das Leitziel des folgenden Unterrichtsentwurf: Die SuS erkennen Gretchen einerseits als Opfer sozialer Strukturen (beispielsweise durch ihre zunehmende soziale Isolation, Einsamkeit und Trauer; den zunehmenden Druck der Gesellschaft und ihre Demütigungen; kaum Zukunftsoptionen), anderseits ihre Mitschuld am Kindsmord (da jeder für sein Handeln verantwortlich ist und sie mögliche Alternativen wie eine Hochzeit, Adoption oder das selbstbewusste Aufziehen des Kindes nicht nutze), indem sie die Handlung des Dramas aktualisieren und letztendlich ihre eigene Lebenswelt bezüglich anderer gesellschaftlicher Strukturen des 21. Jahrhunderts hinterfragen.
Die SchülerInnen erkennen Gretchen einerseits als Opfer sozialer Strukturen, anderseits ihre Mitschuld am Kindsmord, indem sie die Handlung des Dramas aktualisieren und letztendlich ihre eigene Lebenswelt bezüglich anderer gesellschaftlicher Strukturen des 21. Jahrhunderts hinterfragen.
Inhaltsverzeichnis
1. Sachanalyse
2. Didaktische Analyse
3. Methodische Entscheidungen
Zielsetzung & Themen
Die Unterrichtseinheit zielt darauf ab, dass die Schülerinnen und Schüler die Figur Gretchen sowohl als Opfer restriktiver gesellschaftlicher Strukturen als auch in ihrer moralischen Mitverantwortung für den Kindsmord kritisch reflektieren, indem sie die Dramenhandlung in einen zeitgenössischen Kontext übertragen.
- Analyse des Einflusses sozialer Strukturen auf das Handeln des Individuums.
- Untersuchung der Rolle von gesellschaftlichem Druck und Isolation bei Gretchen.
- Förderung der moralischen Urteilsbildung durch einen Transfer in das 21. Jahrhundert.
- Kritisches Hinterfragen eigener Lebenswelten im Kontext poststrukturalistischer Ansätze.
- Vergleichende Betrachtung von gesellschaftlichen Normen und deren Auswirkungen auf Frauen in verschiedenen Kulturen.
Auszug aus dem Buch
Sachanalyse
Faust – der Tragödie erster Teil von Johann Wolfgang von Goethe ist ein Drama, welches aufgrund seines langen Entstehungsprozesses von 1772 bis 1806 (bzw. bis 1831, wenn man Faust II miteinbezieht) wohl zu Recht als Goethes Lebenswerk bezeichnet werden kann. Doch nicht nur diesem Prozess, sondern natürlich auch seinem Inhalt und seiner sprachlichen Form verdankt Faust seine fortwährende Popularität, die sich beispielsweise beim Werbeslogan von dm exemplarisch zeigen lässt „Hier bin ich Mensch – hier kauf ich ein!“, wobei über den Sinn solcher Veränderungen gestritten werden kann. Wirkungsvoll ist das Drama auch, da es diverse relevante Themen beinhaltet. Eines davon ist die Frage, inwieweit soziale Strukturen und gesellschaftliche Verhältnisse das Handeln des Individuums beeinflussen. Diese stellt sich besonders bei Gretchen, welche ihr neugeborenes Kind tötet. Der Mord taucht im Drama nicht explizit auf, wohl aber ist eine drastische Steigerung des gesellschaftlichen Drucks auf Gretchen erkennbar. So wird in der 20. Szene Am Brunnen durch ein Gespräch zwischen Lieschen und Gretchen spätestens am Beispiel einer Bekannten der beiden exemplarisch für Gretchen deutlich, dass die gesellschaftlichen Konsequenzen einer uneheliche Schwangerschaft Verachtung und soziale Isolation sind. Gretchen, die in der selben Lage ist, zeigt Mitleid, räumt aber ein, dass sie in der Vergangenheit selbst andere Mädchen verurteilte. Deutlich wird auch Lieschens Neid, da sie arbeiten musste oder von ihrer Mutter am Ausgehen gehindert wurde, während Bärbel sich mit ihrem Liebhaber traf. Auch dies scheint einer der Gründe für Lieschens Genugtuung bei der öffentlichen Reaktion zu sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Sachanalyse: Dieses Kapitel erläutert die thematische Relevanz von Goethes Faust im Hinblick auf den Einfluss gesellschaftlicher Strukturen auf das Individuum am Beispiel Gretchens.
2. Didaktische Analyse: Hier wird die Eignung des Dramas für die 13. Klasse sowie die Notwendigkeit moralischer Urteilsbildung und die Förderung von Empathie durch den Transfer in das 21. Jahrhundert begründet.
3. Methodische Entscheidungen: Dieses Kapitel beschreibt die unterrichtspraktische Umsetzung, insbesondere den Einsatz von Bildern und poststrukturalistischen Methoden zur Aktualisierung der Dramenhandlung.
Schlüsselwörter
Johann Wolfgang von Goethe, Faust, Gretchen, Kindsmord, soziale Strukturen, gesellschaftliche Verhältnisse, moralische Urteilsbildung, poststrukturalistische Methoden, Identitätsbildung, Isolation, Feminismus, literarisches Lernen, Transfer, Individuum und Gesellschaft, Schuldfrage.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Unterrichtseinheit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Analyse der Figur Gretchen aus Goethes "Faust" und untersucht, wie soziale und gesellschaftliche Zwänge ihr Handeln bis hin zum Kindsmord beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentral sind das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft, die Macht von sozialen Normen, die moralische Schuldfrage sowie die Übertragbarkeit dieser historischen Problematik auf das 21. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist, dass Schülerinnen und Schüler Gretchen als Opfer sozialer Strukturen sowie in ihrer persönlichen Mitverantwortung erkennen und durch den Vergleich mit heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen ihre eigene Lebenswelt reflektieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden poststrukturalistische Verfahren genutzt, die eine Aktualisierung und Dekonstruktion des Textes ermöglichen, um die Unabschließbarkeit von Deutungsprozessen erfahrbar zu machen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine fachwissenschaftliche Sachanalyse, die didaktische Begründung für den Einsatz des Werkes in der Oberstufe sowie die methodische Planung der Unterrichtsstunde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kindsmord, soziale Strukturen, moralische Urteilsbildung, Identitätsbildung und Faust charakterisieren.
Warum wird Gretchen als "Opfer sozialer Strukturen" bezeichnet?
Aufgrund ihrer sozialen Isolation, der fehlenden gesellschaftlichen Zukunftsoptionen für unverheiratete Mütter und des massiven Drucks ihrer Umgebung scheint Gretchen in eine ausweglose Situation gedrängt, die ihr Handeln mitbestimmt.
Welche Rolle spielen die "aktuellen Schlagzeilen" im Unterrichtskonzept?
Die Schlagzeilen dienen als Transfermittel, um zu zeigen, dass gesellschaftliche Restriktionen für Frauen – wie etwa Mitgiftregelungen oder Geburtenkontrollen – auch in anderen Kulturen des 21. Jahrhunderts existieren und ein Verständnis für solche Einflüsse unabdingbar ist.
Warum entscheidet sich der Autor gegen den Einbezug von Büchners "Woyzeck"?
Der Vergleich mit "Woyzeck" wird zwar als bereichernd für das literarische Lernen angesehen, aber aufgrund der Gefahr einer Fehlinterpretation von Goethes Intentionen und des knappen zeitlichen Rahmens der Stunde verworfen.
- Arbeit zitieren
- Marie Welsche (Autor:in), 2017, Gretchen in Goethes Faust. Ein Opfer sozialer Strukturen und gesellschaftlicher Verhältnisse!?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435427