Die Elementenlehre in der Antike verwendet in der deutschen Literatur der Neuzeit


Magisterarbeit, 2000

74 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Eidesstattliche Erklärung

I. Die Elementenlehre in der Antike
a) Einleitung
b) Entwicklung einer Elementenlehre
c) Empedokles und die vier Wurzeln des Seins
d) Weiterentwicklung der Elementenlehre

II. Die Elementenlehre im Mittelalter
a) Die Vierheit der Weltordnung
b) Weltbild
c) Die Elemente in der Lehre von der Natur
d) Alchemie
e) Paracelsus
f) Übergang zur neuzeitlichen Chemie
g) Astrologie

III. Die Elementenlehre in der deutschen Literatur der Neuzeit
a) Einleitung
b) Naturphilosophie und Romantik
c) Klassische Wiedergabe
d) Weltentstehen
e) Weltbild
f) Alchemie und Zauberei
g) Astrologie und Temperamentenlehre
h) Elementargeister

IV. Abschließende Betrachtung

Literaturverzeichnis

EI D E S S T A T T L I C H E E R K L Ä R U N G:

An Eides Statt versichere ich, daß die Arbeit

Die Elementenlehre in der Antike verwendet

in der deutschen Literatur der Neuzeit

von mir selbst und ohne jede unerlaubte Hilfe angefertigt wurde, daß sie noch keiner anderen Stelle zur Prüfung vorgelegen hat und daß sie weder ganz noch im Auszug veröffentlicht worden ist. Die Stellen der Arbeit – einschließlich Tabellen, Karten, Abbildungen usw.-, die anderen Werken dem Wortlaut oder dem Sinn nach entnommen sind, habe ich in jedem Fall als Entlehnung kenntlich gemacht.

I. Die Elementenlehre in der Antike

I. a) Einleitung

Schon von jeher haben sich die Menschen die Frage gestellt, wie wohl die Vielgestaltigkeit der Schöpfung zustande gekommen sei, auf welche Prinzipien sie zurückgeführt und wie sie geordnet werden könne; und so verschieden die Kulturen waren, so unterschiedlich fielen auch die Antworten auf diese Frage aus.

Nach einer dieser Überlegungen wurde angenommen, daß alle Dinge, die wir um uns herum sehen, aus den vier Elementen Feuer, Erde, Wasser und Luft aufgebaut seien.1

Das Wort „Element“ kommt vom lateinischen „elementum = Urstoff, Buchstabe“. Das Wort stammte vielleicht aus dem Etruskischen oder stellt eine Zusammenziehung der Mittelbuchstaben LMN des lateinischen und griechischen Alphabetes2 dar, vielleicht ist es aber auch eine Ableitung vom griechischen eléphas (Elfenbein), da die Kinder reicher Römer das Alphabet anhand von Buchstaben aus Elfenbein lernten.3

So verwendeten auch Platon und Aristoteles das Wort „stoicheion“ für die Bezeichnung der Elemente, das neben seiner Bedeutung als einfache Substanz, Grundstoff, Prinzip eben auch die Bedeutung Buchstabe hatte.4

Die Elementenlehre durchlief verschiedene Stadien, ehe sie in der Kombination der vier Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft bei Empedokles auftauchte, dessen Vorstellungen bis in die frühe Neuzeit hinein einen ganz wesentlichen Einfluß auf das Weltbild und die Wissenschaften im Abendland hatte.

Jede Elementenlehre baut sich auf einem ursprünglichen Elementarerlebnis auf. In den frühen Kulturen waren die Götter ein Teil der Natur, und in dieser Vorstellung fanden sich die Elemente als Grundformen und Kräfte der Natur, ohne allerdings als eigenständige, personifizierte Kräfte in Erscheinung zu treten5

So finden sich auch im Schöpfungsmythos des Buch Mose, dessen Entstehen bis in das 8. Jahrhundert vor Christus datiert wird, Himmel (Luft), Erde, Licht (Feuer) und Wasser als Urbestandteile der Schöpfung.6

Die Babylonier und später die Ägypter hatten zunächst das Wasser und später auch Luft und Erde als Hauptbestandteil der Erde angesehen.7

Wohingehend die Chinesen schon 600 v. Chr. die 5 Elemente Wasser, Feuer, Holz, Metall und Erde unterschieden, welche sie den Jahreszeiten, den Himmelsrichtungen und menschlichen Fähigkeiten zuordneten.8

Auch bei den Indern finden sich ähnliche, der Elementenlehre der Griechen verwandte Vorstellungen, welche später in der Heilbehandlung Einfluß auf die Säftelehre Hippokrates nahmen.9

I. b) Entwicklung einer Elementenlehre

Der griechische Philosoph Thales (624-544 v. Chr.) betrachtete das Wasser als ersten Grundstoff aller Dinge. Er riß es aus dem Naturzusammenhang heraus und stellte es als Einheit an den Anfang. In seiner Vorstellung war alles beseelt und voller Götter, und in diesem Sinne begriff er auch Wasser als ein göttliches Wesen und nicht als leblosen Stoff.10

Anaximandros/ Anaximander (ca. 610 – 545 v. Chr.) aus Milet und Schüler des Thales, fügte das Feuer als viertes Element hinzu.11 Er machte die Elemente zu etwas aus dem Äther geschaffenen12 und entwarf die Gegensätze warm und kalt als Qualitäten der Elemente13

Anaximenes (588-524 v. Chr.), Schüler des vorhergehenden, wandte sich in Fortsetzung der Elementenlehre Thales, ausgehend vom Lebenshauch, der Luft zu. Er erklärt auch das Entstehen von Feuer, Wasser und Erde aus der Luft und ordnete so die Elemente hierarchisch an. In seiner Vorstellung konnten sich die Elemente mischen und neu verbinden.14

Heraklit (535-475 v. Chr.) sah alles im Werden, nicht im Sein, jedoch nach der gesetzlichen Ordnung der Weltvernunft. Verkörperung dieses göttlichen Vernunftprinzipes war ihm das Feuer, von dem alles Seiende ausgehe und in das es im ewigen Kreislauf wieder zurückkehre.15

Entsprechend seiner Weltanschauung entwickelte er die Entstehung der Welt nicht aus der Trennung der Elemente, wie es bisher geschehen war, sondern aus dem dauernden Sich-Verwandeln der Elemente ineinander.16

Dieser Gedanke wurde für die Ausbildung der Elementenlehre von ausschlaggebender Bedeutung und führte einen Schritt näher zum Stoffbegriff.17

Einmal bei unbelebten Elementen angelangt, war wieder eine Macht vonnöten, die sie bewegte. Das Weltbild des Anaxagoras (ca. 500 – 428 v. Chr.) war deshalb hierin verschieden von dem seiner Vorgänger. Er unterschied erstmalig in der Geschichte der Philosophie Geist und Körper18 und sah im Geist den ersten Beweger, Weltschöpfer und das allgemeine Ordnungsprinzip. In seiner dualistischen Vorstellung von der Urmaterie teilte sie sich in zwei Pole; auf der einen Seite das Dichte, Feuchte, Dunkle, Kalte und auf der anderen Seite das Dünne, Trockene, Helle und Warme. Er sah in den Elementen nicht den Urstoff, da sie teilbar und wandelbar seien19 stattdessen nahm er unendlich viele, unveränderliche Teilchen an, aus denen die Urmaterie bestehe und bei deren Zusammenfügung die Dinge entstünden und bei deren Trennung sie wieder vergängen.20

I. c) Empedokles und die vier Wurzeln des Seins

Von großem Einfluß waren die Lehren des Philosophen Empedokles (ca. 492-432 v. Chr.).21 Er stammte aus Akragas, dem heutigen Agrigento in Sizi­lien. Die Viererlehre im Rahmen der europäischen Kultur hat bei ihm ihren Anfang.22

Er stellte Feuer, Erde, Wasser und Luft gleichberechtigt als die vier Wurzeln des Seins nebeneinander, und dieses sollte das Weltbild des Mittelalters beeinflussen, wie keine andere Vorstellung der Antike. „Denn die vier Wurzelkräfte aller Dinge höre zuerst: Zeus der schimmernde, und Here die lebensspendende sowie Aidoneus und Nestis, die durch ihre Tränen irdisches Quellwasser fließen läßt.“23 Mit Zeus meinte er das Feuer, mit Here die Erde, mit Aidoneus die Luft und mit Nestis das Wasser.24

Durch Mischung und Trennung in Liebe (Eros) und Hass (Polemos) sei aus ihnen alles entstanden und alles sei in quantitativ verschiedenen Verhältnissen aus den vier Elementen zusammengesetzt. Auch ordnete er den Elementen die Qualitäten feucht, trocken, kalt und warm zu.25

In seiner Vorstellung waren Werden und Vergehen nur eine Ortsveränderung der Elemente, eine neue Mischung derselben.

Mit diesen Auffassungen suchte er zwischen Heraklit und der eleatischen Seinslehre zu vermitteln, die das Sein als unvergänglich und allumfassend ansahen.26

Ovid ( 43 v. Chr.– 18 n. Chr.) griff später die Vorstellung Empedokles der vergöttlichten Elemente in seiner Schilderung des Weltentstehens auf und nennt die Götternamen Titan, Phoebe, Amphitrite und Tellus als Bezeichnung der Elemente, die, wenngleich im Chaos präsent, jedoch noch nicht durch ihre Eigenarten zutage treten.27

I. d) Weiterentwicklung der Elementenlehre

Demokrit (ca.460-370 ging im Gegensatz zu Empedokles nicht von einem zusammenhängenden Ganzen aus, sondern von lauter kleinsten Teilchen, die nicht mehr teilbar seien und deshalb Atome heißen (atomos = unteilbar).28

In seiner Vorstellung übernahmen diese die Aufgaben der vier Elemente. Er lag vielleicht aus heutiger Sicht näher an der Wahrheit, aber lange Zeit herrschte die Vorstellung der vier Elemente nach Empedokles vor.

Hippokrates (460 –377 v. Chr) und die Hippokratischen Schriften, die wohl eher Werk einer ganzen Schule sind, ordneten, basierend auf der Elementenlehre, dem menschlichen Körper viererlei Säfte zu. Dieser Theorie scheint die Beobachtung zugrunde gelegen zu haben, daß man aus Blut vier verschiedene Substanzen gewinnen kann, nämlich dunkle Klumpen (melancholischer Saft), eine rote Flüssigkeit (sanguinischer), ein gelbes Blutserum (cholerischer) und den Blutfaserstoff, der mit dem Phlegma zusammenhängt.29 Seine Vorstellungen beeinflußten die spätere Lehre Galens außerordentlich.

Den Pythagoreern folgend, schrieb Platon (427 - 347 v.Chr.) den kleinsten Teilchen jedes Elementes eine charakterliche Gestalt zu, der Erde den Hexaeder (Würfel), dem Feuer den Tetraeder, der Luft den Oktaeder und dem Wasser den Ikosaeder. Wegen seiner halbwegs kugelförmigen Gestalt wies Platon dem unbenutzten Dodekaeder das Weltall im ganzen zu.30

Seinen Überlegungen lag die Vorstellung zugrunde, daß es am Anfang zwei Arten rechtwinkliger Dreiecke gegeben habe, nämlich halbe Quadrate und halbe gleichseitige Dreiecke. Aus diesen Dreiecken sollten auf dem Vernunftwege vier reguläre Körper zusammengebracht worden sein, aus denen die Teilchen der vier Elemente entstanden.31

Platon sah den Geist als eigentliches Prinzip der Schöpfung, der jedoch nur durch die Elemente in Erscheinung treten könne, da er selbst unsichtbar sei. So stehen die Elemente bei Platon für das ewig Sichtbare und ewig Wandelbare in der Natur und somit das Leben schlechthin.32

Aristoteles (384-322, faßte das Wissen seiner Zeit zusammen. Die Elemente treten bei ihm als Urstoffe auf, und ihnen zugeordnet sind die paarweisen Gegensätze der Qualitäten, wie sie von Empedokles genannt worden waren.33 Jedes Element besaß an sich eine Grundqualität und eine untergeordnete Nebenqualität, die es vom benachbarten Element erhielt. Das Feuer war von sich her warm und von der Erde her trocken, die Erde war an sich trocken und von dem Wasser her kalt, das Wasser war an sich kalt und von der Luft her feucht, und die Luft schließlich war an sich feucht und vom Feuer her warm.34

Nach Aristoteles war jedes Element in ein anderes wandelbar, wenn die sekundäre Eigenschaft sich veränderte. Verlor nun also das Feuer die Trockenheit und nahm statt dessen die Feuchtigkeit an, so wurde es zu Luft (Dampf). Verlor die Luft die Hitze und nahm statt dessen die Kälte an, so wurde sie zu Wasser (Kondenswasser). Verlor das Wasser die Feuchte, so wurde es zu Erde (Eis, ein fester Körper). Verlor die Erde die Kälte, so wurde sie zu Feuer (Waldbrände).

Derselbe Vorgang wurde aber auch andersherum gedacht. Verlor das Feuer die Hitze, so wurde es Erde (Asche) usw.35.

In der Vorstellung Aristoteles änderte sich immer nur die Gestalt der Elemente, die Materie blieb die gleiche.

Als fünftes Element nennt Aristoteles den Äther, die Quintessenz, der den Himmelskörper bestimme, derweil alles auf der Erde aus den vier Elementen bestünde.36 Er fügte ihn in die Vorstellung Platons ein und ordnete ihm den aus zwölf regulären Fünfecken umschlossenen Dodekaeder zu.37

Galen (129-199 v.Chr.), der Leibarzt von Marc Aurel, der das gesamte medizinische Wissen seiner Zeit zu einem Lehrsystem zusammen faßte, verband die empedokleischen Elemente mit den "humores" (Körpersäfte) der Ärzte. Nach seiner Vorstellung wurde die Nahrung des Menschen im Magen "zerkocht" und die Elemente dabei zu den vier Körperflüssigkeiten (Kardinalsäfte), die die Organe ernährten.

Feuer wurde zu gelber Galle (cholera), Wasser zu Schleim (phlegma), Erde zu schwarze Galle (melancholia) und die Luft zu Blut (sanguinis).

Die hippokratische Schule, die Galen mit ihrer Säftelehre als Grundlage diente, lehrte, daß Ge­sundheit das ausgeglichene Verhältnis dieser Säfte untereinander war; Krankheit wurde durch das zuviel oder zuwenig von einem oder mehreren Körpersäften ausge­löst (Dyskrasie).38 Schon Aristoteles glaubte, daß Epilepsie von zuviel „melancholia“, also schwarzer Galle, herrühre39.

Daneben existierte auch die Vorstellung, daß bei jedem Menschen einer der Körpersäfte überwiege und seinen Charakter beeinflusse. So teilte man die verschiedenen Charaktertypen in den Choleriker (leicht ansprechbar, stark nachhaltig, aufbrau­send), den Sanguiniker (leicht ansprechbar, sprunghaft, heiter), den Phlegmatiker (schwer ansprechbar, langsam) und den Melancholiker (schwer ansprechbar, stark andauernd, herabgestimmt) ein.40

Interessanterweise hatte Galen, als er in seinem Kommentar zur hippokratischen Schrift „Über die Natur des Menschen“ den vier Säften und den vier Qualitäten erstmals die vier Elemente zuordnete, der gelben Galle das Scharfsinnige und Verständige, der schwarzen Galle das Gesetzte und Beständige, dem Blut das Einfache und Einfältige und dem Schleim keinen Ethos zugeordnet. Darin zeigt sich, daß, was die den einzelnen Typen zugeschriebenen Eigenschaften angeht, von Quelle zu Quelle erstaunlich große Unterschiede zu beobachten sind. Und in der späteren Schrift

„Über den Aufbau der Welt und der Menschen“ endlich wird gesagt, der Mensch sei, wenn das Blut überwiege, anmutig, scherzhaft, lachend, rosig, von schöner Hautfarbe, wenn die gelbe Galle überwiege, jähzornig, scharfsinnig, kühn, enthusiastisch, bleich, von gelber Hautfarbe, wenn die schwarze Galle vorherrsche, leichtsinnig, kleinmütig, schwächlich, träge, dunkeläugig und von dunklem Haar; und bei Vorherrschaft des Schleims niedergeschlagen, vergeßlich, sehr viele Behinderungen aufweisend, traurig und weißhäutig41.

Aus dem "temperamentum", dem Verhältnis der Körperflüssigkeiten zueinander, wurde so das "Temperament" eines Menschen.

Die Einteilung in die verschiedenen Temperamententypen erfolgte als erstes bei Hippokrates, die heute allgemein bekannten Namen der vier Temperamente finden sich laut Wackernagel bemerkenswerterweise aber erst im 12. Jahrhundert, und zwar in der Schrift „De philosophia mundi“ von Wilhelm von Conches.42

II. Elementenlehre im Mittelalter

II. a) Die Vierheit der Weltordnung

Die griechischen Philosophen fanden im Mittelalter immer wieder als Autoritäten Erwähnung, und die „Vierheit“ der Weltordnung tritt dem Leser in verschiedensten Werken entgegen. Die Elementenlehre diente als Schema, als übliche „Viererformel“, um dem Kosmos eine Ordnung zugrunde zu legen, die sich in Mikrokosmos wie auch Makrokosmos gleichermaßen zeige und wirke. Sie war der Versuch, für die beobachteten Tatsachen und Geschehnisse der Welt eine Erklärung zu finden.

In der Elementenmythologie bildeten sich die „Vier Reiche“ mit charakteristischen Bildstrukturen heraus. Sie stellten die topologische Ordnung der Welt dar: von den vier Säften, den vier Temperamenten, über elementenspezifische Berufsgruppen zu den vier Lebensaltern, von den Elementen und ihnen zugehörigen Lebewesen bis zu den vier Jahreszeiten, vier Winden, vier Qualitäten.

Die tetradischen Schemata sind, insbesondere in den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Lehrdiagrammen, verbunden mit anderen Zahlenordnungen, vor allem der Drei, Sechs, Sieben und Zwölf.

Diese Zahlenverhältnisse unterhalten Beziehungen zu geometrischen Figuren und Proportionen sowie zu musikalischen Harmonien: die elementischen Kosmologien standen seit Platon im Bann des Pythagoreismus. So differenzierte sich langsam ein komplexes Tableau des Mikro- und Makrokosmos heraus. Die grundlegenden Wissens- und Erfahrungsformen sind dabei das Sympathetische, die Analogie, die Ähnlichkeit, die Entsprechung.43

Häufig wird begründend darauf verwiesen, daß die Zahl Vier in der Antike für Perfektion stand und eine heilige phytagoräische Zahl war.

Jedoch waren dies die Drei, die Sieben oder die Zehn auch.

Es ist ebenfalls nicht selbstverständlich, daß das Jahr und der Lebensrhytmus tetraedisch geordnet werden, bis ins 5. Jahrhundert kannte man nur drei Jahreszeiten und Lebensalter und nur drei Säfte.

Doch nachdem mit Empedokles die Entscheidung zugunsten eines Viererschemas gefallen war, geriet alles in den Sog dieser Ordnungsfigur.

Die Vierteilung des Tages in Morgen, Mittag, Nachmittag, Abend, bzw. die Ausdifferenzierung von vier Verhaltensdispositionen je nach Regiment des Saftes waren bereits im galenischen System enthalten, und im scholastischen Ordnungseifer traten dann weitere Vierungen hinzu.

Die Vier bestimmte das Quadrat, die vier Winde, die vier Elemente, die vier Jahreszeiten, die vier Säfte, die vier Temperamente, die vier Kardinaltugenden prudencia, iustitia, temperancia und fortitudo, die vier Evangelisten, die vier Tonarten, vier die Temperamente beherrschenden Planeten usw.44

Den zwölf Tierkreiszeichen entsprachen zwölf Monate, zwölf Metalle, zwölf Organe und zwölf Künste. Die Zwei bestimmte den Dualismus von Sonne und Mond im Makro- wie im Mikrokosmos. Den sieben Planeten entsprachen sieben Metalle, sieben Organe und sieben Engel. Die Sieben ist auch als Summe von Drei und Vier bedeutsam. Die vier Elemente beherrschen je drei Monate und drei Metalle (=Zwölf). Zwölf galt als die Zahl völlig ausdifferenzierter Vollkommenheit.

Die Zahlen und geometrischen Figuren spielten seit dem Mittelalter eine gar nicht zu überschätzende Rolle. Das gleiche galt für das hebräische, griechische und arabische Alphabet. Die überragende Rolle der Schrift in jüdisch-kabbalistischer wie christlich-scholastischer Tradition führte dazu, der ganzen Natur Schriftförmigkeit zu unterstellen. Die mathematisch-geometrische wie die letterale Naturspekulation wurde zudem mit (pythagoreischer) Musiktheorie verbunden.45

Das fünfte Element war im Grunde mit den anderen schlecht kombinierbar. Diese hielten sich durch die Qualitäten in einem geschlossenen System, das fünfte Element konnte hier nicht wirklich integriert werden.46

II. b) Weltbild

Ab dem 6. Jahrhundert wurden Teile des antiken Wissens durch einige Enzyklopädien bekannt.47 Die neue Herausforderung für den christlichen Kosmologen bestand nun darin, diese mit dem Zeugnis der Bibel in Einklang zu bringen.

Von ihrer Beschäftigung mit der Natur des Weltbaues wurde bis zum Bekanntwerden der aristotelischen Physik ab dem 13. Jahrhundert (und eigentlich noch darüber hinaus) allerdings „nicht erwartet, daß es zu wissenschaftlichen Hypothesen und allgemeingültigen Resultaten führte, sondern daß es eindrucksvolle Symbole für geistliche Wahrheiten liefere.“48

Durch Albertus Magnus (etwa 1206-80 und Thomas von Aquino (1225-74 wurde die aristotelische Philosophie der katholischen Theologie einverleibt.49

Fast alle mittelalterlichen Theologen und Astronomen vertraten das kosmische Sphärenmodell, wenngleich in unterschiedlicher und immer komplexer werdender Form. Nach dieser Vorstellung war die Erde von einer Anzahl von Sphären umgeben, die unterschiedlichen elementarischen oder religiösen Kräften zugeordnet wurden, (beispielsweise der Luft, dem Äther, dem Feuer, dem Firmament mit den Fixsternen, dem Himmel der Engel und dem Himmel der Dreifaltigkeit.)50

Der Grundgedanke der mittelalterlichen Weltanschauung war der Begriff der Hierarchie. Die vier irdischen Elemente einerseits besaßen die Reihenfolge steigender Vollkommenheit: Erde, Wasser, Luft und Feuer, während der Himmel aus einem vollkommeneren fünften Element aufgebaut sein sollte. Dabei fand eine bedeutsame Verbindung zwischen antiker Naturphilosophie und mittelalterlicher Scholastik statt.51

Neben dem Sphärenmodell existierte eine populäre Modellvorstellung, die den Bau der Welt mit einem Ei verglich. Dieses Modell wurde schon durch Empedokles und seitdem immer wieder angeführt.52

Anliegen des Modells war es nicht, den astronomischen Bau der Welt symbolisch zu fassen, sondern ihren elementaren Aufbau aus den vier Elementen des Empedokles zu visualisieren

Als unterste Stufe des Kosmos wurde die aus den vier Elementen zusammengesetzte, kugelförmige Erde angesehen, die den unbeweglichen Mittelpunkt des Weltalls bildete. 53) Die vier Abschnitte der Welt wurden den vier Elementen zugeordnet und mit dem Aufbau eines Eies verglichen: Dotter/Erdkugel Eiweiß/Wasser Häutchen/Luft Schale/Feuer.

II. c) Die Elemente in der Lehre von der Natur

Alles Leben auf der Erde bestand in der Vorstellung des Mittelalters aus den vier Elemen­ten, und die einzelnen Lebensformen begründeten ihre Unterschiedlichkeit in ihrer verschiedenen Zusammensetzung. So stellte man sich vor, daß z.B. der Vogel fliegen könne, weil er viel "Luft" habe, aber auch etwas "Erde", weil er auch auf ihr existieren könne.

[...]


1 Ramsey, Sir William "Moderne Chemie", ins Deutsche übertragen von

Max Huth, 3. Auflage, Halle 1921, S.1.

2 „Römpp Chemie Lexikon“ 9. Erw. und neu bearb. Auflage, Stuttgart 1995, Band A-Cl, S. 658.

3 Hermann, Ursula "Herkunftswörterbuch", München 1993, S. 131.

4 Treumann, Rudolf "Die Elemente", München 1994, S. 31.

5 Vgl. Dzialas, Ingrid "Auffassung und Darstellung der Elemente bei Goethe", Germanische Studien Heft 216, Berlin 1939, S. 12.

6 Vgl. "Die Bibel", nach der Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart 1978, S. 19.

7 Mason, Stephen F. "Geschichte der Naturwissenschaft" Stuttgart 1991, S. 32.

8"Das grosse Buch des Allgemeinwissens", Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus und Verlag Das Beste, Mannheim und Stuttgart 1991, S. 837.

9 Vgl. a.a.O., S. 852.

10 Dzialas, S. 17.

11 Mason, S. 33.

12 Dzialas, S. 18.

13 A.a.O.

14 A.a.O., S. 17.

15 "Das grosse Fischer Lexikon", Lexikographisches Institut München,
Frankfurt a. M. 1976, Band 8, S. 2588.

16 Dzialas, S. 19.

17 Dzialas, S. 19.

18 Fischer, Band 1, S. 210

19 Dzialas, S. 20.

20 Fischer, a.a.O..

21 Mason, S. 39.

22 Böhme, Gernot und Hartmut "Feuer, Erde, Wasser, Luft", München
1996, S. 93.

23 Böhme, S. 94.

24 A.a.O., S. 95.

25 Mason, S. 39.

26 Hirschberger, Johannes "Geschichte der Philosophie 1.Teil", 3. Auflage, Freiburg 1958, S. 41.

27 Böhme, S. 41.

28 Treumann, S. 43

29 Mason, S. 42.

30 Böhme, S. 102 ff.

31 Mason, S. 47.

32 Dzialas, S. 22.

33 Dzialas, S. 23.

34 Meyer, Hans "Abendländische Weltanschauung 2.Band" 2. Auflage Paderborn/ Würzburg 1953, S. 72.

35 Federmann, Reinhard "Die königliche Kunst", Wien 1964, S. 50.

36 Mason, S. 52.

37 A.a.O., S. 47.

38 Böhme, S. 164 ff.. Vgl auch Galen "On the natural faculities" hrsg. William Heinemann, 2. Auflage London 1927, S.250.

39 Aristoteles "Problemata Physica" hrsg.Ernst Gummerbach, Darmstadt
1962, S.195 ff..

40 Vgl. Böhme, S. 164 ff..

41 Mosimann, Martin "Die „Mainauer Naturlehre“ im Kontext der Wissenschaftsgeschichte", Tübingen/ Basel 1994, S. 223.

42 "Meinauer Naturlehre", hrsg. Wilhelm Wackernagel, Stuttgart 1851, S. 209.

43 Böhme, S. 20.

44 Böhme, S. 168

45 Böhme, S. 242.

46 Böhme, S. 144.

47 Kölling, Andreas "Das kosmologische Weltbild des Mittelalters", Berlin 1998, S. 9.

48 Kölling, S. 9.

49 Mason, S. 145.

50 Vgl. Konrad von Megenberg "Deutsche Sphära" hrsg. Francis B. Brévart, Tübingen 1980, S. 7; Vgl. Kölling S. 10.

51 Mason S. 216.

52 Kölling, S. 10.

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Die Elementenlehre in der Antike verwendet in der deutschen Literatur der Neuzeit
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Philosophische Fakultät)
Note
2,5
Autor
Jahr
2000
Seiten
74
Katalognummer
V43555
ISBN (eBook)
9783638413220
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die erste Hälfte (die Elementenlehre in der Antike und im Mittelalter) wurde besser eingestuft als die zweite Hälfte.
Schlagworte
Elementenlehre, Antike, Literatur, Neuzeit
Arbeit zitieren
Almut Heimbach (Autor), 2000, Die Elementenlehre in der Antike verwendet in der deutschen Literatur der Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43555

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