Das Gesetz in der Paulinischen Theologie. Eine biblisch-theologische Ausarbeitung mit besonderen Fokus auf dem Römer- und Galaterbrief


Bachelorarbeit, 2018

53 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Einleitende Gedanken
1.2 Allgemeine Problematik, Herausforderung und Relevanz.
1.3 Aufbau der Ausarbeitung

2 Herkunft und Wesen des Gesetzes
2.1 Bedeutung des Gesetzes im Alten Testament.
2.1.1 Tora
2.1.2 Die Juden und die Tora
2.1.3 Die Tora im Frühjudentum
2.2 Die Bedeutung des Gesetzes im Neuen Testament
2.2.1 Gesetz in der Umwelt der Neutestamentlichen Schreiber
2.2.2 Gesetz in der Kulturgeschichtliche
2.3 Zusammenfassung
2.3.1 Juden
2.3.2 Kulturgeschichtlich
2.3.3 Verfasser des Neuen Testaments

3 Das Gesetz bei Paulus im Diskurs
3.1 Gesetzesthematik
3.2 Auslegung der Gesetzeswerke (έργων νομού) bei Luther
3.3 Auslegung der Gesetzeswerke (έργων νομού) in der neueren Diskussion
3.3.1 R. Bultmann
3.3.2 E.p. Sanders
3.3.3 J.D.G. Dunn
3.4 Die diachrone Analyse
3.4.1 Damaskus Erlebnis
3.4.2 Zusammenführung der Diachrone Analyse
3. 5 Die synchrone Analyse
3.5.1 Auswertung der Synchronen Analyse

4 Gesetz im Galaterbrief.
4.1 Hinführung
4.1.1 Gal. 3,1-13
4.1.2 Gal. 3,15-19
4.1.3 Gal. 3,19-29
4.1.4 Gal. 4,1-7
4.1.5 Gal. 4,21-31
4.1.6 Gal. 5,14
4.1.7 Gal. 6,2

5 Gesetz im Römerbrief 2
5.1 Hinführung
5.1.1 Röm. 2,12-14
5.1.2 Röm. 4,1-22
5.1.3 Röm. 5,13
5.1.4 Röm. 6,1-7,6
5.1.5 Röm. 7,7-12
5.1.6 Röm. 7,14
5.1.7 Röm. 7,21-23
5.1.8 Röm. 10,4
5.1.9 Röm. 13,8-10

6 Die Theologie und Lehre des Gesetzes bei Paulus
6.1 Das Gesetz als ganzheitliche Größe
6.2 Das Tun des Gesetzes
6.3 Das Gesetz als heilige Macht des Fluches und der Verurteilung
6.4 Das Gesetz zur Aufdeckung der Sünde und Anklage durch die Sünde
6.5 Die Befreiung vom Fluch des Gesetzes durch Jesus Christus
6.6 Durch Jesus Christus wurde das Gesetz erfüllt
6.7 Funktion des Gesetzes

7 Zusammenfassung der Ergebnisse

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1. 1 Einleitende Gedanken

Diese Arbeit soll sich einzig und allein mit dem Theologischen Gesetzesverständnis von Paulus im Römer- und Galaterbrief beschäftigen. Wir wollen uns fragen, wie Paulus das Gesetz verstanden hat, nachdem er Christ wurde. Durch scheinbare Differenzen zwischen Gesetzesaussagen im Galater- und Römerbrief kommen verschiedene kontroverse Meinungen zutage, welche Probleme und Herausforderungen im theologischen Bereich auslösen können. In dieser Arbeit versuche ich, in großes Bild des Gesetzesverständnisses von Paulus zu malen. Daher muss schon vorgewarnt werden, dass nicht jedes der mit inbegriffenen Themen in seiner ganzen Tiefe zur Sprache kommt, sondern angeschnitten oder weggelassen wird.

1. 2 Allgemeine Problematik, Herausforderung und Relevanz

Die theologische Gesetzesthematik von Paulus ist von großer Relevanz und Herausforderung, denn gerade in vielen reformierten Kirchen gilt ״die Freiheit vom Gesetz“ als einer der Kerngrundsätze des christlichen Glaubens. Im neunzehnten Jahrhundert stellten die Gebrüder Grimm in ihrem ״Deutschen Wörterbuch“ die Gesetzlichkeit als etwas Positives dar. Wenn sich jemand an das Gesetz hielt und beispielsweise die Steuern zahlte, war dieser ״gesetzlich“ und dies war positiv zu bewerten. Heutzutage wird dieses Wort im Gemeindekontext eher als Schimpfwort gebraucht. In Predigten und Vorträgen werden Juden und Pharisäer als die ״gesetzlichen“ Menschen beschrieben, die versuchen, mit ganzer Kraft die Gebote Gottes einzuhalten.[1] Nach Ansicht und Ermessen mancher Menschen hingegen, müssen sich Christen nicht mehr an die Gebote halten, denn Jesus hat sie ja schließlich vom Gesetz freigemacht. ״Wenn Christen sich an das Gesetz halten, tun sie dies freiwillig und nur so weit, wie sie es für angemessen halten.“[2] Daraus resultiert, dass für viele Menschen die Freiheit des Gesetzes als Rechtfertigung gilt, alles tun und lassen zu können, was sie wollen. Diese Einstellung und Haltung zeigt sich darin, dass für viele Christen das Alte Testament für Gesetz und nicht für Freiheit steht, für sie ist es überholt und obsolet.[3] T. Woodpecker behauptet, dass dies auch die Mehrheit der Theologen befürworten und im AT keine besondere Rolle mehr für den gegenwärtigen Christen sehen.[4]

Um dort anzuschließen, zeigt Klaus Berger auf, wie Paulus einerseits von der Freiheit des Gesetzes, besonders deutlich in Galater. (4,5; 5,1.13) und Römer (7,3) spricht andererseits aber auch davon, dass das Gesetz gut, pneumatisch und heilig, also von Gott ist (Röm. 7,12.14). Auf der einen Seite wird es durch die Liebe erfüllt (Gal. 5,14; Röm. 13:8f.), also nicht aufgehoben. Auf der anderen Seite ist jedoch die Frage nach dem Umfang, der Gültigkeit und Ziel und Zweck des zu erfüllenden Gesetzes ungeklärt, denn Ritualbestimmungen und Speisegesetze werden nun keineswegs durch das Gesetz der Liebe erfüllt. Daraus resultiert, dass die Probleme sich auf die Frage nach dem inhaltlichen Umfang, der Gültigkeit und Ziel und Zweck des Gesetzes konzentrieren.[5] Darauf Antwort zu finden ist von enormer Relevanz, denn dies kann die Soteriologie, das Verhalten gegenüber dem AT, das Schuld- und Sünde-Verständnis und den Lebensstil eines Gläubigen bestimmen.[6]

1. 3 Aufbau der Ausarbeitung

In dieser Studienarbeit möchte ich aufgrund biblischer Grundlage untersuchen, welchen inhaltlichen Umfang Besteht das Gesetz nur noch aus den zehn Geboten oder zählen die unzähligen Speise- und Opfergebote auch dazu? Wird es von Paidus ganzheitlich oder unterteilt betrachtet?), welche Gültigkeit (Gelten die Ge- und Verbote des Alten Testaments noch für die Christen heute? Wer steht unter dem Gesetz - Juden und Heiden? Was bedeutet der Begriff ״ unter dem Gesetz? “ Wurde das Gesetz bei Paulus neu definiert? Was meint die Freiheit vom Gesetz? War es dem Gesetz überhaupt möglich, zu retten?) und welchen Ziel und Zweck ( Warum gab Gott dem Menschen das Gesetz? Was hatte es für eine Funktion? Konnte das Gesetz den Menschen vor Gott rechtfertigen? Was hat der Glaube und die Gnade mit dem Gesetz zu tun?) Paulus dem Gesetz zuschrieb, nachdem er Christ wurde. Um dies herauszufinden, werde ich folgende Fragestellungen behandeln:

1. Was ist das Gesetz allgemein? Welche Bedeutung hatte es für Juden? Wie wurde es verstanden? Wie sah man es kulturgeschichtlich? Was schrieben die neutestamentlichen Schreiber darüber?
2. Welche verschiedenen Meinungen gibt es zur Gesetzestheologie von Paulus und was wird darin vertreten? Was sind die Unterschiede? Welche Problematik steht hinter der Gesetzestheologie von Paulus?
3. Wie sah Paulus Vergangenheit bezüglich dem Gesetz aus? Was war für ihn das Gesetz? Wie verstand er es?
4. Wie sahen die verschiedenen Aussagen von Paulus bezüglich des Gesetzes aus? Waren sie positiv oder negativ? Gab es auch neutrale Aussagen? Wie sprach Paulus über das Gesetz?
5. Was sagt der Galater- und Römerbrief über das Gesetz?
6. Welche Gesetzestheologie vertritt Paulus? Wie sah seine Lehre in Bezug auf das Gesetz aus?

Schließlich wird es im Kern darum gehen, inwiefern das Gesetz für einen erlösten Menschen von Relevanz ist. Hierbei richtet sich mein Hauptaugenmerk auf den Römer- und Galaterbrief. Dafür werde ich die im Konsens für wichtig gehaltenen Perikopen untersuchen und theologisch auslegen. Am Ende der Arbeit wird Paulus selbst Antworten auf unsere Fragen gegeben haben.

2 Herkunft und Wesen des Gesetzes

2. 1 Bedeutung des Gesetzes im Alten Testament

2.1.1 Tora

Das Wort, welches für Gesetz im AT gebraucht wird, ist ״Tora“. Oft wird gesagt, dass es sich eher um eine allgemeine Lebensgebrauchsanweisung, anstatt um wirkliche Gebote, welche eingehalten werden müssen, handelt. Folgt man dieser Denkweise, so fokussiert sich das Wort ״Tora“ nicht auf Warnungen, Gebote oder Anforderungen, sondern auf einen grundsätzlichen Vorschlag, Leben nach Gottes Vorstellung oder Anweisung zu leben. Folgt nun jemand einer solchen Denkweise, muss er verstehen, dass die ״Tora“ auch Gottes Versprechen, sein Volk zu retten, seine Bestrafungen, sollte das Volk ungehorsam sein, aber auch geschichtliche

Berichte beinhaltet. Folglich können wir nicht behaupten, die ״Tora“ sei lediglich eine Anweisung für ein besseres und vorbildlicheres Leben. Thomas R. Schreiner schreibt, dass das Wort ״Tora“ sich viel mehr darauf bezieht, was dem Volk Israel befohlen ist zu tun oder nicht zu tun. Es geht also um einen reinen Gehorsams-Akt des Volkes Israels gegenüber dem Gesetz (613 Gebote und Verbote), welches Gott Mose auf dem Berg Sinai gegeben hatte.[7] ״The term torah concentrates on what God requires his people to do: his commands, statutes, and laws.“[8] Somit soil das Volk Israel in Gottes heilvoller Ordnung leben können.

2.1.2 Die Juden und die Tora

Für Juden ist es deshalb ein besonderes Anliegen, die Tora richtig zu verstehen und anzuwenden.[9] Nach mancher christlicher Meinung werden Juden oft als ״gesetzlich“ verurteilt. Ihnen wird vorgeworfen, sich durch ihr eigenes Handeln das Heil verdienen zu wollen. Was man jedoch sagen kann, ist: Für den Juden steht die Tora auf der gleichen Ebene wie das Heil. Jedoch ist die Tora nicht der Weg des autonomen Heilsgewinns, sondern die von Gott gnadenhaft gewährte Möglichkeit, heilen Lebens.[10] Nach jüdischem Verständnis war Gottes universeller Heilswillen an all denen erkennbar, welche sich an die Weisungen der Tora gehalten hatten. Die Überzeugung der Pharisäer war es, dass der Mensch durch das Umsetzen der Tora zeigt, dass er dem Willen Gottes in seiner eigenen Existenz Raum gibt und dass dadurch Gottes Herrschaft verwirklicht wird. Nun gibt es aber Kreise, welche den Gedanken vertreten, dass das Alte Testament verschiedene Wege der Errettung lehrt.

2.1.3 Die Tora im Frühjudentum

Ziel: Das Wesen und die Bedeutung der ganzheitlich verstandenen Tora im Judentum der neutestamentlichen Zeit zu ergründen: Die Tora galt als Gottes heilvolle Gabe, mit welcher er Ausdruck und Zuwendung seiner Liebe zum Volk Israel zeigte. Sie war ein besonderes Geschenk, welches das Volk von allen darumlegenden Völker als ein besonderes unterschied. Sie steht im Zusammenhang mit dem Gnadenbund, den Gott mit Israel einging. In ihr ist der offenbarte Wille des Schöpfers an die Geschöpfe verfasst.[11] M. Hengel schreibt diesbezüglich: ״In ihr ist alle Weisheit und Erkenntnis zusammengefasst. Sie gilt darum für alle Menschen und Völker.“[12] Gegenüber den anderen Völkern hat das Volk, dass die Tora kennt, einen Vorzug.

2. 2 Die Bedeutung des Gesetzes im Neuen Testament

2.2.1 Gesetz in der Umwelt der neutestamentlichen Schreiber

Um ein paulinisch-theologisches Gesetzesverständnis zu bekommen, ist es jedoch erst einmal unerlässlich, sich mit dem Begriff ״Gesetz“ in der Umwelt des Neuen Testaments auseinanderzusetzen. Die Verfasser der neutestamentlichen Schriften betrachteten das Gesetz als von Gott gegeben, jedoch vernachlässigten sie Teile davon. Statt ritueller Reinheit wurden ethische Inhalte in den Vordergrund gedrängt. Weil es jedoch schwierig war, sich gegenüber der göttlichen Setzung selektiv zu verhalten, resultierte eine Vielschicht von Status und Bedeutung des Gesetzes.[13] Eine weitere Herausforderung bestand in dem Verhältnis zwischen dem Gesetz und dem Evangelium. Die Einen verstanden das Gesetz als Heilsweg, während für die Anderen allein Gottes Gnade entscheidend war. Wiederum Dritte meinten, es sei ein Zusammenspiel von Gesetz und Evangelium, von Werk und Gnade das entscheidend für die Rechtfertigung vor Gott war.[14]

2.2.2 Gesetz in der Perspektive Kulturgeschichtliche

Innerhalb des antiken Gemeinwesens erscheint das Gesetz (νομος) als eine Norm, die eine Verehrung der Götter fordert und Gerechtigkeit zwischen Menschen schafft. Hielt sich wer an das Gesetz, so verehrte er Gott damit und erstrebte Gerechtigkeit. Für Aristoteles erfährt Gerechtigkeit ihre tiefste Bestimmung darin, dass der Mensch das Gesetz einhält. Somit gilt: ״Wer die Gesetze missachtet, ist ungerecht, so hatten wir gesehen, wer sich achtet, ist gerecht. Das heißt also: alles Gesetzliche ist im weitesten Sinn etwas Gerechtes.“[15] Gesetzlich zu sein bedeutete nichts Negatives, sondern indem die Gesetze eingehalten wurden, hatte dies eine lebensspendende und zugleich rettende Funktion einzelner Individuien und sogar ganzer Städte.[16]

2. 3 Zusammenfassung

2.3.1 Juden

1: Das Gesetz (Tora) war für die Juden nicht nur eine ״nette Lebensanweisung“, sondern Gesetze und Regeln, zu wessen Einhaltung sie verpflichtet waren.
2: Sie sahen die Tora als Weg, um heil zu leben, nicht als Heilsweg und Erlöser. In ihr offenbarte sich der gesamte ewige Wille des Schöpfers an die Geschöpfe.

2.3.2 Kulturgeschichtlich

1: Das Gesetz (Nomos) wurde nicht als negativ, sondern als positiv betrachtet. Es vermittelte eine rettende und lebenspendende Funktion für Mensch wie für Stadt.[17]

2.3.3 Verfasser des Neuen Testaments

1 : Das Gesetz hat göttlichen Ursprung,
2: Sie vernachlässigten Teile von ihm. (Ethische vor Rituellen Gesetzen)

3 Das Gesetz bei Paulus im Diskurs

3. 1 Gesetzesthematik

Das Gesetz war für den Juden Paulus das Zentrum des religiösen Lebens und Handelns. Seine Bekehrung führte dahin, dass er dieses nun mit einem ganz neuen Blickwinkel betrachtete, und dies nun zu Auseinandersetzungen mit Juden und Judenchristen führte. ״Die Paulinische Lehre vom Gesetz gilt nicht ohne Grund als der schwierigste Teil der Theologie des Apostels.“[18] Paulus stellt dieses nicht nur unsystematisch dar, sondern gebraucht auch eine Vielschichtigkeit von übernommenen alttestamentlich-jüdischen, jesuanischen und urchristlichen Gesetzestraditionen. Dies führt dazu, dass sich die Auffassungen vom Verständnis des Gesetzes bei Paulus in extremer Weise divergieren.

3. 2 Auslegung der Gesetzeswerke (έργων νομού) bei Luther

Für Luther waren Gesetzeswerke vor Gott nicht unbedeutend. Jedoch waren sie seiner Meinung nach als Früchte des Glaubens zu verstehen, so dass der Glaube, nicht die Werke vorausgehen.[19] Hinsichtlich des Gesetzes hatte dies für Luther eine doppelte Funktion: 1. Die Sünde aufzudecken (״USUS theologicus“[20] ). 2. Als Zuchtmeister (Gal. 3,24) hin zu Christus zu führen. Das Gesetz war nach Luther also eine Vorbereitung auf die Gnade des Evangeliums.[21] So kommen für Luther ״Christus“, als dem inkarnierten Wort Gottes, Evangelium und Gesetz zusammen. Wichtig ist hierbei jedoch zu betonen, dass der Gläubige (zugleich gerecht und Sünder) lebenslang auf Gesetz und Evangelium angewiesen bleibt.[22]

3.3 Auslegung der Gesetzeswerke (έργων νομού) in der neueren Diskussion

3.3.1 R. Bultmann

Da Paulus in der Vergangenheit Pharisäer[23] war, und versucht hatte, durch das Gesetz gerecht vor Gott zu werden, sieht Bultmann in der ganzen Gesetzestheologie von Paulus, dass es nicht erst Sünde ist, wenn man am Gesetz scheitert, sondern wenn man versucht, durch dieses Gerechtigkeit zu erlangen. Nach Bultmanns Deutungen über die Gesetzestheologie ist also schon der Versuch, am Gesetz gerecht zu werden, für Paulus falsch.[24]

3.3.2 E.p. Sanders

Sanders hingegen folgt nicht der Meinung von Bultmann und schiebt den Fokus weg von Sünde, hin zum Heilsweg bzw. Heilsverständnis. Daraus folgend liegen die Aussagen von Paulus in der Christologie und Soteriologie begründet, woraufhin nach Sanders Christus nicht hätte Sterben müssen, wenn es dem Gesetz möglich gewesen wäre, einen Heilsweg für den Mensch darzulegen, durch den er selbst gerecht werden würde.[25] Nach Sanders hat Paulus das Gesetz aus dogmatischen Gründen abgelehnt, weil er zur Überzeugung kam, dass Christus die Lösung auf das menschliche Problem war, und dass Erlösung nur durch ihn geschah.[26]

3.3.3 J.D.G. Dunn

In seinem Buch ״The new perspective on Paul“ spricht sich J.D.G. Dunn gegen die einheitliche Meinung aus, dass wenn Paulus von Gesetzeswerken spricht, er die mosaische Tora in ihrer Gesamtheit meint. Vielmehr stellt er sich gegen die jüdischen Reinheits- und Speisegebote, sowie die Beschneidung und die Rolle des Sabbats als Grundlage zur Errettung.[27]

3. 4 Die diachrone Analyse

Bei der diachronen Analyse wollen wir zunächst einmal unsere völlige Aufmerksamkeit auf die Aussagen des Paulus, hinsichtlich seiner pharisäischen Vergangenheit legen.[28] Wer war er (Prägung) und welche religiösen Vorstellungen brachte er mit? s. Ben-Chorin erklärt in seinem Buch, dass man Paulus in Bezug auf das Gesetz nur dann richtig verstehen könne, wenn man zuvor Jude gewesen sei.[29] Paulus bekennt sich in Phil 3,5-6 zum Pharisäertum und betrachtet seinen Lebenswandel als ״untadelig“ nach dem Gesetz. Außerdem betont er seinen besonderen ״Eifer“ bezüglich der Verfolgung der Gemeinde Jesu und den Überlieferungen der Väter (Gal. 1,14). Im Gegenzug dessen war er sich sicher, seine Gerechtigkeit vor Gott alleine aus dem Gesetz zu erlangen (Phil. 3,9). Wir können also drei Schlüsse über seine Vergangenheit ziehen: 1. Er war ein Eiferer für die Tora. 2. Er betrachtete sich selbst dem Gesetz gegenüber als untadelig. 3. Er übertraf all seine Altersgenossen in seinem Einsatz, die Überlieferungen der Väter einzuhalten. Paulus als ״Eiferer“ für den radikalen Flügel des Pharisäertums, war umfassend in der Tora und ihrer Auslegung beheimatet. Auch fühlte er sich im gesamten jüdischen Gesetzesverständnis eindeutig zuhause. Konsequenterweise lässt die Verwurzlung in der pharisäischen Tradition erwarten, dass auch für Paulus die Gesetzesthematik ein bedeutsames und sensibles ist.[30]

3.4.1 Damaskus Erlebnis

Sein Berufungserlebnis in Damaskus löste eine völlige Veränderung aus, welches in ihm ein radikales Timdenken im Hinblick auf das Gesetz und dessen Heilsbedeutung bewirkte.[31] Nun bleibt natürlich die Frage, welche Konsequenzen dieses Ereignis für das Gesetzesverständnis von Paulus gehabt haben musste.

3.4.2 Zusammenführung der Diachronen Analyse

Lido Schnelle führt in seinem Buch ״Paulus- Leben und Denken“ die gesamte frühe Zeit, das Apostelkonzil und die Galatische Kriese ausführlich und detailliert aus. Nach ausführlichen Ergebnissen kommt er zum Schluss dass, 1. der Diachrone Abriss zeigt, wie sehr das jeweilige Gesetzesverständnis mit dem Lebensweg des Paulus verbunden war und 2. dass man nicht von dem Gesetzesverständnis des Apostels sprechen könne, denn er bearbeitete notwendigerweise und sachgemäß die

Gesetzesthematik seiner historischen Situation entsprechend in unterschiedlicher Weise.[32]

3. 5 Die synchrone Analyse

Die synchrone Analyse soll sich mit den verschiedenen Aspekten der Aussagen von Paulus gegenüber dem Gesetz beschäftigen. Hierbei wollen wir in vier Kategorien differenzieren: 1. Positive Aussagen, 2. Negative Aussagen, 3. Paradoxe Aussagen, 4. Nomos im neutralen Sinn. Diese Analyse soll uns ein grobes Bild über die Aussagen des Gesetzes von Paulus vermitteln.

1. Positive Aussagen: (Röm. 7,12; 7,16b. 22); (Gal. 3,12; Röm. 2,14). In Gal. 5,14 und Röm. 13,8-10 wird ein positiver Zusammenhang zwischen dem Liebesgebot und der Gesetzerfüllung betont.[33]
2. Negative Aussagen: (Gal. 3,19.23.24; 5,4; Röm. 6,14)[34] ; (Gal. 3,24; Röm. 5,20; 7,1-3). Gesetz steht im Gegensatz zum Geist (Gal. 3,1-4; 5,18), Glauben (Gal. 3,12.23), zur Verheißung (Gal. 3,16-18; Röm. 4,13) und zur Gerechtigkeit (Gal. 2,16; 3,11.21; 5,4; Röm. 3,28; 4,16). Sündenbekenntnis (Röm. 3,20.21), Zorn Gottes (Röm. 4,15), ruft sündige Leidenschaften hervor (Röm. 7,5), hält gefangen (Röm. 7,6), ist Maßstab für das zukünftige Gericht (Röm. 2,12.13; 3,19), Israel wurde das Gesetz gegeben, dennoch wurden sie durch dieses nicht vor Gott gerecht (Röm. 9,4.31). Dem Gesetz war es nicht möglich, die Herrschaft der Sünde zu durchbrechen und Leben zu spenden, obwohl es dies im eigentlichen Sinne sollte (Röm. 7,10). Das Gesetz ist für Paulus (Röm. 7,7) keine Sünde, wobei man dies allerdings durch (Röm. 4,15; 5,13; 7,5.8) schlussfolgernd könnte.[35]
3. Paradoxe Aussagen: Hier wird eine Gesetzmäßigkeit betrachtet, welche sich nicht auf das Gesetz bezieht (Gal. 6,2)[36] ; (Röm. 3,27[37] ; 8,2[38] ).
4. No UPC im neutralen Simr. Zur Bezeichnung der jüdischen Existenz (Gal. 4,4; Phil. 3,5).

3.5.1 Auswertung der synchronen Analyse

Ist es überhaupt möglich, die differenzierten Gesetzes-Aussagen in eine für uns hilfreiche Gesetzeslehre zusammenzufassen? Der diachronen Analyse zur Folge, werden wir nicht vom dem Gesetzesverständnis sprechen können.[39] Dennoch wollen wir uns in dieser Ausarbeitung mit den wichtigsten und aufschlussreichsten Bibelstellen befassen und zu einem großen Bild des Gesetzesverständis gelangen.

4 Gesetz im Galaterbrief

4. 1 Hinführung

Der Galaterbrief behandelt die Thematik, wie der gläubige Christ Stellung zum mosaischen Gesetz einnehmen soll.[40] Paulus schrieb den Brief an die Galater aus großer Besorgnis heraus. Eine Gruppe von gesetztes zentrierten Judaisten versuchten, durch falsche Lehre die Beschneidung als Heilsweg zu vermitteln. Ihr Ziel war es, die Galater wieder für die Norm des mosaischen Gesetzes zu gewinnen. Paulus sieht die Gefahr, dass die Galater aus der ״Gnade fallen“ (5,4) und fragt sie eindringlich, ob sie sich im Klaren darüber sind, was es bedeutet, wenn sie vom wahren Evangelium abfallen und auf fleischliche Weise das zu Ende bringen, was sie geistlich begonnen hatten.[41] Paulus fürchtet, dass all seine Bemühungen vergeblich gewesen waren. (4,11). Mit eiserner Faust kämpft er gegen dieses falsche Evangelium und versucht, die Galater wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Die zentrale Aussage seines Briefes lautet: Nicht aus Gesetzeswerken, sondern nur durch den Glauben an Jesus Christus wird der Mensch vor Gott gerechtfertigt (2,16). Im Galaterbrief möchte ich folgende Frage beantworten: War es dem Gesetz möglich zu rechtfertigen? Wie Stand Abrahams Glaube im Verhältnis zum Gesetz? War es dem Gesetz möglich die Verheißung ungültig zu machen? Was bedeutet ein Same Abrahams zu sein? Was bedeutet das Gesetz als Paidagogos? Kann das Gesetz durch Liebe erfüllt werden?

4.1.1 Gal. 3,1-13

4.1.1.1 Nicht die Werke des Gesetzes rechtfertigen, sondern den Glauben

Galater drei beginnt mit fünf rhetorischen Fragen, die Paulus den Galatern stellt (3,1-5). Diesen Fragen liegt die These zugrunde, dass die Rechtfertigung nicht aus Gesetzeswerken, sondern aus Glaube kommt.42 Anhand des Beispiels von Abraham argumentiert Paulus, warum aufgrund des Gesetzes niemand durch dieses gerechtfertigt wird, sondern aus Glaube[42] (3,6). Paulus präzisiert, dass nur die im Glauben leben, welche Söhne Abrahams sind (3,7). Er schließt den Abschnitt mit: ״Wenn ihr aber Christus angehört, so seid ihr Abrahams Same und nach der Verheißung Erben (3,29). Der Glaube an Jesus bedeutet ein Nachkomme Abrahams zu sein.[43] Genau hier liegt womöglich das Anliegen der Galater, denn sie versuchten, die Nachkommenschaft Abrahams anhand ihrer Gesetzeswerke und nicht aufgrund des Glaubens an Jesus zu erlangen[44] Paulus schreibt dazu: ״Denn alle, die aus Gesetzeswerken sind, die sind unter dem Fluch: denn es steht geschrieben: "Verflucht ist jeder, der nicht bleibt in allem, was im Buch des Gesetzes geschrieben ist, um es zu tun! (3,10)“.[45] Warum werden die religiösen Gesetzestäter nicht mit Abraham gesegnet? Weil diese alle ״unter Fluch Stehen.“ Dies argumentiert er nicht anhand seiner Logik, sondern er zieht die Schrift zur Hand.[46] Er zitiert aus Deuteronomium nur den letzten zusammenfassenden Fluch und gibt ihm dadurch eine allgemeine Beachtung. Dies zeigt sich darin, dass er statt des Deut-Textes ev πασιν τοις λογοις του νομού τουτου formuliert: πασιν τοις γεγραμμενοις εν τω βιβλιω του νομού. Dies kann sich auf die ganze Tora beziehen.[47] Wer also an der Tora scheitert, an dem wird der Todesfluch Gottes wirksam.[48] Wen hat der Apostel im Auge? Den Juden, den gesetzestreuen

[...]


[1] Vgl. Woodpecker T. (2017) s. 3

[2] Woodpecker T. (2017) S.4

[3] Vgl. Woodpecker T. (2017) s.4

[4] Vgl. Woodpecker T. (2017) S.4

[5] Vgl. Berger, Klaus (1994) S.503

[6] Boschik, Reinhold: So auch Boschik:״Immer wieder leitete man aus der Paulinisches Theologie schiefe Urteile über das Judentum ab: Nomismus, Fleischlichkeit, Legalismus, Leistungsideologie, Werkgerechtigkeit, verstocktes, irdisch denkendes Volk u.ä.“ (Petuchowski, 1989, 283).

[7] Vgl. R. Schreiner, Thomas (2010) S.19

[8] R. Schreiner, Thoms (2010) s.19

[9] Vgl. Roloff, Jürgen (1997) S.205

[10] Vgl. Rodolf, Jürgens (1997) S.206

[11] Vgl. Roloff, Jürgen (1997) S.204

[12] Roloff, Jürgen (1977) S.204

[13] Dieter Betz, Hans (2000) S.847

[14] Rienecker, Fritz (2013) S.410

[15] Schnelle, Udo (2007) S.269

[16] Vgl. Scimene, Udo (2007) S.269

[17] Coenea Lothar (1977) S.522 ״Im politischen Gebrauch wird ״Nomos“ verstanden als positivster Gehalt der Polis, richterliche Nona Rechtsanspruch, politisches Gesetz.

[18] Stuhlmacher, Peter (1992) S.253

[19] Vgl. Boschik, Reinhold

[20] Vgl. Diener, Dr. Michael (2017): ״Das ״vornehmste Amt und die höchste Kraft des Gesetzes ist, dass es die Erbsünde mit ihren Früchten und allem offenbar macht und dem Menschen zeigt, wie tief seine Natur gefallen und wie abgründig verderbt sie ist... dadurch wird er erschreckt, gedemütigt, verzagt und verzweifelt, wollte gern, dass ihm geholfen würde, und weiß nicht aus noch eia fangt an Gott feind zu werdea zu murren usw.“

[21] Vgl. Comfort Ray (2006) S.53 zitiert Moody über das Gesetz: “The Law can only chase a man to calvary, no further ; Vgl. R. Sclaeiner, Thomas (2010) S.98 “Here the law of Moses lias its place. It is no longer binding on US because it was given only to the people of Israel.”, “To be sure, the Genitles have certain laws in coimnon with Jews, such as these: there is one God, no one is to do wrong to another, no one is to commit adulten or murder or steal, and others like them. Tilis is written by nature into their hearts.”, “We will regard Moses as teacher, but we will not regard İlim as our lawgiver-unless he agrees with both the New Testament and the natural law.” Luther schreibt weiter: “Thus we read Moses not because he applies to US, that we must obey İlim, but because he agrees with natural law.

[22] Vgl. Diener, Dr. Michael

[23] Vgl. Punkt 3.3 Diaclirone Analyse

[24] Vgl. Woodpecker T. (2017) S.9; Bultmann, Rudolf (1953) S.259 ״Aber Paulus geht noch viel weiter; er sagt nicht nur , dass der Mensch durch Gesetzeswerke nicht das Heil erlangen kann, sondem auch, dass er gar nicht soll.“

[25] Vgl. Woodpecker T. (2017) S.10; Vgl. Wright, N.T (2010) S.20 Sanders argumentiert, dass das Judentum zur Zeit von Paulus nicht von Gesetzeswerken geprägt war, sondern, dass das Halten des Gesetzes iimner innerhalb eines bundestheologischen Raiunes stattfand. Für ihn, kontroverse anderer Autoren, war es deutlich, dass die Juden das Gesetz aus Dankbarkeit hielten, nicht um ins Volk Gottes hineinzukommen, sondem um drinnen zu bleiben. Das Gesetz war die menschliche Antwort auf Gottes Bundesinitiative und damit seine Gnade. Die Initiative Gottes durch das Gesetz aus Gnade nennt Sanders ״Bundesnominismus“; Vgl. R. Schreiner, Thomas (2010) S.37 Das Gesetz wurde als Lösung verworfen und als Problem identifiziert, da Christus die einzige Antwort für die Menschheit ist.

[26] Vgl. R. Schreiner, Thomas (2010) S.36

[27] Vgl Woodpecker (2017) s. 10

[28] Vgl. Scimene, Udo (2003) S.585

[29] Vgl. Woodpecker T. (2017) S.5

[30] Vgl. Scimene, Udo (2007) S.270

[31] Vgl. Roloff, Jürgen (1977) S.203

[32] Vgl. Schnelle, Udo (2003) S.585-591; Vgl. Woodpecker (2017) S.10 beschreibt das paulinische Gesetzesverständnis von Luther, welcher deutete, dass nicht nur die Fülle der Gesetzesstellen, aber auch die Vielschichtigkeit seiner Aussagen dieses sein־ kompliziert machen.

[33] Vgl. Scimene, Udo (2003) S.591

[34] Gesetz İrat eine zeitlich und sachliche Funktion

[35] Vgl. Schnelle, Udo (2003) S.592 Das Gesetz ist verantwortlich, dass die Sünde aktiviert wird und das folglich daraus der eschatologische Tod steht.

[36] Gesetz Christi.

[37] Gesetz des Glaubens.

[38] Gesetz des Geistes/Lebens in Jesus- Befreiung vom Gesetz der Sünde und des Todes.

[39] Vgl. Punkt 2.4.2

[40] Vgl. Van Dülmen. Andrea (1968) S.12

[41] Vgl. Rohde Joachim (1989) S.128

[42] Vgl. Borse, Udo (1984) S.125

[43] Vgl. R. A. Cole (1986) S.98 Pisto übersetzt für ״glauben“ ist dem Sinn nach unbedingt Aktiv und heißt aus Glauben heraus leben“. Man sah nicht den Glauben von Abraham, sondem das Resultat seines Glaubens.

[44] Vgl. Röm. 4,13

[45] Vgl Hübner, Hans (1982) S.16

[46] Vgl. Mußner, Franz (1974) S.223 Der Begründungs-Partikel γαρ, setzt den Gedanken aus V. 9 voraus, welcher dort nicht ausgesprochen wurde: Die Glaubensmenschen werden mit Abraham gesegnet, nicht die Gesetzesmenschen.

[47] Vgl. Deut. 27,26 ״Verflucht ist jeder, der nicht verharrt bei allem, was geschrieben steht im Buch des Gesetzes, um es zu tun.“

[48] Vgl. Mußner, Franz (1974) S.223-224

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Details

Titel
Das Gesetz in der Paulinischen Theologie. Eine biblisch-theologische Ausarbeitung mit besonderen Fokus auf dem Römer- und Galaterbrief
Note
3,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
53
Katalognummer
V435647
ISBN (eBook)
9783668772175
ISBN (Buch)
9783668772182
Dateigröße
869 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesetz, Theologie, Paulus, Römerbrief, Galaterbrief
Arbeit zitieren
Nathanael Mertens (Autor), 2018, Das Gesetz in der Paulinischen Theologie. Eine biblisch-theologische Ausarbeitung mit besonderen Fokus auf dem Römer- und Galaterbrief, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435647

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