Über die Verträglichkeit und Unverträglichkeit von Religiosität und dem pädagogischen Leitziel Mündigkeit


Diplomarbeit, 2000

92 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. Begriffsbestimmungen
1.1 „Religiosität“ - Versuch einer Begriffsbestimmung
1.1.1 Etymologische Bedeutung
1.1.2 Gesellschaftliche Bedeutung von Religion und Kirche
1.1.3 Die persönlich-spirituelle Dimension des Religiösen
1.1.4 Konkretisierung
1.2 Das pädagogische Leitziel „Mündigkeit“ - Versuch einer Begriffsbestimmung
1.2.1 Konkretisierung

2. Das Spannungsverhältnis zwischen Religiosität und Mündigkeit – ein Resultat der fortgeschrittenen Neuzeit
2.1 Zur Begrifflichkeit von Moderne und Postmoderne
2.2 Die Offenbarungskritik und andere Kennzeichen der Moderne
1. Emanzipation
2. Anthropozentrik
3. Diesseitsorientierung
4. Vernunftautonomie
2.3 Zusammenfassung unter Einbezug des historischen Kontextes

3. In welchem Verhältnis stehen religiöse Sozialisation und mündige Identität?
3.1 Die Identitätstheorie von Jürgen Habermas
1. Natürliche Identität
2. Rollenidentität
3. Ich-Identität
3.2 Die „Diskursethik“ als Eigenheit einer anzustrebenden kollektiven Identität
3.3 Ich-Identität als Leitziel der Ich-Entwicklung
3.3 Die störenden Momente religiöser Sozialisation beim Aufbau mündiger Identität

4. Zum entwicklungs- und moralpsychologischen Stellenwert von Mündigkeit und Religiosität
4.1. Die acht Phasen menschlicher Entwicklung - von Erik H. Erikson 38 Fehler! Textmarke nicht definiert
4.1.1 Epigenetisches Diagramm
4.1.2 Die acht Stadien der menschlichen Entwicklung
1. Ur-Vertrauen gegen Ur-Misstrauen
2. Autonomie gegen Scham und Zweifel
3. Initiative gegen Schuldgefühle
4. Werksinn gegen Minderwertigkeitsgefühl
5. Identität gegen Identitätsdiffusion
6. Intimität und Distanzierung gegen Selbstbezogenheit
7. Generativität gegen Stagnierung
8. Integrität gegen Verzweiflung und Ekel
4.1.3 Zusammenfassung
4.2 Die Theorie der Entwicklung des moralischen Urteils - von Lawrence Kohlberg
A. Entwicklung:
B. Interaktion:
C. Aktive Rekonstruktion:
D. Kognition:
E. Interdisziplinarität:
4.2.1 Was bedeutet der Untersuchungsgegenstand „moralisches Urteil“?
4.2.3 Worin liegt das Universelle, das Nicht-Relative am moralischen Urteil?
4.2.4 Das Modell der Moralstufen
A. Die präkonventionelle Ebene:
B. Die konventionelle Ebene:
C. Die postkonventionelle Ebene:
4.3 Kohlberg und Erikson in Gegenüberstellung

5. Theologische Reflexionen und Ansätze zur Rezeption des
Mündigkeitsgedankens
5.1 Zur Bedeutung der Rezeption für die Theologie
5.2 Zur Autonomie-Vorstellung in der biblischen und theologischen Tradition
5.2.1 Die philosophische Verabsolutierung der Autonomie-Vorstellung
5.2.2 Die neuzeitlich-theologische Integration der Autonomie-Vorstellung
5.3 Die „Autonome Moral“ als Grundlage christlicher Ethik
5.3.1 Die ethische These
5.3.2. Die theologische These
5.3.3 Die lehramtliche These
5.4.1 Anmerkung zum Modell der autonomen Moral im christlichen Kontext

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Vorwort

Da ich gelegentlich Menschen begegne, die sich für die Gründe und Motive interessieren, warum ich mich ausgerechnet mit der Frage nach der Verträglichkeit und Unverträglichkeit von Religiosität und Mündigkeit beschäftige, wurde ich in der Tat darauf hingestoßen dieses Vorwort zu nutzen, um jene zugrundeliegende Triebfeder ein wenig näher zu beleuchten. So will ich die persönlichen Eckdaten rasch skizzieren, welche meine Neugierde an ebendieser Thematik geweckt haben:

Die unspektakuläre Tatsache, dass ich im Jahre 1970, inmitten einer ländlich-katholischen Gemeinde am Ostrand des Schwarzwaldes, in eine patriarchale Familie mit klassischer Rollenverteilung hineingeboren wurde, in der zweifellos ein traditionell katholisches Bewusstsein vorherrschte, scheint mir indessen eine wichtige Voraussetzung zu sein.

Einerseits konnte ich ein Klima der existentiellen Sicherheit und Liebe spüren, das von meinen Eltern ausging und das von einem eindeutigen und handfesten Lebensentwurf getragen wurde. Andererseits wurde ich durch eine damit zusammenhängende straffe Gehorsamspflicht in meiner autonomen Initiative sehr beschränkt. Beispielsweise gehörte der Zwang zum sonntäglichen Kirchgang, als äußeres Zeichen des Glaubens, genauso zum Erziehungsalltag wie die Tabuisierung der Sexualität. So galt manches als unhinterfragbare Verhaltensvorschrift, deren Sinn dem ursprünglich kindlichem Forscherdrang geheimnisvoll verschleiert blieb und sich jedweder Erklärung entzog. Scham-, Schuld- und Furchtgefühle, die hierbei entstanden, erzeugten eine deutliche Ambivalenz zwischen Liebe und Hass, Geborgenheit und Furcht.

Die tradierten, starren Regeln und Glaubenswahrheiten gerieten mit zunehmender geistiger Reifung in Konflikt mit neuen Informationen und Erkenntnissen, die mich persönlich, verstärkt durch den dynamischen Veränderungsprozess der postmodernen Welt, stark beeinflussten. Durch ein bescheidenes Maß an Einsicht in sozialwissenschaftliche Erklärungsmuster, den Austausch mit anderen und die herangewachsene Fähigkeit selbstständig zu denken, geriet die mir bislang durchaus haltgebende und in zahlreichen Situationen tröstende religiöse Einstellung in ihrer bisherigen Form ins Wanken. - Sie stimmte mit den modernen, aufgeklärten und säkularisierten Weltbildern in zunehmendem Maße nicht mehr überein.

Durch ebendiese Konfrontation also, in der die leise innere Ahnung religiöser Wahrheit, die jenseits der Begrenzungen unserer greif- und messbaren Wirklichkeit liegt, auf bestechend einleuchtende wissenschaftliche „Aufklärungen“ prallte und diese wiederum auf rational nicht begründete oder begründbare religiöse Manifestationen stießen, entstand meines Erachtens die Spannung, die mich veranlasste, ein wenig mehr herauszubekommen über den Zerfall des traditionell-religiösen Bewusstseins, unter den Bedingungen der modernen technokratischen Gesellschaft.

Ob oder was für ein Beitrag von der christlichen Religion in der fortgeschrittenen, durch Individualisierung und Pluralisierung geprägten Moderne für die Entwicklung des Menschen und der Menschheit auszugehen vermag, das ist indessen die Leitfrage, die dieser Arbeit zugrunde liegt.

Somit orientiert sich diese Fragestellung insbesondere an der Identitätsbildung des Menschen, die in unserer pluralen Lebenswelt zu einem zentralen Thema geworden ist. „Mündigkeit“ als Wesenszug einer anzustrebenden Identitätsformation wurde indes zum obersten pädagogischen Ziel erklärt.

Wir beschäftigen uns also damit, inwieweit sich Religiosität und Mündigkeit (als pädagogisches Erziehungs- und Sozialisationsziel) ausschließen oder ergänzen. Ob die Reifung zu einer mündigen Identität im religiösen Kontext möglich ist und inwiefern das Christentum in der modernen Gesellschaft einen notwendigen oder nur verzichtbaren Beitrag zur Identitätsbildung leisten kann.

Einleitung

Betrachtet man die Fülle von Theorien zur geistigen Autonomie des Menschen, die sich erstrecken von den moraltheologischen Überlegungen des Thomas von Aquin nach den Abhandlungen zum Begriff „Mündigkeit“ im Zuge des aufklärerischen Denkens, v. a. bei Immanuel Kant, bis hinein in die praktische Philosophie der Gegenwart und hier speziell zur Habermasschen Identitätstheorie und Diskursethik oder den entwicklungspsychologischen Konzepten von Erik H. Erikson und Lawrence Kohlberg, so stößt man immer wieder auf die Dimension des Religiösen.

Folglich scheint sich die Diskussion um die Bildung menschlicher Identität in einem signifikanten Verhältnis zwischen humanwissenschaftlicher und christlicher Ethik zu bewegen. Die Humanwissenschaften, die die Forderung nach mündiger Identität grundsätzlich anhand reiner Vernunftkriterien beschreiben, divergieren allenthalben mit traditionell-religiösen Sozialisationsvorstellungen und konvergieren mit der Dimension des Religiösen, indes Ursache und Grund dieser ethischen Frage nach Mündigkeit untersucht werden. An ebendiesen Stellen also, an denen man nach den Voraussetzungen für die Vermenschlichung des Menschen und der Humanisierung der Gesellschaft fragt und nach der Notwendigkeit der Entfaltung der menschlichen Würde ermittelt, scheinen Wissenschaft und Religion sich entweder ausschließend oder ergänzend zu berühren...

Wie im Titel bereits formuliert, gilt Mündigkeit als Leitziel pädagogischen Handelns. Ausgelöst durch die Schrecken des Zweiten Weltkrieges erlangte die Debatte um den Begriff Mündigkeit in der Erziehung, bis in unsere Zeit hinein, ein hohes Maß an Aktualität. So forderte Theodor Adorno, „dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, dass man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat. “[1] Und weiter schreibt er an anderer Stelle: „Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf; die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.“[2]

Diese Erkenntnis verweist unmittelbar auf die Wichtigkeit und Notwendigkeit einer Erziehung zu wirklicher Autonomie und Mündigkeit, die nicht leichtfertig abgetan werden darf, wenn man bedenkt, welcher Bedrohung die „Erziehung nach Auschwitz“ gegenübersteht.

Der Frage nachgehend, inwiefern die Entwicklung zu einer mündigen Identität im religiösen Kontext möglich ist und ob Religiosität in der modernen Gesellschaft einen nur verzichtbaren oder doch notwendigen Beitrag zur Identitätsbildung leisten kann, liegt die Aufgabenstellung dieser Arbeit:

- In der Kennzeichnung jener historisch gewachsenen Merkmale der Moderne, die die Spannung erzeugen, welche die Religion zu einem fragwürdigen Moment bei der Bildung von Identität, unter den Bedingungen der Gegenwart, macht.
- Im Aufzeigen von sozialwissenschaftlichen Theorien und philosophischen Grundlagen zum Begriff Mündigkeit. Hierbei stütze ich mich zum einen auf die Identitätstheorie und Diskursethik von Jürgen Habermas sowie die entwicklungspsychologischen Modelle von Erik H. Erikson und Lawrence Kohlberg, die den Wachstumsprozess zur personalen Autonomie darstellen. In Anlehnung an die Überlegungen von Jürgen Habermas, werde ich jene von der Religion ausgehenden störenden Momente skizzieren, die im Bezug auf die Identitätsbildung im religiösen Kontext auftauchen.
- In der Darstellung und Erörterung theologischer Reflexionen zur Rezeption des sozialwissenschaftlichen Mündigkeitsbegriffs in einen zeitgemäßen christlichen Kontext. Im Hinblick auf diese Fragestellung orientiere ich mich vor allem an dem von Alfons Auer verfassten moraltheologischen Standardwerk „Autonome Moral und christlicher Glaube“.
- Unterdessen ist es mir ein Anliegen, dass der Titel, unter dem diese Arbeit entsteht nicht verstanden wird als: Inwieweit ist Religion brauchbar, um dem obersten pädagogischen Leitziel zu dienen. Auch nicht: Was dürfen die Sozialwissenschaften alles fordern, um den Segen der Religion nicht zu verlieren. Sondern: Gibt es eine oder gibt es keine Verträglichkeit zwischen Religiosität und Mündigkeit, aus der heraus sich die Religion aus den Humanwissenschaften und andersherum die Humanwissenschaften aus der Religion befruchten können, um einem gemeinsamen Ziel: Dem Dienst am Menschen, zur Vermenschlichung des Menschen, zur Humanisierung der Gesellschaft am ehesten gerecht zu werden? Diesem Anliegen werde ich versuchen in einer abschließenden Betrachtung gerecht zu werden.

Bevor ich jedoch in den hier kurz vorgestellten Aufbau der Arbeit einsteige, möchte ich die Begriffe Religiosität und Mündigkeit näher bestimmen.

1. Begriffsbestimmungen

1.1 „Religiosität“ - Versuch einer Begriffsbestimmung

Folgende Begriffserklärung stellt keine allgemeine Definition von Religiosität dar. Denn die Vielfalt der Worterklärungen, denen ich begegnet bin, ist im Blick auf die Pluralität religiöser Überzeugungen und Organisationen derart groß, dass es m. E. nur schwerlich gelingen mag, Religiosität so zu charakterisieren, dass sie der Vielfältigkeit des Religiösen gerecht wird.

Es ist hier also nicht von Interesse, die mannigfaltigen Formen des Religiösen vorzustellen. Vielmehr ist es mir ein Anliegen, einen Religiositätsbegriff im engeren Sinn zu bestimmen, der geeignet ist, eine Diskussion über die vorliegende Fragestellung zu führen.

Wie Adorno formulierte, ist verwirklichte Demokratie nur als Gesellschaft von Mündigen vorstellbar.[3] Insofern sind es in erster Linie die Religionen der sogenannten westlichen (demokratischen) Welt, welche für unsere Überlegungen von Relevanz sind. Und hier ist Religion für die meisten Menschen gleichbedeutend mit Christentum, bzw. mit dem christlichen Offenbarungsglauben.

Unterdessen möchte ich, nach einer kurzen etymologischen Information, zwei Merkmale von Religion hervorheben, die m. E. als signifikante Wesenszüge des Religiösen zu sehen sind. Gemeint sind hier die spirituell-personale (vertikale) und die gesellschaftlich-konstitutive (horizontale) Dimension des Religiösen.

1.1.1 Etymologische Bedeutung

Das Fremdwort Religion wurde im 16. Jh. aus dem lateinischen Wort religio (religiöse Scheu, Gottesfurcht) entlehnt. In der christlichen Theologie wird Religion häufig als (Zurück)bindung (an Gott) aufgefasst (zu lat. re-ligare „zurückbinden“). Hieraus lässt sich das Adjektiv religiös und das Substantiv Religiosität ableiten, was dann soviel wie „Gläubigkeit, Frömmigkeit“ bedeutet.[4]

Die „Religio“ ist eine kath. religiöse Vereinigung mit eigener Regel und öffentlichen Gelübden. Die Religiösen sind (im kath. Kirchenrecht) Mitglieder religiöser Genossenschaften.[5]

In dieser etymologischen Bedeutung sind bereits beide Wesenszüge des Religiösen angedeutet. D. h., der Religiöse wird betrachtet als individuell gläubige Person (vertikal), die sich als Mitglied einer theistischen Glaubensgemeinschaft zu deren Ethik und Lehre bekennt und ihr (soziales) Leben danach ausrichtet (horizontal).

1.1.2 Gesellschaftliche Bedeutung von Religion und Kirche:

In allen Religionen gibt es Gemeinschaften von Gläubigen, die auf viele verschiedene Arten organisiert sein können.[6][7] Im Christentum sind als religiöse Organisationen die Kirchen zu nennen. „In Deutschland versteht man unter Kirchen an erster Stelle die beiden großen christlichen Kirchen, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Katholische Kirche (womit v. a. die Römisch-katholische Kirche gemeint ist).“[8]

Nach Kaufmann umfassen Religionen und Kirchen „Riten, Kulte, Rollen und Einrichtungen, durch die sich die Menschen in ihrem Zusammenleben einer außeralltäglichen Wirklichkeit versichern.“[9]

In Anlehnung an Sichtweisen von Max Weber schreibt Bernhard Schäfers, dass Religion nicht nur der religiösen, „methodischen Lebensführung“ dient, sondern auch der „innenweltlichen“ Daseinsbewältigung, und sei es für Weltdeutung und Verständigung über „letzte Wahrheiten“.

Bezugnehmend auf den Religionssoziologen Detlef Pollack schreibt Schäfers ferner, dass die Sozialbedeutung der Religion, von der Sozialisation bis zur religiösen Symbolik, von der Beeinflussung sozialer Beziehungen (z. B. bei Heirat und allen weiteren „sozialen Schlüsselereignissen“ wie Geburt und Tod) größer ist, als die säkularisierte Arbeits- und Medienwelt erkennen lässt.[10]

Für viele Menschen jedoch vollzieht sich Religiosität in der bloßen Partizipation an den religiösen Riten (Taufe, Trauung, Begräbnis), die in Verbindung mit den eben angeführten „sozialen Schlüsselereignissen“ stattfinden.[11]

Bei den ebengenannten Umschreibungen wird die soziale (horizontale) Bedeutung von Religion deutlich. Religion ist neben Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Recht etc. ein gesellschaftliches Teilsystem, das in Wechselwirkung mit den jeweils anderen Teilsystemen steht und bestimmte Funktionen für die Gesamtgesellschaft erfüllt.

Wie wir gesehen haben, sind es in Deutschland v. a. die christlichen Kirchen, bzw. die sich in ihr ausdifferenzierten formalen Organisationen, die konstitutiv am Sozialsystem partizipieren. Als Beispiele seien hier genannt: Das Erziehungs- und Bildungswesen (Kirchliche Kindergärten, Schulen und Hochschulen), der Wohlfahrtssektor (Caritas und Diakonie) ebenso das Gesundheitswesen (kirchliche Krankenhäuser, Pflegeheime und -dienste) etc..

Insofern wird deutlich, dass sich das Religiöse nicht allein auf das Jenseitige und außerhalb der alltäglichen Erfahrungen liegende bezieht, sondern auch konstitutiv auf das Gesellschaftssystem einwirkt, was sich besonders in der Ausgestaltung des Sozialstaates und der damit verbundenen (sozial)politischen Einflußnahme zeigt.

1.1.3 Die persönlich-spirituelle Dimension des Religiösen

„Während die Beziehung des einzelnen zu Gott oder den Göttern in den Stammesreligionen durch Partizipation an den gemeinsamen Riten bestimmt war, entsteht mit den Hochreligionen ein persönliches Verhältnis des Menschen zu Gott.“[12][13]

„Wenn man vom homo religiosus spricht, so kann einmal eine bestimmte Art der Weltauffassung bzw. ein bestimmter Menschentyp neben anderen gemeint sein [...]. Andererseits kann ein Aspekt des Menschseins überhaupt angesprochen sein, also etwas, das jeden Menschen betrifft: die Selbsttranszendenz des Menschen.“[14]

Die Religion bietet Antworten auf die Sinnsuche des Menschen. Sie fordert dabei die Selbsttranszendenz des Menschen. Das Menschsein weist somit über sich selbst hinaus, auf das Göttliche hin.

„Religiosität kann eng als Glaube an Gott, Götter, ein höheres Wesen definiert werden, womit sie vielen Zeitgenossen von vornherein abgesprochen wäre. Andererseits wird (unter dem Einfluss der Soziologie) Religiosität funktional als ´Praxis der Kontingenz-Bewältigung´ verstanden. Damit ist jeder Versuch gemeint, das Leben zu deuten bzw. ihm Sinn zu geben oder abzugewinnen. D. h., dass der Mensch zwangsläufig religiös wäre. Wenn aber das Recht gegeben sein muss, sich als nichtreligiöser Mensch vom religiösen zu unterscheiden, so ist ein mittlerer Weg einzuschlagen: Religiosität ist demnach die (nicht zwangsläufig geschehende) individuelle Ausgestaltung der Beziehung des Menschen zu Gott als dem transzendenten Woher seines Sich-Gegebenseins.“[15]

Bei Betrachtung der vertikalen Bedeutung wird die spirituelle Dimension des Religiösen deutlich. „Diese bezeichnet das vom Menschen geforderte Grundverhalten gegenüber der sein Leben erfüllenden, vollendenden, befreienden und heilenden Instanz, die der Christ ´Gott´ nennt.“[16] Diese Definition macht deutlich, dass der religiöse Mensch eine Art Sittenkodex anerkennt und das Göttliche in Verbindung mit diesem Sittenkodex bringt, indem er diese numinose Macht als Wächter des Sittengesetzes versteht. Die Religionen werden zu „Einladungen an den Menschen, sein wahres Wesen zu verwirklichen und zur Überwindung der Negativität bzw. des Bösen beizutragen.“[17]

1.1.4 Konkretisierung

In der vorliegenden begrifflichen Bestimmung von Religion sind es folgende drei Merkmale, die sich im Kontext der vertikalen und horizontalen Dimension des Religiösen herauskristallisieren:

- Religiosität steht für die Erfahrung des Numinosen oder des Göttlichen; bzw. für den Glauben an die Offenbarung des Göttlichen. - Wobei wir uns folgend am christlichen Offenbarungsglauben orientieren.
- Der Religiöse erkennt eine Art Sittenkodex an, wobei der Religiöse das Göttliche als Hüter der Sittlichkeit versteht. - Im Christentum wird diese Ethik, unter Berufung auf die Offenbarung Gottes, von den Kirchen formuliert.
- Aus dieser Moralität heraus resultiert eine Anforderung an das Verhalten gegenüber Gott, sich selbst und dem Nächsten, den anderen, dem Sozialen (im Sinne einer ethischen Verpflichtung).

Religiosität steht somit für die Ausgestaltung der personalen Beziehung des Individuums zur Dimension des Göttlichen sowie der Teilhaftigkeit an einem Religionssystem, was sich im Christentum in den Kirchen manifestiert. Religiosität impliziert demnach die personale religiöse Identität (vertikal) und die Identität des übergreifenden religiösen Systems (horizontal), die in einem wechselseitigen Verhältnis stehen.

Abschließend möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass die vorliegende Darstellung des Religiösen nur eine simplifizierte ist. Zumal Religion nicht gleichzusetzen ist mit dem Glauben an einen (einzigen) Gott, da die meisten Religionen viele Gottheiten haben und in anderen Religionen hingegen überhaupt keine Gottheiten verehrt werden. (Bspw. in den ethischen Religionen: Buddhismus, Konfuzianismus, Taoismus - die den Gläubigen mehr in eine Beziehung zur Einheit des Universums setzen).[18]

Außerdem kann Religion nicht zwingend mit moralischen Geboten in Verbindung gebracht werden, die zur Lenkung des Verhaltens der Gläubigen dienen sollen. „Der Gedanke, dass sich die Götter für unser irdisches Verhalten interessieren, ist vielen Religionen ganz und gar fremd. Für die alten Griechen beispielsweise waren die Götter an den Aktivitäten der Menschheit weitgehend uninteressiert.“[19]

Ergo ist Religion hier, wie eingangs angekündigt, in einem reduzierten Verständnis bestimmt. Aber Religiosität stellt, auch in diesem engeren Sinne, ein sehr komplexes Phänomen dar, das sich nur aus der Wechselbeziehung verschiedener Dimensionen beschreiben lässt, da sie sich persönlichkeits-, entwicklungs- bzw. altersspezifisch und kultur- und gruppenspezifisch in verschiedenen Formen von Weltabkehr über Kult und systematischer Reflexion bis zum weltgestaltenden Engagement ausdrücken kann.[20]

Vorzugsweise will ich die Diskussion, inwiefern Religiosität ein Mündigwerden der Person eher bedingt oder ausschließt am Beispiel der katholisch-christlichen Tradition führen.

1.2. Das pädagogische Leitziel „Mündigkeit“ - Versuch einer
Begriffsbestimmung

Im Vordergrund steht hier, neben einer kurzen begriffsgeschichtlichen Information, vor allem die Bedeutungsklärung dieses Terminus in der sozialwissenschaftlichen Debatte, um das „oberste pädagogische Ziel“.

Nach Erich Weber bedeutet Mündigkeit, im ursprünglich juristischen Sinne, die rechtliche Befugnis, seine eigenen Interessen selbst wahrzunehmen, verbindliche Rechtsgeschäfte abzuschließen und politische Bürgerrechte im Rahmen der jeweiligen Rechtsordnung als Gleicher unter Gleichen auszuüben.[21] Die juristische Mündigkeit wird mit der sogenannten „Volljährigkeit“ erreicht und ist durch eine volle Selbstständigkeit und Verantwortlichkeit des Einzelnen in der Gesellschaft gekennzeichnet.[22]

Mit Kants Definition der Aufklärung tritt der ursprünglich juristische Begriff Mündigkeit ins Zentrum aufklärerischen Denkens, wodurch er sich philosophisch erweitert.

„Aufklärung“ formuliert Kant „ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“[23]

Seit der Aufklärung, so wird es im „Pädagogik-Lexikon“ formuliert, ist Mündigkeit das grundsätzlichste und oberste Ziel der Erziehung. Und ferner heißt es, hat die demokratisch-partizipatorische Verfassung unserer Gesellschaft Mündigkeit zu ihrer unabdingbaren Vorraussetzung.[24]

Der Begriff Mündigkeit, der in juristischen, entwicklungspsychologischen, pädagogischen und theologischen Zusammenhängen verwendet wird, bezeichnet jeweils einen bestimmten Grad bzw. Zeitpunkt der Entwicklung menschlicher Identität.[25]

Dadurch, dass die Idee der Mündigkeit von sehr weitläufiger Bedeutung zu sein scheint, ergibt es sich, dass andere Ausdrücke (wie Emanzipation, Identität, Autonomie), die in enger Beziehung zur Mündigkeit stehen, z. T. gleichlautend benutzt werden.

Vorzugsweise fokussiere ich, im Fortgang dieser Arbeit, den Begriff Mündigkeit, da er, anders als Emanzipation, nicht primär (politische oder gesellschaftliche) Loslösung und Befreiung, sondern eine positive Selbstbestimmung in Unabhängigkeit von bereits vorgegebenen (Sitten, Werten, Normen...) meint.[26]

Im Vergleich zur Autonomie steht beim Terminus Mündigkeit weniger die Eigengesetzlichkeit an sich im Vordergrund, sondern die Verantwortung der autonomen Person (im Sinne einer ethischen Rücksicht).

In Gegenüberstellung zum Begriff Identität stelle ich fest, dass dieser v. a. in der Soziologie und Entwicklungspsychologie auftaucht. Identität drückt dort jedoch nicht immer aus, was unter das pädagogische Leitziel Mündigkeit subsumiert wird, sondern kennzeichnet den jeweiligen Wesenszug eines Individuums[27] in verschiedenen Phasen seiner bio-psycho-sozialen Entwicklung. Identität ist etwas, das jedes Subjekt hat. Ohne Identität wäre man nicht handlungsfähig, man wäre ein Niemand. Allein durch die Tatsache, dass wir durch unseren Körper von der Umwelt abgegrenzt sind, haben wir eine „natürliche“ Identität.[28]

Identität ist aber zugleich auch das Ergebnis von Interaktion. Solange es einen sozialen Prozess gibt, ist Identität niemals fertig. Das Individuum hat fortwährend Integrationsleistungen zu erbringen, wodurch der Identitätsprozess eine nie endende Aufgabe darstellt.[29]

„´Identität´ nennen wir die symbolische Struktur, die es einem Persönlichkeitssystem erlaubt, im Wechsel der biographischen Zustände und über die verschiedenen Positionen im sozialen Raum hinweg Kontinuität und Konsistenz zu sichern.“[30] „Notwendige Voraussetzung für das sichere Gefühl der Identität sind Kontinuitätserfahrungen, die andere zurückspiegeln.“[31]

Mündigkeit hingegen stellt eine – aus sozialwissenschaftlicher Sicht – anzustrebende Dimension der Identitätsformation dar, die sowohl der personalen Verwirklichung zuträglich ist als auch das mündige Individuum durch die Teilhabe an Interaktionsprozessen, sozialisationswirksame Bedingungen schafft, welche wiederum jedem Teilnehmer zur Erlangung von Mündigkeit gereichen soll.

Mündigkeit kommt somit allein den reiferen Stadien von Identität[32] gleich. Wertorientierungen und Verantwortung spielen indessen eine wichtige Rolle.

Anknüpfend an die Zuerkennung rechtlicher Mündigkeit geht man von der Annahme aus, dass die Volljährigen in der Regel bereits jene Voraussetzungen erworben haben, die zur verantwortlichen Verwirklichung ihrer rechtlichen Befugnisse erforderlich sind.[33]

Folglich bezeichnet Mündigkeit generell „Fähigkeit, Motivation, Möglichkeit und Recht von Individuen (und, in übertragenem Sinn, von gesellschaftlichen Gruppen und Klassen) zur freien Selbstbestimmung und zur gleichberechtigten Mitbestimmung bei allen sie betreffenden Entscheidungen [...]. Besonders in demokratisch verfassten Gesellschaften gilt Mündigkeit - trotz zahlreicher faktischer Einschränkungen - als Attribut des Erwachsenenstatus.“[34]

D. h., rein rechtlich wird vorausgesetzt, dass jeder Volljährige, der nicht geschäftsunfähig (gemäß § 104, Satz 2 BGB) ist, sich in der Lage befindet, Entscheidungen selbst zu treffen und für diese auch die Verantwortung zu übernehmen.

Eine freiheitliche, rechtsstaatliche Demokratie ist hingegen allein dadurch zu verwirklichen und zu erhalten, so Erich Weber, wenn ihre volljährigen Bürger nicht nur den juristischen Status der Mündigkeit erreicht haben, sondern wenn zumindest die Mehrzahl der Menschen die Fähigkeit und Bereitschaft besitzen, ihr Leben aus eigener Vernunft „ohne Leitung eines anderen“, gestützt auf Einsicht und kritisches Urteil, verantwortlich zu führen, was ein fortwährendes Bemühen um die Verbesserung der Lebensverhältnisse mit einschließt, da die individuelle Mündigkeit auf eine mündige Gesellschaft angewiesen ist.[35]

Mit Adorno gesprochen heißt das: „Eine Demokratie, die nicht nur funktionieren, sondern ihrem Begriff gemäß arbeiten soll, verlangt mündige Menschen. Man kann sich verwirklichte Demokratie nur als Gesellschaft von Mündigen vorstellen.“[36] Das moralische Anliegen dieser geistigen Mündigkeit wird hier bereits erkennbar. Adorno macht diesen Anspruch jedoch unübersehbar in seinem Diktum: „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung“[37]

Die Mündigkeit des Menschen wird somit zur Voraussetzung und zum Ziel des moralisch richtigen Handelns.

Orientiert am Definitionsmodell-Religiosität, sind es m. E. ebensolche zwei Dimensionen, die bei den Auseinandersetzungen zum Begriff Mündigkeit besonders deutlich werden und die in enger Wechselwirkung zueinander stehen:

Gemeint ist der Bereich der Selbstverwirklichung Kraft eigener Vernunft (vertikal) und die Anpassung und Befähigung zur Teilhabe an einem gelingendem zwischenmenschlichen (und ökologischem) System (horizontal); indes das moralische Anliegen von Mündigkeit greifbar zu Tage tritt.

Da der einzelne in Interaktion mit seiner Umwelt steht, stellt der Prozess des Mündigwerdens nicht nur eine individuelle, sondern auch eine gesellschaftliche Aufgabe dar. Somit ist die Mündigkeit des Individuums nur dann realisierbar, wenn die sozialen Bedingungen dies ermöglichen. Und die Bedingungen der Gesellschaft werden wiederum durch die einzelnen Individuen beeinflusst, aus denen sie existiert.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt, der in diesem Zusammenhang deutlich wird, ist das moralische Anliegen, das sich hinter der Forderung geistiger Mündigkeit verbirgt. Es geht hierbei um die Vermenschlichung des Menschen und, wie Adorno es formulierte, die „Entbarbarisierung der Gesellschaft.“

1.2.1 Konkretisierung

„Mündigkeit“ gilt als pädagogisches Leitziel. Die Identitätsbildung [mit dem Ziel der Mündigkeit] wird als Grundaufgabe der Pädagogik angesehen, an der sich die Erziehung im Ganzen orientieren soll, wobei sich die Tendenz abzeichnet, Erziehung und Identitätsbildung miteinander gleichzusetzen.[38] Infolgedessen ist Mündigkeit eine aus sozialwissenschaftlicher Sicht anzustrebende Identitätsformation. Sie ist ein Zustand, der erreichbar ist. Dennoch ist die Bildung der Identität grundsätzlich unabgeschlossen, was bedeutet, dass die mündige Identität, im Wechsel der biographischen Zustände, in der Lage ist sich ihre Identität in einem kontinuierlichen Lernprozess stets zu überprüfen und weiterzuentwickeln.

- Die vertikale Dimension von Mündigkeit ist hier eng an die Selbstbestimmung des Menschen und somit die Fähigkeit zur Selbstreflexion geknüpft. Die Rede von der Vermenschlichung des Menschen bedeutet somit die Entfaltung der spezifisch menschlichen Eigenschaften: Der Vernunft, der Selbstreflexion, der Kraft zur Selbstbestimmung und Autonomie. „Reflexion erweist sich als Bedingung der Möglichkeit von Freiheit, weil in der Reflexion auf Verhaltensantriebe diese von ihrer unmittelbaren Verwirklichung abgespannt werden, sodass sich für den Menschen die Möglichkeit ergibt, sich seinen Verhaltensantrieben gegenüber als seinen Motiven bewusst zu verhalten, indem er zwischen ihnen abwägt und schließlich entscheidet.“[39]
- Mit dem Hinweis darauf, dass man sich verwirklichte Demokratie nur als Gesellschaft von Mündigen vorstellen kann, ist die gesellschaftliche, soziale (horizontale) Bedeutung von Mündigkeit angesprochen. „Das schließt auch ein fortwährendes Bemühen um die Verbesserung der gesellschaftlichen Lebensverhältnisse ein, da die individuelle Mündigkeit auf eine mündige Gesellschaft angewiesen ist.“[40]
- Hierbei wird das humanistische Anliegen der Forderung nach geistiger Mündigkeit deutlich. Die Autonomie des Menschen wird zur Voraussetzung und zum Ziel des moralisch richtigen Handelns. Selbstreflexion als kritische Eigenbesinnung soll die Menschen vor allem davon abbringen, „ohne Reflexion auf sich selbst nach außen zu schlagen.“[41]

Da eine einheitliche Definition des Begriffes „Mündigkeit“ nicht auszumachen ist, möchte ich abschließend anfügen, dass die Bestimmung unseres Mündigkeitsbegriffes, mit dem zugrundeliegenden Raster der vertikalen, horizontalen und ethischen Ausrichtung, in erster Linie dazu dient, die reichhaltigen Beiträge, die in der Literatur auftauchen und die zu weitläufigen Bedeutungen führen, zu ordnen und zu organisieren, damit der folgende Diskurs entlang dieses Modells einfacher und unmissverständlicher geführt werden kann.

Der hier bestimmte Mündigkeitsbegriff ist somit ein abstraktes Konstrukt, unter das im Fortgang der Arbeit[42] konkrete entwicklungspsychologische und moralphilosophische

Entwürfe, wie die „autonome Moral“ nach Lawrence Kohlberg, die „ethische Identitätsphase“ nach Erik H. Erikson und die „Ich-Identität“ und „Diskursethik“ nach Jürgen Habermas, subsumiert werden, um dem Mündigkeitsbegriff eine substantiellere Gestalt zu verleihen.

2. Das Spannungsverhältnis zwischen Religiosität und Mündigkeit – ein Resultat der fortgeschrittenen Neuzeit

Bevor ich näher auf die historisch gewachsenen und aktuell vorherrschenden Merkmale und Eigenarten des neuzeitlichen Geistes eingehe, um diese in Bezug zu unserer Fragestellung zu bringen, werde ich nachstehend die Begriffe „Moderne“ und „Postmoderne“ kurz erläutern.

2.1. Zur Begrifflichkeit von Moderne und Postmoderne

Bruno Hamann schreibt, dass der Begriff “Moderne“ mit der Zeit und Denkfigur der Aufklärung verbunden ist und gewissermaßen als deren durchgängiger Denkvollzug gilt, in dem die Vernunft zur alles normierenden Kraft erhoben wird.[43]

„Sie [die Vernunft] ersetzt - so die Auffassung - bestehende Traditionen, überlieferte Normen und Religionen; sie ist auch der Sitz der Verantwortung sowie der Ort moralischer Begründung; sie ermöglicht dem Menschen, sich in seiner reinen Existenz zu erfahren und verhilft ihm zur reflexiven Vergegenwärtigung des eigenen Standorts im Geschichtsverlauf.“[44] Ferner formuliert Hamann, dass die Menschen der Moderne durch die Vorstellung geprägt sind, dem Vernunftprinzip sowie dem Fortschritts- und Nützlichkeitsgedanken entsprechen zu müssen, wobei es zu Modernisierungskonzepten mit oft übertriebenem Neuerungswillen in diversen Kulturbereichen kommt.[45]

Der Begriff „Postmoderne“ hebt sich gegen den hier als neuzeitlich-aufklärerisch skizzierten Begriff der „Moderne“ dergestalt ab, als sie die normgebende Kraft der universalen und einheitsstiftenden Vernunft infragestellt. Womit die Forderung nach Rückkehr zur Vielfalt und Pluralität einhergeht. Betont wird, dass Vernunft bzw. Rationalität immer in einer Pluralität besteht.[46] „Wogegen sich die Postmoderne wendet, ist das von der Moderne dogmatisch festgelegte ´Modernisierungs´-Programm mit seinen politisch-gesellschaftlichen, technisch-ökonomischen und wissenschaftlichen Normierungen, welche auf Vernunft- und Fortschrittsglauben basieren und eine neue Weltordnung herbeiführen sollen.“[47] Infolgedessen sind die Kennzeichen der Postmoderne, so führt Hamann an: „Beliebigkeit, narzisstische Bekundung von Individualität, des weiteren Diffusität, d. h. das Fehlen klarer Konturen im Denken und Umgang mit Menschen und Dingen; das Vorhandensein von Dissens und Paralogie.“[48]

Eine allgemeingültige Definition von ´Postmoderne´ gibt es jedoch nicht.[49] „Der Begriff ´Postmoderne´ ist schwer ein- und abgrenzbar: weil er auf verschiedene Sachverhalte und Bereiche bezogen ist, von Vertretern wie Kritikern vielschichtig benutzt, oft auch synonym zu Poststrukturalismus und Neokonservatismus verwendet wird.“[50]

Jedoch ist es hier nicht von Belang, die vielfältig auftauchenden Begriffe zu klären, die im Zusammenhang mit Moderne auftreten. Ob es sich um eine Postmoderne, eine postindustrielle Moderne, eine Spätmoderne oder ähnliches handelt wird nicht diskutiert, zumal es sich hierbei, wie Carsten Wipperman formuliert, um inhaltsleere Schlagworte handelt.[51] Es geht vielmehr schlicht um die Hervorhebung historisch gewachsener Eigenarten, durch die die Gegenwart gekennzeichnet werden kann.

2.2 Die Offenbarungskritik und andere Kennzeichen der Moderne

Wie bereits erwähnt, gilt Mündigkeit als erklärtes Ziel der europäischen Aufklärung.

Der Weg dorthin besteht, nach der Kantischen Definition von Aufklärung, im „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Also in dem Entschluss, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Kant schreibt, dass er den Hauptpunkt der Aufklärung vorzüglich in Religionssachen gesetzt hat. Denn die Unmündigkeit auf dem Gebiet der Religion wird von ihm als „schädlichste, also auch entehrendste unter allen“[52] bezeichnet.

Angesichts solcher Thesen ist es nicht verwunderlich, dass der seither fortschreitende neuzeitliche Geist Kritik übt an jedweder Form der Offenbarung, im Sinne einer autoritativen Belehrung zur „Mitteilung göttlicher Wahrheiten oder eines göttlichen Willens.“[53] Zumal diese Art der Offenbarungsbelehrung dann auch gleichsam tabuisiert und somit von einer vernunftgemäßen Hinterfragung ausgenommen wird.

Dass sich die in Europa vorherrschende christliche Offenbarungsreligion auf besondere Weise der Kritik ausgesetzt sieht, ist indessen leicht nachvollziehbar. Max Steckler und Michael Kessler schreiben, dass in der Aufklärung „eine radikale Problematisierung und prinzipielle Infragestellung der Offenbarungskategorie“[54] erfolgte, und dass in jener Kritik „durchweg jener Wille erkennbar ist, der überhaupt den Umbruch vom mittelalterlichen zum neuzeitlichen Welt- und Wirklichkeitsverständnis bewirkt hat.[55] Und weiter, dass gerade in der Kritik der Offenbarung der neuzeitliche Geist sein Profil am leidenschaftlichsten gesucht hat. Durch die Aufklärung, in der die Offenbarungskritik ihre stärkste Verdichtung erfahren hat, unterscheidet sich also das neuzeitliche Daseinsverständnis und Menschenbild von dem des Mittelalters. Während die mittelalterliche Christenheit in einer Art Offenbarungsbejahung und in der Hinordnung alles Weltlichen auf Gott lebte, ist die Offenbarungskritik in andauernden Prozessen wesentlich daran beteiligt, diese Weltsicht umzuwerfen. Die Offenbarungskritik, an der ursprünglich, so Steckler und Kessler, Theologie und Philosophie gleichermaßen beteiligt waren, ist zu Beginn im Wesentlichen am offensichtlichen Missbrauch der Offenbarungskategorie interessiert gewesen und hat in allem zwar die Veränderung, aber im Letzten noch die Verteidigung des Christentums im Auge gehabt. Auf Dauer aber konnte und wollte die Offenbarungskritik sich den weiter ausprägenden Merkmalen der forschreitenden Moderne nicht entziehen und orientierte sich immer mehr an den Eigengesetzlichkeiten und Idealen des neuzeitlichen Welt- und Menschenbildes.

Die Kritik der Offenbarung erwuchs sozusagen aus dem Ringen um Emanzipation, Autonomie und Mündigkeit. Dieses Streben hat zu augenfälligen Veränderungen im Welt- und Menschenbild der Moderne geführt.

Welches die Leitbegriffe sind, die die Moderne auszeichnen, das möchte ich folgend zusammengefasst wiedergeben.[56]

1. Emanzipation

Die Offenbarungskritik, die im Wesentlichen von der Aufklärungsbewegung getragen wird, ist „durchgängig eine Bewegung der Emanzipation [der Befreiung von Abhängigkeit und Bevormundung] unter dem Kriterium der Vernunft und dem praktischen Ziel der Vernünftigkeit menschlicher Verhältnisse...“[57]. Dabei wird insbesondere die Absicht deutlich, das Denken aus Bevormundungszwängen herauszuführen. Da vor allem die christlichen Kirchen mit der Vermittlung von Offenbarung vertraut sind, ist es speziell deren Autorität, die zum Gegenstand der Kritik wird.

[...]


Zugunsten eines geschmeidigeren Schreib- und Leseflusses ziehe ich es vor, auf die Kombination von weiblichen und männlichen Schreibweisen zu verzichten. Bedauerlicherweise geschieht dies in der Regel zu Ungunsten der weiblichen Schreibweisen. Selbstverständlich sind diese stets mitgemeint.

[1] T. Adorno, 1971, S. 88.

[2] Ebd., S. 93.

[3] Vgl. T. Adorno: 1971. S. 107.

[4] Vgl. Herkunftswörterbuch, Duden 7, 2. Auflage, 1997, S. 586-587.

[5] vgl. Fremdwörterbuch, Duden 5, 5. Auflage, 1990, S. 673.

[6] „In soziologischer Perspektive sind Kirchen jene ausdifferenzierten, abgrenzbaren Sozialbereiche, in denen auf eine bestimmte Religion bezogen gedacht, gehandelt und kommuniziert wird.“ (B. Schäfers 1997, S.286)

„Unter Kirchen ist die Selbstbezeichnung der Christen für ihre Vergemeinschaftungsform zu verstehen.“ (Kaufmann 1995, S. 149)

[7] Vgl. A. Giddens: 1995, S. 497 Definition von Religion. In: Fleck C. (Hg.): Soziologie, 1995, S. 497.

[8] B. Schäfers: 1997, S. 286.

[9] F.-X. Kaufmann, zit. n. Schäfers 1997, S. 285.

[10] Vgl. B. Schäfers: 1997, S. 285.

[11] Vgl. H.-J. Fraas: In Ev. Kirchenlexikon, 1992, S. 1619.

[12] M. E. besteht die Schwierigkeit bei der Rede von dieser Dimension des Religiösen vor allem darin, dass sie dem Bereich des irrationalen zuzuordnen ist. Sie scheint mit dem Verstand nicht bis ins Letzte fassbar, erklärbar, greifbar zu sein. Der vertikale Bereich des Religiösen ist somit den Ansprüchen der Ratio entzogen. Die Religion steht gewissermaßen jenseits der Vernunft. Ihre Wahrheit ist nur innerlich erspürbar.

[13] H.-J. Fraas: In: Ev. Kirchenlexikon, 1992, S. 1619.

[14] Ebd. S. 1619.

[15] Ebd. S. 1619-1620.

[16] H. Waldenfels: In: Praktisches Lexikon der Spiritualität, 1992, S. 1048.

[17] Ebd. S. 1052.

[18] Nähere Ausführungen hierzu: A. Giddens, 1995, S. 485ff., 490. In: C. Fleck und H. G. Zilian (Hg.).

[19] Ebd. S. 485.

[20] Vgl. H.-J. Fraas: In: Ev. Kirchenlexikon, 1992, S. 1619.

[21] E. Weber: 1974, S. 244.

[22] Vgl. ebd., S. 245

[23] Kant, I.: Zit. n. Reclam. Was ist Aufklärung. 1996, S. 9.

[24] Vgl. G. Reinhold (Hg.): Pädagogik-Lexikon, 1999, S. 378.

[25] Vgl. H. Steinkamp: 1992, S. 560. In: Evangelisches Kirchenlexikon: Band 3, Internationale theologische Enzyklopädie, 3. Auflage.

[26] Vgl. G. Reinhold: Pädagogik-Lexikon, 1999, S. 378.

[27] Neben der personalen Identität gibt es auch Formen kollektiver Identität. Die Identität einer Gruppe, einer Nation oder Religionsgemeinschaft, die wiederum für die Ausbildung der personalen Identität von wichtiger Bedeutung sind. – Näheres hierzu unter Kapitel drei der vorliegenden Arbeit.

[28] Vgl. J. Habermas: 1995. Zur Rekonstruktion des historischen Materialismus. S. 79.

[29] Vgl. N. Mette: 1983. Sozialwissenschaften und praktische Theologie. S. 37. & vgl. hierzu auch: Kapitel drei und vier der vorliegenden Arbeit.

[30] Döbert, Habermas, Nunner-Winkler: 1980, S. 9.

[31] G. Klappenecker: 1998, S. 121. Übersetzt aus: E. H. Erikson: 1977³, Childhood and Society, S. 211.

[32] Die sogenannte „Ich-Identität“ entspricht ebendiesen. Ich-Identität bezieht sich auf die Fähigkeit von Personen, in einem komplexen sozialen Feld eine angemessene Balance von Individualität und Intersubjektivität herzustellen. – Näheres hierzu unter Kapitel drei der vorliegenden Arbeit.

[33] Vgl. E. Weber: 1974. S. 245.

[34] H. Scarbath: Mündigkeit. In: R. Mohn: Pädagogik Lexikon, 1970, S. 409.

[35] E. Weber: 1974. S. 245.

[36] T. Adorno: 1971. S. 107.

[37] Ebd. S. 88

[38] Vgl. F. Schweitzer: 1985. S. 16. Schweitzer bezieht sich hierbei auf eine Vielzahl anderer Autoren.

[39] H. Zdarzil, 1979, Pädagogische Anthropologie: empirische Theorie und philosophische Kategorienanalyse. In: E. König & H. Ramsenthaler (Hg.), Diskussion Pädagogische Anthropologie (S. 267-287). München. [H. Zdarzil, S. 274. In: E. König (Hg.), Diskussion Pädagogische Anthropologie]

[40] E. Weber: 1974. S. 245.

[41] T. Adorno: 1971. S.90.

[42] Siehe unter Kapitel drei der vorliegenden Arbeit

[43] Vgl. B. Hamann: 1998, S. 172.

[44] Ebd. S. 172.

[45] Ebd. S. 173.

[46] Vgl. Ebd. S. 174.

[47] Ebd. S. 175.

[48] Ebd. S. 174.

[49] Vgl. B. Hamann: 1998, S. 173.

[50] Ebd. S. 173.

[51] C. Wippermann: 1998. S. 17

[52] I. Kant: 1783, In: Reclam. Was ist Aufklärung. 1996, S. 16.

[53] Duden: 1994, S. 2427, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. Band 5.

[54] Steckler & Kessler: 1985. In: Handbuch der Fundamentaltheologie. S. 29-59.

[55] Vgl. Ebd. S. 29.

[56] Ich beziehe mich auch hierbei weiterhin auf die Ausführungen von Steckler und Kessler. Die Kennzeichen, welche dabei angeführt werden, tauchen in der Literatur nicht alle unter exakt denselben Begriffen auf. Jedoch umfassen sie, soweit es mein Einblick erlaubt, ein sehr ähnliches semantisches Feld. Im Wörterbuch der Soziologie von Karl-Heinz Hillmann beispielsweise werden die Antriebskräfte der modernen Gesellschaft unter die Termini Rationalität, Liberalismus, Individualismus und Säkularisierung subsumiert. Die Entsprechung zu den folgend hier benutzten Kategorien Emanzipation, Anthropozentrik, Disseitsorientierung und Vernunftautonomie ist meines Erachtens zu erahnen.

[57] Ebd. S. 31.

Ende der Leseprobe aus 92 Seiten

Details

Titel
Über die Verträglichkeit und Unverträglichkeit von Religiosität und dem pädagogischen Leitziel Mündigkeit
Hochschule
Katholische Hochschule Freiburg, ehem. Katholische Fachhochschule Freiburg im Breisgau
Note
1.0
Autor
Jahr
2000
Seiten
92
Katalognummer
V43604
ISBN (eBook)
9783638413626
ISBN (Buch)
9783638707084
Dateigröße
746 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Auseinandersetzung mit der Frage inwiefern sich Religiosität und Mündigkeit ausschliessen oder ergänzen.
Schlagworte
Verträglichkeit, Unverträglichkeit, Religiosität, Leitziel, Mündigkeit
Arbeit zitieren
Klaus Itta (Autor), 2000, Über die Verträglichkeit und Unverträglichkeit von Religiosität und dem pädagogischen Leitziel Mündigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43604

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