Die literarische Traumdarstellung und Traumanalyse anhand von Kurzgeschichten von Jorge Luis Borges


Term Paper, 2018
27 Pages, Grade: 2,0

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Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Angaben zum Autor und der Epoche als Hintergrundwissen und Voraussetzung zum richtigen Verständnis
2.1 spezifische Angaben zum Autor Jorge Luis Borges
2.2 Der magische Realismus als eine Untergattung der Phantastik

3. Exkurs: Sigmund Freuds Traumtheorie und Carl G. Jungs Archetypenlehre

4. Interkulturelle Analyse der Darstellung von literarischen Träumen
4.1 Analyse des Trauminhalts nach Christiane Solte-Gresser , André Peter Alt und Wilhelm Richard Berger
4.2 Analyse der Struktur und Motive in literarischen Träumen nach Maria Teresa Gómez-Trueba, Julio Cortazár und Adolfo Bioy Casares

5. Analyse und Vergleich zweier Kurzgeschichten von Borges
5.1 Analyse der Kurzgeschichte ‚Historia de los dos que soñaron’
5.2 Analyse der Kurzgeschichte ‚Un sueño’
5.3 Vergleich und Fazit

6. Schlussbemerkung

7. Bibliographie

1. Einleitung

„Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt“ und was man glaubt, es sey geschehen“ (Alt, Schlaf der Vernunft, S. 265), schreibt Novalis über den Traum. Auch Carus beschreibt die „Seele als unwandelbare Urkraft von kosmischer Dimension [...] in der sich Gott unmittelbar abbilde und ausdrücke“ (Alt, Schlaf der Vernunft S. 265). Diese Ansicht war interkulturell stark vertreten und entspringt dem magischen Weltverständnis. Die erste allgemeingültige transkulturelle Deutung von Träumen beruht auf dem Glauben, dass die eigentliche Botschaft des Traumes kaschiert ist (manifeste Trauminhalt) und die besagte verborgene oder verschlüsselte Botschaft divinatorische, prophetische oder kosmische Bedeutung trägt. Träume galten als Zukunftsvisionen, d.h. der Träumer wurde im Traum mit seiner eigenen Zukunftsprojektion konfrontiert in Form eines inneren Monologes. Für die richtige Dekodierung bedarf es der Auslegung der universalen Symbolsprache, um den latenten Trauminhalt zu entdecken. Oft erhält der Träumer der antiken Sage nach Zukunftsvisionen.

Die Träume galten als ein Medium zwischen Mikro- und Makrokosmos, als „Manifestation des Göttlichen“ (Berger, Der träumende Held, S. 44) oder des Dämonischen, welche mittels eines Rätsels sprechen. Der Traum wird von der träumenden Instanz auch als Realität erfahren.

Jeder, der schon geträumt hat weiß, dass Träume im Nachhinein meistens komplett chaotisch und unlogisch aufgebaut sind, beim Versuch der verbalen Reproduktion durch das Wachbewusstsein, obwohl im Traum alles logisch und selbstverständlich ist. Oft fängt der Traum aber auch an unmittelbar nach dem Aufwachen an zu ‚zerrinnen’ laut Freud und man erinnert sich nicht mehr genau an das Handlungsgeschehen. Das Bewusstsein, das Über-Ich, tendiert dazu das noch in Erinnerung gebliebene Geschehen zu ‚logisieren’ (vgl.: Berger, Schlaf der Vernunft, S. 38) und chronologisch zu ordnen.

Auch hat jeder schon etwas in der Wachwelt erlebt, was er vorher schon irgendwie geträumt oder anders erlebt hat. Oder, dass man im Traum das Geschehen emotional miterlebt. Sogar so emotional, dass die Traumstimmung bzw. das Gefühl, mit dem man aufwacht den ganzen Tag an einem haftet (laut Freud).

Der Unterschied zwischen einem authentischen und einem literarisch verarbeitetem Traum ist, dass der reale Traum unbewusst und dessen Verarbeitung in die Literatur bewusst stattfindet. Da gilt es die Diskrepanz aufzuheben und de Traum so real wie möglich darzustellen. Oft wird der Traum jedoch instrumentalisiert aus diversen Gründen und auf eine symbolische Ebene gehoben.

Im folgenden werde ich erst Angaben über den Autor und die Epoche machen, als Hintergrundwissen, um möglichst alle Details in den Texten analysieren zu können. Als nächstes folgen traumspezifische Merkmale und Darstellungsweisen, zunächst allgemein aus dem deutschsprachigen Raum und zuletzt aus dem spanischsprachigen Raum. Zuletzt folgt die Analyse der Kurgeschichten ‚La Historia de los dos que soñaron’ und ‚Un Sueño’, als auch der Vergleich und ein abschließendes Fazit.

In dieser Hausarbeit soll die literarische Traumverarbeitung in zwei Kurzgeschichten von Borges dargestellt und miteinander verglichen werden.

2. Angaben zum Autor und der Epoche als Hintergrundwissen und Voraussetzung zum richtigen Verständnis

Ich differenziere unter dem folgenden Punkt zwischen der internen (innerhalb des Textes) und der externen (Bezug auf den Autor und Epoche) Pragmatik. Die Werke (als auch Träume) eines Autors reflektieren in der Regel immer unter anderem dessen individuelle Erlebnisse und deren Umgang damit, Interessen, Biographie, Pathographie, Traumata, Ängste, Wünsche und den sozio-kulturellen und epochenspezifischen als auch historischen Hintergrund in einer bestimmten Weise. Zumindest affektieren die jeweiligen Umstände des Autors den Inhalt des Textes, denn ein literarischer Text findet seinen Ursprung im Autor, der mit der Verschriftlichung seiner Gedanken gegebene Umstände oder Situationen verarbeitet und sich damit beschäftigt. Auch reflektiert die literarische Traumverarbeitung und deren Verständnis immer die damalige Gesellschaft und Epoche, als auch deren Normen und Konventionalitäten. Die narrativen Modelle werden kreiert, um traumatische Erfahrungen abzubilden. Die ‚Autorreflexion’ (Spiller, Julio Cortázar y Adolfo Bioy Casares relecturas entrecruzadas, S.15) manifestiert sich nicht nur inhaltlich, sondern auch formal: die Darstellung der Welt und des onirischen Geschehens spiegelt sich in der Narration, Form und Ästhetizität (Vgl.: Spiller, Julio Cortázar y Adolfo Bioy Casares relecturas entrecruzadas, S. 15).

Zur Deutung und Interpretation von literarischen Werken ist es also wichtig gewisse Informationen über den Autor, die Epoche und einschneidende (historische) Ereignisse im Hinterkopf zu behalten. Dies besagt auch die Theorie der „Gelebten Vita“ (Berger, Der träumende Held, S. 134), welche versucht „gewisse manifeste und stereotypische wiederkehrende Elemente in Künstlerbiographien zu erklären“ in Form von Motiven, Themen, bestimmten Ausdrücken, etc.

2.1 spezifische Angaben zum Autor Jorge Luis Borges

Jorge Luis Borges, der 1899 in Buenos Aires (Argentinien) geboren wurde, verfasste viele phantastischen Erzählungen und Gedichten und gilt als Mitbegründer der Epoche des Magischen Realismus, welche großen Einfluss auf die lateinamerikanische Literatur ausübte. Der magische Realismus („realismo mágico“) stellt eine Untergattung der Phantastik dar.

Borges stammt aus einer wohlhabenden argentinischen Familie und wurde bilingual erzogen, weshalb er schon früh mit der großen Weltliteratur in Kontakt kam. Er litt an einer erblich bedingten Krankheit, welche seine vollständige Erblindung mit 50 zur Folge hatte.

Borges verfügte über eine umfassende Bildung in Literatur und Philosophie. Unter anderem war er mit alten Sagen Skandinaviens, der altenglischen Sprache, mit Werken von großen Dichtern und Autoren (vor allem aus den westlichen Ländern), der Dichtung und Philosophie der Antike, dem deutschen Mittelalter und Philosophie und dem alten fernen Osten vertraut. Borges Werke reflektieren seine philosophischen Ansichten (v.a. die, der greichischen Antike), nämlich den erkenntnistheoretischen (Epistemologie) Realismus, als auch sein Interesse und seine Beschäftigung mit den unterschiedlichsten kulturellen und literarischen Traditionen. Oft findet sich eine interkulturelle Fusion der Themen, Symbole, Motive und deren Bedeutungen in seinen Erzählungen. Er empfand diese Traditionen als zeitlos und glaubte in diesen die „Sehnsucht nach Ewigkeit“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Jorge_Luis_Borges) erkannt zu haben. Borges war der Meinung, dass ein Schriftsteller in der Lage sein müsse, „sich das gesamte Universum zu erschließen“ (Ibd.). Insbesondere die metaphysische Literatur inspirierte ihn sehr, welche er für einen wesentlichen Aspekt der Phantastik und damit des magischen Realismus ansah.

Borges favorisiert das ästhetische Modell, welches Rekurrenz vermeidet und drückt sich „immer dicht, gewählt, treffend, stilistisch vornehm“ (Ibd.) aus. Die zielgerichtete Art zu schreiben trifft auch auf die Traumdarstellung zu, welche oft dirigiert erscheinen. Es finden sich oft Bezüge auf reale historische Ereignisse oder Personen der argentinischen Geschichte wieder, aber auch werden oftmals unwirkliche und unmögliche Geschehnisse geschildert, z.B. werden leblose Sachen oder Tiere personifiziert.

Ein ständiges wiederkehrendes Motiv ist die Unendlichkeit und damit Zirkularität. Auch beschäftigt er sich mit dem Phänomen der Zeit und wie die menschliche Ratio diese wahrnehmen, interpretieren und damit umgehen. Auch sind Bücher ein häufiges Leitmotiv, von denen eine phantastische Macht ausgeht, „die an den Grundfesten der Realität rüttelt, diese verändert oder gänzlich eine eigene Realität hervorbringt“ (ibd). „Borges ist besessen von der Vorstellung, der menschliche Geist habe „aus dem Nichts“ eine Welt von Gedankensystemen geschaffen, die nun bis ins Unendliche fort weitere Gedankensysteme und dichterische Fiktionen erzeuge“ (ibd). Zu den häufigsten stilistischen Merkmale gehören die Täuschung und die Verschmelzung von Realität und Surrealität, sodass der Leser häufig unsicher darüber ist, was gerade Fiktion und was Realität ist. Er wird durch die Darstellung der Handlung getäuscht.

2.2 Der magische Realismus als eine Untergattung der Phantastik

In phantastischen Werken werden oft die vertrauten und rationalen Naturgesetze außer Kraft gesetzt. Die Phantastik geht von einem „definierten Wertesystem“ (Nussbaumer, https://www.phantastik-couch.de/der-magische-realismus-teil-1.html.) aus und stellt sie in Widerspruch mit unserer Realität. Dargestellt wird das Außergewöhnliche, das Irreale, also das Wunderbare, das sich in die reale Alltagswelt schleicht in Form von einem Traum, einem absurden Gedanken o.ä. (in diesem Fall in Form eines Traums), um den Leser in Widersprüche zu verstricken. Oft werden metaphorische und bildliche Stilmittel zur Veranschaulichung und Darstellung genutzt und in die Realität transferiert, was den traum- und märchenhaften Charakter zusätzlich unterstreicht. Auch wird über physische und psychische seelische Grenzerfahrungen geschrieben (ibd.). Die Grenzen zwischen der Realität und dem Phantastischen verschwimmen zu einer Einheit durch die Verletzung der Empirie und, da mysteriöse Geschehnisse einen Bruch der Wahrnehmung provozieren. Der traumhaft-doppelbödige Effekt des Inhalts wird forciert durch die immer wiederkehrenden Motive. Ziel des Autors ist es, den Rezipienten emotional zu affektieren, indem der Text die Empathie in ihm weckt und, indem er sich mit dem Protagonisten identifizieren kann. Ein weiteres Merkmal ist das interdependente Verhältnis und Interferenz zwischen der phantastischen und realen Welt. Oft reflektiert die phantastische Welt die reale in einer utopischen, verkehrten und irrationalen Form wieder. Das ist der Fall, wenn sich eigenständige Realitäten oder Parallelwelten entwickeln. Solche Erzählungen fördern die Imaginationsfähigkeit des Lesers, welche zur Lösung von Problemen im Alltag beitragen können und Alternativen repräsentieren. Oft resultieren diese auch in der Revidierung bekannter Sichtweisen, sie „können also einen subversiven, umstürzlerischen, aber gleichzeitig auch konstruktiven, visionären Charakter haben“ (https://www.rossipotti.de/inhalt/literaturlexikon/genres/phantastische_literatur.html.) Der Ursprung dieser Epoche liegt in der Romantik, dessen Vorläufer Märchen, Mythen und Sagen sind.

Im 20. Jahrhundert entwickeln sich durch Sigmund Freud neue Formen des Phantastischen. Während in der Romantik die Konzentration auf dem Unheimlichem lag, „entwarfen die Autoren im 20. Jahrhundert verstörende, zersplitterte, visionäre Parallelwelten“ (Nussbaumer, https://www.phantastik-couch.de/der-magische-realismus-teil-2.html). Der Fokus lag nicht mehr auf der Grenze zwischen Realem und Phantastischem, sondern auf das Bewusste und Unbewusste, sowie zwischen dem „Sagbarem und Unsagbarem“ (ibd).

Der magische Realismus vermischt die Grenzen zwischen Realität und Imagination und zeigt, dass beide Ebenen nebeneinander koexistieren. Voraussetzung dabei ist der Glaube (‚fé’) an das Wunderbare, aus welchem eine 3. Realität hervorgeht. Es geht um die eigene Darstellung des Wirklichen innerhalb einer fiktionalen Welt, d.h. das Irreale ist bereits ein integraler Bestandteil der Realität und soll auch vom Leser ganz natürlich und als Teil dessen aufgenommen werden. Die Opposition zwischen Imagination und Realität ist damit aufgehoben. Die Komponente des Irrealen ist essentiell und unabdingbar für den Handlungsverlauf, ohne dabei das Hauptmerkmal der Geschichte zu sein. Der Aspekt des Wunderbaren wird mit der Alltagswelt verschachtelt und in diese eingebettet. Z.B. gibt es bei ‚Hombres de Maíz’ von Miguel Àngel Asturias eine Verflechtung zwischen indigenen Mythen mit der Realität, Kultur und Geschichte Lateinamerikas. Charakterisiert ist diese Epoche also auch durch den Einfluss des indianischen Elements, nämlich das Denken und Deuten in Bildern („prelogicidad“) (Pfeiffer, https://www.zum.de/Faecher/Sp/NI/Zentralabitur/VorlesungRealismoMagico.pdf, S. 2), „das kein Verhältnis zu linear geordneter Zeitvorstellung habe“ (ibd, S. 2). „No se trata de una realidad palpable, pero sí de una realidad mágica que surge de una determinada imaginación mágica“(ibd). Alejo Carpentier postuliert in dem Vorwort in einem seiner Romane, dass der westlichen Bevölkerung durch die Aufklärung „die Fähigkeit des Erlebens des wunderbar Wirklichen“ (Ibd., S. 2.) verloren gegangen ist, während der Mythen- und Geisterglaube immer noch etabliert ist in Lateinamerika.

3. Exkurs: Sigmund Freuds Traumtheorie und Carl G. Jungs Archetypenlehre

Während Freud sich auf den individuellen spezifischen Charakter ,insbesondere auf latente oder unterdrückte aggressive und libidinöse Triebe, konzentriert, expandiert Jung das Modell mit seiner Archetypen-Lehre und dem Konzept des kollektiven Bewusstseins, was eine Art psychisches genetisches Wissen darstellt. Laut ihm kommt es zu einer Individuation, was als Selbst- oder Ganzwerdung definiert werden kann, welcher mit einem endlosen Prozess der Integration von Elementen aus dem individuellen und kollektiven Unbewusstsein ins Bewusstsein (vgl.: Spiller, Julio Cortázar y Adolfo Bioy Casares relecturas entrecruzadas, S. 18) transferiert, welche sich in vertrauten Archeytpen, Bildern und Symbolen in der Seele manifestieren. Im Traum erfährt die Seele der träumenden Instanz das Gefühl des „In-Einem-Sein“ (Alt, Der Schlaf der Vernunft, S. 273), der den Mikro- und Makrokosmos miteinander verschmelzen lässt. Der Traum ist also ein privates und intimes, da die zuständige Instanz der Träumer selbst ist, aber er ist auch universales und interkulturelles Phänomen. Die Gedanken und Emotionen werden zu überpersönlichen Traumbildern und -mustern kodifiziert und dadurch intensiviert und dramatisiert. Die Integration der Emotionen und Gedanken in den Traum manifestieren sich in der Erarbeitung von imaginierten Lösungsversuchen auf realweltliche Probleme, was in Änderungen von mentalen Mustern resultieren kann. Die Individualität des Träumers löst sich auf und er begegnet der „kollektiven Ordnung der Natur in der er untergeht und verschwindet“ (Ibd., S. 254).

Auch Boethius behauptet, der Mensch träume ständig vom kollektiven Ursprung des (eigenen) Seins und „ziele auf die Wiederherstellung seines natürlichen Zustands [ab], auf die Schließung eines Kreises“ (ibd., S. 249) oder Zyklus. Das verschafft dem Menschen eine mythische Identität, in der sich das Subjekt und Objekt auflösen und miteinander verschwimmen. Der Traum wird als „Schauplatz der Universalierung“ innerseelischer Erfahrungen mit universellem Bedeutungsgehalt (ibd., S. 249) dargestellt. Auch Franz Baader behauptet, dass sich das Individuum in einem tranceähnlichen Zustand „jenseits seiner personalen Identität, in einem Stadium des Allgemein-Menschlichen“ (ibd., S. 272) befindet und deduziert daher das Modell der transindividuellen Persönlichkeit. Der magnetische Schlaf setzt den beschränkten Erfahrungshorizont des Wachzustandes des Individuums außer Kraft und ermöglicht es ihm in ein „kollektives Archiv des Wissens“ (ibd., S. 272.) einzutauchen. Das „magische Sehen“ (ibd., S. 272.) beruht auf dem stummen Akt der Erkenntnis und wird durch die Sprache materialisiert.

Freud hingegen sieht den Traum als die via regia, also den „Königsweg zum Unbewussten“ (Berger, Der träumende Held, S. 28). Er hat eine Schutzfunktion und ist geprägt von frühkindlichen Erlebnissen, Erfahrungen, „Tagesresten“ (Berger, Der träumende Held, S. 83.) und Erlebnissen eines Individuums aus seinem Wachleben, die dann im Traum reproduziert werden. Im Traum wird das Ich, die Instanz des Bewusstseins, außer Kraft gesetzt. Außerdem sieht Freud den Traum auch als Mittel zur Wunscherfüllung, da man mit ihm seine gesellschaftlich tabuisierten Triebe, die sonst durch das Über-Ich im Tagbewusstsein verhindert werden, ausleben kann (vgl.: ibd, S. 28). Die Macht des Triebs und des Begehrens, für die das Es verantwortlich ist, manifestieren sich dabei in der zwanghaften Wiederholung von sog. ‚Patterns’ oder Mustern (vgl. Berger, Der träumende Held, S. 9).

Andererseits kann der Traum auch ein Mittel der Wunscherfüllung sein, indem der Wunsch im Traum visualisiert wird und das „Gesetz der Anziehung [...] die innere Organisation der Natur, indem [...] das niedrigere Wesen zu einem Leib der ihm nachfolgenden höheren Geschöpfes bestimmt“, (ibd., S. 30) ermöglicht. Für Freud jedoch ist Gott oder der Glaube an eine höhere Macht lediglich die „Fixierung der Sehnsucht nach einer alles schützenden Vaterfigur“ (Freud, Traumdeutung, S. 89).

Auch sieht Freud den Traum als Offenbarung oder Prophezeiung einer transzendenten unbewussten Weisheit, auf die der Traum die träumende Instanz vorbereitet und die aus einer externen Quelle abgeleitet wird. Diese externen Elemente resultieren aus archaischen Überresten, welche sich bei Jung als das kollektive Unbewusste und Archetypen manifestieren.

Freud differenziert zwischen dem manifesten, also dem Traum wie er in der Erinnerung liegt, und dem latenten versteckten Trauminhalt, dem durch die Deutung gefundener, dekodierter Trauminhalt. Durch Zensur, Verschiebung, Verdrängung, Sublimation, Kompensation, usw. (vgl.: Berger, Der träumende Held, S. 29.) wird der latente Trauminhalt durch das Über-Ich getarnt und transformiert in eine manifeste rätselhafte Projektion, damit das Geträumte nicht offensichtlich erkennbar ist. Dadurch wird der Träumer vor seinen unbewussten Trieben, die sich im Traum manifestieren und nicht konform mit gesellschaftlichen und moralischen Normen sind, geschützt.

Freud differenziert zwischen äußeren (objektiven) Sinneserregern, inneren (subjektiven) Sinneserregern, innere organischen Reize und psychische Reizquellen (Verarbeitung von Tagesresten), die den Schlaf und Traum affektieren und formen und worauf ich jetzt nicht näher eingehen werde.

4. Interkulturelle Analyse der Darstellung von literarischen Träumen

Träume sprechen bekanntlich in Rätseln. Die Traumsprache ist dabei ein universal korrespondierender Kode, der u.a. mit trans- interkulturellen, archetypischen Symbolen und Bildern Bedeutung und mehrdeutige Sinne vermittelt. Diese Symbole spiegeln sich in der literarischen Traumdarstellung als Leitmotive wieder.

Ich werde auf verschiedene Ansichtsweisen von Wissenschaftlern aus dem deutschsprachigen, als auch spanischsprachigen Raum eingehen.

[...]

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Details

Title
Die literarische Traumdarstellung und Traumanalyse anhand von Kurzgeschichten von Jorge Luis Borges
College
Saarland University  (Romanistik)
Course
Traum und Reise in der Erzählliteratur Argentiniens des 19. und 20. Jahrhunderts
Grade
2,0
Author
Year
2018
Pages
27
Catalog Number
V436059
ISBN (eBook)
9783668769625
ISBN (Book)
9783668769632
File size
642 KB
Language
German
Tags
Borges, Traum, Reise, literarische Traumverarbeitung, Psychoanalyse, Freud, Jung, magischer Realismus, Traumtheorie, Archetypenlehre, interkulturell, literarische Motive
Quote paper
Andrea Santos (Author), 2018, Die literarische Traumdarstellung und Traumanalyse anhand von Kurzgeschichten von Jorge Luis Borges, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436059

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