Die pluralistische Theorie Ernst Fraenkels entstand aus dem Bestreben heraus, eine Gegenposition zum Totalitarismus zu entwickeln. Die Idee der pluralistischen Demokratie wurde zuerst von Harold J. Laski entwickelt, der anfangs noch einen sehr radikalen Pluralismus forderte und somit vor allem eine normative Vorstellung von der Theorie hatte. Fraenkel hingegen sah den Pluralismus vor allem als Herausarbeitung der real bereits existierenden Strukturen; der normative Charakter geht jedoch auch bei ihm nicht verloren. In dieser Arbeit wird untersucht, welche biographischen und geschichtlichen Gegebenheiten zur Theoriebildung Fraenkels beitrugen, wie genau die Struktur seiner Theorie beschaffen ist, auf welche Art und Weise sie sich von den konkurrierenden politischen Theorien abgrenzt und welche Kritikpunkte geäußert werden können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historischer Kontext der Entstehung Fraenkels (neo-) pluralistischer Theorie
3. Konzeption der Theorie
3.1 Rolle und Legitimität der Interessengruppen
3.2 A posteriori Gemeinwohl als normatives Konzept
3.3 Nicht – kontroverser Sektor und die Rolle der öffentlichen Meinung
4. Vergleich zu anderen Politikkonzepten
4.1 Der radikale Pluralismus nach Laski
4.2 Der totalitäre Staat nach Rousseau
5. Kritik und abschließende Bemerkungen
5.1 Defizite der realen Demokratie (nach Fraenkel)
5.2 Der Neopluralismus vor dem Hintergrund der Machtungleichheiten
6. Hauptthesen zum Neopluralismus
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die neopluralistische Theorie von Ernst Fraenkel, analysiert deren Entstehungsgeschichte vor dem Hintergrund seiner Biographie und stellt sie konkurrierenden politischen Konzepten sowie kritischen Einwänden gegenüber.
- Historischer Entstehungskontext und Fraenkels Biographie
- Struktur und Kernelemente der neopluralistischen Theorie
- Vergleich mit radikalem Pluralismus und totalitären Staatsmodellen
- Kritische Analyse von Machtungleichheiten und Lobbyismus
- Diskussion über das Gemeinwohl und die Rolle der Interessengruppen
Auszug aus dem Buch
3.2 A posteriori Gemeinwohl als normatives Konzept
Das Gemeinwohl als a posteriori zu definierende Idee bildet wohl den Kern der neopluralistischen Theorie. In der Vorstellung des Gemeinwohls wird der Unterschied zwischen pluralistischen und totalitären Staatsgebilden laut Fraenkel mit am deutlichsten. „Eine jede totalitäre Diktatur geht von der Hypothese eines eindeutig bestimmbaren vorgegebenen Gemeinwohls aus.“ Dieses a priori erkennbare Gemeinwohl trage vor allem mit dazu bei, das Recht diesem unterzuordnen, da das Erreichen des „Endziels“ wichtiger als die rechtsstaatlichen Prinzipien wird. Fraenkel betont immer wieder, daß es, selbst unter der Annahme es gäbe einen einheitlichen Volkswillen, unmöglich sei, diesen a priori zu erkennen. Er wendet sich damit deutlich gegen den Anspruch der kommunistischen Staaten und gegen die Ideologie von Marx und Engels.
Dahingegen wird im Neopluralismus der Volkswille erst im politischen Prozeß a posteriori definiert. Somit ist der Volkswille nicht ein fest vorgegebenes Ziel, welches es zu erreichen gilt, sondern die „’Resultante’ im Kräfteparallelogramm der Gruppeninteressen“, des „politischen Willensbildungsprozesses. Im Vergleich zu einem a priori definierten Ziel hat der a posteriori – Volkswille deutliche Vorteile, da in einer sich verändernden Welt dieser in der Lage ist, sich an die neuen Bedürfnisse und Gegebenheiten anzupassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert die Entstehung der pluralistischen Theorie und formuliert die Absicht, die theoretischen Strukturen Fraenkels sowie deren Abgrenzung und Kritikpunkte zu untersuchen.
2. Historischer Kontext der Entstehung Fraenkels (neo-) pluralistischer Theorie: Das Kapitel beleuchtet den Einfluss von Fraenkels jüdischer Herkunft, seinen Erfahrungen im Unrechtsstaat und der Weimarer Republik auf die Entwicklung seines Gegenkonzepts zum Totalitarismus.
3. Konzeption der Theorie: Hier werden die zentralen Elemente der Neopluralistischen Theorie dargestellt, insbesondere die Bedeutung von Interessengruppen, das Verständnis des Gemeinwohls und die Rolle der öffentlichen Meinung.
4. Vergleich zu anderen Politikkonzepten: Dieses Kapitel grenzt den Neopluralismus von Harold Laskis radikalem Pluralismus sowie von Rousseaus Idee des totalitären Staates ab.
5. Kritik und abschließende Bemerkungen: Der Autor erörtert hier interne Defizite der realen Demokratie sowie die fundierte Kritik am Neopluralismus bezüglich bestehender Machtungleichheiten und Lobbyismus.
6. Hauptthesen zum Neopluralismus: Eine komprimierte Zusammenfassung der zentralen Schlussfolgerungen, die die Notwendigkeit des Neopluralismus sowie seine Funktionsweise und die damit verbundenen Gefahren rekapituliert.
Schlüsselwörter
Neopluralismus, Ernst Fraenkel, Pluralistische Demokratie, Gemeinwohl, Interessengruppen, Totalitarismus, Politische Willensbildung, A posteriori, Öffentliche Meinung, Machtungleichheit, Rechtsstaat, Sozialer Rechtsstaat, Lobbyismus, Demokratieverständnis, Politischer Prozess.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Grundlagen des Neopluralismus nach Ernst Fraenkel und setzt diese in den historischen und politischen Kontext der Nachkriegszeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Rolle von Interessengruppen, dem normativen Konzept des Gemeinwohls und der Abgrenzung zu totalitären Systemen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Struktur der Theorie Fraenkels zu erläutern und kritisch zu hinterfragen, ob sie den Herausforderungen von Machtungleichheiten in der modernen Demokratie standhält.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Analyse, bei der Fraenkels Konzepte mit historischen Gegebenheiten, biografischen Einflüssen und konkurrierenden politischen Theorien kontrastiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Konzeption der Theorie, Vergleichen mit Laski und Rousseau sowie der kritischen Auseinandersetzung mit realen demokratischen Defiziten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind unter anderem Neopluralismus, Interessengruppen, Gemeinwohl, Totalitarismus und politische Willensbildung.
Warum lehnt Fraenkel ein a priori Gemeinwohl ab?
Er lehnt dies ab, da er ein solches Konzept als Gefahr für die Rechtsstaatlichkeit und die Freiheit ansieht, da es zur Unterordnung von Individuen unter ein vorgegebenes Staatsziel missbraucht werden kann.
Wie unterscheidet Fraenkel den nicht-kontroversen Sektor?
Dies ist ein Bereich gesellschaftlicher Normen und Verfahren, die als selbstverständlich gelten und somit nicht ständig Gegenstand politischer Debatten sind, was das politische Tagesgeschäft ermöglicht.
Welche ironische Beobachtung macht der Autor zur amerikanischen Demokratie?
Der Autor weist darauf hin, dass Fraenkel das spartanische System wegen seiner Unterscheidung in Über- und Untermenschen kritisiert, während zur Zeit der Theorieentwicklung in den USA Diskriminierungsgesetze gegen afroamerikanische Bürger bestanden.
- Quote paper
- Bachelor of Arts (B.A.) Dirk Brockmeyer (Author), 2004, Die (neo-)pluralistische Theorie Ernst Fraenkels: Konzeption und Kritik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43607