Auseinandersetzung mit der literarischen Gattung Märchen unter besondere Berücksichtigung der Wesenszüge nach Lüthi


Hausarbeit, 2004

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

TEIL 1: THEORETISCHE ASPEKTE ZUM MÄERCHEN

1. Zur Terminologie

2. Geschichte des Märchens

3. Typologie des Märchens
3.1 Die Wesenszüge nach Lüthi
3.1.1 Zum Handlungsablauf
3.1.2 Zum Personal und Requisiten
3.1.3 Zur Darstellungsart
3.1.3.1 Eindimensionalität
3.1.3.2 Flächenhaftigkeit
3.1.3.3 Abstrakter Stil
3.1.3.4 Isolation und Allverbundenheit
3.1.3.5 Sublimation und Welthaltigkeit
3.1.4 Kritik an den Wesenszügen Lüthis

4. Funktion des Märchens

TEIL 2: BEZUG ZUM STUDIENGANG PRIMARSTUFE

5. Funktion des Märchens für den Grundschulunterricht
5.1 Hinweise für den Einsatz von Märchen im Grundschulunterricht

Literaturverzeichnis

TEIL 1: THEORETISCHE ASPEKTE ZUM MÄERCHEN

1. Zur Terminologie

Der Begriff „Märchen“ ist die Diminutivform zum mittelhochdeutschen Wort „maere“, das der Bedeutung der Wörter „Kunde, Bericht oder Erzählung“ entspricht. Er bezeichnete anfänglich einfach eine kurze Erzählung. Die Verkleinerungsform „Märchen“, zunächst als „merechyn“, wurde 1450 erstmals belegt, unterlag allerdings wie andere Diminutive früh einer Bedeutungsverschlechterung und wurde als Bezeichnung für unwahre und erdachte Geschichten gebraucht.[1]

Eine Gegenbewegung gegen die Bedeutungsverschlechterung „setzte im 18. Jahrhundert ein, als unter französischem Einfluss Feenmärchen und Geschichten aus ’Tausendundeiner Nacht’ in Mode kamen“[2]) Letztendlich konnten im 19. Jahrhundert einerseits die Märchensammlungen der Gebrüder Grimm und Bechsteins und andererseits die Dichtungen der Romantiker und Andersens dem Märchen die negative Assoziation nehmen, so dass heute die Lexeme Volksmärchen und Kunstmärchen wertungsfrei eine bestimmte Erzählgattung benennen. Allerdings erinnert der Märchenbegriff im Kontext einiger Redewendungen an die Bedeutungsveränderungen des Ausdrucks: „Erzähl mir doch keine Märchen“ an Zeiten der Bedeutungsverschlechterung und „So schön wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht“ an Zeiten der Bedeutungsverbesserung.

Obwohl sich das mitteldeutsche Wort „Märchen“ in der Schriftsprache durchgesetzt hat, lassen sich im mündlichen Sprachgebrauch weitere Variationen der Bezeichnung finden.

Da es in anderen Sprachen keine Begriffe gibt, die in dieser Form spezifisch diese Erzählgattung bezeichnen, sondern entweder zu allgemein gewählt, auch für andere Textgattungen vorgesehen sind oder gar nur einen Teil des Märchenrepertoirs berücksichtigen, wird der Ausdruck „Märchen“ aufgrund seiner spezifischen Anwendung auf eine besondere Art der Erzählung in anderen Ländern als Fremdwort genutzt.[3]

2. Geschichte des Märchens

Die Gattung Märchen ist eine der ältesten Formen des Kulturguts, welche bereits um ca. 2000 vor Christus ihren Ursprung hat und die zunächst nur durch mündliche Überlieferung erhalten werden konnte. Es erscheint rätselhaft, dass sich verschiedene Motive aus der europäischen Märchenkultur auch in den Märchen Indiens, Persiens oder auch Russlands wieder finden lassen. Ursprünglich war diese Erzählform ausschließlich für die Ohren von Erwachsenen bestimmt; wenn Kinder sie hörten geschah dies eher zufällig.[4]

Schon aus den Kulturen des Altertums überlieferte Geschichten enthalten klassische Motive und Abläufe von Volksmärchen. Aus dem alten Ägypten in der Zeit um 1200 v. Chr. stammende Überlieferungen enthalten typische Märchenmotive wie die Hindernisflucht, warnende Tiere, Todeszeichen und Unheilsprophezeiungen.

Ebenso finden sich in Erzählungen des alten Israel märchenähnliche Motive und Abfolgen von Ereignissen wie am deutlichsten am apokryphen Buch Tobit ersichtlich wird, in dem ein Engel eine ähnliche Rolle wie „der dankbare Tote“ spielt.

Auch in der Literatur des alten Griechenlands und Roms finden sich zahlreiche Elemente des uns heute bekannten Märchens. Insbesondere in den Geschichten des Herakles, Perseus und der Argonauten vorhandene Strukturen ähneln in Grundgedanke und Aufbau dem Märchenschema. Außerdem lassen sich Parallelen zwischen der römischen Erzählung von Amor und Psyche und dem Märchen vom Tierbräutigam feststellen.

Alle aufgeführten Elemente können jedoch nicht als Beweis für die Existenz von Märchen im Altertum dienen, denn Wesensmerkmale wie die oben aufgeführten Motive können genauso gut aus anderen Erzählformen wie Mythen und Epen stammen und auf diese Weise in die späteren Märchen gelangt sein.

In aus der Literatur des frühen Mittelalters überlieferten Texte lassen allenfalls auf die Existenz märchenhafter Elemente in den Erzählungen dieser Zeit schließen, da sich einzelne Märchenmotive finden (z.B. in der Edda) und einzelne Geschichten existieren, die als Schwankmärchen bezeichnet werden (Geschichte vom Meisterlügner, von den befolgten Ratschlägen, vom Einochs).

Während aus dem späten Mittelalter wiederum eine Reihe von Texten bekannt ist, die, wie z.B. verschiedene Fabeln und Schwänke aus Predigtsammlungen, ebenfalls in Ablauf und Motiven dem Märchen lediglich ähneln, datieren einige Autoren die Entstehung des Märchens auf genau diese Zeit. So erzählten die Gebrüder Grimm mit ihrem Märchen „ Das Eselein“ die dem Frankreich des 14. Jh. entstammende Versdichtung „Asinarius“ wieder. Außerdem spiegelt sich das Märchen vom „dankbaren Toten“ in zahlreichen Ritterromanen und im französischen Artusroman „Perceforest“ erscheint das Schema des Dornröschenmärchens.

Eine deutliche Zunahme an überlieferten Erzählungen, die als Märchen bezeichnet werden können, ist ab der Zeit des 16. Jh. zu verzeichnen. Hervorzuheben sind hier die „Ergötzlichen Nächte“ der Italieners Giovan Francesco Straparolas, eine Sammlung weitgehend mündlicher Überlieferungen mit einer Vielzahl an Märchen (Geschichten vom Meisterdieb, vom Tierprinzen, vom Zauberlehrling), sowie „Das Märchen aller Märchen, oder Unterhaltung der Kinder“ von Giambattista Basile, in dem die Gebrüder Grimm in allen 50 Erzählungen Parallelen zu ihren eigenen Märchen entdeckten (z.B. Tischleindeckdich, Aschenputtel, Rapunzel, Schneewittchen, Dornröschen, König Drosselbart). Auch diese Geschichten scheinen weitestgehend mündlichen Überlieferungen zu entstammen und enthalten für manche Märchen die älteste bekannte Vollform.

Während am Ende des 17. Jh.s. in zahlreichen Veröffentlichungen, wie denen des französischen Schriftstellers Charles Perrault, das Volksmärchen noch gut erkennbar ist, tendieren in der nachfolgenden Zeit einige Erzähler zu immer fantastischeren Kombinationen von Elementen, wodurch schließlich die französischen Feenmärchen entstehen, in denen höfische Feen die zentralen Figuren darstellen.

Ebenfalls zu Beginn des 18 Jh.s. veröffentlicht der Franzose J. A. Galland „Les mille et une nuit en francois“ basierend auf einer arabischen Handschrift des 14. Jh.s. und den mündlichen Überlieferungen eines syrischen Maroniten.

1812 bzw. 1815 erscheinen in Deutschland die beiden Bände der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Mit ihnen wird in Deutschland einerseits erstmals das bis dahin nur mündlich verbreitete Volksmärchen schriftsprachlich festgehalten, andererseits jedoch der Status der mündlichen Überlieferung erheblich geschwächt, denn die „Kinder- und Hausmärchen“ werden bald zum weit verbreiteten Hausbuch. Als Grundlage für ihre Märchensammlung dienten den Gebr. Grimm in Hessen aufgezeichnete mündliche Erzählungen, wie die der ihren Gewährsleuten zugehörigen Marie Hassenpflug, der Mutter und Töchter Wild einer Kasseler Apotheke und der Gattin W. Grimms.[5]

Erstmals wurde auch durch die Gebrüder Grimm die Adressatengruppe `Kind` durch die Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ angesprochen. Dieses Werk zog eine große Anzahl an anderen Veröffentlichungen nach sich und führte zur baldigen Integration dieser Textgattung in die Schullesebücher. Von 1870 an nahm das Ansehen der Märchen jedoch aus Angst, sie würden von der Realität wegführen, ab bis sie später im NS-Regime dazu genutzt wurden die völkische Ideologie zu stärken und zu propagieren. Auch Märchen, wie Rotkäppchen oder Schneewittchen wurden zu ideologischen Zwecken umfunktioniert: artfremde Personen, wie z.B. die Stiefmutter Schneewittchens mussten quasi dem „rassisch Gutem“ unterliegen. Nach 1945 wurden jene Märchen, die man mitunter für die Grausamkeiten der NS-Regierung verantwortlich machte, aus der Schullektüre entfernt.

Nach 1950 traten neben die volkskundliche und pädagogische Märchenbetrachtung auch die Erkenntnisse aus dem Bereich der Soziologie, der Völkerkunde und der Tiefenpsychologie hinzu, was zu einer Flut an Sekundärliteratur führte. Obwohl die Grimmschen Märchen durchaus kritisch sind, empfand man sie in den 60er Jahren als Bestärkung für die damals bestehenden Herrschaftssysteme und als Erziehung zur Manipulierbarkeit. Dies führte dann zu einer verstärkten Anzahl an Anti- und Umkehrmärchen. Bekannte Verfassernamen hinsichtlich dieser Märchenformen sind u.a. Janosch, Paul Maar und Iring Fetscher. Die Antimärchen basieren auf den Volksmärchen, doch werden den Charakteren andere oder konträre Eigenschaften zugeschrieben.

In neuerer Zeit wird durch verschiedene Vertreter der Tiefenpsychologie versucht, zu Deutungen der Volksmärchen zu gelangen. Es sollte jedoch berücksichtigt werden, dass die Beschäftigung mit dieser Literaturgattung im Unterricht nicht primär die Deutung berücksichtigen sollte.[6]

[...]


[1] Vgl. Lüthi, Max: Märchen. Metzler, Stuttgart, 1996, 1.

[2] Ebd,1.

[3] Vgl. ebd,1f; Vgl. Z iesenis, Werner: Märchen. In: Lange, Günter (Hrsg.); Marquardt, Doris (Hrsg.); Petzoldt, Leander (Hrsg.); Ziesenis, Werner (Hrsg.). Textarten – didaktisch. Schneider Verlag Hohengehren GmbH, Baltmannsweiler, 2001, 100.

[4] Vgl. Paukner, Gertrud: Das Märchen. In: Internationales Institut für Jugendliteratur und Leseforschung (Hrsg.): Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Wien 1992, 41ff.

[5] Vgl. Lüthi, Max: Märchen, a.a.O, 33-60.

[6] Vgl. Paukner, G., a.a.O., 41ff, 48.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Auseinandersetzung mit der literarischen Gattung Märchen unter besondere Berücksichtigung der Wesenszüge nach Lüthi
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Veranstaltung
Das Märchen
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V43613
ISBN (eBook)
9783638413718
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Auseinandersetzung, Gattung, Märchen, Berücksichtigung, Wesenszüge, Lüthi
Arbeit zitieren
Agnes Slabon (Autor), 2004, Auseinandersetzung mit der literarischen Gattung Märchen unter besondere Berücksichtigung der Wesenszüge nach Lüthi, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43613

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