Die Rezeption von Heinrich Heine in der DDR zu Beginn des Kalten Krieges

Geschichte, Politik und Literatur im "Marxkonformen Spannungsfeld" nach Andreas Heyer


Hausarbeit, 2017
25 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Deutsche Demokratische Republik und Heinrich Heine

2. Die Heine-Rezeption in der DDR zwischen 1949 und
2.1 Die beginnende Heine-Rezeption nach der Staatsgründung der DDR
2.1.1 Werkauswahl und literaturwissenschaftliche Arbeitsweise
2.1.2 Das „Erbe“-Konzept der DDR in Bezug auf Heine
2.1.3 Die Heine-Marx-Beziehung
2.2 Das Heine-Jahr

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Ein neues Lied, ein besseres Lied,

O Freunde, will ich euch dichten!

Wir wollen hier auf Erden schon

Das Himmelreich errichten.“[1]

Diese pathetischen Worte entstammen einem besonders in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) berühmt gewordenen Gedicht Heinrich Heines: Deutschland. Ein Wintermärchen aus dem Jahr 1844 handelt von einer Reise durch die Staaten des Deutschen Bundes und entwirft das Bild eines utopischen Deutschlands in Heines Sinn. Doch welche Form dieses „Himmelreich“ hätte haben sollen, oder ob es überhaupt eine konkrete Aussage über Heines politische Ansichten geben kann, darüber sind sich Heine-Forscher*innen bis heute uneins. Heine galt unter seinen Zeitgenoss*innen als umstritten, teils wegen seiner jüdischen Religion, teils wegen persönlicher Konflikte. In der heutigen Forschung kann jedoch nicht nur für die zeitgenössische Wertung, sondern auch für die Rezeption nach dem 2. Weltkrieg rückblickend geschlussfolgert werden,

„[...] daß diese Umstrittenheit auch in Person und Werk Heines selbst begründet liegt, daß er gleichsam zum „Streitobjekt« prädestiniert ist, an dem sich unterschiedliche moralische, ästhetische und politische Anschauungen reiben. […] Heine entwickelte sich zunehmend zum Zankapfel zwischen verschiedenen Wissenschaftlern und Literaturtheorien zum Spielball der ideologischen Auseinandersetzung zwischen den beiden deutschen Staaten und ihrer jeweiligen Germanistik.“[2]

Es fällt Heine-Forscher*innen mit diesem differenzierten Blick heute schwer, ein eindeutiges Bild von Heines Person, aber ebenso von seinem Werk zu zeichnen. Umso mehr kann es aus heutiger Sicht erst einmal verwundern, dass sich die Heine-Veröffentlichungen kurz nach der Gründung der DDR rasant vermehrten und er dort als literarisches „Erbe“ neben Autoren wie Goethe oder Schiller herangezogen wurde. Publikationen wie „Unser Heine“ von Werner Ilberg oder die diversen Ausgaben vom „Heine-Lesebuch“ von Walther Victor, aber auch das feierlich begangene Heine-Jubiläum 1956 zeugen von der Begeisterung und positiven Wertung, die Heines Werken in der DDR zuteil wurde. Warum gerade Heine in der DDR wieder verstärkt rezipiert wurde, soll im ersten Kapitel dieser Arbeit dargestellt werden.

Im zweiten Teil soll weitergehend behandelt werden, in welche Richtung eine Beschäftigung mit Heine nach der Staatsgründung der DDR 1949 lief. Es gilt dabei, verschiedene Forschungslinien und Arbeitsweisen der dort arbeitenden Germanist*innen aufzuzeigen und zu erkären, was das Konzept von einem literarischen „Erbe“ Heines für die DDR konkret bedeutete. Dabei ist abschließend auf die Darstellung der Heine-Marx-Beziehung in der DDR-Sekundärliteratur zu Heine einzugehen, da diese das nächstliegende Argument für eine Rezeption Heines in der DDR darstellte.

Die Begründung für die Rezeption eines Schriftstellers in der DDR jedoch lediglich im „Marxkonformen Spannungsfeld“, wie Andreas Heyer es 2016 bezeichnet hat, zu suchen, und den DDR-Germanist*innen eine grundsätzliche politische Voreingenommenheit zu unterstellen, würde einer wissenschaftlichen Analyse nicht gerecht werden. Methodisch soll in dieser Arbeit daher immer wieder das Spannungsverhältnis zwischen Heine, seinen Werken, der historischen sowie politischen Situation sowohl zu seinen Lebzeiten als auch in der DDR dargestellt werden. Denn Geschichte, Politik und Literatur treten – in Heines Beispiel so wie in jeder rückblickenden Betrachtung eines Werkes oder Ereignisses – in eine Wechselwirkung, die es immer mitzudenken und gleichsam zu entwirren gilt. Für eine Analyse von Werken der Heine-Rezeption in der DDR bedeutet dies konkret:

„[...] die Texte in der Konfrontation mit den Kenntnissen über die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit daraufhin zu befragen, ob sie – eventuell unabhängig von ihrer eigenen Intention – dazu geeignet sind, diese Verhältnisse zu stabilisieren oder – gegebenenfalls: in welche Richtung – zu überschreiten. Cui bono sich auszuwirken kommt einer Argumentation letzten Endes zu? Wem arbeitet sie – willentlich oder nicht – in die Hände? Diese Fragen zu beantworten, ohne in Pauschalisierungen zu geraten, ist methodisch besonders schwierig.“[3]

In dieser Arbeit wird daher für einen kurzen, aber politisch ereignissreichen Zeitraum, von der Gründung der DDR 1949 bis hin zum ersten großen Heine-Jubiläum 1956, die Entwicklung der Heine-Rezeption dargestellt. Dabei sollen wiederkehrende Interpretationsmuster aufgezeigt und auf ihren Hintergrund und Zweck befragt werden, jedoch ebenso Gegenentwürfe und heutige Interpretationen zu Wort kommen, um einen differenzierten Blick auf die Literaturwissenschaft der sozialistischen deutschen Republik zu ermöglichen.

1. Die Deutsche Demokratische Republik und Heinrich Heine

„Jede Neuwertung eines Dichters, dessen Gestalt in seinen Umrissen feststeht, ist bestenfalls eine Akzentverschiebung. Bei Heine ist es immer noch mehr: Werbung um seine Anerkennung. [...] wir haben keine Atempause mehr, denn von der richtigen Einordnung seines Werkes hängt viel ab, nicht für ihn, der schon fast ein Jahrhundert auf dem Montmartre liegt, sondern für uns, die wir gerade der Hölle entronnen sind und eine Zukunft zu gewinnen haben.“[4]

Diese einleitenden Worte Werner Ilbergs aus seiner Heine-Monographie (1952) unterstreichen die Dringlichkeit, die eine neuen Heine-Interpretation kurz nach der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik für die dort ansässigen Literaturwissenschaftler*innen augenscheinlich besaß. Ausgewählte Werke Heines waren Stück für Stück schon seit 1945 in neuen Editionen im Buchhandel in Ostdeutschland erschienen[5], obwohl die Herausgabe einer komplette Heine-Edition inklusive aller Briefe und Werke sich noch bis 1964 hinziehen sollte.[6] 1950 folgte das erste Heine-Lesebuch von Walther Victor, das bis 1989 in 30 Auflagen erscheinen und Heine in breiten Kreisen populär machen würde. Die schnelle Veröffentlichung seiner Werke in der DDR spricht für ein besonderes Interesse der Parteifunktionäre an seiner Person und seinem Werk, das in diesem Kapitel näher beleuchtet werden soll.

Zunächst ist dem Zitat Ilbergs das Ziel der Beschäftigung mit Heine zu entnehmen: „Anerkennung“ sollte er durch seine „Neuwertung“ in der DDR erfahren. Dieser erste Satz greift zurück auf Heines Biographie und seine wechselhafte Rezeption in den vorangegangenen Jahrzehnten, wenn nicht sogar schon zu Lebzeiten. Vonseiten der DDR wurde dabei davon ausgegangen, dass Heine bis dato nicht die ihm gebührende Anerkennung erfahren habe, was man nun nachzuholen gewillt war. Das Ziel aller Bemühungen war es, „seine revolutionäre Gesinnung, sein Menschenbild in denen lebendig [zu] machen, die sich anschicken, der Deutschen Demokratischen Republik Sinn und Inhalt zu geben […].“[7] Eine Breitenwirkung sollte also ausdrücklich erreicht werden. Aber wieso fiel die Wahl dabei gerade auf Heine?

Einerseits sprachen biographische Details als auch Wesenszüge Heines für eine neue Beschäftigung mit ihm und seinen Werken in der DDR. Hierzu sollen als Hintergrundinformation kurz die wichtigsten biografischen Fakten genannt werden.[8] Als Sohn jüdischer Eltern im Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts aufgewachsen, war Heine zeitlebens mit Ausschlüssen aus bestimmten Kreisen und Anfeindungen konfrontiert gewesen, an der auch seine protestantische Taufe nach seiner Promotion im Jahr 1825 nichts ändern sollte.[9] Durch Napoleons Code Civil geprägt, wandte sich Heine gegen die Restauration im Deutschen Bund (bspw. durch die Mitgliedschaft in verschiedenen Burschenschaften zwischen 1819 und 1823 während seiner Studienzeit) und wird in der neueren (gesamtdeutschen) Forschung u. a. als Anhänger des Liberalismus gesehen.[10] Es sei aber schon an dieser Stelle gesagt, dass sich in seinem Werk sowie in seinen Briefen durchaus unterschiedliche politische Aussagen finden, die eine konsistente Interpretation bis heute unmöglich machen und immer wieder zu sehr unterschiedlichen Auslegungen führen.[11] Von der Julirevolution im Jahr 1830 erhoffte sich Heine einen Kurswechsel im Deutschen Bund, der jedoch nicht eintrat, woraufhin er sich zur Auswanderung nach Frankreich entschied. Er setzte dort seine schriftstellerische Tätigkeit für seinen Verleger Hoffmann und Campe in Hamburg fort und verließ die Gattung der Gedichte, die ihn bisher in Deutschland bekannt gemacht hatten, um sich der Prosa zuzuwenden und sowohl über seine Heimat Deutschland (z.B. Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, 1835) als auch über seine Wahlheimat Frankreich (z.B. Französische Zustände, 1832) zu schreiben. Dabei war er vor einer Veröffentlichung immer wieder mit der Zensur durch den Deutschen Bund konfrontiert, und dies nicht ausschließlich wegen der Themenwahl seiner Werke, sondern auch wegen seines ironischen bis sarkastischen Stils, sowie teils diffamierenden Auseinandersetzungen mit anderen Autoren wie August Graf von Platen, Wolfgang Menzel oder Ludwig Börne.[12] Er wehrte sich gegen den erstarkenden Nationalismus und die Zensur anderer Meinungen, so z.B. gegen Wolfgang Menzel, dem er das Druckverbot seiner Werke 1835 zu Last legte:

„Dieses ist nun freilich verdrießlich für einen Mann, der beständig auf Nationalität pocht, gegen alles Fremdländische, unaufhörlich loszieht […]. Wir aber sind keine altdeutschen Rassenmäkler, wir betrachten die ganze Menschheit als eine große Familie, deren Mitglieder ihren Wert nicht durch Hautfarbe und Knochenbau, sondern durch die Triebe ihrer Seele, durch ihre Handlungen offenbaren.“[13]

Heines Kontakt zu Saint-Simonisten sowie zu Karl Marx und seine Zugehörigkeit zu der Gruppe des Jungen Deutschland ließen ihn darüber hinaus für die Politiker*innen im Deutschen Bund als potenziellen Revolutionär und Umstürzler erscheinen, was eine permanente Überwachung und Zensur rechtfertigte, obschon der Geheimagent Karl Noé 1836 resigniert feststellte, dass dies Heines Popularität noch förderte:

„Übrigens hat das Verbot gegen Heines Werke in Paris einen üblen Eindruck gemacht und gibt ihm eine Wichtigkeit, die zu vermeiden gewesen wäre. Da seine Schriften im Preußischen seit so vielen Jahren verkauft wurden, […] reizt so etwas vielmehr auf und wirft ihn immer mehr in die Partei des Revolutionärs oder wenigstens der Opposition.“[14]

In dieser Opposition blieb Heine bis zu seinem Tod 1856 in Paris, obwohl er nie Mitglied einer Partei wurde oder sich eindeutig zu einer politischen Richtung bekannte. Es bleibt die Frage, inwiefern Aussagen aus seinen Werken als seine persönliche Meinung ausgelegt werden können; festzuhalten ist jedoch, dass er aufgrund dieser schriftstellerischen Werke Zeit seines Lebens in einen ungelösten Konflikt mit der deutschen Regierung geriet. Und genau diese Opposition Heines gegenüber der Regierung des Deutschen Bundes bot ein Jahrhundert später den Literaturwissenschaftler*innen der DDR Anknüpfungspunkte für ihre Interpretation, zunächst nicht wegen einer konkreten politischen Aussage, sondern wegen der künstlerischen Person Heinrich Heines an sich:

„[...] die DDR suchte neben dem politischen und ideologischen Fundament des Marxismus/Leninismus nach einem geistig-kulturellen und schien in Heine einen geeigneten Künstler dafür entdeckt zu haben, zumal sich in Westdeutschland in vergleichbarem Ausmaß niemand seiner annahm.“[15]

Hier ist schon ein zweiter Punkt erwähnt, der das gesteigerte Interesse an Heine in der DDR erklärt: In der Bundesrepublik Deutschland wurde er nach dem 2. Weltkrieg kaum rezipiert, und in der vorhergehenden Zeit zwischen 1933 und 1945 war er aufgrund seiner jüdischen Religion von den Nationalsozialist*innen sogar komplett aus dem Kanon gelöscht worden. In der Zeit des Antifaschismus als Staatsdoktrin der DDR empfand man daher schlicht eine „nach dem faschistischen Verdikt notwendig gewordene Popularisierung der Werke des Dichters“[16]. Weiterhin konnte man schon auf eine rege Heine-Interpretation aus der Sowjetunion zurückgreifen, was wiederum als hinreichender Grund für eine Beschäftigung mit ihm angesehen wurde.

„Schon in den Unabhängigkeitsbestrebungen und Sozialrevolten des 19. Jahrhunderts hatte Heine dort [in den sozialistischen Ländern Osteuropas] eine große Rolle gespielt. Noch stärker war dieser Einfluß in der Zeit des antifaschistischen Kampfes geworden. Und so konnte man 1945 in den verschiedenen osteuropäischen Volksrepubliken an einen konsequenten Ausbau bereits bestehender Heine Traditionen herangehen […].“[17]

Wie Constanze Wachsmann herausgearbeitet hat[18], hatte sich die sowjetische Heine-Rezeption seit den 20er Jahren bereits in mehrere Themengebiete differenziert, was auf die unterschiedlichen „tagespolitischen Themen der Sowjetunion“[19] in den verschiedenen Jahren zurückzuführen war: Heine wurde, je nach tagespolitischer Lage, als revolutionärer Dichter, als Religionskritiker, als Wegbereiter der sowjetischen Literatur, als Preußenkritiker oder als Kapitalismuskritiker dargestellt. Für die beginnende DDR-Rezeption von Heine galt es nun, eine eigene Interpretation im Anschluss an diese Tradition(en) zu finden. Dabei wurde zunächst verstärkt auf Georg Lukács zurückgegriffen, der schon 1937 mit Heine und die ideologische Vorbereitung der achtundvierziger Revolution ein Werk in der Tradition des „fortschrittlichen, bürgerlich-klassischen Literaturerbes“[20] geliefert hatte. Lukács avancierte schnell zu einem Klassiker in der Ausbildung marxistisch orientierter Literaturwissenschaftler*innen in der DDR[21], da er in den 30er Jahren begonnen hatte, „die germanistischen Unternehmungen zu bekämpfen, die das literarische Erbe der deutschen Klassik für die faschistische Ideologie in Anspruch nehmen wollte.“[22] Zunächst beschränkte sich die Heine-Rezeption aber wegen der mangelnden Zahl an marxistischen Wissenschaftler*innen auf die reine Veröffentlichung von Texten Heines – eine allmähliche Kanonbildung. „Die klassische bürgerliche Literatur des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, von Lessing bis zum späten Goethe und Heine, […] wurden vor allem als allgemeines kulturelles Medium der antifaschistisch-demokratischen Umerziehung angesehen.“[23] So dominierte in den Publikationen der ersten Jahren nach dem Krieg in der ostdeutschen Besatzungszone „der Lyriker Heine den Prosaschriftsteller und Feuilletonisten“[24], um Heine überhaupt wieder populär zu machen. Dies wird u.a. auch bei den Festlichkeiten zu seinem 150. Geburtstag im Jahr 1947 deutlich, zu denen die SED bereits Materialien für das Abhalten der Zeremonien herausgab, die Rezeption sich aber auf ein Vortragen der Texte beschränkte (mit einem Schwerpunkt auf den satirisch-politischen Gedichten[25] ) und keine einordnenden, d.h. interpretativen, Veröffentlichungen erschienen.[26] Erst mit der Staatsgründung der DDR wurde die Heine-Rezeption auf eine politische Auslegung hin verstärkt. Jost Hermand beobachtet mit Beginn des Kalten Krieges im Bezug auf die Heine-Rezeption eine abrupte intellektuelle Blockbildung in West und Ost:

„Heine wurde daher seit 1948 von Nationalisten, Antisemiten, reaktionären Romantikern, kleinbürgerlichen Autoritätsverehrern, orthodoxen Juden, saturierten Bürgerlichen und versnobten Ästheten wieder erbittert angegriffen (oder totgeschwiegen) – und von Linksintellektuellen, liberalen Juden, heimatlosen Radikaldemokraten, freischwebenden Journalisten, überzeugten Sozialisten und Kommunisten jeglicher Couleur wieder als »fellow traveller« aller linken Richtungen auf den Schild gehoben.“[27]

Nachdem geschildert wurde, warum eine Beschäftigung mit Heine gleich zu Beginn der DDR nahelag und aufgenommen wurde, steht es nun zu fragen, in welche Richtung diese Beschäftigung konkret lief. Dies soll in den folgenden Kapiteln zunächst für die beginnende Rezeption ab der Staatsgründung 1949, mit einem besonderen Fokus auf die wissenschaftliche Forschung, bis hin zum Heine-Jahr 1956 vorgenommen werden.

2. Die Heine-Rezeption in der DDR zwischen 1949 und 1956

„In den dunklen Jahren der faschistischen Gewaltherrschaft waren seine Bücher abermals in Deutschland verboten. Sein Name sollte vom deutschen Volke vergessen werden; denn sein Werk wurde noch viele Jahrzehnte nach seinem Tode gefürchtet. Im Jahre 1956 [...] ehrt die gesamte fortschrittliche Menschheit auf Beschluß des Weltfriedensrates Heinrich Heine. Möge das deutsche Volk seinem Rufe folgen auf dem Wege des Kampfes für die Einheit eines friedliebenden, demokratischen Deutschlands!“[28]

Zu Beginn des Heine-Jahres 1956 war die Heine-Rezeption in der DDR, wie an diesem einführenden Zitat aus einer offiziellen Veröffentlichung deutlich wird, bereits zu einer gängigen und allgemeingültigen Interpretationsrichtung gekommen. Heine wird hier als „Kämpfer“ für die Demokratie dargestellt, der von der „fortschrittlichen Menschheit“ gebührend geehrt werde und als Vorbild dienen könne. Dieser kämpferische Heine, so gab das Zentralinstitut für Bibliothekswesen vor, sollte im Heine-Jahr geehrt werden. Wie es zu dieser Interpretation kam und wie sie in den Köpfen der DDR-Bürger*innen verankert werden sollte, darum soll es in diesem Kapitel gehen. Dabei liegt der Fokus, wie im vorhergehenden Kapitel schon erwähnt wurde, auf der politischen Einordnung Heines, die seit der Staatsgründung 1949 ihren Lauf nahm. Es sollen jedoch auch Gegenstimmen der DDR-Wissenschaftler*innen und differenziertere Entwürfe eines Heine-Bildes zu Wort kommen sowie aufgezeigt werden, warum und wie sich dennoch eine bestimme Interpretationsrichtung in der DDR durchsetzte.

2.1 Die beginnende Heine-Rezeption nach der Staatsgründung der DDR

Die erste Veröffentlichung in der DDR zu Heine, die neben seinen Werken auch eine Einordnung durch ein Vorwort enthielt, war 1950 die erste Auflage von Heine – Ein Lesebuch für unsere Zeit von Walther Victor. Victor war vor der Machtergreifung der Nationalisozialist*innen Mitglied der SPD gewesen, hatte Germanistik studiert und ab 1935 im Exil gelebt; seit 1947 war er nun Mitglied der SED. Bereits 1931 hatte er sich in seinem Buch Mathilde. Ein Leben um Heinrich Heine. intensiv mit Heine und dessen Ehe beschäftigt und sah nun die Möglichkeit, nach einer Epoche des Schweigens, die durch die Verbannung der Werke Heines durch die Nationalsozialist*innen verursacht worden war, „solche Leser mit Heinrich Heine bekannt zu machen, die von ihm nicht viel mehr als den Namen wußten, und jenen Fortgeschritteneren eine Handhabe zu geben, die die Eroberung unseres Kulturerbes aus einer Phrase zur Realität machen wollen.“[29] Das besondere an Victors Methode, so beschreibt er es selbst, sei dabei der Verzicht auf „den Ballast wissenschaftlicher und wissenschaftlich tuender Hinweise, Daten, Fußnoten und Quellenangaben.“[30] In diesem Stil zeigen sich die 60 Seiten Vorwort, die 1950 das Lesebuch eröffneten: „Die Einführung zur ersten Auflage war – aus der Perspektive historisch-materialistischer Literaturbetrachtung – noch ziemlich subjektiv geschrieben, ging auf den privaten Heine ein und zeigte ausführlicher auch den unpolitischen Dichter.“[31] Victor ging es augenscheinlich zunächst um eine Popularisierung Heines: Dazu wurde in der 1950er Ausgabe des Lesebuchs u. a. eine Beziehung zu Goethe hergestellt,[32] der als deutsches Kulturgut weit mehr bekannt war als Heine und 35 Lebensjahre (zwischen Heines Geburt 1797 und Goethes Tod 1832) mit ihm „geteilt“ hatte; hier wurde dem/der Leser*in eine epochale Einordnung Heines über Goethe ermöglicht. Weiterhin schmückte eine chronologische Biographie die ersten Seiten von Victors Werk und er gab im Vorwort eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten politischen Ereignisse während Heines Lebenszeit, wie etwa der Folgen der französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons über Europa, sowie Heines Problemen mit der deutschen Regierung. Auch Heines familiäre Umstände fanden im Vorwort längere Behandlung.

[...]


[1] Heine, Heinrich (1844): Deutschland. Ein Wintermärchen. Caput I. In: Windfuhr, Manfred (Hrsg) (1985): Heine, Heinrich: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, Band 4. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg. S. 92.

[2] Gutleben, Burkhard (1997): Die deutsch-deutsche Heine-Forschung. R. G. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. S. 9.

[3] Kleinknecht, Karl Theodor (Hrsg.) (1976): Heine in Deutschland: Dokumente seiner Rezeption 1834 – 1956. S. XVI. Max Niemeyer Verlag, Tübingen.

[4] Ilberg, Werner (1952): Unser Heine. Eine kritische Würdigung. Henschelverlag, Berlin. S. 6.

[5] Vgl. Hermand, Jost (2007): Heinrich Heine. Kritisch. Solidarisch. Umstritten. Böhlau Verlag, Köln. S. 192.

[6] Vgl. Höhn, Gerhard (2004): Heine Handbuch. Zeit – Person – Werk. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. J.B. Metzler Verlag, Stuttgart. S. 41.

[7] Victor, Walther (1950): Heine. Ein Lesebuch für unsere Zeit. Thüringer Volksverlag, Weimar. S. 3.

[8] Eine umfassende Biografie findet sich u. a. in Höhn, Gerhard (2004).

[9] Für eine Zusammenfassung der Biographie mit besonderem Fokus auf die Religion vgl. Fritzlar, Lydia (2013): Heinrich Heine und die Diaspora. Der Zeitschriftsteller im kulturellen Raum der jüdischen Minderheit. De Gruyter, Berlin/Boston. S. 209.

[10] Vgl. Hermand, Jost (1993): Mehr als ein Liberaler: über Heinrich Heine. 2. Auflage, Lang, Frankfurt am Main. S. 16 ff.

[11] Marcel Rein-Ranicki urteilt deshalb beispielsweise: „Es bereitete Heine einen geradezu wollüstigen Genuß, allen die Wahrheit zu sagen: den Juden und den Antisemiten, den Deutschen und den Deutschenfeinden, den Adligen und den Bürgern, den Katholiken und den Protestanten, den Verfolgern und den Verfolgten, den Poeten der Spätromantik und den Repräsentanten des Jungen Deutschland. Stets setzte er sich zwischen alle Stühle. Und fast will es mir scheinen, als sei da immer noch sein Platz.“ (In: Der Fall Heine, Dtv, München 2000, S. 38)

[12] Vgl. z.B. Heines Werke Ludwig Börne. Eine Denkschrift. (1833), Über den Denunzianten (1837)

[13] Heine, Heinrich (1837): Über den Denunzianten. Eine Vorrede zum dritten Theile des Salons. In: Windfuhr, Manfred (Hrsg.) (1987): Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, Band 11. Hoffmann und Campe, Hamburg. S. 154, ZZ. 36-38.

[14] Noé, Karl (1836): Geheimbericht an die österreichische Regierung, Paris, 7. Jan. 1836. In: Werner, Michael (Hrsg.) (1973): Begegnungen mit Heine. Berichte der Zeitgenossen. 1797-1846. Hoffmann und Campe, Hamburg. S. 315.

[15] Bernig, Jörg (2003): Vergessenheit und Instrumentalisierung. Die deutsche Heine-Rezeption im ersten Nachkriegsjahrzehnt. In: Kruse, Joseph A. (Hrsg.): Heine-Jahrbuch 2003. S. 105-124. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar. S. 110.

[16] Seifert, Siegfried (1968): Heine-Bibliographie 1954-1964. Vorwort. Aufbau Verlag, Berlin/Weimar. S. X.

[17] Hermand, Jost (2007): S. 188.

[18] Vgl. Wachsmann, Constanze (2001): Der sowjetische Heine. Die Heinrich Heine-Rezeption in den russischsprachigen Rezeptionstexten der Sowjetunion (1917-1953). Weißensee Verlag, Berlin.

[19] Ebd. S. 73.

[20] Gutleben, Burkhard (1997): S. 18.

[21] Für eine ausführliche Darstellung der Gründe für ein Anknüpfen an Lukács vgl. Saadhoff (2007): S. 84 ff.

[22] Scharfschwerdt, Jürgen (1982): Literatur und Literaturwissenschaft in der DDR. Eine historisch-kritische Einführung. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart. S. 62.

[23] Ebd. S. 43.

[24] Bernig, Jörg (2003): S. 109.

[25] Reese, Walter (1979): Zur Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption in Deutschland. Verlag Peter D. Lang, Frankfurt/Main. S. 237.

[26] Vgl. Henning, Astrid (2007): Heinrich Heine und Deutschsein in der DDR. Wie Literatur Herrschaft sichert. Tectum Verlag, Marburg. S. 72 ff.

[27] Hermand, Jost (2007): S. 184.

[28] Zentralinstitut für Bibliothekswesen (Hrsg.) (1956): Heinrich Heine. Leben und Werk. Freiheit Verlag, Halle (Saale). S. 10.

[29] Victor, Walther (1950): Nachwort, o. Seitenangabe.

[30] Ebd.

[31] Goltschnigg, Dietmar / Steinecke, Hartmut (Hrsg.) (2008): Heine und die Nachwelt. Geschichte seiner Wirkung in den deutschsprachigen Ländern. Texte und Kontexte, Analysen und Kommentare. Band 2, 1907-1956. Erich Schmidt Verlag, Berlin. S. 148.

[32] Vgl. Victor, Walther (1950): S. 4 ff.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Rezeption von Heinrich Heine in der DDR zu Beginn des Kalten Krieges
Untertitel
Geschichte, Politik und Literatur im "Marxkonformen Spannungsfeld" nach Andreas Heyer
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,0
Jahr
2017
Seiten
25
Katalognummer
V436258
ISBN (eBook)
9783668783416
ISBN (Buch)
9783668783423
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich Heine, Heine, DDR, Rezeptionsstudie, Literaturrezeption, Literatur im Kalten Krieg, Kalter Krieg, Geschichte, Politik, Literatur, DDR-Literatur
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Die Rezeption von Heinrich Heine in der DDR zu Beginn des Kalten Krieges, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436258

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