Die Ordnung der Dinge im Kontext von Hitchcocks britischer Schaffensphase. "The 39 Steps"


Bachelorarbeit, 2009

37 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Der Hitchcock-Thriller: „The 39 Steps”

2. Analyse der Handlungsstrukturen

3. Analyse der ideologischen Inhalte
3.1 Sittlich-Moralischer Verfall der Ordnung
3.2 Verstoßen aus dem Ordnungsbezug
3.3 Auflösung fester gesellschaftlicher Ordnung
3.3.1 Gesellschaftliche Institutionen
3.3.2 Normvorstellungen

4. Unordnung in der filmischen Darstellung
4.1 Schauplätze
4.2 Licht und Schatten
4.3 Kameraeinstellungen
4.4 Montage
4.5 Ton

5. Zusammenfassung

6. Quellenverzeichnis

7.Anhang

0. Einleitung

Hitchcock startete 1922 Filme zu produzieren. Die Filmherstellung ist Organisationsarbeit. Hitchcock hatte die komplette Kontrolle über seine Projekte, er wollte die Kontrolle über die Skripte, die Stars, die Assistenz die mit ihm zusammenarbeitete, die exakten Schnittplätze und Selbstreklame. Hitchcock fehlte der Mut dazu diese Art der Steuerung über seine Arbeit aufzugeben, die hier verwirklicht wurde, so 1933, als er zur British-Gaumont- Pictures ging und seine bis dahin wohl erfolgreichste Arbeit produzierte. Hitchcock entwickelte sich zum Thriller-Spezialisten. Zwischen 1934 und 1938 drehte er sechs Filme: The Man Who Knew Too Much (1934), The 39 Steps (1935), Secret Agent (1936), Sabotage (1936), Young And Innocent (1937) und The Lady Vanishes (1938). Ein Zeichen für die Wichtigkeit dieser Schaffensperiode Hitchcocks Arbeit kann in der Tatsache gesehen werden, dass er zu ihr Ende der 50er Jahre zurückkommt, er greift auf seine Vorlagen zurück und perfektionierte The Man Who Knew Too Much im gleichnamigen Remake, sowie The 39 Steps in North by Northwest. Hitchcock überließ nichts dem Zufall, er plante in seinen Filmen jeden Zentimeter Bildmaterial genau, jedes Detail ist präzisiert und durchkomponiert. Nichts ist zufällig, alles hat seine Ordnung. Die Anordnung der Bilder folgt also einer klaren Ordnung. Hitchcocks Aussage nach ist er selbst ein Mensch, der ein starkes Bedürfnis nach Ordnung habe, er sei der absolute Gegensatz zu seinen Filmfiguren, die er mit der Un-Ordnung oder dem Chaos konfrontiert.1 In seinem Film The 39 Steps kann man dieses Hitchcock-Programm, anhand inhaltlicher und formaler Besonderheiten, erkennen. Nun stellt sich die Frage, auf welche Art und Weise Ordnung im Film The 39 Steps sichtbar wird? Beziehungsweise, was lässt Un-Ordnung, also ein Durcheinander entstehen? Und was macht das Chaos eigentlich aus? Ziel der Arbeit wird es also sein, die verschiedenen Ordnungsaspekte im Film The 39 Steps aufzuzeigen. Dafür wird der Film zunächst in Sequenzen und Szenen eingeteilt, um den Aufbau der Handlung zu skizzieren. Darauf aufbauend werden die Inhalte, mittels der Feinanalyse und Interpretation, der einzelnen Einstellungen die wichtigsten Aspekte näher beleuchten. Zum Schluss werden die wesentlichen formalen Besonderheiten in der filmischen Darstellung betrachtet. Da eine vielfältige Verwendung von Chaos und Ordnung in weiteren Filmen, wie The Man Who Knew Too Much, Secret Agent, Sabotage, Young And Innocent und The Lady Vanishes zu beobachten ist, werden bei der inhaltlichen und formalen Analyse, aus Hitchcocks englischer Schaffensphase, zusätzlich einzelne Filmbeispiele herangezogen.

1. Der Hitchcock-Thriller: „The 39 Steps”

Durch den Film The 39 Steps hat Hitchcock ein neues Genre geschaffen, den „Hitchcock thriller”2. Tom Ryall bezeichnet den Film, in seiner Arbeit über Hitchcock, als ein Teil des Klassischen-Thriller-Sextetts.3 Der Thriller zeigt zu Beginn meistens Figuren, die ein geordnetes Leben führen. Durch unglückliche Umstände geraten die Figuren in einen falschen Verdacht. Sie werden verfolgt und müssen flüchten um ihre Unschuld zu beweisen. Sie werden aus ihrer gewohnten Umgebung und aus ihrer Sicherheit herausgerissen. Doch ein Gefühl von Ordnung ist für den Protagonisten Hannay wichtig. Durch den erlittenen Kontrollverlust begibt er sich auf eine Suche nach bedeutungsvollen Zusammenhängen. Hannay darf dem Anschein, den die Dinge haben, nicht trauen. Denn die Ordnung der Dinge im Film unterliegt einer ständigen Veränderung. So verwandeln sich Feste mit ausgelassener Stimmung für den Protagonisten Hannay in bedrohliche Orte. Ein Ausbruch aus der Ordnung, hinein ins Chaos. Wodurch wird noch die Ordnung der Dinge auf den Kopf gestellt? Ordnung ist Kontrolle und Sicherheit. Da hier Hilflosigkeit und Risiko vorherrschen, werden die Handlungsstrukturen des Spionagethrillers zunächst genauer betrachtet.

2. Analyse der Handlungsstrukturen

Für die Analyse der Handlung des Films bietet sich das dramenanalytische Pyramidenschema4 von Gustav Freitag an. Der Handlungsverlauf lässt sich in Sequenzen und Szenen einteilen.5 Für den vorliegenden Film ergab sich eine Einteilung in 5 Sequenzen, was an den Aufbau eines klassischen Dramas erinnert. Die Handlungsteile dienen vorwiegend zur Spannungssteigerung, wie beim klassischen Drama, sind die auch hier die Höhepunkte in II und IV. Die I. Sequenz besteht aus 3 Szenen, die II. Sequenz besteht aus 6 Szenen, die III. Sequenz aus 3 Szenen, die IV. Sequenz aus 5 Szenen und die V. Sequenz besteht aus 3 Szenen. I. Sequenz: 1. Szene: In der Londoner Music Hall wird der Protagonist, Richard Hannay, eingeführt, indem er inmitten von anderen Zuschauern Mr. Memory eine Frage stellt. Da er diese zwei Mal wiederholen muss, wird die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf ihn gelenkt. Es kommt an der Theke zu einer Schlägerei. Plötzlich fallen zwei Schüsse und es bricht Panik aus, die Zuschauer fliehen aus dem Saal. - 2. Szene: Im Gedränge nach draußen lernt Hannay eine fremde Dame kennen. Diese fragt ihn, ob er sie in seine Wohnung mitnehmen kann. - 3. Szene: In seinem Apartment, ergreift sie alle Vorsichtsmaßnahmen um nicht durch die Fenster erkannt zu werden. Daraufhin erklärt sie ihm ihr Verhalten, sie habe als Agentin den Auftrag, den Verrat eines militärischen Geheimnisses an eine ausländische Macht zu verhindern, sich von zwei Männern in der Music Hall bedroht sehe und sie die zwei Schüsse abgegeben habe, um ihnen entkommen zu können. Sie nennt sich Annabella Smith. Durch das Läuten des Telefons und einem Blick aus dem Fenster wird Hannay von der Wahrheit überzeugt. Im Verlauf des Gesprächs erfährt er Einzelheiten, sie erwähnt die „39 Stufen“ und den fehlenden kleinen Finger. In derselben Nacht wird sie ermordet. Nun übernimmt Hannay ihre Aufgabe, die Spionage zu verhindern. Eine Landkarte von Schottland, die sie noch in ihrer Hand hält, gibt ihm das weitere Ziel vor. Durch einen Kleidertausch mit dem Milchmann gelingt ihm die Flucht. Dieser Teil des Films kann als Exposition gesehen werden, da hier das Publikum alle wichtigen Hintergrundinformationen durch das Geschehen erfährt, wie etwa die Schilderung der Ausgangssituation, die Vorgeschichte, die Zeit, den Ort, die Vorstellung der Personen und die Andeutung der Problemlage. Dieser Abschnitt des Films ist entscheidend für den folgenden Handlungsverlauf und für die Spannungsdramaturgie. Das Verbrechen, der Mord an der Agentin, reißt den Protagonisten Hannay immer mehr aus der Ordnung des alltäglichen

Lebens. Ordnung soll hier erkannt und bewusst gemacht werden, und zwar durch ihren Verlust. An dieser Stelle wird Hitchcocks Anliegen deutlich, die Selbstverständlichkeit des Menschen in seiner gesellschaftlich-wertebezogenen Umwelt zu zerstören, indem er die scheinbar stabile Ordnung der Welt in Frage stellt. Hier veranschaulicht Hitchcock es so, dass Hannay die letzten Worte der Agentin, die er nach ihrer Ermordung noch einmal hört, als Aufforderung für die Übernahme ihrer Aufgabe versteht. Die Handlung scheint sich nun von selbst auf einen Höhepunkt oder eine Katastrophe hin zu entwickeln, was in der zunehmenden Verunsicherung Hannays durch die beginnende Flucht vor einer Bedrohung der Verfolger aufgezeigt wird. II. Sequenz: 1. Szene: Hannay fährt mit dem Zug nach Schottland, doch die Verfolger haben ihn erkannt und sind ihm gefolgt, doch sie verpassen den Zug nur knapp. - 2. Szene: Hannay erfährt durch den Zeitungskauf zweier Mitreisender, dass er von der Polizei als Mörder gesucht wird und dass man seiner Spur bereits folgt, wie die Polizisten auf dem Bahnsteig zeigen. - 3. und 4. Szene: Mit der einsetzenden Suchaktion der Polizei beginnt seine Verfolgung durch den Zug. Er rettet sich in das Abteil einer jungen Dame, die er um Hilfe bittet, doch diese liefert ihn der Polizei aus. Es gelingt ihm die Flucht aus dem Zug, der mittels Notbremse zum Stehen gebracht wurde. - 5. Szene: Hannay ist bereits in der Nähe des in der Landkarte eingezeichneten Ortes. Mr. Crofter gibt ihm Auskunft, dass dort der einzige Fremde lebt, Mr. Jordan, ein englischer Professor. Hannay übernachtet in der Hütte des Bauern. Mrs. Crofter verhilft ihm zur Flucht, als sie nachts die Polizei kommen hört. - 6. Szene: Hannay flieht durchs schottische Hochland, von der Polizei verfolgt, zum Haus des Professors. Dieser zweite Teil des Handlungsverlaufs stellt die Entwicklung des Konflikts am Geschehen um die Hauptperson dar und erreicht damit eine Steigerung der Spannungseffekte. Stets bezogen auf den Protagonisten Hannay wird Un-Ordnung auf verschiedene Weise dargestellt. Zunächst gerät Hannay zwischen zwei Parteien mit unterschiedlichen Wertvorstellungen, indem er nun nicht nur von den Agenten, sondern auch von der Polizei gejagt wird. Während er in der Exposition durch die Verfolgung der Spione eine verpflichtende Aufgabe Annabella Smith gegenüber erfüllen will, werden bei seiner Verfolgung wegen Mordes auch Handlungsorientierte Beweggründe deutlich, die der Wahrheitsfindung dienen. In II/ 3 bittet er die junge Dame um Hilfe, denn er sei unschuldig. III. Sequenz: 1. Szene: Hannay scheint im Haus des Professors in Sicherheit zu sein, da dieser die verfolgende Polizei abweist. Gleichzeitig scheint Hannay sein Ziel erreicht zu haben - die Unterstützung des Professors gegen den Spionagering. Doch Prof. Jordan gibt sich unerwartet als der gefährliche Gegner zu erkennen, vor dem ihn Annabella gewarnt hatte, und „erschießt“ Hannay. - Die 2. Szene zeigt kurz einen Ausschnitt aus dem Hause Mr. Crofters. Der Handlungsverlauf wird fortgesetzt in der 3. Szene: Hannay ist dank eines dicken Gesangsbuches, dass sich in der Brusttasche von Mr. Crofters Mantel befand, den ihm Mrs. Crofter zur Flucht gegeben hatte, von der Kugel nicht tödlich getroffen worden. Beim Ortspolizisten erzählt er von seiner Aufgabe und von der Identität Jordans. Dieser gibt vor, Hannay zu glauben, liefert ihn aber der angeblich zu Hannays Unterstützung herbeigeholten Polizei als Mörder aus. Der Höhepunkt des Handlungsablaufes liegt in III/ 1 und III/ 3. Hier spitzt sich der bereits in II. aufgezeigte Konflikt zu. Hannay hat viele Schwierigkeiten und Anstrengungen überwunden, um zu der Person zu gelangen, die ihm das Ziel für seine Aufgabe und damit die Wiedererlangung seiner persönlichen Sicherheit, also die Rückkehr in die Ordnung seines alltäglichen Lebens bedeutete. Doch dies erwies sich als Irrtum, denn er muss erkennen, dass er von Gangstern und Polizei gleichzeitig verfolgt wird und nirgends Sicherheit und Zuflucht finden kann. Er hat jede Orientierung verloren, ist nun seinem gefährlichsten Gegner ausgeliefert und ihm fehlt jeglicher Hinweis, der ihm zur Rettung verhelfen könnte. Die in der Exposition beginnende Verunsicherung hat damit ihren Höhepunkt erreicht. IV. Sequenz:

1. Szene: Hannay gelingt erneut die Flucht vor der Polizei. Er versteckt sich zuerst in einer marschierenden Gruppe der Heilsarmee, sucht dann Zuflucht in einer Assembly Hall. - 2. Szene: Dort findet eine Wahlversammlung statt, auf der er als der erwartete Redner begrüßt wird. - 3. Szene: Pamela, die Dame, die ihn im Zugabteil der Polizei ausgeliefert hatte, erkannte ihn in der Assembly Hall und liefert ihn wieder an vermeintliche Polizisten aus, die ihn und sie als Zeugin, angeblich zu einer Polizeistation fahren. Als er erkennt, dass beide von Agenten entführt werden, ergreift er die Gelegenheit zur Flucht, als das Auto durch eine Schafherde aufgehalten wird. Mit Handschellen aneinander gefesselt entkommen sie ihren Verfolgern auf abenteuerliche Weise. - 4. Szene: In einem Gasthaus finden sie Unterkunft für die Nacht. Da sie glaubt an einen Mörder gefesselt zu sein, muss er sie dauernd einschüchtern, damit sie ihn nicht wieder verrät. Dieser Teil endet in der 5. Szene mit der Abreise Jordans nach London und seiner Vorbereitung zur Flucht ins Ausland. Der IV. Teil beinhaltet weitere spannungssteigernde Momente. Zum einen die zweimalige Flucht und zum anderen der Widerstand Pamelas auf der Flucht vor den Verfolgern und während des Aufenthaltes im Gasthaus. Trotz der unmittelbaren Nähe Pamelas ist Hannay völlig isoliert und auf sich allein gestellt. Ein Ausstoß aus der sittlich-wertebezogenen Ordnung im zwischenmenschlichen Bereich. V. Sequenz: 1. Szene: Es gelingt Pamela sich von den Handschellen zu befreien, während er schläft. Als sie fliehen will, belauscht sie ein Telefongespräch der Agenten, aus dem sie den wahren Sachverhalt erfährt. Sie bleibt bei Hannay, berichtet am nächsten Morgen die Informationen, die sie erfahren hat und will ihm nun helfen seine Unschuld zu beweisen. - 2. Szene: Sie ist mit ihm nach London gefahren und sucht bei Scotland Yard Hilfe, um die Spione zu fassen. Die Polizei lässt Pamela beschatten, um Hannay verhaften zu können. 3. Szene: Im Palladium erkennt Hannay in der Orchestermusik, die Mr. Memory ankündigt, die Melodie, die er immer wieder gepfiffen hat. Das Auftauchen dieser Melodie in den vorigen Szenen deutet bereits auf die bevorstehende Lösung hin. Durch diese Erkenntnis findet Hannay nun die Zusammenhänge des Spionagegeschehens heraus. Die Anwesenheit Jordans bestärkt ihn in seiner Annahme, dass Mr. Memory die militärischen Geheimnisse gespeichert hat, um sie mit dem Professor ins Ausland zu bringen. Bei seiner erneuten Verhaftung ruft Hannay deshalb dem Artisten auf der Bühne die Frage zu: „Was sind die 39 Stufen?“, bei deren Beantwortung Memory von Jordan erschossen wird. Daraufhin verhaftet die Polizei den Professor. Ehe Memory stirbt liefert er der Polizei den Beweis für Hannays Unschuld. Der V. Handlungsabschnitt bringt also nicht nur die Lösung des Spionagefalls, sondern auch die Klärung des Mordfalls, und damit die Wende im Geschehen um den Protagonisten Hannay: die Wiedererlangung von Sicherheit und Identität in einer Ordnung, aus der er gewaltsam gerissen worden war.

3. Analyse der ideologischen Inhalte

3.1 Sittlich-Moralischer Verfall der Ordnung

Hierzu kann man in The 39 Steps in I/ 2 die Frage Annabellas an Hannay rechnen, ob sie mit zu ihm in die Wohnung kommen dürfe. Sie bietet sich ihm geradezu an. Doch auch Hannay ist hier nicht ganz unschuldig, denn seine Motivation die Frau in seine Wohnung mitzunehmen, scheint rein sexuell zu sein.6 Deutlicher wird der Verlust von sittlich-moralischer Ordnung im nächsten Aspekt. Annabella spioniert für jedes Land das sie bezahlt. Sie besitzt keine moralischen Prinzipien, entscheidend ist für sie nur das Geld. Diese Ablehnung einer sittlichen Ordnung zugunsten des Geldes stellt die Gewissenlosigkeit Annabellas dar. Gesteigert wird diese Thematik in II/ 5 wahrgenommen. Mr. Crofter wird zwar als ein sehr religiöser Mann dargestellt, dennoch verhandelt er mit der Polizei über die Belohnung für die Auslieferung Hannays, obwohl er diesem gegen Geld verspricht nicht an die Polizei zu verraten. Man könnte dazu noch III/ 1 heranziehen, in der der Professor das menschliche Leben nicht achtet und Hannay ermordet. Zu Beginn von Secret Agent wird auf eine Welt abseits moralischer Ordnung verwiesen. In der ersten Szene wird eine offizielle Beerdigung gezeigt. Der tragische Eindruck wird zerstört, als sich der Bestattungsunternehmer nach Beendigung der Trauerfeier eine Zigarette an der Trauerkerze anzündet und zu sehen ist, dass der Sarg leer ist. In Secret Agent geht es „um den ethischen Konflikt in Kriegszeiten, wo ein politischer Mord als moralisch richtig gilt“7. Ashenden achtet alle gesellschaftlichen Konventionen, dennoch ist er zu einem Mord fähig, denn in Kriegszeiten sind herkömmliche moralische Werte außer Kraft gesetzt. Deutlich wird dies im Gespräch mit Elsa, die anfangs ihre Aufgabe, einen Mord zu begehen, als spannend empfindet. Ashenden hingegen hat Bedenken und korrigiert sie, denn es sei Mord. Die moralischen Positionen kehren sich aber um als sie den falschen, und damit einen Unschuldigen, ermordet haben. In Sabotage ist es der Detektiv Ted, der sich in die Frau des Saboteurs verliebt und so selbst zum Saboteur an Recht und Ordnung wird. Er versucht Mrs. Verloc davon abzuhalten sich, wegen des Mordes an ihrem Mann, der Polizei zu stellen.8 Der Saboteur Mr. Verloc verhält sich ebenso zwiespältig. Den Auftrag der Agenten, eine Bombe am Londoner Picadilly Circus zu platzieren, nimmt er nur widerwillig an, da unschuldige Menschenleben auf dem Spiel stehen.9 Doch die finanzielle Not seines Kinos lassen ihn den Auftrag annehmen. Der Bombenbauer hingegen zeigt keinerlei moralische Bedenken. Ein skrupelloser und verantwortungsloser Mensch, denn „[s]eine Bombenchemikalien liegen offen zwischen dem Spielzeug seiner kleinen Enkelin herum“10. In The Lady Vanishes ist es Dr. Hartz, der Miss Froy ermorden will. Ein Arzt, der keineswegs im Dienste der Menschlichkeit handelt. Hitchcock macht hier deutlich, dass es auch noch eine andere Welt gibt, eine Welt jenseits sittlich-moralischer Prinzipien.11

3.2 Verstoßen aus dem Ordnungsbezug

Hitchcocks Anliegen nach sei es oft besser, wenn man lügt12: denn durch die Wahrheit erfährt man nur Ablehnung und wird somit immer weiter aus dem Ordnungsbezug gestoßen. Das wohl wesentlichste zwischenmenschlicher Beziehungen ist das gegenseitige Vertrauen. Doch Hannay widerfährt nur Misstrauen, immer dann, wenn er Vertrauen beweist und anderen Personen die Wahrheit erzählt. Dieses Phänomen wird bereits in I/ 3 vermittelt, als Annabella Hannay ihre Situation anvertraut und er sich erst durch Beweise überzeugen lässt. Viel stärker wird diese Erfahrung an Hannay selbst deutlich. Ebenfalls in I/ 3, als er eine Möglichkeit sucht, den Verfolgern zu entfliehen und den Milchmann um Hilfe bittet; er sagt ihm die Wahrheit und erfährt Misstrauen. Erst als Hannay die Geschichte vom betrogenen Ehemann erfindet kann er den Milchmann überzeugen. In II/ 3 macht Hannay die zweite Erfahrung dieser Art. Als er bei der Verfolgung im Zug Pamela um Hilfe bittet, sagt er die Wahrheit und sie liefert ihn aus. In IV/ 2 liefert sie ihn wieder seinen Verfolgern aus und lässt sich nicht von seiner Unschuld überzeugen. Eine Steigerung ihres Widerstands gegen ihn erfährt Hannay in IV/ 4, in der ihm jede Fluchtmöglichkeit erschwert wird und in der er von ihr so viel Misstrauen erfährt. Im Gasthaus, als Hannay von den Wirtsleuten Unterkunft und damit Sicherheit gewährt wird, erreicht er das nur durch Unwahrheiten.

3.3 Auflösung fester gesellschaftlicher Ordnung

Hitchcock stellt im Film gesellschaftliche Institutionen mit feinem Spott dar. Dies bewirkt eine Zerstörung der Wertmaßstäbe und damit auch die gesellschaftliche Ordnung. Dies betrifft vor allem die moral- und gesetzgebenden Befehlsgewalten, die Politik, die Polizei, die Kirche, sowie die gesellschaftlichen Normen, wie Liebe, Beziehung oder Ehe.13

3.3.1 Gesellschaftliche Institutionen

Hitchcock stellt in The 39 Steps „die Beliebigkeit und Sinnfreiheit politischer Reden“14 an den Pranger. Exemplarisch hierfür steht Hannays Rede in der Wahlversammlung IV/2. Er gibt sich als der erwartete Redner aus. Hannay begeistert das Publikum mit einer willkürlichen Rede, indem er seine eigene Situation zum Ausdruck bringt und sich nichts sehnlicher wünscht als eine Wiederherstellung der Ordnung. In Secret Agent zerstört Hitchcock spöttisch das Bild einer gewissenhaft und ordentlich arbeitenden Politik. Er lässt die im Auftrag der englischen Regierung stehenden Agenten moralisch verwerflich handeln. Der gewissenlose General, der als Agent arbeitet, findet Spaß am Töten.15 Hitchcocks Kritik richtet sich auch auf die ausführenden Organe der Politik, wie Justiz und Polizei. Der misstrauische Anwalt in Young And Innocent, der den unschuldigen Robert verteidigen soll, ist auf seine starke Brille angewiesen. Ein Hinweis auf die Unfähigkeit die Wahrheit zu sehen.16 Die Justiz ist hier der Auslöser für den Verlust eines geordneten Lebens. Auch über die Polizei, die Kräfte der Ordnung, die in seinen Filmen immer wieder Chaos anrichten, fällt Hitchcock somit ein negatives Urteil. In The 39 Steps bezeichnet Hannay in IV/ 3 eine Herde Schafe als „ a flock of detectives “. Hannay ist bereits so weit aus dem Ordnungsgefüge heraus gedrängt, dass ihm die Polizei, die für ihn wichtigste Ordnungsmacht, nicht mehr glaubt. Dies wird in III/ 3 verdeutlicht, als Hannay dem Polizisten die Spionagegeschichte beweisen will. Diese Erfahrung ist in der Handlungsstruktur der 2. Höhepunkt, der Höhepunkt seines Identitätsverlustes. Seine Flucht aus der Polizeistation IV/ 1 verläuft ab jetzt völlig orientierungslos. Etwas indirekter kommt dieselbe Kritik in Young And Innocent zum Ausdruck. Zwei dümmliche Polizisten verfolgen Robert in einem alten Pferdewagen der mit Schweinen beladen ist. Auch das Bild der moralischen Macht im Staat, der Kirche, wird von Hitchcock ironisch zerstört. Hitchcock stellt die Religion auf unterschiedliche Weise dar. In The 39 Steps bietet Religion zum einen Schutz, indem die Bibel Hannay das Leben rettet III/ 3 und zum anderen bietet Religion keinen Schutz, in der Figur des Mr. Crofter dargestellt II/ 5, in der die Gläubigkeit nur Fassade einer heilen Welt ist, er misshandelt seine Frau. Eigentlich sollte die Institution Kirche dem Menschen Schutz und Sicherheit bieten, doch Hitchcock kehrt das ins Gegenteil um. In The Man Who Knew Too Much dient eine Kirche als Versteck für Terroristen.17 Für den Protagonisten Bob wird somit die Kirche zu einem gefährlichen und bedrohlichen Ort. Gesteigert wird dies in Secret Agent, hier ist eine Schweizer Kirche sogar der Ort eines Mordes.

3.3.2 Normvorstellungen

Hitchcock zerstört das Klischee der treuen Ehefrau, „wie es die tugendhafte, in der Tradition des 19. Jahrhunderts stehende Frau sein sollte - kritiklos ergeben“18. In The 39 Steps wird das durch Hannay und Pamela IV/ 3 dargestellt, die mit Handschellen aneinander gekettet sind. Sie liegen ständig im Streit miteinander. Pamela muss noch lernen dem Mann zu trauen und selbst keine Meinung zu bilden. Am Ende des Films beugt sie sich schließlich den Konventionen. Auch die unglücklich verheiratete Ehefrau des Bauern II/ 5 stellt sich gegen die Konvention, indem sie sich auf die Seite eines fremden Mannes stellt und damit ihrem Ehemann gegenüber nicht treu ergeben ist. Eine zeitgemäße Darstellung der Frau findet man ebenso in The Man Who Knew Too Much. Die selbstbewusste Mutter Jill Lawrence kann Schießen, sie flirtet mit Louis Bernard und macht über ihren Mann Bob abfällige Bemerkungen.19 Einer nach Unabhängigkeit strebenden Frau begegnet man in Young And Innocent. Erica ist in allem selbstsicher. Sie leistet erste Hilfe, als ein Tatverdächtiger in Ohnmacht fällt, und gibt dabei dem Polizisten Befehle. Sie fährt sogar Auto, was „Ende der dreißiger Jahre noch etwas Besonderes für Frauen [war]“20. Selbst ihrem Vater gibt sie auf die Frage, ob sie ihm die Aktentasche geben könne, eine rigorose Antwortet: „Hol sie doch selbst!“ Trotzdem ist Erica „in einem Gewebe hierarchischer Ordnung verfangen, an deren Spitze die väterliche Macht steht.“21

[...]


1 Vgl. Manz (1962, S. 7-8). Hier ein Zitat von Hitchcock in: Weltwoche vom 16.12.1960: „‚ Ich liebe es, wenn um mich herum alles klar, wolkenlos, windstill ist. Ein aufger ä umter Schreibtisch erfreut mich innerlich. Wenn ich mich im Badezimmer wasche, stelle ich nach Gebrauch alle Gegenst ä nde wieder an ihren Platz zur ü ck - ich hinterlasse keine Spuren. Dieses Gef ü hl f ü r Ordnung ist bei mir gekoppelt mit Abscheu vor jeglicher Komplikation. Mit einem Wort: ich bin selber das genaue Gegenteil des Mythos, mit dem ich meine Person zu umgeben pflege. ‘“.

2 Rothman (1982, S. 112).

3 Vgl. Ryall (1996, S. 115).

4 Siehe Anhang: Pyramidenschema The 39 Steps.

5 Siehe Anhang: Analysegrundlage ist eine ausführliche Sequenz- und Szeneneinteilung des Films The 39 Steps.

6 Vgl. Penning (1999, S. 97).

7 Rieger (1996, S. 59).

8 Vgl. Spoto (1999, S. 77).

9 Vgl. Spoto (1999, S. 78).

10 Blume (2002, S. 20).

11 Vgl. Blume (2002, S. 30).

12 Vgl. Fründt (1992, S. 75-76).

13 Vgl. Blume (2002, S. 55).

14 Blume (2002, S. 57).

15 Vgl. Blume (2002, S. 56).

16 Vgl. Blume (2002, S. 58).

17 Vgl. Blume (2002, S. 59).

18 Rieger (1996, S. 57).

19 Vgl. Rieger (1996, S. 53).

20 Rieger (1996, S. 63).

21 Rieger (1996, S. 64).

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Die Ordnung der Dinge im Kontext von Hitchcocks britischer Schaffensphase. "The 39 Steps"
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
37
Katalognummer
V436269
ISBN (eBook)
9783668770270
ISBN (Buch)
9783668770287
Dateigröße
2856 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hitchcock, Thriller, Suspense, Kameraeinstellungen, Montage, Ton, Licht, Film, Filmanalyse, the 39 steps, Normvorstellungen, Gesellschaft, Klassisches-Thriller-Sextett
Arbeit zitieren
Christiane Scheiter (Autor), 2009, Die Ordnung der Dinge im Kontext von Hitchcocks britischer Schaffensphase. "The 39 Steps", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436269

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