Konfliktreiche und herrschaftsfreie Formen interkultureller Beziehungen in Alfred Döblins Amazonas-Trilogie


Seminararbeit, 2005

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Konfliktbehaftete Sozialsysteme
1.1 Intrakulturelle Konflikte
1.2 Interkulturelle Konflikte

II. Der herrschaftsfreie Raum
2.1 Die relative Wahrnehmung der christlichen Heilsbotschaft
2.2 Die jesuitischen Reduktionen

III. Fazit

IV. Literatur
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit setzt sich mit der „Amazonas“-Trilogie von Alfred Döblin auseinander. Der Roman – zwischen 1935 und 1937 im Pariser Exil entstanden – gehört zum Spätwerk des Dichters und zeichnet sich durch erhebliche Komplexität und Heterogenität aus. Letztere kommt etwa durch den episodenhaften Charakter, der nur relativ groben Rahmenhandlung und einer Vielzahl an Protagonisten zum Ausdruck. Besonders diese Eigenschaft ist ein nur logisches Resultat der mehrere Jahrhunderte umfassenden erzählten Zeit. Trotz dieser Charakteristik ist man sich in der literaturwissenschaftlichen Diskussion mittlerweile darüber einig, dass die drei Romane „Land ohne Tod“, „Der blaue Tiger“ und „Der neue Urwald“ keineswegs beziehungslos nebeneinander stehen, sondern im Kern eine thematische Einheit bilden.[1]

Im literaturwissenschaftlichen Diskurs wurde die Trilogie lange Zeit stiefmütterlich behandelt[2]. Während die Publikationen zu Döblins Großstadt-roman „Berlin Alexanderplatz“ derzeit kaum noch zu überblicken sind, führt die „Amazonas“-Forschung vergleichsweise ein Schattendasein.[3] Dabei grenzt ein älterer Forschungszweig die Wesensmerkmale der europäischen Zivilisation von jenen der indigenen Lebensformen ab[4]. Die vorliegende Arbeit orientiert sich hingegen am jüngeren Stand der Forschung. Dieser weist eine verstärkt kultur- und sozialwissenschaftliche Perspektive auf und widmet sich unter anderen den Fragen der interkulturellen Begegnung und den dabei entstehenden sozialen Konflikten und zwischenmenschlichen Problemen.[5]

Vor diesem Hintergrund soll hier der Frage nachgegangen werden, wodurch es in den ersten beiden Romanteilen zu den zahlreichen gesellschaftlichen Spannungen kommt und inwieweit diese überwunden werden.

Kapitel I behandelt daher in konkreter Textanalyse zunächst die wesentlichen Merkmale, die sowohl zu intra- als auch interkulturellen Konflikten führen. Aus den hieraus gewonnenen Erkenntnissen werden dann in einem zweiten Schritt die Bedingungen herausgearbeitet, die herrschaftsfreien und friedfertigen Gemein-schaften den Weg ebnen können.

Daher untersucht Kapitel II die Möglichkeiten, unter denen es innerhalb des Romans zu relativ harmonischen Formen interkulturellen Zusammenlebens kommt. In den Blickpunkt rückt diesbezüglich das Motiv der Christianisierung. In Kapitel 2.1 kann gezeigt werden, dass der Dominikaner Las Casas von einem religiösen Ideal ausgeht, das auf Mitmenschlichkeit und Gleichberechtigung aufbaut, dem es aber an Praxisfähigkeit mangelt. Diese erweist sich erst im Aufbau der jesuitischen Reduktionen als konstitutiv für die Bildung einer herrschaftsfreien, vermutlich idealtypisch-utopischen Gesellschaftsform. Die wesentlichen Erkenntnisse werden im Fazit thesenförmig zusammengetragen.

I. Konfliktbehaftete Sozialsysteme

Warum kommt es in den ersten beiden Romanteilen zu zwischenmenschlichen Konflikten und zahlreichen gewaltsamen Auseinandersetzungen? Der ältere Forschungsstand evoziert diesbezüglich, dass die Konfliktsituationen im wesentlichen von den Angehörigen der europäischen Zivilisation ausgehen. So schildert Erhardt die südamerikanischen Ureinwohner als „[...] sanfte, unschuldige Kinder“[6], die von den marodierenden spanischen Konquistadoren scharf abzugrenzen sind.[7] Jedoch hat Heinze darauf hingewiesen, dass die indigenen Gesellschaften nicht als homogene Einheit zu verstehen sind, sondern in eine Vielzahl an Lebensgemeinschaften differenziert werden[8]. Insofern ist also auch innerhalb der Begegnung verschiedener südamerikanischer Kulturen der Nährboden für Missverständnisse und Gewalt vorhanden. Analoges ergibt sich für die aufeinandertreffenden europäischen Gruppierungen.

Diesem Forschungsstand folgend, wird hier entsprechend in intra- und inter-kulturelle Konflikte unterschieden[9]. Die Voranstellung der Mechanismen, die zu Konflikten führen ist hierbei für das Verständnis der Kriterien relevant, die letztlich ein friedvolles Zusammenleben von europäischen und indigenen Kulturen ermöglichen.

1.1 Intrakulturelle Konflikte

Der erste Teil der Roman-Trilogie, „Land ohne Tod“ enthält gleich zu Beginn den narrativen Hinweis, dass im südamerikanischen Urwald eine Vielzahl an Gesellschaften leben. Dies offenbart sich, indem der Erzähler von „Tarianas, Opianas, Carijonas, Inkus“ (LoT, S. 17[10]) und dem Volk der „Entenleute“ (LoT, S. 11) berichtet. Die bei Erhardt generalisiert dargelegte Feststellung von Homogenität und Naturverbundenheit der Indios[11] wird bei genauerer Betrachtung bereits zu diesem Zeitpunkt – die Begegnung mit der europäischen Kolonialmacht hat noch überhaupt nicht stattgefunden – falsifiziert. Denn das Frauenvolk um die Häuptlingsfrau Toeza, deren Männer sich im Krieg befinden, ist in der Lage, die erfahrene Unterdrückung durch die Männer rational zu reflektieren: „Wir fangen uns, was wir mögen. Wir essen, was uns schmeckt. Die Arbeit ist schwer, aber leichter, als wenn die Männer da sind. Wir können aufhören, wann wir wollen.“ (LoT, S. 11). Diese Selbsteinschätzung Toezas spricht nicht nur für eine bewusste, subjektive Wahrnehmung[12], sondern ist auch als Aufruf zur Unabhängigkeit und Emanzipation zu verstehen. Der intrakulturelle Konflikt aber kommt erst in dem Moment zum Ausbruch, in dem die Männer in das Dorf zurückkehren und nun offensichtlich gegensätzliche Bewusstseinsstrukturen aufeinanderprallen. Am Ende steht der gewalttätige Akt der Männervergiftung (LoT, S. 15).

Der Prozess der Selbstwahrnehmung und die Heranbildung eines Selbst-bewusstseins kann dabei durchaus bereits als beginnende Individuation verstanden werden und scheint bei Döblin ein universelles menschliches Phänomen zu sein. Exemplarisch kommt dies auch darin zum Ausdruck, dass sich eine Loslösung von der Natur auch schon bei den „primitiven“ Kulturen der „Enten-, Tiger- und Gürteltierleuten“ (LoT, S. 19) andeutet, die die Natur unter zweckrationalen Gesichtspunkten bearbeiten: „Ihre Wohnungen auf den hohen Hügeln waren aus Holz, standen auf hohen Pfählen (...)“ (ebd.). Auch die Fähigkeit des „Zählens“ zeugt vom Potential, die Natur aus einer rationalen Distanz heraus zu berechnen und zu vergegenständlichen (LoT, S. 120). Aus dieser Perspektive ist die Feststellung Massas, dass „[d]ie Indianer (...) in Harmonie und Übereinstimmung mit der Natur [leben]“[13], zu relativieren.

Intrakulturelle Konflikte haben in den genannten Fähigkeiten ihren Ausgangs-punkt, konkretisieren sich jedoch erst in dem Moment, wo Angehörige des eigenen Kulturkreises nach diesem rationalen Modus objektiviert werden. Ein Beispiel hierfür liefern die Berichte Cuzumarras, der den gewaltsamen Einbruch der Europäer in das Inka-Reich schildert. Dieses offenbart sich im Laufe seiner Erzählung als hochzivilisierte Kultur und differenzierte Gesellschaft. Der Bau von Städten und Straßen sowie der materielle Wohlstand (LoT, S. 32) zeugen von einer Loslösung des Menschen von der Natur, die aus Cuzumarras Perspektive positives Zusammenleben ermöglicht: „In unserem Land brauchte sich kein Mann und keine Frau und kein Kind zu sorgen, woher er seine Nahrung, seine Kleidung, seine Wohnung bekam.“ (LoT, S. 33). Allerdings werden soziale Sicherheit und Wohlstand über eine Vergegenständlichung des Menschen erkauft, was sich in strikten Heiratsnormen, staatlicher Kontrolle und diversen sozialen Zwängen äußert: „Wir verheirateten jeden und duldeten keine Ledigen. Wir verteilten die Menschen in die Webereien der Stoffe, in die Bergwerke und nahmen zur rechten Zeit einen Wechsel vor. Um alles gut zu ordnen und gut zu überwachen, hatte man Führer und Aufseher für zehn Familien, fünfmal zehn Familien, zehnmal zehn Familien.“ (LoT, S. 34)

[...]


[1] Vgl. Pfanner, Helmut F.: Der entfesselte Prometheus oder die Eroberung Südamerikas aus der Sicht Alfred Döblins. In: Literatur und Geschichte. Festschrift für Wulf Koepke zum 70. Geburtstag. Hrsg. von Karl Menges. Amsterdam u. Atlanta: Rodopi 1998 (=Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur, Bd. 33), S. 155-170, S. 158.

[2] Vgl. Brüggen, Hubert: Land ohne Tod. Eine Untersuchung zur inneren Struktur der „Amazonas-Trilogie“ Alfred Döblins. Frankfurt a.M. und andere: Peter Lang 1987 (= Europäische Hochschulschriften, Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur, Bd. 1013), S. 50.

[3] Es wäre an dieser Stelle müßig, den Gründen für diesen Umstand nachzugehen. Möglicherweise aber korrespondiert das Desinteresse aber mit der eher fruchtlosen Rezeptionsgeschichte des Werkes (Vgl. Brüggen, Land ohne Tod, S.50) und einer relativen Geringschätzung des Döblinschen Spätwerkes. Vgl. hierzu Heinze, Dagmar: Kulturkonzepte in Alfred Döblins Amazonas-Trilogie. Interkulturalität im Spannungsverhältnis von Universalismus und Relativismus. Trier: WVT 2003 (= Schriftenreihe Literaturwissenschaft, Bd. 62). S.1.

[4] Exemplarisch vgl. Erhardt, Jacob: Alfred Döblins Amazonas-Trilogie. Worms 1974; Massa, Adriana: Südamerika als Gegenbild Europas in den 30er Jahren in Döblins „Amazonas-Trilogie“. In: Internationaler Germanisten-Kongreß in Tokyo. Sektion 15: Erfahrene und imaginierte Fremde. Hrsg. von Yoshinori Shichiji. München: Iudicium Verlag 1991, S. 60-66, S. 64.

[5] Vgl. Degaldo, Theresa: Poetische Anthropologie. Interkulturelles Schreiben in Döblins „Amazonas“-Trilogie und Hubert Fichtes „Explosion. Roman der Ethnologie“. In: Internationales Alfred-Döblin-Kolloquium 11, Leipzig 1997. Hrsg. v. Ira Lorf u. Gabriele Sander. Bern u.a.: Lang 1999 (= Jahrbuch für Internationale Germanistik, Reihe A, Kongressberichte, Bd. 46). S.151-166; vgl. auch Heinze, Kulturkonzepte.

[6] Erhardt, Amazonas-Trilogie, S. 23.

[7] Ebd.

[8] Vgl. Heinze, Kulturkonzepte, S. 70ff.

[9] Dabei soll der Begriff der Intrakulturalität auf die Begegnung und Interaktion zwischen Subkulturen, die jedoch einem gemeinsamen größeren Kulturkreis angehören, verweisen. Dass die Grenzen zwischen Inter- und Intrakulturalität möglicherweise fließend sind, ist mir durchaus bewusst. Es liegt also eine gewisse Begriffsunschärfe vor.

[10] Aus Gründen der Übersichtlichkeit werden Zitate aus der Roman-Trilogie nicht als Anmerkung behandelt, sondern direkt in den Fließtext integriert. Zitiert wird aus folgender Ausgabe: Amazonas. Romantrilogie. Hrsg. von Werner Stauffacher. München: dtv 1991.

[11] Vgl. Erhardt, Amazonas-Trilogie S. 15ff.

[12] Vgl. Brüggen, Land ohne Tod, S. 59.

[13] Massa, Südamerika, S. 64.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Konfliktreiche und herrschaftsfreie Formen interkultureller Beziehungen in Alfred Döblins Amazonas-Trilogie
Hochschule
Universität Trier  (Fachbereich 2 - Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Exilromane
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V43627
ISBN (eBook)
9783638413831
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anhand der neueren Amazonas-Forschung wird versucht, die Grundlagen von sowohl inter- als auch intrakulturellen Konflikten im Roman darzulegen. In einem zweiten Schritt werden Möglichkeiten und Bedingungen herrschaftsfreier Sozialformen dargelegt. Die Arbeit grenzt sich daher von einem älteren Forschungsstand ab, der den Amazonas vorwiegend vor dem Hintergrund von unvereinbaren kulturellen Konzepten interpretiert.
Schlagworte
Konfliktreiche, Formen, Beziehungen, Alfred, Döblins, Amazonas-Trilogie, Exilromane
Arbeit zitieren
Christian Hermes (Autor), 2005, Konfliktreiche und herrschaftsfreie Formen interkultureller Beziehungen in Alfred Döblins Amazonas-Trilogie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43627

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