Die vorliegende Hausarbeit setzt sich mit der „Amazonas“- Trilogie von Alfred Döblin auseinander. Der Roman - zwischen 1935 und 1937 im Pariser Exil entstanden - gehört zum Spätwerk des Dichters und zeichnet sich durch erhebliche Komplexität und Heterogenität aus. Letztere kommt etwa durch den episodenhaften Charakter, der nur relativ groben Rahmenhandlung und einer Vielzahl an Protagonisten zum Ausdruck. Besonders diese Eigenschaft ist ein nur logisches Resultat der mehrere Jahrhunderte umfassenden erzählten Zeit. Trotz dieser Charakteristik ist man sich in der literaturwissenschaftlichen Diskussion mittlerweile darüber einig, dass die drei Romane „Land ohne Tod“, „Der blaue Tiger“ und „Der neue Urwald“ keineswegs beziehungslos nebeneinander stehen, sondern im Kern eine thematische Einheit bilden. Im literaturwissenschaftlichen Diskurs wurde die Trilogie lange Zeit stiefmütterlich behandelt. Während die Publikationen zu Döblins Großstadtroman „Berlin Alexanderplatz“ derzeit kaum noch zu überblicken sind, führt die „Amazonas“-Forschung vergleichsweise ein Schattendasein. Dabei grenzt ein älterer Forschungszweig die Wesensmerkmale der europäischen Zivilisation von jenen der indigenen Lebensformen ab. Die vorliegende Arbeit orientiert sich hingegen am jüngeren Stand der Forschung. Dieser weist eine verstärkt kultur-und sozialwissenschaftliche Perspektive auf und widmet sich unter anderen den Fragen der interkulturellen Begegnung und den dabei entstehenden sozialen Konflikten und zwischenmenschlichen Problemen.
Vor diesem Hintergrund soll hier der Frage nachgegangen werden, wodurch es in den ersten beiden Romanteilen zu den zahlreichen gesellschaftlichen Spannungen kommt und inwieweit diese überwunden werden.
Kapitel I behandelt daher in konkreter Textanalyse zunächst die wesentlichen Merkmale, die sowohl zu intra- als auch interkulturellen Konflikten führen. Aus den hieraus gewonnenen Erkenntnissen werden dann in einem zweiten Schritt die Bedingungen herausgearbeitet, die herrschaftsfreien und friedfertigen Gemeinschaften den Weg ebnen können.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Konfliktbehaftete Sozialsysteme
1.1 Intrakulturelle Konflikte
1.2 Interkulturelle Konflikte
II. Der herrschaftsfreie Raum
2.1 Die relative Wahrnehmung der christlichen Heilsbotschaft
2.2 Die jesuitischen Reduktionen
III. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursachen gesellschaftlicher Spannungen in den ersten beiden Teilen der „Amazonas“-Trilogie von Alfred Döblin sowie die Bedingungen, unter denen interkulturelle Begegnungen friedliche und herrschaftsfreie Formen annehmen können.
- Analyse von intrakulturellen und interkulturellen Konflikten innerhalb des Romans
- Untersuchung des christlichen Missionsgedankens und dessen Scheitern an der Lebensrealität
- Betrachtung der jesuitischen Reduktionen als idealtypisch-utopische Gesellschaftsform
- Untersuchung des menschlichen Eigenwerts und der Gefahren von Instrumentalisierung
Auszug aus dem Buch
2.2 Die jesuitischen Reduktionen
Im zweiten Teil des Amazonas nimmt die Missionierung der Indios eine zentrale Stellung ein. Der eklatante Widerspruch zwischen dem weltfremden christlichen Ideal und der praxisorientierten Lebensweise, zwischen rationalem (europäischen) Plan und gesellschaftlicher Praxis führt auch hier zunächst zum Scheitern der Christianisierung. Dies verwundert – sind es doch gerade die Jesuiten, die als weltzugewandte und praxisnahe „[...] neue Art Geistlicher [...]“ (DbT, S. 16) den südamerikanischen Kontinent betreten um konkrete Missionsarbeit zu leisten.
„Ignaz von Loyola“ ,so formuliert Mariana das Selbstverständnis der Jesuväter, „hat uns aufgestellt, damit wir als Armee Christi in die Welt marschieren. Er hat nicht Kloster und nicht Wüste gesagt.“ (DbT, S. 58).
Rasch wird allerdings deutlich, dass die padres in ihrer propagierten Praxisnähe beschränkt sind. So erschöpft sich beispielsweise das Entsetzen, dass die Neuan-kömmlinge beim Besuch eines Sklavenlagers ergreift, im rein kontemplativen Gebet (DbT, S. 40) und schon recht bald machen sich - angesichts der mangel-haften Durchsetzungsfähigkeit den „Paolisten“ gegenüber – Rückzugsgedanken bemerkbar (DbT, S. 53). Dennoch fungieren diese vor dem Motiv der praktischen Missionsarbeit, um nicht „[...] in den kindischen Fehler des Las Casas zu verfallen.“ (DbT, S. 42), dessen Orientierung am christlichen Ideal scheitern musste.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung der „Amazonas“-Trilogie, Einordnung in das Spätwerk Döblins und Erläuterung der kultur- und sozialwissenschaftlichen Perspektive der Untersuchung.
I. Konfliktbehaftete Sozialsysteme: Untersuchung der Ursachen für zwischenmenschliche Konflikte durch Differenzierung in intra- und interkulturelle Auseinandersetzungen unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Wahrnehmungshorizonte.
II. Der herrschaftsfreie Raum: Analyse der Bedingungen für ein friedliches Zusammenleben durch die Untersuchung christlicher Missionsversuche und der Entstehung jesuitischer Reduktionen.
III. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse, wonach einseitige Vergegenständlichung des Fremden zu Konflikten führt, während herrschaftsfreie Freiräume Ansätze für harmonische Gemeinschaften bieten.
Schlüsselwörter
Alfred Döblin, Amazonas-Trilogie, interkulturelle Konflikte, Intrakulturalität, Christianisierung, jesuitische Reduktionen, Las Casas, kolonialer Diskurs, Fremdverstehen, soziale Identität, herrschaftsfreier Raum, Humanismus, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert soziale Spannungen und zwischenmenschliche Konflikte in Alfred Döblins „Amazonas“-Trilogie und untersucht, wie diese durch veränderte Perspektiven oder utopische Gesellschaftsformen überwunden werden könnten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Schwerpunkte sind interkulturelle Begegnungen, die Folgen europäischer Kolonisation, die Rolle religiöser Missionierung und die Möglichkeit der Konstruktion eines herrschaftsfreien Raums.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Ursachen für Konflikte in der Trilogie aufzuzeigen und zu prüfen, inwieweit ein respektvolles, nicht-instrumentalisierendes Zusammenleben von Kulturen im Roman möglich ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer konkreten Textanalyse der „Amazonas“-Trilogie unter Einbeziehung aktueller literaturwissenschaftlicher Forschung zu Döblins Spätwerk.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil ist in zwei Kapitel gegliedert: Erstens die Analyse der Mechanismen von Konflikten, zweitens die Untersuchung von Möglichkeiten für ein friedliches Zusammenleben, insbesondere am Beispiel der jesuitischen Reduktionen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind interkulturelle Konflikte, Kolonialismus, Christianisierung, kulturelle Identität, Machtstrukturen und der Begriff des „herrschaftsfreien Raums“.
Warum scheitert laut Autor die Missionierung durch Las Casas?
Das Scheitern wird auf den Widerspruch zwischen seinem religiösen Ideal der Menschlichkeit und der Unfähigkeit zurückgeführt, die eigene Befangenheit in europäischen Denkmustern zu überwinden.
Welche Rolle spielen die jesuitischen Reduktionen im Kontext der Arbeit?
Sie werden als idealtypischer Modellfall für eine gemeinschaftliche Struktur betrachtet, in der die fehlende Herrschaftsausübung der Jesuiten notwendige Freiräume für die Indios entstehen lässt.
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- Christian Hermes (Author), 2005, Konfliktreiche und herrschaftsfreie Formen interkultureller Beziehungen in Alfred Döblins Amazonas-Trilogie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43627