Juan Carlos Onetti und die Darstellung der Ehe in "La novia robada"


Term Paper, 2017
23 Pages, Grade: 1,3

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ehe als Institution
2.1. Die römisch-katholische Ehe

3. Cuento La novia robada Interpretation der Handlung und Einordnung
3.1. Die Darstellung der Ehe
3.2. Die Symbolik des Brautkleides
3.3. Die Hochzeitsreise nach Venedig

4. Fazit

5. Bibliographie

1. Einleitung

Der uruguayische Schriftsteller Juan Carlos, der vom Lande nach Buenos Aires zog, veröffentlichte am 1. Januar 1930 seine erste Kurzgeschichte Avenida de Mayo- Diagonal Norte-Avenida de Mayo in der Zeitung La Prensa,, in der sich bereits in der öffentlichen Wahrnehmung eine Neuartigkeit abzeichnete und das Thema des gesamten Werkes Onettis deutlich wurde ; die einmalige Dialektik von Wirklichkeit und Fiktion, diese andere Wirklichkeit, in welche der Leser aufgrund der persönlichen Lebenserfahrung flüchtet und dem objektiven Leben. Das Ende seines Romans La vida breve (1950) symbolisiert die Apotheose der Imagination. Die Protagonisten Díaz Grey, Lagos, Owen und die junge Geigerin fliehen aus der imaginären Stadt Santa María in die reale Stadt Buenos Aires. Daran lässt sich erkennen, dass die Bezeichnung Onettis als Realist nicht zwangsläufig zutreffend ist. Mit seiner Konstruktion zeigt Onetti auf subtile und vielfältige Weise auf, wie sich die Menschen neben der Realität ein paralleles Universum schaffen können, das von den gleichen überzeugenden Worten und Bildern geschaffen sein kann.1 Nach der Veröffentlichung seines ersten Romans el pozo 1939 verwiesen Kritiker auf die Ähnlichkeit zu Satres Ekel (1938) und auf Camus der Fremde (1942) und attestierten ihm, einer existenzialistischen Strömung, nicht gleichzusetzen mit der philosophischen Strömung, angehörig zu sein. El pozo (im Deutschen: Der Schacht) thematisiert die Motive des Pessimismus, der Einsamkeit und Beklommenheit, welche die Protagonisten zu einer marginalen Existenzweise führen und diese zu asozialen Einzelgängern machen. Doch im Gegensatz zu Antoine Roquetin in der Ekel verfügt Eladio Linacero über das Instrument der fiktiven Welt, um nicht in soziale Interaktion treten zu müssen. Onettis Erfolg ist aufgrund der eigentlichen Dominanz der kostumbrischen und regionalistischen Strömungen in Lateinamerika der 1940er-Jahre erstaunlich, und kann als Öffnung der Tür zur modernen spanischsprachigen Prosa, auch hinsichtlich der Kohärenz seiner Weltanschauung, seiner Technik, seiner elaborierten Stilistik und Figurenanalyse, interpretiert werden. 2

Im Jahr 1930 heiratete Onetti selbst seine erste Ehefrau, seine Cousine María Amalia. Insgesamt lebte der Autor in vier Ehen. 1968 erscheint der unter anderen aufgrund seiner Kürze als cuento klassifizierbare Text La novia robada, welcher später in die deutsche Sprache mit Die geraubte Braut (The Stolen Bride) übersetzt wird. Anhand dessen wird bereits das große Maß an Leerstellen (Iser: 1970) im Text deutlich, da das spanische Wort „novia“ sowohl Freundin als auch Verlobte bedeuten kann und nur im textuellen Kontext unterschieden wird. Unter anderem soll es im Folgenden auch um die Differenzen der beiden Rollen gehen. Der Titel la novia robada lässt sich als nicht personenbezogenen Raub interpretieren, sondern viel mehr als das verlorengegangene Glück beziehungsweise als die dadurch geraubte Illusion über die Ehe auffassen. Weiterführend kann der Tod von Marcos Bergner für den Raub des Erlebens als Braut als verantwortlich betrachtet werden.

„Nada sucedió en Santa María aquel otoño hasta que llegó la hora-por qué maldita o fatal o determinada e ineludible-, hasta que llego la hora feliz de la mentira y el amarillo se insinuó en los bordes de los encajes venecianos.” (S.323)

Meint jene glückliche Stunde eine glückliche Eheschließung oder die Lüge? Das Wort Ehe stammt aus dem Althochdeutschen und kann Ewigkeit, Recht oder Gesetz bedeuten. Ich werde mich in folgender Arbeit auf das Thema der Ehe und damit verbundenen Ritualen der Eheschließung und auf die Darstellung der Ehe in la novia robada konzentrieren. (1) Zunächst werde ich einen Überblick über die kulturelle Begriffsgeschichte der Ehe geben, die spezielle Entwicklung der römisch- katholischen Ehe und eine beispielhafte Kritik an dieser durch Bernard Shaw im 20. Jahrhundert aufzeigen. (2) Dann werde ich, nach einer Interpretation des gesamten Werks, die konkrete Darstellung der Ehe im cuento la novia robada analysieren und nachfolgend unter anderem die Zeit der Verlobung, den Übergang einer Verlobten zur Ehefrau untersuchen. Des Weiteren werde ich auf die Symbolik des von der Protagonistin Moncha dauerhaft getragenen Brautkleides eingehen und die Hochzeitsreise nach Venedig, welche von der Protagonistin alleine angetreten wird, betrachten. Abschließend werde ich mittels eines Fazits die zentralen Interpretationsansätze festhalten.

2. Die Ehe als Institution

Kulturell wird die Ehe, ebenso wie Liebe und Sexualität als sozial geformtes Phänomen begriffen. Soziologisch jedoch kann die Ehe als Institution klassifiziert werden. Diese drei Phänomene, hier meint die Sexualität ein soziales Handeln, können in Verbindung stehen und sind abhängig von kulturspezifischen und historischen Begebenheiten. Ehe, die soziologisch als Institution betrachtet wird, kann gleichermaßen als Code verstanden werden, der eine höhere Verbindlichkeit für die Teilnehmer eines Sozialsystems aufweist, als der Code der Liebe, da Institutionen als Komplexe von sozialen Normen mit Anspruch auf Gültigkeit bezeichnet werden. In der frühen Neuzeit beschränkt sich die Definition der Ehe auf die Beschreibung von Nave-Herz. Demnach ist die Ehe „eine durch Sitte und/oder Gesetz anerkannte, auf Dauer angelegte Form gegengeschlechtlicher sexueller Partnerschaft, […] [die] über das Paarverhältnis auf Familie hinweist.“3 Das Thema Ehe in der fiktionalen Literatur ist demnach als literarische Darstellung eines kulturellen Codes, die allerdings selbst eigenen Einflüssen wie beispielsweise Gattungstraditionen, Motivtraditionen und Ästhetik unterstehen, zu verstehen. Für eine Rezeption von literarisch codierten kulturellen Codes ist es nötig, zunächst die kulturellen Codes zu kennen, welche diesen zu Grunde liegen, aber auch die literarischen Codes, die aufgrund des fiktionalen Dispositivs nicht mit diesen gleichzusetzen sind, zu kennen. So kann beispielweise eine möglicherweise existente körperliche Beziehung zwischen Moncha und Barthé darauf hinweisen, dass im zu Grunde gelegten Code der Ehe eine monogame Ausgestaltung nicht zwangsläufig gegeben sein muss. Diskurse bezeichnen nach Foucault „Wissensausschnitte […] deren Grenzen durch Regulierungen dessen, was sagbar ist, was gesagt werden muss und was nicht gesagt werden kann, gebildet sind.“4 Der Liebesdiskurs und der Ehediskurs unterliegen demnach auch staatlichen, wie kirchlichen und sozialen Interessen, bekannte Mittel zur Eindämmung von Sexualität beispielsweise sind Verbote oder Ausschließungen.

2.1. Die römisch-katholische Ehe

Das römisch-katholische Eherecht ist als Kapitel im 1055-1665 erstellten Codex Iuris Canonici geregelt. „Konkret ist nach Can. 1096 „erforderlich, dass die Eheschließenden zumindest nicht in Unkenntnis darüber sind, dass die Ehe eine zwischen einem Mann und einer Frau auf Dauer angelegte Gemeinschaft ist, darauf hingeordnet, durch geschlechtliches Zusammenwirken Nachkommenschaft zu zeugen.“5 Heute wird die Ehe von der katholischen Kirche ebenfalls als eine sich aus der Natur des Menschen ergebende Institution aufgefasst, deren Charakter sich aus der personalen Liebe zwischen Mann und Frau ergibt. Die römisch-katholische Kirche unterscheidet zwischen der sakramentalen Ehe deren Ehebund im Rahmen einer liturgischen Feier verkündet werden muss und der natürlichen Ehe. Neben der Voraussetzung der Erfüllung der Formnormen, wie konfessioneller Angehörigkeit beider Brautleute, muss zur Anerkennung der Gültigkeit der Ehe der Wille zur Vereinigung von beiden geäußert werden und außerdem von Zeugen erfragt und bestätigt werden. Hierfür ist der Terminus Ehekonsens vorgesehen. Bei der sakramentalen Ehe wird sich durch die Eheschließung das sogenannte Ehesakrament, als ein Sakrament von insgesamt sieben des römisch-katholischen Glaubens, von den Brautleuten gegenseitig übergeben beziehungsweise gespendet. Seit dem Zweiten Lateralkonzil 1139 wird die Ehe als Sakrament aufgefasst und mittels des Konzil von Trient 1547 im Kampf gegen die Reformatoren bestätigt. Die wesentlichen Attribute der Ehe sind zum einen die Einheit, das heißt die gegenseitige Treue, das Zusammenleben in Monogamie und Heterosexualität, und zum anderen die Unauflösbarkeit. Nach dem mündlichen und schriftlichen Eheversprechen, als Ausdruck des Ehewillens, sollte sich nach römisch-katholisch Verständnis der körperliche Vollzug anschließen, welcher erst durch den sexuellen Akt (consummatum) zu einer gültigen Ehe (matrimonium ratum) führen kann. Die Ehelehre des Katonisten Gratiant unterschied mit der Kopulationstheorie in Decretum Gratiani 1140 infolgedessen zwischen begonnener Ehe (matrimonium initarum) und beschlossener Ehe (matrimonium ratum) und wendete sich somit gegen die Konsenstheorie von Petrus Lombardus, Ivon von Chartres und Innozenz III, welche ausschließlich die Zustimmung beider Brautleute als Kriterium für die Gültigkeit der Ehe heranzogen. Die moderne Annahme, dass es sich bei der nicht vollzogenen Ehe dennoch um eine sakrale Form der Ehe handele, und diese demnach nur vom Papst selbst aufgelöst werden könne, setzte sich durch den Papst Roland Bandinelli im 12. Jahrhundert durch. Das im europäischen Kulturkreis Konzept der Josefehe, bei der auf sexuellen Vollzug verzichtet wird, wird demnach dennoch als sakrale Verbindung wahrgenommen. In den gesammelten Stücken von Bernard Shaw (1991) wird der Aufstand gegen die Ehe als Drama gezeigt, und die Auseinandersetzung mit verschiedenen Wertesystemen verdeutlicht. „Über kaum ein Thema wird mehr Unsinn geredet und gedacht als über die Ehe“.6 Nach Shaw liege die Existenz eines moralischen Ehevertrages der Vorstellung eines anarchischen Zusammenlebens der Geschlechter zugrunde, das vom Staat reguliert und eingeschränkt werden solle. Sobald sich für Mann und Frau Eigentumsfragen und Fragen der Nachkommenschaft stellten, sei das Ehegesetz durch seine gesellschaftlichen Möglichkeiten stärker als das Individuum. Es wird zwischen verschiedenen Arten von Ehe, wie der englischen Zivilehe, der kirchlichen Ehe, der römisch-katholischen Ehe, der Ehe zwischen Geschiedenen, der türkischen Ehe etc. unterschieden. In Clapham wird das Wort Ehe mit „freier Liebe“ übersetzt. Außerdem sind eingeschlossen die kulinische Polygamie oder die mohammedanische Polygamie, welche Kinderehen und Ehen mit mehreren Frauen einschließen. Er spricht vom „Vertrag auf Gedeih und Verderb“, dass dieser nicht einmal von der römisch-katholischen Kirche toleriert sei, da die Möglichkeit der Annullierung durch den Papst bestehe und sieht das Paradigma der unauflösbaren Ehe als akademische Fiktion an. Der Aufstand gegen die Ehe hätte schon zu Anfang des Christentums begonnen und sei mit der heute noch aktuellen Ehelosigkeit der römisch-katholischen Priester als ständiger Protest gegen die Vereinbarkeit von Ehe und höherem Leben zu interpretieren. Die Zivilehe wird von frommen Katholiken im 19. Jahrhundert teilweise als offene Sünde betrachtet.

Die ursprüngliche Auffassung der christlichen Tradition, Geschlechtigkeit sei etwas Obszönes und die unbefleckte Empfängnis der Maria ein wundersames Ereignis meine im umgekehrten Sinne eine Anklage Gottes selbst wegen Unanständigkeit. Das Christentum habe neben dem Kommunismus die Geschlechtslosigkeit zu einem Element der Propaganda erhoben, weil folgende Bedingungen gegeben waren. Zum einen sah das Christentum die Gesellschaft, welche sich der Sinnlichkeit in ihrer Wahrnehmung maßlos hingab, die Entstehung abstoßender Extreme, zum anderen hing man dem Glauben nach, das Geschlecht habe keine Notwendigkeit der Fortpflanzung mehr, da das Ende der Welt bald bevorstehe. So bereiteten sich die Gläubigen um 1000 n. Chr. auf den Tag des Jüngsten Gerichts vor, weswegen die Kirche die christliche Ehe lange verweigerte. Das Geschlecht wurde nicht abgeschafft und die Kirche war gezwungen ihre negative Darstellung der Ehe mit den Attributen unheilvoll, krass und fleischlich, ins Gegenteil umzukehren, sodass diese nun als heiliger Zustand galt, der nur mit dem Segen der Kirche gültig sei. Von da an feiere die Kirche die Ehe, ohne ihre paulinische Lehre vollständig aufzugeben. 7

[...]


1 Vargas LLosa (2009): S. 10-15.

2 Derselbe (2009); ebenda.

3 Beck (2014): S. 17 aus Nave-Herz (2004): S. 24.

4 Derselbe (2014): S. 19 aus Gerhard, Ute u.a.: Diskurs und Diskurstheorien. In: Nünning, Ansgar (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze - Personen - Grundbegriffe. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart/Weimar 2001, S.115.

5 https://de.wikipedia.org/wiki/Kirchliche_Trauung#Sakramentale_Eheschlie.C3.9Fung.

6 Shaw (1991): S. 11.

7 Shaw (1991): S.105.

Excerpt out of 23 pages

Details

Title
Juan Carlos Onetti und die Darstellung der Ehe in "La novia robada"
College
University of Freiburg
Grade
1,3
Author
Year
2017
Pages
23
Catalog Number
V436405
ISBN (eBook)
9783668769069
ISBN (Book)
9783668769076
File size
469 KB
Language
German
Tags
juan, carlos, onetti, darstellung
Quote paper
Carolin Bachmann (Author), 2017, Juan Carlos Onetti und die Darstellung der Ehe in "La novia robada", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436405

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